Buchkritik von Bernd Leukert

Jan Volker Röhnert: Notes from Sofia

Jan Volker Röhnert, der 1976 in Gera geboren wurde und mindestens fünf Gedichtbände veröffentlich hatte, bevor er 2007 mit dem Buch Metropolen, das in der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser erschien, bekannt wurde. 2008 bis 2010 arbeitet der Literaturwissenschaftler als DAAD-Lektor an der Universität Sofia.

Die Reisen nach Bulgarien behindern nicht die Selbstbefragung, die Reflexion des eigenen Tuns, die Suche nach dem Boden, auf dem er sich als Poet bewegt. In drei Aggregatzuständen, in Notaten, einer Erzählung und Gedichten, wird die niedergelegte Erfahrung angeboten.

Die Notate sind geraffte Protokolle des Reisenden, Personenbeschreibungen, Gedanken zu Baudelaire, Rimbaud, immer wieder Handke, Wallace Stevens, Paulus Böhmer, Ernst Jünger (man sollte sie vielleicht nicht wissen lassen, mit wem sie hier beisammenstehen), Straßenszenen und Naturbetrachtungen, darunter einige Kabinettstückchen wie die von den Seeschwalben im Feigenbaumgeäst. Wenn immer sein Blick herabsinkt vom blauen Himmel mit seinen vielgestaltigen Wolkenformationen über die Gebirgskonturen und Häuserfassaden zu den bunt dekorierten Strumpfhosen, die mit trippelnden Mädchenbeinen gefüllt sind, entsteht, wie er einmal formuliert, „ein ganzer Roman, rein aus Blicken gemacht…“.

Die Distanz, die die Sichtweite hält, wahrt Jan Volker Röhnert auch in der Erzählung „Die Wiederkehr“. Auch hier ist die bulgarische Hauptstadt Sofia Ort der Beobachtungen, die sich zum Erzählfluss zusammenfinden. Wohl taucht hin und wieder das Mädchen Teodora darin auf; doch Teodora versinkt auch ebenso schnell wieder im Gewimmel der Wahrnehmung, ohne die Neigung, uns als dramatis persona nahe zu kommen. Mit dem Vorhaben, die prägnanten Eindrücke der Stadt im Gedächtnis zu halten und schließlich im Flugzeug auf die schneebedeckte Felskulisse des Witoscha-Gebirges zurückzublicken, um den Sonnenaufgang zu erwarten, schließt der Autor seine Erzählung. Wie detailliert der Text durchkomponiert ist, wird uns erst viel später bewusst. Das gilt selbstverständlich für die Gedichte in besonderem Maße. Jan Volker Röhnert schlägt seine Gedichte nicht über einen Leisten, sondern lässt die Form immer neu aus den Sprachbildern, den expliziten oder beiläufigen Inhalten entstehen. Es gibt ein ER und ein DU darin, aber kein ICH.

Und dennoch und selbst in Befunden, die jeder bestätigen kann, spricht aus jedem der Gedichte der Autor. Röhnert sehr persönlich.

erstellt am 25.7.2011

Jan Volker Röhnert
Notes from Sofia
Bulgarische Blätter
Edition AZUR
Dresden 2011

Buch bestellen