Er hatte die Begabung für die virtuose Schmähung und war ein Meister der elaborierten, „Gebetsmühlenprosa“, wie Siegfried Unseld schrieb. Thomas Bernhard, der am 9. Februar 1931 geboren wurde, schreckte vor Drohungen und Erpressungsversuchen nicht zurück, um mit aristokratischer Attitüde zu Geld zu kommen. Theresia Prammer hat sich mit dem Briefwechsel des schwierigen Autors mit seinem Verleger vertraut gemacht.

Nachträgliches zu einem Briefroman

»Leben, solange wir leben«

                                                                           „Das führt alles zu nix.“
                                                                           Thomas Bernhard

Die 2010 erschienene, kommentierte Edition des Briefwechsels zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld wurde enthusiastisch begrüßt: Ungemein „lehrreich“ und „furios“ sei er, „kein Dokument“, vielmehr „ein Monument“, „ein Gottesgeschenk“. Nicht dieses konsensträchtige Kritiker-Konzert aber war dafür verantwortlich, dass ich dieses Buch unbedingt lesen wollte, nein, es hat mich, nach Jahren der vielleicht berlinbedingten Bernhardabstinenz, gleichsam eiskalt erwischt. Dabei gesellte sich zum Frohlocken über die plötzliche unverhoffte Nähe zu den beiden unruhigen Geistern ein sonderbares Gefühl von austriazistischer Abgeklärtheit: als wäre hier zusammen mit einer exemplarischen Autor-Verlegerbeziehung ein Stück der eigenen Kindheit mitbilanziert..

Für private Skandale bietet der Austausch zwischen dem Autor und seinem Verleger ohnehin reichlich wenig Anhaltspunkte. Eher festigt sich darin Thomas Bernhards Ruf als Einsiedler vor dem Hintergrund einer ostentativ zur Schau gestellten Weltgewandtheit. Aufschlüsse über entstehungsgeschichtliche Hintergründe der einzelnen Bücher sind rar, umso häufiger dafür Einblicke in den Lebenstil des Autors, in dem es nicht ohne Paradoxien abgeht: Thomas Bernhard war nicht nur felsenfest davon überzeugt, dass ihm ein Leben als betuchter Gutsbesitzer sozusagen von Verlags wegen zustünde, er wollte auch herumkommen in der Welt und scheute dafür größere Ausgaben nicht. Überaus gerne umgab er sich mit schönen Dingen; Stil und Geschmack verstand er dabei ebenso als Mittel des Ausdrucks wie der Abgrenzung nach außen. Sein Verleger kommt ihm auf diesem Wege der genießerischen Selbstbelohnung gerne entgegen. Mit ihm speist er à la carte in diversen europäischen Hauptstädten, spaziert durch ausgezeichnete Luftkurorte oder absolviert unisono öffentlichkeitswirksame gemeinsame Auftritte. Manchmal ist es auch der besondere Ort, der das besondere Gespräch erst möglich macht: „Sehen wir uns in Hawaii?“

In der Tat erweisen sich solche Treffen dann und wann als überlebenswichtig für die Beziehuung. Von langer Hand angebahnt tragen sie zur Deeskalation bei, wenn Bernhard wieder einmal unhaltbare finanzielle Forderungen stellt, wenn er sich der Verhandlung durch Unterstellungen entzieht oder schlicht und einfach nur beleidigt ist. Manchmal scheint der Autor seinen Verleger (der auch als Lektor Hervorragendes leistet) regelrecht auf die Probe zu stellen und ist im Rückblick dankbar für Streichungen, die seine unvermittelte Aggressivität zu einer vermittelten machen. Stets legt Unseld einen ausgesuchten Spürsinn dafür an den Tag, mit welcher Haltung Bernhard sich selbst schaden könnte, auf dem schmalen Grat zwischen literarischer Aufarbeitung offensichtlicher Missstände und offenkundiger Denunziation ad personam. Dann korrigiert Bernhard schon einmal seine Texte nach oder er lässt sie korrigieren, stillschweigend sogar. Der einzige Punkt unverminderter Kompromisslosigkeit von Seiten Unselds ist die Fairness gegenüber Kollegen, die er von seinen Autoren, zumal den beiden notorischen Streithähnen Peter Handke und Thomas Bernhard, unvermindert einfordert.

Schäme mich nicht

Das Schöne und unmittelbar Einleuchtende an diesem viele Jahre umspannenden Wortwechsel ist das gemeinsame Anliegen, das diese beiden Menschen über jede sachliche Differenz hinweg verbindet und über das Tagesgeschäft hinaus zu Komplizen macht. Dabei wäre es allzu eindimensional, aus der gegebenen Rollenverteilung zu schlussfolgern, dass die Beziehung für den einen ein reines Herzens- und den anderen ein profanes Geldanliegen wäre. Beide Beteiligte erscheinen zu gleichen Teilen als idealistisch und pragmatisch. Unseld an Bernhard: „Schreiben Sie das Buch. Alles andere ist unwichtig.“ (18.3.68) Bernhard an Unseld: „Wie lebt man mit einem Bauch? „Man muß ihn füllen. Ganz einfach.“ (11. 7. 68).

Dass der Bauch beizeiten mit Hummer gefüllt zu werden verlangt, gehört ebenso zum Selbstverständnis des Schriftstellers wie der schon erwähnte Wunsch nach transatlantischen Reisen, teuren Ausstattungsdingen, intellektuellen Identifikationsobjekten. Hier trifft professionelles Weltbürgertum auf ein existentiell brodelndes, provinzielles Residuum, in einer Mischung, die Werk und Charakter des Autors gleichermaßen prägt. So ist es durchaus nicht nur Parodie, sondern auch biographisch zementierte Figurenrede, wenn einer (Wittgensteins Neffe) Hunderte Kilometer zurücklegt, um zu seiner Qualitätszeitung zu kommen, oder wenn dem Pianisten Glenn Gould (Der Untergeher) mit der Kennermiene des antibürgerlichen Kunstliebhabers vor allen anderen gehuldigt wird.

Weltmännische Posen und Attitüden wurden dem im Lauf der Jahre auch als Theaterautor zunehmend etablierteren Bernhard freilich sowohl zum distinktiven Merkmal als auch zur Maske, wobei er seine Prominenz auch schon einmal manipulativ oder strategisch einzusetzen verstand. Nicht umsonst attestierte Unseld seinem „Geschäftspartner“ eine „agronomische Schläue“ (22. 7. 68), verfügte dieser doch in seiner gekonnt hochstapelnden Weise über außerordentliches Verhandlungsgeschick, gepaart mit einem ständigem Bedürfnis nach Rückversicherung in Hinblick auf den eigenen Status. Doch auch in dieser Hinsicht unterlag der Autor wechselnden Launen: Geld sei ihm überhaupt „wurscht“, befand er einmal, er brauche nur das Notwendigste.

Das ist natürlich eine kokette Fehlenschätzung, denn permanent werden hier Kontotabellen eingesehen, Verkaufszahlen studiert, großzügige Guthaben gewährt. Geld zum Dank, Geld zum Trost, Geld zur Absicherung einer ungewissen Zukunft, Geld für Vorschüsse und Reisen, Geld für Immobilien und Kleider, Geld für Therapien und kulinarische Freuden. „Zum Nachtmahl? „Scampi in Weißweinsauce – und schäme mich nicht.“ (7. 4. 82)

Hanebüchene Verdächtigungen

Als ein derart unverhohlenes Manifest gleichsam professioneller Unverschämtheit liest sich im Grunde der ganze Briefwechsel, existentiell begründete Selbstlegitimationen inbegriffen. In seinen aufwallenden Verzweiflungen gibt Bernhard sich verschwenderisch, mit seiner Verschwendungslust neutralisiert er vorübergehend seine Verzweiflung. Hinter dem Lebemann scheint immerfort der Knochenmann zu lauern – die beiden ins Einvernehmen zu setzen obliegt dem vom Schauspiel des eigenen Daseins belustigten Autor. Das alles vollzieht sich vor dem Hintergrund eines ungewissen Friedensschlusses mit dem Gegebenen, den man auch als Galgenhumor bezeichnen könnte: „Ich empfinde mich durchaus glücklich und arbeite gut.“ (14. 11. 67). Ein andermal wieder heißt es: „Ich bin in so guter Stimmung, dass ich Ihnen schreiben muss. Forschen Sie nicht nach dem Grund.“ (11.5.69).

Gute Stimmung, das ist synonym mit produktiver Stimmung, wobei auch Unstimmigkeiten sich mitunter produktiv verwerten lassen. Unseld muss mit dem Wechselbad der Haltungen, Vorhaltungen sowie immer neu revidierten Regeln leben und sich in guter Miene zu bösen oder zumindest sehr eigenwilligen Spielen üben: Oft wird ihm vom nachtragenden Bernhard Inkonsequenz vorgeworfen, Endgültigkeiten werden ausgerufen und bei Bedarf wieder aufgehoben. Stets wiederholt sich dieselbe Klage: Warum wirbt der Verlag für meine Bücher nicht wie etwa für jene Martin Walsers? Der Autor erträgt es schwer, nicht im Mittelpunkt zu stehen und lässt sich diesbezüglich zu hanebüchenen Verdächtigungen hinreißen. Oft obliegt dem Verleger die Rolle des Schlichters. Nach einer Reihe von Skandalen mürbe geworden, verbietet Bernhard Mitte der 80er Jahre Aufführung, Neudruck und Vertrieb seiner Stücke bzw. Bücher in Österreich, und Unseld versucht zu vermitteln. Unselds Argumente – das sei doch ein Schlag ins Gesicht der Leser und ein Triumph der Feinde, man würde sich bloß lächerlich machen – desavouiert Bernhard als egoistisch, opportunistisch und geschmacklos. Im Übrigen halte er nichts von der öffentlichen Meinung. Es ginge ihm allein darum, vor sich selbst gut dazustehen (Aus einem nicht abgeschickten Brief im Nachlass. (9. 8. 85).

Konfrontiert mit einer Kaskade aus Vorwürfen und Erpressungsversuchen, erhöht Unseld den Einsatz, obwohl er die Systematik der Provokation erkennt. Im Zwiegespräch schließlich erreicht er, vermutlich durch seinen Charme, bisweilen einen Etappensieg. Wieder mit sich allein aber kehrt der unbelehrbare Bernhard oftmals zu seinen früheren Positionen zurück, mitunter mit noch größerer Vehemenz. Mag sein, dass Unseld mit der Zeit sogar ein Gespür dafür entwickelte, wie der Wahrheitsgehalt einer Aussage nach Maßgabe der Persönlichkeitsstruktur des Autors zu modifizieren wäre…

Man macht sich lächerlich

Die Fixierung auf vertragliche und finanzielle Details, das unermüdliche Sichabarbeiten an der perfekten Vereinbarung, an der ein für allemal verbindlichen Vorgangsweise. Das alles schafft eine Dynamik, die Bernhard anscheinend in einer künstlerisch produktiven Spannung zu halten vermochte. Unseld wiederum wusste, wie es um die Querverbindungen zwischen seiner Haltung im Leben und den imaginären Welten des Autors bestellt war, und er besaß einen untrüglichen Instinkt für das literarisch Bedeutsame im zwischenmenschlich Beiläufigen. Dieser kam nicht zuletzt seinen „Suhrkamp-Chroniken“ zugute, in denen er mündliche Gespräche mit Autoren transkribierte und kommentierte. Manchmal haben diese Chroniken den Charakter von Protokollen, manchmal muten sie an wie reale Pendants zu Bernhards Dramoletten, mit unüberhörbar parodistischen Untertönen: „S. U.: Ja, Sie haben recht, man sollte nicht zu viel produzieren.“ „Th. B.: Ja, man macht sich lächerlich…“

Diese nüchtern kommentierten, vom Verleger genau kuratierten Gesprächsbruchstücke sind ein mehr als kurzweiliger Kontrapunkt zur Bernhardschen „Gebetsmühlenprosa“ (S.U.) und sie verleihen dem Briefwechsel einen ganz eigenen, schalkhaften Duktus. In seinem „Reisebericht Salzburg“ von Mitte August 1985 etwa fängt Unseld den ungeheuer bezeichnenden Satz „Leben, solange wir leben“ ein, den Bernhard im Gespräch mehrmals wiederholt hätte. „Leben, solange wir leben“, das hätten auch viele der Figuren in Thomas Bernhards Erzählungen oder Theaterstücken sagen können: als lapidares, fast schon genießerisches Einstimmen in den eigenen Untergang.

Im Hin und Her zwischen nacherzählten realen Begegnungen und brieflichen Auseinandersetzungen entsteht so ein doppeltes Psychogramm, in dem die Genese von Büchern als Wechselspiel gegenseitiger Verheißungen sichtbar wird. Die neuen Manuskripte wickelt Unseld aus wie Geschenkpakete und auch Bernhard freut sich diebisch, wenn ein noch unpublizierter Text bei Unseld auf die erhoffte Reaktion stößt. In diesen manischen Phasen erreicht er selbstredend auch den höchsten Grat an Verwundbarkeit: „Ob wir bemerkt haben, daß die 'Alten Meister' sein 'bestes Buch' seien“?, zitiert Unseld Bernhard in seiner Chronik am 15. 7. 85.

Unselbständig und aufbrausend

Bedarf die professionelle Seite zu Beginn des Briefwechsels anscheinend keiner weiteren Erläuterung („sollte die weitere Betreuung, auch zu ihrem Schutz und zu Ihrem Ansehen, unsere Sache sein“), entwickelt sich der Verleger über die Jahre mehr und mehr zum professionellen Pendant des von Bernhard so oft beschworenen „Lebensmenschen“. Er weiß, wann der Autor eine Aufmunterung gebrauchen kann, und auch Bernhard macht Unseld ein großes Kompliment, wenn er vom „Editor“ spricht, der kein „Konditor“ sei (19. 11. 84) Auf derlei reziproke Solidaritätsbekundungen sind die beiden angewiesen, denn mit zunehmendem Erfolg häufen sich auch die Momente, in denen geschlossenes Auftreten unabdingbar ist. So muss Unseld etwa den Augsburger Oberbürgermeister beschwichtigen, dessen Stadt in „Die Macht der Gewohnheit“ (9. 8, 74) mit dem Attribut „Lechkloake“ versehen wurde („Ein Theaterstück besteht aus Konflikten und Kontroversen, Widersprüchen und Dialogen“!), während sich im 1988 erschienenen Stück „Heldenplatz“ ganz Österreich zur „geist- und kulturlosen Kloake“ auswächst. Spätestens jetzt ist nichts mehr zu retten.

Dass das Katz- und Mausspiel zwischen provozierendem Autor und linkisch in alle Fallen tappender Staatsgewalt bei Bernhard zum wiederholten Mechanismus, ja fast schon zum Selbstzweck tendierte, ist keine Neuigkeit. Von einem im Entstehen begriffenen Buch befindet Unseld noch vor der Drucklegung, dass es Bernhard bestimmt neue Schwierigkeiten einbringen werde, aber auch „neuen Ruhm“. Das lässt sich fast als Leitmotiv betrachten, denn diese Art von Schwierigkeit war dem Autor ebenso Antriebskraft und der nicht aufzulösende Widerspruch zwischen dem Ringen um Anerkennung und der Zurückweisung jedweder Einvernahme das Signum der öffentlichen Figur T. Bernhard. 1968 schreibt Unseld seinem Autor noch, der „Große Österreichische Staatspreis“ möge seine weitere Arbeit beflügeln, ehe es bei der Preisverleihung zum berüchtigten Eklat kommt.

In Hinblick auf das Gesamtbild ist es von erheblichem Gewinn, dass in den Reigen der editorische Kommentare auch externe kritische Positionen einbezogen wurden, wie zum Beispiel Dieter E. Zimmers grundsätzliche Stellungnahme zur Ambivalenz von Ehrungen und Preisen bei einem Autor, der alles auf die Karte der Kompromisslosigkeit setzt: „Thomas Bernhard feiern heißt ihn verachten oder zeigen, daß man ihn nicht verstanden hat. Es heißt: so ernst kann er es nicht gemeint haben. Und daß ein Autor wie Bernhard das Spiel mitspielt, heißt: so ernst habe ich es nicht gemeint.“ Soll ein aufmüpfiger Autor also nicht geehrt werden? Oder ehrt es ihn umso mehr, wenn er die Ehrung kühn in den Wind schlägt?

Ehrenvoll ist freilich nicht alles, was man hier über Thomas Bernhards menschliche Seite erfährt. Wer auch den Handke-Unseld-Briefwechsel gelesen hat, wird z.B. konstatieren, dass dort literarisch-ästhetische Fragen eine wesentlich größere Rolle spielen. In beiden Briefwechseln jedoch ist es erstaunlich, auf welch kindisches Niveau sich der Verleger mitunter begeben muß, wenn er mit diesen beiden genialisch selbstbezogenen Diven, Derwischen und Dreschflegeln verbal Schritt halten will. Sie sind fordernd, provokant, larmoyant, skeptisch in Hinblick auf die Wertschätzung ihrer Kollegen, eifersüchtig in Hinblick auf die exklusive Zuwendung des Verlegers. Sie sind in höchstem Grade unselbstständig und aufbrausend, wenn sie Hilfe brauchen und ihnen nicht sofort unter die Arme gegriffen wird. Sie fordern den äußeren Erfolg und mit dem äußeren Erfolg die ungeteilte Gefolgschaft.

Kaltschnäuzigkeit und Rücksichtslosigkeit

„Verlegerbeschimpfung“ nennt Unseld diese dramatisch-dämonische Verhaltensweise einmal, wohl nach dem Modell von Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Da kann es zum Beispiel vorkommen, dass Bernhard die Auslieferung eines Buches stoppt und zugleich fehlende Werbemaßnahmen moniert, dass er dem Verleger mangelnde Obsorge vorwirft und zugleich ein Freundschaftsverhältnis aufkündigt; dass er gegen die „Kopflosigkeit“, „Schlamperei“ und „Gleichgültigkeit“ des „Verlagsapparats“ Sturm läuft und seine Anliegen mittels Schimpfkaskaden, erpresserischen Beleidigungen und beleidigten Erpressungen durchsetzen will. Im selben Atemzug muss Unseld in Kauf nehmen, dass der überaus geschäftstüchtige Bernhard ihn öffentlich als geldgierig brandmarkt. In der Tat wird Bernhard im Jähzorn schon einmal inkohärent, die Inkohärenz jedoch scheint ihn noch jähzorniger zu machen. Nur wenn die Zahlen für sich sprechen, erfasst ihn plötzlich eine große Ruhe – ein Umstand, den Unseld gekonnt zur Beschwichtigung einsetzt…

In periodischen Abständen mit Bernhards Wutanfällen konfrontiert, zieht Unseld alle Register. Am wenigsten Glück hat er mit dem idealistischen: „Daß ein Leser, ein Mensch (…) von einem Wort von Ihnen getroffen sein kann“ (5. 12. 1972) interessiert Bernhard reichlich wenig. Er will zwar geliebt (und vor allem gekauft und gelesen) werden, doch er begegnet auch der Zustimmung mit Vorsicht, weil die Energie der Verachtung, im Sinne der Analyse Dieter E. Zimmers, sein Schreiben unentwegt motorisiert. Überhaupt scheint ihn an der Aufmerksamkeit vor allem eines zu interessieren: Dass man sie so herrlich zurückweisen kann. Das gilt auch für die runden Geburtstage, die er partout nicht feiern will, während die Geburtstage Unselds, von einer schönen schriftlichen Hommage einmal abgesehen, in der Regel kaum Beachtung erfahren. In jedem Fall dienen Geburtstagsgrüße und -wünsche nur der Besiegelung unverminderter Schaffenskraft: „Ihnen (…) gilt wie mir letztlich nur die Arbeit, sie ist der Sinn.“ (9. 2. 81)

Was blieb Unseld auch anderes übrig, als Bernhards Kaltschnäuzigkeit und Rücksichtslosigkeit als Begleiterscheinung seiner vielversprechenden Produktivität in Kauf zu nehmen? Sagenhaft die Rechtfertigung, die Bernhard einfällt, nachdem er seinen Verlegerfreund in Bochum brüsk versetzt hat: „Ich nehme aber an, dass sie, der Gescheite, die vier Stunden nicht ohne geistigen Profit gelebt haben. Und wenn ich den Ärger über mich dazurechne, haben Sie noch einen grossen Gewinn gehabt. Einen umso grösseren in einer so grauenhaften Stadt. Die hässlichsten Orte sind ja gleichzeitig immer die nützlichsten.“ (15. 9. 80) Mach etwas daraus! Das also ist die Entschuldigung für ein nicht stattgehabtes Treffen, doch es ist auch eines der erfolgreichsten Rezepte, die in Bernhards literarischer Küche gelten – effiziente Selbstmedikation eines prinzipiell Gekränkten. Schade nur, dass es nie zur Gegenprobe kam. Denn Gleiches mit Gleichem, das galt in dieser Beziehung nie.

Beinahe unmerklich Freunde

Durch unzählige Ausgaben, Absagen, Neuauflagen, Vorschüsse, Verausgabungen des Autors sowie des Verlegers hindurch zeichnet der Briefwechsel somit eine lange gemeinsame Geschichte nach. Auch wenn hier wie gesagt kaum literarische Debatten geführt werden, kann die Leserin die Bezüge zwischen Werk und Briefen nach Gutdünken selbst herstellen und wird dabei auf zahlreiche Parallelen in Stil und Register stoßen. Das gelingt, weil dieser Virtuose der Wut zwischen seinen literarischen und brieflichen Erregungen gekonnt hin und herspringt, weil er Briefe als Blitzableiter einsetzt oder gelungene Formulierungen ohne Skrupel für diverse Kontexte adaptiert. Einmal unterzeichnet er einen Brief mit „Ihr einfach / komplizierter Thomas Bernhard“, einmal schickt er einem riesigen Theaterdonner ein desillusionierendes Fazit nach, das dem Jargon der Bernhard-Figuren bis auf ein Haar gleicht: „Die Welt ist zweifellos das größte Erlebnis, aber zum Grossteil erschöpft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung“ (15. 9. 89) Auf einen „Freispruch“ könne der „Untersuchungshäftling“ nicht hoffen.

Welch ein Privileg der uneigentlichen Intimität eine solche, an ihn adressierte „literarische“ Sprechweise bedeutete, das hatte Unseld, zumindest in diesem Fall, nicht sofort erkannt. Folgerichtig reagiert Bernhard aggressiv, er toleriert es nicht, dass der Andere auf diesen Brief, in dem er endlich redet wie er schreibt („Aber ich bin naturgemäß in die Schauspielkunst verliebt“) in einem unbedeutenden Geschäftston antwortet, der keinerlei innere Beteiligung erkennen lässt.

„Ich denke, mit den Rechten, die der Verlag an meinem Arbeiten hat, wird dieser Verlag noch Jahrzehnte nach meinem Tod immense Summen verdienen.“ (23. 2. 80) Diese Prognose in eigener Sache zeugt von einer gewissen Weitsicht: Thomas Bernhard ist ein Schriftsteller von Weltruhm geworden.
Unseld scheint das zu Lebzeiten sehr wohl geahnt zu haben, und zwar schon lange, bevor er den eindringlichen Nachruf verfasste, der ebenfalls in dem Band abgedruckt ist. Dieser Text hat, in seiner nachgiebigen, resignierten, doch selbstbewussten Zärtlichkeit vielleicht nur in dem schon angesprochenen Prosastück „Unseld“ ein Pendant, mit dem Bernhard auf einen runden Geburtstag seines Verlegers reagierte. Werden hier die gemeinsam erlebten Momente und Kalamitäten (auch ein „logischer Lachkrampf“ ist darunter) vom Autor auf lapidar-komische Weise geschildert, bricht der Verleger dort in eine Art ungläubiges Schluchzen angesichts eines Verlustes aus, der im Grunde nur der Beginn einer neuen Karriere des Schriftstellers war. Ein bewegendes Finale auch angesichts der Tatsache, dass Bernhard noch im Augenblick seines Ablebens auf Distanz bedacht war. Erst Tage nach Bernhards Tod hatte Unseld die traurige Nachricht erhalten.
So überwiegt, bei aller wachsenden Nähe, am Ende doch die Ambivalenz. Diese beiden Protagonisten eines rasant im Wandel begriffenen Literaturbetriebs hatten nicht nur das Privileg, einander in den einschneidenden Phasen ihres beruflichen und privaten Werdegangs zu begleiten und beizustehen, sie haben auch etwas zusammen erlebt. Sie sind beinahe unmerklich Freunde geworden, während jeder für sich an seiner Selbstverwirklichung arbeitete. An den emotionalen Prioritäten und unmittelbaren Realitäten ändert dieser Umstand jedoch reichlich wenig: „Jede Zeile, die Bernhard geschrieben hat, steht ihm näher als die Beziehung zu mir.“ (7. August 1981)

Und doch: Wie man im Dschungel der literarischen Behauptungen und Selbstbehauptungen zusammen halten und dabei sich selbst am nächsten stehen kann, das lässt sich aus diesem unliterarischen Austausch über literarische Dinge auf beeindruckende Weise erfahren. Als nachgeborene Leserin darf man sich vielleicht dennoch fragen, ob es nicht auch weniger selbstbezogen, weniger machtbewusst, weniger aufbrausend ginge und, wenn ja, sich heimlich wünschen, adäquate Brief- oder Emailwechsel unserer Tage dereinst in ebenso sorgsam editierter Form zu lesen.

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erstellt am 04.2.2018

Thomas Bernhard und sein Verleger Siegfried Unseld, Foto: Barbara Klemm
Thomas Bernhard (rechts) und sein Verleger Siegfried Unseld, Foto: Barbara Klemm

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld
Der Briefwechsel
Taschenbuch, 869 Seiten
ISBN: 978-3-518-42213-7
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

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