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Für Elfriede Jelinek „hat es nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Fassbinder, im Osten Schleef“. Der zweite Band des Briefwechsels zwischen dem genialen Schriftsteller, Fotograf, Theatermacher, Maler, Schauspieler Einar Schleef und seiner Mutter Gertrud ist jetzt erschienen, und er dokumentiert vor allem, wie der Sohn die Mutter zu Erzählungen aus ihrem Leben drängt – später wesentliches Material für seinen Roman „Gertrud“. faust stellt hier einen Brief daraus vor.

Brief vom 26. 11. 80

Einar Schleef an seine Mutter

Liebe Mutter

also anbei das Buch. Vorsicht, da sind erfundene und wahre Geschichten gemischt, nicht gleich meckern, wenn ich von Deinen Angaben abgewichen oder gar etwas anderes behaupte. Wenn Du es lesen solltest, wäre es sehr gut und richtig, wenn Du Anmerkungen notierst, Schreibmaschine und mehrere Durchschläge. Bitte notiere Änderungsvorschläge, notwendige Ergänzungen oder wenn Du etwas aus einer anderen Sicht geschildert haben willst, einfach alles, was Dir dazu einfällt, auch wenn es für mich nicht so ganz günstig ausgeht. Bitte immer jeweils voran die Seitenzahl und Zeile vom Buch, auf die sich Deine Darlegung bezieht. z. B. 214/3. Dann kann ich mit den einzelnen Geschichten schneller umgehen und sie jeweils einlegen, da ich ja noch eine Fortsetzung mache, da sollen dann Deine Änderungen rein, natürlich noch von mir eingerichtet, aber eine gewisse Reibung, Widersprüchlichkeit in den Fakten und ihrer Darstellung ist sicher sehr gut.

Die Körperbeschreibungen werden Dich etwas verstimmen, aber das finde ich unumgänglich, vorallem hier, wo alles so pingelig und fein und überkosmetisch ist, da haut das voll mang. Darüber wurde auch im ZDF gesprochen. Also wiederholt wird der Beitrag nicht, aber Jahresende soll es den Preis dieser Sendung geben mit Gespräch, mal sehen, ob ich dabei bin. Außerdem ist eine extra Sendung mit mir in Vorbereitung, wann und wie weiß ich aber noch nicht.

Mach bitte mit dem Buch keine Reklame, ich will unangefochten die Fortsetzung machen, habe die authentischen Namen belassen, wo der Sachverhalt bekannt oder von mir frei erfunden wurde, das auch jedem einsichtig ist. Keine Sorge, das ist ein ganz übliches Verfahren. Eben hat Frau Höpfner angerufen, die bei ihrem Sohn, sie hätte die Sendung gesehen, müsse außerordentlich sein. Emmchen kommt ja auch vor. Im Frühjahr will sie mal nach mir sehen.
Deinen Brief auch vorhin gekriegt, mit der Watte, Scheiße und der Fernseher macht ausgerechnet da Schluß, wos wichtig ist. Dein Brief ist herrlich, schreib doch mehr, kann das gut jetzt gebrauchen, glaube hatte noch nie eine so schlimme Zeit wie zwischen Buchabgabe und bis es vorlag. So schlimm wars bis jetzt nie. Bin dann ziemlich verzweifelt weggefahren, Süditalien, unterhalb Neapels, vor 3 Tagen Erdbeben, alles verwüstet. Genau die Strecke wo wir zu Fuß lang, jeden Ort kenn ich auch teilweise fotografiert, will nicht behaupten ich hätte das geahnt, aber komisch war mir, furchtbar eigenartig, als ob vom Himmel oder von innen was einstürzt, ich habe so etwas noch nie erlebt, als würde sich unsichtbar etwas zusammenbrauen, natürlich kam hinzu, daß ich in einer schwierigen Situ ation war und auch mit meinem Freund das nicht so war, wie ich es wünschte, aber es hat mich richtig beunruhigt und lange stand ich unter diesem Eindruck, auch die Fotos sind beim Entwickeln vermistet, nicht von mir, vom Labor, was ich für einen Aufstand gemacht, müsste doch die Fotos haben, wie etwas, was ich unbedingt unbeschädigt behalten wollte. Die meisten haben Blasen, da ist die Entwicklerlösung kleben geblieben und helle Flecken, sicher man sieht Gespenster, ich will das auch wegschieben, aber ganz innen bleibt es ungeklärt, ich weiß, ahne und darf gleichzeitig das nicht wissen. Kennst Du das auch.

Bitte krieg ja keinen Herzschlag wie angekündigt, Frau Höpfner ist 80 und hält sich ganz wendig, kümmert sich um die Sachen vom Mann, zieht ziemlich viel Kraft draus, auch einige Erfolge, aber muß auch zäh ran, alles will nicht so wie sie kann und möchte. Habe mich sehr gefreut, hat sich viel um Emmchen gekümmert.

Bitte schreib mir häufig, auch wenn es für Dich Kleinigkeiten sind, muß mir ja jedesmal vorstellen wie Du lebst, mir auch die Welt fürs Buch zurechtzimmern, ist ja nicht die reale, sehr erfunden, aber sonst käme ich gar nicht hin. Vorallem wenn Du böse wirst, was ich geschrieben, bitte mach Dir Notizen, das ist ganz wichtig, gerade dadurch kriegt es ja Leben. Wir müssen uns keinen Zucker ums
Maul schmieren. Dazu ist die Arbeit zu gut. Morgen stehts im Stern, gleichwichtig wie Fernsehen mit Deinen Bildern und neben Dir ich. Immer ruhig, Du mußt Dich halten und sei versichert, das wird alles noch klappen so wie wir es wollen. Nur paß auf Dich auf, bitte, sei vorsichtig mit Dir Deinem Bein, die Sache braucht Zeit und Du Nerven. Habe Renate geschrieben, daß sie Dich mal mit Martin besucht oder Du ihn in den Ferien mal nimmst, versuch Dich bitte mit ihr zu einigen, auch wichtig für mich, was bleibt uns denn eigentlich im Leben, die Frage stellst nicht nur Du Dir, auch wenn wie jetzt alles ganz gut läuft, glücklich, das war ich nicht, das werde ich nicht werden. Müsste mir die Augen zuschmieren, dann schiene die Sonne. Das kann ich aber nicht, noch nicht. Kopf hoch!

Einar
Herzliche Grüsse

Zeichnung von Einar Schleef

Zeichnung von Einar Schleef aus dem Band © Einar-Schleef-Archiv, Akademie der Künste, Berlin

Auszug aus: Briefwechsel 2 (1977-1990): Gertrud Schleef / Einar Schleef, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2011
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erstellt am 27.6.2011

Einar Schleef, fotografiert von Andreas Pohlmann
Einar Schleef, fotografiert von Andreas Pohlmann
Zeichnung von Einar Schleef
Zeichnung von Einar Schleef © Einar-Schleef-Archiv