Frankfurt ist weltweit vernetzt: nicht nur via Flughafen, ICE-Sprinter und Mega-Internet-Knoten. Als Instrument der Weltverbundenheit einzigartig ist auch die in Frankfurt ansässige Gesellschaft litprom. Im Windschatten der Buchmesse wurde sie vor drei Jahrzehnten gegründet, um Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika bekannt zu machen. Aus den unzugänglichsten Winkeln der Welt holt sie Bücher und Autoren an den Main, die es via Touristenflugzeug und Big Business niemals bis in die hiesige Leseszene schaffen würden. Im litprom-Archiv werden Werke samt Rezensionen gesammelt und wissenschaftlich nutzbar gemacht. So ist über die Jahre eine umfangreiche Kartographie der Weltliteratur entstanden. Diese Kompetenz hat litprom zu einer Art Fluglotsen gemacht, der weit in den deutschsprachigen Raum hinein Signale an Verlage und Leser sendet.

Eines der Leuchtzeichen von litprom ist die Bestenliste Weltempfänger. In Kooperation mit einem bundesweit ausgelegten Jurorennetzwerk filtert dieses Team in vierteljährlichem Rhythmus die Literatur der Welt. Die hier gelisteten Titel vermitteln Weltwissen im Originalton, sie geben authentischer Einblick in ferne Lebenszusammenhänge, als es Weltreisenden je möglich wäre. (poll)

Faust-Gespräch

Weltempfänger – Bestenliste voller Welthaltigkeit

Mit Anita Djafari sprach Andrea Pollmeier

Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Weltempfänger”?

Der „Weltempfänger” ist eine Bestenliste, die viermal im Jahr erscheint und eine Auswahl, eben die 7 „Besten” unter den Neuerscheinungen der übersetzten Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt mit Kurztexten vorstellt. Sie wird als Plakat gedruckt und in einer Auflage von 12.000 Exemplaren als Beilage des Börsenblatts an den Buchhandel verteilt, darüber hinaus auch in Bibliotheken, Kultureinrichtungen und Literaturhäusern in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgelegt.

Wer ist Träger der Initiative?

Träger ist litprom – die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V., die Bestenliste war eine Anregung des Schriftstellers Ilija Trojanow, langjähriges Mitglied bei litprom und jetzt Vorsitzender der Jury. Diesen Verein, der das tut, was der lange Name sagt, gibt es seit 30 Jahren. Unter anderem wird litprom unterstützt von der Frankfurter Buchmesse, in deren Räumen der Verein angesiedelt ist. Vier feste Mitarbeiterinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, eine Afrikanistin und eine ausgebildete Übersetzerin kümmern sich um viele Projekte, Herzstück ist die Übersetzungsförderung. Viel professionnelles Know-how kommt aber auch aus dem großen Kreis der ca. 100 Mitglieder, zu denen Universitätsprofessoren, Kulturjournalisten, Übersetzer, Literaturagenten oder Mitarbeiter in Einrichtungen der Entwicklungszusammenarbeit gehören.

Was hat Litprom an dem Namen „Weltempfänger” überzeugt?

Weltempfänger ist ein wunderbarer Name für das, was wir damit transportieren wollen. Wir „empfangen” hier gute Literatur aus aller Welt, aus Regionen, die auch innerlich möglicherweise sehr entfernt sind, und die Jury, alles Literturprofis und große Kenner/innen, „sendet” ihre Auswahl der aus ihrer Sicht besten Bücher in den deutschsprachigen Raum, zum Leser.

Dass der Name gut ist, merken wir an der Resonanz. Er ist eingängig und offenbar schlüssig, unterscheidet sich, ist ausschließlich positiv besetzt, weil viele Menschen auch mit dem (aussterbenden) Radiogerät Interessantes und Welthaltigkeit assoziieren.

Wer wählt die Titel der Weltempfänger-Liste?

Wir bei litprom sammeln und archivieren ohnehin alle Belletristik aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt, die ins Deutsche übersetzt wird. Wir erstellen regelmäßig eine Liste der Neuerscheinungen und teilen dann eine bestimmte Anzahl den 9 Mitgliedern der Jury zu, die sie obligatorisch lesen müssen. Dann werden per E-Mail Empfehlungen abgegeben und die anderen Jury-Mitglieder folgen diesen Empfehlungen entweder oder haben sich selbst eine ganz andere Meinung gebildet. Das wird dann, so gut es per E-Mail geht, diskutiert. Dann wird eine Shortlist erstellt und aus dieser Shortlist werden Punkte vergeben. Jedes Jury-Mitglied hat 15 Punkte, pro Titel dürfen aber nicht mehr als 5 Punkte vergeben werden. So ergibt sich eine immer interessante Mischung.

Die Jury arbeitet ehrenamtlich, was wir von litprom gar nicht hoch genug schätzen können. Das heißt aber auch, dass niemand für einen bestimmten Zeitraum verpflichtet werden kann, sondern ein Wechsel ergibt sich, wenn überhaupt, organisch. Wir haben jetzt nach ca. 2,5 Jahren Erfahrung beschlossen, dass wir es bei der überschaubaren Anzahl von 9 Mitgliedern belassen, und nur wenn jemand aussteigen will oder die Zeit nicht mehr erübrigen kann, dieser dann ersetzt wird. Die meisten sind von Anfang an mit großem Engagement dabei, obwohl der Arbeitsaufwand nicht gering ist, und alle sehr viel beschäftigte Menschen sind. Das Anliegen des Weltempfängers ist aber auch ihres, und diese hochprofessionellen Menschen (Schriftsteller, Literaturkritiker, Redakteure) fühlen sich durch die Diskussionen innerhalb der Jury angeregt und die Tipps bereichert. So ist es für alle ein Geben und Nehmen.

Nach welchen Gesichtspunkten werden die Titel ausgewählt?

Wir sichten alle Neuerscheinungen, die in den Monaten zwischen der Veröffentlichung der Bestenliste auf den Markt kommen. Dabei müssen wir zwar einerseits darauf achten, dass wir nicht allzu sehr hinterher hinken wegen unseres dreimonatigen Erscheinungstermins, andererseits darf bei einem sehr interessanten Titel aus einem kleinen Verlag der Erscheinungstermin auch mal ein paar Monate länger zurückliegen, wenn wir davon ausgehen können, dass das Buch bislang noch nicht bemerkt wurde.

Wie wird die Übersetzung bei der Bewertung der Titel berücksichtigt?

Die Qualität der Übersetzung findet Berücksichtigung. Gerade haben wir übereinstimmend ein Buch abgelehnt, das uns im Original eigentlich gefallen hat, aber die Übersetzung konnten wir nicht akzeptieren. Und wir bewerten ja das Endprodukt für den deutschsprachigen Leser. Ich gebe aber zu, dass wir in der Vergangenheit auch schon mal ein Auge zugedrückt haben, wenn wir den Autor oder das Thema sehr wichtig fanden.

Was hat der Weltempfänger mit dem Internationalen Literaturpreis zu tun?

Gar nichts. Wir sind nur ganz und gar zufällig fast zeitgleich auf den Plan getreten, und logischerweise finden sich auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises auch Titel, die auf dem Weltempfänger waren oder sind. Aber der Preis ist ein Preis, und der Weltempfänger ist eine regelmäßig erscheinende Bestenliste. Offenbar ist die Zeit reif für eine stärkere Wahrnehmung internationaler Literaturen.

Warum hat sich Litprom für die Gründung einer Liste statt eines Preises entschieden?

Zum einen gibt es schon sehr viele Literaturpreise, da existiert auch eine gewisse Müdigkeit im Betrieb. Ein Preis wird einmal im Jahr gefeiert und die Aufmerksamkeitsspanne ist vergleichsweise gering. Der Weltempfänger hingegen ist ein stetiges, nachhaltiges Medium, eigentlich nicht vergleichbar, und entspricht viel mehr dem Auftrag von litprom – der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wie ist die Resonanz auf die Liste im Buchhandel, in den Medien und in den Heimatländern der Autoren?

Natürlich dauert es immer seine Zeit, bis etwas Neues ausreichend wahrgenommen wird, wir bekommen aber regelmäßig begeisterte Rückmeldungen aus dem Buchhandel, die uns sagen: Endlich mal etwas Anderes, in vielen Print- und Online-Magazinen wird der Weltempfänger abgedruckt bzw. übernommen, in Blogs wird darüber diskutiert. Das Feuilleton der großen Zeitungen tut sich noch ein bisschen schwer mit uns, außer der NZZ, die von Anfang an auf die Liste hingewiesen hat. Aber auch hier bewegt sich etwas, in Zukunft wird die WELT regelmäßig berichten. Und wir haben ja noch unsere Medienpartner wie die taz und die Frankfurter Rundschau und den österreichischen Falter, die den Weltempfänger teilweise in Verbindung mit einer Rezension abdrucken, DeutschlandradioKultur und Radio Bremen bespricht einzelne Titel der jeweils aktuellen Liste und ARTE veröffentlicht den Weltempfänger auf seiner Website und führt in Kooperation je zwei Veranstaltungen auf der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse mit Weltempfänger-Autoren, die vor Ort sind, durch. In diesem Jahr werden wir gemeinsam den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Boualam Sansal, am ARTE-Stand präsentieren. Die Moderation übernimmt Jury-Mitglied Claudia Kramatschek. Aus dem Ausland kamen die letzten Reaktionen aus China und Korea, die sich sehr gefreut haben, ihre Autoren und sogar Gedichtbände auf dem Weltempfänger zu finden.

Anita Djafari Geschäftsleiterin von litprom und Chefredakteurin der LiteraturNachrichten, seit Anfang 2009. Studium der Germanistik und Anglistik, ausgebildete Buchhändlerin, nach dem Studium Tätigkeit in Verlagen, 3 Jahre Auslandsaufenthalt in Peru, dort Gründung der Sprachschule ACUPARI, viele Jahre freiberuflich als Übersetzerin, Lektorin und Organisatorin von Veranstaltungen/Lesereisen tätig. Von Anfang an Mitglied bei litprom, noch zu Studienzeiten „eingestiegen“.

erstellt am 13.7.2011

»Die Zeit ist reif

für eine stärkere Wahrnehmung

internationaler Literaturen«

Die Jury

Ilija Trojanow (Vorsitz)
Schriftsteller

Katharina Borchardt
Freie Kritikerin und Literaturredakteurin des SWR2

Anita Djafari
Chefredakteurin der Literaturnachrichten und Geschäftsleiterin von litprom

Andreas Fanizadeh
Ressortleiter Kulturredaktion, taz

Karl-Markus Gauß
Freier Schriftsteller, Kritiker und Herausgeber

Claudia Kramatschek
Freie Literaturkritikerin und Kulturjournalistin

Kristina Pfoser
Literaturredakteurin beim ORF1

Thomas Wörtche
Freier Kulturjournalist und Begründer der Krimi-Reihe »metro«

Cornelia Zetzsche
Literaturredakteurin- und kritikerein beim Bayerischen Rundfunk 2