Jonas Englert, Stigma
Videoinstallation »Stigma« von Jonas Englert

Zu Jonas Englerts Videoinstallation »Stigma«

Szenographien der Langsamkeit

Von Ralph Fischer

Erster Blickkontakt

Ein abgedunkelter Raum.

Unweigerlich fällt mein Blick auf die großflächige Projektion an der Wand, um dort für lange Zeit haften zu bleiben: Jonas Englerts Videoarbeit Stigma ist dort zu sehen. Eine Gruppe von 18 Personen, Männer und Frauen, alle etwa Anfang zwanzig, steht dicht gedrängt zusammen. Die Personen sind von einem erhöhten Blickwinkel gefilmt worden, und ich erkenne kaum mehr als ihre Köpfe und Gesichter.

Die Szene wirkt zunächst statisch. Erst auf den zweiten und dritten Blick erkenne ich Bewegung. Eine junge Frau, die in der unteren Bildhälfte steht, scheint sich eng an die Schulter ihrer Nachbarin zu schmiegen. Eine zärtliche Geste, eine zufällige Berührung, entstanden aufgrund der räumlichen Enge? Die Szenerie entzieht sich einer klaren Einordnung. Die beiden Frauen schauen sich nicht an, und ich kann mir nicht sicher sein, ob sie einander überhaupt wahrnehmen. Während die eine ihren Blick nach vorne richtet, blickt die andere nach hinten. Sie steht dem Betrachter abgewandt, so dass ich nur ihre Schulter und ihren Hinterkopf erkennen kann. Sie könnte in Richtung eines Mannes blicken, der im hinteren Teil der Gruppe steht, aber auch dies kann ich nur vermuten. Vielleicht versucht Sie, Augenkontakt herzustellen, der von ihm jedoch nicht erwidert wird. Oder starrt die Frau einfach ins Leere? Auch dies lässt sich nicht eindeutig feststellen. Ich bin Betrachter einer Szene, die sich der klaren Zuordnung entzieht. Meine Beobachtungen lassen sich nicht in das Raster der Kategorien und Begriffe pressen. Die Wahrnehmungsinhalte eignen sich nicht als Beutetrophäen meines analytisch geschulten Blicks.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf das Gesicht der jungen Frau, die mir beim Betreten des Raumes aufgefallen ist: Ihr Gesicht spiegelt starke innere Bewegtheit. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, ihre Gesichtszüge wirken weich, ihre Augen blicken offen, nach vorne. Ihr Blick scheint in eine unbestimmte Ferne, jenseits des Bildrahmens zu schweifen. Liegt da ein sehnsüchtiger Ausdruck auf ihrem Gesicht? Artikuliert sich ein Sehnen nach Jemandem oder Etwas, das in unerreichbarer Ferne liegt?

Dies ist sicherlich eine romantische Ausdeutung jenes szenischen Details und offensichtlich projiziere ich hier meine eigenen Ideen und Vorstellungen. Aber gerade in dieser Offenheit für eigene Projektionen liegt ein wesentlicher ästhetischer Reiz dieser Arbeit, die den Akt des Betrachtens zu einer bewegenden Kunsterfahrung werden lässt. Schauen wir also genauer hin:

Endstation Ewigkeit

Erneut frage ich mich, ob die Berührung zwischen den beiden Frauen intendiert ist oder zufällig – wie etwa eine Berührung im Gedränge eines U-Bahn-Waggons.

Trotz der physischen Nähe, die zwischen allen Protagonistinnen und Protagonisten besteht, wirkt die Szene auffallend beziehungslos: die Einsamkeit des Einzelnen in der Menge. Doch diese Menge ist nicht der Ort des flüchtigen Kommens und Gehens – die Personen sind vielmehr fixiert, sie verharren an Ort und Stelle. Jonas Englert erklärt mir, dass während der Dreharbeiten eine Absperrung um die Schauspieler gezogen wurde, so dass ihnen nur wenig Bewegungsfreiheit blieb. Nun assoziiere ich die Situation mit einem Gefängnis. Die Szene, die ich aus einer erhöhten Perspektive beobachte, könnte auch eine Situation in einer Zelle sein. Die Insassen wären in diesem Fall nicht nur ihrer Freiheit, sondern, aufgrund der räumlichen Enge, auch ihrer Intimsphäre beraubt. Inwieweit ändert sich die Zeitwahrnehmung, während eines Haftaufenthaltes? In dem autobiographischen Roman Enormous Room wird das Leben in einem Gefangenenlager des 1. Weltkrieges aus der Perspektive eines Häftlings beschrieben. Der spezifische Terror der Haft liegt in der Ereignislosigkeit des Lagerlebens, unter dessen Monotonie sich die Zeit ins Endlose zu dehnen scheint. Eine Zeit, die nicht mit Ereignissen angefüllt ist, die auf kein Ziel zusteuert, sondern sich aus der Monotonie des Ewig-Gleichen speist. Ein Zeit-Raum der Verdammnis. Endstation Ewigkeit. Warten auf nichts.

Während ich in meinem Gedächtnis nach dem Autor dieses Romans krame, erregt eine Frau, die in der rechten Bildhälfte steht, meine Aufmerksamkeit. Ihre Gesichtzüge spiegeln große Anspannung, zuweilen wirken sie leicht verzerrt. Ihre Gesichtsmuskeln scheinen unter enormer innerer Anspannung zu zittern, eine Bewegung, die aufgrund der extremen Slow Motion unglaublich langsam verläuft. Ihr Zittern ist wie ein sanftes Pulsieren in einer bis zum Bersten angespannten physiognomischen Landschaft. Ein Zustand explosiver Anspannung, ausgedehnt zu einer gefühlten Ewigkeit. Welche Emotionen bewegen diese Frau? Ist es Aggression oder Furcht? Spiegelt sich in ihren Zügen die verzweifelte Wut einer in die Enge Getriebenen? Oder ist die Frau mit dem zornigen Ausdruck selbst Täterin, die ihre angestaute Wut an einem unbekannten Opfer entlädt? Der Betrachter kann niemals sicher sein, welche Rolle die Person spielt, die er gerade beobachtet.

Blicke/Stiche

Die Gruppe ist, wie ich später erfahren werde, aus Studentinnen und Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zusammengesetzt. Alle Beteiligten erhielten, vor den Dreharbeiten, einige knappe Instruktionen zu ihren Rollen und zu den Rollen der anderen. Die Informationen, die sie über ihre Mitspielerinnen und Mitspieler bekamen, stimmten allerdings nicht mit den Charakteren überein, die die Akteure wirklich darzustellen hatten. Stigma, so bezeichnet der US-amerikanische Soziologe Erwin Goffman die Kluft zwischen der Vorstellung, die Menschen von sich selbst und der Vorstellung, die andere Menschen von ihnen haben. Und diese Kluft durchzieht auch den ästhetischen Nukleus von Jonas Englerts Videoarbeit.

Unweigerlich denke ich an soziale Stigmatisierung – die Beurteilung und Aburteilung anderer aufgrund spezifischer Eigenschaften, ihrer ökonomischen Situation, ihrer sozialen Stellung oder ihrer ethischen Identität. Stigma bedeutet „Stich“, „Wunde“, aber auch „Schandmal“. Vielleicht ähneln unsere Blicke, mit denen uns gegenseitig fixieren, Stacheln, die sich in das Fleisch unseres Gegenübers bohren, um unsere Werturteile einzuschreiben.
Und dieser Prozess der Stigmatisierung geschieht, offenbar auch auf der Bildfläche. Ist das Lachen der Frau in der linken Bildhälfte etwa ein diabolisches Auslachen?
Jonas Englert zeigt all diese Prozesse in einer extremen zeitlichen Dehnung, dadurch gelingt es ihm, die Blicke, mit denen wir uns täglich fixieren und stigmatisieren, offen zu legen.

Am Rande des Stillstands

Stigma von Jonas Englert hat eine Spiellänge von 30 Minuten. Die reale Spielzeit am Drehort dauerte lediglich eine Minute – die Handlungsfolge entrollt sich in extremer Verlangsamung vor dem Auge des Betrachters. Eine Minute wird zu einer halben Stunde gedehnt.
Stigma öffnet eine beachtliche Kluft zwischen der performativen, der verkörperten Zeit am Drehort und der filmischen Zeit.

Je länger ich vor der Projektion verharre und mich auf den Prozess des Betrachtens einlasse, desto detaillierter vermag ich die Szenographie der Langsamkeit zu lesen, die Jonas Englerts Stigma entfaltet. Immer mehr Details erkenne ich, immer tiefer sinke ich in diesen ZeitRaum der Langsamkeit, immer vertrauter fühle ich mich mit diesen Gesichtern, die große innere Bewegtheit spiegeln, deren Bewegungen jedoch im Grenzbereich zur Erstarrung flimmern.

Hier und da das Drehen eines Kopfes in extremer Langsamkeit, dort ein Blinzeln, das Hochziehen einer Braue, dort ein Körper, der vom Lachen geschüttelt wird – alles gedehnt in einen enormen ZeitRaum. Eine zusammen gedrängte Gruppe, ein extrem komprimierter sozialer Prozess übersetzt in eine Bewegung am Rande des Stillstandes. Ein langsames und stetiges Pulsieren, sanfte Erschütterungen inmitten einer von Erstarrung bedrohten physiognomischen Landschaft.

Mit dem Begriff des Optisch-Unbewussten beschreibt Walter Benjamin jene Aspekte der visuellen Wirklichkeit, die sich dem menschlichen Auge gewöhnlich entziehen, die allerdings durch technische Apparate, wie etwa Kamera und Mikroskop, sichtbar gemacht werden können. Jonas Englert Stigma gewährt uns einen Blick in das Optisch-Unbewusste, indem die Prozesse, die das Auge der Kamera erfasst, bis zum Rande des Stillstandes verlangsamt werden. Objekt der Betrachtung ist ein gruppendynamischer Prozess: Personen, die sich in multipler Form in Relation zueinander setzen, die sich betrachten, beurteilen, womöglich ignorieren oder begehren, bekämpfen oder abgrenzen. Die soziale Interaktion wird durch den stark verfremdeten und verlangsamten Darstellungsmodus in besonderer Weise sichtbar und erfahrbar. Die Strukturen des alltäglichen Miteinanders werden offen gelegt. Plötzlich wird das sichtbar, was man das Sozial-Unbewusste nennen könnte. Und dieses Sozial-Unbewusste ruht nicht in unergründlicher Tiefe, um uns in der Ruhe der Nacht, in unseren Träumen heimzusuchen, es liegt an der Oberfläche, auf der Bühne unserer alltäglichen Routinen und Interaktionen. Es ist die diskursive Dynamik, die unseren Alltag bestimmt, uns bei unseren Gängen durch unsere Lebenswelten leitet, unsere sozialen Interaktionen strukturiert. Das Sozial-Unbewusste artikuliert sich in unseren Gesten und Gebärden, im Spiel unserer Gesichtsmuskeln, es liegt in unseren Blicken, mit denen wir uns beobachten und beurteilen, in unserem Lächeln, es ist der elementare Antrieb unserer E-Motions-Maschine.

Und diese komplexe Maschinerie, die uns täglich bewegt, wird auf beeindruckende Weise sichtbar in jener Szenographie der Langsamkeit, die Jonas Englert in seiner Arbeit Stigma entfaltet.

erstellt am 29.7.2011