Buchkritik

»Ist ja Kunst das Buch«

Von Raimund Fellinger

Nein, um Kunst, um Malerei, Theater und Romane, geht es im zweiten Band des Briefwechsels zwischen Einar Schleef und seiner Mutter Gertrud Schleef nicht, allenfalls am Rande. Auch als Zeitdokument, das den Niederschlag politischer und sozialer Ereignisse im Alltag festhält, ist diese Korrespondenz nicht zu lesen. Wer, mit der üblichen Erwartung an Privatbriefe, hofft, hier werde das Allerinnerste von Mutter und Sohn und ihrer Beziehung öffentlich, wird enttäuscht. Wer neugierig diese teils handschriftlichen, teils maschinenschriftlichen Kurz- und Langmitteilungen durchforstet auf der Suche nach Selbstkommentaren des nach und nach reüssierenden Roman- und Theaterautors, Bühnenbildners und Fotografen, dem gelingen nur ganz selten Funde.

Der zweite Band des Briefwechsels zwischen Gertrud und Einar Schleef – der erste, den Zeitraum zwischen 1963 und 1976 abdeckend, erschien 2009 zum 100. Geburtstag von Gertrud – setzt nach der Übersiedlung Einars im Oktober 1976 in den Westen ein. Es ist ein Brief der Mutter vom 10. September 1977 an den Sohn, der zur Umgehung der Postzensur die Anrede „Lieber Wilhelm“ (so hieß der verstorbene Vater) trägt.

Diese Wiederaufnahme des schriftlichen Kontakts über die Grenze hinweg liest sich als spiegelbildliche Verkehrung der Korrespondenz der beiden, als sie noch in der DDR lebten: Seit dem Wegzug des Sohnes aus Sangerhausen sorgte sich die Mutter ausgiebig um das Wohlergehen ihres Sohnes, der ihrer Befürchtung nach in der Ostberliner Fremde allen möglichen Gefahren ausgesetzt war. Sie achtete darauf, daß er ihr regelmäßig die schmutzige Wäsche zum Waschen schickte, in nicht zu großen Abständen schriftliche Auskünfte über sein Tun und Lassen nach Hause sandte, die Geburtstage in der Familie nicht vergaß, kurz: Sie wollte den Jungen nicht aus Augen und Obhut verlieren. Das mündete in Vorwürfe und Gegenvorwürfe, tat der Beziehung jedoch keinen Abbruch.

Der zweite Band des Briefwechsels zeigt, wie Einar Schleef, nachdem er auf der anderen Seite der Grenze lebt, gegenüber der 1909 Geborenen nun seinerseits in die Mutterrolle schlüpft. Seine Briefe an sie sind gespickt mit Mahnungen, Vorschlägen, Aufforderungen, Vorhaltungen, Kritik. Er verlangt von ihr, bloß nicht zuviel zu tun, mahnt sie, strikt auf ihre Gesundheit zu achten, sich bei der Hilfe für Bekannte nicht zu übernehmen, er weiß genau, wann sie bei wem einen Antrag auf Ausreise stellen soll.

Spärlich fallen dagegen die Auskünfte des Sohns über die eigene Lebenssituation, die Bekanntschaften und künstlerischen Arbeiten aus. Politische Ereignisse werden nicht der knappsten Randbemerkung gewürdigt. Aussagen über das eigene Tun stellen eine Rarität dar und sind von unüberbietbarer Abstraktheit („ich arbeite, es gibt fast keine andere Lösung […]. Die Arbeit wie einen Wall gegen die anderen schieben“ – 2. Mai 1980). Private Mitteilungen zur Person entfallen demonstrativ: „2 Monate verloren durch eine private Unklarheit nur mit mir jetzt, jetzt arbeite ich aber wieder.“ (3. Oktober 1980) Was soll die Empfängerin mit solcher Nicht-Mitteilung anfangen?
Die deutschsprachigen Gegenden und die von dort aus erreichbaren Länder sind in den Briefen Einar Schleefs gespenstisch, weil völlig unbevölkert, einzelne, mit Ausnahmen, die zu zählen man nicht einmal eine Hand benötigt, sind nur gestaltlose potentielle Gegner.

Deutlich wird der Mutter (und dem Leser) höchstens, daß Schleef sich im Westen eingesperrt fühlt, wie er nach dem Betrachten der Mauer vom Westen aus in den Osten vermeldet. Er glaubt, man würde ihn, als DDR-Flüchtling, mit niedrigen Stipendien und zweitklassigen Literaturpreisen abspeisen. Dabei, so zeigen die Briefe, fühlt er sich in der Tat als DDR-Flüchtling, dem die „Sitten und Gebräuche der Westlinge” fremd sind.

Aus diesem Grund sind ihm die Briefe aus Sangerhausen überlebensnotwendig, fordert er die Mutter ununterbrochen auf, ihm zu schreiben: „freue mich über jeden Brief, will auch von dir wissen, was los ist. fühle mich sonst zu abgeschnitten!!!!!!!!“ (26. Juli 1978)

Einar Schleef schlüpft noch in einer zweiten Mission in die Rolle seiner Mutter: Er arbeitet, kurz nach seiner Übersiedlung, an einem Roman mit dem Titel Gertrud, in dem er Leben und Erleben seiner Mutter aus deren Perspektive niederschreibt. Deshalb auch drängt er sie in fast jedem Brief, alles schriftlich zu fixieren, an das sie sich erinnert, aus ihrem eigenen Leben ebenso wie dem ihrer Eltern und Großeltern und dem seines Vaters, was ihr widerfahren ist und was ihr widerfährt, was sich in Sangerhausen ereignet hat und ereignet, wie sich die Situation in der Zeit der DDR verändert.

Und die Mutter läßt sich auf die vom Sohn gestellte Aufgabe ein: Sie schreibt lange Briefe über die Familiengeschichte, die Geschichte von Sangerhausen und die alltäglichen Aufregungen in der Stadt und ihrer Umgebung. So nahmen, der Energie von Gertrud Schleef ist es zu verdanken, Erzählungen von ungeheurer Eindringlichkeit Form an: Ihre Plastizität resultiert aus dem direkten Erzählen, hier ist keine künstlerische Darstellungsabsicht am Werk (es kann nicht unerwähnt bleiben: Im Alter fängt die Mutter an zu malen, ahmt also ihren Jungen nach), die Vorurteile der Erzählerin sind offenkundig, was ihre Person wie das Erzählte in deutliche Perspektive rückt. In solcher subjektiv-dokumentarischen Wiedergabe eines Frauenlebens und der privaten wie gesellschaftlichen Umstände im 20. Jahrhundert liegt das Außerordentliche der Briefe der Gertrud Schleef.

Diese Erzählungen zugänglich gemacht zu haben, ist das Verdienst der Herausgeber Susan Todd und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Diesem Lob hat die Kritik an der Edition und ihrer Kommentierung sogleich zu folgen: Es ist ein mühsames Geschäft, sämtliche Zusammenhänge der Brieferzählungen nachzuverfolgen, detektivisches Gespür ist erforderlich, und ein wenig mehr Dienst am Kunden, und anders ist Herausgeberschaft nicht zu verstehen, hätte der Ausgabe einen leser-, sprich: menschenfreundlicheren Auftritt verschafft.

Der Aufforderung des Sohnes im hier wiedergegeben Brief vom 26. November 1980, Kommentare und Korrekturen zum 1980 erschienen Roman Gertrud zu schicken, ist sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1993 nicht nachgekommen. Denn wie schrieb der Sohn am 2. Februar 1981 an die Mutter: „Ist ja Kunst das Buch.“

Ihre Briefe sind keine Kunst im Sinne des Romans, sie sind Kunst aus eigenem Recht und im eigenen Raum – Kommentare ihrer Autorin über den Autor des Romans waren demnach deplaziert.

erstellt am 13.8.2011

Einen Brief von Einar Schleef an seine Mutter vom 26. 11. 80 lesen Sie: hier

Einar-Schleef-Archiv

Zeichnung von Einar Schleef aus dem Band © Einar-Schleef-Archiv, Akademie der Künste, Berlin

Einar Schleef mit Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Einar Schleef (rechts), hier mit dem Herausgeber des Briefwechsels Hans-Ulrich Müller-Schwefe, früher dramaturgischer Berater Schleefs
Foto: Andreas Pohlmann

Briefwechsel 2 (1977-1990)
Gertrud Schleef / Einar Schleef
Herausgegeben von Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Susan Todd
Broschur mit 346 Seiten
Format: 160 × 234 mm
Theater der Zeit, Berlin 2011
Buch bestellen