Randnotiz aus Katar

Der islamistische Bauernhof

Von Stephanie Doetzer

DOHA – Al Jazeera ist im Farmville-Fieber. Es soll Nachrichtenredakteure geben, die sich den Wecker auf fünf Uhr früh stellen, weil sie dringend ihre Felder düngen müssen. Und Reporter, die Einsätze in manchen Gegenden Afghanistans vor allem deswegen ablehnen, weil die Internetverbindung dort so schlecht ist.

Angeblich, so höre ich immer wieder, sind wir ja ein religiös-konservativer Islamistensender. Nunja. Man kann beruhigt sein: Die Islamisten sind damit beschäftigt, Ziegelsteine auf ihre virtuelle Farm zu schleppen, Hühner zu tauschen und verstreute Fohlen einzufangen.

Meinen marokkanischen Kollegen Mohamed hat es besonders schwer erwischt. Eigentlich wollten wir uns zusammensetzen, um über Themenvorschläge aus dem Südsudan nachzudenken. Daraus ist dann nichts geworden, weil er mir erst seine Farm zeigen wollte.

„Kuck!” sagt er mit stolzer Stimme. „Das sind meine Pferde. Hier das Haupthaus. Und das ist das Zirkuszelt. Schön, nicht? Und da drüben die Schafe…” Mir war nicht klar, wie ausgefeilt so eine Internet-Farm sein kann. Ich habe keinen virtuellen Bauernhof, ich habe nur kleines Basilikum-Stöckchen in der Küche. Bevor ich den ersten Blick auf den Bildschirm werfen darf, muss Mohamed noch ein bißchen düngen, dann ist es soweit.

Ich betrachte also interessiert Mohameds Farm, lasse meinen Blick schweifen vom Stall zum Blumenbeet bis zur Koppel mit den… wie bitte!? Was seh ich da? Ich starre auf den Bildschirm und dann auf Mohamed. „Du hast… Schweine? Rosa Hausschweine – Du?” Er schaut betreten zu Boden. „Also… tja…” beginnt er und atmet tief durch. „Also darüber habe ich auch lange nachgedacht.”

Vielleicht sollte ich erwähnen: Mohamed gilt im Kollegenkreis als vorbildlicher Muslim. In Kabul wurde er einst irrtümlich für einen Taliban-Sympathisanten gehalten. Ein Vorwurf, der durch seine Farm endgültig als entkräftet betrachtet werden darf. „Ich kann das erklären”, sagt Mohamed. „Es war so: Ein Nachbar, ein libanesischer Christ, hat mir die ersten zwei Schweine als Geschenk angeboten. Erst habe ich sie ignoriert, ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Dann dachte ich: Geschenke nicht annehmen ist auch unhöflich. Also hab ich sie auf diese Koppel gestellt und mich um sie gekümmert. Und dann kamen mit der Zeit immer mehr – das Spiel ist halt für Christen gemacht, da muss man sich anpassen. Ich sag mir: Mir schaut doch beim Spielen kein Mufti zu! Und außerdem: Wo bitte steht im Koran, dass ich bei Farmville keine Schweine halten darf?”

erstellt am 11.8.2011