Schonungslos beschreibt Arundhati Roy in ihrem Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“ die Grausamkeiten im indischen Vielvölkerstaat. Doch im größten Leid lässt sie auch Zuneigung und Fürsorge entstehen. Das Geschehen gipfelt in einem Zentrum des Glücks und der Geborgenheit. Clair Lüdenbach hat Roys zweiten Roman gelesen.

Buchkritik

Rettung auf der Endstation

Arundhati Roy, Foto: jeanbaptisteparis / Wikimedia Commons
Arundhati Roy, Foto: jeanbaptisteparis

Nach zwei Mädchen wird einer jungen Frau in Delhi ein Junge geboren. Das Glück der Familie ist vollkommen. Erst am nächsten Tag stellt die Mutter fest, dass ihrer Sohn Aftab auch ein Mädchen sein könnte. Er wächst als Junge heran, aber fühlt sich anders. Als Aftab älter ist, entdeckt er ein Haus, in dem Menschen leben, die ebenfalls anders sind. „Die Frau, der Aftab gefolgt war, konnte sich nur so anziehen, wie sie angezogen war, und so gehen, wie sie gegangen war, weil sie keine Frau war. Was immer sie war, Aftab wollte sie sein.“

Langsam findet er Mittel und Wege, selbst ein Teil dieser Hausgemeinschaft zu werden. Aus Aftab wird Anjum. Arundhati Roy erzählt durch Anjum das Leben der Transvestiten in der indischen Gesellschaft. Man lernt ihre Geschichte kennen, ihre schrecklichen Traumata und ihr Glück, sich in der kleinen Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Anjum wird zur gefragten Sängerin, zur Hure und zur Mutter für ein Waisenkind. Mit diesem umfangreichen Bericht aus dem Alltag der sogenannten Hijras eröffnet die Autorin ihren Roman über die dunklen Seiten Indiens. Man wird hineingezogen in die Mythologien dieser uralten Kultur mit ihrem seit langem bestehenden Kastenwesen, der Grundstruktur indischer Gesellschaftsordnung. Dieser meistens friedfertige Umgang mit Kaste, Klasse und Religion gerät aus politischem oder ökonomischem Kalkül immer wieder in Schieflage. So gelangt Anjum auf der Pilgerfahrt zum Schrein eines Moslem-Heiligen in die Unruhen von Gujarat von 2002, bei der Tausende Moslems niedergemetzelt werden. Anjum überlebt, sie ist schockiert und schwer traumatisiert. „Aber weder Freundlichkeit noch Grausamkeit konnten Anjum dazu bringen, ihr altes Leben in der Khwabgah wieder aufzunehmen. Es dauerte Jahre, bis die Flut von Schmerz und Angst abgeebbt war.“

Fortan lebt sie auf einem Friedhof zwischen den Gräbern. Dieser Ort wird zum Mittelpunkt aller Gestrandeten, geduldet von der Stadtverwaltung und manchmal unterstützt von wohlhabenden Gönnern. So entsteht am vermeintlich traurigsten Flecken der Stadt ein kleines surrealistisch anmutendes Paradies mit Fernseher aus einer Stromleitung, die das Leichenhaus liefert. „Anjum nannte ihr Gästehaus Jannat. Paradies. Tag und Nacht lief der Fernseher. … Insbesondere gefielen ihr drittklassige Vampirfilme aus Hollywood, die sie immer wieder anschaute. Die Dialoge verstand sie natürlich nicht, aber die Vampire verstand sie ziemlich gut.“ Man könnte das Geschehen für eine phantastische Erzählung halten, aber bei Arundhati Roy ist nichts erfunden. Jede Beschreibung von Glück und Unglück hat einen realistischen Bezug zum heutigen Indien. Lang ausholend beschreibt die Autorin den Kaschmirkonflikt, der seit der Unabhängigkeit des Landes existiert. Mit diesem Schauplatzwechsel erscheint Thilo, eine neue Hauptdarstellerin in einem komplexen Beziehungsgeflecht von bedingungsloser Freundschaft und der großen Liebe zu einem Kashmiri.

Aus der vielversprechenden Architektin wird eine Suchende und eine Getriebene im Kriegsgeschehen in den hohen Bergen an der Grenze zu Pakistan. Mittlerweile weiß niemand mehr, wie es genau anfing und wer gegen wen kämpft. Verfolger werden Opfer und noch im rettenden Amerika von ihrer Schuld eingeholt. Arundhati Roy lässt keinen Aspekt der indischen Kriege aus, die neben Kaschmir auch in Assam schwelen oder gegen die Ureinwohner in Zentralindien geführt werden, um an die Rohstoffvorkommen zu gelangen. Die Grausamkeiten gegen die Slumbewohner der Großstädte gehören für sie in diesen Zusammenhang und das Gemetzel an den Sikhs vor und nach der Ermordung Indira Ghandis. Konzentriert und anrührend packt Roy das Unrecht an den Adivasis, den Ureinwohnern, in den Brief einer Mutter an ihr Kind, das sie durch eine Vergewaltigung bekam und fortgab. Da war das Kind längst in der Obhut von Anjum im Paradies auf dem Friedhof. Dort treffen sich zuletzt alle geschundenen Opfer, traumatisierten Sucher und der menschliche „Müll“ der Gesellschaft. Arundhati Roy ist ein wunderbares Buch gelungen. Das Paradies kann überall sein, auch auf dem Friedhof – nichts ist unmöglich in Indien.

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erstellt am 19.1.2018

Arundhati Roy
Das Ministerium des äußersten Glücks
Roman
Aus dem Englischen von Anette Grube
Gebunden, 543 Seiten
ISBN 978-3-10-002534-0
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017

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