Buchkritik

KLEINE FISCHE

Hemingway-like: Wells Towers fabelhafte Storysammlung »Alles zerstört, alles verbrannt«

Von Peter Henning

Eines haben die zehn „Stories“ des 1973 in Vancouver geborenen kanadischen Shootingstars Wells Tower gemein: allesamt folgen sie Ernest Hemingways Credo, wonach ein guter Kurzgeschichtenautor jeweils immer nur eine Scheibe vom Brot des Lebens abschneidet, um den Leser zwar kurz zu sättigen, ihn aber schon bald wieder hungrig zu machen auf mehr.

Towers Geschichten spielen in der Gegend um North Carolina, in dem Örtchen Chapel Hill. Doch sie könnten genauso gut „Oben in Michigan“ spielen, am Fuß des schneebedeckten Kilimandscharo oder an den Ufern des „Großen doppelherzigen Stroms“. Denn sie sind durch und durch Hemingway-like: lakonisch, klassisch-realistisch und ohne ein Gramm Fett. Zudem handeln sie – auch darin ganz Hemingway verpflichtet – von sogenannten Durchschnittscharakteren, deren Dasein aus irgendeinem Grund jäh in Schieflage geraten ist.

Tower erzählt von „verkrachten Existenzen“. Und manchmal genügt schon, wie in der starken Auftaktepisode „Die braune Küste“, ein fremder weiblicher Fußabdruck an einer Autowindschutzscheibe, um die Mechanik des Scheiterns in Gang zu setzen: „Vicky erblickte über dem Handschuhfach den schemenhaften Fußabdruck einer Frau an der Windschutzscheibe. Sie zog ihre Schuhe aus, sah, dass der Abdruck nicht mit ihrem übereinstimmte, und sagte Bob, er sei in ihrem Haus nicht mehr willkommen.“ Und so findet sich Bob Munroe, von seiner Frau verstoßen, kurz darauf am Meer wieder, in der heruntergekommenen Hütte seines Onkels Randall, als dessen bizarre Attraktion sich ein verwahrlostes, mit allerlei Unrat vollgestopftes Aquarium erweist. Doch weil Bob ohnehin nichts besseres zu tun hat, als lange, sinnlose Strandspaziergänge zu unternehmen oder sich gemeinsam mit dem Säuferpaar Derrick und Claire mit billigem Wodka zu betrinken, bringt er das Aquarium, nachdem er einen Fisch aus dem Wasser gezogen, und ihn in das trübe Becken verpflanzt hat, wieder auf Vordermann. Und eigentlich könnten Bob und der Fisch damit fürs Erste zufrieden sein. Doch als Bob eines Tages zuhause anruft, um sich nach dem Wohl seiner Frau Vicky zu erkundigen, und er seinen Onkel Randall am Telefon hat, läuten bei ihm die Alarmglocken. Und als zu allem Überfluss die Seegurke, die Claire ihm für sein Aquarium geschenkt hat, seinen Fisch vergiftet hat, hat ihn auch hier die banale, aber unaufhaltsame Zerstörungswucht des Lebens eingeholt.

Wells Towers kluge Stories vom jähen und zumeist lautlosen Einbruch der Wirklichkeit in die Vorstellungswelten seiner Figuren. Souverän leuchtet der junge Amerikaner, den das Magazin „The New Yorker“ zu den „zwanzig besten Autoren seiner Generation unter 40“ zählt, die Psychen seiner Figuren aus. Die Präzision, mit welcher er dabei die Risse und Verwerfung darin kenntlich macht, gleicht einem Blick durchs Mikroskop. Denn das Verhalten seiner Studienobjekte, ihre Ambitionen, Wünsche und Leidenschaften nehmen plötzlich an Schärfe zu und treten vergrößert und in dramatischer Zuspitzung hervor. Und ob der von seiner Frau verlassene Barry Kramer, der in dem Stück „Runter durchs Tal“ ihren verletzten Liebhaber mit dem Wagen abholt, um ihr einen Gefallen zu tun, und dabei am Ende in eine Schlägerei gerät, bei der er mehr als nur ein paar Illusionen verliert; oder ob die junge Jacey, die in der Geschichte „Wild America“ ihrer verhassten Kusine Maya beweisen will, wie erwachsen und unabhängig sie ist, und dabei unversehens in die Arme des Herumtreibers Stuart Quick gerät, der sie vor die vor die größte Herausforderung ihres bisherigen Lebens stellt: sie alle sind auf ihre Weise Zerstörte und vom Leben Verbrannte; Wesen, deren Gefangensein in dieser oder jener Situation Tower regelmäßig zur Metapher auf das Lebens selbst zu weiten versteht.

So präsentiert sich uns mit dem Kanadier ein jugendlicher, gleichsam wunderbar altmodischer Erzähler, dessen besondere Kunst darin besteht, die geheime, verborgene Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen aufzuspüren und offenzulegen: eine Atmosphäre genussvollen Erschreckens entsteht, und wir werden beim Lesen zu atemlosen Betrachtern unserer selbst.

erstellt am 09.8.2011

Wells Tower
Alles zerstört, alles verbrannt
Stories
Aus dem Amerikanischen von Malte Krutsch und Britta Waldhof
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011.

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