Short Story

Leben zwischen Frisco und Vegas

Von Lutz Becker

Der Horizont flimmerte unscharf in der Mittagssonne und im Rückspiegel markierte feiner, aufgewirbelter Sand meinen Weg auf der Interstate 5. Aus dem Radio dudelte langweiliger Country, während die Klimaanlage leise dazu fauchte. Wie jeden ersten Sonntag war ich unterwegs von San Francisco nach Las Vegas, um bei einem Poker-Turnier meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich nahm meistens keine Anhalter mit, aber ehe ich begriff, wer am Straßenrand stand, war ich schon gut 100 Fuß vorbeigerauscht. Ich bremste scharf und hielt ihr die Tür auf. Sie rührte sich nicht, also fuhr ich zurück und setzte an, sie anzublaffen, doch sie kam mir mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“ zuvor, nahm Platz und strich ihre Schwesterntracht glatt.
Wir musterten uns und ich wunderte mich über ihre weichen, unschuldigen, fast kindlichen Gesichtszüge, die mich zweifeln ließen, ob sie das war, wofür sie sich ausgab.
Mit Gott hatte ich noch eine Rechnung offen, also nahm ich mir vor, sie dafür ein wenig büßen zu lassen.
„Wohin?“, fragte ich und trat mit Wucht das Gaspedal durch. Auf dem Rücksitz lag meine Abendunterhaltung, eine eingepackte Flasche Gin. Während wir in die Sitze gepresst wurden, griff ich nach der braunen Papiertüte, drehte den Schraubverschluss ab und nahm einen tiefen Schluck.
„Jack!“, schrie ich gegen den Motorenlärm, trank noch einmal und drückte ihr die Flasche in die Hand. Die Tachonadel kratzte an der 80er Marke. Der Gin berauschte mich. Ich fühlte mich wohl.
Die Nonne sprach so leise, dass ich mich zu ihr hinüberlehnen und angestrengt hinhören musste:
„Schwester Mary“, wiederholte sie.
„Eine Nonne?“, schrie ich, bemerkte, dass dieses Tempo schlecht für ein Gespräch war und drosselte auf die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit.
„Ordensschwester.“
Ich zuckte die Schultern.
„Nimm einen Schluck, das beruhigt.“
„Es wäre mir lieber, sie würden nicht trinken.“
Sie presste die Tüte fest zwischen ihren Händen.
„Ach was. Trinken, rauchen, vögeln. Wozu lebt man sonst?“, lachte ich und wartete gespannt auf eine Reaktion, die ausblieb.
„Also, wohin geht es, Ordensschwester?“, fragte ich betont.
„Nach Las Vegas, Rescue Mission. Schwester Caroline und ich waren auf dem Weg. Sie musste wegen eines Notfalls zurück. Ich bin ausgestiegen und Gott hat mir den Weg gewiesen.“
„Und Gott schickte den Teufel“, spottete ich, „Was ist die Rescue Misson?”
„Eine Anlaufstation für Obdachlose und Gestrandete.“
„Was für ein Scheiß!“, sagte ich überheblich, „Du bist jung, genieße das Leben!“
„Warum tun sie das?“, fragte sie und beobachtete mich.
„Tue ich was?“, gab ich mich ahnungslos.
„Warum schmeißen sie ihr Leben weg?“
Ich, mein Leben weg? Ich war verblüfft, sie war es doch, die ihr Leben verschenkte. Sie war jung, sah blendend aus, ihr standen alle Türen offen.
„Ich liebe mein Leben. Ich bin frei. Ich kann tun und lassen, was ich will“, erwiderte ich.
Wir schwiegen. Mein Plan kam ins Stocken. Manchmal stellte ich mir vor, ich würde stundenlang auf der Stelle stehen und jemand drehte eine auf zwei Rollen gespannte trostlose, nicht enden wollende Landschaftskulisse an mir vorbei.
„Das Leben ist hart!“, rief ich.
Schwester Mary musterte zuerst mich, dann wieder das Fenster: „Ich weiß.“
„Weshalb bist du Nonne geworden oder war dir das in die Wiege gelegt?“
Schwester Mary starrte durchs Glas.
„Strenge, christliche Eltern?“
Sie neigte den Kopf und sah mich desinteressiert an.
„Aber Gott?“
Mary nickte stumm und wandte sich wieder der Landschaft zu.
„Ja, Gott. Toll! Ich hasse Gott.“
Ich nahm mir die Flasche und setzte sie an. Als ich ihre Hand auf meinen Ellbogen spürte, hielt ich inne und gab ihr schließlich die Tüte zurück. „Dann trink du!“
„Jeder Mensch hat eine Geschichte, Jack“, begann sie, „und die meisten glauben, man könne es ihnen nicht ansehen, aber ihre Augen Jack, ihre Augen sind der Spiegel alles Erlebten.“
„Ich habe keine Geschichte. Ich bin glücklich“, gab ich barsch zurück.“
„Sind sie das?“
„Ja.“
Es klang trotziger, als beabsichtigt, aber die Frage nach meinem Glück konnte mich zur Weißglut bringen.
„Waren sie verheiratet?“, fragte sie unvermittelt.
Ich schwieg.
„Kinder?“
Ich schwieg weiter.
Sie deutete auf das kleine Foto von Jill und Marc, das in der Ecke des Rückspiegels klebte.
„Was ist passiert, dass sie das alles zurückgelassen haben?“
„Und du? Bist du glücklich?“
Sie hob den Gin an ihre Nase, roch daran und verzog das Gesicht.
Ich stellte das nervende Radio aus und die Klimaanlage kälter, schielte nach der Flasche, aber nahm dann doch das Steuer in die Hand.
„Haben sie Geschwister?“
Hatte sie mir die Flasche auf den Kopf geschmettert oder was explodierte in meinem Schädel? Ich presste den Lenker, bis die Adern auf meinem Handrücken vortraten und meine Finger weiß wurden.
„Einen Bruder“, antwortete ich knapp.
„Was ist mit ihm?“
Ich stockte.
Konzentriert spuckte ich ihr Wort für Wort vor die Füße: „Dein. Scheiß. Gott.“ und schlug auf das Lenkrad, „Verdammt!“
„Was ist mit meinem Gott?“
Ich rang um Fassung. Meine Augen waren feucht und die Straße verschwamm hinter einem wässrigen Vorhang. Das Gaspedal klebte am Bodenblech. Sollte mich dieser verfluchte Gott in die Hölle jagen. Dazwischen die zaghafte Berührung Schwester Marys auf meinem Arm. Ich sah sie an, sah durch meinen Schleier ihr gütiges Gesicht, die vollkommene Ruhe, ihre Furchtlosigkeit, ihr unerschrockenes Gottvertrauen.
Die Reifen schlitterten über dem staubigen Asphalt, unsere Körper schnellten nach vorne, ich spürte den schneidenden Gurt. Der Wagen brach aus und wir rutschten von der Straße, über den sandigen Boden der Steppe. Nach achtzig Fuß standen wir still. Der Motor stotterte noch einmal und verstummte.
Noch immer lag ihre Hand auf meinem Arm. Ich ließ das Lenkrad los und verbarg mein Gesicht. Alle Erinnerungen, die ich ertränkt hatte, stiegen wie Blasen an die Oberfläche.
Die gleißende Sonne verbrauchte die kühle Luft, die uns schützte und meine Stimme verlor ihren beißenden Spott: „Ich habe meinen Bruder im Stich gelassen!. Das ist meine Geschichte.“
Ich sah mich um: wir befanden uns in der Wüste, im Niemandsland. Die Kulisse hatte aufgehört sich zu drehen.
„Wir waren bei der FDNY.“
„Fire Department, New York?“, übersetzte Mary.
„Ja. Wir waren ein Team, mein Bruder und ich. Immer ein Team. Wir waren eins, immer gewesen. Ein Mann, wie Zwillinge, wie siamesische Zwillinge, verstehst du, Mary? Wir wurden zum Nordturm gerufen. Explosion in den oberen Stockwerken. Genaues wusste man nicht. Auf der Fahrt machten wir noch Witze über explodierende Mikrowellen. Wir hatten keine Ahnung. Als wir den brennenden Turm sahen, hatten wir keine Vorstellung. Wir sind rein und wollten retten, wollten löschen, aber auf den Umsteige-Stockwerke gab es keine Fahrstühle zum Transport von Löschmannschaften. Mein Bruder schrie: ‚Wir müssen weiter – evakuieren!‘ Alle liefen die Treppen hoch. Alle. – Nur ich machte kehrt und ging Stufe für Stufe nach unten. Einfach so. Ohne Eile. Erst als ich zwei Blocks entfernt war, hörte ich die 10-66 Notrufe: Feuerwehrangehöriger vermisst“.
Ich ließ mich gehen, spülte meine Ohnmacht aus den Augen, zitterte am ganzen Körper. Dazwischen Marys Hand. Die Sonne erhitzte meine Erinnerungen, bis im Wagen eine unerträgliche, qualvolle Glut herrschte, ein mir vertrautes Feuer, das Brennen auf der Haut, das Versengen der Lider, eine Luft, die zu schwer zum Atmen war. Zusammen mit meinem Bruder war ich ihr tausend Mal entkommen.
Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.
„Nine-eleven.“, sagte sie fast tonlos.
„Ja, nine-eleven. Nordturm.”
Durch die Scheibe beobachtete ich das Hitzeflimmern über der Motorhaube. Mein Hemd war nass bis auf die Haut, meine Hand glitt vom Lenkrad. Ich sackte weiter zusammen.
Mary saß kerzengerade, in schwarzer Ordenstracht, mit spitzer Haube, die Hände im Schoß gefaltet. Sie hatte wunderschöne Finger, filigran, schlank, die Nägel kurz und rund gefeilt.
„Vielleicht hat Gott sie damals geführt, Jack.“
Ihr Blick fiel wieder auf das Bild von Jill und Marc.
„Kehren sie um.“
Ich wollte ihr widersprechen, aber sie legte mir Zeige- und Mittelfinger auf die Lippen und ich schmeckte den Gin.

erstellt am 05.8.2011