Schopenhauer – 75. Todestag 2010

Schopenhauer als Finanzberater

Von Otto A. Böhmer

Die Finanzkrise, die vor einiger Zeit, nicht ganz unverschuldet, über uns gekommen ist, hätte Schopenhauer zum Anlass genommen, einmal mehr als Philosoph aufzutreten, der nicht nur über Gott und die Welt Bescheid weiß, sondern auch Fachmann für Vermögensfragen ist. Schopenhauer verstand sich darauf, sein Geld zusammenzuhalten und so geschickt anzulegen, dass es ordentlich Zinsen abwarf. Vor Fehleinschätzungen war man allerdings auch damals nicht sicher: 1826 scheint sich Schopenhauer verspekuliert zu haben, denn er berichtet seinem französischen Jugendfreund Anthime Grégoire: „Ich würde sogar bequem leben, aber unglücklicherweise habe ich einen Fehler begangen, indem ich eine beträchtliche Summe in Mexikanischen Fonds angelegt habe … Mein vermindertes Einkommen genügt noch für ein Leben als Junggeselle, in möblierten Zimmern, mit Essen an der Table d’hôte, alles ohne Luxus, aber anständig; ich habe das Notwendige und nichts weiter.“ In Wahrheit hatte Schopenhauer stets mehr als das Notwendige. Im Verlauf seines überaus selbstbewusst absolvierten Lebens gelang es ihm, trotz des mexikanischen Fehltritts, das väterliche Erbe fast zu verdoppeln. Er starb wohlhabend, rechnete aber bis zuletzt mit dem Schlimmsten, das er vor allem in seinen Mitmenschen verkörpert sah, denen er nicht über den Weg traute: „Der Mensch ist im Grunde ein wildes entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt; daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloss und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist.“ Vor dem mühsam zivilisierten Tier Mensch muss der Mensch auf der Hut sein, besonders dann, wenn er Philosoph ist und Schopenhauer heißt. Um es den Gaunern, die überall lauern, nicht unnötig leicht zu machen, entwickelte Schopenhauer mit den Jahren ein hauseigenes Sicherheitssystem, das er für ähnlich durchdacht hielt wie seine Philosophie. Schopenhauers Testamentsvollstrecker Wilhelm Gwinner berichtet: „Seine Wertsachen hielt er dergestalt versteckt, dass trotz der lateinisch gegebenen Anweisung, die sein Testament dazu gab, einzelnes nur mit Mühe zu finden war. Keine Aufzeichnung, die sein Vermögen, seine häusliche Ökonomie und seine sonstigen Privatangelegenheiten betraf, vertraute er der Landessprache an; er führte sein Rechnungsbuch seit seiner Rückkehr aus Italien englisch und bediente sich bei wichtigen Geschäftsnotizen des Lateinischen und Griechischen. Um sich vor Dieben zu schützen, wählte er täuschende Aufschriften, verwahrte seine Wertpapiere als ‚Arcana medica’ (Geheimmittel), die Zinsabschnitte besonders, in alten Briefen und Notenheften, und Goldstücke als Notpfennig unter dem Tintenfasse im Schreibpult.“

Schopenhauer wusste den Wert seines vom Vater geerbten Vermögens zu schätzen. Es erwies sich, neben der Philosophie, die er sich ausgedacht hatte und die er verteidigte, auch wenn keine Angreifer in Sicht waren, als die eigentliche Konstante seines Lebens. Auf sie konnte er bauen: „Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle; nicht als eine Erlaubnis oder gar Verpflichtung, die Pläsiers der Welt heranzuschaffen. Leute, die von Hause aus kein Vermögen haben, aber endlich in die Lage kommen, durch ihre Talente, welcher Art sie auch seien, viel zu verdienen, geraten fast immer in die Einbildung, ihr Talent sei das bleibende Kapital und der Gewinn dadurch die Zinsen. Leute, welche ererbtes Vermögen besitzen“ hingegen, „wissen … sogleich ganz richtig, was das Kapital und was die Zinsen sind. Die meisten werden daher jenes sicherzustellen suchen, keinesfalls es angreifen, ja womöglich ein Achtel der Zinsen zurücklegen, künftigen Stockungen zu begegnen. Sie bleiben daher meisten im Wohlstande …“

Vermögen zu haben ist von Vorteil, und zwar in allen Lebenslagen. Wer sich um seine Existenzsicherung keine Sorgen machen mus, hat den Kopf frei für andere Dinge. Schopenhauer, als Hochschullehrer gescheitert und lange Jahre ein nahezu unbekannter Autor, konnte für die Philosophie leben, weil er sich finanziell abgesichert wußte. Er zog daraus den kühnen Schluß, dass sich nicht nur seine Philosophie, sondern auch seine persönliche Lebenssituation als beispielgebend begreifen ließ: „Von Hause aus so viel zu besitzen, daß man in wahrer Unabhängigkeit, d.h. ohne zu arbeiten, bequem leben kann, ist ein unschätzbarer Vorzug. Nur unter dieser Begünstigung des Schicksals ist man eigentlich als ein wahrer Freier geboren: Denn nur so ist man Herr seiner Zeit und seiner Kräfte und darf jeden Morgen sagen: ‚Der Tag ist mein’. Seinen höchsten Wert aber erlangt das Vermögen, wenn es dem zugefallen ist, der mit geistigen Kräften höherer Art ausgestattet, Bestrebungen verfolgt, die sich mit dem Erwerbe nicht wohl vertragen.“ Bei dieser Beschreibung hatte Schopenhauer den einzigen Menschen vor Augen, der ihm wirklich nahe stand, nämlich Schopenhauer. Er tat etwas für sein Geld, fand er; sein Leben diente der allgemeinen Wertschöpfung, ja glich einem „Monodrama“ zur „Beförderung der Wahrheit an das Menschengeschlecht“. Und so konnte er, ohne den Anflug eines Zweifels, von sich behaupten: „Der Natur und dem Rechte des Menschen entgegen habe ich meine Kräfte dem Dienste meiner Person und der Förderung meines Wohlseins entziehen müssen, um sie dem Dienste der Menschheit zu schenken.“ Tatsächlich hat er wohl beiden gedient, seinem Wohlsein und der Menschheit.
1819 bekam Schopenhauer Gelegenheit, seinen philosophisch-ökonomischen Sachverstand einer praktischen Bewährungsprobe zu unterziehen. Es galt eine Finanzkrise zu bestehen, die keine globalen Ausmaße hatte, ihn aber persönlich empfindlich zu treffen drohte. Im März 1818 hatte er sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung abgeschlossen, das Anfang 1819 bei Brockhaus in Leipzig erschien. Die Drucklegung seines Buches wollte er nicht abwarten; im September 1818 brach er zu seiner ersten Italienreise auf. Im Juni 1819 , als er sich schon auf der Rückreise befand, erreichte ihn in Mailand ein alarmierender Brief seiner Schwester Adele. Sie teilte ihm mit, dass das Danziger Bankhaus Muhl & Co, dem die Mutter ihr gesamtes Vermögen und Arthur mehr als ein Drittel seiner Kapitalien anvertraut hatte, in Zahlungsschwierigkeiten geraten war. Muhl ersuchte seine Gläubiger stillzuhalten und verwies auf die Möglichkeit eines Vergleichs; ohne eine solche Übereinkunft, ließ der Bankier verlauten, drohe der endgültige Konkurs seines Hauses. Schopenhauer war empört und misstrauisch zugleich, er weigerte sich, dem Vergleich beizutreten. Auch die inständigen Bitten seiner Schwester, die in dem Vergleich die Rettung für das Vermögen der Mutter sah, von dem auch sie lebte, konnten ihn nicht umstimmen. Der Philosoph, dessen Gesamtvermögen sich damals auf mehr als 22000 Taler belief, die etwa 1540 Taler Zinsen abwarfen, blieb stur. Er hielt es für angebracht, das Problem auszusitzen. Muhls Vorschläge, ihn abzufinden, lehnte er allesamt ab. Er bestand auf der vollen Auszahlung seiner Forderungen. Sein mit Ingrimm betriebenes Kalkül bestand darin, dass der Bankier, der als gewiefter Taktiker galt, sich in einem Vergleich sanieren musste und wieder zahlungsfähig würde. Schopenhauer hätte dann erneut seinen Wechsel präsentieren können und wäre zur Gänze ausbezahlt worden. Muhl zog alle Register seines Könnens. Er bot erst dreißig Prozent der geforderten Summe, dann fünfzig und siebzig; sogar mit einer Schafherde, die noch in seinem Besitz war und als Zugabe dienen sollte, versuchte er seinen hartnäckigsten Gläubiger geneigter zu stimmen. Schopenhauer ging auf Muhls Ausführungen mit boshafter Liebenswürdigkeit ein, ohne dem Bankier auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Am 28. Februar 1820 schrieb er an Muhl: „Euer Wohlgeboren geschenktes Zutrauen ist mir als solches heilig. Ich werde mich [aber] jetzt gegen Sie mit der größten Freimütigkeit und ohne allen Rückhalt erklären, damit Sie auch einmal wissen, wie Sie mit mir daran sind [und] sich nicht fruchtlos bemühen mit ähnlichen Anerbietungen wie die letzte. Meine Wechsel sind perennierend, also mein Recht unauslöschlich. Für die Frist wachsen die Zinsen, die auf den Wechseln stehen. Sie sind jetzt so glücklich, mit dreißig Prozent eine ungeheure Schuldenlast abzuwälzen. Ich melde mich nicht, kündige nicht meine Wechsel: Jene ganze Verhandlung geht mich nichts an. Ein Weiser sieht gelassen den Vogel Phönix verbrennen; denn er weiß, daß er verjüngt wieder auferstehen wird.“ Muhl ließ nicht locker. Am 1. Mai 1821 beschied ihn der Philosoph: „Sollten Sie also doch noch Zahlungsunfähigkeit vorschützen wollen, so werde ich Ihnen das Gegenteil beweisen durch die famose Schlussart, welche der große Kant in die Philosophie eingeführt, um damit die moralische Freiheit des Menschen zu beweisen, nämlich den Schluss vom Sollen aufs Können. Das heißt: Zahlen Sie nicht gutwillig, so wird der Wechsel eingeklagt.“ Auch die Schafherde, die der Bankier ins Gespräch gebracht hatte, blieb nicht unerwähnt: „Nach allem diesem werden Sie wohl nicht mehr erwarten, dass ich auf Ihre Vorschläge eingehe. Ich habe solche nach Ihrem Wunsch hinlänglich überlegt und durchdacht, finde aber, dass, wenn ich mich dazu verstände, ich selbst ein Merinoschaf sein müsste, würdig, unter Ihren Herden zu weiden. Sie sprechen mir von Sicherheit, aber Sie zeigen mir keine: Ich kenne keine andere Sicherheit als gute Hypotheken, und hätten Sie die, könnten Sie leicht Geld darauf erhalten und mich damit loswerden.“ Schließlich trat ein, was Schopenhauer erhofft hatte: Muhl wurde wieder zahlungsfähig und musste den Forderungen des Philosophen entsprechen, der sich selbst zu seinem Erfolg beglückwünschte und einen Satz zu Papier brachte, der, weil er vielseitig anwendbar ist, eine gewisse Bekanntheit erlangte: „Sie sehen, dass man wohl ein Philosoph sein kann, ohne deshalb ein Narr zu sein.“

Solange sich Spekulanten, Finanzzocker und Bereicherungsbanker austoben dürfen, hängt die Welt am Geld. Schopenhauer hatte damit kein Problem: Geld stinkt nicht, es ist das Schmiermittel, das die Gesellschaft in Gang hält. Nur wer Geld hat, kann es sich leisten, sich etwas zu leisten: „Dass die Wünsche der Menschen hauptsächlich aufs Geld gerichtet sind und sie dieses über alles lieben, wird ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Jedoch ist es natürlich, wohl gar unvermeidlich, das zu lieben, was als ein unermüdlicher Proteus jeden Augenblick bereit ist, sich in den jedesmaligen Gegenstand unserer wandelbaren Wünsche und mannigfaltigen Bedürfnisse zu verwandeln. Jedes andere Gut nämlich kann nur einem Wunsch, einem Bedürfnis genügen: Speisen sind bloß gut für den Hungrigen, Wein für den Gesunden, Arznei für den Kranken, ein Pelz für den Winter, Weiber für die Jugend usw. Sie sind folglich alle nur relativ gut. Geld allein ist das absolut Gute: weil es nicht bloß einem Bedürfnis in concreto begegnet, sondern dem Bedürfnis überhaupt, in abstracto.“

Otto A. Böhmer
(Auszug aus seinem Buch: Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit)
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erstellt am 09.8.2010

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer. Illustration von Alfred Schüssler

Selbstanzeige

Auskünfte Schopenhauers in eigener Sache

„Ich bin kein Vielschreiber, kein Kompendienfabrikant, kein Honorarverdiener, keiner, der mit seinen Schriften nach dem Beifall eines Ministers zielt – mit einem Worte, keiner, dessen Feder unter dem Einfluss persönlicher Zwecke steht: ich strebe nichts an als die Wahrheit und schreibe, wie die Alten schrieben, in der alleinigen Absicht, meine Gedanken der Aufbewahrung zu übergeben, damit sie einst denen zugute kommen, die ihnen nachzudenken und sie zu schätzen verstehn. Ebendaher habe ich nur weniges, dieses aber mit Bedacht und in weiten Zwischenräumen geschrieben.“

„Als den eigentümlichen Charakter meines Philosophierens darf ich anführen, dass ich überall den Dingen auf den Grund zu kommen suche, indem ich nicht ablasse, sie bis auf das letzte real Gegebene zu verfolgen. – Dieserwegen wird man einst (natürlich nicht, solange ich lebe) erkennen, dass die Behandlung desselben Gegenstandes von irgendeinem früheren Philosophen, gegen die meinige gehalten, flach erscheint. Daher hat die Menschheit manches, was sie nie vergessen wird, von mir gelernt und werden meine Schriften nicht untergehn.“

*„Meine Schriften * tragen das Gepräge der Redlichkeit und Offenheit – stets findet man mich auf dem Standpunkt der Reflexion, d.h. der vernünftigen Besinnung und redlichen Mitteilung, niemals auf dem der Inspiration, genannt intellektuelle Anschauung oder auch absolutes Denken, beim rechten Namen jedoch Windbeutelei und Scharlatanerei.“

„Meine Philosophie unternimmt nicht, zu erklären, wie es zu einer Welt, wie diese ist, hat kommen können, sondern bloß, uns darin zu orientieren.“

„Mich haben nicht die Bücher, sondern die Welt hat mich befruchtet.“

„Meine Philosophie ist tief; sie ist aber auch hoch: Das sollten Sie nicht vergessen.“

„Tüchtige, plumpe, von Ministern aufgepuffte, brav Unsinn schmierende Scharlatane, ohne Geist und ohne Verdienst, das ist’s, was den Deutschen gehört; nicht Männer wie ich.“

„Sie haben das Ding an sich nicht zu suchen in Wolkenkuckucksheim – sondern in den Dingen dieser Welt, – also im Tisch, daran Sie schreiben, im Stuhl unter Ihrem Wertesten.“

„Wenn ich suche mir vorstellig zu machen, dass ich vor einem individuellen Wesen stände, zu dem ich sagte: ‚Mein Schöpfer! Ich bin einst nichts gewesen; du aber hast mich hervorgebracht, so dass ich jetzt etwas, und zwar ich bin’ – und dann noch: ‚Ich danke dir für diese Wohltat’ – und am Ende gar: ‚Wenn ich am Ende nichts getaugt habe, so ist das meine Schuld’ – so muss ich gestehn, dass infolge philosophischer und indischer Studien mein Kopf unfähig geworden ist, einen solchen Gedanken auszuhalten.“

„Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin. Da werde ich wohl wieder vernehmen müssen, meine Philosophie sei trostlos – eben nur weil ich nach der Wahrheit rede, die Leute aber hören wollen, Gott der Herr habe alles wohlgemacht. Geht in die Kirche und lasst die Philosophen in Ruhe! Wenigstens verlangt nicht, dass sie ihre Lehre eurer Abrichtung gemäß einrichten sollen: das tun die Lumpen, die Philosophaster; bei denen könnt ihr euch Lehren nach Belieben bestellen.“

„Bei Anwandlungen von Unzufriedenheit bedenke ich stets, was es heißt, dass ein Mensch, wie ich, sein ganzes Leben der Ausbildung seiner Anlagen und seinem angeborenen Berufe leben kann, und wie viele Tausende gegen eins waren, dass das nicht anging und ich sehr unglücklich geworden wäre. Wenn ich zu Zeiten mich unglücklich gefühlt, so ist dies mehr nur vermöge einer méprise, eines Irrtums in der Person geschehen; ich habe mich dann für einen andern gehalten als ich bin, und nur dessen Jammer beklagt: z.B. für einen Privatdozenten, der nicht Professor wird und keine Zuhörer hat, oder für einen, von dem dieser Philister [Spießbürger] schlecht redet und jene Kaffeeschwester klatscht, oder für den Beklagten in jenem Injurienprozesse, oder für den Liebhaber, den jenes Mädchen, auf das er kapriziert ist, nicht erhören will, oder für den Patienten, der seine Krankheit zu Hause hält, oder für andere ähnliche Personen, die an ähnlichen Miseren laborieren: das alles bin ich nicht gewesen, das alles ist fremder Stoff, aus dem höchstens der Rock gemacht gewesen ist, den ich eine Weile getragen und dann gegen einen andern abgelegt habe. Wer aber bin ich denn? Der, welcher die Welt als Wille und Vorstellung geschrieben und vom großen Problem des Daseins eine Lösung gegeben, welche vielleicht die bisherigen antiquieren, jedenfalls aber die Denker der kommenden Jahrhunderte beschäftigen wird. Der bin ich, und was könnte den anfechten in den Jahren, die er noch zu atmen hat?“

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