Buchkritik

„Das Gewicht der Welt“

Schwarz funkelnde Prosadiamanten: Molly McCloskeys fabelhafter Geschichtenband »Liebe«

Von Peter Henning

Die seit 1889 in Dublin lebende Amerikanerin Molly McCloskey ist trotz ihrer beiden, seit 2008 auch auf deutsch vorliegenden fabelhaften Romane „Wie wir leben“ und „Schöne Veränderungen“ hierzulande unerklärlicherweise noch immer wenig bekannt. Dabei provozierte gerade ihr Roman „Wie wir leben“ immer wieder und nicht zu Unrecht Vergleiche mit Jonathan Franzens Weltbestseller „Die Korrekturen“. Nun hat die 1964 in Philadelphia geborene Autorin unter dem Titel „Liebe“ eine Sammlung mit Geschichten vorgelegt, deren beeindruckende psychologische Genauigkeit an die Kanadierin Alice Munro erinnert.

Sämtliche elf Geschichten erzählen von verheißungsvoller, verbotener oder bereits wieder erloschener Liebe und dem, was diese dabei an Spuren in den jeweils Beteiligten hinterlässt. Tatsächlich erweisen sich die vorliegenden Momentaufnahmen bei genauerer Betrachtung als kleine Chroniken kunstvoll sichtbar gemachter Abschiede: kleine, nicht selten schmerzerfüllte Bestandsaufnahmen, innerhalb derer die Autorin gemeinsam mit uns noch einmal jene Wegstrecken durchmisst, die ihre Figuren zurück zu legen haben zwischen anfänglichem Glück und späterer Desillusionierung. Dabei macht uns diese Autorin regelmäßig zu Zeugen jener zumeist jähen Umschwünge, in denen aus Ausgelassenheit Erstarrung – und aus Liebe Verzweiflung und Resignation werden. „Sie hörte ihn immer schluchzen. Lehnte an der Wand vor ihrer Schlafzimmertür, schloss die Augen und lauschte ihm, wie sie einem tragischen Musikstück lauschen mochte. Seiner besonderen Kadenz. Das rasche, heisere Einatmen, dann das lange, stoßweise Ausatmen. Auch ihr rannen Tränen übers Gesicht, bis er endlich aufhörte, bis seine Atemzüge langsamer und tiefer wurden und es nur noch Leere gab und eine schreckliche Erleichterung, als hätten sie sich auf perverse Weise geliebt.“

Auch das Titelstück der beeindruckenden Sammlung kreist behutsam um das, was der jähe Verlust ihres Kindes aus zweien macht, die jeder für sich verzweifelt versuchen, sich mit dem Unfassbaren zu arrangieren, um nicht auch den anderen darüber zu verlieren. Wie es Molly McCloskey dabei versteht, die feinsten Nuancierungen ihres Leids und ihrer Verzweiflung aus den Seelen ihrer Figuren herauszulesen, das ist famos. „An einem Tag im April ging sie zur Abendbrotzeit aus dem Haus, um ihn zu rufen. Rief seinen Namen über das hintere Feld, aber da war er nicht. Plötzlich, als sie den Blick ihres Mannes auffing, setzte panische Angst ein, schien sie beide im selben Moment zu erfassen. Er rannte nach hinten in Richtung Bach. Rannte zwischen den Bäumen hindurch. Durch das blassgelbe Dämmerlicht. Den abschüssigen Garten hinunter zu der Stelle, wo der Ball hin gerollt war und wo der Junge lag, mit dem Gesicht im Wasser. In der Erde sah er eine glatte Spur, wo der Junge in der Nässe ausgerutscht war. Sah die blutende Wunde an seinem Kopf, wo er ihn an einer scharfen Felsspitze aufgeschlagen hatte. “ Und dann läuft alles auf die entscheidende Frage „Wer hatte Schuld?“ zu – und die Mechanik der gegenseitigen Zerfleischung kommt in Gang.

Schonungslos, ohne aber je ihren Figuren ihre Würde zu rauben, legt Molly McCloskey mit ihren Sätzen die Finger in die gerissenen Wunden. Wiegt Begriffe wie Schuld und Verantwortung. Bis ihre vom Blitz des Unglücks Getroffenen langsam wieder zu sich kommen – und allmählich anfangen, auch den Anderen in seinem Schmerz und seinem Unglück zu sehen und zu begreifen. Und ob in dem Stück um die junge Frau, die in „Salomonsiegel“ eines Tages erfährt, dass der Mann, den sie bis dahin für ihre leiblichen und von ihr bewunderten Vater hielt – und sich wenig später in einer schicksalhaften, sie lebenslang begleitenden Liebesgeschichte mit diesem verfängt; oder ob in der Episode um das junge Paar, das in dem Stück „Familienfotos“ sein gemeinsames, totgeborenes Kind beerdigt – und verzweifelt nach einer gemeinsamen Zukunft forscht: immer neu versteht es Molly McCloskey auf bewundernswerte Weise, das Unglück ihrer Protagonisten immer auch als Chance für einen Neubeginn zu sehen. Wie ihr Kurzroman „Schöne Veränderungen“ aus dem Jahr 2008, der von den scheinbar übermenschlichen Anstrengungen einer Tochter erzählte, ihren scheinbar unrettbar an den Alkohol verlorenen Vater zurück zugewinnen, so erweisen sich auch ihre elf neuen, nun vorliegenden „Liebes“-Geschichten“ als Versuchsanordnungen um Menschen, die gefallen sind, und die unter Aufbietung sämtlicher Kräfte versuchen, wieder aufzustehen.

„Unterhalb unserer alltäglichen Existenz gibt es noch eine andere Welt – das Chaos“, schrieb der amerikanische Schriftsteller John Cheever einst in seinen berühmten „Tagebüchern“, „und darüber hängen wir an einem seidenen Faden.“ Von der Spannung in diesem Faden handeln Molly McCloskeys grandiose und ganz und gar außergewöhnliche Geschichten.

Erstveröffentlichung: Spiegel-Online, 18. 7. 2011

erstellt am 18.7.2011

Molly McCloskey
Liebe
Erzählungen
Aus dem Englischen von
Hans-Christian Oeser
Steidl Verlag, Göttingen 2011

www.steidl.de