Der Roman ist die Geschichte des Deutschen Hans Schiller und seiner beiden Söhne Rachel und Malrich. Die Brüder wuchsen fernab der Eltern in der Pariser Banlieu auf. Sie sind in Frankreich geblieben. Rachel hat Karriere gemacht: er hat einen guten Job, ein kleines Häuschen, ein Auto, eine Frau – und die französische Staatsangehörigkeit. Sein jüngerer Bruder Malrich steht am Rande der Gesellschaft: ohne Ausbildung, ohne Job und ohne Perspektive lebt er als Mitglied seiner multikulturellen Clique in der Vorstadt. Als die Eltern der beiden im fernen Algerien auf grausame Weise bei einem Attentat der Islamisten umgebracht werden, gerät das Leben der Brüder aus dem Lot. Die Trauer um die Eltern bringt zugleich eine erschütternde Erkenntnis zu Tage: Der Vater, den sie bisher als einen vielgeachteten Held des algerischen Unabhängigkeitskampfes kannten, hat eine unerträgliche Vergangenheit … Rachel zerbricht daran; Malrichs Versuch zu verstehen, führt ihn von der Nazi-Vergangenheit seines Vaters in die Abgründe der Gegenwart.

Romanauszug

Malrichs Tagebuch

Von Boualem Sansal

Es sind jetzt sechs Monate, dass Rachel tot ist. Er war dreiunddreißig Jahre alt. Eines Tages, das ist zwei Jahre her, ist irgendwas in seinem Kopf kaputtgegangen, er fing plötzlich damit an, zwischen Frankreich, Algerien, Deutschland, Österreich, Polen, der Türkei und Ägypten hin und her zu jagen.

War er nicht auf Reisen, dann las er, hockte grübelnd in seiner Ecke, er schrieb, er delirierte. Er büßte die Gesundheit ein. Dann seine Arbeit. Dann den Verstand. Ophelia hat ihn sitzen lassen. Eines Abends hat er sich umgebracht. Das war am 24. April dieses Jahres 1996, gegen 23 Uhr.

Ich wusste nichts von seinen Problemen. Ich war jung, ich war siebzehn, als dieses Irgendwas in seinem Kopf zerbrach, ich war auf der schiefen Bahn. Rachel sah ich selten, ich mied ihn, er ging mir mit seinem Gewäsch auf den Wecker. Ich bedaure es, das zu sagen, er ist mein Bruder, aber dermaßen angepasst, da kriegst du die Krise. Er hatte sein Leben, ich hatte meins. Er war leitender Angestellter in einem amerikanischen Riesenkonzern, er hatte seine Tussi, sein kleines Häuschen, seinen Schlitten, seine Kreditkarte, sein Tages ab lauf war geregelt, ich schlich rund um die Uhr mit den Ab gebrannten aus der Siedlung um die Ecken. Sie ist als ZUS-1, sensible urbane Zone erster Kategorie, eingestuft. Keine Zeit zum Ausruhen, man kommt aus dem einen Crash und schlittert in den nächsten. Eines Morgens hat Ophelia angerufen, um uns das Drama zu verkünden. Sie hatte bei ihrem Ex im Pavillon vorbeigeschaut, um zu sehen, was es Neues gibt. Ich ahnte etwas, hat sie gesagt. Ich sprang auf das Moped von Momo, dem Sohn des Schächters, und gab Gas. Da wa ren Leute vor dem Häuschen, die Polizei, der Rettungs wagen, die Nachbarn, die Schaulustigen. Rachel war in der Garage, auf dem Fußboden sitzend, Rücken gegen die Wand, Beine ausgestreckt, das Kinn auf der Brust, den Mund offen. Es sah aus, als würde er dösen. Sein Gesicht war von Ruß bedeckt. Die ganze Nacht über hatte er im Aus puff gas seines Schlittens gebadet. Er trug einen seltsamen Schlaf anzug, einen gestreiften Schlafanzug, den ich nicht an ihm kannte, und er hatte den Kopf kahl geschoren wie im Straf lager, ganz schief und krumm. Wie eigenartig das ist. Ich schluckte es ohne zu mucken. Ich be griff es noch nicht. Der Notarzt sagte zu mir: Ist das dein Bruder? Ich habe gesagt: Ja. Er hat gesagt: Scheint dich nicht sonderlich zu beeindrucken? Ich zuckte die Schultern und bin ins Wohnzimmer gegangen.

Ophelia stand bei Com’Dad, dem Kommissar des Viertels. Sie weinte. Er machte sich Notizen. Als er mich sah, hat er gesagt: Komm ein bisschen näher! Er hat mir Fragen gestellt. Ich habe geantwortet, dass ich nichts weiß. Das ist wahr, ich habe Rachel nicht gesehen. Ich habe vermutet, dass er etwas verbarg, aber ich sagte mir: Er hat seine Eier, ich hab meine.

Es tut weh, das zu sagen, aber so ist es nun mal, der Selbstmord ist eine normale Sache in der Siedlung, man ist einen Augenblick lang überrascht, für einen oder zwei Tage ist man sauer, und eine Woche später denkt man nicht mehr daran.
Man sagt sich: So ist das Leben, und man geht wieder seiner Wege. Hier handelte es sich um meinen Bruder, meinen älteren Bruder, ich musste verstehen.
Ich hatte keinerlei Ahnung davon, was ihm hatte zustoßen können, und konnte mir nicht vorstellen, dass es für ihn so weit hätte kommen können, und für mich so weit kommen würde. Ich hätte mir alles vorstellen können, und ich habe ganze Tage lang nachgedacht, eine Liebesaffäre, eine Geldaffäre, eine Staatsaffäre, eine unheilbare Krankheit, was wohl das Schlimmste in diesem Scheißleben ist, aber nicht das. O nein, mein Gott, das nicht! Ich glaube nicht, dass eine einzige Person auf dieser Welt jemals ein vergleichbares Drama erlebt hat.

Nach dem Begräbnis hat Ophelia sich nach Kanada verzogen, zu ihrer Cousine Cathy, die da drüben mit einem stinkreichen Trapper verheiratet war. Sie überließ mir das Häuschen zur Hut mit den Worten: Später werden wir sehen. Als ich sie gefragt habe, warum Rachel sich umgebracht hat, hat sie mir geantwortet: Ich weiß es nicht, er hat mir nie etwas gesagt. Ich habe ihr geglaubt, ich habe an der Art ihres Zitterns gesehen, dass sie es nicht wusste, Rachel sagte niemals irgendetwas zu jemandem.

Ich fand mich allein im Pavillon wieder, moralisch am Boden. Ich machte mir Vorwürfe, nicht da gewesen zu sein, als Rachel in der Mutlosigkeit versank. Einen ganzen Monat lang ging ich im Kreis. Ich fühlte mich mies, es gelang mir nicht mal zu weinen. Raymond, Momo und die anderen Kumpels leisteten mir Gesellschaft. Sie kamen am Ende des Tages vorbei, wir quatschten und kippten Dosen. Wir blieben wach wie die Uhus. In dieser Zeit habe ich in der Werkstatt von Monsieur Vincent, Raymonds Vater, angefangen. Zum Wohle dieser Schlitten steht auf dem Aushängeschild. Bezahlt als Azubi, plus Trink geld. Es machte mich fix und fertig, allein zu bleiben. Die Maloche, das hat was Gutes, du vergisst dich.

Einen Monat später hat Com’Dad in der Werkstatt angerufen, um mir zu sagen: Komm auf dem Kommissariat vorbei, ich hab was für dich. Ich bin nach Feierabend hingegangen.

Er hat mich lange angeschaut, die Zunge im Mund kreisend, dann hat er eine Schublade geöffnet, eine Plastiktüte herausgenommen und sie zu mir rübergeschoben. Ich habe sie an mich genommen. Sie enthielt vier dicke zerknickte Hefte. Er hat zu mir gesagt: Das ist das Tagebuch deines Bruders. Wir brauchen es nicht mehr. Er hat mir den Finger unter die Nase gedrückt und hinzugefügt: Musst du lesen, das wird deinen Grips in Gang bringen. Dein Bruder war ein guter Typ. Dann hat er von diesen und jenen Sachen geredet, die ihm am Herzen lagen, der Siedlung, der Zukunft, der Republik, dem schnur geraden Weg. Ich hörte ihm zu und trat von einem Fuß auf den anderen. Er hat mich angesehen und hat gesagt: Na los, zieh Leine!

Von dem Moment an, als ich anfing Rachels Tagebuch zu lesen, bin ich krank geworden. Alles in mir begann zu brennen.
Ich hielt mir den Kopf, um zu verhindern, dass er auseinander fliegt, ich hatte Lust zu schreien. Das ist nicht möglich, sagte ich mir auf jeder neuen Seite. Erst als ich zu lesen aufhörte, hat es sich plötzlich beruhigt. Ich war innerlich gefroren. Ich hatte nur einen Wunsch: sterben. Ich schämte mich zu leben. Nach einer Woche habe ich verstanden, dass seine Geschichte meine eigene ist, die unsere, es ist Papas Vergangenheit, es war an mir sie zu leben, demselben Weg zu folgen, mir dieselben Fragen zu stellen, und dort, wo mein Vater und Rachel gescheitert sind, durchzuhalten, zu überleben. Ich spürte, dass das zu viel für mich war. Genauso stark, ohne zu wissen warum, spürte ich, dass ich es der Welt erzählen musste.
Zwar sind das Geschichten von gestern, das Leben aber ist gleichzeitig immer dasselbe, und somit kann sich diese einmalige Tragödie wiederholen.
Ein paar Informationen über uns, ehe ich zu erzählen anfange, Rachel und ich sind im Bled geboren, drüben in Algerien, in einem Douar am Arsch der Welt, wo genau weiß ich nicht. Er heißt Aïn Deb. Mit der Zeit hat Onkel Ali mir erklärt, dass dieser Name Eselsquelle bedeutet. Das hat mich zum Lachen gebracht, ich stellte mir einen stolz vor seinem Wasserhahn Wache beziehenden Esel vor, der sich selbstverliebt über den Wanst streicht.

Wir stammen von einer algerischen Mutter und einem deutschen Vater ab, Aïcha und Hans Schiller. Rachel ist 1970 nach Frankreich gekommen, er war sieben Jahre alt. Aus seinen Vornamen Rachid und Helmut wurde Rachel, das blieb so. Ich bin 1985 ausgereist, ich war acht. Aus meinen Vornamen Malek und Ulrich wurde Malrich, das blieb ebenfalls so. Wir sind von Onkel Ali aufgenommen worden, einem gut willigen Mann, der sieben Jungen und ein Herz wie ein Lastwagen hatte. Je schwieriger es ist, desto besser flutscht es bei ihm. Ein Urgestein aus dem Bled, Kumpel von Papa, ein Emigrant der ersten Stunde, der jegliche Misere durchgemacht hat, dem es aber geglückt ist, sich ein Nest für seine alten Tage zu bauen.

Der Arme geht auf das Ende zu, er hat sie nicht mehr alle. Ein chibani, der allmählich verdämmert. Ich war kein Geschenk für ihn. Er hat sich nie beklagt, er sagte lächelnd: Eines Tages wirst du ein Mann. Seine Jungs haben sich einer nach dem anderen verabschiedet, vier sind tot, durch Krankheit, durch Arbeitsunfälle, und die letzten drei sind irgendwo, ein bisschen dort drüben, in Algerien, ein bisschen anderswo, im Golf oder in Libyen, sie folgen den Baustellen, sie laufen dem Leben hinterher. Man kann wohl sagen, dass sie verloren sind, sie kommen nie auf Besuch, sie schreiben nicht, sie rufen nicht an. Vielleicht sind sie ebenfalls tot. Am Ende hat Onkelchen Ali nur mich. Ich habe meinen Vater nicht wiedergese-hen. Ich bin nicht nach Algerien zurückgekehrt und er ist nie nach Frankreich gekommen. Er wollte nicht, dass wir in den Bled heimkehren, er sagte: Spä ter, wir werden sehen. Unsere Mutter ist dreimal für vierzehn Tage gekommen, die sie weinend verbrachte. Wir haben einander nicht verstanden, es ist blöd, sie sprach Berberisch, so radebrechten wir in einem rudimentären Vorstadtarabisch und einem zusammengeflickten Deutsch. Sie kannte kaum etwas, und wir verfügten nur noch über zusammenhanglose Reste. Wir lächelten uns die ganze Zeit über zu. Ya, ya, gut, labesse, azul, es geht, genau, cool, und du. Rachel ist einmal in die alte Heimat gefahren, und zwar um mich nach Frankreich zu bringen. Der Vater hat nie einen Schritt aus seinem Dorf getan. Das war seltsam, aber Familiengeschichten sind immer seltsam, man kennt sie nicht, also achtet man nicht darauf. Nach dem Gymnasium, wo er Deutsch aus Familiensinn, und Englisch, weil es Pflicht war, belegt hat, besuchte Rachel eine Ingenieurschule in Nantes.

Dieses Glück hatte ich nicht, ich bin kaum über die Grundschule hinausgekommen. Sie haben mir eine Geschichte angehängt, den Einbruch in den Schrank des Direx, und mich von der Schule geworfen. Ich habe mir meinen Weg gebahnt, aus Herumhängen, kleinen Praktika, kleinen Jobs, dem Dealen, der Moschee, dem Gerichtssaal. Gemeinsam mit den Kumpels waren wir wie Fische im Wasser, wir navigierten freihändig im Gutdünken der Strömung und der Wünsche. Manch mal wird man geschnappt, aber meist wird man gleich wieder freigelassen. Wir haben das vor dem gesetzlichen Alter für den Knast ausgenutzt. Ich habe vor sämtlichen Kommissionen gestanden, und am Ende haben sie mich vergessen. Ich beklage mich nicht, was passiert ist, ist passiert. Es ist das Schicksal, der mektoub, wie die alten Araber des Viertels zu sagen pflegen. Unter Kumpels sagen wir uns die Dinge so: Das Unglück ist ein guter Lehrer, die Gefahr macht den Mann, die Eier macht man sich kraft des Handgelenks …

Mit fünfundzwanzig hat Rachel die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Er hat eine sagenhafte Fete veranstaltet.
Ophelia und ihre Mutti, eine begeisterte Anhängerin des Front National, hatten keinen Grund mehr, die Hochzeit hinauszuzögern.
Algerier und Deutscher, aber trotzdem Franzose und noch dazu Ingenieur, haben sie allen gesagt, die es wissen wollten. Noch ein Fest. Man muss bedenken, dass das zwischen Rachel und Ophelia schon seit der Kindheit ging, die gute Mutter Wenda hat sie eifrig verfolgt und Acht darauf gegeben, dass sie in Sitte und Höflichkeit aufwachsen.
Noch dazu war er blauäugig und viel blonder als Ophelia, die kastanienfarbenes Haar und schwarze Augen hatte. Rachels deutsche Seite, die er voll und ganz von unserem Vater geerbt hat, und das bienenhafte Wesen Ophelias haben den Rest besorgt. Ihr Leben war vorgezeichnet, es genügte, an der Kurbel zu leiern. Manchmal beneidete ich sie, und manchmal hatte ich Lust sie zu töten, um ihr Leiden abzukürzen. Um ein gutes Verhältnis zu wahren, habe ich sie beide gemieden.
Wenn ich bei ihnen vorbeischaute, schielten sie um sich, als würde sich ein Tornado ihrem Nest nähern. Ophelia kam mir überall dort zuvor, wo ich mich hinbewegte, und überprüfte es anschließend noch einmal.

Nach seiner Einbürgerung hat er zu mir gesagt: Ich werde mich um deine Sache kümmern, du kannst so nicht bleiben, ein freischwingendes Elektron. Ich habe die Schultern gezuckt: Mir egal, mach was du willst. Er hat es getan. Eines Tages ist er in der Siedlung vorbeigekommen, ließ mich Papiere unterschreiben, und ein Jahr später kam er wieder vor-bei, um mir zu sagen: Herzlich willkommen unter uns, dein Bescheid ist unterschrieben. Er hat mir erklärt, dass sein Boss an höherer Stelle ein gutes Wort für uns eingelegt hatte. Er hat mich in ein großes Restaurant in Paris, Nähe Nation, eingeladen.
Nicht etwa, um meine Papiere zu feiern, sondern um mir die damit einhergehenden Pflichten zu verlesen. Da habe ich ihm, kaum dass ich das Dessert heruntergewürgt hatte, Ciao gesagt.

Ich habe mich mit Monsieur Vincent arrangiert, ich habe einen Monat bezahlten Urlaub genommen. Das war anständig von ihm, ich hatte nur drei Tage hier, fünf Tage da gearbeitet und war mit dem Schlitten, an dem ich herumschraubte, nicht mal fertig. Er hat mir bei der Sozialstelle des Rathauses, die für mein Praktikum blechte, Rückendeckung gegeben.

Ich musste dringend allein in meinem Loch sein. Ich hatte dieses Stadium erreicht, in dem man die Welt nicht mehr ertragen kann, außer man trennt sich von ihr und verliert sich in seinem Schmerz. Ich habe Rachels Tagebuch wieder und wieder gelesen. Es war dermaßen kolossal, dermaßen schwarz, dass ich damit nicht fertig wurde. Und auf einmal habe ich, der einen Horror davor hat, mich daran gemacht, zu schreiben wie ein Irrer. Anschließend begann ich, in alle Richtungen zu rennen. Das, was ich durchgemacht habe, wünsche ich niemandem.

erstellt am 01.7.2011

Boualem Sansal
Das Dorf des Deutschen oder
Das Tagebuch der Brüder Schiller
Aus dem Französischen von Ulrich Zieger
Merlin Verlag, Gifkendorf 2009

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