Buchkritik

Boualem Sansal: Das Dorf des Deutschen

Von Karl-Markus Gauß

Vor fünfzehn Jahren waren die Islamisten in Algerien nahe daran, den Staat zu erobern und über die Gesellschaft ihre Zwangsordnung zu verhängen. Doch die Generäle, die seit 1962 das Land als ihre Domäne verwalteten, haben sie in einem von beiden Seiten mit ungeheurer Brutalität geführten Krieg zurückgeschlagen. Vor die Alternative gestellt, es entweder mit religiös motivierten Terroristen oder einer korrupten Militärmacht zu halten, hat sich der Westen für die Militärs und dafür entschieden, diesen die Verletzung der Menschenrechte großmütig nachzusehen. Immerhin verfügt Algerien über interessante Energiereserven, sodass dem Regime des Präsidenten Bouteflika 2008 sowohl die deutsche Kanzlerin als auch der französische Präsident die Aufwartung machte.

Eine andere algerisch-deutsch-französische Geschichte hat der 1948 geborene Boualem Sansal geschrieben, ein Autor, dem seine Romane und Essays die Stellung als hoher Ministerialbeamter gekostet und dafür den Hass der verfeindeten Mächte im Staat, der Islamisten und der Militärs, eingetragen haben. Sein Roman „Das Dorf des Deutschen“ ist ein Skandalon, was die Tabus der algerischen Geschichte, und eine Sensation, was die Radikalität betrifft, mit der sich hier ein Autor aus der islamischen Welt mit den Leiden des Judentums identifiziert.

Erzählt wird die Geschichte der Familie Schiller, dieser „vollkommenen Verschmelzung zwischen Deutschland, Algerien und Frankreich, drei befreundeten Ländern, die einander ausgiebig getötet haben“. Rachel und Malrich Schiller, zwei ungleiche Brüder, von denen der ältere, geschäftlich erfolgreiche eigentlich Rachid Helmut, der jüngere, aufsässige Malek Ulrich heißt, leben als Auswanderer in einer maghrebinischen Cité am Stadtrand von Paris. Ihr Vater, geboren im deutschen Uelzen, hatte sich 1945 über die Türkei und Ägypten nach Algerien durchgeschlagen, wo er sich in der antifranzösischen Befreiungsbewegung vielerlei Verdienste erwarb und eine Einheimische heiratete. Im April 1994 erreicht die Brüder die Nachricht, dass die Eltern einem Massaker der Islamisten zum Opfer gefallen sind. Rachel macht sich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren auf den Weg, um das ausgelöschte Dorf der Kindheit zu besuchen und den Eltern am Massengrab der Dorfbewohner die Ehre zu erweisen.

Die Hinterlassenschaft des Vaters, das Soldbuch, Aufzeichnungen, Orden der SS, legt den Verdacht nahe, dass dieser einst aus dem zerstörten Deutschland nach Algerien flüchtete, um der Verurteilung als Kriegsverbrecher zu entrinnen. Nun ist er, als alter Mann, selbst zum Opfer eines Kriegsverbrechens geworden. Das eine lässt Rachel traurig darüber grübeln, ob die Erde nicht doch „ersonnen wurde, um leer zu sein“, das andere aber wirft ihn aus der Bahn: Er macht sich auf, dem Geheimnis des Vaters auf die Spur zu kommen, und fährt zuerst nach Deutschland, wo er auf lauter freundliche Menschen stößt: „Die Deutschen sind hilfsbereit, zu sehr, sie verzweifeln, wenn sie sich entwaffnet sehen; nicht helfen zu können, erniedrigt sie.“ Die beruflichen Stationen des Vaters führen ihn nach Polen und lassen keinen anderen Schluss zu: der Vater Schiller war mehr als nur ein kleines Rädchen der Vernichtungsmaschinerie. Der tüchtige Rachel zerbricht darüber und verübt Selbstmord, nicht ohne dem jüngeren Bruder die Ergebnisse seiner Recherche zu überantworten.

Man möge jetzt nicht indigniert die Nase rümpfen und vorschnell meinen, solche Geschichten, in denen der Sohn entdeckt, dass auch sein eigener Papa in den Nationalsozialismus verstrickt war, wären schon zu viele geschrieben worden. Boualem Sansal geht die Sache aus dem Blickwinkel des algerischen Intellektuellen an, der sich nicht in die falsche Alternative von Fundamentalismus und Militarismus fügen möchte, sondern auch in seiner Heimat die Demokratie für eine realistische Option hält. Insistierend fragt Rachel, warum der algerische „Front de Libération Nationale“, kaum dass die französische Kolonialmachtbesiegt war, so rasch zur
autoritären Bewegung wurde; und er kommt zu dem überraschenden Schluss, dass der Front eine Ideologie des nationalen Sozialismus pflegte, die von vorneherein jener der Nationalsozialisten ähnelte und die dann von in Arabien untergetauchten Nationalsozialisten aus Deutschland und Österreich noch weiter gefestigt wurde.

Provokant geht es auch in den Aufzeichnungen des jüngeren Bruders Malrich weiter, der schaudernd die Tagebücher des älteren liest und eine erschreckende Parallele zu entdecken meint: Die Imame und ihre bärtigen Blockwarte agieren in der Pariser Vorstadt, als wären sie bei den Nationalsozialisten in die Schule gegangen. Sie verdammen alles, was anders ist als sie, versuchen die Cité unter ihre Kuratel zu bringen und huldigen einem nekrophilen Kult der Erlösung. Das dramatische Gespräch, das Malrich mit dem Imam über die Shoa führt, der diese leugnet, aber daran mitarbeiten will, dass ihr dereinst alle Ungläubigen zum Opfer fallen mögen, ist an unversöhnlicher Schärfe kaum zu überbieten.

Der politisch kompromisslose, in seiner motivischen Verknüpfung vielschichtige Roman durfte in Algerien nicht erscheinen und hat in Frankreich letztes Jahr eine heftige Debatte ausgelöst; kurios wäre es, wenn ausgerechnet die deutsche Übersetzung nicht die gebührende Resonanz fände.

erstellt am 18.7.2011

Friedenspreis des deutschen
Buchhandels 2011 für Boualem Sansal

Boualem Sansal
Boualem Sansal

Boualem Sansal
Das Dorf des Deutschen oder
Das Tagebuch der Brüder Schiller
Roman
Aus dem Französischen von Ulrich Zieger
Merlin Verlag, Gifkendorf 2009