Filmkritik

Nichts zu verzollen

Nach »Willkommen bei den Sch'tis« erzählt Dany Boon erneut von einem Zusammenprall der Kulturen

Von Kai Mihm

Man kann sich genau vorstellen, wie das lief: Da avancierte Dany Boons Culture-Clash-Komödie „Willkommen bei den Sch'tis“ mit über 20 Millionen Zuschauern zum erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten. Also überlegten die Macher, verständlicherweise, wie sie ihre Formel lukrativ variieren können. Anders gesagt: mit welchen anderen, urfranzösischen Animositäten lässt sich noch ein komödiantisches Spiel treiben? Eine in den nordafrikanischen Ex-Kolonien angesiedelte Story hätte da sicher großes Potential gehabt. Aber das wäre in politischer Hinsicht vermutlich etwas heikel geworden und hätte wohl auch eine große Zahl potentieller Zuschauer abgeschreckt – ganz so tagesaktuell muss ja auch nicht sein.

Wie auch immer der, nun ja, „kreative Prozess“ lief, kam Boon schließlich auf die Belgier. Die waren, so zeigt es der Film, auf die “Grande Nation” noch nie besonders gut zu sprechen. Dem entsprechend gefiel es ihnen gar nicht, als am 1. Januar 1993 die Grenzen fielen und jeder Gallier ungehindert in ihr Land reisen konnte. Umgekehrt begegnen die Franzosen nach Darstellung dieses Films ihren Nachbarn mit unverhohlener Überheblichkeit: sind die Belgier nicht eigentlich so etwas wie zweitklassige Franzosen?
In „Nichts zu verzollen”, der um den Jahreswechsel 1992/93 spielt, wird diese Antipathie in erster Linie von dem belgischen Zöllner Ruben Vandevoorde (Benoît Poelvoorde) verkörpert. Er ist ein bürokratischer Pedant und ein Rassist bis in die Knochen – lieber würde er verdursten, als französisches Mineralwasser zu trinken. Mit der anstehenden Öffnung der europäischen Grenzen bricht für ihn eine Welt zusammen. Und damit nicht genug, wird er dazu verdonnert, gemeinsam mit dem französischen Zollbeamten Mathias (Dany Boon) Dienst zu schieben – der wiederum heimlich in Rubens Schwester verliebt ist.

Hatte „Willkommen bei den Sch'tis“ bei aller Biederkeit noch einen gewissen Charme, reitet Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Dany Boon seine komödiantische Ausgangssituation diesmal mit enervierender Eintönigkeit zu Tode. Fortwährend kommt es zu den gleichen Konfrontationen, werden die immer gleichen Gags über Rassismus und Länderklischees mehr schlecht als recht variiert. Die Story tritt hoffnungslos auf der Stelle, das Drehbuch ist von einer seltenen Schlampigkeit in der „Entwicklung” der Charaktere. Das belgisch-französische Grenzgebiet ist hier zwar voll von vermeintlich ulkigen Typen, nur wird keinem einzigen von ihnen Raum zur Entwicklung gegeben. Alles bleibt eine unausgegorene „Idee”.

Benoît Poelvoorde sorgt zwar gelegentlich für erfrischend hysterische Momente, die meiste Zeit aber bleibt seine Vorstellung von Humor auf wildes Grimassieren beschränkt. Vom komödiantischen Format eines Louis de Funes, auf den er sich eindeutig bezieht, ist der Mann jedenfalls weit entfernt. Hinzu kommt eine nostalgische „Früher was alles besser“-Attitüde, die dem Ganzen trotz der politisch korrekten Versöhnlichkeit einen unangenehm reaktionären Unterton gibt: Chauvinistische Sticheleien hin oder her, in den frühen Neunzigern war in der französischen Provinz die Welt letztlich doch noch in Ordnung. Wie Dany Boons einfach gestrickte Helden in den Banlieus von Paris zurecht kämen, werden wir wohl nie erfahren.

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erstellt am 09.8.2011

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