Scene stealers im Hollywoodkino

Schöne Grüße aus der zweiten Reihe

Von Kai Mihm

Stars wie Viggo Mortensen und Joe Pesci haben damit ihre Karrieren begonnen: scene stealing – die Kunst, auch in kleinen Nebenrollen die eigentlichen Stars des Films blass aussehen zu lassen.

Erinnern Sie sich noch an „Fuzzy” aus „Western von Gestern”? Natürlich, jeder kennt den zotteligen Fuzzy, der zum Stammpersonal der legendären Western-Serials der dreißiger Jahre gehörte. Wer in den Filmen die Hauptrollen spielte, ist längst vergessen und irgendwie auch Nebensache. Aber die Auftritte von Fuzzy, seine Sprüche und seine Grimassen, sehen wir noch genau vor uns. Damit ist Al St. John, der den tolpatschigen Cowboy verkörperte, einer der frühesten Vertreter jener Sorte von Darstellern, die man „scene stealers” nennt: Schauspieler, die, obwohl sie meist keine tragende Rolle haben, für einige Minuten den Film kapern, weil sie ihrer Rolle mehr Persönlichkeit geben, als vom Drehbuch vorgesehen.

Es gibt eine alte Hollywood-Weisheit, nach der man als Schauspieler zwei Dinge tunlichst vermeiden sollte: Mit Tieren oder Kindern in der selben Szene aufzutreten. Beides nämlich seien „natürliche scene stealers”, welche die Aufmerksamkeit des Publikums unwillkürlich auf sich ziehen. Für einen Beleg dieser These muss man sich nur an Tatum O'Neal in „Paper Moon” erinnern, an die kleine Sally Jane Bruce in „Die Nacht des Jägers” oder an Bobs Watson in „Teufelskerle”. Gegen die Putzigkeit dieser Knirpse hatten nicht mal gestandene Kerle wie Robert Mitchum und Spencer Tracy eine Chance.

Mit Blick auf das aktuelle Hollywoodkino könnte man die Liste der „natürlichen scene stealers” freilich noch um einen Punkt erweitern: Christopher Walken. Der Mann, ohnehin fast nur noch in kleinen Nebenrollen zu sehen, kann eigentlich machen was er will – als Zuschauer blickt man nur auf ihn. Beispielsweise in Tony Scotts „Mann unter Feuer”. Da stiehlt er Denzel Washington die Schau, weil er mit jeder Bewegung durchschimmern lässt, dass er das bierernste Schlachtfest um sich herum sowieso nicht wirklich ernst nimmt.

Mit Bescheidenheit ins Zentrum des Geschehens

Wie man sieht, tritt das Phänomen der „scene stealers” in zahlreichen Varianten auf. Da gibt es zum Beispiel die alternden Charakterdarsteller, die sich wie Walken gewissermaßen auf “scene stealing” spezialisiert haben – Vermutlich weil es kaum noch gute Hauptrollen für Männer ihres Alters gibt. Zu dieser Kategorie gehört neben Christopher Plummer („The Insider”) vor allem Jon Voight, der mit seiner „scene stealing perfomance” in Michael Manns „Heat” 1995 ein grandioses Comeback landete. Seither war er in Filmen wie „Anaconda” oder „Ali” zu sehen – und jedesmal verblassten die eigentlichen Stars, wenn er die Szenerie betrat. Was die Darstellungen dieser Männer eint, ist die unaufdringliche Souveränität, mit der sie ihre Auftritte zum Mittelpunkt der jeweiligen Szene machen. Typen wie Voight oder Plummer müssen nichts mehr beweisen, und gerade diese Ausstrahlung macht ihren Szenenklau umso effektiver.

Von ähnlicher Zuverlässigkeit ist jene Sorte von Darstellern, die im Lauf ihrer Karriere zwar nur selten über den „ferner liefen”-Status hinausgekommen sind, auf Grund ihrer schieren Präsenz aber verlässliche „scene stealer” wurden.

Die markantesten Vertreter dieses Typus findet man im Kino der siebziger und frühen achtziger Jahre. Außerhalb der Fachkreise kennt kaum jemand ihre Namen, aber jeder Filmfreund weiss eine großartige Szene zu benennen, die voll und ganz ihnen gehört: Joe Spinell („Rocky”, „Taxi Driver“), Al Lettieri („Getaway”, „Der Pate”) oder M. Emmet Walsh („Stunde der Bewährung”, „Blood Simple”). Heute könnte man Luis Guzman („Traffic”), Joan Cusack („School of Rock”), Don Cheadle („Teufel in Blau”, „Out of Sight”) und den vielseitigen Jeffrey Wright („Syriana”, „Shaft”) zu dieser Kategorie zählen. Wenngleich sie ihre Rollen oft ein bisschen überzeichnen, fällt diese Art „cene stealer” seit jeher durch eine angenehme Bescheidenheit auf.

Gute Diebe, schlechte Diebe

Etwas anders sieht das freilich bei jener Kategorie aus, deren Darstellern man anmerkt, dass sie endlich aller Welt zeigen wollen, was sie draufhaben. Joe Pesci in „Goodfellas” ist da ein Paradebeispiel. Die Legende besagt, dass sein berühmter „Funny?! How am I funny?!”-Monolog im Drehbuch wesentlich knapper angelegt war. Vor laufenden Kameras begann Pesci dann zu improvisieren und degradierte Ray Liotta, den Hauptdarsteller des Films, zum reinen Stichwortgeber – ein „Szenendiebstahl” par excellence. Auch Jack Black, damals noch weitgehend unbekannt, dominierte in „High Fidelity” seine Szenen so ungeniert mit seinem eigenwilligen Humor, dass er, ebenso wie Pesci in den „Lethal Weapon”-Filmen, nur knapp am so genannten „scene chewing” vorbeischrammte: jener Steigerung des „scene stealing”, bei der ein egozentrischer Schauspieler das Maß verliert und solange auf seiner Nummer herumkaut, bis man auch als Zuschauer völlig ausgelaugt ist. Dabei kann auch eine unaufdringlichere Form des „scene stealing” dazu beitragen, einen Schauspieler zum Star zu machen. Es dauert nur etwas länger. Viggo Mortensen zum Beispiel ist der einzige Darsteller, den man aus dem Stallone-Film „Daylight” (1996) noch in Erinnerung hat – obwohl er als cooler Bergsteiger maximal vier Minuten auf der Leinwand zu sehen ist. Auf diese Weise stahl er sich langsam ins Herz von Hollywood, bis er sich schließlich den Traumpart des Aragorn im „Herrn der Ringe” unter den Nagel riss.

Es ist nur ein schmaler Grat, der einen amüsanten „scene stealer” von einem vervtötenden Selbstdarsteller trennt. Was aber macht einen „guten” scene stealer aus? Die schönsten Fälle sind jene, in denen ein Darsteller ganz beiläufig die Atmosphäre des Films akzentuiert, gerade auch indem er sich völlig konträr zur allgemeinen Stimmung verhält. Steve Zahn beispielsweise, mit seiner bekifften Planlosigkeit in Soderberghs smartem Gangsterfilm „Out of Sight“; oder Philip Seymour Hofmann als personifizierte Dekadenz in der „geschmackvollen” Welt von Minghellas „Talentiertem Mr. Ripley”; Holly Hunter, die als schrille Sekretärin Sidney Pollacks seriöse „Firma” aufmischt; Alyson Hannigan in „American Pie”, wo sie mit rührender Naivität die hysterischen Sex-Eskapaden der Jungs und Mädels beobachtet – und sich am Schluss als die Verruchteste von allen erweist. Und natürlich Alfred Molina, der in „Boogie Nights” als durchgeknallter Drogendealer die Todesangst von Mark Wahlberg mit einer irrwitzigen Ballettnummer kontrastiert. Diese Darsteller mögen den Stars vielleicht ein paar Szenen klauen. Dafür geben sie den Filmen eine menschliche Perspektive jenseits des dramaturgischen Mainstreams – und aus diesem Grund funktionieren ihre Szenen auch nur innerhalb des Gesamtkontexts des jeweiligen Films.

Es gibt freilich auch Fälle, in denen Schauspieler nicht nur Szenen stehlen, sondern gleich den ganzen Film mitgehen lassen. Erinnern wir uns an den ersten „Pink Panther”-Film: eigentlich spielte David Niven die Hauptrolle, Inspektor Clouseau war kaum mehr als eine Chargenrolle. Aber Peter Sellers war derart dominant, dass in den folgenden Filmen das Rollenverhältnis kurzerhand umgedreht wurde. Oder der erste „Pate”: „Die Leute werden ins Kino gehen um Marlon Brando zu sehen, und beim Rauskommen über Al Pacino sprechen”, prophezeite Pacinos damaliger Agent. Er sollte recht behalten, obwohl sein Klient ausgewiesene “scene stealers” wie Al Lettieri und Sterling Hayden ausschalten musste.

Zwanzig Jahre später lief es dann umgekehrt. In „Carlito's Way” muss der gealterte Pacino sich ein regelrechtes Darsteller-Duell mit dem exzellenten John Leguizamo liefern, der zwar nur drei Szenen hat, ihm mit seiner jugendlich-draufgängerischen Art aber jedesmal die Schau zu stehlen droht. Zugleich ist Michael Corleone in „Der Pate” ein Beweis dafür, dass „scene stealing” nicht immer von zweitrangigen Nebenrollen ausgehen muss. Auch William H. Macy in „Fargo” ist zweifellos ein „scene stealer” – obwohl er nominell sowieso die männliche Hauptrolle spielt.

Auf der anderen Seite der Skala gibt es gleichsam Stars, die scheinen gegen alle Versuch des „Szenenklaus” resistent zu sein. Da versagen selbst alte Hollywood-Regeln. Kinder? Sean Penn spielt in „Ich bin Sam” an der Seite von Dakota Fanning, einer der niedlichsten Kinderdarstellerinnen, die in Hollywood zu kriegen sind. Sie hat keine Chance. Tiere? Bill Murray bekommt es in „Larger Than Life” mit einer ausgewachsenen Elefantenkuh zu tun – Ganz egal, wenn Murray ins Bild kommt, sieht man das Tier praktisch nicht mehr. Um solchen Typen die Schau zu stehlen, müsste man schon richtig schweres Geschütz auffahren: Vielleicht sollte man nächstes mal Christopher Walken vorbeischicken.

Siehe auch:
FILMKRITIKEN

erstellt am 20.7.2011

Joe Pesci in »Goodfellas«

Al St. John im Vorspann von »Western von Gestern«

Christopher Walken in »Man on Fire«

Don Cheadle in »Out of Sight«

Alfred Molina in »Boogie Nights«