»Wir plaudern uns zu Tode«

Wie Wolkenschieber und Unterhaltungsgurus die Mediengesellschaft dominieren

Von Roderich Reifenrath

Eigentlich sollte man Karl Theodor von und zu Guttenberg dankbar sein. Und Bild gleich mit. Dankbar deshalb, weil beide den Blick auf innere Zustände der bundesrepublikanischen Wirklichkeit geschärft haben; im vorliegenden Fall auf das Kommunikations-Tête-à-Tête des Marktführers am Boulevard mit einer Lichtgestalt aus dem Politikerpool. Zu beiderseitigem Nutzen hatten sie sich in halbgrauer Vorzeit gesucht und gefunden und einander die Bälle zugespielt, mit
denen Auflagen und Karrieren auf Trab zu bringen sind. Ob das Springer-Blatt dabei höhere Verkaufsziffern eingefahren hat, ist nicht bekannt. Dass der Baron seinen Marktwert stabil verwalten konnte, lässt sich leicht belegen … auf kleinerem Niveau sogar noch nach dem Debakel wegen seiner mit Plagiaten gespickten Doktorarbeit. Verblüffend bleibt, welche Faszination ein Mensch mit schönem Schein, mit einnehmenden Posen auf andere Menschen auszuüben vermag. Das ist nun nicht gerade überraschend, reizt jedoch stets von Neuem zu näherer Betrachtung.

Was Monate vor dem Eklat der CSU-Politiker, die Begleitkommandos von Bild, aber auch von BamS und Bunte sowie kernige Leichtmatrosen aus Fernsehstudios da geschäftsmäßig trieben, war irritierend. Das Millionenblatt diente sich dem Spross aus ehrenwertem Haus als Flankenschutz beim Aufstieg zu den anvisierten großen Rollen an. Guttenberg nutzte dies und wurde wahrlich nicht zuletzt mit großen Schlagzeilen auf der Beliebtheitsskala nach oben katapultiert. Auf Steilvorlagen spezialisierte Reporter und Redakteure wirkten phasenweise dabei wie die Bodyguards eines Mannes, dem man (»alternativlos«, was sonst – und was jetzt!) zutraute, demnächst auch Bundeskanzler zu werden. Ihnen lässt sich ins Stammbuch schreiben, dass sie die Regeln von Nähe und Distanz, das Abstandsgebot missachtet haben – nichts Neues im Journalismus und fast alltäglich im Sport und Showbusiness. Die »cause célèbre«, diese berüchtigte Angelegenheit, bekommt jedoch eine andere Qualität, wenn es um hochrangige Politiker und deren Interessen geht.

Fragen, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Eine lautet: Was gehört zum Regelwerk einer freien Presse? Und was darf Volksvertretern zugebilligt werden, wenn sie beim Wähler mal so, mal so und mal mit fast allen Mitteln um Anerkennung und Stimmen buhlen? Wenn sie sich anbiedern, sich wie Popstars durchs Land rumpelnd zur Schau stellen … und gelegentlich dabei verbiegen? Da werden doch Erinnerungen an den ebenfalls gescheiterten FDP-Chef Guido Westerwelle wach, der Anno 2000 glaubte, eine Stippvisite im »Big-Brother«-Container in Hürth bei Köln gehöre zum flotten Auftritt, und der sich mit Albernheiten wie dem aufgeklebten Wahlkampfziel 18 Prozent unter den Schuhsohlen wichtigtat. Dass er sich dabei verbiegen musste, hat – soweit erkennbar – niemand behauptet. Er wirkte einfach authentisch.

Klappern gehört zum Handwerk, könnte jetzt ein Einwand lauten, und da ist es in der Tat nicht ganz einfach zu definieren, wo die Grenzen verlaufen. Nehmen wir wieder das Beispiel Guttenberg. Bis in die Haarspitzen instrumentalisierte er seine äußere Erscheinung. Filmreif gestylt bewegte er sich an der Front in Afghanistan. Mit sportlich-dynamischen Schrittlängen steuerte er gern auf Kameras und Mikrofone zu. Gelegentlich sah das wie mühsam unterdrücktes Laufen aus. Und manchmal, plakativ, lief er tatsächlich und flankte sogar über Hindernisse: Tempo, Action, Entschlossenheit. Sein Begleittross jedenfalls hatte dann häufig Mühe, nicht abgehängt zu werden. Und hinter Rednerpulten wippte der Herr. Posen und Inszenierungen. Hinweise darauf wurden Kritikern häufig als Neid, als kleinkarierte Nörgelei und Miesmacherei angekreidet. Die »oberfränkische Fichte« hat das nicht umgehauen, denn der gewohnte Beifall querbeet durch sämtliche Bevölkerungsschichten und Parteiorientierungen ebbte ja nicht ab.

Und wie erklärt sich das? Gewiss manifestiert sich dergestalt ein tiefsitzender Verdruss über all die angeblich wenig inspirierten Dünn-und Dickbrettbohrer in den Parlamenten. Zugleich ist da Vergnügen an Glamour und Bewunderung für unerschrockene Ritter auf Kanonenkugeln (»der traut sich was«). Und es belegt die Sehnsucht nach durchsetzungsfähigen, prinzipientreuen Menschen in der Gesellschaft. Guttenberg hat das geliefert. Immer wieder pflasterte er seine Reden mit plakativen Bekenntnissen zu fundamental-konservativen Grundhaltungen: Anstand, Würde, Verantwortung – das ganz große Vokabular. Nicht zuletzt gab und gibt es ein Verlangen nach Identifikation, nach Projektion, selbst wenn das gelegentlich hysterischer Verehrung gleicht und Zweifel deshalb gar nicht erst aufkommen. Dass da vielleicht ein Blender als Minister unterwegs gewesen ist, der indirekt und ohne Unterlass mit seinen Gegenmodell-Attitüden die meisten seiner Berufskollegen objektiv – wenn auch sicher absichtslos – zu Würstchen degradierte, fiel wenigen auf oder kam ihnen gerade recht.

Was an Guttenberg ist nun authentisch, echt, zuverlässig, verbürgt und was nur Tünche? Bei dem gestrauchelten Hoffnungsträger sticht, indiziengesättigt, beides relativ klar ins Auge. In seinen äußeren Attributen wirkt er meist authentisch: Gel-Frisur, modisches Outfit, forsches Auftreten, politische Schnellschüsse, auf Sündenböcke fixiert, wenn es gilt, die eigene Haut zu retten, und zugleich auch »immer wieder Opfer seiner eigenen demonstrativen Selbstgewissheit«, wie Die Zeit analysierte. Das alles scheint zu ihm zu gehören, wirkt nicht einfach bloß situationsangepasst, insoweit ist er – legt man das Raster etwas grob an – authentisch. Auf ihn als Verkünder hehrer Prinzipien und Galionsfigur einer Kultur der Grundsätze trifft diese Charakterisierung jedoch nicht zu; denn wer so
dreist lügt, kann wohl kaum als gradliniger, unbeirrbarer Bannerträger edler Gesinnungen geadelt werden. Guttenberg hat nicht einfach »nur« plagiiert und damit der Wissenschaft einen Tort angetan, sondern durch die Verschleierung des wahren Sachverhalts die auf ihn eingeschworene, ihn bejubelnde Fangemeinde noch zusätzlich betrogen.

Dieser Mann wurde nach seinem Fall häufig als Opfer der Medien bedauert, niedergemacht von angeblich gesinnungslosen Journalisten, die täglich das Erregungspotenzial ihrer Klientel neu zu stimulieren (vulgo: die nächste Sau durchs Dorf zu jagen) versuchen. Dann werde eben irgendwer Hauruck nach oben geschrieben und mit der gleichen Verve ohne Rücksicht auf Verluste wieder nach unten, wenn der Komet zu verglühen beginnt. Leser der FAZ klagten, Guttenberg sei »herniedergetreten«, »in der Luft zerfetzt« worden. Er selbst räumte nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister einerseits seine Mitschuld an der »enormen Wucht« der Berichterstattung ein, um dann zur Entlastung der eigenen Person zu betonen, die Mechanismen im medialen Geschäft seien gelegentlich zerstörerisch. Da ist – einerseits – was dran. Andererseits allerdings auch nicht, nämlich dann, wenn man die Mechanismen eigenhändig in Gang setzt, wenn man zum »Täter« wird.

Der Vorwurf also, die Kommunikationsapparate seien generell an allem schuld, hat nur geringe Aussagekraft. Das Räderwerk in einer von Medien durch- drungenen Moderne ist halt wesentlich komplexer. Da gibt es eben nicht ausschließlich Getriebene, sondern häufig auch die zu Opfern mutierenden Antreiber. Die Zahl derer, die gar nicht oft genug ihre politischen und privaten Wünsche, ihre Leidenschaften und Laster der Öffentlichkeit präsentieren möchten, scheint täglich zu wachsen. Das Motto: Hauptsache, irgendwie in den Medien. Wie oft ist sogar Politikern eine schlechte Presse lieber als gar keine Presse.

Journalisten lieben es nicht, wenn sie kritisiert werden. In Sachen Guttenberg hat sich der Spiegel für drei Titelgeschichten über den Baron vor seinen Lesern gerechtfertigt und erklärt, das Rauf und Runter sei kein Automatismus gewesen. Der CSU-Politiker habe selbst »durch gutes oder schlechtes Handeln« die Anlässe geliefert. Dem lässt sich kaum widersprechen. Dennoch entlastet das keineswegs die ganze Branche. Auch die Medien sollten sich häufiger, als es geschieht, prüfen und bereit sein, mit der gleichen Intensität wie bei Vorgängen in Politik, Kultur oder Wirtschaft eigene handwerkliche Mängel oder krasses Fehlverhalten korrekt zu benennen. Wenn Pressefreiheit (also das Recht auf Kontrolle des öffentlichen Raums) für eine demokratische Staatsordnung »schlechthin konstituierend« ist, wie das Bundesverfassungsgericht bereits 1958 in einem wegweisenden Grundsatzurteil postuliert hat, dann gibt es im Gegenzug für den Journalismus (ein inzwischen völlig überfrachteter Begriff) Grenzen markierende Regeln. Sie stehen im Grundgesetz, in Pressegesetzen oder gehören zum Richterrecht des Strafgesetzbuches.

Aber jenseits dessen, was im Zweifel die Gerichte zu entscheiden haben, gibt es Entwicklungen, die schleichend, jedoch mit großer innerer Wucht die Medien- landschaft verändern. Der Ton wird schriller. Klassisch-seriöser Journalismus weicht dem Magazinstil. Öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten auf der Quotenjagd passen sich den Banal-Programmen der Privaten an. Polit-Talk im Fernsehen mit den ewig gleichen Figuren und ohne wirklichen Aufklärungsimpuls inszeniert den künstlich angelegten Schlagabtausch, nicht den Meinungstausch. Komplexe Sachverhalte kann selten einer vortragen. Da wird jeder Redefluss rigoros selbst dann abgebrochen, wenn jemand sich müht, Substanzielles ohne Wahlkampfrhetorik vorzutragen. Personalisierung, Emotionalisierung als notwendige Brise »Human Touch« gepriesen, um bloß nicht »langweilig« (in der Regel ein Synonym für sachorientiert) zu wirken, bedient den für unverzichtbar erklärten und hochgestemmten Spaßfaktor.

Der Vorwurf an die politische Kaste, sie unterwerfe sich den Bedingungen einer »Mediendemokratie« (dieses Wort dürfte es gar nicht geben) und verzichte folgen- schwer auf Glaubwürdigkeit, lässt sich partiell an die Medien zurückgeben. Zwei SPD-Politiker haben es – hier stellvertretend für andere – getan. Im Jahre 2003 war es der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. In einem Zeitungsinterview brachte er sein notorisches Unbehagen darüber zum
Ausdruck, dass vor lauter Unterhaltungsanspruch viele Medien Gefahr liefen, nicht mehr sorgfältig zu berichten, die Wirklichkeit nicht mehr abzubilden, den Ernst zu verlieren, Interessen und Interessenten nicht mehr kenntlich zu machen und letztlich so die Demokratie zu gefährden. Und Bundespräsident Johannes Rau hat ein Jahr später sein Unbehagen so ausgedrückt: »Meine Sorge ist, dass wir zu sehr in eine Talkshow-Gesellschaft kommen, in der alles zum Event gemacht wird, in der nicht mehr das Ereignis und das Nichtereignis voneinander unterschieden werden. Und meine Sorge ist, dass wir uns zu Tode plaudern.«

An diesen Befunden hat sich, auch wenn sie aus Politikermund stammen, nichts geändert. Im Gegenteil: Guttenberg und andere, Bild, Bunte oder Fernsehen drehen weiter an diesen Schrauben. Politik hat ein Vermittlungsproblem, manche reden gar von einem Legitimitätsdefizit, und viele Medienschaffende sind ihnen mittlerweile dicht auf den Fersen. Magazinstil verdrängt die klassische Nachricht, Posen und Quasselrunden drängen ins Blickfeld. Konjunktur haben allerorten jene, die glauben, man müsse der Kundschaft die Welt in zwei Minuten erklären. Was bleibt dann noch vom Auftrag, über politische und gesellschaftliche Entwicklungen umfassend zu informieren, wenn knapp mit Fakten angereicherter Unterhaltungsbrei als Hauptgericht serviert wird? Journalisten sind unverzichtbare Counterparts derer, die in Parlamenten, Regierungen und Parteien ihre Arbeit machen. Zwei Seiten einer Medaille. Ihre Träger haben einen je eigenen Auftrag. Dieser definiert sich mit Priorität politisch. Er wird hier wie dort verhunzt und banalisiert, wenn Unterhaltungsgurus in den Redaktionsstuben und Wolkenschieber in der Politik bestimmen, was dem Bürger zuzumuten ist.

Erstveröffentlichung: Publik-Forum Verlag, EXTRA Gefühlsecht, Oberursel, Ausgabe 4/11.
www.publik-forum.de

erstellt am 18.7.2011