Erzählung

Mann mit Tasche

Von Alissa Walser

Immer, wenn ich vor einem offenen Buffet stehe, vor einer perfekt auf Eis drapierten Fisch-Fleisch-Käse-Installation, hinterlegt mit dem grellen Grün einiger ausgewählter Salatblätter, muss ich an Sylvia Plath denken. An jene Szene ihrer Glasglocke, in der die New-York-Stipendiatinnen sich über das Hochglanzbuffet hermachen und niedersinken wie Werbeträger für Lebensmittelvergiftungen. Ich brauche auch gar nicht erst nach bräunlich verfärbten Blatträndern zu suchen oder nach einem schmierigen Film auf dem Käse. Nein, ein Buffet von Weitem genügt schon.

Trotzdem wollte ich möglichst nah ran. Wollte die ausgehöhlten Fleischtomaten sehen mit ihren weißen Mayonnaise-Herzen. Und die olivefarbigen Artischocken und die grasgrünen Basilikumblätter. Ich wollte sie sehen und ernst nehmen. So ernst, wie man etwas ernst nimmt, das man im nächsten Moment in sich hineinschlingt. Trotz der Plath-Geschichte mit ihrem jämmerlichen Ende versuche ich ein Buffet auch als das zu sehen, was es sein will: die Verkörperung des Schlaraffenlandes.

Wohin ich auch blickte, in allen Räumen dieser Privatgalerie herrschten paradiesische Zustände. Schönheit in lockeren Kleidern aus unerschwinglichen Schaufenstern auf Ottomanen, Designerhockern und wie gemalten Ziersesseln, bunte Drinks in den Händen und überladene Teller auf wohlgeformten Knien.

Im Hintergrund eine von den Gastgebern engagierte Band, die mühelos alle Gespräche übertönte. Ich weiß, Negerband sagt man nicht mehr. Aber afroamerikanisch traf es nicht, die Jungs kamen aus Guadeloupe. Und schwarz wollte ich sie auch in Gedanken nicht nennen. Erstens bin ich Malerin und kenne den Unterschied zwischen Hautfarbe und Schwarz, und zweitens muss ich bei Schwarz unwillkürlich an diese fiese Struwwelpeter-Geschichte mit dem Tintenfass denken. Auch farbig lässt etwas offen: den genauen Ton, die Helligkeit, das aufgesetzte Licht. Keiner hier, dachte ich, wisse, was es heißt, Hautfarben anzumischen. Vier Tuben: Rot, Gelb, Blau und Weiß. Hauptsächlich Weiß. Ich habe diese Hautfarbe lange geübt. Damals lebte ich in New York, studierte noch und hatte eine Liebschaft, ja so möchte ich es jetzt, im Nachhinein, nennen, auch wenn es das nicht hundertprozentig trifft. Etwas sehr Abenteuerliches, Wildes, mit einem Security Guard, den ich an genau so einem Buffet getroffen hatte. Ich sah ihn und wollte ihn malen, wie ich damals alles, was ich sah, malen wollte.

Er sei indianischer Abstammung, sein Urgroßvater ein American Indian. Ich suchte sofort nach Zeichen. Ich wollte ihn malen, weil ich ihn, ganz naiv, einfach schön fand, schön, wie ein Symbol für Schönheit. John und seine Ähnlichkeit mit Cassius Clay. Ihn und seine Ähnlichkeit mit Mapplethorpes Mann im Anzug. Seine Ähnlichkeit mit Othello. Mit Hannibal, Herakles, Sappho.

Natürlich war er nicht bereit, still zu sitzen. Und schlafend wollte ich ihn nicht malen. Das hätte auch überhaupt nicht zu ihm gepasst. Er hat sowieso kaum geschlafen. Wir haben die Nächte durchgemacht. Nach der Uhr richtete er sich nur, wenn er morgens zur Arbeit ging, im YMCA um die Ecke. Er war so einer, der andauernd etwas unternimmt, der Immer-Aktive. Und doch gab es die seltenen Momente, in denen er sich um nichts kümmerte. Nach der Liebe (die zu jeder Zeit stattfinden konnte, sollte, musste) z. B. wehrte er sich nicht. Er ging dann zum Waschbecken, spritzte Wasser in sein Gesicht, ließ es trocknen an der Luft. Drückte Mayonnaise aus einer Tube in ein Schälchen (so wie ich die Farben aus den Tuben auf die Palette), öffnete eine Büchse Sardellen, kippte sie zur Mayonnaise und zerdrückte alles mit einer Gabel zu einer gräulichen Pampe, die er auf ungetoastete Toastbrotscheiben strich. Zum Essen kam er zurück auf das schmale Bett. Es stand mit der Kopfseite zu einem Fenster, das ich nie gesehen habe. Ein Fenster, verdeckt von einer Jalousie, auf deren wachstuchschwarzer Haut sich das Licht eines Lichtschachts abzeichnete. Ein winziges Zimmerchen, das John sich im zwölften Stock in Midtown Manhattan leistete. Das waren meine Momente: Er, noch nackt oder fast, aß diese laschen Brote, eins nach dem anderen und blätterte in einem Modemagazin.

Die Hautfarbe hatte ich schon angemischt, und während ich malte, erzählte er, dass er demnächst mit einem Freund eine kleine Saftbar eröffnen wolle in Florida, und redete von Mangos, Kiwis, Pflaumen und Karotten, während ich die Haut korrigierte und korrigierte, bis sie in einem grauen Matsch versumpfte. Auch das eine Möglichkeit von Gelb, Rot, Blau, Weiß.

Der Unterschied zwischen ihm und mir, dachte ich, seiner Haut und meiner Haut auf einem Bild, war gering, kein Gramm, kein Milligramm Weiß, Titanweiß. Woche um Woche verging, bis ich begriff, dass ich ohne eine komplexe, erfahrungsbedürftige Lasurtechnik zu keinem Ergebnis käme. Dafür aber fehlte mir schlicht die Zeit. Denn nach drei Monaten tag- und nachtunabhängiger Leidenschaft stellte sich heraus, dass wir uns zwar nicht nichts mehr zu sagen hatten, allein, dass die Vor-Gespräche, in denen wir versuchten zu den eigentlichen Gesprächen zu kommen, immer öfter dermaßen entgleisten, dass das, was wir uns dringend zu sagen hatten, gar nicht zur Sprache gebracht werden konnte. Ich glaubte, mich entscheiden zu müssen zwischen der akustischen Sprachebene und dem Inhalt. Und am Ende entschied ich: Der Ton macht die Musik. Ich verschwand, ohne John eine Adresse zu hinterlassen. Das Praktische an Städten wie New York: Man muss nicht untertauchen. Man geht einfach zur Tür hinaus, steigt in die U-Bahn und ist weg.

An diesem Frankfurter Buffet fehlte mir das Meer. Das Rauschen des Atlantiks. Aber vielleicht war auch nur der Garnelenberg zu klein. Oder die Lachskanapees waren zu wenig frisch?

Aber nein, neben mir der Mann mit der fast quadratischen Tasche widersprach. Frankfurt, sagte er, sei Europas größter Umschlagplatz für Meeresfrüchte – und was man hier bekomme, sei frischer als in Paris!

Aber es hilft alles nichts. Seit der Plath-Lektüre sehe ich in jedem Buffet einen in Eis gefrorenen Totenkopf schimmern. Das Vergängliche hinter der Pracht.

Oder die Anstrengung, die es kostet, schön zu sein, frisch. Das färbte sofort auf die Partygäste ab. Ich entdeckte Parallelen: die Übergänge zu Grau im Haar einer blonden Frau. Den Achselschweiß im Muster eines Männerhemds. Überkronte Zahnreihen, Haare an den falschen Stellen, übertünchte Löcher, Unebenheiten und Flecken der Haut. Und die Falten, die Falten! Aber dann wiederum, was ist schlimm daran, wenn die Leute schön sein wollen und ihre utopischen Erinnerungen vor sich hertragen wie die Hochglanzseiten der Modemagazine? Die Diskrepanz zwischen dem, was einer will, und dem, was ist, rückt doch seinen Einsatz ins Zentrum und macht den Menschen erst recht sympathisch. Warum nur kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen? Tierisch ernst, meine ich. So ernst wie etwas, womit ich meinen Hunger stillen möchte. Dass mir ein Buffet dazu auch nicht genügt, bringt ja keinen um. Sollen sie zittern vor Anstrengung, dachte ich und sah, wie die Blonde neben mir sich abtupfte und den Schweiß die Stirn hinauf ins strähnig wirkende Haar schob. Was wird nur, dachte ich, wenn ich keinen mehr ernst nehmen kann? Dann bin ich plötzlich allein auf der Welt. Und das bringt ja nichts. Also bemühte auch ich mich: Erstens, so zu tun, als sei ich schön, und zweitens, den Mann mit der Tasche ernst zu nehmen.

Der Mann mit der Tasche. Gerade sprachen wir noch, und schon ist er ein Stück entfernt. Schön, dachte ich, schön ist der (und er weiß es auch). Er schaute über meinen Kopf die Exponate dieses jungen Leipzigers an. Ob auch er an die impressionistische Variante eines Alex Katz dachte? Ich beneidete ihn. Er war groß. Je älter ich werde, desto kleiner werde ich. Ist zwar nicht angenehm, aber eigentlich logisch. Kaum sind wir geboren, fangen wir an zu sterben. Wer hat das noch mal gesagt? Mit unerfreulichen Gedanken freundet man sich am besten an. Die Vorstellung eines Zeitraffers, wie man das von Keimlingen und Blüten kennt, finde ich tröstlich. Da ist das Leben nichts als eine kleine Bewegung auf der Leinwand. Die Ursachen bleiben unsichtbar, nur das Aufblähen ist zu sehen, das In-sich-zusammensinken. Das Verschwinden bleibt meistens ausgespart. Alles in allem könnte man’s in acht Minuten hinter sich haben.

Durch die Tektonik der Galerieräume landeten wir immer in denselben Ecken. Wir strandeten sozusagen im selben Brackwasser. Die hübschen Bedienungen hüteten sich vor abgestandenen Ecken. Wir hielten unsere abgefingerten Gläser in den Händen. Zu weit auseinander, um unser Gespräch fortzuführen, wechselten wir Blicke. Seine Blicke: wie die eines Leuchtturms, der mich in seinem Rundum immer mal streifte. Meine Blicke, die seine erhaschten. Sie festhalten wollten in ihrem gondelnden Kreisen. Irgendwann, während einer guadeloupischen Improvisation auf Underwater Love, hatten wir dann doch einen gemeinsamen Punkt am Ufer des Buffets erlangt.
Als er von den Käsevariationen nur die Trauben pflückte, sie mit den Fingern abrieb und sich in den Mund steckte, fühlte ich mich ihm schon fast verwandt. Ich sah ihn noch einmal zugreifen. Er spießte mit einem Messer ein Stück Käse auf, hob es leicht an und zog ein großes Salatblatt darunter hervor. Den Käse ließ er liegen, das Salatblatt dagegen verschwand in seiner weißen Tasche. Er begann mich zu interessieren – ernsthaft. Ich stand seitlich hinter ihm. Er wirkte gradlinig wie Bauhausarchitektur, alt und jung zugleich. So einen Mann kann man nicht sofort duzen.

Ob ich denn keinen Hunger bekäme, von einem derartigen Anblick, sagte er.

Ich bin noch am Überlegen, sagte ich, ob ich heute einen Happen wagen soll. Ja, wie wunderschön der Lachs auf seinem Bett aus Kopfsalat aussieht, aber, kennen Sie die Glasglocke von Sylvia Plath?

Nein, er schüttelte den Kopf.

Ich fragte, ob er empfindlich sei, worauf er mit den Schultern zuckte und eine Hand an sein Ohr legte.

Ich rief, ich wolle ihm nicht die Lust am Buffet verderben, und er, jetzt sei er aber neugierig.

Natürlich war es viel zu laut. Ich brüllte, dies sei kein Raum des Erzählens. Er könne die Geschichte aber nachlesen. Ich würde ihm die ISBN-Nummer zukommen lassen.

Flink wie gezaubert hatte er ein Kärtchen in der Hand. Hatte er es aus der Tasche gezogen? Gesehen habe ich nichts. Victor, las ich. Gott sei Dank, Victor gefiel mir. Wenn mir ein Name nicht gefällt, fällt mir gleich nichts mehr ein. Statt zu lesen, was da sonst noch stand, landete die Karte in meiner hinteren Hosentasche. In meinem kleinen portablen Büro. Alles Mögliche bringe ich darin unter. Notizen, Quittungen und Fahrscheine, Geldscheine und Bankauszüge – und eben auch Kärtchen. War aber auch ein bisschen wie russisches Roulette, mein kleines Arsch-Büro. Einiges rutschte nach oben (noch so eine chaotische tektonische Bewegung) und fiel raus. Anderes aber blieb. So entschied sich mein kleines Schicksal in meiner linken hinteren Hosentasche. Diese Mischung aus Glück und Pech, die sich mein Leben nannte. Mein Leben! Nichts als eine Mischtechnik!

Ich steckte das Kärtchen dorthin, wo ich im Moment nur meine EC-Karte fühlte. Und kaum trug ich Victors Kärtchen am Arsch, schob es ihn fort von mir. Er winkte noch mal und verschwand in den Fluten der Gäste. Machte aber nichts, weil ich sowieso nach Hause wollte. Ein wenig lesen im Liegen. Ich bahnte mir einen Weg hinaus.
Hallo, sagte eine Stimme.

Victor. Er streckte den Arm, die Hand nach mir aus, wobei ihm seine Tasche im Weg war. So, fast ohne Barriere zwischen uns, wirkte er größer, noch älter. Oder erwachsener. Viel erwachsener, als ich mir mich vorstellen wollte.

Ich sagte, ich laufe nach Hause, zeigte nach links und lief los, Richtung Westen, dort, wohin in Frankfurt nachts nichts mehr fährt, und er lief neben mir her.

Auf einmal wirkte er perfekt. Sein Kopf, nachgezeichnet durch das bleistiftspitzenkurze Haar, sein scharfes Profil, die opake, weiße Haut mit einer Andeutung von Sommersprossen, die leichten Schuhe, die Größe und Form seiner Brille, sein faltenloses Leinenjackett … sodass ich mir unproportioniert, undurchdacht und verschwitzt vorkam. Und seine Tasche! Wie neu und doch gebraucht. Gut gefüllt, nicht übervoll, sah aus, als sei sie so gekauft worden. Gut gefüllt. Vielleicht gab’s das ja neuerdings, eine Art Luxusausgabe der Wundertüte. Ich tastete heimlich nach meinem kleinen Büro. Ich wollte verhindern, dass Victors Visitenkarte rausrutschte und vor seinen Augen auf der Straße landete.

Später saßen wir uns in einer Bar gegenüber. In einer von exotischen Pflanzen umwucherten Nische bei schummrig-pazifischem Licht. Zwischen uns fette tropische Drinks. Victor hatte Tasche und Jackett abgelegt und erzählte, er sei in Frankfurt, um Geld zu verdienen. Und darüber, dass es nicht schwer sei, wenn man den Trick raushabe. Und über die Konjunktur. Er schien nicht zu schwitzen in seinem schneeweißen Hemd. Sollte mich das freuen? Oder entsetzen. Ich war mir nicht sicher. Auf jeden Fall hoffte ich noch, dass er mir das mit dem Geld verraten würde.

Eine Stadt in der Nacht. Eine Bar in der Stadt. Ein Mann in der Bar. Und in meinen Augen ein Tier. Es saß auf seiner Schulter. Hatte er es aus seiner Tasche gezogen? Gesehen habe ich nichts.
Es war rosarot. Hautfarben mit einer Spur Sand.

Ein Chamäleon, sagte er und blickte das Tier aus den Augenwinkeln zärtlich an, blieb aber beim Geld, seinem und meinem, von dem er inzwischen wusste, dass es stets zu wenig war. Er sagte, es sei eine mehr als deutliche Tatsache – der Finanzwirtschaft, der weltweiten Finanzmärkte –, dass heutzutage keiner mehr die Fäden in der Hand halte.

Das Chamäleon hingegen saß wie von Fäden gehalten reglos auf Victors Schulter. Oder einfach nur satt und zufrieden?

Ich sah, wie es allmählich verblasste. Weiß wurde. Weiß wie Victors Tasche. Sein Hemd. Seine Haut. Aber auch ein bisschen, als verschimmle es vor meinen Augen.

Ich fragte noch einmal nach dem Trick mit dem Geld, aber Victor redete von einem möglicherweise bevorstehenden Börsencrash. Er ließ sich nicht unterbrechen.

Erst später unterbrach er sich selbst, um mal wohin zu gehen. Das Chamäleon thronte auf seiner Schulter wie ein Gargoyle auf einem Kirchendach. Victor hatte seine Tasche dagelassen. Er vertraut mir, dachte ich und war gerührt. Aber dann konnte ich nicht anders. Ich zog den Reißverschluss auf. Im rosa Futterstoff lag eine Tasche. Ich nahm sie heraus. Zog den Reißverschluss auf. Rosa Innenfutter, eine Nuance dunkler. Eine Tasche. Ich zog den Reißverschluss auf. Im rosa Futterstoff eine kleine weiße Tasche. Ich zog den Reißverschluss auf.

Aus: »Immer ich«, Erzählung, Piper Verlag, München 2011

erstellt am 25.7.2011