Es sind vor allem die kleinen Verlage, die sich um die Lyrik der Gegenwart kümmern. Darunter gibt es nicht wenige, die mit ihren zweisprachigen Ausgaben bewirken, womit sich die Politik schwertut: unsere Kenntnis der Eigenarten und Traditionen unserer nichtdeutschen Nachbarn, der kulturellen Differenz. Bernd Leukert stellt die russischen Dichter Dmitri Dragilew und Gleb Schulpjakow vor, die im hochroth Verlag erschienen sind.

Europoesie: Dmitri Dragilew und Gleb Schulpjakow

Musikalität und Gefahr

Manchmal werden sogar Tagträume wahr. Je mehr sich die großen Verlage aus der Publikation zeitgenössischer Lyrik zurückziehen, weil finanzieller Gewinn alles, Renommee aber gar nichts mehr bedeutet, desto mehr reichert sich die poetische Landschaft über die Gründung und die Programme kleiner Verlage an, die der unbedingte Wille kennzeichnet, die Königsdisziplin der Literatur gegen alle Mehrheitswünsche und gegen alles Krämerdenken in gedruckter Form zu repräsentieren.

So haben sich etwa um zweisprachige Gedichtbände Ulf Stolterfohts Brueterich Press, Daniela Seels Kookbooks, Ingo Držečniks Elfenbein Verlag, die edition offenes feld in Dortmund, das Verlagshaus Berlin, der Limmat Verlag in Zürich, der Kleinheinrich Verlag in Münster, der Gutleut Verlag in Frankfurt am Main und andere verdient gemacht; auf originelle und innovative Weise agiert der hochroth Verlag Berlin.

Er existiert seit 2008 und arbeitet in seinen Sektionen Berlin, Bielefeld, Leipzig, München, Paris, Wien und Wiesenburg. Seine kleinen, bibliophilen Bücher werden auf Anfrage überwiegend per Hand hergestellt und vor allem über Direktvertrieb verkauft. Mehr als 90 Prozent der Veröffentlichungen sind Lyrikbände. Aus der Vielzahl der zweisprachigen Ausgaben – es gibt auch mehrsprachige in der Reihe Translingual – seien zwei vorgestellt, nämlich Übersetzungen aus dem Russischen.

Dmitri Dragilew © Dmitri Kireev
Dmitri Dragilew © Dmitri Kireev

Die erste, „Städtische Ligaturen“ von Dmitri Dragilew, ist von fünf Übersetzerinnen und Übersetzern ins Deutsche gebracht worden. Dragilew, der 1971 in Riga geboren wurde, lebt als Dichter, Musiker und Journalist seit 1994 in Deutschland. Er ist einer der Initiatoren der Berliner literarischen Gruppe SAPAD NAPERJOD (KdW – Kehrseite des Westens) und Vorsitzender der Vereinigung russischsprachiger Autoren in Deutschland. Als Lyriker steht er in der Tradition des russischen Metarealismus. Das stellt Übersetzer und auch uns, die Leser der Übersetzung, vor gewaltige Herausforderungen. Denn das Prinzip der zugleich vorhandenen, unterschiedlichen, miteinander ringenden Realitäten, also auch Orte und Zeiten, deren einziges Kontinuum das der metabolischen Metamorphose ist, macht jede Kontextualität zunichte. Anhaltspunkte, die der Wortfindung in einem Bedeutungsfeld dienlich sein können, bieten bestenfalls die direkten oder indirekten Anspielungen auf Fernsehfilme, Erzählungen von Anton Tschechow oder Verse von Wladimir Wyssozki, Jewgeni Baratynski und Hinweise auf Konstantin Paustowski oder Wladislaw Chodassewitsch. Der poeta doctus Dragilew bezieht sich ebenso auf Zeichentrickfilme, Komödien oder auf (Avatar!) Science-Fiction-Filme, die man freilich, wie all die vielen anderen Zitate kennen sollte, um sich in diesem Universum orientieren zu können. Es verhält sich also wie mit den Insider-Witzen, die wir nicht verstehen und uns darauf verweisen, wie sie erzählt werden.

Fünf Gedichte enthalten die „Städtischen Ligaturen“, wobei eines, „was tun mit Hunden mit humanoiden Wesen und mit Brot“, in zwei Versionen deutsch, das heißt, von zwei Übersetzern desselben Gedichts, abgedruckt ist. Wo Hendrik Jackson, selbst bemerkenswerter Dichter, nahe am russischen Original schreibt: sich hüten vor Liebe und Demagogie/ vor geächteten des Blätterfalls vor Abblättern/ von öffentlichen Plätzen wo nur Hottentotten/ und Fischfett und Goggelmoggel und Aloe, bringt Elena Blokhina mehr deutende Dynamik und auch etwas Reim ins Spiel: vor Zinnober vor der Liebe sich bewahren/ vor den Parias des Laubfalls vor Graten/ den Plattheiten wo Allmächte Schreck einflößen/ wo Aloe Tran und Zuckerei antraten.

Selten gelingt es, wie Sergej Gladkich mit dem Gedicht „Fasern“, das Original samt großräumig verteilten Binnenreimen und Rhythmus zu übertragen: heut ist der Tag der offenen Höfe/ die Nacht trister Paletten, trüber Tassen/ tut einem gut, so viel Massel,/ du ziehst parabolisch einen Liter Alkohol// durch einen Strohhalm … – Hendrik Jackson hat auch das lange Gedicht übersetzt, das exemplarisch die kontingente Bilderflut des russischen Metarealismus vorführt. Es heißt im Deutschen „im falschen Universum“. Im Russischen steht aber „Planet“, was nicht nur einen quantitativen Unterschied macht. Auch andere Abweichungen bleiben rätselhaft: Die Herzlichkeit wird zur Beseeltheit, aus ‚Rom und Barbarei’ wird ‚Rom und Raub’; der Bürgerkriegsheld Nikolai Schtschchors erscheint in der deutschen Version gar nicht erst, und König Hammurapi wird zum Zaren.
(an dieser Stelle empfiehlt sich Gesang: ach, meine Bastschuhe, alle meine Entchen und in der Steppe schreit der Büffel)

Noch einmal: Diese gewählte, höchstreferenzielle, lyrische Poesie, die, indem sie sich in alle Richtungen öffnet, hermetisch wird, ist ohne Abstriche kaum ins Deutsche zu bringen. Wer die Inhalte begreiflich zu machen versucht, wird die Musikalität der Dichtung opfern müssen und umgekehrt. In den „Städtischen Ligaturen“ haben die Übersetzer verschiedene Zugänge probiert: Annäherungen.

Ganz anders verhält es sich mit Gleb Schulpjakows Gedichtband „Anfang der Religion“. Das Dutzend Gedichte, übersetzt von Sergej Tenjatnikow, ist unmittelbar zugänglich. Manche von ihnen lesen sich im Original in einem Atemzug, was im Deutschen nicht nachformbar ist, und sind mit ihrem schwungvollen Gestus merklich für den effektvollen Vortrag gedacht. Manche basieren auf einer einzigen sprachbildlichen Idee, andere besingen die zerstörte Natur, wie etwa in „Rimini“: Jetzt weiß ich wohl, was es heißt – am Meer aufs Wetter hoffen:/ Jede Viertelstunde zum Balkon hinausgehen,/ nasse Stühle hin- und herschieben und schauen,/ wie Gewittervorhänge über dem Wasser hängen./ Es regnet an dem Strand und Plastiktüten knistern./ Der Zirkus hat seine Zelte abgebrochen, zurückgeblieben sind nur Muscheln./ Fellini auf einem Motorroller sticht in See./ Das Meer treibt und treibt immer weiter sein Altpapier. Ein Poem fällt aus dem Rahmen der scheinbar verspielt-grotesken Gedichte, und ist wohl am weitesten entfernt von dem, was man gewöhnlich mit einem Gedicht verbindet: „Der Neujahrsbaum auf dem Manegnaja-Platz“ ist ein mit Zeitangaben versehenes Protokoll. Der Dichter, der am Spätnachmittag mit seinem Kind spazierengeht und ihm den Neujahrsbaum auf dem Manegnaja-Platz in der Nähe des Kremls zeigen will, stößt auf dem Weg über die Eisbahn auf eine Demo der Verteidiger des alten Moskaus, erreicht dann telefonisch seine koreanische Frau, die ihn panisch vor der Metro warnt und sich vor Hooligans versteckt, die vor ihren Augen einen Touristen zusammengeschlagen hatten. Die Rettung der Familie mit dem Auto gelingt, und ins Entsetzen darüber, was hätte passieren können, mischt sich das über die Wesens-Verwandtschaft der konservativen Moskowiter mit den neonazistischen Hooligans. Und der Neujahrsbaum war ohnehin verschwunden. Diese beklemmende Verdichtung einer erlebten Gefährdung wirft mit seiner agitierenden Wirkung einen verharmlosenden Schatten auf die anderen, subtileren Gedichte des Bandes, bietet allerdings einer passgenauen Übersetzung ins Deutsche keine Hindernisse.

Mitarbeit: Eugen El

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erstellt am 03.1.2018

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Zeichnung von Petrus Akkordeon aus dem Band „Städtische Ligaturen“
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