Laurel Nakadate wurde als Kind amerikanisch-japanischer Eltern 1975 in Austin, Texas geboren und wuchs in Ames, Iowa auf. Nach ihrem Bachelor of Fine Arts an der School of the Museum of Fine Arts in Boston und der Tufts University im Jahre 1998, schloss sie ihr Studium 2001 mit dem Master of Fine Arts an der Yale University ab.

Im MoMA P.S.1 in New York war unter dem Titel „Only the Lonely“ bis zum 8. August 2011 eine große Retrospektive Nakadates mit Arbeiten der vergangenen 10 Jahre zu sehen. Ihre erste Einzelausstellung in Deutschland war im selben Monat in der Galerie Anita Beckers in Frankfurt am Main. Es folgten weitere in London (Zabludowicz Collection) und in Cambridge („Say You Love Me”, Carpenter Center for the Visual Arts, Harvard University).

Performance, Video, Fotografie

Laurel Nakadate

Von Claudia Olbrych

In den letzten zehn Jahren wurde die amerikanische Künstlerin Laurel Nakadate international bekannt durch ihre provokativen Performances, Videos und Fotografien. In ihren Arbeiten thematisiert Nakadate Macht, Einsamkeit, Sehnsucht, Verführung und Narzissmus, die sie auf spielerische Art und Weise einsetzt. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Künstlerin überwiegend selbst, manchmal begleitet von Laiendarstellern oder weiteren Personen, die in ihr Spiel miteinbezogen werden, sowohl vor als auch hinter der Kamera.

In ihren Performances werden kleine Rituale, Übungen oder Exorzismen durchgeführt und von der Kamera festgehalten. So tanzt Nakadate in der Wüste zur Musik von Bruce Springsteen und filmt sich, bekleidet mit Herzchen-Stulpen, beim Sex mit unsichtbaren Partnern in engen Hotelzimmern. Sie lässt ihre bunten Unterhöschen im Wind flattern, uriniert im Stehen auf einen Bürgersteig, vermutlich eine Reminiszenz an den Film „Der Exorzist“ von 1973, und vor leuchtend blauem Hintergrund wird ein Kaninchen geherzt und immer wieder zärtlich geküsst. Zum nächtlichen Feuerwerk tanzt Nakadate im Stars-and-Stripes-Bikini, posiert in Schulmädchen-Uniform, führt ungelenke Superhelden-Rollenspiele auf oder stellt in freier Natur unterschiedliche Todesarten nach. Stets leicht und aufreizend bekleidet oder gleich nackt, „Cheesecake“-posierend (1) kann sie sich dem Blick des Betrachters sicher sein.

Schon seit über zehn Jahren dokumentiert Nakadate regelmäßig ihre Hausbesuche bei älteren, alleinstehenden Herren, die sie über lokale Kleinanzeigen oder auf der Straße kennen lernt. Diesen fremden Männern folgt sie neugierig und risikobereit nach Hause, um in deren Küchen, Wohn- oder Schlafzimmern zu tanzen, sich von ihnen fesseln zu lassen, auf dem Fußboden zuckend die Besessene zu geben oder sich tot zu stellen. Mit einem albert sie im Garten herum, mit einem anderen spielt sie Fangen am Strand und mit einem weiteren inszeniert sie ein Voyeurismus-Duell: Er darf sie in Unterwäsche malen, während sie ihn dabei filmt. Mit gleich drei der älteren Männern tanzt sie das Musikvideo „Oops!… I did it again“ von Britney Spears nach. Gemeinsam wird der Teufel ausgetrieben und Geburtstag gefeiert, wobei ihr die Hausherren ein Geburtstagsständchen singen müssen, im Anschluss aber auch ein Stück Geburtstagskuchen essen dürfen.

Was sich lustig anhört, hat mit Spaß wenig zu tun. Laurel Nakadate bringt sich in Situationen, die es dem Betrachter unangenehm machen zuzuschauen. Und so sehen zuweilen auch die Gastgeber etwas mitgenommen aus, schaut man sich beispielsweise den auf einem Wäschekorb sitzenden Barry auf der Fotografie zu „Exorcism in January“ (2009) an. Nakadate erklärt: „For me one of the primary motivations at the beginning of this work was going out into the world and meeting strangers. And whether I was meant to be part of their world or not, I just wanted to spend some time there.” (2) Und weiter: „I was interested in asking strangers to care for me and to spend time creating something that would not have existed had we not been in that room together.“ (3) So zeugt auch die Foto-Serie „Lucky Tiger“ (2009), kleinformatige Schnappschüsse, auf denen Nakadate in Pin-up-Posen zu sehen ist, von der Performance. Die Fotos wurden an einige jener Männer ausgehändigt, die nicht von Nakadate gefilmt werden wollten, aber dennoch einen bleibenden Eindruck hinterließen: Die Finger vorher mit Tinte geschwärzt, machen die Fingerabdrücke der männlichen Betrachter quasi deren Blick sichtbar und vervollständigen die Fotoarbeit. Der attraktive Körper der Künstlerin wird geschickt als Köder eingesetzt und obwohl Nakadate den Ton angibt, weiß keiner so recht, wie die Geschichte endet. Der Deal ist einfach: Für ein wenig Gesellschaft müssen die Herren schon etwas tun. Nakadate wählt bewusst und von Beginn an eine bestimmte Rolle, nämlich die des Opfers und ist tatsächlich doch das genaue Gegenteil. Die Einsamkeit der Männer ist echt.

In dem Video „Good Morning, Sunshine“ (2009) wird Nakadates Lolita-Rolle von drei jungen Mädchen übernommen, in deren Schlafzimmer sie eindringt, um sie beim Aufwachen zu filmen. „Good morning, Sunshine. Time to get up. You’re so pretty, you’re such a pretty girl, you know you’re the prettiest girl? Show me your feet. What’s under your shirt?”, hört man Laurel Nakadate hinter der Kamera säuseln. Ihre Regieanweisungen klingen verführerisch und manipulativ. Nacheinander werden alle drei Mädchen unter ihren Bettdecken hervorgelockt und zum Striptease überredet. Die Prozedur wiederholt sich dreimal und ohne Widerworte folgen die adoleszenten Mädchen schüchtern Nakadates Anweisungen, die mit ihnen spricht, als wären sie noch jünger, als sie ohnehin schon aussehen. Zu einem Mädchen mit Snoopy-Shirt sagt sie: „Make Snoopy go bye-bye“. Obwohl die Szenen mit Laiendarstellerinnen nachgestellt wurden und die Mädchen wissen, dass es sich um ein Spiel handelt, wohin es führt und wo es endet, macht sich beim Betrachter ein gewisses Unbehagen breit.

Bei einer weiteren großen Serie, den großformatigen Farbfotografien der Arbeit „365 Days: A Catalogue of Tears“ (2011) handelt es sich um 365 Selbstportraits der Künstlerin, die sie vor, während oder nach dem Weinen zeigen, und zwar an jedem Tag des Jahres 2010, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Aus manchmal mehr als 80 verschiedenen Fotografien wählte die Künstlerin immer nur eine pro Tag aus und dokumentierte damit eine ein Jahr andauernde Performance. Die Bilder entstanden in ihrem New Yorker Apartment, in ihrem alten Kinderzimmer im Haus ihrer Eltern in Iowa, in Flugzeugen, Zügen und Hotelzimmern oder wo immer sie sich gerade aufhielt. Neben ästhetisch-inszenierter Traurigkeit sieht man hier auch Bilder mit geschwollenen, roten Augen und laufenden Nasen. Inspiriert wurden die Bilder von den tagtäglich hoch und herunter geladenen Fotos auf Seiten von sozialen Netzwerken wie Myspace oder Facebook: „That was the original reason why I started the project – I was looking on Facebook and on other websites and I was seeing how everyone fakes happiness all of them time. I mean, is it really true that all 3.000 of my Facebook friends are happy every day? 'Cause according to their pictures they are! I just thought in direct retaliation against the concept that we should fake our happiness everyday to present the right façade perhaps I’ll deliberately turn the other way and take part in sadness each day and see where that gets me.“ (4) Nakadate selbst bezeichnete die Arbeit als tägliche Übung oder Ritual, sich der Traurigkeit zu widmen und als das bisher schwierigste Projekt: „When I finished the crying performance which ended on December 31st, 2010 an amazing moment for me was realizing that on the last day of the performance I was crying because the performance was ending. It was a grueling performance committing myself to crying everyday for 365 days. It was hard. It was not […] my first choice of things to do in 2010 but I felt once I started the project I had to finish it. There were times in September and October where I was really struggling every day to force myself to do it but I still had to do it in the same way that maybe you don’t want to exercise every day but you need to. So it was this kind of emotional exercise everyday. One of my favorite moments was realizing at the end of the year how close I’d grown to depending on the consistency of that daily performance. As an artist to realize that this project had become larger than I imagined it could be and that it had brought me more comfort than I imagined it could bring me was incredibly satisfying … and that was something I could only learn through the process of doing the performance itself I couldn’t have known it at the onset.“ (5)

Es handelte sich also nicht um Krokodilstränen, sondern um das Zeugnis echter Traurigkeit. Warum sich Nakadate auch auf diesen Fotos überwiegend unbekleidet präsentiert, wird von der Künstlerin nicht erklärt,vi vermutlich handelt es sich dabei aber nicht um bloßen Zufall. Dass die Künstlerin auf das im asiatischen Raum bekannte Weinen als Fetisch anspielt, und ebenso von der dort verbreiteten Vorliebe für Schulmädchen-Uniformen oder der Fixierung auf knappe Unterhöschen weiß, wäre zumindest denkbar.

Nakadate ist die Protagonistin einer erzählerischen Fotografie. Mit ihrer Vorliebe, in die Privatsphäre eines Anderen einzudringen, verbindet sie schon seit vielen Jahren biografische und fiktionale Begebenheiten zu einem emotionalen Gewebe, das den Betrachter mit einbezieht in die Rituale eines immer wieder neu erfundenen Lebens und ihm doch wirkliche Nähe oder gar Vertraulichkeit nie gestattet, erfahren wir doch von der Künstlerin: „I think it’s about 10 percent me and 90 percent fiction. Although I get a lot of ideas from things that have happened in my life, I see the final product as a place where my imagination meets my experience.“ vii Durch die Verschmelzung von Imagination und realem Geschehen, von visuellen Fakten und narrativer Fiktion entgeht Nakadate jeder Repetition des nur biografischen Stoffes und hält sich alle Wege der permanenten Selbsterfindung offen. Nur so gelingt ihr das Spiel zwischen der Authentizität ihrer Erfahrungen und der Leichtigkeit von Rollenspielen, multiplen Identitäten und dem Wechsel von Anwesenheit und Abwesenheit.

Bei den frühen Arbeiten stand die Künstlerin als Protagonistin selbst stets im Mittelpunkt oder es war zumindest ihre Stimme zu hören. Da aber Nakadates Inszenierungen immer umfangreicher wurden und schließlich auch Lolitas älter werden, widmete sie sich als logische Konsequenz in den vergangenen Jahren verstärkt dem Filmemachen und machte mit zwei Videos in Spielfilmlänge auf sich aufmerksam: „Stay the Same Never Change“ (2009), das auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt wurde, und „The Wolf Knife“ (2010), das im Jahre 2010 für den Gotham Award und im Jahre 2011 für den Independent Spirit Award nominiert war. Bild- und Farbqualität sind hier auf höchstem Niveau. Im Gegensatz zu den vorherigen, kürzeren Videoclips, in denen oft spontan gefilmt und ausprobiert wurde, „sitzt“ hier jede Einstellung und erscheint wie eine Aneinanderreihung perfekter Bilder. Viele Filmstills sind von den eigenständigen Fotografien nicht zu unterscheiden, genauso wie man viele Szenen als eigenständige Videoclips Nakadates sehen könnte, obwohl dem Film kein festes Drehbuch zu Grunde lag, oft improvisiert und kaum gesprochen wird. Die eigentliche Handlung lässt sich kaum wiedergeben, doch verwundert es nicht, dass ein paar junge Mädchen auf einige ältere Herren treffen – die Mädchen wurden wieder gecastet, die Herren fanden sich von alleine. Über allem scheint eine nicht definierbare, unausgesprochene Bedrohung in der Luft zu liegen, eine sexuelle Spannung, die sich am Ende von „The Wolf Knife“ zwischen zwei Mädchen entlädt und in einem Kampf endet.

In Nakadates nächstem Film, für den sie gerade das Drehbuch schreibt, sollen nun zum ersten Mal ausgebildete, erwachsene Schauspieler die Hauptrollen spielen, es steht ein größeres Budget als bisher zur Verfügung, eine neue Herausforderung für Laurel Nakadate: „People who love movies love looking at the world. Whether they love looking at the world through the processed lens of a director or whether they love looking at the world in the real world, I’m not really sure. But anybody who likes to look is someone I’m interested in spending time with.” (8) Laurel Nakadate weiß, dass wir ihr zusehen.

(1) Der Begriff „Cheesecake” wird in diesem Zusammenhang oft verwendet und beschreibt die Art und Weise ihrer Selbstdarstellung. Gemeint sind Pin-up-Posen sexuell attraktiver, provokativ gekleideter Frauen, die provokativ, aber nicht obszön sind.
(2) The New York Times, 23.01.2011.
(3) Ayers, Robert: Laurel Nakadate, in: EIKON #74, Mai 2011.
(4) WHITEHOT Magazine, Feb. 2011, Interview mit Sam Mirlesse.
(5) WHITEHOT Magazine, Feb. 2011, Interview mit Sam Mirlesse.
(6) Laut Aussage ihrer New Yorker Galeristin, Leslie Tonkonow, dürfen solche Abbildungen, auf denen die Künstlerin „nackt oder oben ohne“ zu sehen ist, aus „Sicherheitsgründen“ grundsätzlich nicht gezeigt werden. Ebenso wenig dürfen Nakadates Videos ins Internet gestellt werden.
(7) Yau, John: Laurel Nakadate: Only the Lonely, in: The Brooklyn Rail, Mai 2011.
(8) The New York Times, 23.01.2011.

erstellt am 12.8.2011

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Weinende Künstlerin

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Fever Dream with Rabbit, 2009
Filmstill

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Lucky Tiger #174, 2009
C-Print, Tinte
10 × 15 cm

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Lucky Tiger #180, 2009
C-Print, Tinte
10 × 15 cm

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Lucky Tiger #239, 2009
C-Print, Tinte
10 × 15 cm

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Exorcism in January, 2009
C-Print
ca. 75 × 100 cm

Laurel Nakadate

Laurel Nakadate
Stay the Same Never Change (Filmstill), 2009
93 Min.