Buchkritik

Yanick Lahens

»Und plötzlich tut sich der Boden auf«

Von Andrea Pollmeier

Nach dem schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010 verharrte die haitianische Autorin Yanick Lahens zunächst in Sprachlosigkeit. Doch als sie die Berichte der internationalen Medien las, rührte sich in ihr Widerstand: typische Haiti-Klischees hatten sich bereits über die Bilder von Trümmern und Leichen geschoben.

„Schweigen hätte das Zerstörungswerk des Bebens fortgesetzt“, erklärt Yanick Lahens rückblickend. Sie begann, ihre Beobachtungen festzuhalten. Entstanden ist ein Buch, das den Protest in Analyse wandelt. Der Zürcher Rotpunkt-Verlag hat es unter dem Titel „Und plötzlich tut sich der Boden auf“ in der Übersetzung von Jutta Himmelreich publiziert und im Untertitel „Ein Journal“ benannt. Diese Zuordnung ist jedoch irreführend. Denn der Text ist ein Hybrid, zusammengefügt aus Teilen einer Chronik, aus gesellschaftspolitischen Analysen und fiktiven Elementen. Die Erzählweisen greifen wie ein Mosaik ineinander und führen auf dreispurigem Weg zurück zu den Schrecken des Bebens. Wenn tagelang Gespräche mit Verschütteten nur per Handy möglich sind und deren Stimmen allmählich schwinden, ist Not unmittelbar. Yanick Lahens bleibt jedoch nicht auf dieser Ebene emotionaler Anteilnahme. In ihren analytischen Passagen nimmt sie Distanz, ordnet das Geschehene in seinen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext ein.

Yanick Lahens kennt die haitianische Gesellschaft sehr genau. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium an der Sorbonne in Paris hat sie konstant in Haiti gelebt, dort als Lehrerin und Lektorin gearbeitet und sich ohne Scheu in interdisziplinären Gremien für Reformen engagiert. Diese Haltung prägt auch ihr in Frankreich unter dem Titel „Failles“ („Kluften“) erschienenes Erdbeben-Buch. Mit dem Begriff „Kluft“ verweist sie nicht nur auf ein geologisches Phänomen, sondern auch auf eine Kluft, die die haitianische Gesellschaft in zwei Teile spaltet. In Gesprächen mit befreundeten Historikern, Soziologen und Religionsanthropologen werden diese Zusammenhänge sichtbar. Der nachgezeichnete Diskurs legt den Finger auf die Wunde und nennt Ursachen für die verheerenden Folgen des Bebens. „Port-au-Prince war ausgeliefert, bloßgelegt, nackt, aber schamlos war Port-au-Prince keineswegs. Schamlos war die erzwungene Entblößung. Schamlos war und ist die skandalöse Armut. Eine Armut, die der Lauf der Welt mit sich gebracht hat.“

Der Blick der Autorin richtet sich auch auf die internationale Gemeinschaft. Die haitianische Erfahrung zeige, dass Nord-Süd-Beziehungen bis heute fehlgerichtet seien. „Wir wissen, dass uns die Hilfe nicht retten wird. In ihrer Logik steckt ein Denkfehler.“

Yanick Lahens zählt zur kritisch-engagierten, intellektuellen Elite Haitis. Immer wieder betont sie, dass nicht nur Korruption und Inkompetenz die haitianische Verwaltung prägen, sondern vor allem Professionalität und Fleiß. Gerade die Menschen, die nach Büroschluss noch ihren Dienst versahen, kamen in den stürzenden Mauern um. Ihr Andenken zu verunglimpfen heiße: „Nun sterben sie ein zweites Mal.“

erstellt am 27.6.2011

Yanick Lahens
Und plötzlich tut sich der Boden auf
Haiti, 12. Januar 2010
Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich
Rotpunktverlag 2011
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