Franz Mon feierte seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlass hielt Mons Verleger, Klaus Ramm, im Rahmen eines Festakts in der Historischen Villa Metzler des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main folgende Rede:

Kurze Worte für Franz Mon

»Eine Neugier, die aufs ganze geht«

Von Klaus Ramm

Geburtstag heißt ein Prosastück aus den 50ern von Franz Mon, und der erste Satz heißt folgerichtig: „So lautet der Anfang.“ Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Geburtstagsgäste. „Das Anfangen“, lautet später ein anderer erster Satz von Franz Mon, „das Anfangen hat so ein Moment wie ein Stein, der vom Himmel fällt“.

So fängt es an: aus heiterem Himmel wird Franz Mon plötzlich 85. „beobachten, wie ein wort fällt“, heißt noch ein erster Satz von Franz Mon: „ein kleines macht nur ein geräusch und es liegt schon da, meist unbeschädigt.“

Da liegt es nun, unbeschädigt: Herzlichen Glückwunsch, könnte es heißen, wenn wir aufmerksam hinhören, wären das nicht schon zwei kleine Wörter oder ein zu großes Wort, wie Du es so gar nicht magst, lieber Franz, und wäre das alles nicht ohnehin heute Abend um wenige Tage zu spät gekommen.
Doch so kommen alle Wörter, wie auch die den Festtagen vorbehaltenen großen Worte, zu pät, mit denen ich auf Deinen Wunsch besonders die literarische Seite Deines vielseitigen Oeuvres nun für eine Viertelstunde in den Geburtstagskerzenschein rücken könnte: da leuchtet dann eins der konsequentesten, weiträumigsten und auf untergründige Weise einflußreichsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur kurz auf, das selbst am 85. Geburtstag ihres Schöpfers mit seiner ungebrochenen Begeisterung für die Vielfalt der sprachlichen Erscheinungsformen und Wahrnehmungsweisen von Welt immer noch viel zu lebendig ist, um von der Literaturgeschichte sichergestellt zu werden.

Wollte man, um wenigstens einen Anfang zu machen, neben der Bildenden und der akustischen Kunst, neben deren Schrift-Bild-Collagen und den Hörspielen unfairerweise nur die rund drei Dutzend Bücher und Editionen von Franz Mon säuberlich zu kategorisieren versuchen, geraten sogleich die gängigen Schubladen der Literaturkritik oder –wissenschaft irreparabel aus den Fugen. Schon wenn Mons Werk von wohlmeinenden Rezensenten oder Germanisten, wie es meist umstandslos geschieht, in die ja inzwischen historisch gewordene Schublade der Konkreten Poesie gezwängt wird, knirscht und knittert es vernehmlich. Denn das Stichwort „konkret“ hat für Mon neben der gängigen dinglichen, materialen Komponente noch eine ganz andere Dimension: gerade nicht das Verdinglichte, sondern – sagt er – „das Uneindeutige ist das Konkrete. Was identifiziert ist, ist auch bereits verschwunden.“ Seinem Werk gibt das eine innere Dynamik, die weit über die konkrete Poesie hinaus führt, aber ich muss mich nun davor hüten, seine Bücher heute Abend für Sie zu identifizieren.

„Es gibt nichts Wahrnehmbares“, das ist sein literarisches Credo, „was nicht auch lesbar wäre“. Als Autor folgte Mon schon immer seinem traumhaften Gespür für Sprache selbst dort, wo längst schon keine vertraute Gattung, kein abgeschlossener Text, kein fertiger Satz, kein vereinzeltes Wort, kein unbeschädigter Buchstabe mehr vorkommt – auf dem Buchmarkt allerdings ist das eine stete Herausforderung für die Hersteller, Setzer, Drucker seiner Bücher, manchmal sogar für die Papiermacher und – muß ich wohl doch hinzufügen – natürlich auch für seine Verleger.
Deshalb hat es ein Werk wie das von Franz Mon von Anfang an nicht leicht gehabt. So manche seiner frühen Weggefährten sind von ähnlich avancierten Positionen ausgegangen und haben sie längst verlassen, um das Probierende des Experimentellen mit der Selbstgewißheit des Konventionellen zu versöhnen und so den Buchmarkt zu erobern. Franz Mon – und das ist kein geringes Verdienst – ist mindestens bis zum 85. Geburtstag kompromisslos geblieben, weil man, so sagt er selbst, „hartnäckig auf der eigenen, einmal gefundenen Spur bleiben muß und sich von der Nachfrage – welcher auch immer – nicht die Fragestellung verwischen lassen darf“.

Sprachlicher Erfindungsreichtum und künstlerische Phantasie erschöpfen sich für Franz Mon ja nicht im publikumsträchtigen Ausdenken von fesselnden, fiktiven Stories oder dampfend rührseligen Schicksalen, von zu Papier gebrachten Second-Hand-Gefühlen, bedeutungsheischenden Befindlichkeiten oder von künstlich verbrämter Bevormundung. Auch auf irgendwelche wegweisenden Aussagen, die man auf den so beliebten Wegen der Interpretation am Ende aus jeder Dichtung herauszubekommen hat, werden wir – fürchte ich – selbst an einem Feiertag wie diesem vergeblich hoffen.
Denn der konkrete Ort von Literatur und Kunst ist für Mon die Sprache selbst, ein verlockender Abenteuerspielplatz für neugierige Expeditionen in alle Richtungen, um noch die verborgensten Bedeutungshöfe unserer tagtäglich unbekümmert verwendeten Sprache ans Licht zu bringen. Immer spürt man die elementare Lust am Herauskitzeln der erstaunlichsten Anmutungen aus jedem einzelnen Wort, aus einer jeden Silbe, aus jedem einzelnen Buchstaben unseres gesamten Alphabets, das ihm seit je ein widerborstiger Verbündeter ist; zugleich nimmt Mon die kleinsten Elemente unserer Sprache ganz ernst, auch jeden einzelnen Laut, jede winzige Schriftspur, jede noch so untergründige Bedeutungsnuance. Daher – ich sagte es schon – mißtraut er der großen Worten und hat ein Herz für all die kleinen Wörter, die nur scheinbar unauffällig sind; er liebt gerade die unscheinbarsten Elemente unserer Sprache und gibt ihnen ihre ästhetische Eigenständigkeit zurück, ihre Klarheit und ihre Rätselhaftigkeit, und läßt sie nicht als bloßes Transportmittel für die Übermittlung von Inhalten sofort wieder durchs Bewußtsein fallen wie ich das jetzt hier tun muß.

Die Dauerhaftigkeit der Wörter, die Flüchtigkeit des Artikulierens und das unkontrollierbare Pulsieren der Bedeutungen darin – dies Widerspiel macht Mons Texte so lebendig. Seinen ersten Gedichtband aus den fünfziger Jahren nannte er ebenso nüchtern wie programmatisch artikulationen – schon vom Titel her zur Zeit der Benn-Epigonalität und der Bachmann-Schwärmerei ein schroffer Kontrast zu den damals gängigen Titeln sich modern gebender Lyrik wie Anrufung des großen Bären oder Die Vorzüge der Windhühner. Damals konnte die Literatur – und selbst die Lyrik – noch heftige Debatten auslösen, und Mon stand im Zentrum. Bei einem großen öffentlichen Streitgespräch in der Berliner Kongreßhalle 1960 mit Grass und Rühmkorf auf der einen Seite und Mon und Heißenbüttel auf der anderen, wetterte beispielsweise Peter Rühmkorf: „Dass der eine überhaupt nichts tut, Herr Mon nämlich, und dem Leser alles überlässt“. Und als Mon noch im selben Jahr unter dem Titel „movens“ eine Anthologie avancierter Texte und Dokumente der damals so gut wie unbekannten John Cage und Dieter Roth, Gertrude Stein oder Carlfriedrich Claus und vieler anderer herausgab, die keinen prinzipiellen Unterschied mehr machte zwischen Literatur, Bildender Kunst, Musik und Architektur, störte das den Frieden und den nach dem Krieg gerade wieder restaurierten Literatur- und Kunstbetriebs derart, daß die hiesige allgemeine Tageszeitung unter Führung von Hans Magnus Enzensberger auf einer ganzen Seite lautstark zum Kampf gegen die – wörtlich – „literarischen Terroristen“ der „movens-Bande“ aufrief – eine Leidenschaftlichkeit der Diskussion, die man sich heute im Zeitalter des „anything goes“ und „alles easy“ leider gar nicht mehr vorstellen kann. Die Vehemenz der Attacken von Rühmkorf, Enzensberger, Grass und anderen führte Ludwig Harig listig auf ein simples Vorurteil zurück. „Das Ärgerliche für viele Leute an Franz Mon ist nun nicht, daß er so schreibt, wie er schreibt, sondern daß der Leser so lesen kann wie er lesen möchte.“ Das ist nun in der Tat die Voraussetzung für das Vergnügen an der Lektüre von Mons Büchern: nämlich das neugierig erforschende Hinsehen und das unaufhörliche Hinhören auf die Sprache selber in all ihren Erscheinungsformen und Ausprägungen, ihren Gebrauchsspuren und Beschädigungen, ihren Verwerfungen und Verhärtungen und natürlich auch in all ihren Verlockungen. Sprache besitzt für Mon nicht erst im Kontext Inhalt und Realität. „Das Inhaltliche“, davon ist er überzeugt, „steckt tief in den Methoden der Sprachbefragung“.

Besonders charakteristisch ist deshalb für ihn der Zugriff auf das vorgefundene, in unserer Zivilisation verschlissene Alltagsmaterial an Sprache. Seine Gedichte, Prosastücke, Dialoge und vor allem die Hörspiele sind durchsetzt von klischeehaft verfestigten Redewendungen, Floskeln, Redensarten. Wenn in den Texten dennoch Handlungen oder Situationen erkennbar werden, so sind sie direkt aus solchen Redensarten herausgeschrieben, als hätte sich da eine Art elementare, kollektive Erfahrung abgelagert, die nun aus der Sprache heraus wie von selbst an die Oberfläche drängt. Einerseits wird in dem abgelegten öffentlichen Sprachmaterial das Verdinglichte der Sprache besonders sinnfällig, andererseits spürt Mon darin die Risse und Brüche unseres tagtäglichen Sprachgebrauchs auf, der noch in den unschuldigsten Wendungen durch und durch von Vergangenem durchtränkt ist. Ablagerungen von latenter Gewalt darunter und von deren Verdrängung unter der harmlosen Sprachoberfläche selbst dort, wo es – wie oft bei Mon – von diebischer Komik ist. „Lachst Du wie ein Hund: Es zerrüttet Dir das Gehirn, du kannst gar nicht mehr aufhören.“
Anders gesagt: „Wir haben einsehen gelernt, dass unser Material – die Sprache – durch und durch geschichtlicher Natur ist.“ Diese Einsicht verbot es Mon, auf die sich rapide verändernde Situation Mitte der zweiten Hälfte unseres zwanzigsten Jahrhunderts nun bieder inhaltlich zu reagieren und in die wärmenden Übereinkünfte der Erzählverfahren des 19. Jahrhunderts zurückzufallen, wie sie seitdem bei der Literaturkritik so erfolgreich sind – und gerade jetzt wieder den Buchmarkt dominieren. Im Gegensatz zum herkömmlichen Verständnis von realitätsnaher Literatur interessiert Mon die Realität der sprachlichen Prägung unserer tagtäglichen Existenz – und auch seiner eigenen Biografie – wesentlich mehr als die mit Hilfe der Sprache gefertigten Ansichten und transportierten Inhalte. So erscheint es nur konsequent, daß in Mons Werk die methodische Neugier an der Stelle eines vorher ausgedachten Inhalts steht, das erforschende Probieren an der Stelle einer durch Kunst mit Gewißheit zu verkündenden Botschaft. „Ich bin der Auffassung“, sagt er schlicht, „daß man durch das probierende, erforschende Verhalten zur Sprache überhaupt erst rauskriegt, was sie mit den Dingen und der Realität zu tun hat.“

Vorgeprägt ist eine solche Sprachauffassung durch die jugendlichen Erfahrungen im Dritten Reich – auch so ein Wort. Daher rührt Mons tiefes Mißtrauen gegenüber jeder Literatur, die – wo und wann auch immer – zum Verkünden von Werten und Wahrheiten in Dienst genommen wird, selbst wenn es um noch so berechtigte gesellschaftliche Forderungen geht; daher rührt die Scheu vor den großen Worten, die Furcht vor den packenden Inhalten, die allzu leicht in die Nähe fesselnder Vereinnahmung geraten. „Wenn eines in der ersten Welle von Kunst und Literatur nach dem Kollaps des Nazismus gewiß war, so war es die Ablehnung, der Ekel vor jeder Art von Indoktrinierung“, so erinnert sich Mon, „es ging darum, daß potentielles Material befragt, daß dem Leser eine offene Struktur angeboten werden sollte, aus der er zu seinen Ergebnissen gelangte, statt daß ihm eine vorab existierende Weisheit wie eine verzuckerte Pille gereicht wurde“.

So fing es an. So hätte ich anfangen müssen, je einzeln die vielen Bücher, Schallplatten, CDs, Toncassetten, Hörspiele Franz Mons – trotz des Geburtstags unverzuckert – zu beschreiben, grundiert durch einen Hinweis aus Mons weitverzweigtes System poetologischer und kunsttheoretischer Essays , mit denen er auch international einen nachhaltigen Einfluss auf die Konzepte avancierter Literatur und Kunst gewonnen hat, und vervollständigt durch einen Seitenblick in die inspirierende Buchmessen-Koje des Typos-Verlags, in der auch mir – als Student nach Frankfurt getrampt – Anfang der sechziger Jahre die Augen aufgingen, denn der Ein-Mann-Verleger Franz Mon hatte dort allen Spielarten visueller und skripturaler Literatur ein offenes Forum geboten.

So fing das an bei mir, und so bin ich schließlich zu meinem Ergebnis gelangt: Franz Mons literarisches und künstlerisches Œuvre steht heute nicht nur für den Anschluß der deutschen Nachkriegsliteratur an die avancierte grenz- und gattungsüberschreitende Kunst des 20. Jahrhunderts, sondern es steht auch für eine kompromißlos konsequente Einsicht in unsere jüngste Vergangenheit und in die gegenwärtige Verfassung unserer Sprache und Existenz.

Große Worte, ich weiß, lauter große Worte; wie gern hätte ich dasselbe mit den kleinen, unscheinbaren Wörtern gesagt, wie Franz Mon das kann.
Aber wer sonst kann das schon.

Frankfurt, Historische Villa Metzler am 12. Mai 2011

Klaus Ramm ist Literaturwissenschaftler in den Bereichen Konkrete Poesie und Hörspiele. Er war Professor an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld und ist Mitbegründer und Begleiter des Bielefelder Kolloquiums Neue Poesie.

erstellt am 27.6.2011

Franz Mon, fotografiert von Jeanette Faure

Franz Mon, hier im Gespräch mit Prof. Felix Semmelroth und Carolina Romahn, anlässlich des Festakts zu seinem 85. Geburtstag. in der Villa Metzler. Foto: Jeannette Faure

Die Laut-Poeten Franz Mon und Michael Lentz tragen Improvisationen zu Gedichten von Franz Mon am 12. Mai 2011 in der Historischen Villa Metzler vor.

Gedichte und Collagen von Franz Mon: