Buchkritik

Die Rätsel sind zu lösen, das Geheimnis bleibt

Magriet de Moors neuer, großer Roman »Der Maler und das Mädchen«

Von Martin Lüdke

Der Apotheker fragte, leicht irritiert: „Kein Ocker?“ Umbra, Zinnoberrot, Kassler Braun, Bleiweiß und einige andere Farben hatte der Maler bereits bestellt, jeweils fünfzig Gramm. Doch dann schien er sich in seinen Gedanken zu verlieren, in einem Bild, das er vor sich sah, den roten Rock, der ein kräftigeres Rot brauchte „als ein Kleid in der Wirklichkeit“, blutroten Zinnober würde er dazu nehmen. „Doch, natürlich“, sagte der Maler und orderte gleich zweimal zweihundertfünfzig Gramm Ocker, gelb und rot.

„Wenn er sein Glück nicht vermasselte, konnte das Gemälde, an dem er gerade arbeitete, durchaus das schönste werden, an dem er je malen würde.“ Es ist tatsächlich eines seiner schönsten und auch eines seiner berühmtesten Bilder geworden: „Die jüdische Braut“. Die Kunstgeschichte datiert es auf 1663. Doch wenn wir Magriet de Moor glauben dürfen, kann es frühestens 1664 fertig geworden sein. (Die Kunsthistoriker haben, was diesen Maler betrifft, sowohl bei der Datierung wie bei der Zuschreibung weit häufiger als üblich daneben gelegen.) Der Maler bestellte beim Apotheker seine Farben, nur dort gab es damals übrigens auch Kaffee, und die beiden kamen, wie so oft, schnell ins Gespräch. Das Läuten der Glocken hatte unterdessen aufgehört. Es war elf Uhr. Der 3. Mai 1664. Genauer gesagt: Elf Uhr fünf. Genau der Moment, in dem, nur wenige hundert Meter entfernt, auf der Amsterdam Dam, vor dem Rathaus, im Angesicht einer großen Menschenmenge die achtzehnjährige Elsje Christiaens durch einen Henker erdrosselt werden sollte. Sie war vor gut vierzehn Tagen mit dem Schiff aus dem dänischen Aarhus in Amsterdam angekommen. Sie war zum Tode verurteilt worden, weil sie ihre Vermieterin, und zwar aus guten Gründen, mit einem Beil erschlagen hatte. Auch der Sohn des Malers zählte zu den Zuschauern der Hinrichtung. Am Nachmittag, noch immer sichtbar von diesem Erlebnis gezeichnet, berichtete er, in allen Einzelheiten, seinem Vater davon. Mehrmals wurde das Mädchen befragt, ob sie denn ihre Tat bereue. Um ganz sicher zu gehen, hatte man sogar einen Landsmann hinzugezogen. Doch: „Der Dolmetscher hatte betreten aufgeblickt: ‚Sie sagt nein.’“ Den Ratsherren blieb darum keine Wahl. Nach der Hinrichtung musste der Leichnam, draußen vor der Stadt, auf der Halbinsel Volewijk, an einer Art Galgen aufgehängt und öffentlich zur Schau gestellt werden.

„Der Maler und das Mädchen“ heißt dieser neue, ebenso kühne wie grandiose Roman von Magriet de Moor. Es geht, wie fast immer in ihrem gesamten Werk, um das Verhältnis von Leben und Kunst. Der Maler, obwohl er nicht ein einziges Mal beim Namen genannt wird, ist Rembrandt. Das Mädchen ist Elsje Christiaens, eine junge Dänin, die tatsächlich zum Tode verurteilt und erdrosselt wurde. Ein authentischer Fall, der später auch kunstgeschichtliches Interesse erregen sollte.

Die Erzählungen seines Sohnes, der alles aus nächster Nähe betrachten konnte, müssen den Maler so beeindruckt haben, dass er sich entschloss, mit den nötigen Utensilien aufzubrechen und zur Volewijk raus zufahren, um dort das mittlerweile aufgehängte Mädchen, wie er sich auszudrücken pflegte, „nach dem Leben“ zu zeichnen. Die beiden Zeichnungen, die dabei entstanden sind, „Else Christiaens hanging on a Gibbet“, jeweils nur 17 × 9 cm, einzigartig in seinem Werk, befinden sich heute im New Yorker Metropolitan Museum.

Rembrandt hat bekanntermaßen, wie es Svetlana Alpers noch einmal bekräftigte, „nur im Atelier nach dem Leben“ gearbeitet. Ausnahmslos. Authentizität ist nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis seiner künstlerischen Arbeit gewesen. Seine Bettler und seine Bauern, seine Tiere und seine Landschaften, alles überaus naturgetreu, sind tatsächlich ausnahmslos im Atelier entstanden, bis auf diese beiden Zeichnungen des toten, jungen Mädchens. Die kleinen Zeichnungen sind wegen ihrer ungewöhnlichen Detailgenauigkeit berühmt geworden.

Das Rätsel, das sich in dieser Tatsache verbirgt, dürfte Magriet de Moor zu ihrem Roman inspiriert haben. „Er und Elsje.“ Darum also geht es ihr. „Die Begegnung eines sehr dummen Mädchens und eines Mannes, der absolut nicht weiß, wohin mit seinem Kummer, aber viel vom Malen versteht. Was sie verbindet, verdichtet sich in diesem Moment.“ Ihm, dem Maler, ging es also darum, das tote Mädchen „nach dem Leben zu zeichnen“. Es sollte eine schöne Zeichnung werden. In der Tat: Sie war „schön geworden“, genau „was er wollte“.
In diesen beiden Zeichnungen umkreist der Maler die Grundfrage seiner ganzen Kunst. „Die Wirklichkeit malen. Als einzigen wahrhaften Lehrmeister der Schönheit die Natur akzeptieren.“ Und zwar auch und vielleicht gerade – „die Natur des Todes.“
In diesen Zeichnungen stoßen Natur und Wirklichkeit auf die Transzendenz, also auf etwas, das über sie hinaus geht. In dem (buchstäblich so verstandenen) Augen-Blick öffnet sich das Leben: die Vergänglichkeit schlägt um in Ewigkeit. Elsje Christiaens, das hingerichtete Mädchen wurde am Galgenfeld Volewijk an ein Kreuz gehängt, „um von der Luft und den Vögeln verzehrt zu werden“. Unter ihr wurde, für die im Laufe der Zeit herab fallenden Reste, eine Grube ausgehoben. Als der Maler kam, war das Mädchen erst wenige Stunden tot. Dieses Bild, „genau nach der Wirklichkeit“, hat er festgehalten. Für die Ewigkeit. „Wie wenig es doch braucht, damit der fortdauert“ – dieser Moment -, „nicht nur für kurze Zeit, sondern für immer.“

Hier laufen nun auch die Fäden der Erzählung zusammen. In einer Art Selbstgespräch hatte der Maler einmal festgestellt, „daß sie, die Maler, schließlich nicht daran arbeiten, der Zeitdauer eine Form aufzuerlegen, wie es die Dichter tun, sondern gerade umgekehrt die Form mit einer Zeitdauer versehen, dem Blick.“ Es sind daher gleichsam einander widerstrebende Bewegungen, die Magriet de Moor in diesem Roman vom Maler und dem Mädchen zusammenführen muss. Hier findet auch die Chronologie ihre natürliche Grenze. „Die Ereignisse folgen einander, meint die Kadenz der Lebensgeschichte, doch in Wirklichkeit fallen die meisten Ereignisse zusammen, wenn auch nicht unbedingt im gleichen Tempo.“

Auch der Maler und das Mädchen treffen sich erst am Übergang vom Leben zur Kunst. Der Weg, der sie beide zu diesem Punkt geführt hat, wird anschaulich nachgezeichnet. Amsterdam im 17. Jahrhundert, die blühende Handelsstadt, ein Eldorado für Dienstmädchen. Die Beschwerlichkeiten einer Seereise für Elsje. Die Pest, der auch Rembrandts zweite Frau erlag.

Es geht, buchstäblich bildreich, immer hin und her. Magriet de Moor erlaubt sich Vorgriffe auf Caspar David Friedrich oder die Petersburger Eremitage und den Tod des Sohnes, der lange vor seinem Vater stirbt. Und doch werden die verschiedenen Erzählfäden stringent zu jenem Punkt geführt, an dem der Maler auf das tote Mädchen trifft. Nietzsches Einsicht, dass wir die Kunst haben, um an der Wahrheit nicht zugrunde zu gehen, wird von Magriet de Moor eine Spiraldrehung weiter geführt. Wenn etwas, dann kann nur die Kunst dem Leben Sinn geben.

Ein Künstlerroman, sicher. Aber nicht einer von der üblichen Sorte, sondern ein großer. Hier wird nicht das Genie, durch Einfühlung, auf ein verständliches Mittelmaß reduziert. Magriet de Moor geht ein hohes Risiko ein – und gewinnt. Sie kennt offenbar sogar die Warnung von Paul Valéry, die Simon Schama seiner großen Studie über „Rembrandts Augen“ vorangestellt hat: „Wir sollten uns dafür entschuldigen, dass wir es wagen, über Malerei zu reden.“ Sie redet darum nicht über die Malerei (und schon gar nicht über sie hinweg). Wir sehen den Maler nie bei seiner Arbeit. Wir erleben ihn stattdessen, zwar nur einen einzigen Tag lang, an jenem 3. Mai 1664, und erfahren trotzdem viel über ihn, sein Leben, sein Scheitern, seine Hoffnungen und Ziele. Wir erfahren vor allem, was ihn antreibt. Wenn er das tote Mädchen – „nach dem Leben“ – zeichnet, werden wir auch Zeuge einer ästhetischen Anstrengung. Wir sehen, was Kunst zu leisten vermag. Auf diese Weise gelingt es Magriet de Moor einige der Rätsel Rembrandts zu lösen, sein Geheimnis bleibt. Für uns.

erstellt am 18.7.2011

Magriet de Moor
Der Maler und das Mädchen
Roman
Aus dem Niederländischen von
Helga van Beuningen.
Hanser Verlag, München 2011
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