Im zweiten Teil der vierteiligen Serie über deutschsprachige Krimiautorinnen stellt Kirsten Reimers die 1972 geborene Wahlhamburgerin Simone Buchholz vor. Deren in St. Pauli angesiedelten Romane haben sich im Laufe der Zeit zu realitätsverankerten Großstadtkrimis mit erzählerischer Wucht entwickelt.

Krimiautorinnen, Teil 2

Großstadtwesternkrimis

Im Mittelpunkt der Krimis von Simone Buchholz steht die Staatsanwältin Chastity Riley, deren Vater ein in Hessen stationierter US-Offizier war. So erklärt sich der ungewöhnliche Vorname. Angesiedelt sind die Romane in Hamburg-St. Pauli, dem Amüsier- und Hafenviertel der Stadt rund um die bekannte Reeperbahn. Erzählt wird in Ich-Form aus Perspektive der Hauptfigur.

„Revolverherz“, der erste Krimi, erschien 2008. Darin geht es um einen Serienmörder, der Tänzerinnen aus dem Rotlichtmilieu umbringt und skalpiert. Der Plot bietet wenig Neues, der Fortgang der Handlung beruht viel auf Zufällen. „Knastpralinen“ (2010) befasst sich mit Gewalt gegen Frauen und erinnert an die sogenannten Frauenkrimis der 1980er Jahre, in denen der wehrhafte Widerstand von Frauen gegen gewalttätige Übergriffe verstärkt thematisiert wurde. Sowohl „Revolverherz“ als auch „Knastpralinen“ wirken etwas konstruiert und gewollt. Mit „Schwedenbitter“ (2011) wendet sich die Autorin erstmals aktuellen gesellschaftlichen Themen zu. In diesem Buch geht es unter anderem um Immobilienschachereien in Hamburg, die sich so oder so ähnlich durchaus tatsächlich zugetragen haben könnten. Zudem spielt erstmals das organisierte Verbrechen eine Rolle. Diese ersten drei Kriminalromanen sind in Struktur und Thematik sehr unterschiedlich. Wie Simone Buchholz selbst sagt, hat sie in diesen ersten Romanen ausprobiert, wie sie mit dem Genre umgehen möchte und welche Form von Kriminalromanen sie schreiben möchte.

Die nachfolgenden Romane konzentrieren sich stärker auf gesellschaftsrelevante Themen. So geht es in „Eisnattern“ (2012) um wohlstandsverwahrloste Jugendliche und Gewalt gegen Obdachlose. „Bullenpeitsche“ (2013) greift die organisierte Kriminalität wieder auf und thematisiert die Verschränkungen von Wirtschaft, Politik und Verbrechen anhand von Immobiliengeschäften und Korruption.

Am bekanntesten wurde Simone Buchholz für ihren sechsten Kriminalroman „Blaue Nacht“ (2016). Die bisherigen Romane waren im Verlag Droemer Knaur erschienen. „Blaue Nacht“ kam beim Suhrkamp Verlag heraus. Dieser Wechsel, eine andere Positionierung des Romans, vielleicht auch ein anderes Lektorat in Kombination mit gewachsener Schreiberfahrung der Autorin sorgten dafür, dass der Roman bei Kritik wie beim Publikum stärker wahrgenommen und wertgeschätzt wurde. „Blaue Nacht“ stand mehrere Monate auf der KrimiZeit-Bestenliste (seit Januar 2017 Krimibestenliste), zwei davon auf Platz eins. Er wurde mit dem Deutschen Krimi Preis 2017 (Platz 2 in der Kategorie „National“) und dem Cologne Crime Award 2016 ausgezeichnet. 2018 erscheint das Buch unter dem Titel „Blue Night“ in englischer Übersetzung bei Orenda Books London. Thematisch geht es um Drogenhandel auf internationalem Niveau und noch einmal um die Verflechtungen von Wirtschaft, Politik und Verbrechen, in die wiederum die organisierte Kriminalität involviert ist.

Im Sommer 2017 erschien der siebte Roman, wiederum bei Suhrkamp, mit dem Titel „Beton Rouge“. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um eine private Rachegeschichte zu handeln, die jedoch durch ihre Einbettung in aktuelles Geschehen gesellschaftskritische Dimensionen bereithält. Thematisiert werden gesellschaftlicher Egoismus, Wohlstandsverwahrlosung wie auch ungebremste Profitmaximierung auf Kosten Schwächerer.

Eigenwillige Figuren

Die Verbrechen und die zu lösenden Fälle rücken in den Kriminalromanen von Simone Buchholz mitunter angesichts der privaten Probleme der Hauptfigur und ihres Umkreises in den Hintergrund. Wie Buchholz selbst sagt, ist sie nicht besonders „plotstark“. Dies wird wettgemacht durch eine ungewöhnliche Hauptfigur samt eigenwilligen Freunden und Kollegen, die dank warmherziger Zeichnung und trockenem Humor am Klischee vorbeirutschen, wenn auch manchmal nur knapp. Im Zentrum steht wie schon erwähnt die Staatsanwältin Chastity Riley, sie ist wie die Autorin in Hessen geboren, durch Zufall in Hamburg-St. Pauli gelandet und dort nun heimisch. Sie hat so gar nichts Hanseatisch-Zurückhaltendes an sich. Riley ähnelt in mancher Hinsicht den Hard-boiled-Charakteren der US-amerikanischen Kriminalromane in der Tradition Raymond Chandlers: Sie raucht und trinkt zu viel, ist schlagfertig, neigt aber auch zu Melancholie und Depression, grübelt und hat große Angst vor Bindungen, besonders vor Liebesbeziehungen. Anders als die Helden der Hard-boiled-Romane steht Chastity Riley jedoch nicht isoliert da, sondern verfügt über ein belastbares soziales Netz aus Freunden und Kollegen, die sich gegenseitig unterstützen und auffangen. Buchholz’ Romane handeln so nicht nur von Verbrechen, sondern auch vom Wert der Freundschaft.

Eine weitere wichtige Rolle nimmt die Stadt Hamburg beziehungsweise das Viertel ein: St. Pauli. Das Viertel ist so grundlegend für die Romane, dass man es fast als eine eigenständige Figur mit vielen Gesichtern und Facetten betrachten kann: Zu ihm gehören und werden stets thematisiert das Wetter, die Möwen beziehungsweise die gesamte Vogelwelt, der Asphalt, die Industrieflächen, der Hafen, dessen Kräne. So entsteht kein realistisches Abbild der Stadt oder des Viertels, sondern eher ein ideeller, mitunter stark überhöhter Sehnsuchtsort, der verspricht, Heimat zu sein.

St. Pauli ist mit dem Hafen auch plotbestimmend für die Romane von Simone Buchholz, zumindest für die späteren. Der Hafen ist die offene Flanke der Stadt, durch die Gefahr und Bedrohung – das Verbrechen – eindringt. Chastity Riley und ihre Truppe aus Polizeikollegen und Freunden stellt sich dem entgegen und versucht, es aufzuhalten, was aber oft nur in begrenztem Maße funktioniert, sodass am Ende der Bücher nicht alles gut ist, das Verbrechen nicht ein für alle Mal beendet und das organisierte Verbrechen nicht endgültig aus der Stadt vertrieben ist. Simone Buchholz schreibt also Großstadtkrimis, die in ihrer Struktur auch an Western erinnern.

Organisierte Kriminalität im Blick

Die organisierte Kriminalität spielt in diesen Romanen eine zunehmend gewichtigere Rolle. Buchholz ist es ein Anliegen zu zeigen, dass diese nicht fern ab irgendwo existiert, sondern auch den Alltag ganz normaler Bürger tangiert. Buchholz orientiert sich dabei an den tatsächlichen Verhältnissen in Hamburg, ohne Schlüsselromane zu schreiben. Die Verquickung von Mafia und Unternehmertum hätte in Hamburg aber die besten Möglichkeiten, wie Simone Buchholz sagt, denn die Mafia-DNA und die Hamburger DNA passten perfekt zusammen, da hier Geld zwar verdient, aber nicht darüber gesprochen wird. Im Grunde seien diese Verbindungen auch für alle ersichtlich, man müsse nur die Artikel in den unterschiedlichen Presseorganen aufmerksam lesen und auf die Überlappungen achten.

Aber nicht nur die Verbindung zur Stadt interessiert die Autorin, sondern auch das innere Funktionieren von Clans und Männerbünden sowie die Ängste, von denen diese getragen werden. Wenn in einer Kultur wie dem organisierten Verbrechen (aber auch in anderen Männergesellschaften) immer wieder betont werden müsse, wie stark man sei und wie wenig Angst man habe, dann müssen dahinter große Ängste stecken, etwas zu verlieren oder nicht zu sein, was man sein möchte, so Buchholz.

Geschrieben sind die Romane aus der Sicht der Hauptfigur in einer am gesprochenen Wort orientierten Sprache. Buchholz setzt auf Dialoge und Handlung, moderierende oder erzählerische Passagen sind eher selten. Der Ton ist fast schnoddrig, er ist cool und lakonisch, dabei warmherzig – und wenn es um Freundschaft oder St. Pauli geht, droht er mitunter ins Pathetisch-Kitschige abzurutschen, ohne es zum Glück jedoch zu tun. Bei aller Melancholie, die die Bücher und die Psyche der Hauptfigur durchzieht, ist das Geschehen gleichzeitig leichtfüßig mit sehr trockenem Humor erzählt.

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erstellt am 02.2.2018

Simone Buchholz, Foto: Achim Multhaupt
Simone Buchholz, Foto: Achim Multhaupt
Zur Person

Simone Buchholz

Simone Buchholz, geboren 1972 in Hanau, absolvierte die Henri-Nannen-Schule für Journalismus und arbeitete lange freiberuflich und angestellt für mehrere Magazine. Heute lebt sie als freie Autorin in Hamburg. Neben Kinder- und Jugendbüchern, erzählenden Sachbüchern für Erwachsene sowie Kurzgeschichten und Kurzkrimis hat sie bislang sieben Kriminalromane verfasst.

Englische Fassung erscheint in:

Thomas W. Kniesche (Hg.)
Contemporary German Crime Fiction
A Companion
Kartoniert / Broschiert, 300 Seiten, 10 Abb.
ISBN: 9783110426557
Verlag De Gruyter

Erscheint im August 2018
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