37. Bergen-Enkheimer-Stadtschreiberrede

Bleiben Sie eigentlich länger in Deutschland?

Von Thomas Rosenlöcher

I. „Wer als Dresdner in der Welt etwas werden will, muss rechtzeitig die Stadt verlassen“, habe ich einmal geschrieben, und da ich nun hier vor Ihnen stehe, meine Damen und Herren, scheint dieser Satz sogar in Erfüllung gegangen. Und das Gre­mium, das hier die Leute auswählt – ich stelle es mir als eine Art Bergen-Enk­hei­mer Zentralkomitee vor – hat die Tatsache, dass ich nun hier vor Ihnen stehe, sogar mit diesem Satz begründet. Da sage nur einer, dass Literatur keinerlei Wirkungen habe.

Der Satz vom Dresdner, der in der Welt etwas werden will, erinnert mich an einen anderen Satz. Mitte der neunziger Jahre, in der Gegend von Köln, habe ich ihn einmal zu hö­ren bekommen. Von einem Mitarbeiter der Adenauer-Stiftung, der dem eigens aus Dresden Herzugeeilten eine Schullesung im Kölner Raum ermöglicht hatte. „Sagen Sie, Herr Rosenlechner“, sagte er zu mir. – Sie sagen immer Rosenlechner, wenn nicht sogar Schlimmeres. Und einer meiner Bergen-Enkheim-Vor­gänger, ein gewisser Gernhardt – ich weiß nicht, ob Ihnen der Name noch geläufig ist – hat mir einmal prophezeit, dass aus mir in der Welt sowieso nichts werden würde. Nicht nur Sandsteindräsdens wegen, das – er ahmte mein Idiom nach! – alles weichmache, was dort aufwüchse. Nein, auch wenn Frankfurt am Main natürlich der günsti­gere Ausgangspunkt für eine Weltkarriere sei – das größte Hindernis wäre mein Name. Kein Mensch könne sich Rosenlöcher merken, geschwei­ge denn, richtig im Ausland ausspre­chen. Er selber habe bei meinem Anblick erst einmal kurbeln müssen, wie der ihm Entgegenkommende eigentlich hieß: Rosenlechner, Schloßendächler oder sogar Dosenlächler? Wer aber schon auf deutsch derart leicht zu verballhornen wäre, müsse etwa im Französischen erst recht mit massiven Verstümmelungen rechnen. Zu schweigen vom Japanischen. Nicht einmal ich selber würde mich auf japanisch wiedererkennen. Picasso müsse man heißen. Auch Einstein sei genial. Gernhardt ginge aber auch.

„Sagen Sie, Herr Rosenlechner“ – sagte also mein Kölner Betreuer – „ bleiben Sie eigentlich länger in Deutschland?“

„Nur zwei, drei Tage“, erwiderte ich. Und er hielt meine Hand und wünschte mir für den Rest der Zeit einen angenehmen Aufenthalt hier bei uns.

II. Ja, meine Damen und Herren, liebe Freunde, Kinder, Enkel – was hätte ich ant­worten sollen? Noch heute wache ich nachts manchmal auf und rede plötzlich philosophisch mit ihm, in meinem besten hochdeutsch, das freilich auch nur ein angebürgerlichtes Sandstein­sächsisch ist: „Welches Deutschland meinen Sie? Das Deutschland, das ich meine, ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Allein in meinem Inneren wohnt es, in meiner Zirbeldrüse, mein Herr!“
Oder ich rede – mitten in der Nacht – gleich mit dem herrlichen Schiller, der bekanntlich ebenfalls nicht richtig hochdeutsch konnte:

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

Oder ich komme dem Mann von der Adenauer Stiftung auf die proletarische Art. Gemäß meiner alten Theorie, dass erst die Vermischung von Hochkultur und plebejischer Drastik, Bür­gerlichkeit und Simplizität, das eigentlich Dresdnerische ausmache. Sogar Schiller, der Dresden bekanntlich als „Wüste der Geister“ bezeichnet hat – Morddrohungen wären die Folge, wenn unsereins Dresden heute als „Wüste der Geister“ bezeichnen würde; so aber ist es ein Schillerzitat! – sogar Schiller also wäre ohne Dresden nie auf die Idee gekommen, „Potzblitz“ auf „Gustel von Blasewitz“ zu reimen. – „Nee mei Gudster“, sage ich also – währenddessen im Fenster schon der Morgen graut – „nee, mei Gudster, wennsch das hier erscht ma hinter mir habb, zisch ich ochnbligglich wieder nach Sibirien ab.“

III. Freilich hätte ich den Mann auch als einen „Rheinischen Separatisten“ bezeichnen kön­nen. Obwohl oder gerade weil er von Adenauers kam. Allerdings hätte ich ihm damit auch ziemlich Unrecht getan, wohlmeinend wie er war. Überhaupt konnte ich ihm für seine Frage nur dankbar sein. Genauer war unser Verhältnis ja gar nicht zu benennen. Und was dem Osten in den letzten zwanzig Jahren kaum als mildernden Umstand angerechnet worden ist, sollte nun nicht der Westen entgelten: Dass wir immer Gefangene der jeweiligen Gegenwart sind. – Nur vom Osten aus konnte man denken, dass der Westen immerzu nur an den Osten dächte, sprich: den Osten über die Jahre hin immer noch für Deutschland hielt, nur weil manchmal jemand bei einer Feierstunde „von unseren Brüdern und Schwestern in der Ostzone“ sprach.

Umgekehrt wusste auch unsereins bald nicht mehr recht, wie das Ding hieß, wo er seine Jahre verbrachte; teils aufmüpfig, teils anpasserisch, teils resignierend. Auch wir im Osten hatten uns manchmal als „Ostzone“ bezeichnet. Doch vom Westen her ließen wir uns trotzdem ungern „Ostzone“ nennen. Denn vom Osten her gesagt, war das Wort Widerstandsleistung. Und vom Westen her gesagt, war es Selbstbestätigung. Ein Mechanismus, der heute noch gilt: Je schlimmer der Osten war, desto besser scheint der Westen. Wer ließe sich nicht immer wieder gern bestätigen, dass er auf der richtigen Seite steht?

Freilich, der Osten hatte nicht umsonst nur diese drei Buchstaben als Namen. Kein einiger­maßen normaler Mensch hat sie jemals in ihrer anmaßenden Bedeutung ausgesprochen. Die Staatsführung allerdings um so häufiger – ein noch in der Erinnerung die Jahre endlos dehnendes Gebetsmüh­len­leiern. Doch wenn ich im Radio Fußball hörte und der Reporter rief: „Deutschland greift an!“ – bin ich auch immer zusammengezuckt. Nicht nur, weil das ziemlich gefährlich klang. Nein, auch weil ich nicht wusste: Meinte der Reporter mich – oder wieder nur die von drüben? Griff ich also auch mit an oder war ich schon wieder der Rus­se? … „Aber Jaschin hält!“

Zugegeben, wenn die von drüben mit „Deutschland“ auch unsereinen meinten, war unsereins gleichfalls verstimmt: „Dieser Alleinvertretungsanspruch“. Noch im Oktober 1989 habe ich zu den vielen in Ost wie in West gehört, die das, was sie damals dachten, heute ebenfalls nicht mehr erwähnen: Nämlich, dass ein ganzes Deutschland in Anbetracht der Weltgeschichte der Welt nicht mehr zumutbar sei.

Nur dumm, sich einen derart noblen Gedanken zu leisten, und dann auch noch auf der falschen Seite zu stehen. Ach, wenn schon nicht die Schwaben und Hessen, so hätten doch wenigstens einmal die Bayern mit zum Osten gehören können. Zumal der sogenannte Sozialismus mit einem gelegentlichen „Grüß Gott“ gewiss sogar ein klein wenig bekömmlicher gewesen wäre.

Ja, erst in der neueren Zeit gab mir ein Freund zu verstehen, dass es einen Unterschied gäbe zwischen Nationalismus und Nationalbewusstsein. Und hätte er das früher gesagt, wäre vielleicht manches leichter gewesen. Falls ich das früher schon hätte verstehen wollen.

IV. Meine Damen und Herren, liebe Freunde, Kinder, Enkel. Darf ich noch ein, zwei Gedichte vorlesen? Die Frage ist heuchlerisch. Da Sie mir ohnehin kaum noch entkommen können. Die Folge wäre ja eine Massenpanik. „Schreiben sie außer Gedichten auch etwas Richtiges, Herr Rosenlechner?“ ist eine ebenfalls immer wieder gern gehörte Frage. Und wirklich: Wenn Gedichte kaum zählen, zählt das für Gedichte kaum. Je weniger wir sie brauchen, desto mehr brauchen wir sie. Indem uns Gedichte fragen, was wir eigentlich brau­chen. – „Heimweh“ heißt das Gedicht, das ich Ihnen vorlesen will. Ein Gedicht, das „Heim­weh“ heißt, ist ein Gedicht von früher. Gedichte, die von früher sind, dürfen „Heimweh“ sagen. Wogegen Gedichte von heute das Wort besser umgehen sollten. Zu oft wurde schon „Heimweh“ gesagt, daher müssen die Gedichte von früher auch für uns heute mit „Heimweh“ sagen. Denn gänzlich ausgestorben ist es noch immer nicht, das Heimweh meine ich. – Zumindest Richard und Jakob, meine Enkel, die auch irgendwo in diesem Zelt sitzen müssen … ja, da unten hocken sie … echte Westenkel, sage ich Ihnen, eigens aus dem Hessischen, aus Bensheim, herübergekommen … doch, doch, meine Damen und Herren, auch meine Familie hat sich unterdessen bis nach Deutschland vermehrt … zumindest Richard und Jakob also wissen noch, was Heim­weh ist. Immer, wenn sie ein­mal etwas länger in Sachsen sind, stellt es sich abermals ein. Trotz hervorragender Groß­mutter, vom Großvater abgesehen. Ein Großvater, der sich übrigens nach wie vor als Ostgroßvater bezeich­net, weil er auf Unterschie­de pocht. Der Mensch, liebe Enkel, muss auf der Welt Heimweh haben, um zu erfahren, woher er kommt.

Heimweh

Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
Den ich weiter von der Liebsten mache;
Mein Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt ins Land,
Hier deucht mir alles unbekannt,
Sogar die Blumen am Bache!
Hat jede Sache
So fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
Armer Knabe, komm bei mir vorüber,
Siehst auch hier Vergissmeinnicht!
– Ja, die sind schön an jedem Ort,
Aber nicht wie dort.
Fort, nur fort!
Die Augen gehn mir über!

Hier wird noch zu Fuß gegangen! Doch schon die Schrittgeschwindigkeit gilt als Geschwin­digkeitsüberschreitung: „Anders wird die Welt mit jedem Schritt“. – Zwar mag es früher sogenannte Vergissmeinnicht an jeder Ecke gegeben haben; ungefähr wie heute Autos – doch ähnlich wie allein das eigene Auto als Besonderheit erscheint, während alle anderen Autos als Allerweltsautos daherkommen, sind in diesen Versen einzig die heimi­schen Vergiss­meinnicht echt. Wer aber die heimischen Vergissmeinnicht zum Mittelpunkt der Welt erklärt, muss als Regionalist bezeichnet werden. Nicht umsonst ist Mörike…Sie ahnten oder wussten, dass dieses Gedicht von Mörike war…nicht umsonst ist Mörike kaum über sein Ländle hinaus­gekommen. Insofern war auch er Separatist, und dazu noch ein schwä­bischer. Und wenn er nicht zu griesgrämig war – Regionalisten sind manchmal griesgrämig, wie meine Enkel vom Großvater wissen – vermochte er mit den Dingen zu sprechen; und manchmal sprachen die Dinge zu ihm. Und an fast jedem Ort, an dem er war – lauter Vikariats-, Pfarr­ver­weser­stellen und sonstige geistige Überlebensversuche – ist er tatsächlich gewesen. Eben indem er – Haupt­arbeit des Dichters – Erlebtes im Wort erlebbar, sprich: erinnerbar gemacht hat: Die sich bei einem Sommerregen öffnenden Fenster des Marktplatzes von Bad Mergentheim. In Cleversulzbach eine Buche: die Hand, die sie fällen würde, hat er im Voraus verflucht. Von der Hand keine weitere Nachricht, der Stumpf ist noch heute zu sehen. – Dies auch in Richtung Kaputtgart gesagt, wo sich in diesen Tagen unsere Brüder und Schwestern aus Schwaben so tapfer gegen weiteres Kaputtmachen wehren. Und wenn es wieder vergebens sein sollte: wir wehren uns auch um unsertwillen; meine Damen und Herren!

Im nächsten Gedicht fährt man ohnehin Auto, es muss also neueren Datums sein. Und weil ich mich jetzt als Verfasser entlarven muss, darf ich vielleicht auch noch anmerken, dass diese Verse auf frühe Bemühungen zurückgehen, nach dem denkwürdigen Jahr 1989 anstatt erst einmal nach Deutschland zu fahren, gleich über Deutschland hinauszukommen:

Die Frankreichfahrt

ch saß in meinem Garten. Ein Baum stand neben mir,
da wir im Wechsel knarrten, ich bleibe hier bei dir.
Bis um das Haus ein Auto kam und quäkend hupend rief:
Ans Meer, ans Meer, nach Frankreich. Ich tat, als ob ich schlief.
Doch aufklappten die Türen. Zum Baum sprach ich: bis bald.
Aufheulten die Motoren. Schon war ich angeschnallt.
Und tiefer neigte sich der Baum herab im Schwefellicht
und wackelte mit jedem Blatt. Ich wendete mich nicht.
Schloss abermals die Augen im Straßenrandgegrins
der herrschenden Reklamen für Bier und Pfefferminz.
Und als ich wieder aufsah, kam andrer Baumbestand,
einer hinter dem andern, armfuchtelnd angerannt,
und bäumte sich groß vor mir auf, eh er entlang am Rand
ohnmächtig auf der Stelle trat und hinterrücks verschwand,
samt Weinberg und Gebirge und großer Städte Rauch,
der Tachometer zeigte den Horizontverbrauch.
Denn sich im Überwinden und Fahren-lassen-hin
selbst immer vorzufinden: Das war des Fahrens Sinn.
Bis eine Stadt Dijon hieß. Ich saß und trank Kaffee,
den eine Frau mir brachte, die nannte mich Monsieur.
Ob ich das Meer sah? Weiß nicht. Es wich vor mir zurück.
Ein riesenhaftes Gähnen im Büchsen-Flaschen-Schlick.
Doch schlug im Schlaf am Rand aufbrandend der Verkehr
mir nachts noch an die Schläfe. So hörte ich das Meer.
Und sah in Stein die Sünder mit eingeknickten Knien,
nackten Beinlein und Brüstlein, staunend zur Hölle ziehn.
Stand, schattenlos im grellen Licht, Buch unterm Arm, davor.
12 Millionen Engel verbrannt im Auspuffrohr.
Für den Besitz der Ferne. Dafür sah hinterm Haus
der Baum, kaum fuhrn wir hupend vor, wie jeder andre aus.

Ja, auch vor Ihnen steht ein Separatist, und nun auch noch ein sächsischer. Ohne regionalen Starrsinn keine Gegenwehr gegen Nivellierung. Einander erschreckend ähnlich sind wir ohnehin. Und was mein Sandsteindräsden betrifft, so hatte ich schon gedacht, dass Eigenheit und Schönheit eben nicht bloß Anlass zu Selbstbestätigung sein sollten, sondern ein Zukunfts­auftrag. Gerade in dem Moment, da Dresdens Bürgerlichkeit allenthalben entdeckt und gerühmt worden ist, habe ich ihr Scheitern erlebt. Lokaler Stolz ist bei näherem Hinsehn meist auch nur örtlicher Dünkel. Und die dortige Ober­­­­bürgermeisterin hat natürlich für eine Mehrheit gesprochen, wenn sie anlässlich der Aberken­nung des Welterbetitels meinte, dass wir in Dräsden ohnehin Welterbe seien.

Insofern bin ich ganz froh, diese Stadt mit ihren barocken Fälschungen ein­mal hinter mir zu lassen, um in der Welt etwas zu werden. Doch auch wenn sich erweisen sollte, was sich natürlich immer erweist, nämlich, dass wir in der Welt eigentlich nie etwas werden: Auch ich muss manchmal Heimweh haben, um zu erfahren, woher ich komme. Der Hesse, lese ich, habe 1995 pro Kopf und Jahr 13 Liter Apfelwein getrunken. Mittlerweile seien es leider nur noch 8 Liter pro Nase! Wenigstens auf diesem Feld müsste doch etwas zu machen sein. – Jedenfalls danke ich Ihnen, liebe Bergen-Enkhei­mer, für die hiesige Pfarrverweserstelle. Wie auch für die Möglichkeit, einmal länger als drei Tage hier bei uns in Deutschland zu bleiben.

erstellt am 13.8.2011

Thomas Rosenlöcher

Thomas Rosenlöcher bei einer Lesung in der Europäischen Schule Frankfurt.
Foto: Andrea Pollmeier