Vor allem mit Lady Gaga oder Madonna haben sich in den letzten Jahren Frauen in die erste Reihe der weltweiten Popikonen geschoben. Zuvor war dies lange Zeit eine von Männern dominierte Szene. Sonja Eismann, Chefredakteurin der Popkulturzeitschrift „Missy Magazine” blickt zurück auf die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und meint, dass die Frauen erst noch am Ankommen sind.

Musikindustrie

Frauen Laut Stark

Von Sonja Eismann

Mit einem Schlachtgesang rief die Band Bikini Kill vor 20 Jahren zur weltweiten Mädchenrevolution auf: „We're Bikini Kill – and we want revolution girl-style now!“ Mit sägenden Gitarren, schepperndem Schlagzeug und wütendem Gesang verlangte die Subkulturbewegung der Riot Grrrls um Bikini-Kill-Sängerin Kathleen Hanna vor allem eines: endlich gehört zu werden. Zu lange hätten sich Frauen mit dekorativen Nebenplätzen im Musikgeschehen begnügen müssen.

Die Riot Grrrls, deren Schreibweise aus niedlichen Mädchen zornig grollende Aktivistinnen machte, formierten sich um 1991 lose in Washington D.C. und dem kleinen Westküsten-College-Städtchen Olympia. Die Musikerinnen, Filmemacherinnen und Autorinnen rückten den von Männern dominierten Strukturen zu Leibe und organisierten sich selbst, getreu dem punkigen Prinzip des „Do It Yourself”.

Selbstbewusst und rotzfrech

Heute, nach gut 20 Jahren, ist die Bewegung der Riot Grrrls, die in Europa eher als verwässerte Girlie-Variante á la Spice Girls im Mainstream ankam, in die Musikgeschichte eingegangen. Und lebt höchst lebendig weiter. Denn wie wäre sonst ein Superstar wie die Sängerin Beth Ditto möglich? Dick und glamourös, lesbisch und sexy, selbstbewusst und rotzfrech.

Auch die neue Mega-Pop-Ikone Lady Gaga, die immer neue Extreme in ihrer Selbstdarstellung kreiert, profitiert von der Riot-Grrrl-Bewegung, die Frauen eingebläut hat, dass Weiblichkeit kein Manko, sondern Power bedeutet. Was Madonna seit Beginn ihrer Karriere als Pop-Ikone vorgemacht hat, ist heute in einer ganzen Branche angekommen.

Tatsächlich? Noch 1998 hatte die Berliner Musikerin Christiane Rösinger ernüchtert festgestellt, dass „in der Popkultur ein ähnlich ausgewogenes Geschlechterverhältnis wie in der KFZ-Meisterinnung und in der Astronautenszene” herrsche. Hat sich die Situation von Frauen im Pop also heute verbessert, oder handelt es sich eher um Einzelphänomene?

Ein Blick in die Musikgeschichte zeigt, wie widersprüchlich und wenig linear solche Entwicklungen in Wirklichkeit verlaufen. Die 1960er Jahre, retrospektiv meist als Anfangspunkt von Pop- und Gegenkultur gesehen, waren keine besonders rosige Zeit für Frauen in der Musik. Die meisten Girl Groups hatten kaum künstlerisches Mitspracherecht, keine Kontrolle über ihr Repertoire und wurden, abgesehen von den ganz großen Stars, als austauschbare Figuren wahrgenommen.

Trotzdem gab es ab den 50ern in den USA einen Umbruch, der sich bis zur „British Invasion” in den 60ern hielt: Zum ersten Mal war da eine Musikrichtung, die explizit mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Auch wenn die süßlichen Melodien, perfekten Gesangsharmonien und romantischen Texte als profaner Kitsch abgetan wurden, so konnten ab jetzt ausschließlich weiblich besetzte Bands wie The Crystals, The Supremes oder The Shangri-Las eine deutliche Präsenz im immer wichtiger werdenden Popgeschehen etablieren.

Zerstören, was vorher war

Natürlich hatte es prominente Einzelkämpferinnen wie die Jazz-Sängerinnen Billie Holiday und Nina Simone, oder politisch engagierte Folksängerinnen wie Joan Baez schon in den 60ern gegeben. Und nach der kurzen Hochphase der Girl-Gruppen war es wieder eine Einzelpersönlichkeit, die zur ersten Antiheldin des Pops aufsteigen sollte: Janis Joplin.

Die Hippie-Ikone irritierte zunächst mit ihrem für damalige Begriffe „unfemininen” Äußeren: Während ihres Studiums in Austin, Texas, wurde sie zum „Ugliest Man on Campus” gewählt, zum hässlichsten Mann auf dem Campus. Sie propagierte mit ihrem Auftreten und in Texten einen unabhängigen Lebensstil, der bis dato nur mit männlichen Rockrebellen in Verbindung gebracht worden war.

Danach waren zunächst wieder Singer/Songwriterinnen mit klassisch weiblichen Themen und Harmonien populär, wie Carole King oder die ätherische Karen Anne Carpenter im Duo mit ihrem Bruder Richard.

Gegen Mitte der 70er kam wieder mehr Fahrt ins Musikgeschehen: Auf der einen Seite gab es auf einmal weibliche Hardrock- bzw. Heavy-Metal-Bands wie die amerikanischen The Runaways, die mit provozierenden Outfits und ungehört harten Sounds polarisierten. Auf der anderen Seite fand sich mit der Stilrichtung Disco eine Spielwiese für all jene, die ursprünglich vom gesellschaftlichen Mainstream an den Rand gedrängt wurden: Frauen, Schwarze, Schwule.

Nach der Blütezeit der ersten modernen Dance-Kultur dämpften Hollywood-Produktionen wie „Saturday Night Fever” (1977) das ursprüngliche emanzipatorische Potenzial. Es brauchte lange Jahre, bis die als seicht und affektiert gebrandmarkte Strömung als wichtiger Vorläufer moderner elektronischer Musik rehabilitiert wurde. So diente beispielsweise der monoton hypnotische Disco-Hit „I Feel Love” (1977), in dem die damals in München lebende Donna Summer ekstatisch unverhohlen sexuelle Zeilen haucht, als Blaupause für die heutige House Music.

Auf die verspielte Hippie- und Discozeit folgte ein harter Bruch: Punk wollte mit seinem nihilistischen und ironischen Gestus alles ablösen und zerstören, was vorher war. Wenn auch die großen Bands wie die Sex Pistols oder The Clash männlich waren, senkte die Do-It-Yourself-Ideologie des Punk die gefühlten Barrieren für Frauen.

Es ging weniger um demonstrativ vorgetragene Virtuosität des Spiels als um Nonkonformismus. Und davon hatten Frauen, vor allem in der zweiten Phase des Punks, Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre, eine ganze Menge. Selbstbewusste Musikerinnen in experimentierfreudigen Bands wie Siouxsie and the Banshees oder Debbie Harry mit der Gruppe Blondie verbanden auf innovative Weise die Sounds von Punk mit Elementen aus jamaikanischem Dub, Krautrock, Disco oder Gothic. Und prägten damit maßgeblich das Genre Post-Punk und New Wave.

Die neue Girl Power

Langsam bewegte sich die Musik Anfang der 80er Jahre auf das zu, was wir heute als Pop wahrnehmen: große Gesten, große Inszenierungen. Das derart aufgerollte Feld eröffnete eine Vielfalt von Möglichkeiten für Frauen wie Grace Jones, die mit ihrer Androgynität verwirrte und ertzückte, die genialische Kate Bush, die eine dezidiert weibliche Version von viellagigem Progressive Rock perfektionierte, oder natürlich Madonna, die schon seit ihrem ersten Album 1983 hart an ihrem Pop-Ikonen-Status arbeitete. Das Jahrzehnt bot mit seinen schillernd uneindeutigen Geschlechterinszenierungen gerade Frauen nie dagewesene Freiräume.

Die 90er, das Jahrzehnt der Riot Grrrls, waren auch die Dekade, in der in allen Genres immer wieder die neue Girl Power ausgerufen wurde; ob im Alternativ-Bereich mit Künstlerinnen wie PJ Harvey (Foto Startseite) oder in der immer populärer werdenden elektronischen Musik mit Björk oder den Chicks on Speed. Seit dem Millennium sind weibliche Stars wie Britney Spears, Beyoncé oder immer noch Madonna so präsent wie nie.

Doch bietet sich heute wie damals ein zwiespältiges Bild. Einerseits brechen exzentrische Stars wie Lady Gaga alle Verkaufs- und Beliebtheitsrekorde: Seit ihrem ersten Album 2008 verkaufte die 25-Jährige bis heute circa 15 Millionen Alben. Andererseits zeigen Musikzeitschriften vorwiegend männliche Künstler auf ihren Titelbildern, sind auf CD-Covern mehrheitlich Männer zu sehen.

Eines aber wurde durch die Riot Grrrls und Erfolgsstories wie die von Madonna oder Lady Gaga auf jeden Fall erreicht: Frauen im Pop können heute nicht mehr als dekorative Randerscheinung abgetan werden.

Der Text ist erstmals erschienen im Arte-Magazin 07/2011 und erscheint in faust mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
Arte-Magazin:

erstellt am 04.7.2011

Judith Holofernes

Mehr zum Thema gibt es in diesem Sommer im Arte-Schwerpunkt Summer of Girls mit zahlreichen Porträts von Aretha Franklin und Diana Ross bis Lady Gaga und Beyoncé sowie Filmen, Konzerten und Dokumentationen. Den Auftakt bildet am 5. Juli François Ozons Komödie „8 Frauen”. In einer Gala-Show am 30. Juli wird auf 50 Jahre Popmusik und die gesellschaftlichen Veränderungen zurückgeblickt und die „Queen of Pop” gewählt. Durch das Programm führt die Sängerin und Frontfrau der Band Wir sind Helden, Judith Holofernes (Foto).
Das Programm

Veranstaltungstipp:

Riot Grrrls Revisited – Die Geschichte einer Bewegung
Am Donnerstag, 28. Juli um 20 Uhr im Orange Peel, Kaiserstraße 39, 60329 Frankfurt

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