Jim Rakete, am 1. Januar 1951 in Berlin geboren, betreute als Manager und Produzent Künstler und Bands (Nina Hagen, Nena, Spliff, Interzone, Sternhagel, Morgenrot, Die Ärzte), und als Fotograf hat er zahlreiche Größen der deutschen und internationalen Musik- und Filmbranche porträtiert. Der digitalen Fotografie steht er ablehnend gegenüber und hält weiterhin der klassischen chemisch-analogen Technik die Treue. Für Rakete hat die Digitalfotografie nichts mit Realität zu tun, sondern mehr mit Konstruktion, wenn am Computer Fotos nachbearbeitet werden. Julia Mantel führte mit Jim Rakete einen E-Mail-Dialog anlässlich seiner Ausstellung „1/8 sec. – Vertraute Fremde“, mit der er vor zwei Jahren schon einmal im Frankfurter Filmmuseum zu Gast war.

Zehn Fragen an einen Ausnahmefotografen

Jim Rakete und die Achtelsekunde

Herr Rakete, Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie am besten arbeiten, wenn Sie von einem Thema „überfordert“ sind. Was „überfordert“ Sie an der vorwiegend jungen deutschen Schauspielerszene, die Sie für „1/8 sec. – Vertraute Fremde“ porträtiert haben?

Beim „1/8-sec.“-Projekt bestand die Schwierigkeit darin, die Menschen zu einer Konzentration auf die Kamera zu verleiten, die für eine so lange Verschlusszeit geboten ist. Tatsächlich hatten die etwas älteren Porträtierten damit weniger Schwierigkeiten als die jungen.

Sie haben für Ihr neues Buch bzw. für die aktuelle Ausstellung mit einer alten Plattenkamera gearbeitet. Wie kam es zu diesem durchaus konservativen Entschluss?

Es ist mein etwas sentimentales Abschiedsprojekt an die Silber/Analogfotografie. Fotografie an sich ist konservativ als Vorgang (Kathi Thalbach sprach in einem Interview von den Fotos als eine „Art Konserven, die von einem bleiben“). Für mich ist es eine Chance, die Gegenwart wie eine etwas entfernte Vergangenheit zu betrachten.

Sie haben für Ihr neues Buch bzw. für die aktuelle Ausstellung mit einer alten Plattenkamera gearbeitet. Wie kam es zu diesem durchaus konservativen Entschluss?

Es ist mein etwas sentimentales Abschiedsprojekt an die Silber/Analogfotografie. Fotografie an sich ist konservativ als Vorgang (Kathi Thalbach sprach in einem Interview von den Fotos als eine „Art Konserven, die von einem bleiben“). Für mich ist es eine Chance, die Gegenwart wie eine etwas entfernte Vergangenheit zu betrachten.

Sie betonen immer wieder das Bedauern über das Aussterben der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie. Wie lange können Sie als „Überlebender“ noch damit weitermachen?

Das muss ich nehmen, wie’s kommt. Noch gibt’s Film.

Verraten Sie eine herausstechende Begegnung, einen herausragenden Augenblick während der Aufnahmen für das „1/8-sec.“-Projekt?

Der Boxer Valuev ist so unvorstellbar groß, dass ich eine Leiter brauchte, um mit ihm auf Augenhöhe zu gelangen. Das hatte ich bis dato noch nicht.

Ihre Porträtsitzungen dauern durchschnittlich bis zu 20 Minuten. Die Mediengesellschaft diktiert ein immer schnelleres Tempo. Merkt man das auch den zu porträtierenden Gesichtern an?

Der Zeitdruck lastet wirklich auf allen – und deshalb ist er ein Vorteil für alle, die ihn nicht haben. Aber Tatsache ist, dass die herausragenden Leute unter immensem Zeitdruck stehen, und wer das nicht akzeptieren kann, wird es sehr schwer haben mit ihnen.

Was können Sie der heranwachsenden fotografierenden Generation raten, die doch in eine immense Bilderflut hineingeboren wurde? Mit Ihrem Stil versuchen Sie augenscheinlich Dinge zu vereinfachen. Wird das weiterhin die beste Methode sein, um „auf den Punkt zu kommen“?

Wie stets bei gutem Stil – das Unwesentliche weglassen.

Sie schätzen viele Ihrer Kollegen: Anton Corbijn, James Nachtway, Barbara Klemm, Will McBride. Gibt es noch jemanden, der Sie inspirieren bzw. auch beeinflussen könnte?

Gerade komme ich zurück von einem Abstecher nach Paris, wo ich mir die wunderbaren Ausstellungen von Avedon und Leibovitz angeschaut habe. Besonders Avedon ist ein klares Beispiel für die Konzentration aufs Wesentliche – in den letzten Jahren hat er nur noch so fotografiert, und seine Ergebnisse sind beeindruckend.

Sie leben nach einigen Abstechern wieder in Berlin. Wer oder was inspiriert Sie dort?

Der Zusammenstoß von Vergangenheit und Zukunft – keine Stadt bildet den so ab wie Berlin.

Sie haben ja sehr eng mit den Vertretern der Neuen Deutschen Welle zusammengearbeitet. Da hat es mich verwundert, zu lesen, dass Sie eigentlich mit deren Musik gar nicht so viel anfangen konnten. Hat es Sie mehr gereizt, einfach DABEI und ein Drahtzieher zu sein? Oder hat es sich einfach so ergeben, und Sie haben das Tohuwabohu in der „Fabrik“, Ihrer Kreuzberger Fotoagentur, genossen?

Da muss ich mich missverständlich ausgedrückt haben. Ich fand die Musik der Bands, die ich damals managen durfte, sehr spannend. Die Neue Deutsche Welle, die etwas später kam, die hat mich nicht so beeindruckt – das war dann eher so ein Oberbegriff für etwas, was sich auch nicht lange gehalten hat. Mir gefiel der Moment davor so gut – als die Rockmusik plötzlich wieder von der deutschen Sprache erobert wurde, und was das mit der Sprache machte. Über das „Tohuwabohu“ mag ich mich nicht beschweren – das war ja damals ein Teil von mir.

Eine letzte Frage: Pflegen Sie noch Kontakt zu Nena oder beispielsweise Nina Hagen? Wenn nicht, verfolgen Sie ihre momentanen Karrieren?

Auf jeden Fall! Mir wird’s nie egal sein, wie’s den beiden geht.

Jim Rakete schickte Julia Mantel nach dem Interview noch eine abschließende Notiz: „Vielleicht sollte man noch mal ganz klarstellen, dass da ein Kapitel der Knipserei zugeschlagen wird – das authentische. Und das werden wir auch mit anderen Techniken nicht mehr zurückholen, weil nun jeder weiß, wie man Bilder fälscht. Für mich war das ein wichtiges Abschiedsprojekt, weil ich der Fotografie so wunderbare Begegnungen und Chancen verdanke. Ob das junge Fotografen noch so bekommen werden? – Glaube ich kaum.“

Das Buch „1/8 sec. – Vertraute Fremde“ ist im Verlag Schirmer/Mosel erschienen

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erstellt am 12.8.2011

Fotos von Jim Rakete aus seiner aktuellen Ausstellung:

14. August – 5. Februar 2012
Jim Rakete: Stand der Dinge
100 Porträts für das Deutsche Filmmuseum
Schaumainkai 41, Frankfurt am Main

Deutsches Filmmuseum

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