Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Thomas Rosenlöcher

Thomas Rosenlöcher vor der Wand, an der die Stadtschreiber von Bergen verewigt werden.

Faust-Gespräch

»Ich bin immer ein ›Randstädt’‹ gewesen«

Rückblick auf die Zeit als Stadtschreiber in Bergen

Das Jahr als Stadtschreiber in Bergen-Enkheim geht in wenigen Tagen zu Ende. Was hat dieser Preis für Sie bedeutet? Passen die Erwartungen des Anfangs mit dem Erlebten zusammen?

Als Schriftsteller fragt man sich immer: Wie komme ich über das nächste Jahr? Mit dem Preis war plötzlich das Jahr gerettet. Als „diensthabender Dresdener“ hatte ich mich in Dresden sehr engagiert und war gerade an einem Punkt, an dem meine Wanderjahre beginnen sollten. Insofern kam mir auch der Ortswechsel entgegen. Frankfurt ist ein Kontrast zu Dresden, diesem Kontrast wollte ich mich aussetzen.

Wie gut haben Sie sich in Bergen-Enkheim eingelebt?

Ich bin immer ein „Randstädt’“ gewesen. In Dresden lebe ich in Kleinzschachwitz, das idyllisch gegenüber einem Weinhang gelegen ist. So eine ähnliche Situation hatte ich jetzt wieder in Bergen. Ich bin der Stadt zwar nahe, kann aber auch 300 m von meinem Stadtschreiberhäusel entfernt durch Apfelbaumwiesen wandern.

Dennoch sprechen Sie von einem Kontrast, den Sie zwischen Frankfurt und Dresden wahrgenommen haben.

Die Apfelbaumwiesen stehen im Kontrast zu dieser zersiedelten Stadt und zu den Türmen, die nachts durch die Apfelbäume durchschimmern, so dass man die Blüten manchmal gar nicht mehr sieht. Interessant ist, ob sich die Türme gegen die Blüten behaupteten können. Manchmal war es umgedreht, da waren die Blüten schöner. Solche Kontraste interessieren mich. Es gibt hier beispielsweise eine Asphaltstraße, die auf den ersten Blick etwas trist wirkt. Immer wieder sieht man hier Jogger, an den Straßenecken stehen Stühle mit Hinweisen, die zum Lesen auffordern. Und hier lesen dann wirklich Leute. Ich finde dieses Beschriften und Benennen zwar kurios, auch dieses Vorgeben, (lacht), gleichzeitig wird die Umgebung intensiv genutzt, man spürt eine Art Lebensgenuss und angenehme Bürgerlichkeit

Ist die Naturnähe für Ihr dichterisches Schaffen wesentlich?

Ja, nur Städter würde ich wohl kaum sein können. Ich suche den Kontrast, diese Spannungen machen mich produktiv. Das reine Idyll gibt es ja gar nicht mehr, selbst wenn man es sieht, weiß man, es ist bedroht.

Wie haben Sie zu den Menschen in Bergen-Enkheim und Frankfurt Kontakt gefunden?

Am Anfang war mein Tor oft zugeschlossen, einfach, weil ich auch arbeiten wollte – das ist ein ständiger Konflikt. Ich bin zwar ein offener Mensch, der alles kennenlernen will, zugleich möchte ich aber mein Leben auf Papier festhalten. Ich muss nach Worten suchen und auf Leben verzichten. Dieser Verzicht, dieses Sitzen und Suchen, ist jedoch auch eine eigene Art des Lebens. Der Konflikt ist zwar schmerzhaft, doch wenn er gelingt, spüre ich, dass ich doch gelebt habe.

Wie viel Zeit haben sie vor Ort verbracht und auch geschrieben?

Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, bis zu der Zeit, in der die Bäume wieder Blätter tragen, durchgängig zu bleiben. Jetzt bin ich sogar noch länger hier, inzwischen singen ja längst die Vögel.

Hat sich dieser Rückzug produktiv ausgewirkt?

Ich schreibe immer langsam, habe aber neu ansetzen können und wieder Gedichte geschrieben. Hier habe ich es geschafft, Prosa und Lyrik nebeneinander schreiben zu können, ich teile den Tag und habe das Gefühl, er ist doppelt so lang.

Habe Sie diese Inspiration mitgebracht oder ist sie durch den Aufenthalt in Bergen-Enkheim entstanden?

Beides, die Handlung der Prosa – eine Art Wanderbuch – liegt lange zurück, weit im Osten und hat mit hier gar nichts zu tun. So ist es beim Schreiben manchmal von Vorteil, einen Kontrast zu dem Ort zu haben, an dem man lebt. Ich war jetzt zum Beispiel eine Woche in meinem Erzgebirgshaus und habe dort ein Gedicht über Frankfurt entworfen. Komischerweise ist mir dieses Mich-mal-Rausnehmen aus meiner gewohnten Umgebung dienlich gewesen, ich habe mehr Gelassenheit gefunden und mir gesagt, es kommt auf ein Jahr nicht an, auch nicht auf zwei. Man lebt als Autor ohnehin wie die Vögel, sie säen und ernten nicht (lachend) und essen aber doch.

Ein solcher Literaturpreis ist also aus Ihrer Sicht äußerst sinnvoll?

Das Schöne an Bergen-Enkheim ist, man wird nicht gezwungen hier zu sein, ich bin wirklich freiwillig vor Ort. Eine zentrale Frage ist, wie kann sich ein Autor seine Freiheit bewahren? Der Beruf des Schriftstellers zählt noch zu den wenigen freien Berufen, die nicht von anderen abhängig sind. Wenn man diese Fördersysteme der Literaturpreise nicht mehr hätte, müssten sich Autoren in Abhängigkeit begeben. Die Nachteile, die hierdurch entstehen, wären aus meiner Sicht jedoch größer, als der mögliche Nutzen. Etwas Existenzangst gehört zwar immer zum Schreiben und auch zum Leben dazu, so gut sind wir aber alle nicht gebettet, dass Förderpreise überflüssig wären. Ein Preis ist ja schnell aufgebraucht, die Mühle geht immer weiter, Existenzangst ist einem also nicht gleich durch die Preise genommen, und so bleibt ein materieller Antrieb zum Schreiben immer bestehen.

Mit Thomas Rosenlöcher sprach Andrea Pollmeier

Höre auch: Thomas Rosenlöcher zu Gast im hr-Kulturfrühstück bei Ulrich Sonnenschein. Quelle: © hr, 06.09.2010

erstellt am 13.8.2011

Die Stadtschreiberrede von Thomas Rosenlöcher lesen Sie hier

»Ich muss nach Worten suchen und auf Leben verzichten. Dieser Verzicht , dieses Sitzen und Suchen, ist jedoch auch eine eigene Art des Lebens.«

»Man lebt als Autor ohnehin wie die Vögel, sie säen und ernten nicht und essen aber doch.«

Als Orgelmusik-Liebhaber zeigte sich Thomas Rosenlöcher in seiner letzten Lesung als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Zusammen mit Rolf Henry Kunz (Orgel) gestaltete er am 5. August 2011 in der Nikolaus-Kirche den Abend „Lyrik und Orgelmusik“. Die Audiobeiträge aus der Lesung erfolgen mit freundlicher Unterstützung von Rainer Grimm, GRIOLA, dem Förderkreis Orgel und Orgelmusik sowie der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim.

AUDIOBEISPIELE
Thomas Rosenlöcher liest: