Der österreichische Künstler Georg Eisler (1928-1998) hielt unbeirrt an einer eigenen Auffassung von Realismus fest, als die Anhänger des Informel und die Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus um die Vorherrschaft kämpften. Nun widmet ihm das Museum der Moderne in Salzburg eine umfangreiche Ausstellung, und Thomas Rothschild hat sie besucht.

Ausstellung

Ein politischer Künstler

Er war der Sohn eines berühmten Vaters, und es hätte keiner DNA-Analyse bedurft, um eventuelle Zweifel zu zerstreuen, so ähnlich sah er ihm. Anders aber als bei diesem, lag seine besondere Begabung nicht in der Musik, sondern in der Malerei. Georg Eisler war einer der bedeutendsten österreichischen Künstler seiner Generation. Zu einer Zeit, als sich die Anhänger des Informel und die Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus einen Kampf um die Vorherrschaft auf dem Kunstmarkt lieferten, hielt der Kokoschka-Schüler unbeirrt an einer eigenen Auffassung von Realismus fest.

Anlässlich einer generösen Schenkung des Georg und Alice Eisler – Stiftungsfonds für bildende Künstler und Komponisten hat das Museum der Moderne in Salzburg eine Ausstellung von Werken des 1998 verstorbenen Künstlers organisiert, zu der ein prächtiger Katalog erschienen ist. Vollkommen wäre das Glück, wenn sich die Wortbeiträge auf dem Niveau von Eislers Bildern bewegten, sich beispielsweise das Pronomen „seine“ nicht auf Hanns Eisler bezöge, wo Georg gemeint ist, eine Entscheidung zwischen dem Verb „verbunden“ und der Phrase „zu Dank verpflichtet“ (statt „zu Dank verbunden“) gefällt würde.

Das Werk Georg Eislers lässt sich grosso modo in drei Gruppen einteilen: die Porträts, Aktzeichnung und Aktmalerei, die Fanatikerinnen, im Windschatten von #MeToo und unter dem Schirm der neuen Prüderie, die den christlichen Bildersturm in den Schatten zu stellen droht, neuerdings am liebsten verbieten und verbannen würden, und Genrebilder, vornehmlich politischen Inhalts. Das Museum der Moderne, das bei der Schenkung freie Wahl hatte, entschied sich vor allem für Werke der dritten Gruppe und somit für Bilder, die Geschichten und Geschichte erzählen. Ein Ölbild von 1974 trägt den programmatischen Titel „Straßenkampf“, ein anderes von 1969: „Polizeiaktion“. Eine Tuschzeichnung „Konfrontation“ hat im Vergleich zu den Ölbildern den Charakter einer Skizze und enthält doch die ganze Dramatik von Gewalt, Unterdrückung und Machtausübung. Immer wieder zeichnet und malt Eisler vermummte Polizisten, die auf wehrlose Demonstranten einprügeln.

Georg Eisler, Straßenkampf, 1974 Museum der Moderne Salzburg, Schenkung des Georg und Alice Eisler-Stiftungsfonds für bildende Künstler und Komponisten, © Bildrecht, Wien 2017, Foto: Rainer Iglar

Nicht immer freilich geht es bei Eisler so martialisch zu. Er malt und zeichnet auch ganz friedliche Straßenszenen, gerne aus England, wo er, im Exil, einen Teil seiner Kindheit und seine Jugend verbrachte, aber auch aus New York, wo sich Eisler, stets mit einem Skizzenheft, in Jazzlokalen tummelte, oder aus Wien. Nur sind es die politischen Bilder, die ihn am auffälligsten thematisch vom Mainstream unterscheiden. Gerade heute, im Zeitalter von Kurz und Strache, wären Künstler vom Format und von der Courage eines Georg Eisler gefragt.

Georg Eisler war ein Genussmensch und ein ungewöhnlich gebildeter, belesener Intellektueller. Die Porträts sind eine Galerie der Freunde und Bekannte, mit denen er zu diskutieren pflegte, lebhaft, gescheit und dabei fast kindlich in seiner Neugier. Im Katalog begegnet man unter anderem Erich Fried, Alfred Hrdlicka, Viktor Matejka, Friederike Mayröcker.

Georg Eisler, der Mann mit der heiseren Stimme seines Vaters, der die Mutter und den Sohn verlassen hatte, als dieser sechs Jahre alt war, und der Zigarre im Mund, auch wenn er in seinem Atelier vor der Leinwand stand, war von der Sorte, von der es nicht mehr viele gibt. Er nahm Anteil am Geschehen der engeren Umgebung und der Welt und war imstande, jeden mitzureißen, der mit ihm in Berührung kam. Ich sehe ihn vor mir, wie ich den um eine halbe Generation Älteren seit meiner Kindheit kannte, raumgreifend, quirlig, allzeit interessiert am Gespräch, urteilsfreudig und stets maßlos in der Zuneigung wie in der Ablehnung.

Eine Anekdote berichtet von Elias Canetti, der bei einem Besuch in Georg Eislers Atelier fragte: „Sagen Sie, Georg, wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vater?“ „Lieber Canetti“, antwortete Eisler, „mein Vater ist seit zwanzig Jahren tot.“ „Ich weiß“, sagte Canetti, „deshalb frag ich ja.“ „Nun ja“, meinte Eisler, „eigentlich ist mein Verhältnis zu ihm sehr gut.“ Darauf Canetti: „Das dachte ich mir. Es wird noch viel besser werden.“

Georg Eisler ist bald zwanzig Jahre tot. Das Museum der Moderne widmet dem Mann eine große Ausstellung, den man zu Lebzeiten in Österreich lange geschnitten hat, weil er Kommunist war. Das Verhältnis ist besser geworden.

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erstellt am 03.1.2018

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Georg Eisler, Winterliches Selbstbildnis, 1987, Museum der Moderne Salzburg, © Bildrecht, Wien 2017, Foto: Rainer Iglar
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Georg Eisler. Welt-Anschauung

18. November 2017 – 8. April 2018

Museum der Moderne / Rupertinum

Katalog zur Ausstellung:

Sabine Breitwieser (Hg.)
Georg Eisler. Welt-Anschauung
216 Seiten, ca. 150 Abb. in Farbe
ISBN: 9783777429595
Hirmer Verlag, München 2017

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Georg Eisler, Friederike Mayröcker, 1990
Georg Eisler, Friederike Mayröcker, 1990, Museum der Moderne Salzburg, Schenkung des Georg und Alice Eisler-Stiftungsfonds für bildende Künstler und Komponisten, © Bildrecht, Wien 2017, Foto: Rainer Iglar Georg