Buchkritik

Das Haus am Waldrand

Joseph Zoderers neuer Roman »Der Schmerz der Gewöhnung«

Von Martin Lüdke

Kennen wir. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Auf der einen Seite: die Macht der Gewohnheit, Frau, zwei Kinder, Arbeit, Alltag. Auf der anderen: Verlangen, eine verrückte Liebe, Leidenschaft, in einer Zeit der großen politischen Veränderungen.

Kennen wir? Ja, aber so nicht! Denn Joseph Zoderer bleibt auch als Erzähler ein Poet. Die autobiographischen Bezüge dieser Geschichte sind zwar nicht zu übersehen. Doch es ist, wenn ich das mit leichten Beben in der Stimme sagen darf, erst der Atem der Dichtung, der diese (buchstäblich schöne) Geschichte beseelt.
Eines Tages entdeckt Richard, ein Rundfunkjournalist, ein Zeitungsinserat: Haus zu verkaufen, „in sonniger Lage am Waldrand“. Es war schon immer sein Traum gewesen, abseits, oben in den Bergen, direkt am Wald zu wohnen. Richard kauft das Haus. Eine Ruine, etwa vierhundert Jahre alt, eine gute Stunde von der Stadt entfernt, in der er als Reporter arbeitet. Er war nicht naiv, er wollte kein neues Leben beginnen. Er wollte sein altes neu ordnen.
Richard lebt in einem fortwährenden Zwiespalt. Mit Selma ist er verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Mit Ursula, einer jungen Kollegin, hat er ein Verhältnis.

Aber nun wird die Zeit knapp. Der Umbau, die Renovierung des Hauses muss organisiert werden. Vieles muss er selber machen. Das führt bald zur Trennung der beiden. Richard leidet. Eine Wunde bleibt.
Er sucht, wie viele der Helden Zoderers, eine „Heimat“. Er wird sie, ebenso wie seine Vorgänger, niemals finden. Der letzte Satz von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ könnte als Motto über Zoderers Werk stehen. Erst wenn der Mensch, „ohne Entäußerung und Entfremdung“ zu sich gekommen sei, dann entstehe „in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Zoderer wurde 1935 in Meran geboren. Er ist in Graz aufgewachsen, in der Schweiz zur Schule gegangen, hat in Meran Abitur gemacht, in Wien studiert, in Berlin, Rom, aber auch in den USA gelebt. Die Italiener nennen ihn einen, „scrittore italiano di lingua tedesca“.
Die frühen Romane, aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, „Das Glück beim Händewaschen“ und „Die Walsche“, aber auch seine späteren Erzählungen und Romane, immer beschreibt er, wie die Südtirol-Problematik Leben seiner Figuren bestimmt. „Fremdheitsspezialist“ aus einem „Sprachgrenzgebiet“ nennt man ihn deshalb.

Der neue Roman vermeidet jede Lokalisierung. Das Wort „Südtirol“ taucht nicht ein einziges Mal auf. Doch das Problem hat sich nicht erledigt. Die Zerrissenheit des Helden scheint mehr als nur ein individuelles Problem. Zudem wird Richard, als das Haus fertig ist und die Idylle perfekt scheint, von seinem Sender befördert zum Auslandskorrespondenten, einer Art Europa-Reporter. Er berichtet aus Paris und Rom und schließlich aus Berlin, vom Zusammenbruch der DDR, dem Fall der Mauer.

In Berlin trifft er eines Abends wieder auf Ursula, seine ehemalige Geliebte. Ein Blick – und es geht wieder los.
Wie viele große Schriftsteller hat auch Joseph Zoderer lebenslang nur an einem einzigen Buch geschrieben, das allerdings viele Kapitel enthält. Jetzt, mit dem neuen Roman, „Die Farbe der Grausamkeit“, hat er wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Stärker als in den vorangegangenen Arbeiten verlagert Zoderer die sozialen und politischen Konflikte seiner Umwelt in das Ich seines Helden. Die Absurdität der Verhältnisse spiegelt sich (jetzt) in seiner Lebensgeschichte. Die Fremdheit wird hier ins Existentielle gewendet, ohne damit – unbedingt – an politischer Brisanz zu verlieren.

Richard bleibt, was immer er auch anstellt, die alte Zerrissenheit. Am Ende des Romans kehrt er zurück, auf den Berg, zu Selma seiner Frau. Ein Happy End? Einsicht in die Verhältnisse? Resignation? Nein. Irgend etwas, schönes, trauriges dazwischen.

erstellt am 09.8.2011

Joseph Zoderer
Der Schmerz der Gewöhnung
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011

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