Short Cut von Harald Ortlieblitchannel.tv
Olga Martynova liest aus ihrem Roman »Sogar Papageien überleben uns«,
(Literaturverlag Droschl).

Sichtweise

Frankfurt von außen

Von Olga Martynova

Vor vielen, vielen Jahren lag ich – ein Kind damals – in einem Leningrader Krankenhaus und blätterte in einem Bilderbuch. Das Buch erzählte kleinen russischen Kindern von dem großen deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Ach nein, das reaktionäre „von“ hat man uns damals vorenthalten. Die Zensur, verstehen Sie … Von dem großen deutschen Dichter Johann Wolfgang Goethe also. Am meisten beeindruckte mich, wie man nach den Regeln der russischen Grammatik den Namen seiner Geburtsstadt schrieb, mit zwei Bindestrichen, beidseitig am „am“: Frankfurt-am-Main. Seither fühlte ich mich dieser Stadt mit diesen Bindestrichen ein wenig verbunden und war später recht enttäuscht, dass ich diese Bindestriche in der deutschen Schreibweise entbehren musste.

Seit abermals vielen Jahren lebe ich nun in Frankfurt, es hat sich so ergeben. Die Brücken über den Main ersetzten mir meine russischen Bindestriche. Ich bin zwischen „innen“ und „außen“ geraten – die unsichtbaren Bindestriche um mich zeigen in die beiden Richtungen.

Von innen betrachtet ist Frankfurt ein kleines nettes Städtchen mit dem Flair einer schicken Großstadt, die ihren Bewohnern großzügig Freiheit zumisst (Leningrad/Petersburg, in dem ich aufgewachsen bin, ist eine schicke Großstadt mit dem Charakter eines engen Städtchens, das dich nie ganz frei von sich lässt).

Von außen: meistens kennen unsere Nicht-Frankfurter-Freunde den Bahnhof, den Flughafen und die Buchmesse. Und sie haben ein seltsames, verzerrtes Bild von Frankfurt. Wenn sie in der Stadt sind und etwas Zeit haben, sehen wir es als unsere Aufgabe an, ihnen vorzuführen, dass Frankfurt hübsch, freundlich und gemütlich ist. Und klein – ein Spielzeugstädtchen unter den blankgeputzten Legotürmen. Und bis jetzt ist uns das immer gelungen, meinen wir.

Frankfurter Buchmesse

1.
Frankfurter Buchmesse.
2.
Man lernt hier, dass es zweierlei Deutsche gibt.
3.
Die einen sagen „Verzeihung“, wenn sie dich anstoßen im Gang.
4.
(In einem dieser gläsernen Gänge, in denen die Architektur einem Luft-Strom mit großgewachsenen und feingeschnittenen Bäumen am Ufer gleicht – und die den Korridoren im Frankfurter Flughafen ähneln, mit ihren selbstlaufenden Pfaden
5.
und mit ihren gläsernen Wänden. Du blickst durch beide von oben in die Ferne, als seiest du im Strom eines durchsichtigen Flussbettes unten in der Erde und hättest eine weite Sicht.)
6.
Die anderen sagen: „Upps“.

erstellt am 21.7.2011