Jan Volker Röhnert wird als der Flaneur unter den Dichtern der jüngeren Generation beschrieben. Bei seiner Beschäftigung mit Baudelaire, mit der französischen und amerikanischen Moderne und mit Rolf Dieter Brinkmann geht es um Verwandtschaftsbeziehungen. Das Fremdsein und das Staunen sind auch für ihn die Voraussetzungen für ein neues Wahrnehmen der scheinbar bekannten Welt; dessen hingebungsvolle Versprachlichung schönt nicht die Realität, sondern zeichnet die Lebensoberfläche mit einer poetischen Bildwahl, die das Rätselhafte darin aufspürt.

Text und Audio

Jan Volker Röhnert liest

Januar

Du stehst in den Dingen
von der Sonne verwandelt
für einen Moment
oder könntest es sein

auf dem Boden gelandet
die blauen Schatten der Wolken
ziehen darüber hin
alles ist wieder offen

in den Spuren, die dir gelegt
– die du dir gelegt? –; hier:
eine Mähre trabt übers Pflaster
Schweinskopf auf dem Basar

die Luft aus den Thermen im Mittag
des spätrömischen Tals,
Münzsiegel des Kaiserkopfs,
Stiefeltritte im Lehm

südwestwärts treibt Rauch,
wo der Balkan in dunklen Zügen
seine Märchen erzählt – bis
zur Grenze von Schmerzen und Schnee,

den Zigeunerzaren des Mülls,
heiligen Bäumen und Vögeln
im Garten der Wahrsagerin,
das Auge ein Spindelrocken voll Garn

wie ein Telegraphendraht lang
zwischen den Zentren des Kontinents,
daran unser ganzes Gestern hängt –
Gegenwart ist jederzeit Jetzt

auf verschiedenen Fäden
in deiner Hand, die
am Muster von morgen knüpft,
das sie selber nicht kennt,

doch in die sie taucht, die Farben,
die Stoffe, das Ornament,
sind ihr vertraut – auf
deiner Zunge ein Alphabet

(Kjustendil)

Atlas der bulgarischen Gegenwart

Die goldenen Türme der Russenkirche
Die Bleikuppel des Zarenhotels
Ein Kopf aus Proletengranit
Ewige Baustelle inmitten
Gelber Stahl des Schaufelarms
Titan heißt die Müllabfuhr
Kein Titan blickt auf Müll herab
Das Schuhwerk im Schaufenster blitzt
Orangegrelle Intelligenz

Prozession

Diesen Morgen zogen
die Patriarchen aus
Sonne auf dem Tramwaygleis
und die Mädchen waren schön
in den Ecken Hunde
in ihren Pelz gerollt
an den Rändern Schnee gefroren
und in Nebeldunst die Farben
die Drähte klirrten und das Glockenspiel
ein kleines Wunder
eine Spur von Blattgold
auf dem Straßenteer

Mnogo schum sa nischto

Die Händler packen ihre Kisten aus
Chiquita Pappkartons vom Regen durchgeweicht
mit Souvenirs Ikonen Antikschmuck
Der Pförtner im Wachhäuschen notiert etwas
Es könnten, stell dir vor, Gedichte sein
Ein Brief an die Tochter in Amerika
Das Testament
Das Silbenrätsel
Letzter Wille
Schlusswort im Gebet
Viel Lärm um nichts
Entweder zu früh oder zu spät ist es
durch das Augensieb den Tag zu filtern
bei schütterkaltem Nordostwind
du zählst die Sekunden mit
bis zum grünen Ampellicht
und jetzt kannst du auf der andren Seite
dich weiter auf die Sohlen
machen nach der Sonne
die wie Sofía in »Sofia«
im Sonntag stecken muss

Grandhotel Bulgaria

Vor dem Zarenschloss das Trottoir
Laufsteg schlanker Mädchenbeine

nachts die Drähte ihrer Musikknöpfe
leuchten weiß wie Kettenschmuck

erstellt am 12.8.2011