Auszug

Es war einmal eine Stadt

Von Yanick Lahens

Wir liebten sie, obwohl sie uns und unsere Träume immer wieder verriet. Wir liebten sie, eigensinnig und gierig, rebellisch und übermütig wie sie war. Liebten sie, auch wenn Unwetter und Feuer sie erschütterten. Liebten die Spottlust in ihrem Hüftschwung zu Karneval. Ihre unergründlichen Geheimnisse. Mitsamt ihren Mysterien, die nachts die Kreuzungen beherrschen. Ihre trügerische Stille. Die trägen Schenkel ihrer Frauen, die Hunger- und Funkelaugen ihrer Kinder, ihre phosphoreszierenden Göttererscheinungen. Wie auch die sanft überraschende Farbenpracht der Wolken, die nachmittags über ihrer Bucht in Flammen stehen.

Wir liebten sie, trotz ihres Elends. Trotz des Todes, der saisonweise ganz unverhohlen durch ihre Straßen zieht.
Skrupellos. Ohne mit der Wimper zu zucken. Liebten sie, weil sie überschäumte vor Energie und uns mit ihrer Kraft verschlingen konnte. Wir liebten sie wegen der Kinderscharen in Schuluniform, die sie jeden Mittag mit ihrer Lebensfreude ansteckten. Wegen des Zuviels an Fleisch und Bildern. Wegen der Berge ringsum, die näher und näher zu rücken scheinen, um sie sich irgendwann einzuverleiben. Wegen des ständigen Zuviels, immer und überall. Wegen ihrer Art, uns in ihren Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Wegen ihrer feurigen Männer und Frauen. Wegen …, wegen…

Und ich liebte die flüchtigen Minuten, wenn der strahlend helle Tag in die milde Dämmerung übergeht, violett und orange. Wenn an jeder Ecke der Stadt Flammen aus Müllhalden schlagen, die uns in den Augen brennen. Wenn Pyromanen das Elend der Stadt kreuzigen, um es zum Schweigen zu bringen. Wenn wir uns gemächlich fortbewegten,
halb blind zwar, durch trügerischen Nebel, immerhin aber fortbewegten. Wenn Zeit war, einander zuzuhören, stundenlang. Zeit war für offene Worte. Ohne Brimborium, ohne Umschweife. Zeit war, die Worte in weiter Ferne zu suchen oder sie am Wegesrand, direkt aus dem Leben aufzuschnappen. Es waren Worte der Ferne, sanfte, von Lachen geschüttelte, zerrissene, verbrannte, zerbrechliche, mächtige, kostbare Worte.

Am 12. Januar 2010 um 16 Uhr 53, als die Dämmerung schon auf der Suche nach ihren Farben von Ende und Anfang war, wurde Port-au-Prince vierzig Sekunden lang von einem jener Götter besessen, die, wie es heißt, Fleisch essen und Blut trinken. Gewaltsam besessen die Stadt, bevor sie mit zerzausten Haaren, verdrehten Augen, gespreizten Beinen, klaffendem Geschlecht zusammenbrach, die Eingeweide aus Schrott und Staub, ihre Adern mit ihrem Blut offengelegt. Ausgeliefert, nackt und bloß war Port-au-Prince, aber nicht schamlos. Schamlos war die erzwungene Entblößung. Schamlos war und ist die skandalöse Armut.

Am 12. Januar 2010 zerbrach um 16 Uhr 53 die Zeit. In der Kluft, die sie riss, hat sie die Geheimnisse unserer Stadt für immer versiegelt, hat sie einen Teil unserer Seele verschluckt, einer Seele, die die Stadt uns geduldig auf ihr Übermaß zugeschnitten hatte. Die Zeit ist zerbrochen und hat unsere Kindheit mit sich fortgerissen. Ab jetzt sind wir Waisen, von Hunderten Orten, Tausenden Worten. Die Straßen spielen lago kache, Verstecken mit unseren Erinnerungen. Manche Fassaden sind Schatten, um die schon Gespenster schleichen, die wir mit den Augen zu berühren glauben.
Weil man sich zwar daran gewöhnen kann, dass die Zeit vergeht, unerbittlich, nicht aber daran, dass sie jäh abstürzt.

Wir werden nicht mehr wissen, was wir unseren Enkeln erzählen sollen. Für sie werden unsere Worte hohl klingen.
Sie werden annehmen, dass wir den Verstand verloren haben, und das Gestammel aus unserem Mund wird ihnen so wenig sagen wie unsere ausladenden Gesten vor ihren Gesichtern. Unsere verknoteten Finger werden für sie auf ewig stumm bleiben.
Es war einmal eine Stadt, in der es in der Kirche der Heiligen Anna bei Beerdigungen so lebhaft zuging wie bei einer Aufführung der Commedia dell’arte; wo zwischen dem Nationalpalast und der Obersten Steuerbehörde auf dem Gehsteig Schreiber saßen, die einem zu einer neuen Identität nach Wunsch verhalfen.
Es war einmal eine Stadt mit den Erinnerungen junger Mädchen und Worten, die zittern und lächeln, von ihren Dichtern hundertfach neu beschrieben:

Omabarigore, die Stadt, die ich für dich erschaffen habe,
indem ich das Meer in die Arme nahm
und die Landschaften um mein Haupt.
Omabarigore, wo alle Glocken
der Liebe und des Lebens läuten. +

Es war einmal eine Stadt, da liefen schwielige Füße an schwieligen Füßen auf einem Markt unter einem rostigen Eisenturm, der den Hals zu recken schien, um seinen Zwillingsbruder an den Ufern des Bosporus anzuschauen.
Es war einmal eine Stadt, in der die Zeitalter sich wie in einem Teleskop in schwindelerregendem Tempo vermischten: BlackBerry, tap-tap, Sammeltaxis ohrenbetäubend beschallt, schweißtriefende Lastenträger, Offroader, Asphalt und Matsch. »Madanm, fem kado yon ti monnen tanpri. Madame, ein bisschen Kleingeld bitte.«

Es war einmal eine Stadt, da gab es zwei Kathedralen, Seite an Seite, die einander deren Sagen und Geschichten zuzuflüstern schienen. Und ihre Schauder, so unvorhersehbar wie ihre Liebenswürdigkeiten, und natu?rlich ihre Zaubereien.
Es war einmal eine Stadt, in der nachts die Bäume und die Götter wachten:

Port-au-Prince schläft
und ringsum schwanken die Ebenen
die ihr Trockenholz-Geraschel bis vor unsere Füsse lenken. ++

Es war einmal eine Stadt, in der stiegen ein Mann und eine Frau im verzehrenden Feuer einer Begegnung…
…hinauf nach Pacot. Von der Anhöhe aus sieht man Port-au-Prince im Feuer der Dämmerung liegen.
Es ist der Moment, in dem die Stille aufzieht und das Getöse des aufgewühlten Tages zu dämpfen vermag…

Es war einmal eine Stadt.

+ Davertige, Anthologie secrète, Montréal 2003.
++ Syto Cavé, Mémoires d’un balai, 1971

Auszug aus: Yanick Lahens, »Und plötzlich tut sich der der Boden auf«
Ein Journal. Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich, Rotpunktverlag Zürich

erstellt am 27.6.2011

Yanick Lahens
Yanick Lahens