Die Ausstellung Expressionismus im Rhein-Main Gebiet. Künstler – Händler – Sammler bot 2011 einen umfassenden Einblick in die Kunstszene jener Epoche. Aus großer Materialfülle waren eine sehenswerte Präsentation und ein hervorragendes Begleitbuch entstanden.

Kritik

Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet

Von Isa Bickmann

Besucht man in den heutigen Zeiten Ausstellungen mit Werken selten gezeigter Künstler oder neu zu entdeckender Themenbereiche, so geht dieses zunehmend seltener einher mit begleitender Forschung. Manchmal spiegelt nicht einmal der Katalog den aktuellen Forschungsstand. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Kuratoren arbeiten bereits schon über das Menschenmögliche hinaus, der Druck ist groß, Projekte pünktlich und wohlgeformt für das Publikum fertigzustellen. Dazu kommt, dass hohe Besucherzahlen das wesentliche Kriterium für die Qualität einer Ausstellung zu sein scheinen, daher stehen Marketingmaßnahmen oben an. Die Zeiten also, wo Ausstellungskataloge ihren Anteil an der kunstgeschichtlichen Forschung hatten, scheinen fast vorüber zu sein.

Umso erfreulicher ist es dann, wenn große oder kleine Häuser personell und finanziell Projekte stemmen, welche nicht nur mit einer sehenswerten Ausstellung locken, sondern auch Publikationen entstehen lassen, die der Kunstinteressierte als „Nachschlagewerke“ unbedingt in die häusliche Bibliothek aufnehmen sollte.

Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet, erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Museum Giersch, ist solch ein Buch. Das 440 Seiten starke Werk bietet nicht allein einen Überblick über die lebendige Kunstszene im Rhein-Main-Gebiet zu Zeiten des Expressionismus, vielmehr vermittelt es über konzentrierte Darstellungen tiefere Einblicke in einzelne Aspekte des Themas und bietet mit längeren Werkbetrachtungen die Möglichkeit zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Einzelwerk.

Anlass für die zweijährige Forschungsarbeit, die sich auf nur punktuell vorliegende Studien stützen konnte, war die Teilnahme des Museums Giersch an dem Großprojekt „Phänomen Expressionismus“ des kulturfonds frankfurtrheinmain, der ein Fünftel der Gesamtkosten übernahm, zuzügl. der Werbemaßnahmen. Die Stiftung des Hauses stellte den Großteil. Die Kuratoren Christoph Otterbeck und Birgit Sander sichteten tausende Werke und Archivarien, um einen überzeugenden Überblick zusammenstellen zu können. Was ihnen gelang – und das abgesehen von einigen Werken Kirchners, Schmidt-Rottluffs, Jawlenskys, Beckmanns weitgehend ohne „Namedropping“: Das Cover des Kataloges, Plakat und Ausstellungsflyers ziert ein Bild von Carl Gunschmann, einem weniger bekannten Künstler. Die Wahl seiner „Figürlichen Komposition“ von 1920 (Abb. 1) wirkte erfreulich bescheiden und weniger marktschreierisch im Stadtbild.

Der gebürtige Darmstädter Gunschmann (1895-1984) erhielt, obwohl ihm eine akademische Ausbildung fehlte, 1914 für einen Studienaufenthalt in Paris ein Stipendium von Ludwig Schames, dem für den Expressionismus überaus wichtigen Frankfurter Kunsthändler, und Georg Swarzenski, dem damaligen Direktor des Städelschen Kunstinstituts. Gunschmann war Mitbegründer der Darmstädter Sezession (1919), die sich nach 1945 neu gründete und übrigens im August 2011 ihre Jahresausstellung im Museum Künstlerkolonie in Darmstadt zeigt hier

Wiesbaden, Darmstadt, Hofheim a. T. und Frankfurt sind die Wirkungsstätten einer Avantgarde, deren Nachhall ein wenig verblasste gegen den Ruhm der Brücke-Künstler und des „Blauen Reiters“. Doch ihre Vielfalt, künstlerische und politische Radikalität sowie ihre zeitgenössische Resonanz überraschen vielfach. Die Frankfurter Ausstellung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht allein die Kunst betrachtet, sondern auch deren Sammler und Händler. Sie stellt den Expressionismus als eine „vielfach vernetzte kulturelle Strömung“ dar (C. Otterbeck im Katalog, S. 11). Der Katalog erzählt zahlreiche Lebensgeschichten aus einer Zeitspanne, die etwa 30 Jahre umfasst, beginnend mit einer Brücke-Ausstellung 1906 in Frankfurt bis zur Zerschlagung wichtiger Privatsammlungen, Verfemung der Künstler und Entlassung wichtiger Museumsleiter und Akademie-Lehrkräfte, Entfernung von Teilen der Sammlungsbestände (die Städtische Galerie in Frankfurt verlor 672 Kunstwerke, Kat., S. 349), bis hin zu Flucht und Ermordung der Künstler.

Wichtige Sammler wie Rosy und Ludwig Fischer, Carl Hagemann, der Kunsthistoriker Walter Müller-Wulckow, die Sammlerin, Künstlerin und spätere Galeristin Hanna Bekker vom Rath in Hofheim a. T., – sie alle setzten sich mit Leidenschaft für die jungen „Modernen“ ein. Auch während der Diktatur der Nationalsozialisten gewährten sie den Künstlern Unterstützung; Carl Hagemann kauft z.B. durch Vermittlung von Hanna Bekker vom Rath ein Jahr nach seiner Entstehung Karl Schmidt-Rottluffs Gemälde „Dünental mit totem Baum“ (1937). (Abb.2) Der Künstler war 1936 mit Malverbot belegt worden.

Der Katalog beantwortet viele Fragen zum Kunstgeschehen jener Jahre, bietet einen Überblick über die Ankäufe expressionistischer Kunst durch die Museen, die sich nach Schenkungen aus Sammler- und Künstlerhand der neuen Strömung gegenüber aufgeschlossen zeigten, und widmet den Händlern, die besonders in Frankfurt eine wichtige Rolle spielten, wichtige Beiträge, so beispielweise Ludwig Schames (Abb.3), ein orthodox lebender Jude, der sich voller Idealismus und Überzeugung mit seinem „Kunstsalon“ für die junge Kunst einsetzte. Vom höchst schwierigen Kirchner als „feiner, uneigennütziger Freund der Kunst und der Künstler“ beschrieben, soll er den ersten Kontakt zwischen Max Beckmann und dem Städel hergestellt haben (Kat. S. 234).

Künstlerisch-literarische Kreise, die sich u.a. mit der Zeitschrift „Das Tribunal. Hessische Radikale Blätter“ einer politischen Ausrichtung öffneten, werden in der „Dokumentationsstelle zum Darmstädter Expressionismus“, betrieben von Claus K. Netuschil, der die Ausstellung mit Leihgaben und einem Katalogbeitrag bereichert, verwahrt. Künstlergruppen wie die Frankfurter „Ghat“ trugen einen kooperativen Charakter in sich, mit dem Ziel einer existentiellen Sicherung aller Mitglieder. (Abb.4)

Der Ausstellung im Museum Giersch, die der Kataloggliederung gemäß eingerichtet war, merkte man nicht an, dass hier immerhin 139 Werke versammelt waren: Die kabinettartigen Räume des Hauses sorgten dafür. Leider vermittelt sich das Wohnambiente der Privatsammlungen nur über die Katalogabbildungen, so blieb z. B. der Raum für Hanna Bekker vom Rath seltsam blutleer. Erfreulich ist dagegen die Erweiterung eines engen Stilbegriffs, was allerdings dazu führt, dass trotz der durchweg hervorragenden Bildauswahl nicht alles überzeugte: Reinhold Ewalds eher neusachliches „Tanzlokal“ (1922, Kat.-Nr. 60) ist solch ein Fall.

Biographien aller Protagonisten runden den Katalog ab und ein Personenregister – unabdingbar für ein Nachschlagewerk! Einzig und allein die Einrichtung einer parallelen Zählung von Katalog-Nummern und Textabbildungen führt manchmal zur Verwirrung. Dieses kann man hinnehmen, eröffnet doch auch das Blättern zahlreiche Neuentdeckungen.

Isa Bickmann

erstellt am 05.7.2011

Abb. 1 | Carl Gunschmann, Figürliche Komposition, 1920, Öl auf Leinwand, © Nachlass Gunschmann, Gunschmann

Abb. 2 | Karl Schmidt-Rottluff, Dünental mit totem Baum, 1937, Öl auf Leinwand, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg, LG der Bundesrepublik Deutschland

Abb. 3 | Ernst Ludwig Kirchner, Kopf Ludwig Schames, 1918, Holzschnitt, Privatsammlung, Abb. Katalog, Nr. 85

Abb. 4 | Gründungsmitglied der Künstlergruppe Ghat, Emil Betzler, Die Befreiung, 1920, Holzschnitt, Nachlass Emil Betzler

Katalog zur Ausstellung:
»Expressionismus
Im Rhein-Main-Gebiet.
Künstler-Händler-Sammler«

Herausgegeben von MUSEUM GIERSCH,
Frankfurt am Main, 2011.
Erschienen im Michael Imhof Verlag, Petersberg.
Hardcover, 440 Seiten, 366 Abbildungen.

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