Glücklicherweise gibt es keine Traumsammler und keine Traumpolizei, auch keine politisch korrekte Phantasie, die gegen die Tradition der absurden Erzählung, Kurzerzählung oder Aphoristik in Stellung gebracht werden könnte. Mit einer »Handvoll Wörter« von Guido Rohm setzt Faust-Kultur die Folge der kurzweiligen Abschweifungen fort.

Kurze Geschichten in loser Folge

Eine Handvoll Wörter von Guido Rohm

23.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Gewartet. Im Dreivierteltakt gewartet. Dabei geatmet. Nie das Atmen vergessen, sagte meine Mutter. Sie führte es mir vor. “Sieh hin, Sohn! Man atmet ein, man atmet aus, ein, aus, aus …” Und schon war sie durcheinander gekommen. Jetzt ein verspäteter Kaffee, während ich an einem Gedicht von Trakl lutsche. Schmeckt nicht. Abends werden wir uns etwas ansehen. Vielleicht die Donauwelle, die wir noch Kühlschrank liegen haben.

Aus meinem Tagebuch

Nüsse geknackt, später unaufhaltsam geschlafen. Träumte den Kopf leer. Stand gegen Morgen auf, dem Abend zustrebend. Schreibtischmanieren auf dem Prüfstand. Spiele mit einem Gedanken. Einer ist zu wenig. Sollten mindestens zwei bis drei sein. Kaffeeschürze umgebunden. Jetzt Tagesgeschäft.

22.4.2014

Nudelhuber schwitzte. Er schob das schwere Holzgestell, darauf eine Auswahl seiner Lieblingsbücher zu finden war, durch den dichten Qualm der Gewehr- und Kanonenschüsse. Ständig stolperte er über die Leichen junger Männer. Leser waren hier leider keine mehr auszumachen. Ob er es beim Feind versuchen sollte? Vernahm er ein Stöhnen, suchte er nach deren Quelle, denn auch ein Sterbender könnte das Bedürfnis nach Lektüre haben.
“Ich … ich …”
“Sprechen Sie nicht”, sagte Nudelhuber und reichte einem von etwa neun Kugeln getroffenen Knaben eine Ausgabe von Schillers Gedichten.
“Die … nicht …”
“Nietzsche?”
“Bloß … nicht …”
Nudelhuber sah sich verzweifelt um. Er hatte sich seine Arbeit etwas leichter vorgestellt.

Aus “Feldbibliothekar Nudelhuber”, Roman, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

Nachösterlich schritt ich an diesem Morgen durch die Autorenwohnung. Ich zählte meine Schritte und dachte darüber nach, dass man Schritte so achtlos vergeudete. Müssten sie nicht sorgsamer gesetzt werden? Man sollte keinen Schritt machen, ohne sich nicht zuvor darüber im Klaren zu sein, warum man ihn verschwendet. Die Vision einer kommenden Welt befiel mich, in der es Kriege um Schritte geben wird. Aber wie wären die Schritte zu lagern, die man erbeutet? Es gab keine Vorkommen, sondern einzig die gesetzten und noch zu setzenden Schritte, von denen niemand wusste, wann und wo sie ausgeführt würden. Eine wahnsinng komplexes Thema, das sicherlich einer tieferen Untersuchung bedarf. Schüttelte den Kopf über mich, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, denn auch das Schütteln von Köpfen wurde bisher nicht als neue Energiequelle entdeckt. Würde man entrüstete Menschen mit einer Batterie verbinden, sie könnten diese aufladen bzw. aufschütteln. Ich sollte das alles notieren, bevor es mit den Strömungen meiner nächsten Gedanken fortgetragen wird.

21.4.2014

Der Soldat wollte gerade anlegen, da erschien neben ihm die Gestalt des Feldbibliothekars Alfred Nudelhuber.
“Was wollen Sie, Nudelhuber?”
“Ich hätte hier eine wunderbare Ausgabe von Goethes Gedichten.”
“Sie sehen doch, dass wir uns mitten in einem Gefecht befinden.”
“Die Gedichte könnten Ihnen eine kommende Waffenruhe versüßen.”
Eine Kugel streifte des Soldaten Schulter. “Ich bin getroffen”, ächzte er und fiel nach hinten in den Schlamm.
“Vielleicht jetzt?”, fragte Nudelhuber, der sich über ihn beugte. “Ich müsste Ihnen allerdings einen Leihausweis ausstellen, sollten Sie über einen solchen noch nicht verfügen.”

Aus “Feldbibliothekar Nudelhuber”, Roman, vergriffen

Als ich am Morgen aufstand, saß Holmes bereits auf dem Klo. Er schien völlig weggetreten, der Fall um den Müßiggänger im Apfelbaum schien ihn noch zu beschäftigten. Den ganzen Tag und die ganze Nacht saß er dort, so dass ich es mir am zweiten Tag erlaubte, sorgenreich dreinzublicken.
“Holmes”, sagte ich, “Sie sitzen nun bereits seit gestern auf dem Klo. Sollte ich mir Sorgen machen?”
Keine Reaktion. Stocksteif hockte er da, bis plötzlich ein zartes Platsch zu vernehmen war.
“Alles gut”, sagte Holmes und reinigte sein Hinterteil mit diversen Chemikalien, die wir sonst zur Rattenjagd verwendeten. Er zündete sich noch auf dem Weg in unser gemeinsames Arbeitszimmer eine Pfeife an, die er genüsslich vor dem Fenster rauchte. “Alles gut”, murmelte er.

Aus “Sherlock Holmes gewinnt immer”, Roman

Aus meinem Tagebuch

Ich habe nicht gut geschlafen, sondern böse. “Du hast dabei ausgesehen wie verschiedene Serienmörder”, sagte meine Frau. “Das wird schon wieder”, beruhigte ich sie. “Das ist ein altes Leiden. Manchmal schlafe ich böse. Dann kommt der Gestaltwandler in mir durch.” Sie nickte und packte die Kinder zur Seite. “Sprecht nicht mit euren Vater, der ein Gestaltwandler ist. Es kann sein, dass er in wenigen Minuten zu einem ganz anderen Wesen wird.” “Nein, nein”, beruhigte ich die verängstigten Kinder. “Seht ihr!”, schrie Renata, “jetzt hat er sich in einen Verleumder verwandelt.” Kopfschüttelnd schlurfte ich in die Küche. Ostern, dachte ich, verändert die Leute. Sie drehen alle ein wenig durch. Draußen verendeten die letzten Hasen, die im Zuge der Osterhasenkriege ihr Leben lassen mussten.

20.4.2014

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
“In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei”, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
“Fast! Es ist gelb”, sagte ich. “Wie machen Sie das nur, Holmes?”
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
“Die nächsten Eier”, überlegte er, “befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.”
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus “Sherlock Holmes und die Osterhasenbande”

Aus meinem Tagebuch

Ostersonntag. Überall sind Hasen beim Verteilen von bemalten Eiern zu sehen. Aufgeregt laufen sie über die Straßen. Manche werden überfahren. Der Rettungshubschrauber kreist seit Stunden über dem Viertel, kann sich aber nicht entscheiden, wen er retten soll. Es kommt zu Kämpfen zwischen verfeindeten Osterhasenbanden. Schüsse hallen, verwirren aber nicht die Kinder, die derlei seit Jahren gewöhnt sind. Wer in Gegenden zieht, in denen Osterhasengangs das Sagen haben, muss sich nicht wundern. Wir beobachten alles von unserem Geschützturm aus. Eben jagen sich zwei Hasen. Der Hase, der verfolgt wird, stolpert. Sein Gegner kennt keine Gnade und eliminiert ihn an Ort und Stelle. Ostern ist ein Blutbad, das seinesgleichen sucht.

Eines Tages sagte Holmes: “Es regnet!”
“Wie kommen Sie darauf?”
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus “Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken”, Roman

19.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Gestern waren wir Essen. Mit Teilen meiner Familie. Es war merkwürdig mit den Glasbehältern, in denen Arme oder Beine schwammen, an einem Tisch zu sitzen. Trotzdem war es lustig. Wir schwangen Tante Luises lustiges Tanzbein, auch wenn es etwas tropfte. Es wurde viel getrunken und gelacht. Die Stimmung war ausgelassen, wie Butter in einer heißen Pfanne. Ein altes Fuldaer Sprichwort. Gegen Mitternacht machten wir uns auf den Heimweg. Wir lagen auf ihm und stöhnten in der Hoffnung, irgendwann anzukommen, aber nichts tat sich, er wollte und wollte sich nicht bewegen, bis wir schließlich doch selbst liefen.

18.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Es ist ein Kreuz mit dem Karfreitag. Mein Leidensweg führte mich hinaus auf die im Innenhof eines Nachbarn liegende Gästetoilette, war unsere doch besetzt. Aufgeregt wie ein geköpftes Huhn sprang ich, gackernd, man müsse mir Platz machen. Endlich angekommen, riss ich meine Hose in den staubigen Boden hinab, mich bei einem Glas Wein, einer Zigarre und der Lektüre des Monats (“Indigo” von Clemens J. Setz) erleichternd, während mein Nachbar aufgeregt an die Tür hämmerte und mich darauf hinwies, dass das nicht mein Gästeklo sei, sondern alleine seins. Seins-Gründe, ja aus ihnen besteht die Welt; niemand will mehr verschenken, jeder pocht darauf, dies und dies ist meins, so dass aus den Seins-Gründen Meins-Gründe werden, die in der Philosophie bisher noch viel zu wenig untersucht wurden. Nicht mal Klopapier gab es, so dass ich den Setz, er möge mir verzeihen, zum Einsatz brachte. Das Buch ließ ich liegen. Nicht meins, dachte ich. Ein negativer Meins-Grund, wie wir Schüler der “Dämonologie des Deins” dies nennen.

Noch, meine lieben Freunde, ist es nicht zu spät:

3 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen

1. Ich hätte es mit meinem Partner (Mann/Frau/Kuh/Loch in der Betonwand/Gummipuppe/Hand) mehr machen sollen, vor allem an Orten, die “schärfen”, wie man sagt, so etwa in einer Kirche, einem Salzbergwerk oder einer Pfeffermühle.

2. Ich hätte keinen Rettich oder Spinat essen sollen. Auch hätte ich weniger Wasser, dafür mehr Alkohol trinken sollen.

3. Meine Frisur. Die sah echt scheiße aus.

17.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Gründonnerstag. Wir feiern diesen Tag ja nicht (direkt), sind wir doch praktizierende Satanisten. Gerade heute suhlten wir uns in Eselsblut, von dem wir behaupten, es entstamme einem göttlichen Esel. Ist nicht so, aber das macht den Kohl nicht fett. Anschließend nutzten wir Oblaten, um sie uns im Garten als Frisbee zuzuwerfen. Später wird noch darüber nachgedacht, eine Jungfrau zu schänden. Wir tun das nicht wirklich. Die Zeiten sind nicht danach. Wir Satanisten werden ja leider seit Jahrhunderten verfolgt. Warum kann man uns und unsere Gefühle nicht einfach respektieren?

16.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Wir werden heute nach Frankfurt fahren, tief hinein in die dunkle Metropole, um uns dort diverse Ausstellungen anzusehen. Stellungen gab es im Krieg ja viele, etwa die “Rasch-rasch-gleich-kommt-der-Feind-Stellung”. Sex, auch wenn der Gegner vor der Tür steht, ist ein Wagnis, das man eingehen kann, weiß man, welche Stellung einzunehmen ist. Der Koitus muss z.B. im Halbstandlauf vollzogen werden, d.h. halb steht man, halb läuft man. Alles sehr kompliziert, aber wir werden die verschiedenen Stellungen unter die Lupe nehmen, die über einer jeden Stellung angebracht ist. (Ausstellungen bezeichnen jene Stellungen, die hierzulande vor dem Aussterben bedroht sind, weil sie in unseren Breitengraden zum Glück kaum bis gar nicht mehr gepflegt werden müssen.) Unsere Tochter Clementine (Name wurde geändert) kann bei diesem Ausflug viel für die Schule lernen. Wie sah es mit der “Stellung 99” aus, von der bei Luftangriffen abgeraten wurde? Wie kam man auf die Stellung “Affe hängt am Baum der Erkenntnis”? Wie kam es zu dem Begriff “Stellungskrieg”? Ja, ein lehrreicher Tag liegt vor uns.

15.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Das Wetter ist merkwürdig schlecht gelaunt. Grummelig, könnte man sagen. Nachdem man mich gestern den ganzen Tag im Bett umhergetragen hat, habe ich heute beschlossen, meine Füße zu benutzen. Ein ungewohntes Gefühl. Ich denke nicht, dass Füße dazu geschaffen wurden, um auf ihnen zu laufen, eher dazu, dass man auf den Zehen kleine Melodien spielt. Oder um sie auszustrecken. Ich müsste dringend an meinem kommenden Bestseller arbeiten. Neben mir steht eine Schale mit Kaffee. Die Zigaretten sind angezündet. Im Grunde könnte es losgehen. Ich überlege. “Ich brauche einen großen Einstiegssatz!”, rufe ich. Renata reagiert nicht. “Komm schon!” – “Du nervst!” – “Oh ja, ein guter Satz!” Und schon notiere ich den ersten Satz meines kommenden Bestsellers: Du nervst! Und jetzt? “Ein zweiter Satz. Ich benötige einen zweiten!” – “Du nervst immer noch!” Wow! Ich denke, der Rest wird sich von ganz allein schreiben.

14.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe Rückenschmerzen. Ich kann kaum noch laufen, deshalb unterlasse ich es auch. Stattdessen muss die Familie mit anpacken. Sie tragen mich im Bett durch die Wohnung. “Links, rechts!”, schreie ich. Die Treppen machen ihnen enorme Schwierigkeiten. “Passt nur auf eure Rücken auf”, warne ich sie. “Ruckzuck ist der Rücken kaputt und dann müssen wir professionelle Bettträger engagieren, die ein Haufen Geld kosten.” Ich stelle mir kichernd vor, wie wir alle in unseren Betten durchs Haus getragen werden. Renata im Bett vor dem Herd, wie sie mit einem langstieligen Rührlöffel die Soße vermengt. Nur mit dem Rauchen muss ich aufpassen. Es sind schon eine Menge Leute in ihren Betten verbrannt.

Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort. Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: “Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.” Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von “Unglaublich!” und “Was?” und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm “Der Exorzist”. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

“Oh, bist du neu hier?”, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

“Fick dich!”, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

“Hör zu, mein Bruder”, sagt Waldemar. “Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!”

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem “Auaschönistdas” auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

“Und jetzt fick dich!”

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

“Und wenn ich es nicht kann?”, fragt Waldemar.

“Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.”

“Hm.” Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich “Frau Hölle”. “Frau Hölle” wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das “Textbuch des Todes und der Pein”. Darin enthalten, alle Texte, die “Frau Hölle” grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das “Textbuch des Todes und der Pein” auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

“Frau Hölle” treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich “Frau Hölle” als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

“Frau Hölle” werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur “verfickt schlechtesten Band aller Zeiten”. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von “Frau Hölle” bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

“Was kann man da machen?”, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

“Ich bin der Engel Waldemar”, sagt die Gestalt. “Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.”

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

“Und kann du mich retten?”, fragt Lars.

“Ja”, sagt der Engel.

“Dann tu es”, herrscht Lars ihn an.

“Ja”, sagt der Engel Waldemar. “Hiermit …” Waldemar bricht ab.

“Was ist los?”, fragt Lars.

“Ich muss weg”, sagt Waldemar. “Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.”

“Rette mich erst”, bettelt Lars.

“Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst”, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

“Wo bin ich hier?”, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. “In der Hölle, mein Sohn!”

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. “Ein bisschen Frieden” von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

“Hör auf damit!”, giftet Lars.

“Nein”, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

“Die Hölle”, sagt sein Vater leise. “Willkommen in der Hölle!”

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

“Mein kleiner Liebling!”

Lars schreit innerlich auf!

Aus meinem Tagebuch

Ich habe das Haus durchstreift. “Welch ein immens großes Haus”, sprach ich vor mich hin. Entdeckte Räume, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Solche, die der Folter gedient haben. Blut an den Wänden, aus denen Ketten wuchsen. Mir fröstelte. Im nächsten Zimmer eine Bibliothek mit uralten Folianten. Ein krankes Hirn musste dies alles ersonnen haben, denn wie sonst soll die Nähe von Kultur und Barbarei zu erklären sein. Gemütlich platzierte ich mich in einen der aufgestellten Sessel und genoss die Atmosphäre. Fast gaukelte mir meine Fantasie vor, die Schreie derer zu vernehmen, die mit Gedichten aus den Regalen hier gequält worden waren. Denn danach, nach dem Grad, in dem die Bücher Schmerzen verursachen konnten, waren sie angeordnet. Ich gedachte der gemarterten Hirne. Romane von Barbara Cartwright neben denen von Ian Lemming. Schauderhaft, zu welch Taten Münder fähig sind.

12.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Meine Frau Renata (Name wurde geändert) wäre beinahe mit dem Esel zum Markt geritten. Stolz wie eine gurrende Taube saß sie auf Ramirez. “Reite, Ramirez! Galoppiere hinfort!”, rief Renata. Der Esel, stockdumm und stocktaub, verweigerte die Abreise. Renata blickte zu mir hinauf, der ich mich aus dem Fenster des Arbeitszimmers lehnte. “Er will nicht”, sagte sie. – “Du musst ihn mit Fußtritten antreiben. Oder drohe ihm, dass du ihn erschießt.” – “Aber er ist doch taub!” – “Dann schreib es auf Schilder!” Gesagt, getan. Renata malte die fürchterlichsten Drohungen auf, die sie dem Esel vor die blinden Augen hielt. “Blind, mir fällt es gerade wie Schuppen von den Augen, ist er auch. – Erschieß ihn und nimm den Wagen.” Sie nickte, holte die Flinte, befreite die Seele des Esels und fuhr mit dem Auto.

Die Erschaffung und Vernichtung der Welt durch den Augenblick

Erst fielen mir
Schuppen von den Augen.
Später Einfamilienhäuser
und Kindergärten.

Ganze Wohnsiedlungen
fielen mir von den Augen,
bis man beschloss,
kein Auge mehr zuzudrücken

und mich verhaften zu lassen.
In der Haft fielen sie weiter:
Häfen, Städte, Länder.
Das Gefängnis lief bald über

mit meinen Geistesblitzimmobilien.

Aus meinem Tagebuch

Ich habe in dieser Nacht von James Joyce geträumt. Er sah aus, als ob ihm ein Stanislaus über die Leber gelaufen sei. Ich sprach ihn an, sagte: “Hey, Jimmy, du siehst scheiße aus.” Ich solle schweigen, forderte er und kritzelte etwas in sein Notizbuch. “Was schreibst du da?” Es würde mich nichts angehen. Er schreibe gerade einen Roman über das Jenseits. Es ginge um einen Mann, der einen Tag durch den Himmel läuft. Nichts los. Nur Wolken. Aber die Sprache, hm, wundervoll. Er benutze sogar Engelisch, also die Sprache der Engel, die in etwa so klinge: “I wo da sitz, i kann net einsehe, warum i jetz aufstöhe soll.” Aber er bekäme es nicht hin, sagte Jimmy. Sein Roman hinge. “Nichts für ungut, aber ich kann euch Toten nicht ausstehen. Sieh dich mal an”, sagte ich zu Jimmy, “du siehst aus wie eine wandelnde Leiche. Da wird einem schlecht.” Zum Glück erwachte ich im nächsten Moment. Schweiß stand auf meiner Stirn, den ich von meiner Frau, die ich eigens dafür weckte, abtupfen ließ.

Aus meinem Tagebuch

Ich konnte unseren Kindern den Nachbarn ausreden. Der sei kein rechter Hundeersatz. “Schmerbäuchig”, sagte ich. “Mit dem könnt ihr keinen Pokal gewinnen.” Die Kinder sind enttäuscht. Sie hatten sich schon gefreut, ihn kitzeln zu dürfen. Stöckchen sollte er holen. “Der doch nicht”, sagte ich und zeigte auf ihn, der wohl merkte, dass wir über ihn sprachen. “Kann ich Ihnen helfen?”, fragte er. Wir schüttelten den Kopf. Ein Stock flog. “Da, er holt ihn nicht.” Gesenkten Hauptes schritten wir ins Haus zurück. – Momentan überarbeite ich eine meiner Jahrhundertkurzgeschichten, die ich nicht verstehe. Die Arbeit geht zäh voran. Ich rauche zu viel und trinke Unmengen Kaffee. “Du musst mehr rauchen”, sagte meine Frau. “Echte Autoren rauchen mehr.” Drei Zigaretten gleichzeitig. Oh, der Schädel glüht mir.

11.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe gegessen, nicht ein wenig, sondern außerordentlich viel. Bereits seit meinen frühen Kinderjahren bin ich als guter Esser bekannt. “Oh, Guido kommt, wir sollten ein paar Ziegen extra schlachten”, gilt bereits heute als geflügeltes Wort in meinem Bekanntenkreis. Nicht, dass ich mich selbst für verfressen halte, aber ein gewisser Hunger ist stets Bestandteil meines Daseins gewesen. Eben erst vertilgte ich die Reste des gestrigen Gulaschs. “Das war für uns beide gedacht”, sagte meine Frau. “Oh”, versuchte ich mich an einer kurzen Entschuldigung. Vermutlich werde ich den restlichen Abend damit zubringen, über mein Fehlverhalten nachzudenken. Brot für die Familie. So nannten wir vor Jahren eine Aktion, die auch den restlichen Mitgliedern meines Clans ein gewisses Maß an Speisen sichern sollte. Wir sollten das Projekt wiederaufleben lassen.

10.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. “Sieh mal!”, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – “Was?” – “Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.” Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. “Dieses Miststück!”, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – “Zähme dich nicht!” – “Unkrautjätendes Ungetüm!” – “Ja, ja!”, feuerte ich sie an. “Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.” – “Niemals!” – “Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.” Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. “Sieh hin, Bitch”, forderte meine Frau die Mail auf. “Sieh und lerne!” Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

10.4.2014

Abenteuer auf Teneriffa

Ein Fall für Kommissar Zufall

Als Kind träumte ich oft von Teneriffa, und dies, obwohl ich die Insel nur aus dem Fernsehen kannte. Ich saß in einem der zahllosen schäbigen teneriffianischen Restaurants, die Pustekuchen anboten. Pustekuchen, so dachte ich lange, sei die typische Speise dieser weltberühmten Packeisinsel. Erst später sollte ich erfahren, dass ich falsch geträumt hatte. (Falsch zu träumen, entwickelte sich zu einer meiner jugendlichen Traumata.) Typisch war nicht Pustekuchen, sondern Robbenkloppersalat. Man muss junge Robben siebzehn Minuten windelweich kloppen, mit einem Teppichklopper oder einem Klopper, den man sich von einer der Schulen für Halbstarke besorgt. Anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab. Danach muss man das Ganze noch mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken. Kühl servieren.

Teneriffa zählt zu den weltweit größten Inseln mit einem riesigen Gesamtumfang. Es leben dort schätzungsweise 1 Milliarde Leute, die sich hauptsächlich vom Fischfang und dem Tourismus ernähren. Doch weiter im ereignisreichen Verlauf dieser mordsmäßig guten Erzählung. Teneriffa wurde im Jahr 1967 von dem spanischen Immobilienmakler Jose Cortez für seine Schwester gebaut, die sich seit ihrer Pubertät in den Ardennen nichts sehnlicher als eine eigene Insel gewünscht hatte.

Genug der Fakten. Steigen wir in das mit Action randvoll gefüllte Becken der Geschehnisse.

Mein Name ist Kommissar Zufall. Ich bin Privatdetektiv. Nicht nur irgendein Detektiv, sondern der beste Detektiv, den ich kenne. Merken Sie sich meinen Namen! Kommissar Zufall. (Ich werde Sie bei Gelegenheit abfragen!) Ich verdanke meinen Vornamen einer Laune von Mutter Zufall, die, als sie mit mir hochschwanger (sie war wirklich sehr hochschwanger!) war, vor dem Fernseher einen Krimi sah, in dem ein Kommissar einen Wagen vorfahren ließ. Das gefiel ihr so sehr, dass sie dachte, Kommissar sei der richtige Name für einen zukünftigen Kommissar. Leider wurde nichts aus ihrem Berufswunsch für mich. Ich entschied mich anders und gründete die Detektei Kommissar Zufall.

Als Kind löste ich bereits eine Menge Fälle, so den Fall der Berliner Mauer, den ich im Fernsehen verfolgte. Ich klärte meine Familie darüber auf, dass der Fall gelöst sei, weil es zukünftig keine Mauer mehr gebe. Sie konnten es nicht glauben. Meine Mutter weinte sogar, weil sie Verwandtschaft im Osten hatte, die sie – so hatte sie gehofft – nie wieder sehen würde. Falsch gedacht!

Um mich zu trainieren, saß ich die ganze Zeit über am Fenster und beobachtete mit meiner Oma die Straße. Was da alles los war! Wir notierten alles. Zahllose Autonummern. Wir kamen mit dem Notieren gar nicht hinterher, weil wir an einer stark befahrenen Kreuzung wohnten. Unaufhörlich kamen Autos und Menschen vorüber. Es war zum Lachen schön. Und so saßen wir da. Meine Oma und ich. Lauthals lachend, und notierend.

Davon will ich heute nicht berichten, sondern von einem meiner letzten Fälle, der mich nach Teneriffa führte, jener wunderbar mysteriösen Insel, die die meiste Zeit kaum zu erreichen ist, weil sie eingeschneit ist. Ich hatte den Auftrag erhalten, ein paar Tage vor Ort zu recherchieren. Leider hatte ich kurz nach meiner Ankunft vergessen, worüber.

Ich war mit einem Billigflieger geflogen. Es war eine stürmische Überfahrt, die mein Nervenkostüm arg strapazierte. Ich hatte den Notausgang geöffnet und übergab mich unaufhörlich. Gezeter und Gemecker der anderen Fluggäste, dass es fürchterlich ziehen würde. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ich war viel zu sehr mit mir und meinem Körper beschäftigt, den ich normalerweise in einem Fuldaer Fitnessclub stählte. Ich hatte eine Dauerkarte, die es mir erlaubte, Tag und Nacht Gewichte zu stemmen. Ich liebte mich und meine Muskeln, die ich gerne auch zum Vergnügen junger Damen in Bewegung brachte. Man jauchzte und wollte sie anfassen, wogegen ich nichts hatte. Gar nichts. Immerhin war ich stolz auf meinen gebildeten Körper.

Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, setzte ich mich in meinen zu engen Sessel zurück, der nicht einmal eine Massagevorrichtung besaß.

Nach etwa siebzehn Stunden kamen wir an.

Schneewehen schlugen mir entgegen. Der Geruch von gebratenen Schlittenhunden. Einheimische in Pelzmänteln rannten aufgeregt über die Start- und Landebahn und verstauten unsere Koffer in riesigen Schlittenbussen, die uns zu unseren Hotels bringen sollten. Wir waren alle in einem anderen untergebracht. Teneriffa verfügt über so viele Hotels, dass eine Zählung an der hohen Anzahl scheiterte. Ein Leben würde nicht ausreichen, sie alle zu erfassen. Ich wurde ins Golden Holden gebracht, benannt nach dem amerikanischen Schauspieler William Holden, glaube ich. Die an der Rezeption wussten von meiner Ankunft. Nette Leute in der Landestracht, die einen Eisbären bei der Jagd zeigt.

Da saß ich also. Deutschlands berühmtester Detektiv, gestrandet auf der Insel des Eises und des Schnees. Ich wählte die Nummer vom Zimmerservice und ließ mir ein typisches einheimisches Gericht bringen. Teuer, aber wenn ich schon mal hier war, wollte ich auch das Gericht, das aus einem Richter und elf Geschworenen bestand. Wo war der zwölfte? Ich mokierte und man ließ etwas im Preis nach. Nachher schlief ich seelenruhig, fast wie ein teneriffianisches Robbenbaby, bevor es von bösartigen Robbenbabyjägern erlegt wird. Selbst im Schlaf schwollen meine Muskeln ab und an bzw. an und ab.

Als ich am nächsten Tag erwachte, waren die Schneestürme, von denen sie im Fernsehen berichtet hatten, eingetroffen. Ich saß aufrecht im Bett und dachte an meine Oma, auch überlegte ich fieberhaft, warum man mich überhaupt hierher geschickt hatte. Um mich von meinen überfallartigen Gedanken abzulenken, machte ich ein paar Kniebeugen, außerdem stemmte ich die Kommode, in der meine Socken untergebracht waren. Training beruhigt mich.

Plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Blick sauste aufgeregt wie eine Biene durchs Zimmer. Wo ein Schuss ertönt war, befand sich auch eine Waffe und ein Schütze. Das könnte ein weiterer Fall für Kommissar Zufall sein.

Um mich auf den Fall vorzubereiten, schaltete ich den Fernseher an und suchte nach einer Detektivserie. Da! Ich war auf dem Kanal gelandet, der 24 Stunden in der Woche Magnum zeigte. Gierig starrte ich auf den Bart von Tom Selleck. Wie er sich wieder mit dem Mann stritt, der die Hunde abrichtete, wenn Sie wissen, wen ich meine. Herrlich! Ich knetete das Kissen, bis es die Form eines Herzens hatte. Ich liege lieber in einem liebevoll zubereiteten Kissen. Den Schuss hatte ich nicht vergessen, natürlich nicht, dafür bin ich selbst viel zu viel Detektiv, als dass ich ein Verbrechen ungesühnt lassen könnte.

Jemand hatte an meine Tür geklopft! Ich musste eingeschlafen sein, mindestens 24 Stunden, den es lief keine Folge von Magnum mehr. Scheiße. Jetzt hatte ich die Auflösung verpasst. Ich mühte mich mühevoll aus dem Bett. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Außerdem schüttelte ich erst die Decke auf, das hatten mir meine Eltern beigebracht. Die Erziehung hängt in einem drin. Die kann man nicht so einfach abschütteln. Rasch noch das Kissen geknetet, dieses Mal zu einem Frosch, der kurz vor der Verwandlung in einen Prinzen stand, und schon spurtete ich die vier Meter zur Tür. Enthusiastisch riss ich sie aus ihren Angeln. (Es war eine der typischen teneriffianischen Türen, die an Angelruten befestigt war. Fremde Länder, fremde Sitten. Obwohl das kein Land war, sondern eine Insel. Egal.) Ich trat gewichtigen Schrittes auf den Flur hinaus. Niemand zu sehen. Frechheit. So lange hatte ich für das Bett ja nun auch wieder nicht gebraucht. Diese Inländer bzw. Ininsulaner hatten die Geduld eben nicht mit der Muttermilch eingesogen, wie ich es getan hatte.

Geduld war mein zweiter Vorname. Kommissar Geduld Zufall. Die meisten Leute hielten es für einen schlechten Scherz, wenn ich sie über meine Namen in Kenntnis setzte. Nein. Es lag wohl daran, dass meine Eltern Hippies gewesen waren. Freie Wesen, die in einem Wohnwagen durch die Lande zogen, bevor sie in jener Wohnung, an der von mir bereits erwähnten befahrenen Kreuzung, ihren Hauptwohnsitz einrichteten. Vielleicht weil Oma nicht mehr konnte. Ständig nackt, das war für alte Frau von über 80 nichts mehr.

Ich wollte und konnte diesen klopfenden Zwischenfall nicht auf mir sitzen lassen. Außerdem wartete der Fall des Schusses noch auf mich. Rasch zog ich meinen Bademantel über, den ich für solche Gelegenheiten dabei habe. Ich klopfte an einigen Türen, um Befragungen, die mir nötig erschienen, durchzuführen. Bei der ersten Tür, öffnete mir eine nackte Frau, die mich an Oma erinnerte, nur fünfzig Jahre jünger. Ich wollte wissen, was sie hier mache. Außerdem verlangte ich ihren Ausweise. Ich ermahnte sie, dass sie sich mal was anziehen sollte, immerhin befanden wir uns auf der Insel des Packeises. Hier hatte man sich schnell einen Schnupfen geholt.

An der dritten Türe verließ mich die Lust. Ich wanderte in mein Zimmer zurück und konnte gerade noch sehen, wie unten ein Gast von der Polizei auf einem Hundeschlitten verstaut wurde. Aha, der Schütze, schoss es mir ungestüm und wortgewaltig durch mein Hirn.

Um mich zu besänftigen, machte ich abermals den Fernseher an. Die Nachrichten liefen gerade und der Sprecher berichtete, dass Kommissar Zufall einen der meistgesuchtesten Täter der Eisinsel Teneriffa der Polizei zugeführt hatte. Kommissar Zufall! Das war doch ich. Ich konnte es nicht glauben. Da hatten meine zähen Befragungen an den Hotelzimmertüren also doch zum Erfolg geführt.

Ich griff zum Telefon und rief meinen Freund Tannhäuser in Frankfurt an. Ohne viel Umschweife schilderte ich ihm, dass ich, kaum auf Teneriffa angekommen, und nachdem ich das Landesgericht gekostet hatte, obwohl Gerichte nicht mein Fall waren, einen Fall um einen Schützen gelöst hätte, der aus unerfindlichen Gründen im Hotel geschossen hatte. Tannhäuser lobte mich mehrmals aufgeregt, bis ich ihn darauf hinwies, dass Schleimereien an mir abprallten. Aufgelegt. Mit einer charmanten Bewegung, die ihresgleichen im internationalen Detektivwesen sucht, knallte ich den Hörer auf die Gabel, die noch vom späten Frühstück übrig war. Diese Unordnung erinnerte mich an meine Hippieeltern, denen es ein Gräuel war, wenn man aufräumte. Sie mokierten sich ständig über mein Zimmer, wenn wieder mal alles übersichtlich im Schrank verstaut war. Mama meinte, sie hätte als Mutter versagt, was ich so nicht durchgehen lassen konnte. Ich bat sie meist nach solchen Ausbrüchen zu einem Gespräch, dass leider fruchtlos verlief, da meine Mutter sich in Erziehungsfragen nicht von einem Fünfjährigen beraten lassen wollte.

Da der Fall gelöst war, konnte ich wieder abreisen. Dieses Bild stand mir klar vor Augen. Ich packte rasch ein paar Unterhosen, die der Gast vor mir vergessen haben musste, und verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass ich jederzeit bereit wäre, in und um Teneriffa herum, dem Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Der Schneeschlittenbus hatte Verspätung, die ich damit zubrachte, einige Schneehaufen zu fotografieren. Auch die Häuser der Einwohner, die zur Gänze aus Schnee gemacht waren, mussten gebannt werden. Da würde sich Tannhäuser aber freuen. Die Fotos könnten auch ans DetektivmagazinSpanner gesandt werden. Die waren immer froh, wenn sie eine Story über mich bringen konnten. Kommissar Zufall löst schon wieder einen Fall. Ich sah die Schlagzeile bereits vor mir. Da! Der Bus zum Flughafen. Vermummte Frauen drängelten sich vor. Das konnte so nicht sein. Wo blieb denn da die Gastfreundschaft? Ich zerrte eine dicke Person zurück und verwies ihre Nase an einen Schneehaufen. Hiebe nach rechts und links, und schon hatte ich mir einen Platz ergattert. Ging doch, wenn alle sich bemühten.

Mehr gibt es nicht zu erzählen. Tannhäuser holte mich vom Flughafen ab, weil er so eingeschneit war, dass monatelang kein Flieger starten sollte. Wir fuhren mit seinem Schneemobil direkt von Teneriffa nach Frankfurt. Unterwegs löste ich noch ein paar Fälle, unter anderem in Städten wie Beirut, die mir aber wegen ihres Straßenlärms den letzten Schlaf raubten.

Ich muss zugeben, Teneriffa hing mir lange nach. Selten hatte ein Fall mich so aufgewühlt, aber zum Glück hatte mein Unterbewusstsein den Fall wieder einmal ohne mein eigentliches Zutun lösen können.

Ich bin der geborene Detektiv.

In Frankfurt war alles wie immer. Ich wohnte ja seit Jahren in Fulda, hatte aber in der Bundeshauptstadt eine Zweitwohnung, direkt neben dem Bundeskanzlerinnenamt. Ich wollte mich gerade in die Wanne legen, als das Telefon läutete. Es war der Außenminister, der einen Auftrag für mich in Dublin, der Stadt der Wasserkanäle, hatte.

Aber das ist eine andere Geschichte.

9.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. “Oh!”, klagte ich. “Der Hund ist von uns gegangen.” Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. “Wir werden einen neuen kaufen”, versprach ich den Kindern. “Aber, Papa”, sagten sie, “wir wollen Herr Rodenbach.” – “Gut, gut”, sagte ich. “Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.”- “Juchhu!” Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. “Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.” Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

8.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. “Das ist doch nur Papa”, erklärte meine Frau ihnen. “Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.” Das beruhigte die Kinder. “Ach so”, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. “Lies!”, hatte ich den Hund angebettelt. “Lies!” Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

7.4.2014

Aus der Zitatenschatzkammer

Heute: Über den Fleiß

“Zombies sind fleißige Bienchen. Die würden dir ein Bein ausreißen, um ihren Hunger zu stillen.” John Sinclair, Geisterjäger

2.4.2014

“Kaum hatte ich mich damit arrangiert, dass wir künftig zu dritt auf dem Karren leben würden, fand ich eines Morgens einen Zettel von Nadja. Sie schrieb: Lieber Dimitri, die Zeiten waren hart, aber du nicht, deshalb bin ich mit dem Gevatter Tod auf und davon. Er will mir so viel zeigen, auch wenn er beruflich stark eingebunden ist. Ich bin jetzt auch tot. Das erleichtert unser Zusammenleben. Tot ist wunderschön. Ich kann dir diesen Zustand nur empfehlen. Du frierst nicht mehr, lachst nicht mehr. Du musst auch keine Wäsche mehr aufhängen. Wenn ich länger darüber nachdenken, muss ich feststellen, dass du wohl schon seit deiner Geburt tot bist. Lustig, was? Lass dich von Arkadi durchs Leben tragen. Gehabt euch wohl. Deine Nadja.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

2.4.2014

Im Afrika des Weltalls

James Tiptree junior war seiner Zeit voraus. Nicht die schlechteste Voraussetzung, schreibt man Science-Fiction. Tiptree hieß im bürgerlichen Leben Alice B. Sheldon, eine Frau, die sich, um aus ihrer Haut zu schlüpfen, einen Avatar zulegte, dem sie den Namen einer Marmelade, eben Tiptree, gab.
Die SF jener Jahre war männlich dominiert, wenn auch im Aufbruch begriffen, was einer Gattung, die von Sternenfahrten und Entdeckungsreisen berichtet, ein Grundgesetz sein sollte. Aufbruch muss eine ihrer Fundamente sein, so wie alle wichtigen SF-Romane auch nie von der Zukunft, sondern stets und immer von uns im Allgemeinen wie im Besonderen erzählen.

Das Fremde ist das Großthema des Avatar Tiptree. Fremd irrt sie als Frau durch eine von Männern dominierte Welt, schwirrt sie durch ein Weltall aus Aliens, die auf Rennplätzen und Häfen arbeiten, so wie die Außerirdischen oder Menschen in Tiptrees Kurzgeschichten und Erzählungen, die ein Leben lang die ihr genehmsten Formen blieben, auch wenn der Ruhm sie dazu zwingen wollte, einen Roman auszustoßen.

Alice B. Sheldon wurde am 24. August 1915 in Chicago, Illinois als Tochter von Mary Hastings Bradley und Herbert Bradley geboren. Durch die Reisen mit ihren Eltern nach Afrika, Indien und Asien wurde Alice früh mit dem Thema ihrer späteren literarischen Suchbewegungen konfrontiert: dem Fremden. Alles fand sie hier vor: Das Entdecken des Andersartigen, das Verstehen und Missverstehen, und in deren Gefolge, Unwägbarkeit und Tod.

Eine frühe Ehe mit einer byronschen Dichtergestalt, dem Schriftsteller William Davey, zeigte ihr die Grenzen auf, die zwischen Mann und Frau lagen, die Gewalt, die unvermittelt in ein Klima der Kultur einbrechen kann. Nach sechs Jahren ließ sie sich scheiden und heiratete Huntington Sheldon, der den zweithöchsten Rang bei der europäischen Sektion des damaligen US-amerikanischen Geheimdienstes bekleidete.

Erst spät, 1952, schlüpfte Sheldon in die Rolle des SF-Autoren James Tiptree junior, der ihr die Möglichkeit bot, aus ihrem gewohnten Lebens- und Körperumfeld zu fliehen, um als Mann zu einer Ausdrucksstärke zu finden, die bis dahin den Frauen nicht zugänglich schien, weil nicht schick, nicht erwünscht, weil nicht im Machtinteresse einer von Männern dominierten Welt.
Der bekannte SF-Autor Robert Silverberg war sich sicher, dass die maskuline Schreibe Tiptrees nicht von einer Frau stammen konnte.

Der Septime-Verlag hat nun Band 4 “(Doktor Ain”) seiner “Erzählungen in 7 Bänden” herausgebracht. Wunderlich mutet es an, in einer Zeit, die, wie kaum eine vor ihr, der Schnelligkeit und dem Konsum huldigt, einen Reigen von Büchern erscheinen zu lassen, die neben den üblichen Genrefanverdächtigen nach einer Leserschaft fahnden, die es sich gefallen lässt, Herz und Hirn bei der Lektüre lodern zu lassen. Umso heftiger muss der Applaus derer ausfallen, die diese Verlagsarbeit schriftlich oder mündlich zur Kenntnis nehmen.

“Doktor Ain” offeriert die frühen humorvollen Geschichten von Tiptree, die stets im Afrika des Weltalls operieren, in einer Sprache, die – melodiös knapp – genau darum weiß, wie Sound erzeugt werden muss. Die Taktschläge der Trommeln in der inneren Nacht Tiptrees geben ihr den Rhythmus vor, in dem sie uns in den Strudel von Ereignissen reißt, die nie erklärt werden müssen, denn Fremdheit soll dem Leser (k)ein Fremdwort bleiben. So tastet man sich lesend in den Dschungel des Dargestellten, umschwirrt von seltsam anmutenden Wortwespen, deren Körper den Wörtern unserer Welt zu gleichen scheinen.

In der Erzählung “Geburt eines Handlungsreisenden” berichtet Tiptree von dem Zollbeamten einer interplanetarischen Verladestation, der zu surrealen Entscheidungen gezwungen ist, die über Krieg oder Frieden in einer weitentfernten Galaxie entscheiden können.
Tiptree verschiebt den ihr bekannten Alltag auf eine Ebene, die die Absurditäten unseres eigenen Lebens erst offensichtlich machen. Weit daneben geschrieben, um zu treffen.
Die Geschichten “Hilfe” und “Mutter kommt nach Hause”, gespickt mit Erfahrungen aus Sheldons eigenem Lebenskosmos, erzählt von einem CIA-Büro, das eigens für den Fall einer Landung von Außerirdischen gegründet, plötzlich mit einer solchen Ankunft konfrontiert wird. Auch hier zerrt Tiptree die Wirklichkeit ins fiktive Geschehen, seziert sie den “Kalten Krieg” ebenso wie den Umgang mit den Afroamerikanern, die dereinst aus Afrika verschleppt wurden. Realismus im Kleid der überbordenden Fantasie, um Literatur als einen Avatar zu benutzen, der es einem ermöglicht, das Unaussprechliche mit den Mitteln der Sprache sichtbar zu machen.

Schließlich (unter anderen) noch die titelgebende Story “Doktor Ain”, in der es um nichts geringeres wie den Weltuntergang geht. Sheldon schrieb während der Arbeit an einen Freund, sie sei deprimiert über die Umwelt gewesen, säße jetzt aber an einer Story “über einen Mann, der ALLE umbringt, danach werde ich mich besser fühlen.” Literatur als Rauschmittel und Eigentherapie.
Weit daneben geschrieben, um zu treffen. Im Notfall sich selbst.

Am Ende blieb Sheldon die selbstbestimmte Autorin, die den letzten Punkt ihrer Lebensgeschichte durch einen Selbstmord setzte.
Wirklichkeit kann das sein, was wir wirken lassen. Literatur kann uns ein Boot sein, um die Flüsse des Afrika in uns und um uns herum zu erfahren. Bei Tiptree waren es keine Boote, sondern Raumschiffe.

James Tiptree junior
Doktor Ain
Geb. mit Schutzumschlag, 472 Seiten
ISBN: 978-3-902711-23-6
Septime Verlag, Wien

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1.4.2014

Jobs

Anwohner

Heinz, 47 Jahre, Anwohner von Beruf: “Das muss doch auch jemand machen: Anwohnen. Das ist der Trend. Die Leute wollen keine neuen Möbel mehr, nein, die sollen angewohnt sein. Nicht verwohnt. Aber doch leicht angewohnt. Und das ist mein Job. Da komme ich ins Spiel. Ich ziehe von Möbelhaus zu Möbelhaus und wohne an. So nach dem Motto: Wer hat in meinem Bettchen geschlafen? Es gibt auch Privataufträge. Verrückte gibt es ja überall. Neulich engagierte mich einer, dessen Freundin ich anlieben sollte. Nicht lieben, nur anlieben. Nicht mit mir. Gibt ja Grenzen. Anbumsen, okay, aber anlieben, niemals.”

Nachfolger

Gert, 36 Jahre, Nachfolger von Beruf: “Heutzutage sind wir nicht mehr gern gesehen. Stalker nennen uns manche. Früher war das anders. Man hat uns geliebt. Jeder Chef wollte einen haben, wenn möglich sollte es der eigene Sohn sein. Wir waren überall. In der Politik, vor den Amtsgerichten. Geschiedene Frauen waren ganz verrückt nach uns. Wenn ich inzwischen erzähle, dass ich Nachfolger bin, betrachtet man mich mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Jobs sind rar, da kann nicht jeder einen Nachfolger gebrauchen. Wirklich glücklich macht der Job nicht, auch wenn man ständig in Bewegung und daher fit wie ein Turnschuh ist. Ich habe auch schon als Nachfolger eines Nachfolgers gearbeitet. Klar hatte ich ein schlechtes Gewissen. Hätte auch mich treffen können. Die Zeiten werden einfach nicht besser.”

31.3.2014

Fortschritte

Das ist schwierig.
Jeder Schritt
muss wie ein Fort
aussehen.
Mach das mal.
Gehe so, als ob dein
Schritt von Indianern
oder Seeräubern
angegriffen würde.

31.3.2014

Die kalten Finger des Herrn Tod

„Schreib dir das hinter die Ohren, Arkadi: Das Leben ist eine Faust voll Schnee. Wenn du denkst, du hast ihn sicher in deine Tasche gepackt, kommt der Sommer, du vergisst den Schnee, du unterhältst dich über die Tanzabende in Moskau, und ehe du dich versiehst, hast du den Schnee aus deinem Gedächtnis gestrichen, bis du eines Tages in deine Tasche greifst. Igitt, denkst du, das ist ja ganz feucht. Ist mir der Wodka ausgelaufen? Du engagierst eine Detektei, bis du dich an den Schnee erinnerst, den du vor drei, vier Wintern dort verstautest und der längst verdunstet sein müsste. Ja, aber warum ist er denn nicht verdunstet?, fragst du dich und philosophierst bei einer Flasche Wodka darüber, die du mit einer hässlichen Alten in einer Bretterbude trinkst, die wie das Haus deiner Eltern aussieht. Ja, so ist das Leben, mein Junge!“

Aus „Die kalten Finger des Herrn Tod“, Tagebücher des Dimitri Verscenko

30.3.2014

Dimitri Reloaded

„Mein Verleger Irina ist vorgestern eingetroffen. Erschöpft sah er aus. Die Brüste standen weit in die Landschaft. Er habe seinen Verlag verkaufen müssen, erklärte er. „Verlasse deine Frau, Dimitri!”, forderte er mich auf. „Ich will fortan dein Weib sein.” Der Gedanke reizte mich. Leider bin ich auf Arkadi angewiesen, dem der Vorschlag weniger reizvoll erschien. Um meine Flucht heimlich planen zu können, musste sich Arkadi die Augen verbinden. Er rempelte alle paar Meter etwas an. „Der Junge ist mein Esel. Sieh, was meine Frau getan hat! Die Füße hat sie mir amputiert.” Einen Tag später war Irina fort. Durchgebrannt mit dem seit Jahren arbeitslosen Dorftürsteher. Die Welt ist eine Schlangengrube.”

„Jetzt, da Irina fort ist, spreche ich dem Wodka zu. Arkadi, der seiner acht Jahre wegen leider nicht trinkt, muss den Gang eines Betrunkenen imitieren, damit mein Kopf und sein Körper zu einer Einheit verschmelzen. Grölend liege ich auf seinem Rücken. Meine Hände hat er um seinen Hals geknotet. „Lass uns ein Lied singen”, bettelte ich Arkadi an, der mich eine Last nennt. Da er nicht dazu bereit war, begleitet uns seit einigen Tagen der Chor. Nadja verzweifelt an der Situation. Sie hat unsere Habseligkeiten auf einen Karren geladen und zieht mit mir um die wenigen Häuser des Dorfes. „Essen ist fertig”, tönt es manchmal direkt neben mir an der Theke oder der Tischkante eines Nachbarn. Sie sitzt und stopft und näht. „Du bist ja schon wieder betrunken, du Schwein!”, schimpft sie, wenn mich Arkadi des Morgens von seinem Hals bindet, um mich in den Karren plumpsen zu lassen. Dort liege ich und schlafe meinen Rausch aus. Unlängst erschien mir Gevatter Tod, der, ich bin mir sicher, hauptsächlich damit beschäftigt schien, Nadjas Hinterteil zu begutachten. „Gut, gut”, murmelte er unentwegt.”

„Gevatter Tod ist zu uns auf den Karren gezogen. Er stinkt fürchterlich. Weil er aber der Tod ist, wage ich nicht, ihn darauf anzusprechen. Er isst uns die letzten Vorräte weg und treibt es vor meinen Augen mit Nadja, die meint, der Sex mit ihm wäre zum Sterben gut. Sie peitscht ihn an, nicht nachzulassen. „Gemach, gemach”, keuchte der Gevatter, der mich auf die Seite zog und mir zuflüsterte: „Die ist ja unersättlich, du Glückspilz!” Unersättlich? Der wird sich noch wundern. Bereits heute musste er allein in diesem Landstrich 5 000 Jenseitsfahrten streichen, weil er nicht zum Arbeiten kam. Ein paar Monate, Jahre vielleicht, und die Welt wird an der Überbevölkerung wie an einer Krankheit leiden. 6 oder 7 Milliarden Menschen, unvorstellbar, noch, aber hat sich der Gevatter erst den Fängen von Nadja überlassen … Gott im Himmel stehe uns bei!”

Aus „Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

30.3.2014

Gevatter Tod ist zu uns auf den Karren gezogen. Er stinkt fürchterlich. Weil er aber der Tod ist, wage ich nicht, ihn darauf anzusprechen. Er isst uns die letzten Vorräte weg und treibt es vor meinen Augen mit Nadja, die meint, der Sex mit ihm wäre zum Sterben gut. Sie peitscht ihn an, nicht nachzulassen. “Gemach, gemach”, keuchte der Gevatter, der mich auf die Seite zog und mir zuflüsterte: “Die ist ja unersättlich, du Glückspilz!” Unersättlich? Der wird sich noch wundern. Bereits heute musste er allein in diesem Landstrich 5 000 Jenseitsfahrten streichen, weil er nicht zum Arbeiten kam. Ein paar Monate, Jahre vielleicht, und die Welt wird an der Überbevölkerung wie an einer Krankheit leiden. 6 oder 7 Milliarden Menschen, unvorstellbar, noch, aber hat sich der Gevatter erst den Fängen von Nadja überlassen … Gott im Himmel stehe uns bei!

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

30.3.2014

“Jetzt, da Irina fort ist, spreche ich dem Wodka zu. Arkadi, der seiner acht Jahre wegen leider nicht trinkt, muss den Gang eines Betrunkenen imitieren, damit mein Kopf und sein Körper zu einer Einheit verschmelzen. Grölend liege ich auf seinem Rücken. Meine Hände hat er um seinen Hals geknotet. “Lass uns ein Lied singen”, bettelte ich Arkadi an, der mich eine Last nennt. Da er nicht dazu bereit war, begleitet uns seit einigen Tagen der Chor. Nadja verzweifelt an der Situation. Sie hat unsere Habseligkeiten auf einen Karren geladen und zieht mit mir um die wenigen Häuser des Dorfes. “Essen ist fertig”, tönt es manchmal direkt neben mir an der Theke oder der Tischkante eines Nachbarn. Sie sitzt und stopft und näht. “Du bist ja schon wieder betrunken, du Schwein!”, schimpft sie, wenn mich Arkadi des Morgens von seinem Hals bindet, um mich in den Karren plumpsen zu lassen. Dort liege ich und schlafe meinen Rausch aus. Unlängst erschien mir Gevatter Tod, der, ich bin mir sicher, hauptsächlich damit beschäftigt schien, Nadjas Hinterteil zu begutachten. “Gut, gut”, murmelte er unentwegt.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

28.3.2014

“Mein Verleger Irina ist vorgestern eingetroffen. Erschöpft sah er aus. Die Brüste standen weit in die Landschaft. Er habe seinen Verlag verkaufen müssen, erklärte er. “Verlasse deine Frau, Dimitri!”, forderte er mich auf. “Ich will fortan dein Weib sein.” Der Gedanke reizte mich. Leider bin ich auf Arkadi angewiesen, dem der Vorschlag weniger reizvoll erschien. Um meine Flucht heimlich planen zu können, musste sich Arkadi die Augen verbinden. Er rempelte alle paar Meter etwas an. “Der Junge ist mein Esel. Sieh, was meine Frau getan hat! Die Füße hat sie mir amputiert.” Einen Tag später war Irina fort. Durchgebrannt mit dem seit Jahren arbeitslosen Dorftürsteher. Die Welt ist eine Schlangengrube.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

25.3.2014

Gildo & Rohm

Gourmets

“Am liebsten esse ich
die Gänsehaut”,
sagte Robert
und ließ sich einen
Oberschenkel reichen,
dessen Leichenstarre
den Verzehr
fast
unmöglich machte.

24.3.2014

Die kalten Finger des Herrn Tod

„Nadja kocht. Sie kocht vor Wut. Ich hätte sie abermals des Nachts nicht befriedigt. Um mich abzulenken, schlug ich unseren Sohn Arkadi. Sollten meine Tagebücher dereinst veröffentlich werden, bitte ich schon jetzt um Nachsicht. Dies waren Zeiten, in denen man Arkadi schlug. Nicht nur ich schlage ihn, sondern auch die gesamte Nachbarschaft, die, will sie sich abregen, bei uns anklopft, mit der Bitte, Arkadi schlagen zu dürfen. Der arme Junge. Er tut mir leid. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, trank ich Wodka. Der Alkohol ist die letzte Hilfe, die man sich holen kann, vor allem hier in der Einöde, in diesem Dorf, in dem Menschen leben, die von der Natur verroht wurden. Von Moskau vergessen, kam es erst gestern aus Langeweile zur Gründung eines Chors. Wie tief wollen wir denn noch sinken?“

„Meine Füße fühlten sich nach meinem Marsch durch den Wald klamm an. Nadja meinte, sie wären erfroren. Unsinn, erwiderte ich. Um mir das Gegenteil zu beweisen, hackte Nadja sie mir ab. Kein Blut. Nichts. “Haha, siehst du, Nadja, ich habe nicht einmal etwas gespürt.” Anschließend trugen Nadja und Arkadi mich ins Bett. Die Stümpfe brannten sie vorsorglich aus. Schrieb während der Prozedur an meinem Roman weiter, den ich Ende des Monats an meinen Verleger Sergeij nach Moskau senden werde, der, so schrieb er mir in seinem letzten Brief, sich bei einer Sängerin die Syphilis geholt hat. Der Glückliche. Welch eine Auszeichnung, ist die Syphilis doch nur den wahrhaft großen Geistern unter uns vorbehalten.“

„Seit Nadjas Amputation friste ich ein Leben im Bett. Will ich draußen Holz holen, muss Arkadi mich tragen. Auf seinem Rücken ist es so gemütlich, dass ich inzwischen sogar nachts darauf schlafe. Beim Verkehr mit meiner Gattin stört er zwar etwas, aber ich lass mich da nicht irr machen. Um mich von meinem schweren Los abzulenken, nehme ich seit einigen Tagen an den Proben des Chors teil. Wir singen in Ermangelung von Noten und Texten keine Lieder, sondern ahmen das Heulen der Wölfe nach. Noch keine Post von meinem Verleger Sergeij, der sich, so wurde mir berichtet, einer Operation unterzog und fortan Irina gerufen werden will.“

Aus „Die kalten Finger des Herrn Tod“, Tagebücher des Dimitri Verscenko

23.3.2014

DIE LYRIK DER ANDEREN (1)

Unglücke bei Nacht besehen – Eine Depressionsunterweisung

von Dimitri Verscenko

Dunkelgrün zieht der Schleimfluss,
entkommen der Hölle, dort er
den bebrillten Hörnern Satans entströmte,
gen der Höhe, die wir Erde nannten,
und die fortan Hölle II gerufen wird.
Sinnlos alles, was wir tun.
Entbehrlich unsere Leben.

Im Fernsehen gackert aufgeregt
die Chefdesignerin Beelzebubs Heidi K.,
die dem Urschlamm neue Wesen abringt,
sie, die sich im Hirnsud der Zuschauer aalt,
tausendarmig ihr Reich aus Mascara
und Zinnoberrot, um zu künden, das NICHTS
sein wird, wo vorher bereits NICHTS war.

Après-Ski, lautet ihre letzte Warnung,
bevor die Welt endgültig verkocht.

22.3.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe wieder den ganzen Tag schwere Sachen verladen. “Was machen denn die schweren Sachen hier?”, fragte ich meine Frau, die hilflos mit den Schultern zuckte. Nachher cremte ich mir den Ellenbogen ein, um keine Entzündung zu bekommen. Vorsorglich. Ich creme ja seit Jahren. Alle Stellen an meinem Körper werden mit den verschiedensten köstlichen Ölen behandelt. Jetzt werde ich mir die Zähne putzen, ausführlich. Zähne sind nicht zu unterschätzen. Nachher Theater mit den Nachbarn.

21.3.2014

Dies ist mein Bett, auf dem ich liege und zärtlich träume
Dies ist mein Bett, auf dem ich liege und zärtlich träume

Ein Traum

Träumte in dieser Nacht davon, mich in eine riesige Reisetasche mit Heimatgefühlen verwandelt zu haben. Gepackt stand ich im Flur, darauf wartend, dass man mich abermals aus dem Schoß derer riss, die mich so sorgsam ein- und auspackten, um von strenger Hand zum Flughafen getragen zu werden. Ich hätte, wäre ich dazu in der Lage gewesen, gezittert, überließ dies aber dem Espenlaub, dem man sich seit der Niederschlagung seines Stammes so sorgsam widmet. Espenlaub müsste man sein, dachte ich. Dann müsste man wenigstens nicht ständig verreisen. Das Espenlaub, getrocknet zwischen den Seiten eines Onlinelexikons, wird überhaupt auf eine nahezu krankhafte Art bemuttert, indem man es z.B. mit Reis zu füttern versucht, den es bisher verweigerte. Das hat man davon, wenn man sich mit Espenlaub einlässt, dachte ich, der, gerade wollte ich mich als Reistasche anbieten, vom Wecker getötet wurde.

18.3.2014

Dideldum

Als Vertreter
kam ich herum.
Dideldum, sang ich
die ganze Zeit.
Toller Job.
Ich musste ja nichts
weiter machen,
als mir die Füße vertreten.
Eine Woche am Stück,
dann zurück in den Innendienst
als Vorsitzender.
Rotationsprinzip.
Ja, das war eine
tolle Zeit, lange vor der
Rezession, Dideldum.
Laufen und sitzen,
nicht mal denken mussten wir.
Ach, da sitze ich, genügte
als Gedanke.
So saß oder lief ich
und sang DIDELDUM.

Aus meinem Tagebuch

Sonntag, 16. März 2014

Das Leben eines Schriftstellers ist die Hölle. Was wissen die Leute schon davon? Überall Buchstaben, große, kleine, alle aus Holz geschnitzt. Echte Handarbeit. Und jeden Tag fahre ich los und versuche sie an den Haustüren loszuwerden. (Haustürgeschäfte laufen besser. Denn Haustüren wird man wenigstens hin und wieder los. Aber Buchstaben …) “Sehen Sie sich dieses A an. Sie könnten es im Wohnzimmer aufstellen.” – “Kein Bedarf”. Und schon knallt die beim letzten Haustürgeschäft erworbene Tür ins Schloss. Heute ist Sonntag. Ein Tag der Ruhe. Vermeintlich. Die Mägen meiner Kinder rebellieren. So viele Kinder. Sie sind überall. Achtzehn, nein, es sind laut einer letzten Zählung sogar dreiundzwanzig Kinder. Ich hätte in Leipzig sein sollen, um mir die neusten Buchstaben anzusehen. Der Markt ist am Einbrechen. Vielleicht fehlte ich deshalb. Der neuste Hit sind elektronische Buchstaben, die auf Bildschirmen erscheinen. Meine Frau macht in Hartz IV. Auch kein Job, bei dem man reich wird. Ich werde jetzt frühstücken. Frühstücken ist der Versuch, bereits am frühen Morgen zu stücken. Nicht zerstückeln. Dafür sind die Serienmörder zuständig. Stücken bezeichnet die Methode, sich Stück für Stück durchs Leben zu bewegen. Erst ein Stück Brot, anschließend ein Stück Lektüre, danach ein Stück Atemzug. Alles nacheinander. Stück für Stück. Eine alte, aus dem Buddhismus stammende Methode der totalen Konzentration auf ein Stück Leben.

15.3.2014

Zur Gegenwartsliteratur

Auszüge aus dem momentan grassierenden scharfzüngigen, hochgeistigen Schlagabtausch im Feuilleton zur Lage der Gegenwartsliteratur: “Schreibschulen sind doof!” – “Nein, sind sie nicht.”

15.3.2014

Eilmeldung

Sie kann es einfach nicht lassen. Sibylle Lewitscharoff bezeichnete während einer Rede über Kunstrasen die Pause während eines Fußballspiels verächtlich als “Halbzeit”.

14.3.2014

Aus meinem Tagebuch

Bin schon wach. Schon wieder. Werde heute zur Blutentnahme gehen. Es muss getestet werden. Was befindet sich darin? Ist alles mit dem Autor von Welterfolgen wie “Melodien für tanzende Bären” und “Der Glöckner saß im Bus, aber es war der falsche; es war der, der nie abfuhr” in Ordnung? Leidet er an einer bipolaren Störung? All dies kann man an der Schwärze und dem Gerinnungswert des Blutes ablesen. Sieben Liter werden entnommen. Abgezapft. Direkt in einen Bierkrug hinein. “Sicher ist sicher”, sagte der Doktor bei unserem letzten Zusammenkommen unter den Linden in Berlin. Ein Zufallstreffen, das er rasch für eine Untersuchung nutzte. Die Leute an der Bushaltestelle starrten, aber uns hielt dies nicht auf. “Und jetzt nach vorne beugen und husten!”

14.3.2014

Urteil

Da saß ich. Das Gesicht versteinert. “Drei Jahre und sechs Monate”, sagte der Richter. Ich schrie auf. Endlich noch einmal Kind sein. Drei Jahre. Ich hätte mein ganzes Leben noch vor mir. Sie führten mich zur Zeitkapsel. “Lebt wohl, ihr Idioten!”, rief ich noch. Dann wurde es schwarz um mich herum.

13.3.2014

Frack

Als sie ihn fanden, war er ein Frack. Bestürzung! Wie hatte es so weit kommen können? Sie packten ihn sorgsam in eine Tüte und informierten seine Exfrau.

13.3.2014

Erste Sätze

Die Gespenster waren begeistert.

13.3.2014

Erste Sätze

Millionen Füße massierten an diesem Vormittag die Fußgängerzone.

13.3.2014

Widerstrand

Ich befand
mich 1968
im Widerstrand.
Als Widerstrandskämpfer
buddelte ich mich
in den Untersand
und ließ Sandburgen
einstürzen.
Außerdem
pinkelte ich nachts
heimlich
ins Meer.

11.3.2014

Warum ich schreibe (Ein Lebenslauf in Kurzform)

“Was willst du denn mal werden?”, fragte mich mein Vater oft.

“Na, nichts, ich will hier sitzen und bis ans Lebensende alle Folgen von Ein Colt für alle Fälle gucken.”

So lautete für gewöhnlich meine Antwort. Ich war super im Umschalten. Keiner hielt die klobige Fernbedienung so gekonnt wie ich. Wie ein Revolverheld. Wie ein Dauerwichser. Mein rechter Arm bildete sich aus. Die Muskeln schwollen an. Sie explodierten regelrecht.

Es kam im Laufe der Jahre zu einem körperlichen Ungleichgewicht. Rechts Masse, links nix. Aber meine Augen waren beide trainiert. Adlerspähzupackaugen. Ich konnte jeden noch so kleinen Gegenstand im Fernsehen entdecken. Kleinste Haare, die vielleicht Schamhaare waren. Dinge, die eklig waren, und die man vergessen hatte, fortzuwischen. Meine Augen fanden oft solche unpassenden Hinterlassenschaften. Wie Menstruationsblut. Die Derrick-Folgen waren voll damit. An jeder zweiten Stuhllehne klebte welches. Ich schrie im Schlaf auf. Weil ich davon geträumt hatte. Man stellt sich Fragen. Wie kommt das Menstruationsblut auf die Stuhllehne?

Schließlich wurde ich älter. Ich ergraute. Meine Haut fiel ein. Nur die Muskeln im rechten Arm blieben. Mein Stück Beständigkeit im Leben.

Das Fernsehen veränderte sich. Die Privaten kamen dazu. Die Werbepausen wuchsen. Zunächst genoss ich sie noch, diese kleinen Filmchen, die von Glück und Unglück, von Wäsche und von Autos erzählten, von Familien im Dauerlachmodus, aber nach einer Weile langweilten sie mich doch.

Auf dem Tisch vor mir, ich war damals übrigens gerade 30 geworden, lag ein Bogen Papier. Und ein Stift. Ich sah sie mir an. Wie Insekten. Ich hatte Angst vor ihnen.

Ein wenig bereute ich es, nie in die Schule gegangen zu sein. Ich griff nach dem Insekt, nach dem Blatt. Malte etwas vor mich hin. Kleine primitive Männchen, die auf einem Sofa lagen und eine riesige Fernbedienung in der Hand hielten. Glückliche primitive Männchen, die wild vögelten. Mit einem Sofakissen. Ich weiß, auch die Sexualität leidet unter einem Leben auf dem Sofa.

“Ja, willst du denn nie eine Familie gründen?”, fragte mich meine Mutter und blickte meinen Vater dabei an. Als ob sie sich vor mir und meinen Augen fürchtete.

“Aber Mutter, ich bin noch so jung. Das hat doch noch Zeit. Bring mir lieber das Schreiben bei.”

Mutter setzte sich neben das Sofa, weil darauf kein Platz mehr war. Dort lagen ja bereits meine Beine und leere Packungen von diversen Pizzalieferanten.

Und so kam ich zum Schreiben. In den nächsten Jahren brachten Mutter und Vater mir das Schreiben bei. Nur in den Werbepausen, weil ich doch nichts verpassen wollte. Auch die zahlreichen Wiederholungen nicht, die ich wie Wiedersehensfeiern gestaltete. Da wurde viel geheult. Manchmal sah ich vor lauter Tränen nichts. Das A-Team in Schlieren. Es könnte auch am Fernseher gelegen haben, der allmählich den Geist aufgab.

Vor einem Jahr, ich wurde gerade 43 Jahre, beendeten wir die Ausbildung.

Jetzt könnte ich ein erfolgreicher Autor sein, habe aber gar keine Zeit, weil ich RTL Nitro entdeckt habe, einen Sender auf dem sie alle alten Colt-Seavers-Folgen wiederholen.

Nur manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, schreibe ich, während draußen Fulda zum Leben erwacht. Fulda ist eine gemeine und laute Kleinstadt, die mit Gummireifen und Priestern überläuft. Die Priester ziehen durch die Straßen und singen auf Latein, dass die Leute ihre Kinder herausgeben sollen. Zum Glück sprechen nur noch wenige Fernsehzuschauer Latein. Ich weiß es aus dem Fernseher, was hier geschieht. RTL EXPLOSIV, das ist eine der Sendungen, die einem alles erklären, was man wissen muss, um in Kleinstädten wie Fulda zu überleben.

The vorläufiges End

Der junge Mann hat ein wenig Ähnlichkeit mit Colt Seavers. Er sieht hin. Diese Augen, die alles entdecken. Auch Schamhaare.

11.3.2014

Voraussagen (Abgeschlossene Minikurzgeschichte)

“Ich”, sagte er. Dabei wollte ich das gerade sagen. “Sage.” Schon wieder war er schneller. Das war mein Wort gewesen. “Voraus.” Ich hasste ihn dafür.

10.3.2014

Warnung des Tages

Gerade gelesen, dass eine neue Form von Mietnomaden, die “Ästheten”, Wohnungen “aufgemotzt” hinterlassen. Eine Vermieterin aus Köln: “Meine Wohnung wurde komplett mit einer Bibliothek und einem Kamin ausgestattet. Wahnsinn. In der Gegend ist so etwas nicht zu vermieten. Das kann mein Ruin sein.” Deshalb Obacht, an wen Sie künftig vermieten.

9.3.2014

Weltraumbiker

Sieh mich an,
meinen Kometenschweif,
wie ich
über die Milchstraße rase.
In meinem Asteroidengürtel
eine Mondsichel.
Sonnenwinde im Gesicht.
Meine Schubkraft habe
ich mir antrainiert.
In meiner Tasche
die Gravitationsgesetze,
um Recht zu sprechen,
wo Planeten sind.
Die Atmosphäre zwischen
mir und meinem Mondkalb
ist mehr als gut.
Angespannt nur mein Gurt.
Meine Triebwerke künden
von meinen Taten.
So durchreise ich Sternennebel.
Meine Lieblingsband heißt Supernova.
Bin unterwegs zur Whirpool-Galaxie,
um dort zu baden.
An meinen Raumschiffwänden
Sternbilder,
um mich zu erinnern,
an das, was war,
an das,
was sein wird.

Aus meinem Tagebuch

5. März 2014

Schlecht geschlafen. Tigerte durch die Wohnung. Selbst das Cellospiel konnte weder mich noch die Nachbarschaft beruhigen. Schrieb auf dem Klo ein Sonett mit dem Edding auf die Kacheln. Als ich es gar nicht mehr aushielt, weckte ich meine Frau. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Jetzt Pizza, obwohl Adorno davon abriet. Man trägt seine Risiken als selbstständig denkender Intellektueller.

6. März 2014

Ohrenschmerzen. Werden die in Fachkreisen nicht als Geniekrankheit bezeichnet? Traumlose Nacht. Sollte mehr schweres Essen vor dem Schlafen vertilgen, um auf mein Quantum Albtraum zu kommen, das ich so dringend für meine Schreiberei benötige. Große Pläne wollen an diesem Tag verwirklicht werden. Versuchte den Stuhlgang durch immense Mengen Kaffee anzukurbeln. Sollte den Zigarettenkonsum einschränken. Erwache bereits mit einer brennenden Kippe. Das wird irgendwann noch in die Hose gehen. Vielleicht wäre es ein Anfang, die Poster von Böll zu entfernen. Böll, rauchend beim Schreiben, rauchend beim Spülen, rauchend bei der Verleihung des Nobelpreises. Spielte auf der Trompete das Wecksignal aus der Soldatensymphonie von Herrlich. Großer Auflauf in meinem Arbeitszimmer. Begeisterungsbuhrufe. Werde mich jetzt noch eine kleine Weile ausruhen, bevor ich weiter an meinem deutschen Vergangenheitsroman schreibe, über den die Kritiker momentan so lebhaft streiten. Dazu später mehr. (Stichwort: Der deutsche Vergangenheitsroman steckt in der Krise!)

Abends: Habe den ganzen Tag an meinem Roman geschlafen. (Der Kopf lag auf der Tastatur. Erwischte ein rollendes Lewitscharoff-R, das wie eine Tsunamiwelle über den Bildschirm schwappte.) Später Klingelmännchen bei Löfflers, die zwei Straßen entfernt wohnen. Meine Frau meinte, die Löfflers dort hätten nichts mit der Literaturkritikerin gemein. Egal. Hier tritt die Namenshaft in Kraft. Die anderen Nachbarn, bei denen ich Klingelmännchen “spiele”, müssen schließlich auch unter ihren Namen Walser, Karasek und Mangold leiden. Jetzt ein Cappuccino, auch wenn Kant in seinem Aufsatz “Kritik der Kaffeekultur” vom Verzehr dieses Getränks, “das jeglichen kategorischen Geschmacks entbehrt”, abrät.

7. März 2014

Bin krank. Erzählte meiner Frau, dass die Welt gerade unterginge. Bat sie, Trauerkleidung anzulegen. Sie meinte, ein Schnupfen hätte noch keinen umgebracht. Ließ mich von den Kindern an den Schreibtisch schleifen, damit man meine Leiche mit der Nase in der Arbeit zu meinem letzten Roman findet. Nachdem ich angeschnallt und nicht mehr in der Lage war, auf den Boden zu stürzen, musste meine Frau bei Suhrkamp anrufen. Sprach über den Lautsprecher mit ihnen. Ich sei der Totgeweihte, erklärte ich mit nasaler Stimme. Aufgelegt. Nächster Versuch. Ich bin die Stimme der deutschen Vergangenheitsliteratur. Wieder aufgelegt. Um meinen Zorn zu kanalisieren, ließ ich anschließend bei Rowohlt anrufen. Sagte kein Wort. Sie fragten zweimal nach, wer da sei, bis sie erzürnt aufgaben. Die Rache ist mein. Jetzt werde ich Zigarettenrauch inhalieren. Die Gesundheit geht vor.

Abends: Lag dem Sofa auf der Brust. Horchte es ab, neben mir Dr. Westphal, mein neuer Psychiater, der mich zu meiner Kindheit befragte. So vieles kam hoch. Die peinlichen Momente vor dem Tribunal aus Eltern und Tanten, die mich zwangen, in einem Eileiterkostüm vor ihnen auf- und abzumarschieren. Westphal führt meine Inkonsequenz, die mich des Nachts befällt, auf diese frühen Erlebnisse zurück. Rammdösig lauschte ich seinen Ausführungen zu Freud und dessen Theorie über Männer, die den Wunsch verspüren, mit einem Zwieback zu kopulieren. Meist stände das traumatische Erlebnis eines leeren Regals am Anfang einer solch verzweifelten sexuellen Entwicklung. Als ich Westphal versicherte, nie etwas mit einem Zwieback gehabt zu haben, auch an leere Regale könne ich mich nicht entsinnen, erhob er sich erbost und stürmte ins Schlafzimmer. So wolle und könne er nicht arbeiten. Trotz seiner Abneigung gegen mich, scheint Westphal bleiben zu wollen. Werde heute Nacht wohl oder übel im Wohnzimmer nächtigen.

Später: Meine Frau sitzt vor dem Fernseher. Schrieb diverse Mails an die großen Tageszeitungen, in denen ich auf meinen gerade entstehenden Roman hinwies. Bat darum, nicht aus den Teilen, die ich als Anhang mitschickte, zu zitieren. Das könnte einen langwierigen Rechtsstreit zur Folge haben. Ansonsten, auch dies schrieb ich, sei ich ein harmoniebedürftiger Kerl. Umgänglich, wie meine Freunde sagen, die einen Bogen um mich machen. Heute Abend wird es noch einen Film von Arne Jakobson geben, nicht im Fernsehen, sondern auf DVD. Ein Arthouse-Porno, der im Schimmelkäseherstellermilieu spielt. Alles im frankokanadischen Original mit französischen Untertiteln. Westphal ist zum Glück verschwunden.

8. März 2014

Die ganze Familie ist inzwischen an der Geniekrankheit Ohrenschmerzen erkrankt. Bei Schopenhauer kann man bereits darüber lesen. Über seinen Hang zu Ohrenschmerzen und warum ausschließlich Genies daran leiden. Wie auch an dem Unvermögen, Rechenaufgaben zu lösen. Und staubsaugen können sie auch nicht. Alle sind krank! Alle sind Genies! Ich fühle mich unwohl wie seit Jahren nicht. Versuchte meiner Frau und den Kinder einzureden, dass ihnen nicht die Ohren schmerzen, sondern der kleine Teilbereich daneben, wo bei anderen das Hirn sitzt. Um gleichmäßig zu atmen, um meine innere Mitte wieder zu erreichen, las ich in Blochs “Prinzipiell schon”, in dem er über die Ausreden moderner Genies schreibt. “Würdest du?” – “Prinzipiell schon, aber …” Seitenweise Geschwafel. Warf es in die linke Ecke des im Kinderzimmer aufgebauten Tors und vergnügte mich stattdessen mit “Zwei geile Knödel” von Josefine Mützenberg. Jetzt onanieren, wer weiß, vielleicht setzt sich die Büchner-Preisträgerin und Inquisitionsbeauftragte Lewitscharoff durch, die ein Verbot der morgendlichen Handgymnastik für weise hält.

Auszug aus “Zwei geile Knödel”: Geil knetete er meine beiden Knödel, die ich erst frisch an diesem Morgen in einen BH gezwängt hatte, der nun achtlos weggeworfen neben dem Bett lag. Wie ein Tier, das erlegt worden war. Traurig schielte ich zum BH hin, der sich nicht rührte, bis mir einfiel, dass er dazu gar nicht in der Lage war. Robert lag indes auf meinen Körper wie auf einer Aussichtsplattform, steif wie ein Scharfschütze, der sich auf seinen Schuss konzentrierte, der, bei der Größe seines kleinen Wurms, ich sah es ein, auch sein Ziel verfehlen konnte. Und tatsächlich, als hätte ich besser nicht darüber nachgedacht, erlegte er die Innenseite meines Oberschenkels.

9.3.2014

Merkwürdige Romantitel (4)

Der barhäuptige Kneipier

9.3.2014

Merkwürdige Romantitel (3)

Meine kalten Flüsse

9.3.2014

Merkwürdige Romantitel (2)

Schlüsse in der Nacht

9.3.2014

Kannibalenfrühstück

Kurz hinter
dem Wald
nahmen wir
den ersten
Grenzposten ein.
Auf Toast,
scharf angebraten.

8.3.2014

Gildo & Rohm

Halbwesen

Ich weiß gar nicht,
was die Leute gegen uns
haben,
immerhin benötigen wir
nur die eine Hälfte
eines Stuhls.
Und an die Wand kleben
kann man uns auch.

8.3.2014

Merkwürdige Romananfänge (13)

“Eine äußerst abwegige Route”, sagte der Wanderführer.

7.3.2014

Gildo & Rohm

Dichterschweiß

Riecht, die Dichter,
wie sie inspirieren.
Kein Deo kann helfen.

5.3.2014

Sprungspur

Mein Sprung
in den See
hinterlässt
ein Wasserzeichen,
das verebbt.

5.3.2014

Harte Fakten zum Thema Schlaf

Schlaf! Seit Generationen wird er überschätzt. “Der Körper benötigt ihn gar nicht”, so Dr. Westphal von der Universität Dasau. Schlaf lässt die Hirnzellen absterben. Weiterhin leidet die Potenz des Mannes. Bei der Frau kommt es zu Haarausfall im Genitalbereich. Wer schläft, der sündigt. Eine Studie konnte nachweisen, dass 70% aller Männer im Schlaf außerehelichen Verkehr praktizieren, während 90% aller Frauen froh darüber sind, wenigstens im Traum einmal nicht von ihren Gatten belästigt zu werden.
Um es kurz zu sagen: Schlaf ist der Untergang der menschlichen Zivilisation. Meiden Sie ihn deshalb, wo immer Sie seiner auch ansichtig werden. Schlaf! Die Geisel der Moderne!

4.3.2014

Rede wider dem Gries

Gries war noch nie eine Antwort. Am Gries wollen die Hersteller von Gries verdienen. Sie wollen euch einreden, dass der Gries eure Probleme löst. Sie fordern Esser. Und finden sich freiwillig keine, werden sie bezahlte Esser engagieren, um den Gries zu exportieren. Griesgeschäfte.
Und die Griesopfer? Seht sie euch an. Besucht sie in den Heimen, die Griesversehrten. Sie werden euch die Wahrheit erzählen. Darum: MAKE LOVE, NOT GRIES!

4.3.2014

Gildo & Rohm

Antigriesgedicht

Gries, riefen sie.
Junge Männer mit
Nachttöpfen auf den Köpfen.
Keine Ahnung, woher sie kamen.
Nicht aus dem dritten Stock.
Sonst hätte ich sie ja gekannt.

Gries, riefen sie.
Und später zogen sie
in den Gries,
die Dummköpfe,
wo doch jeder weiß,
wie klebrig der wird,
wenn er abkühlt.

3.3.2014

Rosenmontag

Am Rosenmontag stehen sie hier Kopf. Kopfstände, wohin das Auge blickt. Umzüge, bei denen sie hinten auf den Anhängern im Kopfstand stehen und mit den Füßen winken. Ein seltsamer Brauch aus den alten Tagen. Verwegenen Jahren, in denen man noch davon träumte, ein Leben im Kopfstand verbringen zu dürfen. Zwischen den Zehen Rosen. Betrunkene lassen sich im Kopfstand auf Skateboards von Kneipe zu Kneipe rollen. Übergeben sich, indem sie es laufen lassen. Fürchterlich.

3.3.2014

Montag

Träumte, einen Oscar für mein Lebenswerk erhalten zu haben. Stand ziemlich trottelig da und hielt einen schlaffen Luftballon in die Höhe. Kaum Applaus. Niemand kannte meinen Musical-Film über Norbert den Ballon, der davon singt, über die Alpen fliegen zu wollen. Stattdessen Schweigen. Entsetzte Blicke, bis man erklärte, es handele sich um einen Scherz. Der Oscar ginge an Uwe Boll. Rauswurf. Ich dem Moment erwachte ich auf dem roten Teppich vor dem Bett.

2.3.2014

Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

warum habe ich noch keinen Literaturpreis gewonnen? Liegt es daran, dass ich zu gut aussehe? Daran, dass ich mich bei keinem bewerbe? Die Rätsel, die die Menschheit im Dunkel des Unwissens halten, scheinen mir unlösbar. Heute habe ich übrigens, denn auch dies gehört in ein Tagebuch, Spinat mit Kartoffeln und Ei gegessen. Meine Muskeln werden es mir danken. Damit sie sich Bewegung verschaffen können, habe ich mir eine Hundeleine gekauft. So können die Muskeln spielen, während ich auf dem Sofa lümmele. Ein weiterer aufregender Tag in meinem Leben nähert sich seinem Höhepunkt.

Dein Guido

2.3.2014

Ein Wrackment

Graue Häuser. Kein Meer davon. Einzelne Tupfen. Inseln. In den Häusern Menschen, die in den all den Jahren ebenfalls grau geworden sind. Ihre Seelen grau. Die Hüte und Mäntel grau. Die Gedanken grau. Die Lebensgewohnheiten grau. Die Wiesen sind grau.

Heinz erwacht in seinem grauen Bett. Erwacht aus seinem grauen Schlaf, neben ihm Gaby, die sich die Haare wasserstoffblond gefärbt hat.

So trägt man das, sagt sie.

Sie hat es im Fernsehen gesehen. Die Bilder im Fernsehen sind bunt. Sie zeigen die Welt auf der anderen Seite des Zaunes.

Ich will da rüber, denkt Gaby manchmal. Wer will schon in einer grauen Welt leben, wenn es auch eine bunte gibt.

Lügen des Feindes, erklärt der Sprecher der Regierung. Die Welt drüben ist nicht bunt, sie wurde nur eingefärbt. Mit künstlichen Farben, die giftig sind. Das Bunt tötet, sagt der Regierungssprecher. Grau dagegen macht alle gleich. Farben unterscheiden sich. Farben wären der Weg in den Faschismus.

Heinz kann das schon nicht mehr hören. Die Regierung ist ihm egal. Seine Frau nicht. Die Töchter nicht.

Heinz grübelt seit Jahren, wie er sie glücklicher machen könnte. Indem er Farben kauft. Er könnte seine Welt anmalen. Eine Revolution aus Blau, Rot, Grün, Gelb.

Wenn er nur nicht so müde wäre. Malt er alles an, macht er sich und seine Familie zu Außenseitern. Sie würden zu einer Oase im Dorf.

Heinz stöhnt und müht sich aus dem Bett, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Heinz fährt LKW. Täglich transportiert er nichts. Er hat keine Ladung, weil es keine gibt. In diesem Land gibt es keine Arbeitslosen, also muss das Nichts herhalten, um die Leute zu beschäftigen.

Tonnen von Nichts hat er bereits gefahren.

Was?, fragt Gaby.

Heinz sieht sie nicht verwundert an. Eine Frage, die auf nichts abzielt, die einfach so in den Raum geworfen wurde.

Nichts, antwortet Heinz.

Das Nichts hat sich bereits in ihren Alltag geschlichen. Es hat sich eingenistet. Wo sie auch hinsehen, entdecken sie nichts. Und das Nichts nimmt zu. Es ist, als würde es sich ausdehnen. Es verdrängt das Grau. Menschen und Häuser verschwinden. Beschwert sich einer, schlägt das Nichts zu und lässt ihn verschwinden. Das Nichts zieht ihn in sich hinein. Er wird zu einem Teil des Nichts. Wird selber zum Nichts.

Warum nicht, denkt Heinz.

Alle besser als das Grau. Das Grau, das sie alle nicht mehr sehen können. Das Grau, das ihre Sehnsucht weckt.

Wieder und wieder versuchen welche zu fliehen, hinüber in das bunte Land.

Verräter seien sie. Flüchtlinge. Die Regierung tut alles, um die Bevölkerung vor dem Bunten zu schützen. Bewaffnete Grenzer laufen die Mauer auf und ab. Es gilt der unbedingte Schießbefehl.

Heinz sieht nach den Kinder, die nicht in ihren Betten liegen. Das kann nicht sein. Er durchwühlt die Betten. Ruft nach ihnen. Schreit. Er läuft aus dem Haus. Stolpert über einen grauen Hund, der eine graue Katze jagt.

Was ist da draußen los, beschwert sich der Nachbar.

Meine Töchter sind verschwunden.

Nichts ist passiert, sagt der Nachbar.

Könnte das sein. Heinz überlegt fieberhaft. Das Nichts. Könnte es sich seine Kinder gegriffen haben?

Gaby tritt neben ihn. Beruhigt ihn. Nichts sei passiert. Sie weiß also vom Nichts. Von seinem Hunger. Schweiß fließt.

Sie haben bei einer Freundin übernachtet. Hast du das etwa vergessen. Gaby schüttelt den Kopf.

Heinz überlegt. War da was? Er kann sich nicht erinnern. Das Nichts. Es macht sich an seinem Hirn zu schaffen.

Gaby führt ihn ins Haus. Sie setzen sich an den Tisch. Frühstücken. Sprechen nicht. Warum sprechen? Heinz packt ihr zum Abschied an die Brust. Heftig und überraschend.

Ist was?, fragt Gaby

Heinz überlegt. Schließlich sagt er: Nichts!

1.3.2014

Ins Tagebuch

Liebes Tagebuch,

ich bin krank, so krank, dass man mich in einem separaten Raum untergebracht hat. Das würde schon wieder, erklärte mir die Familie. Man schiebt das Essen mit einer langen Stange an mein Bett heran. Ich liege da und starre an die Decke, hin und wieder lasse ich auch meinen Blick schweifen. Die vergitterten Fenster bereiten mir keine Angst, aber ein Gefühl der Beklommenheit ist nicht zu leugnen. Um mich zu unterhalten, schreibe ich. Nicht nur diesen Eintrag, sondern auch Rechnungen, die nicht der Realität entsprechen. Rechnungen in der Tradition des magischen Realismus, die in etwa so beginnen: “Jahre später sollte ich mich daran erinnern, dass der General mir noch Geld schuldete.”

Dein Guido

28.2.2014

Ins Tagebuch

Geschrieben. Geschrieben, als ob mein Leben davon abhängen würde. Geschrieben, bis ich so sehr schwitzte, dass es in Strömen lief. Der Schweiß bildete Pfützen. Ich stank. Stank so sehr. Bestialisch. Ich schrieb weiter. Die Nase lief. Keine Zeit. Es tropfte auf die Tastatur. Alles wird zur Literatur. Das eben auch. Als ich schließlich aufhörte, sah ich verwundert zur Uhr. Fünf Minuten. Ich hatte tatsächlich ganze fünf Minuten geschrieben.

28.2.2014

Wie ich einst dem Literaturbetrieb den Rücken kehrte

Da stand ich. Mitten auf der Buchmesse. Alle waren da, der ganze Betrieb. Ha, dachte ich. Ich kehrte ihnen meinen Rücken zu. Um auch wirklich allen den Rücken zuzukehren, drehte ich mich wie wild im Kreis. Schneller! Mir war schon ganz schlecht. War das nicht Scheck? Ja, auch ihm drehte ich den Rücken zu. Ich sah gar nicht, ob er es bemerkte. Überhaupt bekam ich an diesem Tag nur sehr wenig vom Betrieb mit. Schade eigentlich.

26.2.2014

Satzkatze

Ein Satz ist kein Spaziergang, sondern eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Da läuft sie, die Satzkatze, rundherum im Kreis und meint, die Welt zu umrunden, wo sie doch nur unentwegt um sich selber kreist.

26.2.2014

Lehrgedicht für Landwirte und deren Getier

Hochwohlschnabel

Hochmütig,
nicht willens
der Erde mit ihrem Schnabel
einen Besuch abzustatten,
verhungerte die Arrogans.
Wäre das Regenwasser
nicht gewesen,
sie wäre schon früher
verstorben.

26.2.2014

Mit wippenden Füßen

Als ich Zadie das letzte Mal anrief, ging keiner ran. Vermutlich stand sie unter der Dusche oder schrieb. Ich wollte ihr erzählen, dass ich ihren letzten Roman London NW gelesen hatte, darüber, wie es ihren Protagonisten Leah, Michel, Natalie, Nathan, Felix ergangen war, und ich wollte darüber sprechen, dass London NW inzwischen überall ist, wenn auch ein wenig mehr NW in NW steckt als im Rest der Welt, was ich aber nur vermuten kann, weil ich nie dort war.

Das ist das Problem und die Schönheit, weil Exotik eines Romans, dass man sich einlassen, fallen lassen muss, um am Grund eines Buches aufzuschlagen, am besten mit Schürfwunden, damit man die Geschichte auch körperlich liest.

Als ich Zadies Buch aufschlug, war das erste, was mir entgegenschlug, ein bedrückendes Gefühl der Schwüle, der Unbeweglichkeit, der Zeit, die nicht vergeht, aber vertan und gefüllt werden will. Wie wir alle träumt Leah, die mit Michel verheiratet ist, davon, das Glück zu finden. Es mit ihren Nägeln aus dem Sud zu schaben, in dem sie lebt. London NW ist zu einem Schmelztiegel geworden, in dem die Hautfarbe kaum noch eine Rolle spielt. Der Anpassungszwang, der Wille, sich zu integrieren, schafft am Ende die gleichen Wirtschaftsmonster. Kommunismus als Endziel innerhalb des Kapitalismus. Alle sind gleich, bleiben aber nur gleich, wenn sie das Ziel haben, noch gleicher als alle anderen zu sein.

(Na, wenn ich mich da jetzt mal nicht in ein Knäuel verworrener Gedanken geschrieben habe.)

Die Sprache, noch ein Wort zu ihr, weil ich das Zadie auch sagen wollte. Sie ist gekonnt, so gekonnt, dass es manchmal fast zu handwerklich aussieht. Aber wenn sie rappt, wenn sie alles auffängt, was ihre Figuren sehen, wenn es zu einem jazzigen Anspielen aller Lebensseiten kommt, wenn Müll, Schilder, Gestank und Gedanken sich vermischen, ist es wunderbar. Man lauscht der Textmelodie und wippt mit den Füßen, mit der Gewissheit an etwas ganz Großem teilzuhaben. Das Buch wird zu einem verrauchten Club, in dem man sich an Leute lehnt, um ihren Storys, die sich mit der Restatmosphäre vermischen, zu lauschen.

Leah will ein Kind, flüstern sie, lässt abtreiben, liebt Michel, sie stammt von Pauline, die ihren kleinen Rassismus pflegt, sie stammt aus Caldwell wie Felix, der den Drogen entkommen ist dank Grace, der sich nicht entkommen kann, nicht seinem Körper.

Am Ende könnte man das Buch auch wie einen Film nennen, den ich kürzlich sah: PRISONERS. Alle sind sie gefangen, in sich, den Lebensumständen, den Anderen, der Herkunft, und alle strampeln sie, um vor dem Tod noch gelebt zu haben.

Ein aktueller Roman, kühn und kühl und angefüllt mit Klang. Das alles wollte ich Zadie erzählen, als ich anrief, aber sie nicht abhob, weil sie gerade unter Dusche war oder schrieb.

Egal wann du das hier liest, und auch wenn es schwer über das Googleübersetzungsprogramm wird, einen Sinn darin zu erkennen: DANKE!

25.2.2014

T reist zur Behandlung nach Deutschland

“Ost doch scheiße”, sagt T.

“Ist”, verbessert ihn sein Trainer.

Immer muss mich der Trainer verbessern, denkt T und nippt an seinem Kaffee, den ihm seine Mutter vor der Abreise vorbereitet hat. Sie hat ihn in einen Becher gefüllt und ihn darauf hingewiesen, dass er blasen muss, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Mit dem Becher in der Hand ist er zum Bahnhof, er und sein Trainer, der sein Gepäck getragen hat. T konnte ja nicht, des Bechers wegen. Mit dem Becher ist er zum Bahnsteig gehetzt, weil sie viel zu spät dran waren. Dann rein ins Abteil und schon schoss der Zug mit 380 Sachen aus dem Bahnhof. Und nun sind sie unterwegs zur Behandlung nach Deutschland.

“Ich dachte, wir wohnen in Deutschland”, sagt T zu seinem Trainer.

“Zerbrech dir mal nicht den Kopf und trink deinen Kaffee, T!”

T bläst und nippt. Er hätte, so denkt er, niemals Spitzersportler werden dürfen. Das hat er jetzt davon, die Hände sind kaputt vom vielen Spitzen.

“Müsstest du nicht den Becher halten?”, fällt T ein. “Meine Hände sind ja ganz kaputt vom vielen Spitzen.”

Der Trainer, der aus der Russland stammt, tut so, als würde er kein Wort verstehen.

T stellt den Becher, der zur Hälfte geleert ist, ab und steht auf, um sich die Füße zu vertreten.

“Mach mal einen kleinen Spaziergang”, sagt T.

Draußen vor dem Abteil ist eine Menge los. Markttag. Frauen verkaufen ihr Gemüse und ihr Schlachtfleisch. T muss sich dünn machen, um sich seinen Weg zu bahnen, bis ihn etwas an seinem Ärmel zupft.

“Bist du nicht T?”, fragt ihn ein kleiner Junge.

T lächelt verstimmt. “Willst wohl ein Autogramm, was?”

“Lieber nicht”, sagt der Junge. “Aber meine Mama hat gesagt, du könntest mein Vater sein.”

“Na, jetzt aber mal nicht unverschämt”, sagt T, “sonst bekommst du eins hinter die Löffel.”

“Was ist mit deinen Händen? Warum sind die Finger so verbogen?”

“Übertrainiert”, stöhnt T.

Bilder aus dem Trainingslager tauchen auf. T sieht sich beim Spitzen unzähliger Bleistifte. Neben ihm ein Heer aus angespitzten Bleistiften. “Du musst noch viel schneller spitzen!”, feuert ihn sein Trainer an.

Und jetzt?

Jetzt muss ich zur Behandlung nach Deutschland, denkt T. Das habe ich von meiner Sucht, ein Spitzersportler zu sein.

T packt dem Jungen ins Gesicht und drängt ihn zur Seite.

“Wo bin ich überhaupt?”

Erschrocken muss er feststellen, dass er sich vollkommen verlaufen hat.

Warum nicht, denkt T und steigt am nächsten Bahnhof aus, um in einer badischen Stadt ein neues Leben zu beginnen.

24.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (11)

Ich hatte ihn mit einem glatten Überschuss verfehlt.

24.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (10)

Wow. Ich war tatsächlich auf der abgesagtesten Party des Jahres.

23.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (9)

Verfahren. Und das ausgerechnet auf dem Weg zu meinem Gerichtstermin.

22.2.2014

Samstag

Aufgestanden in Ruinen. Über Nacht brannte mein Haus durch. Zurück blieben Kleinigkeiten. Ein ungespitzter Bleistift etwa, den ich aus Zorn in den Boden rammte. Wohin nun? Die Lage verlangt nach einem Plan. Schlug mein Zelt. Keine Reaktion. Frau und Kinder kaufen ein. Was wollen wir mit einem Ein, frage ich mich. Ein n-loses Ein würde uns wenigstens ansatzweise satt machen. Verzweiflung.

22.2.2014

Ungeschickt

Das Paket lag
ungeschickt
vor der Tür.

21.2.2014

Freitag

Aus Frust einen Laib Brot gegessen. Abfällige Bemerkungen über mein Aussehen. Versuche meine Selbstgespräche einzuschränken. Biervorräte geplündert. Könnte die Nachbarn überfallen. Verzweiflung über meine Gesamtsituation verschoben, weil mir der Stuhlgang dazwischen kam. Hoffe auf den Büchner-Preis.

21.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (7)

Da stand sie, nicht schön, nicht hässlich, die Kompromiss 2014.

21.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (6)

Um das Buch im obersten Regal zu erreichen, benötigte er ein Geständnis.

21.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (5)

Als der Wecker klingelte, schreckte er hoch. Der Aufstand begann.

20.2.2014

Merkwürdige Romananfänge (4)

Der Berliner Flughafen war gerade eröffnet worden.

20.2.2014

Donnerstag

Schnupfen. Lief schreiend über die Straße, bis ich von Halsnasenohrenspezialisten aus dem Süden aufgegriffen wurden, die mir die Nase reinigten. Leute mit laufender Nase dürften sie nicht auf die Menschheit loslassen, erklärte der federtragende Arzt, der sich als Häuptling Der die Pinzette verhöhnt vorstellte. Erwachte. Nur ein Traum. Erließ mir vor lauter Freude Schulden.

19.2.2014

Mittwoch

Würgte mich aus dem Bett. Schlug mir Salbeitee vor, den ich ablehnte. Notizen über die Schlechtwetterfront. Wie lange noch? Badete in einer Wanne aus Zürich, bis ich feststellte, dass das gar nicht meine Wohnung ist. Flucht.

19.2.2014

Ahnen der Abholzung

Fälle den Stammbaum.
Nur wenige Schläge
und ein ganzer Wald
fällt.

19.2.2014

Eilmeldung

Amazon zittert. Buchhandel auf dem Vormarsch. Pessimisten behaupten gar, das Ebook würde über kurz oder lang vom gedruckten Buch abgelöst. Es bleibt spannend.

17.2.2014

Montag

Krankheiten sind eine Verirrung der Natur. Hustete versehentlich ein Stück von Lodenbach. Momente der Scham. Lodenbach, der sich ein Leben lang dagegen verweigerte, in einem Atemzug mit Mozart genannt zu werden, schrieb ausschließlich Kammmusik. Sein Solo für einen Kamm gilt bis heute als uneingeschränktes Meisterwerk. Kann mich dem nicht anschließen. Kämmte mich stundenlang, um meinem Protest Ausdruck zu verleihen.

17.2.2014

Erziehen ist nichts für Weicheier

Wenn man Kindern heutzutage das Handy wegnimmt, um irgendwas zu beweisen, z.B. dass man erzieherisch nicht aus dem letzten Loch pfeift, kann es passieren, dass man ruckzuck ein Butterfly-Messer an der Kehle hängen hat und sich ein “War doch nicht so gemeint” aus dem Hals quetscht. Kinder. Sie meinen es doch gar nicht so. Und wenn sie später losziehen, zu einem Drive-by-Shooting oder zu einer Flugzeugentführung, sollte man sich keine Vorwürfe machen, sondern sich selbst mit dem Argument auf die Pelle rücken, dass alles noch viel schlimmer hätte können. “Hätte doch alles noch viel schlimmer kommen können.” Überzeugt. Geht doch.

16.2.2014

Sonntag

Wind. Und was für einer. Groß. Eckig. Ein Riesenkasten von einem Wind. Eher ein Sturm, der alles mit sich reißt, was nicht mit Stahlstreben verankert wurde. Was da alles am Fenster vorbeiflog! Leere Zigarettenpackungen, Erdnüsse, Wattebäusche, aber auch Regenschirme, Elefanten, Zierehemänner, Städte. Da hatten wir was zu sehen, die Kinder und ich. Ich gab ihnen den Rat, nie ohne Antiwindkraftgenerator aus dem Haus zu gehen. Realitäten des Alltags.

Aktuelles aus den Nachrichten: Die Bundesregierung will zukünftig ausländische Geheimdienste schärfer beobachten. Man plant, Ferngläser anzuschaffen. Stethoskope. Störgeräusche sollen das Abhorchen erschweren. Jeder Besucher bekommt ein Furzkissen auf den Stuhl gelegt. Die Mischung aus Furz und Kichern wird die feindlichen Spione allmählich in den Irrsinn treiben. Quietscheentchen werden zum Einsatz kommen. “Ich möchte auf die Lage im …” Quiiiiiiieeeeeeetsch! “… im …” Quiiiiiiieeeeeeetsch! Ja, man sollte uns nicht überschätzen!

15.2.2014

Berufe, schnell erklärt (2)

Schriftsteller sind Wortverdreher, die vom Mund in der Hand leben wollen. Umständlicher kann man nicht verhungern.

15.2.2014

Berufe, schnell erklärt (1)

Kritiker ist auch ein schöner Beruf. Das ist wie Mutter sein, ohne jemals Kind gewesen sein zu müssen.

15.2.2014

Freitag

Ich habe heute mit einer Erzählung begonnen, die ganz ohne Worte auskommen soll. Leere. Totale Leere. Abwesenheit. Vermutlich werden es so 120 Seiten werden. Oder mehr. Der Zauberberg war ja zunächst auch nur als Novelle geplant. Ob ein dreibändiges Werk der Abwesenheit Sinn macht? Es geht darum, dass die Leser sich einbringen. Sich und ihre Fantasie. Lange an der Eingangssequenz gebastelt. Die Leute werden denken, es hätte keine Mühe gemacht. Dabei war das eine Sauarbeit, weil man überlegen muss, welche Sätze man weglässt.

14.2.2014

Enthauptungstag

So! Valentinstag! Aha! Da muss man doch nur mal nachlesen, was es mit diesem Tag auf sich hat, um zu begreifen, dass es ein Hohefest der Perversen ist. Man feiert nämlich das Enthaupten. Man feiert die Gedankenlosigkeit, die die Liebe zeugt. Die Ehe. Scheidung. Unterhaltszahlungen. Untergang und Tod! Verdammnis! Bei Vaselinius finden wir die wichtigen Worte zum Thema: “Valentinstagsanhänger gehören einem blutigen Kult an, der das Enthaupten als Ziel allen Lebens sieht. Um nicht aufzufallen, verständigen sie sich mit dem Zeichen des Blumenstraußes, des aus der Erde gerissenen Erblühens, dem Symbol für Schändung und Tod.” Kranke Bande!

„Der Valentinstag am 14. Februar gilt in einigen Ländern als Tag der Liebenden. Das Brauchtum dieses Tages geht auf einen oder mehrere christliche Märtyrer namens Valentinus (in Frage kommen vor allem Valentin von Terni oder Valentin von Viterbo) zurück, die der Überlieferung zufolge das Martyrium durch Enthaupten erlitten haben.” Wikipedia

13.2.2014

Gildo & Rohm

Oh Mann, wir waren ein tolles Trio. Das blonde Gift tat dem Koffer und mir einfach nur gut. Wir machten die verrücktesten Sachen. Wir warfen Bänke um. Zertraten Luftschlangen. Wir ließen uns stundenlang auf dem Rücken den Fluss hinabtreiben, bis es keine Flüsse flussabwärts mehr gab. Ich Trottel ahnte nicht, dass sich längst etwas zwischen dem Gift und Charlie angebahnt hatte. Eine Flasche und ein Koffer. Das passte nicht in meinen Kopf. In einer Gewitternacht brannte die Elektrik im Motterl durch. Und die beiden Liebenden gleich mit ihr. Sie verschwanden auf Nimmerwiedersehen. So stand es auf einem Zettel, den sie mir auf die Stirn geklebt hatten. Dieser Kleber, ich bekam ihn kaum ab. Noch Jahre später knubbelte ich daran herum. Ich begann wegen des Klebers zu trinken. Fiel auf und schließlich von Bar zu Bar, in meinem Kopf diese sexuell aufgeladenen Bilder von Charlie und dem blonden Gift, die, während sie es taten, über mich lachten. “Flaschen und Koffer lachen nicht”, beruhigte mich Joe. Ihm gehörte eine Kneipe am Rande der Stadt. Dort lernte ich Wilhelmine kennen. Wilhelmine. Ein Körper wie eine Dynamitstange. Sie war Joes Frau. “Komm nicht mit Feuer in ihre Nähe”, sagte Joe. “Sie hat bereits ihre ganze Familie an Motter mit Feuerzeugen verloren. Sie ist und bleibt eine Dynamitstange.”

Auszug aus Raymond Motters Roman “Das große Schaf”

13.2.2014

Gildo & Rohm

Mit Mottern fürs Leben lernen

Lektion 1: Lesen macht hässlich!

12.2.2014

Gildo & Rohm

Aus dem Leben der Motter (1)

Motter können Mais nicht ausstehen. Es geht die Mottersage, dass einst ein Maiskolben FREHNLEHN, die Urmottermutter, in ein Feld lockte und dort vergewaltigte, zerhackte und tötete. Genau in dieser Reihenfolge. Harter Tobak, wie überhaupt alle Geschichten, die sich Motter allabendlich zum Einschlafen erzählen. Vermutlich stimmt sie gar nicht, aber trotzdem wird sie von Mottermund zu Mottermund getragen. Eine heikle und eklige Angelegenheit, die bereits zu vielen Krankheiten führte. (Mottermundschmotter nennt sich eine.) Trifft ein Motter nun auf ein Maisfeld, kann er sich nicht halten und ergeht sich in Beschimpfungen, die mehrere Maisgenerationen zurückreichen. Eigenwillig, aber nicht direkt inkonsequent bzw. eigenwillig, aber konsequent, um die schnelle Variation des Satzes auch noch angeboten zu haben.

Tagebuch eines Genmaisbauern

11. Februar: Genmais. Nichts wird so überschätzt. Kaum Gefahren. Erzähle es überall. Auch meinem Sohn, der, obwohl er mit drei Ohren auf die Welt kam, nicht zuhören will. Mit seinen sieben Händen wird er später eine große Hilfe für mich sein. Dort draußen auf den Feldern.

Aus “Tagebuch eines Genmaisbauern”, noch nicht geschrieben

11.2.2014

Schöngeredet – Die Wahrheit über Politik und Politiker

Wenn sich die Politiker der verschiedenen Parteien trafen, um über eine Erhöhung ihrer Diäten abzustimmen, steppte der Bär. „50 000 Euro monatlich”, forderte ein Hinterbänkler. Wer war das? Egal! Hier gab es eh nur gute Männer und ein paar Frauen. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Der eine oder andere wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. Man schrieb der Familie, dass der Sommerurlaub neu überdacht werden könne. Da sage mal einer, Politik würde nichts verändern. Man konnte eben doch groß denken, wenn es darauf ankam. In Maßstäben, die einem Empfänger von Hartz IV deutlich vor Augen führen musste, dass sich Engagement lohnte, wenn man sich ein wenig am Riemen riss.

Aus „Schöngeredet – Die Wahrheit über Politik und Politiker”, Sachbuch, vergriffen

10.2.2014

Gildo & Rohm

Erleuchtung

Die Dreharbeiten
erschienen plötzlich
in einem anderen
Scheinwerferlicht,
als ich erfuhr,
dass wir
vor Drohkulissen
spielen sollten.

10.2.2014

Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard

Anlässlich des Geburtstags von Thomas Bernhard!

Er würde kommen, sagten Meiers, und so saß ich erregt, die Backen rot, in einer Ecke des Zimmers, die mich an eine Ecke meiner Kindheit erinnerte, eine, die ich mit meinem Kopf gefüllt hatte, die Augen geschlossen, um dort zu zählen, spielten wir doch Verstecken, daran musste ich denke, als ich auf die Ankunft Thomas Bernhards wartete, der sich für die frühen Abendstunden angekündigt hatte, um, so Meier, der Bernhards letztes Buch verrissen hatte, auf eine Schimpftirade zu hoffen, die dann, so Meier, in einen Artikel über Bernhard einfließen würde, denn, so Meier weiter, darauf habe er sich mit Bernhard verständigt, auf einen Streit, bei dem sich die Balken biegen würden, und so kam es, dass ich hier in der Ecke saß, während es im Treppenhaus polterte, der Bernhard, sagte Frau Maier, er zetere gerade mit den Nachbarn, mit denen gäbe es auch ein Arrangement, die hätten sich ins Schimpfen eingekauft, um alle ihr kleines Büchlein über die Begegnung zu schreiben, sagte sie, indes ich die Ecke betrachtete, die der Ecke meiner Kindheit glich, so sehr, dass mir ganz schwindelig wurde, der ich den Schritten lauschte, die sich der Tür näherten, und die mich zusammenfahren ließen, während mein Darm verrückt spielte und sich nach dem Klo sehnte.

Aus „Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard” von Leopold Brechtinger, vergriffen

10.2.2014

Schweizhälse

Das war damals, Baby. Die Schweiz schottete sich ab. Niemand durfte mehr rein. Raus schon. Die Schweizer wollten doch auch reisen. Bis der erste Schweizer auf die Idee kam, gar nicht mehr zu reisen. Man beschloss, zu Hause zu bleiben. Die Zugbrücken wurden eingeholt und man kapselte sich ein. Die letzten Nichtschweizer wurden mit Katapulten über die Grenze geschossen. Endlich! Da war es! Das Aufatmen, das wie eine kühle Brise durch die Haare aller wehte. Endlich allein. Endlich unter sich. Eine reine Schweiz. Im Fernsehen liefen ausschließlich Schweizer Produktionen. Da liefen also … Im Kino: Schweizer Filme. Gut, die Kinos blieben geschlossen. An den Theatern Frisch oder Dürrenmatt. Man spielte den “Besuch der alten Dame” so oft hoch und runter, dass sie am Ende nicht mehr kam.

Aus “Schweizhälse”, Sachbuch, vergriffen

10.2.2014

Eilmeldung

Die Schweiz lässt verlautbaren, dass noch niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten!

9.2.2014

Die Hobbys der Deutschen (3)

Helmut liebt es, Mülleimer zu rücken. „Ich rücke sie direkt an den Straßenrand”, erzählt er, während sein linkes Auge unruhig nach seinem Mitbewerber Heinz schielt. „Ich habe hier auch schon mit der Wasserwaage gelegen. Ich versuche mich an der totalen Position. Ich nehme Bierdeckel oder tote Mäuse, um diese Totalität zu erzeugen. Wir stehen hier alle in einem Wettbewerb. Es ist ein Spiel mit der Vergänglichkeit”, sagt Helmut. „Spätestens, wenn die Müllabfuhr kommt, ist alle Schönheit dahin.” Er nickt, als wolle er sich selbst bestätigen, dass er das Richtige tut. „Jetzt muss ich aber wieder.” Und schon liegt er auf den Knien und misst und rückt.

9.2.2014

Ein Liebhaber seiner Zeit

Leonard Portsman war ein großer Bewunderer seiner Zeit. Wo er auch ging und stand, sprach er die Dinge an, um ihnen voller Bewunderung seinen Respekt zu zollen. „Also diese Bank hier”, sagte er über eine Bank in einem Park, während seine rechte Hand die Holzplanken massierte, ist so wunderschön. Ich könnte sie denn ganzen Tag streicheln.” Doch schon im nächsten Moment sprang er einem Papier hinterher, das ein Mädchen von einem Eis gezerrt hatte. Während er dem Kind durch die Haare fuhr, verliebte er sich in eine Eiche. Portsman ließ von dem Kind ab, langte nach einem Stein, den er in der Hand wog, als wäre er ein Diamant, bis er eines Mülleimers ansichtig wurde, dem er versichern musste, wie wunderschön er sei. „Eine Zierde für Ihre Gattung!” Portsmann hätte ihn zu gernen abgeschraubt, um ihn seiner Sammlung einzuverleiben, ließ es aber, wurden seine Augen doch längst von einer Sraßenlaterne angezogen, die giraffengleich ihr Haupt über ein Stück Gehweg beugte.

Aus „Ein Liebhaber seiner Zeit”, Roman, vergriffen

8.2.2014

Zum Tod von Philip Seymour Hoffman

Filmstills

1.) Erwachend. Am Morgen. Sein Blick in den Spiegel. Den Anderen erblicken. Das Ich, das fremde Wesen. Spiegel als Paralleluniversum. Wer erwacht? Wer steht auf? Der dort? Ich? Wer ist das? Abtasten. Mit dem eigenen Blick im Abbild stochern. Suchtsuche. Versuch, sich einzuklammern. Sich nicht zu verlieren. Entdeckungsfahrt der Augen. Augenblicke.

2.) An der Frühstückstheke. Verschwindend. Ein Mann, der sich in seiner Haut unwohl fühlt. Der seine Brille auf die Nase drückt, als müsse sie in der Haut verschwinden. Das Berühren des eigenen Gesichts als Selbstvergewisserung, dass es ihn noch gibt. Das Berühren des Selbst. Das Ich muss abgetastet werden. Der Finger liest es, ohne es zu verstehen. Das Ich als unübersetzbarer Text. Die Hoffnung, nicht zu verschwinden. Einen Sinn entdecken.

3.) Der Kopf gesenkt. Die Augen in einer undefinierbaren Tiefe. Als würden sie etwas suchen. Eine Antwort. Als würden sie vor den Augenblicken fliehen. Blick als Fluchtbewegung in die Statik des Bodens. Bodenlose Tiefe wird vermieden. Wegsehen. Absehen. Eintauchen ins Nichts des Ablebens. Angst vor dem Tod. Eine Angst, die lähmt, die lebensunfähig macht. Die eine Leichenstarre zeugt. Ein Blick, der sich an Dinge klammert, um nicht zu ersaufen.

4.) Ausbruch. Aufbegehren. Im Angesicht seiner Tochter, die er in einem Glaskasten findet. Die Tochter als Ausstellungsstück. Schauspiel als Peepshow. Kunst als Verkaufsobjekt . Die Erkenntnis des Verlusts. Die Hände schreien. Der Mund schreit. Der Körper schreit. Der Aufschrei: “Das ist meine Tochter!” Ungehört verhallt er. Körperlichkeit. Unendliche Körperlichkeit. Schmerz als Fühlmittel. Ohnmächtigkeit dem Leben gegenüber.

5.) Leben als Kunstwerk. Um zu verstehen, was man tut. Die Wiederaufführung des Gelebten. Kunst als Blick auf den Boden, als Tasten im Gesicht, als Versuch, die Welt zu lesen. Hoffnung, zu verstehen.

6.) Am Ende der Tod, auf den wir alle zurasen. Keine Hoffnung. Keine Übersetzbarkeit der bodenlosen Tiefen. Dafür eine Bodentiefe, die vom eigenen Sarg gefüllt wird. Nichts. Abblende.

8.2.2014

Mein Berlinale-Tagebuch

Habe es leider nicht mit meinem Film über einen gehsüchtigen Mittdreißiger auf die Berlinale geschafft. Wir drehten Tag und Nacht, selbst unter der Woche. Die Regieanweisungen hängte ich aus, weil ich selbst nicht vor Ort sein konnte. Diese Methode wird das Filmgeschäft verändern. Niemand wird mehr körperlich anwesend sein müssen, außer den Schauspielern, die, wenn sie nicht vor der Kamera stehen, auch diese Arbeit übernehmen können. Eine große Pinnwand. Das ist alles. An der befestigen alle ihre Zettel. Oder man benutzt WhatsApp. Das geht auch, könnte aber überflüssige Diskussionen auslösen: “Du hast es gelesen. Du warst online.”

7.2.2014

Mein Berlinale-Tagebuch

Berlinale-Eröffnung. Interview mit Tamagotchi Zoe. Er sprach über sein Schwarzweißmeisterwerk HINTER DER SONNE, in dem er das Leben eines Kuhhirten verfolgt. Lange, an Haneke geschulte Aufnahmen von bis zu drei Stunden, alles ohne Schnitt. Die Unausweichlichkeit des Seins. “Es ging mir darum zu zeigen, wie öde das Leben sein kann”, sagte Zoe. Das ist ihm gelungen.

7.2.2014

Die Hobbys der Deutschen (2)

Er müsse fit bleiben, erklärt uns Ingo Z., der bereits seit vier Jahren Stalker ist. “Das Stalking hat mein Leben gerettet. Ich hatte nach einer OP enorme Probleme mit der Atmung. Der Arzt sagte, Sie müssen Sport treiben, sonst landen Sie unter der Erde. Und so habe ich eben damit begonnen Gerlinde D. zu verfolgen.” Wir liegen neben ihm im Gras. Es ist früher Morgen, als sich gegenüber eine Tür öffnet und eine Frauenkopf erscheint, der sich hektisch umsieht. “Da ist sie”, sagt Ingo und wischt sich einen Speichelfaden von der Unterlippe. Stalking ist zum Volkssport Nummer Eins unter den Irren geworden. Man geht davon aus, dass jeder dritte einsame Mann, der verwirrt ist, stalkt. “Leider gibt es keinen Verein.” Ingo beobachtet sein Opfer mit einem Fernglas. “Ich stalke jetzt seit zehn Jahren. Wir kämpfen ja darum, dass man unsere Sportart anerkennt, aber bisher hatten wir keinen Erfolg. Ich könnte mir gut vorstellen, mit einer Stalkingmannschaft zu den Olympischen Sommer- und Winterspielen zu fahren.” Gerlinde D. ist währenddessen wieder im Haus verschwunden. “Heute müssen wir das Training wohl ausfallen lassen.” Ingo packt seine Sachen in einen Rucksack. “Enttäuscht?” Ingo schüttelt den Kopf. Er sei nicht enttäuscht, er kenne das. Nicht jedes Stalkingopfer packe ihre Rolle auf Dauer. Das sei bereits sein siebtes Opfer. Manchmal habe er schon mit dem Gedanken gespielt, das Stalken aufzugeben, aber schließlich sei es sein Lebensinhalt. Er wisse gar nicht, was er sonst machen solle.

7.2.2014

Eilmeldung

Ein unglaublicher Vorwurf erschüttert die Literaturwelt. Martin Walser soll jahrelang bei Kollegen wie Peter Handke und Adolf Muschg konsequent abgeschrieben haben. So konnte man ihm nachweisen, dass er unter anderem ein “und” aus “Die Angst des Tormanns beim Elfmeter” in seinen Roman “Der Lebenslauf der Liebe” übernahm, und dies, ohne es kenntlich gemacht zu haben. “Quellenangaben sind unerlässlich”, erklärte Helene Hegemann, die auf den Fall angesetzt wurde. Handke war zu keiner Stellungnahme bereit, während Walser die Anschuldigungen in seinem nächsten Roman “Die Anschuldigung” verarbeiten möchte.

7.2.2014

RIP Kurt Wenzel

Gerade erfahren, dass Kurt Wenzel, der neben Hans Meisenthal zu den Großen der deutschen Literatur zählt, und der einen der bis heute unlesbarsten Romane (“Marion, ich weiß, dass ich nichts hätte tun sollen, was ich gestern bereits bereut habe”) aller Zeiten schrieb, gestorben ist. Auszug: Marion kauerte auf ihrem Kaugummi, dem roten, den ich ihr zum Geburtstag vor einem Jahr geschenkt hatte. Ich klaute ihn einem kleinen Kind aus dem Mund. “Schweig!” herrschte ich über das Kind. Mit einem Stuhl verlangte ich die Herrschaft über alles, was sich unter mir bewegte. Wahnsinnstat, ich weiß. Schon früh hatte ich bereut, kein Diktator geworden zu sein, der mit seinen schwieligen Trockenhänden Trauer über sein Land brachte. Marion hasste mich dafür, aber trotzdem harrte sie meiner. Jetzt stieß ich den Elchruf aus, der sie endgültig zusammensacken ließ.

6.2.2014

Neue Serie – Die Hobbys der Deutschen (1)

Stolz präsentiert uns Markus K. (Name von der Redaktion geändert) einen Zahnstocher, den er letztes Jahr aus einem Wirtshaus in der Nähe von Leipzig mitgenommen hat. “Die suchen bestimmt heute noch danach” kichert der dreißigjährige hauptberufliche Internetnutzer aus der Rhön. Mitbringseldiebstahl ist zu einem neuen Hobby geworden, dem sich mehr und mehr Deutsche hingeben. Mitgenommen wird alles: Grashalme, Klopapierfetzen, Zuckertütchen, Servietten, Bierdeckel, sogar Werbebroschüren aus Altenheimen und weggeworfene Preisschilder. Die Sammelwut kennt keine Grenzen. “Ich träume davon, Schnee aus den Alpen mitzubringen”, erzählt uns der Vorsitzende des Vereins Mitbringsel e.V. aus Offenbach. Er zeigt uns eine Kühltasche, in dem er den Schnee verstauen und transportieren will. “Bisher hat es aber nur für ein Schokoeisbällchen aus der Eisdiele drüben neben dem Supermarkt gereicht”, gesteht er ein. “Aber träumen”, sagt er beim Abschied, “träumen darf man ja wohl noch.”

6.2.2014

Eilmeldung

Chaos Sotschi

Wie man über Twitter oder Facebook erfährt, landen die meisten Olympia-Gäste in Hotels, die noch in der Planung stecken. “Der Hoteldirektor wollte uns in einer Suite unterbringen, die bisher nur als Zeichnung existiert”, postete Georg Koch, 33, selbstständiger Waffenhändler aus Berlin.

6.2.2014

Eilmeldung

Jetzt kam raus, die USA sollen auch das Telefon von Günter Grass abgehört haben, der umgehend mit dem Prosagedicht “Was gesagt werden muss, aber nicht mitgeschnitten werden darf” – veröffentlicht in allen europäischen Tageszeitungen – seinen Unmut äußerte. Auszug: Warum rede ich, berede ich,/was offensichtlich mitgeschnitten wird … Aus Zorn soll er nachträglich die Gruppe 47 aufgelöst haben. Enzensberger zeigte sich ratlos und fragte nach: “Es gibt uns noch?”

5.2.2014

VATIKAN – Das heimliche Wesen aus einer fremden Welt

“Ich verbiete mir sämtliche Versuche, sich in unsere Leere einzumischen”, sagte der Vatikan. Er beugte sich bedrohlich weit nach vorne, sodass seine dunkle Gestalt den Anschein machte, jeden Moment auf den Boden zu plumpsen. Die Bischöfe beäugten den Vatikan, von dem nur wenige Eingeweihte wussten, dass es ein Wesen aus einer fernen Galaxis war. “Uno? Was ist das überhaupt?”, knurrte der Vatikan, der allmählich hungrig wurde. Die Bischöfe hoben ihre Brauen und verdrehten die Augen. Galaxis hin, Galaxis her. Besonders helle war der Vatikan noch nie gewesen. Kein Wunder, dass er menschliches Personal benötigte, um den Durchblick nicht vollends zu verlieren. Man räusperte sich und versicherte der außerirdischen Wesenheit, sich richtig entschieden zu haben. Der Vatikan nickte, hickste und knallte schließlich doch noch fluchend auf die altrömischen Fliesen. Ein Kopfschütteln schwappte durch den Raum.

Aus “VATIKAN – Das heimliche Wesen aus einer fremden Welt”, Roman, vergriffen

5.2.2014

Liebe ist auch keine Lösung

Kleine Kostproben aus meinem kommenden Supergedichtband “Liebe ist auch keine Lösung”:

Hausanzug

Ließ meinem Haus
kürzlich einen Anzug
schneidern.
Aber jetzt steht es da,
als wäre es ein Gentleman.
Einstecktuch am linken unteren Fenster,
Monokel im rechten oberen.
Die Schuhe, ja, die könnten
ein Problem werden.

Sich mit dem Kopf ausdrücken

Damals, lange ist es her,
Sartre hatte gerade
meine Frau verführt,
trug ich als Existenzialist
am liebsten ein Ballett
auf dem Kopf,
um aus dem Mittelmaß
der Existenz
herauszuragen.
Schwer,
aber machbar.

5.2.2014

Frau wird sehen

Wohin mit dem ganzen Geld? Als Feministin von Welt kann ich mir nicht alles von den Männern gefallen lassen. Ständig wollen sie nur das eine: mein Geld. Erst haben sie mir meine Jungfernschaft geraubt und später dann mein Geld. Ich erinnere mich ungern an die Memme, die sich an mir zu schaffen machte, damals, da war ich 39, mit dem Hinweis, er käme gleich. Das sagen sie immer. “Komme gleich!” Und dann kommen sie entweder noch früher oder gar nicht. Machen sich aus dem Staub, um den Unterhaltszahlungen zu entkommen. Aber nicht mit mir. Ich habe den Spieß umgedreht und habe Jürgen oder Martin oder wie der hieß ein Kind gemacht. Da hat er blöd geguckt, wie ich ihn im dritten Monat allein in keiner Wohung in Regensburg stehen ließ, um mich um meine Karriere bei LOTTE, meiner eben gegründeten Zeitschrift zu kümmern. Und gezahlt habe ich auch nix, ich bin ja nicht von gestern oder blöd oder sexy. Später bin ich, weil ich keinem vertraue, auch den Banken nicht, weil die von Männern geführt werden, mit meinem Geld ständig durch die Gegend gefahren, bis ich mich verfuhr und in der Schweiz landete. Parkte mitten auf einem Konto, dafür kann doch ich nichts, wenn das Navi, das es damals fast gegeben hätte, mich falsch leitete. Typisch Navi! Das Schwein! Und heute soll ich Steuern zurückzuzahlen, obwohl ich das Steuer fest in der Hand halte. Das ist eine Intrige der internationalen Männergesellschaft, und eine der Automobil- und Schweizhersteller, die auch alle Männer sind.

Aus “Frau wird sehen”, Die Erinnerungen der Feministin Karl Weißer

4.2.2014

Kleine Geschichten zum Nachdenken und Einschlafen (5)

Ottmar lud siebzehn Einkaufswagen mit allem voll, was er noch nie gebraucht hatte. Er griff blind zu, trug ein Lätzchen mit einer Nummer darauf und murmelte: “Schaff das!” Ob ihm klar war, dass der Preis, der an der Kasse vergeben wurde, keine Auszeichnung, sondern ein Griff in den Geldbeutel war?

4.2.2014

Niesberts Rede

Niesbert bereitete seine Rede seit Jahren vor. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. “Arbeitest du wieder an deiner Rede?”, fragte seine Frau. Niesbert hatte keine Zeit. Die Rede, sie verlangte ihm alles ab. Er hatte bereits abgenommen. Dreihundert Gramm. Wenn das so weiter ging, würde er wegen der verdammten Rede vor die Hunde gehen. “Vor die Hunde”, flüsterte er. “Vor die Hunde!” Er spürte, dass er allmählich wahnsinnig wurde. Als die Sonne hinter den Häusern der Stadt versank, schrie er auf. Da war es! Nach so vielen Jahren. Das zweite Wort seiner Rede.
Aus “Niesberts Rede”, Roman, vergriffen

3.2.2014

Die Entstehung der Sprache (1)

Sprache entsteht zufällig. So gebar der Anblick eines Toten das Wort “Tja”, obwohl sich Wissenschaftler wie Basenströck dafür aussprechen, er hätte das “Hm” gezeugt.

Demnächst: So entstand das Wort “Hey”.

3.2.2014

Kleine Geschichten zum Nachdenken und Einschlafen (4)

Nachdem Olli, den alle nur Oll nannten, verstorben war, bemerkte er mit Entsetzen, dass das Jenseits sich nicht besser als das Diesseits anließ, sodass er sich nach einer Fahrgelegenheit umsah, die ihn zurückbringen könnte.

3.2.2014

Der Unerwünschte

Der Unerwünschte. Da stand er. In Strumpfhosen. Und in einem T-Shirt, auf dem ein U prangte. Als hätte er sich verlaufen. Verfahren. Ein U wie der Hinweis eines Navigationssystem: Wenden Sie bitte bei der sich nächst bietenden Gelegenheit. Seine Eltern hatten den Unerwünschten losgeschickt. “Kauf etwas Wurst in Berlin”, hatten sie gesagt. Dabei wohnten sie in einem Kaff tief im Süden der Republik. “Was willst du?”, bellte ihn der Metzger an. “So einen wie dich können wir hier nicht gebrauchen!” Der Unerwünschte sah sich mit seinen speziell ausgebildeten Augen um, die alles erfassten, was im Umkreis von einem Meter geschah. “Ich hätte gerne …” Weiter kam er nicht. Eine aufgebrachte Menge, die sich selbst DER MOB nannte, stürmte den Laden. Man ersuchte den Metzger, ihnen augenblicklich ein Lynchjustizopfer auszuhändigen. Der grobschlächtige Kittelträger verwies sie auf den Unerwünschten. DER MOB musterte den Unerwünschten von oben bis unten. Man verzog das Gesicht. Nein, den wolle man nicht. Um nicht umsonst eingetreten zu sein, klemmte man sich den Metzger unter die Arme, um ihn auf dem Marktplatz einer dunklen Gottheit namens SELBSTGERECHTIGKEIT zu opfern. So kam der Unerwünschte zu seinem ersten und letzten Metzgereifachgeschäft.

“Wer ist das?”, fragte die Metzgereitochter die Metzgereimutter. Der Unerwünschte erklärte sich kurz. Er sei ein Sendbote der Moderne. Ein Superheld, den niemand wolle. Dann reichte er ihnen Bierschinken. Tochter und Mutter schüttelten den Kopf. Er sei hier unerwünscht, erklärten sie dem Superhelden barsch. “Ja, das bin ich”, erklärte der Unerwünschte. Ohne sich beirren zu lassen, arbeitete er weiter. Wurstscheibe auf Wurstscheibe schichtete er um. In der Ferne konnte man die Schreie des Metzgers vernehmen, der vom MOB hingerichtet wurde, indem man ihm Lieder der letzten DSDS-Staffel vorspielte. Nur selten musste man noch eine Folge von “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” vorführen. “Ist das unser Vater?”, fragte die Metzgereitochter. Der Unerwünschte schüttelte den Kopf. Der sei er nicht, er könne es aber werden, wenn erwünscht. Er dachte kurz nach. “Lieber nicht!”, sagte er. “Ich bin der Unerwünschte.” Sprach’s und sprang aus dem Laden auf die Straße. Vorbei die Zeit, da er dem Metzgereifachhandel hatte dienen müssen. Freiheit, lautete die Losung.

Der Unerwünschte stand auf der Straße. Die Straße war dafür bekannt, dass auf ihr Autos auf der Jagd nach Fußgängern fuhren. Minütlich wurde einer überrollt. Blut lief in die Kanalisation. Blut, als würde es aus Schläuchen laufen. Was es auch tat. Unentwegt quoll es aus menschlichen Schläuchen. Der Unerwünschte entsann sich seiner Kindheit in einem Taubenschlag. Tag und Nacht war er vollgeschissen worden. Die Tauben hatten ihn nicht als ihresgleichen anerkannt. Er war ein Fremder. Ein Unerwünschter. Dies war seine Geburtsstunde. Die des Unerwünschten. In den Nächten kratzte er sich den getrockneten Kot aus den Haaren und nähte an seinem ersten Superheldenanzug. Später, so schwor er sich, würde er als Erkennungszeichen für die Polizei ein Licht in den Nachthimmel werfen, eines in der Form einer kackenden Taube. Während neben ihm ein Mann totgefahren wurde, schwelgte der Unerwünschte in seinen Erinnerungen. Freiheit kann tödlich enden, dachte der Unerwünschte.

2.2.2014

Gildo & Rohm

Wie Motter sich ärgern

Ist ein Motter verärgert, etwa weil man ihn streicheln oder ihm Tee anbieten wollte, sucht er eine Bahnstrecke auf, um die sich dort befindlichen Gesteinsbröcklein weit in die Gegend zu katapultieren. Er lässt sie spritzen, bis es zu Verletzungen der Atmosphäre kommt, wie er hofft. Noch nie hat ein Motter sich ohne Gesteinsbröcklein seiner schlechten Stimmung hingegeben, sodass die meisten von ihnen stets eine kleine Tüte Gesteinsbröcklein bei sich tragen. Auch in Gesteinsbröckleinläden kann man sie erwerben. Kosten aber eine Menge Schotter. Darum laufen die meisten Motter lieber einige siebenhundert Kilometer bis zum nächsten Schienenstrang.

1.2.2014

Kleine Geschichten zum Nachdenken und Einschlafen (3)

Karl erfuhr es von einem Freund. Das Wochenende sei gekommen. Starr saß er im Sessel, unfähig etwas zu tun, und wartete das Ende der Woche ab.

1.2.2014

Gildo & Rohm

Über die Motterspeisung

Motter verspeisen nur Dinge, auf die sie sich einen Reim machen können. Darunter befinden sich so exotische Speisen wie Furunkelbotter, Feuchtlotter und Rhabarberhotter. Hat sich der Trompetenrüssel erst in eine Dose verliebt, kann es geschehen, dass der Motter nicht mehr ausziehen möchte. Manche Motter leben bis zu vier Jahre mit einer Dose, bevor ihnen bewusst wird, dass sie längst verhungert sind.

1.2.2014

Nicht schweigen – Zu einem Kommentar von Ulrich Greiner

”Oder lieber schweigen.” So lauten die letzten Worte eines dummen Kommentars von Ulrich Greiner in der ZEIT. Hätte Greiner sie doch befolgt. Wie jemand, dessen Zuhause das Schreiben ist, sein Sterben ver- und bearbeitet, sollte ihm oder ihr selbst überlassen werden.

Tod und Sterben haben – wie in allen Familien (mehr oder weniger) – auch bei uns eine Rolle gespielt, die man ihnen gerne verboten hätte. Der Hinweis, dass der Tod zum Leben gehört, lindert nicht den Schmerz, einen geliebten Menschen hingeben zu müssen. Die Mutter meiner Frau starb ein Jahr lang, bevor der Krebs sie endgültig ins Nichts überführte. Gefühle schlagen nach allen Richtungen. Tod und Sterben werden nicht begangen, daher kann man sie nicht mit einem Plan oder Verhaltensregeln versehen. Tod und Sterben lassen geschehen. Der eine schreit seinen Schmerz in die Welt, der andere erliegt seinen Tränen, ein weiterer kämpft bis zum letzten Atemzug mit verbissenen Zähnen.

31.1.2014

Kleine Geschichten zum Nachdenken und Einschlafen (2)

Das Haus, von dem jeder dachte, es existiere gar nicht, materialisierte sich ausgerechnet in dem Augenblick, als Herr Wegener seinen Hund Norbert Gassi führte. Manche meinten nachher, der explodierende Bauboom habe die beiden getötet.

31.1.2014

Kleine Geschichten zum Nachdenken und Einschlafen (1)

Ibrahim wollte unbedingt Fernsehkoch werden. Nichts erschien ihm erstrebenswerter. Um sich auf den Beruf geeignet vorzubereiten, ließ er sich von seinen Eltern in der Küche beobachten. Jeder Versuch des Vaters, auf einen anderen Sender zu wechseln, scheiterte an der Beharrlichkeit der Realität.

30.1.2014

Gildo & Rohm

Motter neigen zu Gewaltausbrüchen, sind aber zärtlich, wenn dies von einer Magd aus Unterkottenbach verlangt wird. Seit den Verfolgungen des 3. Juli 1982 befinden sie sich auf der Flucht. Am liebsten halten sich Motter auf Dachböden oder in überdimensionalen Briefkästen auf. Motter können lesen und verehren das Werk des Philosophen Markus Möwenberg, der über sie in Band V seiner Werke schrieb: “Motter, schrie ich oft als Kind, wenn ich nicht schlafen konnte, aber Motter kam nicht, weil sie bei Votter weilte, keuchend. Es verdarb mir die Kindheitsabende.” Votter konnten bislang von der Wissenschaft weder nachgewiesen noch seziert werden, was man in Fachkreisen für eine Schande hält.

Bild: Eggs Gildo

30.1.2014

Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen (V)

“Packte mein Gestänge ins bebend sich entäußernd Seiende. Zeugs entfloh in die Achtsamkeit des Anwesenden. Zu früh! entfuhr es der Seienden, die der Wesensgrund meines Gedränges war. Weib! entfuhr es mir, hinab ins Angesicht der Seienden. Schnappte mir industriell gefertigtes Zeug vom zureichenden Grund und entfleuchte.” Markus Möwenberg in einen Brief an Martin Heidegger, der niemals zugestellt wurde

“Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen”, Biografischer Roman, vergriffen

30.1.2014

Kardinal Meisner

”Ich sage immer, eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.” Kardinal Meisner

Hier hat der Kardinal nicht weit genug gedacht, denn eine Motterfamilie ersetzt siebzehn christliche Familien, wobei eine buddhistische Familie dreihundert christliche ersetzt. Getoppt wird das von einer Familie aus dem Wekotan-System (nahe dem Sternbild Einsilbe), die sage und schreibe fünf Milliarden christliche Familien ersetzt, wenn es sie denn gäbe.

29.1.2014

Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen (IV)

“Ich denke, also bin ich, hatte Möwenberg von der Kindergärtnerin vorgelesen bekommen. Aber ging Möwenberg dieser Satz weit genug? Die Hosen nass, weil er vergessen hatte, das Wasserlassen zu unterlassen, stand er zum Trocknen in der Sonne und schrieb im Kopf: Ich denke Eis, also bin ich Eis. Er sah an sich hinab. Erblickte seine zittrigen Beinchen. Nichts. Noch einmal. Ich denke Millionär, also bin ich Millionär. Verzweifelt sah sich Möwenberg um, ob ihm Spielzeug aus reinster Schokolade angetragen würde. Wieder geschah nichts. Er beschloss den Satz, den die Kindergärtnerin aus dem HORT DER FREIDENKER einem gewissen Buch über einen René Irgendwer entnommen hatte, getrost zu vergessen.”

“Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen”, Biografischer Roman, vergriffen

29.1.2014

Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen (III)

“Sie erkannten einander”, sagte der vierzehnjährige Möwenberg, “steht für den Geschlechtsverkehr”, während er nervös seinen rechten Mittelfinger knetete. “Geht man von dieser Erkenntnis aus, erscheint die Anweisung ERKENNE DICH SELBST in einem ganz neuen Licht.” Möwenberg schloss die Augen und machte sich dann ans Werk, hoffend, dass seine Eltern nicht vor der angekündigten Uhrzeit zurückkehren würden. Die praktische Forschungsarbeit ging ihm über alles.”

“Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen”, Biografischer Roman, vergriffen

26.1.2014

Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen (II)

Wer bin ich? Eine Frage, die den jungen Möwenberg nicht lange umtrieb. Die Eltern beugten sich bereits früh über den mit roter Farbe gefüllten Kopf des Jungen, der davon zeugte, dass er im Begriff war, die Leere seiner Windel zu füllen, und teilten ihm unaufhörlich mit, dass er Markus Möwenberg sei. So entstand der nächste wichtige Pfeiler seiner Philosophie. Wer bin ich? Markus Möwenberg. Stellten ihm später Besucher, die ihn hoch oben in seiner Hütte in Todnockelberg besuchten, dieselbe Frage, verwies er sie auf ihre Namen. “Sie sind, wie Sie heißen!” Erstaunt ließen die Jünger ihre Wanderstöcke fallen, hatten sie doch nicht damit gerechnet, dass die Wahrheit all die Jahre so nah neben ihnen im Pass geschlummert hatte. Selbstverständlich hätten sie es auch Band III der Werke entnehmen können. Aber die wurden, auch wenn dies niemand eingestand, nur selten von Hirn und Augen frequentiert.
“Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen”, Biografischer Roman, vergriffen

26.1.2014

Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen

Möwenberg begann bereits in frühster Kindheit, sich mit Fragen der Philosophie auseinanderzusetzen. Woher komme ich? Seine Eltern, die ihn durch ein Guckloch beobachteten, konnten die Frage geradezu im Raum aufglimmen sehen. Die Hellseherin Gertrude W. hatte also recht gehabt, als sie, wenn auch betrunken, behauptet hatte: “Dös wieeed wahs mieht döhm!” Möwenberg ließ die Bauklötze fallen und tastete mit seinen Kleinkinderaugen die Wände ab, bis sie sich an etwas verhakten, was nach einer Tür aussah, auch wenn er das Wort noch nicht aussprechen konnte. Und doch spürte er, dass er von dort kam. Woher komme ich? Von der Tür. Im Kopf notierte sich Möwenberg die ersten Sätze seiner dereinst bahnbrechenden Philosophie. Die Wimpern der Eltern klatschten derweil Beifall.
“Möwenberg – Schicksalsjahre eines Philosophen”, Biografischer Roman, vergriffen

25.1.2014

Pflaumenbaums Abschied IV

Pflaumenbaum war sich nicht zu schade, eine Frau anzusprechen. Allein, er konnte sich nicht für die richtigen Worte entscheiden. Sollte er sich hüstelnd ins Geschehen einbringen? Sollte er unvermittelt über den Zustand des Wetters palavern? Keine Geste, kein Satz schien ihm angemessen. Und so muss es nicht weiter verwundern, dass er seine Frau zum ersten Mal ansprach, da waren sie bereits über ein Jahr verheiratet. Selbst das in der Kirche abverlange JA hatte er sich in Form eines angedeuteten Kopfnickens, das man auch als NEIN hätte deuten können, abgerungen.
Aus “Pflaumenbaums Abschied”, Roman, vergriffen

24.1.2014

Pflaumenbaums Abschied III

Pflaumenbaum saß im Schneidersitz auf einem Kissen, als sein Vater ins Zimmer trat. “Willst du in den Park? Oder wollen wir aufs Land fahren?” Pflaumenbaums Vater hätte es besser wissen müssen. Der Junge umschloss sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger und überlegte. “In den Park”, murmelte er. “Oder doch lieber aufs Land?” Diese eine Frage führte dazu, dass man Pflaumenbaum für Wochen aus der Schule nehmen musste. Fiebernd lag er in seinem Bett, unfähig, eine Entscheidung zu treffen, bis sein Vater von einem Herzschlag dahingerafft wurde. Eine Tatsache, die der unentschlossene Pflaumenbaum mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nahm. Nicht, dass er seinen Vater nicht geliebt hätte. Aber so war er um die nicht zu treffende Entscheidung doch noch einmal herumgekommen.
Aus “Pflaumenbaums Abschied”, Roman, vergriffen

24.1.2014

Zug um Zug

Zugvögel

Merkwürdige Vögel,
die nie fliegen,
die nur auf Zügen sitzen,
ihr Leben lang.

Raubzüge

Und wieder fiel eine Stadt,
begraben unter
sich selbst schaffenden Schienen.
Die Raubzüge donnern
ungerührt Richtung Sonnenuntergang,
hinter sich Blut und Verderben,
auf ihren Dächern Zugvögel,
die sich als Passagiere
keiner Schuld
bewusst sind.

24.1.2014

Pflaumenbaums Abschied II

Pflaumenbaums Abschied ging ins dritte Jahr. Martha und die Kinder hatten es längst aufgegeben, auf seinen Tod zu warten. Sie versuchten sich abzulenken, indem sie sich als Vorwitwe und Vorwaisen verkleideten. Halb in schwarz, halb in weiß trotteten sie wie Kühe durch die Stadt. Hin und wieder klopfte ihnen jemand mitleidig auf die Schultern. “Wird schon”, hieß es stets.
Aus “Pflaumenbaums Abschied”, Roman, vergriffen

23.1.2014

Pflaumenbaums Abschied

Pflaumenbaum konnte sich nicht entscheiden, ob er sterben wollte oder nicht. “Sterbe”, keuchte er. Eine Sekunde später: “Sterbe nicht.” Zeit seines Lebens hatte er sich der Unsicherheit überantwortet. “Atme!” – “Atme nicht!” Pflaumenbaum blickte seine Frau und die Töchter aus glasigen Augen an. “Sterbe!” Sie hielten die Luft an. Hofften! “Sterbe nicht!” Es war zum Verzweifeln.
Aus “Pflaumenbaums Abschied”, Roman, vergriffen

22.1.2014

Ball Kong

Idee für einen Blockbuster: Fanatische Fußballfans entdecken auf einer Südseeinsel einen riesenhaften Ball, der von den Eingeborenen angebetet wird. Ball Kong. Sie locken ihn mit dem Nachbau eines Tors auf ihr Schiff und bringen ihn in nach Brasilien, um ihn dort auszustellen. Nach einer Reihe schicksalhafter Träume, reißt er die Ketten entzwei und flieht mit der gerade in Brasilien urlaubenden Victoria Beckham. Er hinterlässt eine Spur der Verwüstung, bevor er schließlich einen Werbevertrag mit Nike unterzeichnet. Am Ende wird er ein unglücklicher, aber reicher Ball.

21.1.2014

Fernsehkritik des Tages

Dichtercamp, Tag 4: Rilke ist auf einen Kiesel geklettert und blickt sehnsüchtig Richtung Himmelsrichtung. “Ist das Osten?”, ruft er. Schulterzucken von Benn und Trakl, der alle anderen missgelaunt dazu auffordert, augenblicklich Drogen einzunehmen. Durs Grünbein rückt sein Brillengestell zurecht.
Und wieder einmal ist Goethe von den Zuschauern gewählt worden, die Dichterprüfung zu absolvieren. “Isch will nett!” Hölderlin hat sich in die Toilette eingeschlossen, die fortan sein “Turm” sein soll. Trakl fordert noch immer zum Drogenmissbrauch auf, während Goethe bei der Dichterprüfung durch ein Gedicht der Zuschauerin Karin (17, Poetry Slammerin aus Stuttgart) robben soll. “Eklisch!”

Georg Trakl gilt als das Sorgenkind im Dichtercamp

20.1.2014

Gildo & Rohm

Nichtschaf

Um einzuschlafen
zählte ich unlängst
Nichtschafe.
Beim siebzehnten
Nichtschaf
schlief ich endlich
nicht ein.

20.1.2014

Nebel – Der unabgeschlossene Nebelkurzroman

Nebel kroch über den Waldboden. An manchen Stellen bestieg er die Bäumen, sie umarmend, sie küssend, sie liebend. Ein erotischer Nebel, der den Sex, den er sich in dieser Nacht gönnte, genoss.
War man still, bat man, die Geräusche, die es sonst noch gab, ruhig zu sein, konnte man ihn keuchen und stöhnen hören. Dieser Nebel hatte es auf alles und jeden abgesehen. Ein unersättlicher Nebel, der Schwade für Schwade die Landschaft verschluckte, bis er plötzlich vor einer Hütte erschrocken verharrte. Er schnüffelte. Er spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Diese Hütte war anders. Sie beherbergte etwas. Das Böse.
Der Nebel hätte aufgeregt mit den Wimpern geklimpert, hätte er welche besessen. Leider war dem nicht so. Wie oft hatte er schon davon geträumt, Wimpern zu haben. Und Augen! Augen, die sahen, was er mit seinen Armen und Beinen umschlang, die im menschlichen Sinne keine Arme und Beine waren, sondern nur aus Sicht des Nebels. Des blinden Nebels, der sich einredete, Arme und Beine zu haben, die er gar nicht hatte.
Es war alles sehr kompliziert. Der Nebel wusste um all die Dinge, die sein Leben verkomplizierten, aber er dachte nicht darüber nach, weil er kein Hirn hatte, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte.
Er wollte es nicht wahrhaben, dass er nur ein einfacher Nebel war, eine vorübergehende Erscheinung. Er kam und ging. Nie konnte er bleiben, und das machte ihn fuchsteufelswild. So wild und böse, dass er sich in die Treppe, die zur Hütte hinaufführte, verbiss.
Oh, du elende Treppe, dachte er, obwohl er nicht denken konnte.
Und die Treppe bäumte sich. Sie spürte den Biss. Dies alles geschah in einem mystischen Bereich, der den Augen von Menschen nicht zugänglich ist.
Wäre der Besitzer der Hütte jetzt vor die Hütte gekommen, er hätte nicht sehen können, was eben alles so feinfühlig beschrieben wurde.
Er hätte einzig Nebel gesehen, der alles einhüllte, der herumlag wie eine faule, fette Ratte. Ein Nebel, dem man auf die Sprünge helfen müsste.
Und während der Nebel die Treppenstufen allmählich zu Tode biss, machte sich im Inneren der Hütte ein Mann bereit, der Welt die Unschuld zurückzugeben, die sie vor Urzeiten verloren hatte.

20.1.2014

Selbstbeschreibung

Ich habe einen Duschkopf,
einen Flaschenhals,
einen Picknickkorb
und vier Tischbeine.
Außerdem trinke ich
aus einem Fernglas,
sodass noch mehrere Jahre
vergehen können,
bis ich
meinen Durst
gelöscht habe.
Vielleicht besser so,
riet mir doch mein Arzt
zum Wasserlassen.

18.1.2014

Gildo & Rohm

Rachenwarnung

Und wenn du nicht
brav bist,
mein Kind,
kommen die Rachen
und verschlucken dich.

18.1.2014

Die Katzen von Kopenhagen

Heute hatte ich mal wieder fünf Minuten, in denen ich nicht wusste, was ich machen sollte. Also habe ich nach einem Buch gegriffen, einem Bilderbuch mit wenig Buchstaben drin. Das sind mir die liebsten von allen Büchern. Man kann sie auch als Tablett benutzen, um z.B. ein Glas Milch zu transportieren.

Was ich mir angeguckt habe? Die Katzen von Kopenhagen. Das ist ein Brief von James Joyce an seinen Enkel Stephen, den Wolf Erlbruch wunderbar verspielt illustriert hat.

James Joyce hätte ich auch gerne zum Opa gehabt. Man könnte sich in eine Bar begeben und an die Theke lehnen. In einem Augenblick, in dem keiner damit rechnet, würde ich mit der Sprache rausrücken. “Mein Opa hat Bücher geschrieben, die so bekannt sind, dass sie kaum einer gelesen hat.” Das würde die Spannung zum Überkochen bringen. Einer würde vielleicht vermuten, dass es sich dabei um die Bibel handelt. Aber weit gefehlt. “James Joyce”, würde ich sagen. Die Stille würde ohrenbetäubend sein. Und dann ein Bier. Und eine Runde für alle, die mir auf die Schulter klopfen, weil sie nichts gelesen haben, kein Buch, niemals, aber ULYSSES kennen sie natürlich.

Opa Joyce hat seinem Enkel einen Brief geschrieben, darüber, dass es in Kopenhagen keine Katzen gibt. Er erzählt auch von Polizisten, die den ganzen Tag im Bett liegen und Zigarren rauchen und Buttermilch trinken. Endlich mal eine realistische Reisebeschreibung, die voll ins Leben greift. Keine öden Sätze über Kirchen, sondern über alte Damen und junge Jungs.

Ich will nicht alles verraten, weil so dick ist das Buch nun auch wieder nicht.

Illustriert hat es Wolf Erlbruch. Übersetzt wurde es von Harry Rowohlt, den ich auch als Opa annehmen würde, wenn er will.

James Joyce
Die Katzen von Kopenhagen
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Mit Illustrationen von Wolf Erlbruch
32 Seiten (ab 5 Jahren)
ISBN 978-3-446-24159-6
Hanser Verlag, München 2013

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17.1.2014

Die Wahrheit über Goethe (2)

Goethe, der nicht gerne Goethe genannt wurde, arbeitete in den Jahren 1772 bis 1774 in einer Fabrik, in der Gedichte hergestellt wurden. Er stand den ganzen Tag am Fließband und prüfte, ob sie ein Loch hatten. Oder ob ein Komma fehlte. Die fehlerhaften Gedichte landeten alle in einem Karton. Man stampfte sie ein und verarbeitete sie zu Bedienungsanleitungen. Wie man inzwischen weiß, neigte Goethe in dieser Zeit zu Fußschweiß.

16.1.2014

Gildo & Rohm

Baumtänzer

Ein Baumtänzer sei ich,
schrie meine Mutter oft.
Und tatsächlich lebte
ich in einer Baumwelt,
in der ich gar der
stolze Besitzer
eines Baumhauses war.
Bis sie platzten,
einer nach dem anderen.
Wie Seifenblasen.
Mutter hatte es gewusst.
Bäume sind Schäume.
Wie gewonnen, so
zerronnen.

16.1.2014

Die Wahrheit über Goethe (1)

Goethe, der sich nicht zu schade war, auch mal Dinge zu kaufen, die er gar nicht brauchte, liebte es, Schmetterlinge zu betrachten. Er fing sie mit einer speziellen Vorrichtung, die er sich von seinem Freund Schiller, dem Schnupftabakverkäufer, hatte bauen lassen. “Hach!”, konnte man ihn oft in der Nähe seines Gartenhauses schreien hören (das war noch vor den Depressionen). “Wieder einer!” Er las die Reste des Schmetterlings auf und untersuchte sie gewissenhaft im Licht der untergehenden Sonne.

13.1.2014

Gildo & Rohm

Tastatour

Ich befinde mich auf
einer Tastatour
durch die Wohnung.
Dunkelheit umwölkt
mich.
Stromausfall.

12.1.2014

Über Sonntagsfrühstücker

Das Sonntagsfrühstück ist in manchen Kulturkreisen weit verbreitet. Es liegt über Wiesen, Straßen und Sträucher verteilt. Sonntagsfrühstück überall. So weit das Auge reicht. Marodierende Banden von Sonntagsfrühstückern ziehen durch das Land, um zu brandschatzen und zu rauben, und dies, während sie ein Käsebrötchen vertilgen. “Sonntagsfrühstücker fressen auch kleine Kinder”, erklärte mir mein Vater bereits als Kind. “Hüte dich vor den Sonntagsfrühstückern!”, warnte meine Mutter, die in der Küche stand und das Mittagessen vorbereitete. “Das Sonntagsmittagessen unterscheidet uns von den Barbaren”, erklärte sie.

(Das Foto zeigt Mutter, nachdem einer ihrer Söhne von Sonntagsfrühstückern überfallen und aufgegessen wurde.)

12.1.2014

Gildo & Rohm

Weite Welt

Ich reise gerne
in die weite Welt.
Nach Nachbarn.
Oder nach Supermarkt.
Hauptsache,
man kommt mal
raus.

11.1.2014

Gesammelte beendete Romananfänge

1. “Hartmann öffnete die Tür, indem er sie schloß.”
2. “Nachdem Meißig Luft geschnappt hatte, buchtete er sie ein.”
3. “Als Feministin erinnerte sie sich nicht, nein, sie sieinnsiete sich. Wsie die Herrschaft dsie Männsie brechen wollte, musste bei dsie Sprache anfangen.”
4. “Er konnte es nicht sein lassen. Bereits zum dritten Mal an diesem Tag schlich Hubert aufs Klo, um heimlich zu ordinieren.”
5. “Beim Papiertaschentuchwettkauen fiel Wolfgang durch seine Verbissenheit auf.”
6. “Um anzukommen, benutzte Ingo den Fluchtweg.”
7. “Sie waren blau, versicherten die Augenzeugen.”
8. “Hartmut wusste nicht ein, dafür aber aus.”
9. “Übermütig verließ Stefan das Haus durch den Eingang.”
10. “Wenn man sich erst gehen lässt, ist man unterwegs.”
11. “Seine besten Zähne lagen hinter ihm.”
12. “Er war bekannt dafür, dass er die Klopapierrolle vorwärts besonders gut beherrschte.”

11.1.2014

Über das Reisen mit Sextanten

Unsere Familie ist bekannt für die ausgiebigen Reisen, die sie oft schon durch die ganze Stadt, in diesem Fall Fulda, geführt haben. Auch heute werden wir wieder einmal aufbrechen. Machete und Koffer stehen an der Tür. Ebenfalls im Gepäck: Sextanten und Aufregung. Die Sextanten sind eine eigene Geschichte wert. Ihre roten Gesichter glühen, die Münder schnappen nach Luft. Sie können sich kaum noch bremsen, um endlich Männer zu erobern. Es ist nicht einfach, wenn man mit Sextanten reist, die jedem, der des Weges kommt, ihr Bein präsentieren wollen. Unrasiert ragt es in den Raum. Unrasierte Beine gelten seit 1875 als Aufforderung, sie zu enthaaren. Haarträchtigkeit beschreibt im kleinen Familienwörterbuch der Rohms übrigens eine Schwangerschaft der Haut. Es ist daher nicht unumstritten, den Haaren mit einem Rasiermesser auf den Leib zu rücken.

Samstags strömen die Massen, um vor dem Fuldaer Dom beten zu können

11.1.2014

Über den Kaffeegenuss

Trinken wir genügend Kaffee? Wer nicht darauf achtet, dass er ausreichend Kaffee schlürft, kann kollabieren. Oder einschlafen. Nach der Balzac-Theorie errechnet sich der halbstündliche Konsum aus den geschriebenen Seiten, die mit den Stunden einer Woche zu addieren sind. Unsere Körper, das dürfen wir nie vergessen, bestehen zu 99% aus Kaffee. Experten gehen davon aus, dass ein Mensch ohne Kaffee höchstens vier Stunden schreiben kann. Nicht ausprobieren. Und noch ein Hinweis: Rohe Fische neigen zu Schimpfwortexzessen.

10.1.2014

Robert Dusch

Sitze im Regen, der mich unaufhörlich einnässt. Regenwetter ist Duschwetter. Robert Dusch war es, der das Regenwetter 1986 erfand. Vorher gab es gar keins. Nur Wolkenbrüche. Und Krankenhäuser für selbige. In meiner Kindheit fuhren die Krankenwagen minütlich an meinem Kinderzimmer vorbei. Mutter schüttelte den Kopf, während sie geistesabwesend die Tapete streichelte. “Ein Wolkenbruch, der braucht Jahre, bis er heilt”, sagte sie. Aber dann kam Robert Dusch, und die Zeit der Regenwetter begann. Das Krankenaus musste übrigens dicht machen. Aber so sehr sie auch verdichteten, das Wasser der Regenwetter drang an allen Ecken und Enden ein.

(Das Foto zeigt Robert Dusch, der sich an manchen Tagen in einen Hund verwandelte. Hier kommt er in Frankfurt an, wo er wenig später das Regenwetter erfindet.)

9.1.2014

Robert Louis Stevenson

Robert Louis Stevenson. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. An unsere gemeinsamen Jahre auf Hawaii. Nackt wie Adam und Eva sprangen wir über den Strand. Bobby malte zu der Zeit an seinem berühmten Gemälde “Die zehn biblischen Plantagen”. Sein Pinsel wedelte im Wind. Die Eingeborenen baten uns, sie aus der Erde zu buddeln. So eingeboren, das wäre doch nichts. Wir ließen sie. “Natur ist so natürlich”, sagte Bobby oft. Abends saßen wir im Licht des Mondes. Wir sprachen über Seeräuber. Warum entführten Menschen einen ganzen See? Es wollte sich uns nicht erschließen. O du wunderbare Zeit, die du niemals wiederkehren wirst.

Zuweilen war Bobby ein seltsamer Vogel. Manchmal verlangte er, ich solle einen Wolf nachahmen. Ich setzte mich zu seinen Füßen und heulte. Laut und durchdringend. Die Fensterscheiben erzitterten. Hausmädchen flohen. Ich schnüffelte alles ab. Markierte mein Revier. So mancher Auftritt endete in unserer Flucht.

8.1.2014

Gildo & Rohm

Mein funkelnagelneues Sofa

Tolles Sofa,
sagte Reinhold.
Er war eifersüchtig
auf mein
funkelnagelneues Sofa.
Auflachend
brauste ich in den
aufkommenden Abendwind
davon.

31.12.2013

Jahresendwarnung

Jedes Jahr endet am Jahresende. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Jahre am Jahresende enden. Es gibt natürlich auch Jahresenden, die sich sträuben, denn nicht jedes Jahr will enden.

So erzählt man sich von Jahren, die nie endeten, wie dem Jahr 1982, auch wenn ich das für eine Legende halte. Manche Jahre sollen sich bis heute irgendwo verstecken, um nicht enden zu müssen, was man ja auch irgendwie verstehen kann. Niemand will wirklich enden, höchstens in einer wunderbaren Gegend in der Unendlichkeit.

Es könnte also – rein theoretisch – zu einem Zusammentreffen eines neuen Jahres mit einem alten kommen, was zur Folge hätte, dass sich die Zeiten überschneiden.

Viel schlimmer wäre es jedoch, wenn sie sich in Haare bekommen und es zu einem Zeitstreit kommt, welches Jahr das Sagen hat. Also nicht wundern, wenn plötzlich 2014 1982 ist.

28.12.2013

Gildo & Rohm

Mond

Wie er da stand,
der Mond.
So griffig
wie eine reife
Melone.
Meine Hände zitterten
sich empor.
Geil
riss ich ihn
vom Firmament.

28.12.2013

Erinnerungsfetzen (8)

Aufs Aufstehen verstehe ich mich. Ich beherrsche es. Aufstehen, das habe ich in den frühen Tagen meiner Jugend geübt. Unaufhörlich.

Ich gehörte sogar einem Club an, der sich dem Aufstehen verschrieben hatte. Wir liefen mit unseren Schlafsäcken durch die Wildnis und legten uns alle paar Meter hin. Eine Sekunde später ertönte das Wecksignal. Zeit zum Aufstehen. Wir rieben uns die Augen. Wir stolperten los. Wie aufgeschreckte Hühner. Und schon kam der Ruf, der uns aufforderte, uns hinzulegen. Wir legten uns hin, schlossen die Augen, träumten einen Traum an, schmeckten seine Ränder, stützten uns auf, denn längst ging es weiter. Äste schlugen uns in die Gesichter. Sie schnitten unsere Arme auf. Die Äste waren trainiert, keinen von uns einfach so durchzulassen. Sie waren alle in der Baumschule gewesen. Dort hatte man ihnen alles beigebracht, was sie in der freien Natur benötigten. Zum Beispiel Natursekt. Sie sollten niemals diese künstliche Brühe saufen, die ihnen angeboten wurde. Illegale Sektverkäufer gab es viele. Seelenlose Sektverkäufer, die einem ahnungslosen Baum das letzte Geld aus der Tasche ziehen wollten. Dabei hatten die Bäume gar keine Taschen, dafür aber Jahresringe. Die zogen sie sich gegenseitig über die Finger. Für jedes Jahr, das eine Baum-Ehe hielt, gab es einen Ring. Die Waldgeschäfte liefen gut. Juweliere schossen nur so aus dem Boden. Wie Giftpilze, was die städtischen Riesenabgeordneten dazu veranlasste, ihre Kinder in den Wald zu entsenden, um die Juwelengeschäfte aus der Erde zu zupfen. Das waren die Zeiten, in denen wir, die wir uns aufs Aufwachen spezialisiert hatten, auf der Hut sein mussten. Wir schlichen uns durch die Wälder, angstvoll darauf bedacht, keinem Riesenkind in die Finger zu fallen.

Später trat ich einem Club bei, der sich aufs Austreten verstand. Wir traten etlichen Clubs bei, um auszutreten, manchmal traten wir auch auf der Toilette aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

27.12.2013

Erinnerungsfetzen (7)

Ich arbeitete eine Weile als ungebetener Gast. Ich zog ziellos durch die Lande und klingelte bei wildfremden Menschen. Ich setzte mich an ihre Tische und beschwerte mich über das Essen. Niemand hätte mich eingeladen, klagten sie. Eben, gab ich zur Antwort. Ich bat sie darum, mich in Ruhe meiner Arbeit widmen zu dürfen. War das Essen absolviert, legte ich mich in ihre Betten. Meist nistete ich mich bis zu drei Wochen ein. Dann war mein Job erledigt und ich streckte den Daumen raus, um an meinen nächsten Arbeitsplatz zu kommen. Irgendwo in einer anonymen Großstadt. Umso anonymer die Städte waren, desto leichter fiel es mir, mich in die Familien einzuschleichen. Manche brauchten bis zu einem halben Jahr, bis sie bemerkten, dass ich gar nicht dazu gehörte.

23.12.2013

Brüstung

Ich gehe niemals
ohne Brüstung aus dem Haus.
Sicher ist sicher.

Zeichnung: Eggs Gildo

22.12.2013

Heute vor 10 Jahren

Heute vor 10 Jahren starb Viktor Seifert, der dafür bekannt war, einen aufwändigen Lebensstil zu führen. Sein gesamtes Leben war von Wänden durchzogen.

“Die Wände nehmen mir die Sicht. Meine Fantasie wird angeregt. Manchmal stehe ich stundenlang an einer der Wände und versuche herauszufinden, was auf der anderen Seite geschieht. Das ist großartig. Ich rate allen Paaren, die sich nicht mehr sehen können, solche Wände einziehen zu lassen. Man wird wieder neugierig auf den anderen. Der Wunsch, sie einzureißen, wird übermächtig. Man kann sie auch bemalen. Man kann Bilder aufhängen. Wände sind mein Leben. Durch meine Küche verlaufen drei. Ich weiß nie, wer mit am Tisch sitzt. Mein Leben ist mit den Wänden spannender geworden.”

20.12.2013

Vorkommen

Ich bin
nicht
der Erste.
Es gab
schon
Vorkommen.

13.12.2013

Schreiben

Manchmal
könnte ich vor Zorn
laut schreiben.

Kinder soll man
nicht
anschreiben.

Wer schreibt, hat
meist Unrecht.

12.12.2013

Heute vor Jahren

Heute vor 25 Jahren dachte der russische Dichter Dimitri Federovski, er hätte den Prolog erfunden. Aufgeregt rief er seine Kinder und seine Frau zu sich. Auch das Bett mit seinem darin sterbenden Schwiegervater ließ er bringen. Außerdem bat er darum, man möge ihm Kinder des nahen Waisenhauses schicken. “Die armen Kinder, sie werden sich über die frohe Botschaft freuen.”

Als nun alle im Halbkreis seiner Worte harrten, setzte er an und sprach: “Meine liebe Frau. Meine lieben Kinder, Kinder des nahen Waisenhauses, mein sterbender Schwiegervater. Nach langjährigen, schwierigen Forschungen ist es mir in meiner Eigenschaft …”

“Könntest du nicht etwas schneller machen”, unterbrach ihn seine Frau. “Die Milch brennt an.”

Dimitri nickte irritiert.

“Um es kurz zu machen, ich habe den Prolog erfunden.”

Erstaunt blickten ihn die Anwesenden an.

“Ist das alles”, keuchte der Schwiegervater und bat darum, dass man ihn in sein Sterbezimmer zurückbringen möge.

“Aber das ist eine enorm wichtige Entdeckung. Sie wird die Literatur für immer verändern”, sagte Dimitri.

Die Waisenhauskinder, die wohl gehofft hatten, alle 92, dass man sie adoptieren würden, schlichen mit gesenkten Häuptern von dannen.

“Die Milch”, sagte seine Frau. “Außerdem gibt es den Prolog schon längst.”

Dimitri sah sie schockiert an. “Es gibt ihn? Aber das hättest du mir sagen müssen. Meine jahrelange Forschungsarbeit … Dann war das ja alles umsonst.”

“Komm jetzt. Es gibt Milch!”

Von seinem Umfeld und seiner Arbeit enttäuscht, zog sich Dimitri Federovski nach diesem Tag aus dem literarischen Leben zurück und widmete sich zukünftig der Aufzucht und Pflege von Holzwürmern.

Aus meinem Tagebuch

Montag, 9. Dezember 2013

Ich habe den Morgen mit einem Horrorgedicht begonnen. Mit solchen Gedichten, denen ein Zauber innewohnt, muss man vorsichtig sein. Am besten schreibt man sie in einem schalldichten Raum, der abseits aller bewohnten Gebiete liegt. Man schließt sich ein und spült den Schlüssel im Klo runter. Weg damit. Sicher ist sicher. Und dann zieht man seinen Horrordichterhut an, das ist der mit der langen Feder, mit dem man so beschissen aussieht.

Das Dichten geht schnell, man muss aber berücksichtigen, dass man zwischendurch auch mal essen und schlafen muss. Töten Sie einen Kanarienvogel oder eine von Gott beseelte Ameise, um die Dämonen der Hölle zu beschwören, die Ihnen helfen sollen, das perfekte Horrorgedicht zu schreiben. Es muss eines sein, das den Menschen Angst macht. Sie müssen bibbern, wenn sie es erblicken. Schnallen Sie es aber an, das Gedicht, damit es nicht mutiert und flieht. Das alles gab es schon. Dem bekannten Mundartdichter Wenzel Müller entkam dereinst ein drei Meter großes Gedicht mit Mundgeruch. Es stapfte durch die Gegend, und ehe es von zwei wagemutigen Kritikern (Urbi und Orbi) verrissen werden konnte, tötete es siebenunddreißig Leser im Raum Kassel. Das hätte nicht sein müssen. Schutz geht vor Kunstfreiheit.

Morgengrauen (Horrorgedicht)

Unheimlich ist das,
wenn man schon
wieder, ich
wiederhole, wenn
man schon wieder,
jetzt geht es weiter,
aufstehen soll.
Das Grauen!
Fürchterlich!
Angsteinflößend.
Am besten, man
dreht sich um
und schläft noch zwei
bis fünf Tage.

8.12.2013

Superschneegedichte

Schneeflocken (Eine Klage)

Heute Morgen
gab es
schon wieder
Schneeflocken.
Ich vertrag die nicht.
Da komme ich
den ganzen Tag
wieder vom Klo
nicht runter.

Schneefall

Von weit und fern
kommen sie und
bewundern unseren
Schneefall.
Das sei der höchste
weltweit.
Unglaublich, dass ich
ausgerechnet hier
geboren wurde.

Schnee treiben

Manchmal trieben
wir den Schnee
hoch bis nach Oslo,
wo er sich erschöpft
unter seine Schneedecke
zurückzog
und von Schneeweißchen
träumte.

Der Schnee schmilzt (Ratschlaggedicht)

Der Schnee schmilzt,
ruft das Kind
entsetzt seinen Vater
an,
der ihm rät,
schneller zu lecken.

In den Schneewehen (Ein rätselhaftes Gedicht)

Sie lag
schreiend
in den
Schneewehen.
Diabolisch grinsend
beugte sich der Arzt
über sie
und forderte:
Pressen!
Verwundert
gehorchte sie.

5.12.2013

Kleinigkeiten

Wissenswertes: Ein Zungenbrecher ist kein Geldeintreiber einer illegal agierenden Linguistenvereinigung.

Ratschlag des Tages: Kommen Erinnerungen hoch, sollten Sie einen Eimer in der Nähe stehen haben.

21.11.2013

Lektüre (1)

Er band meine Hände zusammen, mit Geschenkband, einem pinken, das er drüben bei Walter gekauft hatte, wie er mir erklärte, während er meine Arme in Geschenkpapier einschlug, um sie anschließend mit dem Band zu umwickeln. Das sei der letzte Schrei auf dem Markt der erotischen Möglichkeiten, sagte er, und dann packte er meine Füße ein.
Da stand ich schließlich, ein Geschenk, von oben bis unten in Papier, bis Timmy es von mir riss, ganz erstaunt, mich zu sehen.
“Du!”, rief er.
Ich wollte ihm die Überraschung nicht versauen und breitete die Arme auseinander und rief: “Ta-ta! Über-raschung!”
“Das hätte ich nie für möglich gehalten. Du? Aber wie …?”
“Tja …”, sagte ich.
Er schüttelte noch immer den Kopf. “Das kann ich einfach nicht glauben, ich meine, wie …”
“Glaub es!”
Er wurde ernst. “So sehr ich mich freue, Tiffy, aber das ist nicht richtig. Menschen sollten nicht wie ein Geschenk …”
“Du …”
“Ich sage: Das geht nicht! Zieh dich an. Das ist ja entwürdigend.”
Er lief aufgeregt durchs Zimmer und brummte etwas davon, wie krank alles sei, und dass er in einer solchen Welt nicht mehr leben wolle. Er war wirklich runter mit den Nerven.

Aus “Die vierzig Jünger”, Roman von Barbara Cartwright

18.11.2013

Erinnerungsfetzen (6)

Ich erlebte meine Zeit als Geistlicher in einem Bordell in Barcelona. Täglich saßen wir zusammen, die Nutten, die ich nicht so nannte, und ich. Ich nannte sie Leibdienerinnen. Sie mochten mein Wort nicht und warfen mich am Ende der Herbstsaison auf die Straße. Dort lebte ich eine Weile mit einer Gruppe von unabhängigen Straßenkehrern, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Straßen von allem Müll zu befreien. Sie kehrten alles weg, auch die Menschen, die nicht so gekleidet waren, wie es sich die Straßenkehrer vorstellten. Täglich verschwanden Tausende, die man später in einer Mülldeponie am Rand der Stadt wiederfand. Sie hatten sich dort längst häuslich eingerichtet und wollten gar nicht mehr fort. Manche betrieben Läden, in denen sie leere Milchpackungen verkauften. Leere Milchpackungen waren zu der Zeit der letzte Schrei. Jedes junge Mädchen in Barcelona wollte eine haben.

Aus meinem Tagebuch

Samstag, 16. November 2013

Ich habe lange geschlafen. So lange, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, welchen Tag wir haben. Ist heute Samstag? Das hieße, ich hätte, meine Finger rechnen aufgeregt nach, zehn Stunden geschlafen. Zehn Stunden, die mir fehlen, von denen ich nicht weiß, was in ihnen geschehen ist.

Panik! Rasch renne ich durch den engen Flur, ein Flur, lang wie ein Tunnel, ein Flur, nicht dazu gemacht, dass ihn Menschen meiner Größe benutzen, dass ihn überhaupt Menschen durchqueren. Ich quetsche mich an der Fotografie entlang, die meine Frau und mich beim Bestellen des Flurs zeigt. Was hat uns damals geritten? Im Hintergrund ist es zu sehen. Ein kleiner Teufel, der lachend auf einer der Schränke des Flurmaurers steht und in die Kamera winkt. Wie konnte er nur? Ob es ihn noch gibt? Noch siebzehn Meter, dann liegt der Flur wie ein Darm hinter mir. Menschen sind nicht dazu geschaffen, durch Därme zu kriechen. Wir sollten ihn bei Gelegenheit abreisen lassen. Reisen Därme überhaupt, und wenn ja, welchen Ort sollte ich ihm vorschlagen? Ha, er muss gar nicht reisen, es lag alles an einem Schreibfehler. Wir müssen ihn abreißen lassen, ohne uns in teure Reisekosten stürzen zu müssen. Erleichtert verharre ich, obwohl ich kaum noch Luft bekommen, Luft, die notwendig ist, um das Blut mit Sauerstoff zu versorgen, das Hirn, die Hände, die Beine, die bereits eingeschlafen sind. Hey, ihr da, wach werden! Ich zwicke sie mit einem speziellen Beinzwicker, den mein Vater früher für sein linkes Auge benutzte, das ihm hin und wieder einschlief. “Immer dieses linke Auge”, jaulte er. “Es schläft mir ein, egal wo ich bin, selbst beim Schlafen schläft es zuerst ein, sodass mein rechtes Auge noch Stunden wach liegt, weil die Synchronität nicht gewahrt wurde.” Dabei hängt von ihr alles ab, von der Synchronität, die verlangt, dass stets beide Sonnen untergehen, beide Monde aufgehen. Aber finden wir das in der Natur? Nein, da muss es uns nicht wundern, dass es mit der Welt bergab geht.

Noch ein halber Meter. Ächzend lasse ich mich vom Hausmeister unserer Autoren-Villa in den Wohn- und Tonbereich zerren. Geschafft. Ich klopfe mir den Mörtel vom Schlafanzugjackett und lasse den Schreibtisch anwerfen. Keine fünf Sekunden später wirft er ein Gedicht aus, während ich die Nachrichten studiere. Wahnsinn, was in den zehn Stunden, die mir niemand mehr zurückgeben kann, alles geschehen ist.

15.11.2013

Erinnerungsfetzen (5)

Und wieder einmal huste ich. Ich huste, weil ich nichts anderes gelernt habe. In der Ausbildung zum staatlich anerkannten Huster bringen sie dir das trockene Husten bei, auch das, bei dem die Schleimbrocken zunächst wahllos aus deinem Mund katapultiert werden. Du lernst zielen, husten in dreizehn Sprachen, mindestens. Später hustest du dir sogar die Seele aus dem Leib, was auf gewisse Verbindungen der Huster mit den Satanisten schließen lässt. Lass nicht nach, fordern sie, bis auch der letzte Spritzer Seele aus deinem Körper gehustet ist.

Die besten Huster werden von der Regierung abgeworben, die sie im Ausland einsetzt. Husten in Ländern wie Baden Württemberg und Afghanistan. Ein Huster, der alle Codes husten kann, wird immer gebraucht. Und ehe du dich versiehst, bist du ein Mitglied des Geheimdienstes. Treffen in Saunen, bei denen man hustet. Treffen am Nordpol, ringsum Eis, man konzentriert sich ganz auf sich und den Text, den man einem als Eisbär verkleideten Gegenüber in die Schnauze husten soll. Warum nicht sprechen?, fragt man sich. Hier ist niemand. Doch, behauptet die von der Regierung. Alles verkabelt, selbst das ewige Eis. Abhöranlangen sind inzwischen Teil einer jeden Wohnung, eines jeden Baumes, einer jeden Verkehrsinsel.

Längst bin ich ausgestiegen, ein Huster im vorgezogenen Ruhestand. Aber es hängt in einem drin, ob man will oder nicht, man ist und bleibt ein ausgebildeter Huster, eine geladene Waffe, die jeden Augenblick losgehen könnte.

Aus meinem Tagebuch

Donnerstag, 14. November 2013

Nebel hing wie eine Klette am Haus. Als ich auf meinem Autorenbalkon stand und eine rauchte, war es mir, als würde ich nichts sehen. Undurchdringlich, dieses Wasserdampfdickicht. Von überallher drangen Geräusche, die nach Wilddieben klangen. Sollte ich nach meiner Waffe greifen? Unschlüssig stand ich zirka 10 bis 11 Minuten am Geländer und überlegte, wie mein weiterer Tagesablauf aussehen könnte. Ob ich heute frühstücken sollte?

Es soll gesund sein, wenn man sich Nahrung zuführt, nicht nur in der Nacht, wie ich es eine Zeitlang machte. Stellte mir den Wecker und aß gegen 3.30 Uhr in der Früh selbstgekochten Milchreis. Nacht für Nacht, das kostete mich Nerven, weil ich meine gesamte Familie weckte, die sich dazu setzen musste. Ich esse ungern allein. Ein bisschen Konversation darf schon sein, damit die Zunge geschmeidig bleibt.

Mein Kaffee, den ich aus bestimmten, geheimen Abbaugebieten erhalte, stammt aus dem Projekt “Hair Handel”, was heißt, dass für jedes Gramm Kaffee, das ich kaufe, ein Haartrockner für Leute, die es sich nicht leisten können, eingekauft wird. Nasse Haare sind zu einem weltweiten Problem geworden, nicht nur für die Besitzer von Haaren, sondern auch für die Inhaber von Buchläden, die es sich nicht länger erlauben können, Menschen mit nassen Haaren in ihre Läden zu lassen. Die Feuchtigkeit setzt sich in die Buchseiten und wellt das Papier, sodass es niemand mehr kaufen will, weil die Gefahr, beim Lesen seekrank zu werden, zu groß ist.

Aus meinem Tagebuch

Mittwoch, 13. November 2013

Während ich hier sitze und schwitze, liege ich in meinem Bett und friere. Warum nur? Ich hätte mich niemals unter eine Kältedecke graben sollen, unter eine Schneedecke, mit der man üblicherweise Landschaften zudeckt, nicht aber arme Poeten, die bibbernd und zitternd, nicht mehr aus noch ein wissen, dafür ein noch aus wissen, was sie auch nicht weiterbringt. Als gespaltene Persönlichkeit kann ich gleichzeitig mehrere Dinge tun. Das schafft Freiräume.

Ich kann schlafen und schreiben lassen, während meine Gedanken auf eine Wanderung gehen. Mit einem Taktstock in der Hand marschieren sie los. Oh, oh, wie der Rücken schmerzt. Weit nach vorne muss ich mich beugen, um mich auf dem Taktstock abzustützen, während mein Schlafich unter der Eisdecke mit der Zunge festgefroren ist, bei dem Versuch, sich in die Freiheit zu schlecken. Mein Sitzich kümmert das alles wenig, es sitzt an seinem Schreibtisch, diesem wundervollen Tisch, der unaufhörlich schreibt; eben gerade wirft er ein Romanmanuskript aus. Mal sehen, was der Schreibtisch für Einfälle hatte. Nicht viele, also wühle ich in meinem Ideenbeutel und werfe welche nach, der Schlitz ist eng, aber das stört die Ideen nicht, zumindest die meisten nicht, ein paar sträuben sich und klammern sich verzweifelt am Tisch fest – die kleinen Dinger, die wollen wohl nicht.

Mit verschränkten Bahnschrankenarmen sitze ich da und beobachte die ankommenden Atemzüge, die aus meinen beiden Nasentunneln donnern, um quietschend zum Halten zu kommen. Es ist noch früh am Morgen, aber hier ist bereits die Hölle los.

12.11.2013

Erinnerungsfetzen (4)

In der Zeit vor der Zeit, in der ich mich mit Zeit beschäftigte, mit ihren Auswirkungen, ihren Strömungen, ihren Zeigern, Zahlen, Gehäusen, ihren Wecksignalen, interessierte ich mich für Astronomie. Ich lag nächtens unter dem Sternenzelt, in meinem warmen Schlafsack, den ich mir aus alten Kartoffelsäcken zusammengenäht hatte, und der fürchterlich staubig war, sodass ich jedes Mal husten musste, wenn ich ihn ausklopfte oder glatt strich, und beobachtete das Sternenmeer, wie es wogte und brandete, wie es Ruhe vorgaugelte, wo bald ein Sturm wüten würde. Das Sternenmeer war alt, älter noch als die Menschheit oder mein Großvater, es war so alt, dass man befürchtete, dass es bald ins Altenheim muss, um dort mit all den anderen Sternenzelten, falls es noch andere gibt, in einem großen Speisesaal zu sitzen und Trübsal zu blasen. Denn es ist die Aufgabe von Altenheimen, dem Alter ein Heim zu geben, in dem es sein Alter leben kann, in dem es mit Gleichgesinnten den Boden anstarren und aufweichen kann, denn, so vermute ich, Altenheime arbeiten an einer Bodenreform, daran, dass die Fußböden mit Löchern übersät werden, um, wenn genügend Löcher vorhanden sind, mit den Löchern zu handeln. Finanzlöcher und andere Löcher werden heute an allen Ecken und Rundungen des Erdballs gebraucht. Die Herstellung ist aufwendig und teuer, und da kommen die alten Leute und Naturerscheinungen, wie das Sternenzelt, das dort in Kürze wird leben müssen, gerade recht, um die Löcher, die benötigt werden, in die Böden zu gucken.

Zurück zum Sternenmeer, in dem mein Blick nackt baden kann, wenn er möchte. Er könnte sich, er müsste sich da gar nicht lange zieren, hier und jetzt ausziehen, mein Blick, um im Sternenmeer zu baden, ja, wenn ich mich noch für das Sternenmeer interessieren würde, was nicht der Fall ist, denn inzwischen haben ich mich einem anderen Thema zugewandt, jenem Thema, das dem Thema folgte, das sich mit den Sultaninen beschäftigte, jenen weiblichen Herrschern, die im Orient lebten, bis sie sich unterbuttern ließen, aber das ist eine andere Geschichte.

8.11.2013

Erinnerungsfetzen (3)

Sich ändern, obwohl man es nicht möchte, obwohl man der bleiben will, der man ist.

Ich schrieb eine Menge Texte, die sich mit dem Scheitern beschäftigten, es gefiel mir, ich konnte und wollte mir gar nichts anderes vorstellen, wollte immer und immer wieder Texte über das Scheitern schreiben. Später folgten andere Themen, wie Entlobungsfeiern, plötzlich war ich wie verliebt darin, Entlobungskurzgeschichten zu schreiben, die eine Zeitlang gut liefen, die Magazine waren ganz verrückt nach meinen Minitaturen aus dem Entlobungsmilieu. Ich beschrieb die Gesichter, die Hände, die sich zitternd dem Ring, der vom Finger genommen wurde, näherten.

Nach den Entlobungsgeschichten kamen die Nachttischlampengeschichten, danach die Romane über das Geräusch, das entsteht, wenn man mit seinen Fingernägeln über eine Tafel kratzt. Die Leser konnten nicht genug davon bekommen, sodass ich mich für Monate in einer irischen Hütte einschloss, um den ultimativen Tafelkratzerroman zu schreiben, einen, der das Geräusch tatsächlich erschuf, der es in seinen Worten zum Ausdruck brachte, mit einer Macht, dass sich die Leute beim Lesen die Augen zuhalten wollten. Es sollte mein Ulysses werden, mein Glasperlenspiel, mein Ada. Am Ende scheiterte ich, weil ich es nicht ertragen konnte, das Geräusch Tag für Tag in meinem Kopf beleben zu müssen. Ich scheiterte an mir, scheiterte am Thema.

Nur wenige Wochen nach einem Zusammenbruch, der mich in einem Hotel in Hamburg am Leben verzweifeln ließ, blickte ich eines Tages aus dem Fenster und beobachtete einen jungen Mann, der einer alten Frau über die Straße half.

In diesem Augenblick war es um mich geschehen, ich wollte Romane über Straßenüberquerungen schreiben, nichts anderes sollte künftig noch aus meiner Feder fließen.

Wie man weiß, verlor ich auch an diesem Genre, das am 26. April 1999 eine Hochphase erlebte, das Interesse.

Was bleibt, ist meine ständige Flucht nach vorn, hin zu einem neuen Stoff, einem, der mich fesselt, der die Gesellschaft verändern kann, und wenn nicht verändern, so doch beeinflussen.

Momentan schreibe ich Flussbiegungsromane. Ich denke da liegt die Zukunft. Ganz bestimmt sogar.

7.11.2013

Zeitrechnung

Früher hat es den Mittwoch gar nicht gegeben, auch nicht den Dienstag, erst recht nicht den Montag oder Donnerstag, vom Freitag ganz zu schweigen. Alles Tage, die im Zuge der Industrialisierung entwickelt und in die Woche, die einst nur aus dem Samstag und Sonntag bestand, gebaut wurden, um die Zeit, die fortan für die Maschinen benötigt wurde, zu dehnen. Seitdem werden wir älter und älter. Ein Jahr dauert inzwischen unglaubliche 365 Tage, wo in der Vergangenheit 96 Tage ausreichend waren. In den dunklen Tagen der Menschheit gab es gar nur den Sonntag, da währte ein Jahr 48 Tage, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 35 Jahren waren das 1680 Tage, von denen man sich genau überlegen musste, was man mit ihnen anstellte, bis man ins Gras biss.

6.11.2013

Erinnerungsfetzen (2)

Niemals essen, obwohl man es will, obwohl einen der Hunger beinahe um den Verstand bringt.

Ich habe mit dem Essen ja bereits vor Jahren abgeschlossen, weil es einen nicht weiterbringt. Es bindet einen an den Teller, an die Erde, an die Küche.

In den Jahren vor meiner Hungerkur lebte ich in einem französischen Restaurant. Ich schlief unter dem Tisch, aß die Abfälle, die Reste, die von den Tellern fielen. Der Chefkoch ließ mich, er hatte nichts dagegen einzuwenden, dass ich mich unter Tisch 14 häuslich eingerichtet hatte. Ein Spiegel, ein Bett, klein, aber vorhanden, es fehlte mir beinahe an nichts, höchstens am Notwendigsten, etwa einem Rasierer, sodass mein Bart unkontrolliert wuchs. Am Ende erwischte mich der Besitzer, weil er über meinen Bart stolperte, seine Füße verhedderten sich und er stürzte in die Fischsuppe eines Gastes an Tisch 13 und wäre beinahe, der Ohnmacht wegen, ertrunken. Zum Glück tauchte ein Taucherteam, die sich auf französische Restaurants spezialisiert hatten, auf. Wagemutig zogen sie ihn aus dem Teller ans rettende Tischplattenufer und beatmeten ihn über mehrere Stunden. Später verließ Monsieur Flanell seine Frau, weil er mit einem der Taucher durchbrannte. Tragische Geschichte, die ich bei Gelegenheit zu Ende erzählen werde.

Aber seit diesem Tag, hochheiliges Ehrenwert, habe ich nichts mehr gegessen. Ich kann nicht, selbst wenn ich wollte, aber das Geräusch des allmählich ertrinkenden Flanell verfolgt mich noch heute in meinen Träumen. Zum Glück lebt er jetzt in Marseille und betreibt einen Laden für Taucherbedarf.

Monsieur Flanell lebt inzwischen in Marseille

5.11.2013

Erinnerungsfetzen

Eine alte Übung der Buddhisten ist es, nicht aufs Klo zu gehen, obwohl du dringend musst. Aber nein, du hältst es ein, bis deine Blase dich das Tanzen lehrt.

Ich lebte eine Weile in einem Kloster, in dem man sich auf solche Techniken verstand. Wir gingen nicht nur fast nie pinkeln, sondern wir tranken auch noch Unmengen, um den Körper herauszufordern, wie der Klostervorsteher in einem seiner Briefe, die unregelmäßig eintrafen, schrieb. Er selbst, der Klostervorsteher, konnte nicht bei uns sein, weil er sich eine Übung auferlegt hatte, die ihn mit drei ehemaligen Stripperinnen in einem Hotelzimmer in den USA festhielt. Sie durften es nicht verlassen, bis er, der Vorsteher, nicht alle Lust am Sex verloren hatte. Seine kommende Unlust zögerte und zögerte sich hinaus. Schließlich verließ ich das Kloster, ging auf eine öffentliche Toilette, und sah ihn leider nie. Schade, hätte ich doch den Mann, der uns beibringen wollte, Unpersonen zu werden, gerne einmal kennengelernt. Nichts zu machen.

Danach zog ich eine Weile als Wanderdetektiv durch die Lande. Ich löste hier und da Fälle, blieb nie lange, schlief ausgiebig, duschte, es war eine wilde Zeit, in der ich eine Menge verrückte Leute verhaften ließ.

Als Wanderdetektiv darfst du niemals näher als vierhundert Kilometer an deinen Heimatort herankommen. Du musst die Tracht der Wanderdetektive (Mantel, Hut, Sonnenbrille und Lupe) dauerhaft tragen, niemals darfst du etwas anderes anziehen. Es ist auch verboten, Geld anzunehmen. Ich schlief daher bei meinen Auftraggebern, wusch in ihren Waschmaschinen meine Tracht und zog, war der Fall gelöst, weiter, stets per Anhalter.

Stundenlang stand ich an den Autobahnauffahrten und hielt meinen Daumen in die kalte Luft. Mein Daumen schwoll durch die Kälte zu doppelter Größe an. Die Menschen, die mich mitnahmen, bewunderten meinen Daumen, sie fragten, ob sie ihn mal anfassen dürften, na klar, sagte ich, ist doch nur ein Daumen, bis einer ihn lutschen wollte, ein ehemaliger Daumenlutscher, wie er erklärte, der seiner Sucht hatte entsagen müssen, und für den mein Daumen eine Herausforderung darstellte, der er nicht widerstehen konnte. Selbstverständlich ließ ich ihn nicht lutschen. Ich warf ihn bei Köln aus dem Auto und fuhr alleine weiter, bis mir in Hamburg einfiel, dass es ja ihm gehörte. Ich ließ es stehen und wurde Hamburger. Ein schlecht bezahlter Job, den ich auch nicht lange ausübte.

Aus meinem Tagebuch

Sonntag, 3. November 2013

Es regnet. Ich denke nicht, dass es mir etwas ausmacht, ausmachen muss, denn es regnet ja nicht in unseren Zimmern, sondern draußen. Welch eine Laune der Natur, dass es nie in den Häusern regnet. Das würde viel Arbeit sparen. Man müsste nicht mehr saugen, sondern würde mit einem Abzieher das Wasser von den Oberflächen ziehen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie oberflächlich die Möbel sind? Keine wirkliche Tiefe, und ist sie mal vorhanden, wird sie sogleich genutzt, um Bücher darin zu verstauen. Die Tiefe wird mit Wissen ausgestopft, sodass sie weniger tief wirkt.

Wir hatten gestern Besuch, der an unserem Tisch saß und den ich vollsprach. Vollsprechen ist die Kunst, unablässig zu reden, so dauerhaft, dass der andere irgendwann seine eigenen Gedanken nicht mehr versteht.

Ich sprach den Besuch also voll, bis obenhin sprach ich ihn mit Wörtern voll, sodass der Besuch am Ende des Abends benommen aus unserer Villa torkelte, vorbei am Benz, der verärgert vor dem Haus stand, weil wir ihn nicht eingeladen hatten, ja, warum hätten wir das tun sollen, er hätte eh wieder nichts gesagt, und hätte er gesprochen, wäre es um seine Diebstähle gegangen, die ihn mittlerweie zu einem der meistgesuchtesten Verbrecher des Universums machen. (Ich hatte ja berichtet, dass der Benz stiehlt, was er unter seine Finger bekommt, er will es gar nicht lassen, auch wenn er nichts von dem braucht, was er in seinem Zimmer hortet, der Narr.)

Ich schrecke aus meinen Tagebuchgedanken auf, in die ich ganz versunken war, der halbe Kopf war schon in der Tastatur verschwunden, als mich der Regen in die Realität zurücktrommelte. Es regnet wie damals, anno 1872, eine Nacht, die mein Vater in seinem Tagebuch aufzeichnete, eine Nacht, in der der Regen mit einer solchen Wucht vom Himmel fiel, mit taubeneiergroße Tropfen, dass kein Stein auf dem anderen blieb. Portishead Park, so der Name des Familiensitzes, musste neu gezimmert werden, und erst nachdem der Sitz fertig war, fühlte sich mein Vater in der Lage, das Haus wieder errichten zu lassen. Alles nachzulesen in “Tagebücher des Peter Rohm – Mein Leben im und neben dem Busch”.

Aus meinem Tagebuch

Samstag, 2. November 2013

Meine Frau ist einkaufen gefahren, mit dem Benz, wenn das mal gut geht. (Der Benz hat die merkwürdige Angewohnheit, ständig stehlen zu wollen. Wo er steht und geht, der Wolfgang Benz, greift er Sachen ab, die er nachher gar nicht gebrauchen kann, wie Binden oder Seilschaften. “Was willst du mit dieser Seilschaft?”, fragte ich ihn kürzlich. Er hob die Schultern und führte sie Gassi, weil die Seilschaft, wie er behauptete, nicht stubenrein sei.)

Während meine Frau mit dem Benz unterwegs ist, überlege ich mir, wo und wie wir heute essen gehen könnten. Wie, das ist eine wichtige Frage. Sollten wir mal wieder ins Kopfüberrestaurant gehen? Oder ins Fußlokal, wo sie alle Speisen mit dem großen Zeh aus einem Topf angeln, verflucht schwierig ist das, und meistens rücke ich hungrig ab, ich und meine Frau, und natürlich, seit kurzer Zeit, auch Wolfgang Benz.

Ich müsste auch das Rauchen reduzieren. Kette geht nicht, die ganze Villa stinkt bereits nach meinen Kippen, die ich, wo ich auch gerade bin, z.B. im Bett oder unter der Dusche, wegwerfe, sodass die Brandlöcher gefährliche Ausmaße angenommen haben. Brandlöcher dehnen sich aus, so Experten der Quantenphysik, sie können Materie schlucken, derart viel davon, dass ein Schwarzes Loch erbleichen würde, wüsste es davon.

Ich muss also vorsichtiger werden.

2.11.2013

Der Nachschwärmer

Der Nachschwärmer mag es dunkel und feucht. Hat sich der Tag von seiner Arbeit verabschiedet, drängt es den Nachtschwärmer nach draußen. Gekleidet in der Tracht des Discotänzers durchstreift er die Clubs, nicht auf der Suche nach einem willigen Weibchen, dem er seine Liebe in den Schoß legen darf. Tänzelnd betritt er die erste Feierstelle. Da sind sie ja, die Frauen, die sich nicht zu schade sind, sich in verzückter Art und Weise zu den Beats einer Maschinenband aus Frankfurt zu bewegen. Geschmeidig wiegen sie ihre Hüften, die die Bereitschaft zur Paarung signalisieren. Der Nachtschwärmer aber übersieht sie. Er ist in die Nacht verliebt, die er mit bebenden Lippen beschwört: “Oh, Nacht, entkleide dich. Werfe dich mir zu Füßen.” Wieder geschieht nichts, und er wird sich sinnlos betrinken müssen, um seinen Schmerz zu betäuben. Der Nachtschwärmer sucht nach einer Erfüllung, die eine Körperlichkeit der Nacht voraussetzen würde. Seine Zunge durchzuckt die kühle Dunkelheit. Kein Keuchen, kein Stöhnen. Was bleibt ihm anderes übrig, als sich unablässig durch die Nacht zu bewegen, um sich so, als Ganzkörperpenis, dem Trug hinzugeben, sie wenigstens einmal begattet zu haben, die Nacht, wohl wissend, dass dem nicht so ist. Erschöpft wird er heimkehren, sich die Kleidung vom Leib reißen, um ins Bett zu schlüpfen, während die Arbeiterschaft, dem Tag, dem er so gar nichts abgewinnen kann, ihren Tribut zollt. Unselig schläft er ein, hoffend, in der nächsten Nacht Erfüllung zu finden.

31.10.2013

Mein Gesamtwerk

Ich bin der Autor eines unabgeschlossenen Gesamtwerks. Frühs in der Küche beginnt es, mein Werk. Mein Finger tippt auf den Schalter, der den Mechanismus der Kaffeemaschine aktiviert. Rasch notieren meine eilfertigen Finger mit Hilfe eines Füllers den Sachverhalt auf ein Blatt Papier. “Kaffeemaschine eingeschaltet”. Ein weiterer Schritt in meinem Gesamtwerk. So geht es Schlag auf Schlag. “Mein Brot wurde geschmiert. Beäugte es.” Das Gesamtwerk nimmt mich voll und ganz in Anspruch. Als Gesamtwerker verlange ich einen Stundenlohn von 150 Euro inklusive Mehrwertsteuer, der mir seit Jahren vorenthalten wird. Jeder Schritt vervollständigt mein Gesamtwerk, das ich demnächst an die Stadt Fulda übergeben werde. Man wird es, so versprach man mir, auf einem Hügel aufbauen lassen. Alles, was mit mir zu tun hat, soll zukünftig im Städtischen Gesamtwerk zu finden sein, so etwa meine Hausschuhe aus erster Ehe.

Eben duscht meine Frau. “Frau duscht.” Ich reiße den Zettel vom Block und lege ihn zu den anderen Notizen. Die Archivierungsarbeiten fressen meine Familie allmählich auf. “Angst.” Und wieder eine Notiz.

30.10.2013

Kindheitserinnerung

Ich wuchs am kältesten Fleck Osthessens auf. Oft war es so kalt, dass wir an den Möbeln, die aus Schnee waren, festfroren. Wir hatten das Material für unser Haus aus einem nahen Eisbruch geschlagen. Wir fuhren mit unserem Familienhundeschlitten hin, samt Anhänger, den wir beluden. Den Anhänger hatten wir in der Nähe einer Kreuzung aufgegabelt. Er wäre ein Anhänger der Werke meines Vaters, erklärte er. Das verwunderte uns, weil mein Vater weder schrieb noch malte. Er stellte nichts her, was irgendwen hätte verzaubern können. Und trotzdem gab es diesen Anhänger, der meinem Vater fortan nicht mehr von der Seite wich. Es gebe noch mehr wie ihn, sagte er. Sie hätten nicht hierher gefunden. Vielleicht seien sie auch erfroren. Immerhin befände man sich ja am kältesten Fleck Osthessens. Mein Vater nickte und brach sich mit seinem Taschentuch ein Stück Eis von der Nase.

Wir Kinder liebten die Schneeballschlachten. Wir traten gegen die aus Unterdorf an. Es ging heiß her. Niemand gab auf. So kam es, dass wir oft bis zu vier Wochen von zu Hause fort waren. Wir luden unsere Rücksäcke mit Schneebällen voll und zogen zu einem vorher ausgemachten Treffpunkt, der gleichzeitig der Ort der kommenden Schlacht sein sollte.

Mein Bruder Erwin (Name geändert) war ein großer Schneeballkünstler. Niemand konnte die Schneebälle so treten wie er. Stille legte sich über die Eisflächen, wenn er Anlauf nahm, um einen Schneeball im Netz zu versenken. Das Netz hing im Wasser eines Sees. Wir hatten ein Loch ins Wasser geschlagen, damit Erwin den Ball ins Netz katapultieren konnte. Alles sehr kompliziert. Später brach sich Erwin den linken Fuß und musste eine Saison aussetzen. Das beendete seine Karriere als Schneeballspieler. Wir anderen machten noch eine Weile weiter, bis wir das Interesse am Schnee verloren. Wir zogen uns nach Südhessen zurück. Dort gab es Palmen und Strände. Mädchen in Bikinis. Das alles lag uns mehr.

Wir gründeten eine Rettungsschwimmervereinigung, die wir “Söhne Hasselhoffs” nannten. Wir sahen uns alle Folgen von “Baywatch” an. Wir folgten voller Begeisterung den Brüsten von Pamela Anderson, die sich bei jedem Schritt hoben und senkten. Sie waren wie zwei Wellen, Zwillingswellen, die uns zu verschlingen drohten.

28.10.2013

Windige Geschichte

Der Wind spielt mit dem Haus, als wäre es ein Grashalm. Hin und her geht es, sodass wir uns festhalten müssen. Ich klammere mich an eine alte Kommode, die quietschend von links nach rechts rutscht. Eine halbe Minute später geht es wieder zurück. Wir hätten die Möbel anbinden sollen.

Fulda ist als windreiche Gegend bekannt geworden. Fast die ganze Welt bezog einst ihren Wind von hier. Wir waren Exportweltmeister in Sachen Wind. Täglich fuhren Windlaster aus den großen Windhallen in all die Länder, die an Windknappheit litten. Der ganze Reichtum dieser Stadt stammt vom Wind.

Ich kann mich an die Geschichten meiner Großmutter erinnern, die mir von den Windfeldern erzählte, auf denen die Arbeiter standen, die Münder offen, um den Wind aufzufangen. Sie spuckten ihn in große Säcke, die sie sich über den Bauch gebunden hatten. Ein guter Windarbeiter konnte täglich bis zu dreißig Säcke mit Wind füllen. Herrenhäuser, unsichtbar, entstanden, in denen die Großluftbesitzer lebten. Alles, auf das man damals baute, war aus Wind, aus Luft, aus einem Material, das man nicht erblicken, wohl aber fühlen konnte. Fühlen, wenn es einen hob und über den Himmel Richtung Innenstadt trug, wo man sich vom Luftbus absetzen ließ, um ein Open-Air-Konzert zu besuchen, etwa wenn LUFTIKUS spielten, eine Band aus dem Sauerland, die sich auf die Luftgitarre verstanden, dass sich einem im Kopf alles drehte. Die Finger von Bad Motherfucker No. 5 rasten über die Luftseiten und zauberten Klangfolgen, die bis heute als legendär gelten. Bad Motherfucker No. 5 war es auch, der später als Luftbefeuchter Karriere machte, seiner nassen Aussprache wegen. Er wurde eine menschliche Sprinkleranlage, die man bevorzugt in Wintergärten einsetzte. Da stand er dann, etwa im berühmten Pinken Haus der USA. Das war, bevor sie es weiß anstrichen, weil sich die Präsidenten farblos geben wollten. Man setzte auf eine Politik der Langeweile, des Blassen, andere vermuteten Rassisten dahinter, die mit dem Weißen Haus eine Aussage treffen wollten. Es ging darum, keine andersfarbigen Häuser mehr zuzulassen, es sollte zu Haustrennungen kommen. Farbige Häuser sollten künftig in separaten Wohngebieten stehen, in solchen, in denen es später auch zu den bekannten Rasenunruhen kam. Was erzähle ich Ihnen hier. Das ist alles Geschichte. Wohlbekannt.

27.10.2013

Verrückte Zeit

Sie haben die Uhr umgestellt. Meine Frau und die Kinder sind in den frühen Morgenstunden aufgestanden und haben sie vom Tisch auf den Boden geräumt. Da stand sie, ganz allein, so fehl am Platz, der neu für sie und mich war. Die arme Uhr, sie wusste gar nicht, wie ihr geschah.

Als ich aufstand, wäre ich beinahe über sie gestolpert. Direkt über die Uhr, die Zeit. Es kann ein böses Ende nehmen, wenn man über die Uhrzeit fällt. Man kann sich einen Arm brechen, den Fuß.

Im ganzen Land werden an diesem Tag die Uhren umgestellt, manchen verstellt man auch den Weg. Stühle werden vor sie gerückt, Schränke, damit sie nicht entkommen kann, die Zeit. Die Leute halten sie wie ein wildes Tier, vor dem man sich fürchten muss.

Zeitbeschwörer werden wieder durch die Lande ziehen, in ihren Körben Zeit, die sie mit ihrer Blockflöte beherrschen. Ganz verzaubert zeigt sich die Zeit vom Spiel der Zauberer, der Schamanen, die in den Fußgängerzonen sitzen werden, um sich ein paar Cent zu verdienen. Stumm und starr werden die Kinder vor ihnen stehen, verzückt von der Kunst, die Zeit in die Höhe steigen zu lassen, so wie eine Rauchsäule, für Sekunden, länger schafft es selbst der beste Zeitbeschwörer nicht, die Zeit zu hypnotisieren.

Nicht lange und ich werde mich daran gewöhnt haben, dass die Zeit fortan auf dem Boden (neben dem Klo) steht. Es wird sein, als hätte sie dort schon immer gestanden, bis die Zeit abermals umgestellt wird, bis sie von meiner Frau in einer fernen Nacht am Hals gepackt und an einen anderen Ort verbracht wird. Erst wenn die Zeit umgestellt ist, fällt einem auf, dass sie da ist. Bis dahin wird sie zu einem Mitbewohner, zu einem Möbelstück, das da ist, und dem man keine Beachtung schenkt, weil man anfängt, es zu übersehen.

Gut also, dass die Zeit hin und wieder verrückt wird, so wird man ihrer gewahr, auch wenn es nur für eine Stunde ist, die sie frisst, denn die Zeit ist ein Wiederkäuer, der Zeit kaut und schluckt, wieder und wieder, bis wir über ihr sterben, die unsterblich ist.

22.10.2013

Die Verteidigung der Ebooks

Ich habe kürzlich gehört, das Ebook würde aussterben. Das kann doch nicht sein, habe ich gedacht. Jetzt hat es seit Jahrhunderten überlebt, und nun das. Was soll dann kommen? Etwa das gedruckte Buch? Am Ende verlangt man, dass ich bei einer Buchhandlung in der Innenstadt einkaufe. Nicht mit mir. Schon als Bub habe ich bei Amazon eingekauft. Die haben sich gefreut, wenn ich meinen Warenkorb vollgepackt habe. Stattdessen soll ich fortan von einem Buchhändler beraten werden. So geht das Abendland unter, sage ich euch. Wir werden alle in der Hölle schmoren. Wer das Ebook nicht ehrt, pflegte meine Großmutter zu sagen, ist nix wert. Die wuchs noch damit auf, mit einer Ebook-Bibel saß sie in der Küche und lauschte dem Wind, der die Fensterläden schlug, als wolle er dem Haus etwas lehren, was es nicht verstand.

Und plötzlich soll alles anders werden. Gedruckte Bücher, die durch ihre Form vom Buchstaben ablenken. Die werden der Untergang der Literatur sein, weil keiner mehr auf den Inhalt, sondern einzig noch auf die Verpackung achtet.

Niemals werde ich zu einem Knecht dieser neumodischen Erscheinung, die wie ein Geist durch die Realität wandelt. Ich lasse mir meine fiktiven Welten nicht von einer wie auch immer gearteten Gegenständlichkeit zerstören. Ich atme Luft, die kann ich auch nicht sehen. Im Unsichtbaren wohnt das Leben. In den Gedanken und in den Träumen.

21.10.2013

Thomas-Pynchon-Gedenkmülleimer

11.10.2013

Warum ich erfolgreich wurde

Bevor ich erfolgreich wurde, war ich ein Buchmessestand. Das war nichts für mich. Ich wurde von der andauernden Warterei ganz depressiv. Nur auf einem Fleck stehen, nein, das geht an die Psyche. Hast du erst etwas an der Psyche, musst du es losbekommen. Mit einer Spachtel, die du dir zuvor vom Mund absparen musst. Und wer sich schon etwas vom Mund abgespart hat, der weiß, dass das kein Spaß ist. Was will man sich denn absparen? Die Unterlippe etwa? Den rechten Mundwinkel? Nein, nein, dann lieber kein Buchmessestand werden und nichts an die Psyche bekommen.

Als Buchmessestand treten sie auf dir herum. Schriftsteller, Verleger, Kritiker, Leser. Und keiner interessiert sich für dich, sondern höchstens für die auf dir abgestellten Bücher. Bevor man sich für die Laufbahn des Buchmessestands entscheidet, sollte man lieber ein Buch werden.

Nur kein Bestseller werden. Als Bestseller hast du keine Minute mehr Ruhe. Wer ein Buch wird, sollte ein Ladenhüter werden, will er nicht gestört werden. Als Ladenhüter kannst du Tag und Nacht faul herumliegen, bis sie dich irgendwann verramschen. Auch nicht schön. Plötzlich klemmst du in einem Wühltisch mit all den anderen Ladenhütern. Es ist eng, man schwitzt. So nahe kommt man sich selten. Wühltische sind die Swingerclubs der Buchbranche.

Und dann all die Hände, die in dich hineinlangen, als ob du ein billiges Flittchen wärst. Die dich mustern. Immer nur angelesen werden, um zurückgelegt zu werden. Leser sind Schweine, sage ich. Die wollen alle nur das eine. Dich durchlesen und ab mit dir ins Regal. So nicht, meine Leser! Ich bin zwar kein Buch mehr, aber wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, würde ich heute irgendwo unter R stehen und darauf hoffen, dass mich mein Leser hin und wieder abstaubt, nur um schließlich auf dem Basar zu landen. Skandal! Das ist doch Sklavenhandel. Noch schlimmer. Wir sind Sklaven der Augen. Ist man unserer überdrüssig geworden, verschenkt man uns. Danke, sage ich da. Danke! Gut, dass ich den Absprung geschafft habe. Als Buch wäre ich vor die Hunde gegangen. Und nicht mal das. Ohne Beine wäre aus dem Spazieren nichts geworden. Dafür hätte ich Eselsohren und würde zum Gespött der Neuausgaben, die noch nicht wissen, was auf sie zukommt.

Nein, dann lieber Buchmessestand geworden. Noch besser ist, man wird erfolgreich. Als Erfolgreicher kannst du auf Buchmesseständen herumlaufen und Bücher signieren. Man ist sozusagen ein Literaturcowboy, der seinem Rind ein Brandzeichen verpasst. Das wird mit der Zigarettenglut langsam in die Haut gemalt. Dafür muss man ausgebildet sein, sonst sieht es scheiße aus. Da sitzt man als Cowboy auf einem Buchmessestand und raucht Kette, um ein Buch nach dem anderen zu signieren. Deshalb sterben auch so viele Autoren an Lungenkrebs.

10.10.2013

Der Selbstversuch (IV)

Erschöpfung. Ich bin am Ende. (Das mag an unserer kleinen Nadelöhrwohnung liegen. Zwei Schritte und man hat sie durchquert.) Ich leide den Durst eines in der Wüste ausgesetzten Sträflings. (Gab es so etwas in der Geschichte überhaupt? Anm. an mich: Zur Not streichen.) Mit letzter Kraft schleppe ich mich dahin. Robbe auf den Unterarmen. Suchen verzweifelt nach einer digitalen Oase. Nach Facebook-Palmen. Einem Twitter-Wasserfall. Die Zunge hängt mir aus dem Mund. Sie scheuert den Boden.

Meine Frau mischt sich ein, meint, das wäre eine gute Gelegenheit, wieder mal trocken durchzuwischen. Im nächsten Moment schnappt sie sich meine Beine und rasiert die Staubflusen vom Parkett. Ich würde mich gut als Reinigungsmop machen. Talente hätte jeder, erklärt sie. Man müsse sie nur zu erkennen wissen. Viel Geld hätte ich im Hygienesektor verdienen können, sagt meine Frau. Hört, hört.

Mir ist das alles einerlei. Ich habe längst mit dem Leben abgeschlossen. Diesem Überangebotsdasein.

Ich habe versagt. Habe dem Leben nicht die Realität abtrotzen können, die ich in ihm entdecken wollte. Wurde nicht zu dem Fels, auf dem die Internetgegner ihre Kirche erbauen sollten, auch wenn ich dies die letzten Tage von mir behauptete.

Ein Versager. Wenn ich das doch wäre, alles wäre leichter, einfacher.

Einer, der sich etwas versagen kann, hat sich unter Kontrolle. Nichts von dem, was ich wollte, habe ich eingelöst. Stattdessen werde ich in die Hallen des Internet zurückkehren. Eine kleine Pause bitte ich mir dennoch aus. Ich werde sie nutzen, um eine Kreuzfahrt zu machen. Um mich mit Luxusgütern zu umgeben, die mich ein wenig von meiner Schmach ablenken sollen. Ob sie es können? Ich bezweifle es.

Luxus währt ein Schaumbad lang. Nicht länger.

Vier Tage währte mein Versuch, sich den neuen Medien zu widersetzen. Widerstand wollte ich leisten, und wurde doch nur schwächer und schwächer, bis ich mich schließlich in meiner eigenen Wohnung als Mop wiederfand.

So geht es einem, der der Neuzeit ins Antlitz spucken wollte. Der die Moderne durch eine Reise in die Vergangenheit auf ein stabileres Podest heben wollte.

Langsamkeit. Entschleunigung. Langeweile. Dies waren die Schlagbegriffe, mit denen ich meinen Krieg führen wollte. Ich bin gescheitert.

Und so ende ich als ein Reinigungsgerät, das über einen Facebook- und Twitteraccount verfügt.

Was bleibt, ist das Gefühl von Scham.

9.10.2013

Der Selbstversuch (III)

Die Internetsucht wird einen ein Leben lang begleiten. Ist man erst geheilt, was im Grunde unmöglich ist, wird man Tag für Tag gegen die Verführungen, die im Alltag lauern, kämpfen müssen.

Man wird wildfremde Leute in der U-Bahn bitten, schwitzend, mit zitternden Händen, ihr Smartphone berühren zu dürfen. Man wird sich unter einem Vorwand in die Elektroabteilungen der großen Kaufhäuser stehlen. “Es gibt da diesen Föhn, ich will ihn mir kurz ansehen.”

Nachts wird man sich heimlich an den Rechner setzen. Tausend Kämpfe wird man mit sich ausfechten, um ihn nicht hochzufahren. Nicht alle schaffen es. Viele verlieren den jahrelangen Kampf gegen einen Gegner, der uns vernichten will. Erniedrigen will er uns. Gesellschaftlich ins Abseits drängen. Er will uns stumm werden lassen. Die Matrix, das müssen wir wissen, ist nahe.

Es geht darum, dass die Datenströme uns verschlingen wollen, sie wollen uns in ihre Untiefen ziehen, hinab in ihren Pixelschlamm.

Der dritte Tag meiner Aktion NO INTERNET liegt hinter mir. Ich kann kaum noch. Ich halte es nicht mehr aus. Verzweiflung macht sich breit. Meine Augen treten aus den Höhlen. Blasen haben sich auf der Haut gebildet, einer Haut, die sich allmählich löst. Streifenweise liegt sie herum.

In der Nacht träumte ich, fiebergeschüttelt, das Internet würde mich rufen, mit einer tiefen Stimme sprach es mich an. “GUIDO!”, rief es. Und wieder: “GUIDO! KOMM UND LOG DICH EIN. MELDE DICH BEI FACEBOOK AN UND LIKE ETWAS.”

Mein Körper krümmte sich. Ich bäumte mich auf. Nein, du Hexe, dachte ich. Schrie es! Du wirst meine arme Seele nicht in deine Fänge bekommen. Schatten erhoben sich in meinen Träumen. Klauen, die mich packen wollten. Sie hielten einen Karton und eine Kordel. Würde ich mich nicht wehren, sie würden mich packen. Ich musste erwachen.

Denn darum geht es, liebe Schwestern und Brüder, um das Erwachen. Folgt mir auf meinem Weg durch das tiefe Tal der Tränen. Ans Sonnenlicht werde ich euch führen. Hört auf mich und meine innere Stimme. FOLGT MIR! JETZT!

Ich habe beschlossen, eine Erweckungszeitschrift namens “Der Wachtturm” herauszugeben. Um rechtlichen Schwierigkeiten mit den Zeugen Jehovas aus dem Weg zu gehen, wäre ich auch bereit, mein kommendes Instrument der Aufklärung “Der Achtturm” zu nennen. Ich und ihr werden an den Straßenecken stehen, um von der Wiederkunft der Schreibmaschine zu künden. Groß ist ihre Macht und ihre Herrlichkeit, Amen. Widersagt dem Internetsatan, der euch auf verkommene Pornoseiten führen will. Der euch mit Handytarifen überschüttet. Der euch in den Dreck zieht. Kommt und sehet, dass es Hilfe gibt. Werdet Teil meiner Kirche.

Meine Frau behauptet, mein Geist hätte sich in eine Nebelbank des Irrsinns zurückgezogen. Das arme Ding. Der Internetsatan ist bereits in sie gefahren. Ich werde sie exorzieren müssen, wenn es sein muss, auch gegen ihren Willen, indem ich sie an die Pfosten unseres Bettes fessle. Keine Pfosten. Eben fiel es mir als Vision vom Himmel in die Augen. Wir haben keine Pfosten, die geeignet für eine Fesselung sind. Wo soll der Exorzismus stattfinden? Ich könnte es heimlich tun. Während sie liest oder fernsieht. Ich würde meine Gebete murmeln und sie mit Weihwasser bespritzen. Nicht zu viel, damit sie es nicht bemerkt.

Verrückt. Es gibt bereits familieninterne Stimmen, die mir einreden wollen, ich sei verrückt. Nein, das bin ich nicht. Das unaufhörliche Zucken meines linken Augenlids wird sich legen. Es wird verschwinden, wie es gekommen ist. Ich bin hier nicht der dem Wahnsinn verfallene. Ihr seid es, die ihr nicht erkennen wollt, in welch einer Sklaverei ihr lebt.

BEFREIT EUCH!

HEUTE NOCH!

8.10.2013

Der Selbstversuch (II)

Ich muss es zugeben. Unumwunden eingestehen. Das Internet fehlt mir. Es fehlt mir so sehr, dass ich meine Frau bat, einige geöffnete Seiten berühren zu können. Sanft fuhren meine Finger über Spiegel-Online. Über mein Blog, dem ich einen kleinen Link nicht vorenthalten konnte. So will ich nicht leben.

Und Facebook? Es fehlt mir ebenso. So sehr, dass ich mit dem Gedanken spielte, mich heimlich in der Nacht anzumelden, um nachzusehen, was meine Freunde so trieben. Und was würde ich entdecken? Im schlimmsten Falle nichts. Vor allem, dass sie mich nicht vermissten. Nicht einer, nicht eine. Doch eine tat es. Sie schrieb mich bereits an. Gott segne das treue Weib!

Das Essen will mir nicht mehr schmecken. Gedankenverloren kippe ich meine Dosis Wodka, die ich benötige, um in die rechte Schreibstimmung zu kommen.

Warum mit dem Internet aufhören, wo es doch die wunderbarste Literaturmaschine aller Zeiten ist. Eine Maschine, die von einem Meer aus Leuten beschrieben wird. Eine gigantische Schreibmaschine, die unzähligen Menschen dazu dient, sich auszudrücken. Die Demokratisierung der Literatur, der Buchstaben, der Erzählungen. Fortan sind alle Künstler, alle Schriftsteller, bis zu jenem fernen oder nahen Tag, an dem Texte nichts mehr bedeuten können, weil sie inflationär erbrochen wurden. Die Welt wird in einem Ozean aus Geschwafel ersaufen.

Das Internet. So schön. So hässlich.

Es ist schwierig in diesem offenen Himmel zu überleben. Man ist ein Vogel von vielen. Die Verlage werden nach und nach, stellen sie sich nicht auf die neue Lage ein, verschwinden, sie werden zu einer Luftspiegelung werden, einer Erinnerung, wie die Schreibmaschine eine Erinnerung an das Solo-Internet ist, das sich erst durch den Druck und Vertrieb eines Buches verteilte. Heute wird geteilt, in Sekundenschnelle.

Es ist doch meine Lebenserzählung, die ich vorantreiben will, meine erstunkenen und erlogenen Vorkommnisse. Soll mein nächste Buch nicht eine Autobiografie werden? Oh ja! Warum? Weil es Zeit ist, mein Leben so zu beschreiben, wie es hätte verlaufen können. Dafür ist sie doch da, die große Lügnerin Literatur.

So vieles, was ich schreibe, stimmt. So vieles ist eine Lüge. Wo noch trennen? Ich weiß es nicht.

In der Küche wird geackert, das Essen wird zubereitet. Dieses Schwein, höre ich die Feministinnen murmeln, die nicht ertragen können, dass ich die Trumpfkarte meiner geschlechtlichen Abstammung ausspiele, um mich aus dem Leben ins Schreiben zu stehlen. Ein Akt fortwährender Faulheit? Ja! Ein Akt der Lebensverweigerung? Ja! Aber nein, das sind doch alles Ausgeburten meines silbenformenden Hirns, das sich mit den Buchstaben eine Spur legt, um sich nicht zu verirren, nicht zu verlieren. Um einen Halt im Jetzt zu finden.

Die ersten Stunden nervöser Zuckungen sind überstanden. Am Ende werde ich noch ohne das Internet auskommen. Und dann? Ich könnte mich in eine kerzenbewachte Dachwohnung zurückziehen, um dort Gedichte mit der Feder zu kratzen. Ich könnte sie den Fledermäusen vortragen. Den Mardern.

Nein, ich denke nicht, dass es soweit kommen wird. Und doch, um meinen Roman um ein weiteres unsinniges Kapitel zu bereichern, werde ich mich in Enthaltsamkeit üben. Ein Abt des Realen. Ein Mönch des Tatsächlichen.

Wenn es das denn überhaupt gibt.

7.10.2013

Der Selbstversuch (I)

Ich hatte mir vorgenommen, mich auszuklammern. Raus aus dem Internetleben. Raus aus diesem falschen Leben, das dritten Zähnen glich. Rein mit ihnen ins Glas der Aufbewahrung. Hinein mit ihnen in den Kelch, der an mir vorübergehen sollte. Sieben oder vierzehn Tage kein Facebook. Das musste doch möglich sein. Kein Blog. Nur das Schreiben und ich, so wie es früher gewesen war. In den alten Tagen des Vor-Internet, in denen die Menschen noch miteinander sprachen, von Mund zu Mund. In denen sie noch schrieben, ohne es gleich zu veröffentlichen. In denen ein Peter Handke noch zu Unseld fuhr, mit der Bimmel-Bummel-Bahn, um ihm sein Manuskript zu überreichen. Feierlich, während ein Streichorchester etwas von Mozart spielte. Unvorstellbar so etwas.

Ich stand in den frühen Morgenstunden auf und setzte mich an den Rechner. Mails durften sein. Die waren erlaubt. Sie waren die große Ausnahme von der Regel, um sie zu bestätigen. Und ein bis zwei Nachrichtenseiten. Die waren ebenfalls erlaubt. Weitere Ausnahmen zur Regelbestätigung. Ich würde es schaffen. Würde es tatsächlich schaffen.

Schweiß lief mir auf die Stirn. Er tippelte auf der Stelle. Wie ein Hundertmeterläufer am Start, der sich aufwärmt. Was wollte mir mein Schweiß damit sagen?

Und über was würde ich schreiben. Über meine Erlösung vom Joch der sozialen Netzwerke. Meines Blogs. Was sollte mein Test überhaupt? Wem würde er nützen? Welche Aussagen traf er?

Ich könnte es an Faust-Kultur schicken, um diesen Beweis meiner Aufopferung für die Nachwelt aufzubewahren. Da war tatsächlich einer, der es wagte, Hand an sich zu legen. An sich und seine Verbindungen zur Außenwelt. Einer, der sich kappte. Der das Band zerriss, das ihn mit den Lesern verband. Einer, der auf dem besten Weg war, der erste ungelesene Schriftsteller der Weltgeschichte zu werden. Gut, vielleicht nicht der erste, aber der erste wichtige.

Worüber schreiben? Über die Folgen des Entzugs. Spürte ich bereits etwas?

Nein, ich schien vollkommen ruhig zu sein. Ich trank meinen Morgenkaffee und schrieb. Alles wie gehabt. Das tue ich doch jeden Tag. Stand auf und rauchte und schrieb. (Gott, ist mein Leben tatsächlich so trostlos, so eingefahren?)

Draußen war es noch dunkel. Kurz vor sechs. Keine Autos zu hören. Wie gut, dass ich in der Provinz wohne, dachte ich. In Fulda ist die Welt noch in Ordnung. Die Menschen wissen, was sich gehört. Sie stehen nicht einfach auf und starten ihre Autos, um die Gedanken eines Schriftstellers zu stören. Sie bleiben liegen. Horchen, ob sein Tippen zu hören ist. Wann endet es, fragen sie sich. Wann dürfen wir es wagen aufzustehen? Es gibt Tage in Fulda, an denen ich ganztägig schreibe. Und ob Sie es glauben oder nicht, der Verkehr ruht. Es tut sich nichts. Alle verbleiben in ihren Betten, ängstlich darauf bedacht, mich in keinem meiner wichtigen Gedanken zu stören.

So, eigentlich reicht es jetzt. Ich werde mich morgen wieder zu meinem Selbstversuch äußern. Morgen. Wenn es denn ein Morgen für mich geben sollte.

Unseld stehe mir bei!

6.10.2013

Genderdiskussion

Rüdiger. So wollte ich meinen Sohn nennen. Rüdiger. Oder Florian. Stattdessen nannten wir sie Elvira. Manchmal rufe ich trotzdem Rüdiger, auch wenn Elvira das überhört. Sie sitzt den Sohn in sich aus. Sie überhört ihren wahren Namen. Ihr wahres Geschlecht. Rüdiger, sage ich zu Elvira. So kann das nicht weitergehen mit dir. Du kannst dir keine Brüste wachsen lassen. Lass dich von der Gesellschaft nicht auf ein Geschlecht festlegen. Auf eine Rolle. Elvira stiert mich an. Sie will nicht einsehen, was ich sehe.

Meine Frau sagt, ich solle den Jungen lassen. Der wisse schon, was er tue. Weiß er nicht, sage ich. Das wird ein böses Ende mit unserem Florian nehmen. In den Nächten liegen wir wach im Bett und wälzen die Gedanken. Hin und her. Wie in einer Gedankenbäckerei. Wir kneten die Gedanken zu Broten. Zu Brezeln.

Sorgen. Nichts als Sorgen.

4.10.2013

Sturmwarner

Früher arbeitete ich als Sturmwarner. Wir standen draußen auf den Klippen. Hielten die feuchten Finger in die Luft. Wenn es kühl am Finger wurde, wussten wir, dass es Zeit sein könnte, die Mäntelkragen nach oben zu schlagen.

Wir hatten lange und ausdauernd trainiert. In einem Fitnessclub in der Bahnhofstraße. Drei Wochen lang schlugen wir unsere Kragen. Unsere Hände waren schon ganz blutig. Wir sahen uns extra Rocky an. Jeden Abend nach dem Training gingen wir ins Kino und beobachteten unseren Helden. Später setzten wir seine Tipps um. Wir liefen Treppenstufen nach oben und schlugen auf Schweinehälften ein. Wir besorgten uns eine hässliche Frau, die, nachdem wir ihr die Brille vom Gesicht nahmen, nicht sah, wie hässlich wir waren. Wir waren so hässlich, dass sie oft vor uns fortliefen. Vielleicht wurden wir deshalb auch Sturmwarner.

Man steht alleine auf einer Klippe am Meer. Nur du und dein feuchter Finger. So warben sie damals für den Job. Sie hatten uns in der Fußgängerzone angesprochen. Sie suchten junge Sturmwarner. Man bräuchte nicht viel. Nur einen gesunden Finger. Und genügend Spucke. Sie fuhren uns in Bussen an die Küste.

Zuerst landeten wir in einem Ausbildungslager. Sie machten aus unseren Fingern Messinstrumente. Unsere Finger mussten unter Stacheldraht durch. Über Hindernisse. Durch Schlamm. Sie beschimpften ihn, um ihn abzuhärten. Wir mussten ihn blind ein- und ausfahren können.

Dann kam der härteste Teil. Sie ließen unser Wasser im Mund zusammenlaufen. Tagelang bekamen wir keine Süßigkeiten, aber jeden Abend las uns Captain Sir aus einem Buch über Süßigkeiten vor. Es ging um Bonbons, die so süß waren, dass ihnen jeder durch die Haare fahren wollte. Die Haare hatten sie bekommen, weil sie zu lange bei einer alten Frau auf dem Teller gelegen hatten. Es war eine traurige Geschichte. Wir weinten uns in den Schlaf.

Am nächsten Morgen holten sie uns ab und brachten uns zu unserer Klippe. Da standen wir und dachten an die Bonbons. Der Speichel schoss ein. Wir führten unseren Finger in den Mund. Speichelten den Finger ein. Hielten ihn in den Wind. Ich hatte Glück. Gleich beim ersten Versuch spürte ich kühle Luft. Ein Sturm. Ich läutete die Sturmglocke. Die Bevölkerung wurde nach Spanien evakuiert. Man wartete, aber kein Sturm kam. Er musste sich beruhigt haben. So konnten alle, die man noch finden konnte, wieder zurückgebracht werden.

Briefe an mich

Ich solle endlich einmal etwas Wirkliches über meine Wirklichkeit schreiben, werde ich oft in Leserbriefen aufgefordert, die ich mir selber schreibe, weil es ja sonst niemand tut.

Ich denke lange über meinen Brief nach. Ich verstehe gar nicht, was ich von mir will, weil ich doch täglich nichts anderes mache, als Wirklichkeit zu fabrizieren. Ich könnte bereits meine Wohnung mit ihr tapezieren, so viel Wirklichkeit fliegt hier rum. Am Ende eines jeden Briefs bedanke ich mich bei mir für meinen Fleiß. Rot werde ich, ein wenig zumindest. Ich habe mich überraschen können.

Sich noch überraschen können, ist nicht die schlechteste Methode, sich am Leben zu erhalten. Wer sich selber überrascht, der überrascht auch andere, hat meine Mutter oft zu meinem Vater gesagt, und dann hat sie seine Koffer gepackt, damit er auszieht. Ein bis drei Wochen. Nie länger. Trennung auf Zeit, damit die Beziehung sich erholen kann. Sie haben sich dann irgendwo in der Stadt verabredet und neu kennengelernt. Waren ganz überrascht, sich noch nie über den Weg gelaufen zu sein. Drei Hochzeiten im Jahr. Das muss eine gute Ehe aushalten, hat meine Mutter gesagt.

Über all das denke ich nach. Wieder habe ich Wirklichkeit produziert. Worüber beschwere ich mich also? Ich zerreiße meinen Brief an mich und werfe ihn zu den anderen. Dreitausend Briefe sind so im Laufe meines Lebens entstanden. Vielleicht werde ich sie irgendwann herausgeben. Unter dem Titel: Liebes Ich – Briefe von mir an mich.

3.10.2013

Keinland

Die USA, die sind kein Land. Die sind eine Sehnsucht, ein Traum und Albtraum, ein Verbrechen, ein Krieg, eine Folter, eine Schönheit, eine Vergewaltigung. Eine Traumfabrik. Das ganze Land ist eine große Albtraumfabrik. Eine Film-Dose, in der die Stimme blechern verhallt. In der man sich selbst hört. Die Stimme eines anderen, der doch nur ich bin. Eine große Doseneinsamkeit.

Eine Mall ist das Kein-Land, ein großes Einkaufszentrum, in dem sie dich und mich verkaufen. Für einen Liter Öl bekommst du dreihundert Liter Blut. Eine Leinwand ist das Kein-Land, über die John Wayne und Ronald Reagan reiten, eine Leinwand, die zum Leichentuch taugt. Die USA beginnen einen Krieg, um ihn hinterher filmisch ausschlachten zu können. Zehn Oscars hat noch jeder Krieg bekommen. Als Folteropfer muss du nicht nachdenken, ob du dich im DIRECTOR’S CUT von Frau Bigelow befindest. Der Schmerz lehrt dich, dass kein CUT dich rettet. Die Wirklichkeit hat Überlängentodeslänge.

And the star-spangled banner
in triumph doth wave,
O’er the land of the free
and the home of the brave.

1.10.2013

Herzkammerflimmern

Ich werde auf die Buchmesse fahren, ohne zu wissen, was ich dort tun soll. Über mein Buch reden, das mir selbst ein Rätsel ist? Würde ich wissen, warum ich schreibe, würde ich es nicht mehr tun. Wenn ich auf Kollegen treffe, die mir Regeln an die Hand geben, die mir erzählen wollen, sie wüssten, was beim Schreiben zu beachten ist, nehme ich Reißaus. Das sind doch Literaturwirtshausbesitzer, aber keine Schriftsteller. Die können dich bedienen, aber nicht beschämen. Die sind mir die liebsten, die mich mit ihren Büchern beschämen, die mich an die Wand drücken, die mich mit einem Satz noch überraschen können. Der muss ihnen in der Hand aufblitzen, wie ein Messer. Die anderen kann man getrost vergessen. Man kann sie auf Parkbänken liegenlassen, an die Tauben verfüttern. Die werden sie auch nicht vertragen.

Nichts weiß ich. Und deshalb schreibe ich doch. Um mich Wort für Wort auszuquetschen. Immer in der Hoffnung, dass eins darunter ist, das etwas mit mir zu tun hat. Tatsächlich zu tun hat. Bisher habe ich noch keins gefunden. Vielleicht ist es mir auch entwischt. Bei der Unzahl an Worten, die ich erbreche, muss man von einer Krankheit ausgehen. Von einem grippalen Infekt. Einer Verschleimung des Hirns. Herzkammerflimmern. Das ist einmal ein Wort, mit dem ich etwas anfangen kann. Weil es schön ist. Als Wort. Rein schön. Versteht ihr das? Ihr sollt nicht hinter das Wort blicken, sondern auf es. Nehmt die Bedeutungen fort, die sie euch gelehrt haben. Herzkammerflimmern. Wer würde nicht gerne in einer Herzkammer wohnen. Oberhalb der Herzstraße. Und wenn es Nacht wird, und die Sterne ihr weit entferntes Licht senden, wenn sie ihre Funksignale aus der Vergangenheit senden, und das Licht sich in der Herzkammer verirrt, kann es geschehen, dass ein Flimmern durch den Raum schwebt. Das Herzkammerflimmern. Da ist es ja.

Und wenn ihr jetzt denkt, ich hätte euch irgendetwas erklärt, das von Belang für euch ist, vergesst es. Da ist nichts. Ich weiß nichts. Ich hoffe, ihr auch nicht.

30.9.2013

Wintertage sind die Sommertage der Einbrecher

Jetzt kommen wieder die trüben Tage. Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Mit denen komme ich gar nicht aus. So Tage sind nichts für mich. Die können mir gestohlen bleiben. Die kann einer mitnehmen, der sie brauchen kann. Ein Dunkeltagliebhaber vielleicht. Einer, der sich gerne durch die Dunkelheit schleicht. Wintertage sind die Sommertage der Einbrecher. Die sind für sie wie gemacht. Die passen ihnen, wie ihre Strumpfhosen über den Köpfen. Aber nicht mir. Und in Strumpfhosen bekomme ich eh Atemnot. Ich will Helligkeit und lichtdurchflutete Tage. Ich will im Sonnenschein ersaufen, auch wenn ich ihn mehr aus der Ferne betrachte, aus dem Schatten heraus. Das sollte man mir nicht vorwerfen. Ich brauche mein Innen, um das Außen genießen zu können.

29.9.2013

Den Unterblick behalten

Als Kind habe ich bereits gewusst, dass es sinnlos ist, erwachsen zu werden, weil man den Unterblick aus der Tiefe verliert.

Und jetzt rutsche ich ständig auf den Knien umher, um zu erfahren, was dort unten geschieht. Eine ganze Menge.

Auf Tischkantenhöhe bekommt man einen Blick für die Besonderheiten von Ketchup-Flaschen, die sich wie Türme in die Höhe schrauben. An den Turmspitzen Blut. Angst bekommt man vor der Größe der Welt, eine Angst, die man sich bewahren muss, will man den Mut finden, sie beizeiten anzugreifen.

Will man ein Tischterrorist werden, heißt es, sich die Straßen und Wege zwischen den einzelnen Tellern und Töpfen einzuprägen, damit man gezielt entkommen kann. Flucht war schon immer eine gute Möglichkeit, vorwärts zu kommen.

28.9.2013

Selbstkritik

Ich soll ernst werden, ernster, das in jedem Fall, redet mir eine Stimme ein, die, als eine von vielen, in meinem Innen tobt. Ich höre ihr zu, auch wenn ich so tue, als überhöre ich sie.

Darauf kommt es doch an. Sich gehörig überhören zu können, sonst fällt man noch auf sich rein. Und dann? Am Ende wird man zu dem, der man ist. Die große Tragik des Lebens hätte sich erfüllt. Da bin ich lieber ein anderer. Einer, der keiner ist, der mir bekannt vorkommt. Sonst wird es rasch langweilig, wenn man sich erst mit seinesgleichen einlässt. Da kommt man unter die Räder. Verliert sich im Drogensumpf.

Ich, so viel steht fest, werde mich nicht mit mir einlassen, sonst gehe ich mir noch auf den Leim, und komme nimmer von mir los. Dann lieber neben mir sitzen und ein Gespräch führen, um sich dabei, durch geschickte Fragerei, kennenzulernen. Man kann ja ein Freund von sich werden. Und sich gelegentlich treffen. In der Stadt. Auf einen Kaffee. Aber wie bei allen großen Freundschaften, wird sie nur Bestand haben, wenn man sich wieder trennt, um sich auf sich freuen zu können.

Näher will ich mir nicht kommen. Gott bewahre.

27.9.2013

Über sich die Sonne

Literatur ist eine Schmutzarbeit. Den ganzen Tag habe ich unter Tage gearbeitet. Du musst so schreiben, als könntest du auf eine Goldader stoßen, bis du feststellst, eines fernen Tages, dass du nur Dreck nach oben schleppst. Du kriechst zu deiner Familie an den Tisch, die dich nicht erkennt. Die denken, ein Fremder hätte sich verirrt, aber den nehmen sie gerne. Sie bedienen dich mit einem Lächeln, sodass dir ihre Gesichter zum ersten Mal so fremd erscheinen, dass du sie entdeckst. Ein fremdes Gesicht ist ja immer eine Wohltat für den ausgetretenen Blick. So viele Bilder sind schon über deinen Blick gelaufen, dass du ihn ausklopfen müsstest, um wieder klar sehen zu können.

Und morgen werde ich wieder mit dem Aufzug nach unten fahren, ich werde einfahren, wie ein Verbrecher, der ich bin, der sich am Berg versucht, der ihn aufbrechen will, um auf Glanz zu stoßen. In der Tiefe findet sich nichts.

Glanz findet man liegend auf der Wiese, über sich die Sonne.

26.9.2013

Wider dem Buchhandel

Eine Buchmesse, die kann doch niemand wollen. Bücherhandel sollte weltweit verboten werden. Die Würde eines Buches ist unantastbar.

Wenn man sich schon einem Buch nähert, dann mit einer gewissen Rücksicht. Man kann es einladen. Auf einen Tee. Kann seinen Rücken bewundern, um – vielleicht – beim dritten Treffen die Hand, wie zufällig, dort zu platzieren, nicht zu platzieren, das wäre rüde, es wäre ein Akt der Gewalt. Wie ein Windhauch sollte die Hand wehen.

Zum Essen kann man es einladen, sich einen Film ansehen, auch wenn man damit rechnen muss, ermahnt zu werden, dass Bücher den Filmen vorzuziehen wären, entstammt das Buch doch einem weitaus älteren Geschlecht.

Die Hochzeit ist nicht ausgeschlossen, und hat man erst den Ehering am Finger, kann die Nacht gemeinsam verbracht werden, auch wenn dies aus der Mode gekommen scheint. Heutzutage wird der One-Night-Read bevorzugt.

Aber Handel mit Büchern ist und bleibt ein Verbrechen.

Eine Handvoll Leben

Du hast doch nur das eine Leben, vorausgesetzt, es stimmt, was man uns lehrt.

Es könnte auch sein, dass wir mehrere zur Verfügung haben. Wenn dem so ist, können wir uns selbstverständlich Zeit mit allem lassen. Warum ein Cowboy gewesen sein, wenn man noch einer werden kann? Auch einen Sauerbraten kann man im nächsten, gar übernächsten Leben verspeisen. Man hat die Zeit unzähliger Leben, da muss es einen nicht ärgern, wenn man dieses verschläft. Oder wenn man es verarbeitet. Oder verkauft. Oder versieht, indem man in den Fernseher blickt, als ob es dort etwas zu entdecken gäbe. Ein anderes Leben vielleicht, eins, das man nicht führt, weil man es sich für ein anderes Leben aufgehoben hat. Man kann ruhig das Leben wie Konfetti von seinem Lebenswegkarnevalswagen werfen. Eine Handvoll Liebe. Weg damit. Eine Handvoll Freundschaft. Weg damit. Es wird schon das eine oder andere Kind geben, das sich danach bückt, um es glücklich in seinen mitgebrachten Beutel zu stecken.

Sollte es allerdings kein weiteres Leben geben, gestaltet sich die Sache etwas anders.

Nicht so negativ. Gehen wir vom Besten aus. Mit Optimismus hat man noch jede Chance vertan.

24.9.2013

Mein Balkon

Wenn ich auf meinen Balkon hinausgehe, kommt einem natürlich Hitler in den Kopf, der Papst, der auch. Der Balkon als solches hat eine Geschichte aufzuweisen, die erst noch geschrieben werden müsste. Vielleicht hat es auch einer getan. Woher soll ich das wissen? Alle Bücher dieser Welt kann man nicht lesen, man kann sie höchstens verbrennen. Versucht wurde es. Mit dem Verbrennen kannte sich Hitler aus. Die Kirche ebenfalls. Despoten neigen eh zum Verbrennen.
Mein Balkon, der ist mein fliegender Teppich. Leider fliegt er im Standgas. Er ist mein Rettungsboot, das noch auf die Not wartet. Auf das Loch im Schiffsrumpf. Um ein Rettungsboot genießen zu können, muss man erst einmal untergehen.
Mein Balkon, der ist eine vorgeschobene Unterlippe. Eine ohne Oberlippe. Ein verstümmelter Mund, der keinem was sagt, obwohl er bestimmt etwas zu erzählen hätte.
Ich stehe dort droben und rauche. Rauchzeichen, die keine Nachricht senden, außer der meines eigenen Verschwindens. Ein Raucher raucht seine eigene Vergänglichkeit in die Luft hinaus. Der Rauch, das ist ein Aufschrei, dass alles sinnlos ist. Drum raucht der Raucher auch. Um sich und die Zeit und die Sinnlosigkeit des Daseins umzubringen.
Tag für Tag steige ich in mein Rettungsboot, auf meinen fliegenden Teppich, auf meine Unterlippe und blicke nach unten auf die Straße, auf der die Autos hin- und herfahren, auf der die Fußgänger hin- und herlaufen.
Von hier oben aus betrachtet, ist die Straße ein Fluss. Daher auch der Begriff Verkehrsfluss, der stocken kann, als hätte man zu viel Gelatine hineingeworfen.
Ich sitze auf meinem Balkon, meinem Felsvorsprung, und angle mit den Augen ein paar Gesichtszüge, den Ruf eines Kindes, das Quietschen von Fahrradbremsen. Rauche und angle, und kehre am Abend heim, mit einem Korb voller Gebärden und Geräusche, die ich genussvoll im Kopf verspeise. Der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein.
Mein Balkon ist ein verlängerter Arm, ein Gedanke, der in die Breite geht, der aus dem Haus wächst. Ein Tumor ist er. Ein Geschwür.
Und weil man von seinen Krankheiten nicht genug bekommen kann, stehe ich auf ihm, auf meinem Schmerz, und rauche, in der Hoffnung, die Botschaft meines Rauchs eines Tages verstehen zu können.

22.9.2013

Der Vampir

Der Wähler lebt von Wahl zu Wahl. So wie ein Vampir. Er entsteigt am Wahltag seinem Sarg, um sein Kreuz zu machen. Eine nahezu religiöser Akt. Er trägt sein Kreuz selbst, um sich auf dem Wahlzettel zu kreuzigen. Da steht es dann, und der Wähler schweigt. Er ruft nicht einmal: „Vater, warum hast du mich verlassen?” Er schleppt seinen von der Mühsal des Lebens beladenen Körper in die Wohnungsgruft zurück, um darin weiter umzukommen. Das ist seine Bestimmung, die er sich auferlegt hat.

MRR

Jetzt ist er tot. Im Jenseits. Wo immer das ist. Hier ist es nicht. Oder vielleicht doch? Das ist ja das Elend mit diesem Leben, dass es zuweilen wie ein vorgegriffenes Ableben wirkt. Man sitzt herum und kratzt sich an der Schulter, die auch die eines anderen sein könnte.

Der große Kritiker Marcel Reich-Ranicki ist gestorben. Dabei war er gar nicht so groß. Als er hier bei uns im Stadtschloss in Fulda las, da saß ich in der fünfundvierzigsten Reihe, sodass ich den Kopf recken und strecken musste, um ihn zu erblicken. Ganz entsetzt war ich, weil er in Wirklichkeit viel kleiner wirkte. Das Fernsehen macht dicker, aber scheinbar auch größer. Er las damals aus “Mein Leben”. Sein Leben. Das war so geschrieben, wie er sprach. Er stellte sich eine Frage: Warum ist das so? Und dann gab er sich die Antwort.

Das muss schon ein kluger Mann sein, dachte ich, der sich Fragen stellt, um sie sich, ohne lange Nachdenken zu müssen, selbst zu beantworten.

Und jetzt ist er gestorben. 93 Jahre ist er geworden.

„Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Der Theaterbeschläfer

Lob des Theaterbesuchs (nebst kritischer Anmerkungen)

Ich gehe gerne ins Theater. Dort sitzt man weich. Und man muss den Blick nicht schweifen lassen. Das ist nämlich eine Unart der Moderne, dass man den Blick schweifen lassen soll, weil immer überall etwas los sein könnte.
Im Theater ist nur vorne etwas los. Seltener im Magen des Nebenmannes, der selbstverständlich, weil ich ein politisch korrekter Mann bin, auch eine Frau sein kann, eine Nebenfrau also, die man nicht haben sollte, liebt man seine Frau ehrlich und aufrichtig.
Erlischt das Licht, hebt sich der Vorhang, beginnt die Vorstellung. Fortan versinkt man im Dunkel des Zuschauersaals. Man wird nicht beobachtet. Man ist frei.
Ich nutze die Stunden, die ich im Theater verbringe, um zu schlafen. Schon Claus Peymann sagte im Angesicht der Aufführungslänge des Sportstücks von Elfriede Jelinek, dass der Theaterschlaf einer der gesündesten sei. Er empfahl ihn ausdrücklich. Und wer bin ich, dass ich einen solch großen Mann des Theaters, der selbstverständlich, wir beachten die politisch korrekte Beschreibung, auch eine Frau sein könnte, kritisieren würde.
Schläft man erst, ist darauf zu achten, dass man den Schlaf des Nebenmanns, der Nebenfrau nicht stört. Keine lauten Schnarcher also. Das schickt sich nicht. Man muss den Schlaf beherrschen. Es sind die großen Schlafkünstler, die im Theater gefragt sind.
Während auf der Bühne gelogen, betrogen, getötet und geliebt wird, entspannt man sich einmal recht von den Sorgen und Nöten des Alltags.
Man kann abtauchen, um sich aus dem Leben in die Scheinwelt der Träume zu stehlen.
Ein gutes Stück erkennt man an seiner Länge. Unter vier Stunden mache ich es nicht. Sonst komme ich am Ende aus dem Theater und bin nicht ausgeschlafen. Und dann?
Die Stirn in Falten, so durschreitet man die Straßen. Wird zum Stein des Anstoßes. Nein, nicht mit mir.
Ist das Stück beendet, schrecke ich in die Realität zurück. Ich reiße die Augen auf und lasse es mir, war der Schlaf erholsam, nicht nehmen, meine Hände durch fortwährendes Klatschen in Mitleidenschaft zu ziehen.
Sollte ich allerdings noch Müdigkeit in meinen Knochen verspüren, kann es geschehen, dass ich nach einer Zugabe verlange.
Ob ein Theaterbesuch ein Erfolg wird, hängt vor allem an einem selbst.
Spät in der Nacht liege ich oft wach, und denke an den Abend zurück, der mir nun, da ich ausgeschlafen habe, die Nachtruhe raubt. Und ein wenig, ich gestehe das gerne ein, sehne ich mich nach den Zeiten zurück, da es noch keine Theater gab. Zeiten, in denen die Menschen noch miteinander schliefen. Doch es scheint mir, dass diese Form der Moderne nicht mehr zu stoppen ist.
Es war meine Mutter, die bereits Wert darauf legte, dass ich nicht zu oft vor einer Bühne saß. Sie verteufelte alle, die ihre Kinder in den ersten Reihen eines Theaters absetzten, um sich ihren eignen Interessen widmen zu können.
Wie so oft, ging auch ich in die Falle und verfiel dem Medium Theater. Ganz süchtig bin ich danach. Ein Verfallener, wie meine Mutter solche Leute zu nennen pflegte.
Wie auch immer, das Theater ist nicht aufzuhalten, denn der Mensch hat sich längst daran gewöhnt, seinen Schlaf vor diesem Beruhigungsmittel zu finden.

Und bis es soweit ist, dass man Theaterbühnen erfunden hat, die man ins heimische Schlafzimmer stellen kann, werde ich weiterhin fleißig der Bühne die Treue halten.
Ehrenwort!

Einsame Klasse

Sie tut es. Weil sie es kann. Weil sie es will. Sitzt auf dem Badewannenrand. Greift nach der Rasierklinge, die neben ihr auf der Kommode liegt. Hält die Klinge in die Luft. Sie hält die Luft an. Die Luft hält sich an. Die Zeit verlangsamt sich. Stagniert. Die Zeit wird zu einem toten Körper, zu einem bewegungslosen Moment.
So muss sich die Ewigkeit anfühlen, denkt sie.

Die Ewigkeit ist eine Blase, die kein Ende findet, die sich dehnt und dehnt. In dieser Blase hockt sie nun. Sie und die Rasierklinge, die sich selbstständig macht, die ihre Hand führt, die die Hand zum Oberschenkel führt. Der Oberschenkel sehnt sich nach der Klinge, die von der Hand in die Haut gezogen wird.

Die Haut ist ein Blatt Papier, auf das nun die Tinte läuft. Rote Tinte, die von der Welt unter der Haut berichtet, von den Verzweigungen, den Blutbahnen, dem Herzen. Aufgeregt pumpt das Herz mehr und mehr Tinte in den Kreislauf, der nun einen Riss hat.
Tinte dringt auf das Hautpapier.

Sie schreibt sich in ihre Haut ein. Sie schreibt eine Geschichte in ihre Haut. Sie wird von der Rasierklinge beschrieben. Das Blut läuft und läuft, es rennt davon, es galoppiert über die Knie, stürzt sich in die Tiefe. Es fällt auf die Fliesen. Zerschellt. Das Blut bricht sich die Knochen. Es liegt da, liegt in einer Lache aus Blut.

Weiter und weiter schreibt sie mit der Rasierklinge in die Haut, lässt den Panzer krachen. Der Panzer soll fallen. Luft soll an das Fleisch, aber da ist keine Luft, da ist nur die Blase, die sich allmählich mit Gedanken füllt. Die Gedanken verdrängen die Luft.
Sie hebt das T-Shirt. Betrachtet die Falten ihrer Haut, die Würfe ihres Hautkleides. Sie schneidet sich die Falten aus der Haut. Sie wird sich verändern. Sie wird zu einer Attraktion werden, einem einmaligen Erlebnis. Ein Klasseweib. Das wollen die Männer doch. Eine einzigartige Frau. Die wird sie sein, wenn sie aus der Blase tritt, dann wird von der alten Frau nichts mehr übrig sein.
Sie wird sich gebären, wird sich aus der Fruchtblase in die Wohnung drücken, wird die Stufen nach unten gehen. Sie wird die Straße betreten, über und über mit Blut. Die Straßen sind die Blutbahnen der Stadt. Sie wird die Blutbahnen mit ihrem Blut überschwemmen. Einsame Klasse!, werden sie rufen. Sie kann es hören, während sie mit der Klinge ihren Namen in ihr Gesicht ritzt. Das Gesicht schwitzt. Das Gesicht kotzt Blut. Sie schminkt sich.
Rot, überall.

Sie sieht das Rot, das aus ihr rausläuft, in diese Blase, die die Ewigkeit ist, die keine Zeit kennt, weil die Zeit und die Luft von ihren Gedanken verdrängt worden sind. Ihre Gedanken, die sich ganz und gar auf ihren Körper konzentrieren, auf dieses Blatt Papier, auf das sie nun eine ganz und gar neue Geschichte schreibt.
Sie wird sich erfinden. Sie erfindet sich. Sie beschreibt, befreit sich. Wird zu einer offenen Wunde. Wird zu dem, was sie schon vorher war. Eine offene Wunde, die nun alle sehen können. Sehen sollen.

Sie ist ganz bei sich, sie könnte unter ihre Haut schlüpfen, denn überall sind nun Löcher, die sie einladen, unter ihre Haut zu schlüpfen.
Sie ist bei sich, zum ersten Mal ist sie sich nahe. Ein befreiender Akt. Sie schreit nicht auf. Sie stöhnt. Einsame Klasse. Keine Frau ist wie sie.
Einmaligkeit sei ihr Name.
Sie spuckt ihren Namen auf die Fliesen. Der Name zerbricht nicht. Er bleibt. Er besteht. Sie wird sich nicht fortwischen. Nichts wird sie fortwischen. Sie wird bleiben, wie sie ist. Alle sollen sie sehen. Ein Mann, der das Blut schätzt, soll sie erwählen. Er soll sie schmecken, soll ihr Blut kosten. Sie lässt die Klinge fallen. Die Hand lässt die Klinge fallen. Die Feder. Die Geschichte ist geschrieben. Ihre Geschichte. Sie steht auf. Sie wird die Blase verlassen. Wird in die Zeit zurückkehren. Es ist Zeit, denkt sie und schließt die Badezimmertür auf.

Einsame Klasse, denkt sie, und geht in den Flur, dann ins Treppenhaus, um sich in ihren neuen Kleid auf der Straße zu zeigen, damit alle ihre Schönheit bewundern können.

Nichts, nicht einmal Schiffe

Ich stieg eine steile Treppe nach oben. Geschäfte, die geschlossen schienen, säumten meinen Weg.
Am Himmel war kein Vogel zu sehen. Auch keine Wolke, nur das Blau des Himmels, in dem ich zu ersaufen drohte.
Ich schwitzte, der Schweiß lief in langen dürren Schlieren an mir hinab.
Niemand achtete auf mich, auch nicht die alte Frau, die auf einem Schemel saß und nichts feilbot. Nicht einmal fromme Wünsche, auch keinen Fluch.
Hinter ihrem Rücken, auch über ihrem Kopf, war das Meer zu sehen. Keine Wellen, nur eine glatte Oberfläche, die nichts bedeutete.
Die Schiffe mussten an einem anderen Ort sein, den ich mir, erschöpft vom Anstieg und der Hitze, nicht vorstellen wollte.
Ich sah mich nach einer Bar um, die ich nicht fand; also lief ich weiter.

Schritt für Schritt kämpfte ich mich empor, weil der Mann im Reisebüro mir diesen Marsch empfohlen hatte.
Ich wollte ankommen, endlich dort oben sein, damit ich mein Gesicht in eine frische Brise stecken konnte.
Meine Lungen schrien entsetzt auf. Ich spürte die Zigaretten in meiner rechten Hosentasche.
Vor einem Laden mit Andenken stand ein alter Mann, der eine Katze beobachtete, die wiederum den Mann starr ansah. Sie beäugten sich unaufhörlich.
Ich verweilte, blinzelte das Brennen des Salzes aus meinen Augen.
Dann ging ich weiter. Höher und höher ging es, ich kam nicht an.

Gerne hätte ich jemanden angesprochen, ihn gefragt, wie weit es denn noch sei, aber ich stand nur im Schatten eines kleinen Hauses und rauchte die lang ersehnte Zigarette.
Den Blick auf einen Stein gerichtet, gab ich schließlich auf. Morgen war auch noch ein Tag, dann würde ich es noch einmal versuchen.

Mit einem dunklen Drohen im Rücken stieg ich hinab.
Besser so, dachte ich.
Als ich im Hotel ankam, begann es zu regnen. Mit einem Lächeln lag ich auf dem Bett und sehnte mich nach der Haut einer Fremden.
Im Morgengrauen reiste ich ab. Der Bus hatte an diesem Tag keine Verspätung.

Neben mir saß eine alte Frau ohne Zähne und mit einer Warze auf der Nase.
“Waren sie wegen der Festung hier?”, fragte sie.
“Ja”, murmelte ich.
“Und hat sie ihnen gefallen?”
“Das Schönste”, sagte ich, “das Schönste, was ich je gesehen habe.”
Sie musterte mich verwundert und konzentrierte sich auf den Schmutz unter ihren Fingernägeln.
Ich schämte mich wegen meiner Lüge nicht.
Müde schloss ich die Augen und stellte mir die Festung vor, ihren großen Innenhof, ihre schattigen Ecken. Ich sah mich dort sitzen, müde, eine Zigarette rauchend und an den Abstieg denkend.
Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

Lesen

Worte lesen. Auflesen. Umdrehen. In den Mund stecken. Kauen. Schmecken. Zerkauen. Schlucken. Hochwürgen. Ausspucken. Dem Hörer vor die Füße kotzen. Beide starren wir erschrocken auf das Erbrochene. Wir bücken uns. Wischen es fort. Stecken uns gegenseitig noch essbare Reste in die Münder. Ich füttere den Hörer mit meinem Erbrochenen. Der Hörer ist ein Zuhörer, einer, dessen Ohren zubeißen, dessen Ohren zufallen. Die Ohren des Hörers schlafen. Schnarchen. Ein Raum, angefüllt mit schnarchenden Ohren. Was las ich denn nur da? Eine Gute-Nacht-Geschichte etwa?

Meine Stimme hebt an. Die Stimme klettert. Auf Bäume. Fällt. Zerschellt. Die Stimme liegt tot am Boden. Nicht tot! Bewusstlos. Hubschraubergeräusche sind zu hören. Die Retter nahen. Ein Kommando aus Kritikern wird dem verletzten Vorleser nicht aus der Patsche helfen. Sie werden ihn in seinem eigenen Worturin ertränken. Er solle mal lesen, was er da verzapft habe. Der Wald ist voller Wortzapfen. Man habe nur Arbeit mit ihm. Die Kritiker helfen dem Leser – auch dem Zuhörer – indem sie den Autor nun endgültig in die Ewigen Schreibgründe befördern. Leb wohl! Man salutiert nicht. Man ist schon längst zum nächsten Autor unterwegs. Da ist immer einer, der ertränkt, erschossen, stranguliert werden muss.

Ich schüttele mich. Ein fiebriger Tagtraum. Ich schüttele mich noch einmal. Wieder fallen Worte. Mit jedem Wort werde ich leerer. Nicht schlimm. Die Welt ist voller Worte. Die Worte sind überall. Sie werden in Lagern gehalten. Missbraucht. Verbrannt. Die Worte sind dem Vernichtungswillen des Menschen ausgesetzt. Sie werden in Kolonnen in die Züge getrieben. Deportiert. Rein da! Rein da! Rein da! Lesen macht frei! Unsinn!, nennt sich eines der Worte. Das bekommt sofort einen Schlag verpasst. Man schneidet dem Wort zwei Buchstaben ab. Man amputiert dem Wort Kopf und Hals. Geht doch. Schick sieht es nun aus. Zurück bleibt sinn. Das Wort sinn wackelt entstellt davon.
Die Worte werden getrieben. Auch von mir, der sie in den Raum treibt, hinein zwischen die Hörerbüsche. Hier könnt ihr grasen, sage ich ihnen. Die Worte kauen verzückt an den Ohren der Hörer herum. Die Ohren schnarchen. Schon fehlt einem der Hörer ein Ohr. Nun dem nächsten Hörer. Die Hörer werden erhört. Ich lausche dem Schnarchen. Dem Kauen. Schon vertilgen die Worte all die Ohren. Ein Raum voll mit Köpfen, die keine Ohren mehr haben. Ohrlose Zeiten sind das.

Wort für Wort muhen sich die Worte in die Berge zurück. Zurück auf die Kopfweide. Dort stehen sie nun. Gemästet. Vollgestopft mit all den Ohren. Ich bekomme Kopfschmerzen. Ich betrachte die Hörer, die nun keine Hörer mehr sind. Ich lese. Ich kotze die Wortkühe auf den Boden.

Nichts Neues unter der Sonne. Schon taucht am Himmel ein Helikopter auf. Ein Team aus Kritikern, die sich gegen den Missbrauch von Metaphern aussprechen. Ein Sonderkommando aus Antisurrealisten seilt sich ab.

Sie werden mich holen. Sie werden mich bekommen. Meine Zunge galoppiert. Ich lese um mein Leben. Renne hin zum letzten Wort. Die Lesung wird ein Ende finden. Dann kann ich verschwinden. Ich werde mir ein Loch aus Worten suchen, um fortan drin zu hausen. Schon bin ich fort. Die Hörer ohne Ohren applaudieren. Sie fühlen sich erholt. Einmal nicht von Worten belästigt werden. Das gefiel ihnen. Der Applaus schlägt über mir zusammen. Ich ersaufe. Ich tauche. Ich bin fort. Ich bin hier. Ganz genau hier. Ich bin in diesem Text.

Der perfekte Schriftsteller

Alle seien sie Lügner. Das erklärt er. Grinst in die Runde. Streicht sich eine goldene Haarsträhne aus der Stirn. Niemand hört ihn. Er kann mit seinen Gedanken sprechen. Das hat ihn ein tibetischer Mönch gelehrt. Das wissen die hier nicht. Die wissen eh nichts von ihm, von seinen Geheimaufträgen, von seinem Privatjet, seinem Segelboot, kein Segelboot, lacht er in Gedanken auf, es ist eine Yacht, wie man noch keine gesehen hat. Ausgestattet mit bekannten wie auch mit unbekannten (noch geheimen) Navigationssystemen.
Wenn er Urlaub hat, dann fliegt er nicht einfach in den Süden, wie all die anderen hier in dieser Runde, sondern dann rettet er ein bisschen die Welt. So wie Indiana Jones im Kino, würde er jetzt gerne laut sagen, lässt es aber, dampft es nur mit seinen Gedanken in den Raum hinein.
Ein Lügner sei er, sagen die Leute, er würde sich nicht waschen, er würde stehlen; auch betrunken wäre er oft. Darüber kann er nur lachen.
Er zündet sich eine Zigarette an, die hat er von einem Scheich bekommen, teure Zigaretten, die er in eine billige Packung quetschte, damit der Neid die Neider nicht völlig um den Verstand bringt.
Früher sei er anders gewesen, aber dann irgendwann, so erzählen die Leute, die für ihn nur Narren sind, da sei er aus dem Ruder gelaufen.
Er kann über all die Verdächtigungen, die Falschaussagen, nur lächeln, denn er hat alles, was man sich ersinnen kann. Seine neue Freundin ist ein Topmodel, er hat in seinem Keller das so lange vermisste Bernsteinzimmer, Wein trinkt er aus dem Heiligen Gral, warum sollte er sich, bei seinen Beziehungen, mit weniger zufrieden geben.
Und natürlich sind sie hinter ihm her, denn einer wie er, der hat stets Gegner. Sie stellen ihm Fallen. Behaupten, er würde stehlen, und dies nur, weil sie ihn einmal an der Jacke eines Kollegen erwischten, an der er sich festhielt, stürzte er doch unglücklich gegen die Schranktür, die sich dann öffnete; seine Hand hielt sich am Sakko, denn sonst wäre er ja gestürzt. Anschließend log der Sakkobesitzer, warf ihm vor, Geld gestohlen zu haben. Eine dreiste Unterstellung, die er empört von sich wies.
Denn einer wie er, der hat es nicht nötig zu stehlen, der verfüge über mehr Geldkoffer, so erklärte er stumm seiner erzürnten Gemeinde, als es Koffer überhaupt auf der Welt gäbe.

Ich sehe ihn an. Ich betrachte ihn. Er ist es. Der Messias. Der perfekte Schriftsteller, einer, der in seinen Fantasien, die für andere Lügen sind, verschwunden ist. Als könne er meine Gedanken lesen (und bestimmt glaubt er auch daran), hebt er den Kopf und lächelt mich an.
Jetzt muss er dies alles nur noch zu Papier bringen, muss es mit Worten bändigen. Die Worte müssen ihm zu einer Peitsche werden, die er den erstaunten Ideen präsentiert.
Aber für ihn sind es keine Ideen, er schwimmt in einem Reich aus abertausend Realitäten.
Was denkt der da, denkt er jetzt über mich. Und Schriftsteller, so sinnt er weiter, bin ich eh. Schrieb unter vielen Namen, da ich ein Unsterblicher bin.
Wieder einmal rückt die Menge von ihm ab. Sie könnten ihn nicht riechen. Er könnte sich jetzt unsichtbar machen. Das macht er aber nicht. Er sitzt das aus. In diesem Augenblick steht er es aus.
Das, was sie als Gestank bezeichnen, ist der Duft der großen weiten Welt. Einer wie er, der war immer gerade unterwegs. Tiger zähmen, Wale reiten. Irgendetwas gibt es stets zu tun.
Wissend nicke ich ihm zu, ihm, dem perfekten Schriftsteller, der alle Eitelkeiten hinter sich gelassen hat, der nicht einmal mehr schreiben muss, um sich als Dichter zu betrachten. Seine Romane, die schreibt er im Kopf. Ganze Bände hat er inzwischen schon gefüllt. Ein solches Werk wird niemals mehr geschrieben werden.
Einsamkeit unterstellen sie ihm. Dabei unterhält er ein Harem in den eigenen vier Wänden, die, so böse Zungen, von Schimmel befallen wären.
Er kann darüber nur lachen. Ich lache mit ihm, denn ich weiß um seine Kraft, um seine poetische Begabung, die ihn heute Nacht wieder einmal bis nach Moskau tragen wird.
Ja, denkt er mir zu, du weißt es.
Schreib weiter an deinen Büchern der Stille, denke ich zurück. Ich verlasse den Raum. Nicht wirklich natürlich, denn so etwas wie Füße benötigen wir nicht.

Wortdemonstration

Sitze. Starre. Blinzle. So kann man nicht arbeiten. SO NICHT! Da lärmt einer, ein Arbeiter, der sich auf unserem Dachboden an etwas zu schaffen macht. Steine fallen. Es poltert. Es holpert. Da stolpert der Arbeiter, während ich hier schreiben soll. Mich konzentrieren. Auf das Selbst soll man sich richten. Einen Gedanken fassen. Am Schwanz packen, den Gedanken durch den Raum, dann auf das Papier schleudern. Ich schreibe nicht auf Papier. Ich tippe. Direkt ins Gerät hinein. Bin ein Maschinendichter, ein Hau-rein-Texter, der nun, bei dem Lärm über seinem Kopf, nicht arbeiten kann. Keinen klaren Gedanken kann ich fassen. So kann ich nicht arbeiten. Der dort oben arbeitet am Dach, am Himmel, der reißt Steine aus einer Wand, die den Dachboden so uneinsehbar machte. Es geht um eine klare Sicht, die mir fehlt, weil in meinem Kopf eine Mauer thront. Mein Kopf wird von einer Mauer durchzogen. Die Mauer müsste eingerissen werden. Jetzt. Sofort. Ich könnte den Arbeiter bitten, mir beim Abtragen der Kopfmauer behilflich zu sein. Der könnte in meinen Kopf steigen, die Steine aus dem Kopf reißen, sie aus meinem Ohr werfen. Aber der Arbeiter wütet noch immer über mir, lässt keine Gedanken zu, nur Worte, die ich nun tippe, die ich hier in das virtuelle Papier packe; in Watte wird hier nichts gepackt, dies soll nur dem Abtrag meiner Wut hilfreich sein. Meine Wut will ich abtragen, will sie schichten Stein für Stein. Meine ganze Wut auf einen großen Haufen packen. Ein Wuthaufen. Ein Kothaufen. So ein Wuthaufen erinnert an einen Kothaufen. Aber das interessiert den Arbeiter droben auf dem Dachboden nicht, der Stein für Stein die Mauer abträgt, der keine Ahnung hat, nicht von mir und nicht von meinem Wuthaufen, nicht von meinen Wortsteinen, die ich nehme, die ich Ihnen hiermit um die Ohren schlage. Weh tun sollen die. Schmerzen sollen die. Wutsteine, die ich werfe, weil ich mich hier und jetzt auf meiner eigenen Demonstration befinde, die allmählich außer Kontrolle gerät, die ich auflösen muss, damit nichts Schlimmeres geschieht, ich muss Übergriffe verhindern. Ich will nicht übergreifen, nicht nach oben greifen, dem Arbeiter an die Gurgel gehen, auch will ich nicht von meinen Lesern bedroht werden. Der dort oben tut doch nur seine Arbeit, denke ich. Er arbeitet. Ich versuche es auch. Ich demonstriere. Ich demontiere. Die Worte. Die Zeit. Einfach alles. Ich entsende ein paar Streifenwagen. So geht das nicht weiter. Die Mannschaftswagen der Polizei tauchen auf. Mit quietschenden Reifen. Sie lösen mich auf. Sie lösen die Menge in meinem Kopf auf. Sie schicken die Wortmenge in meinem Kopf nach Hause. Wie? Wo? Was? Die Worte sind entrüstet. Sie beschweren sich. Wir sind doch hier zuhause, wir bleiben hier, wir wohnen hier. Ach, was für ein Unsinn, ruft einer der Polizisten, schon verhaftet er das erste Worte. Das Wort wird in Gewahrsam genommen. Das Wort muss ins Gefängnis. Das Wort, so erklärt der Polizist, kann sich hiermit als verhaftet begreifen. Nicht doch. Ich mache die Polizei auf die Arbeiten auf dem Dachboden aufmerksam. Da sei eine andere Polizei zuständig, erklärt man mir. Die Polizei setzt Tränengas ein. Ich muss weinen. Ich muss schließen. Die Worte versiegen. Die Worte rinnen die Straße hinab. Ich kann sie gar nicht mehr sehen. Sie sind fort. Ich werde auf sie warten. Hier. Sie werden kommen. Sie werden mich überfallen. Bestimmt. Die Hoffnung muss sein. Die Hoffnung muss bleiben. Der Lärm auf dem Dachboden endet. Stille.

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erstellt am 12.8.2011