Hamid Dabashi, Professor für Iranistik und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University in New York, spricht über Folgen und Gefährdungen der demokratischen Aufstände in Nordafrika und im Mittleren Osten. Miriam Shabafrouz sprach mit ihm in London.

Interview mit Hamid Dabashi

»Die Idee der Demokratie wird neu definiert«

Von welcher Seite droht der Demokratiebewegung in den arabischen Ländern Gefahr?

Dabashi: Die größten Gefahren gehen von den Kräften aus, die durch die demokratischen Aufstände an Einfluss verlieren werden. Das sind die Vereinigten Staaten (USA), die Europäische Union, die NATO, Israel und mittelalterliche arabische Potentaten wie Saudi-Arabien. Auch die Islamische Republik Iran, die auf den ersten Blick ein Gegner der USA und ihrer regionalen und europäischen Alliierten zu sein scheint, gehört zu den Verlierern. Sie hat in der Region durch die imperialen Abenteuer der USA und ihrer Verbündeten zunehmend an Macht gewonnen. Durch die demokratischen Aufstände verlieren die Islamische Republik und ihre drei subnationalen Verbündeten: die Hamas, die Hisbollah und Mahdi’s Armee jedoch an Handlungsmöglichkeit. Es ist meiner Meinung nach darum kein Zufall, dass sich die Hamas unter dem Einfluss dieser Bewegungen der Fatah angenähert hat, und die Fatah authentischere, umfassendere und basisdemokratischere Dimensionen annimmt.

Was sind die Ziele der Aufstände?

Dabashi: In einem Essay, den ich vor zwei Monaten für Al-Jazeera geschrieben habe, habe ich die Aufstände als verspäteten Widerstand bezeichnet.(1) Es sind post-koloniale Gesellschaften, von Marokko bis Syrien, die einander hinsichtlich ihrer innerstaatlichen Tyrannei ähneln. Es sind unechte postkoloniale Staaten. Die besten Beispiele bilden Gaddafi oder Mugabe, schauen Sie sich diese Tyrannen an, die sich selbst als anti-kolonial bezeichnen und vierzig Jahre ihre Länder ausgebeutet haben, ohne demokratischen Wandel wenigstens in Ansätzen einzuleiten. So revoltieren die Menschen in diesen Teilen der Welt erstens gegen den Kolonialismus, der diese Bedingungen geschaffen hat, zweitens gegen die innerstaatlichen Tyranneien, die die koloniale Vergangenheit geerbt haben, und drittens gegen das aktuelle imperiale Projekt, das den gesamten Globus managen will. Die derzeitigen Revolten sind eine Konsequenz des dysfunktionalen globalen Kapitalismus, der systematisch Armut produziert.

Sehen Sie Verbindungen zwischen der iranischen Grünen Bewegung und den Revolten in den arabischen Ländern?

Dabashi: Es interessiert mich nicht, wer wen beeinflusst hat (2). Im Juli 2009, kurz nach den Präsidentschaftswahlen in Iran, habe ich in einem Interview mit Al-Jazeera gesagt: wäre ich in einer Machtposition in einem Land von Marokko bis Syrien, würde ich die Geschehnisse in Iran sehr aufmerksam verfolgen. Damit meinte ich, dass der demographische Einbruch in Iran und in der gesamten arabischen Welt identisch ist. Wir sprechen über eine junge Generation. Sie ist jung, weil die Kindersterblichkeit gesunken ist, ohne dass die Lebenserwartung zugleich angestiegen wäre. Diese junge Bevölkerung, die in ihrem Land keine Zukunft für sich sieht, hat genug davon, erniedrigt und von der Beteiligung an der globalen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Die jungen Leute wollen nicht auswandern, um dann noch mehr Anfeindungen und Rassismus in Europa und Nordamerika zu erfahren, sie wollen ihre Gesellschaften zurückfordern, ihre Kultur, ihre Politik. In diesem Sinne sind das, was wir 2009 im Iran gesehen haben und derzeit in der arabischen Welt sehen, identische Ausdrucksformen einer gleichen sozialen, ökonomischen und politischen Umwelt. Vor diesem Hintergrund gibt es aber auch keinen Zweifel, dass die Ereignisse von 2009/2010 in Iran für ein globales Publikum gemacht wurden. Junge Araber haben sie ebenso gesehen, wie andere junge Menschen auf der Welt auch. Es gibt keinen Zweifel, dass diese jungen arabischen Männer und Frauen inspiriert worden sind, es in ihren Ländern den Iranern gleich zu tun, doch würde ich dies nicht als direkten Einfluss bezeichnen, sondern vielmehr als Inspiration.

Was war neu und inspirierend an der Grünen Bewegung, über die Ausdrucks- und Kommunikationsmittel hinaus?

Dabashi: Als die Präsidentschaftswahlen in Iran 2009 stattfanden, dachte ich, dass die Resultate inkonsequent sein würden, da die Geopolitik in der Region so unermesslich wichtig ist. Doch Fakt ist, dass die Grüne Bewegung die Innenpolitik wieder in den Blickpunkt gerückt und der regionalen Geopolitik so ein Bein gestellt hat.
Die Islamische Republik hat die Straßendemonstrationen der Grünen Bewegung teilweise unterdrücken können, doch nicht die Grüne Bewegung als Ganzes, denn sie ist tief verwurzelt und basisdemokratisch und wird sich auf die eine oder andere Art immer wieder manifestieren. Meiner Meinung nach ist besonders relevant, dass die Bewegung durch Arbeitergewerkschaften, Frauenrechts- und Studentenorganisationen institutionell verankert ist.

Welche anderen Auswirkungen hatten die arabischen Aufstände für Iran – auch im Hinblick auf die Geopolitik der Region?

Dabashi: Ich denke, dass die demokratischen Aufstände auf die Ereignisse im Iran wie ein Katalysator gewirkt haben. Die Gründe für diese Entwicklung liegen nicht nur in den Demonstrationen vom 14. Februar in Iran, die der Solidarität mit den Geschehnissen in Tunesien und Ägypten galten, sondern auch in der durch die Aufstände verursachten geopolitischen Schwächung der Islamischen Republik. Diese verliert sowohl Feinde wie Ägypten, Tunesien und Jordanien, aber auch Alliierte wie Syrien. Sollte Syrien durch die demokratischen Aufstände verloren werden, wird die Verbindung zwischen der Islamischen Republik und den Hisbollah gekappt. Die Verbindung zur Hamas ist bereits wegen der Koalition zwischen Hamas und Fatah instabil. Aus diesem Grunde hilft auch die Tatsache, dass ihre Feinde – Israel, die USA und Saudi-Arabien – in Schwierigkeiten stecken, der Islamischen Republik nur wenig. Was allen innerstaatlichen Tyranneien schadet, egal ob sie den USA freundlich gesinnt oder mit ihnen verfeindet sind, ist das Phänomen, das wir beobachten können: der sich wandelnde genetische Code der regionalen Geopolitik.

Wie können die revolutionären Aufstände Bürgerrechte und Demokratisierung verwirklichen?

Dabashi: Was die Kontinuität und den Erfolg dieser Bewegungen garantieren kann, ist Sorgfalt, Wachsamkeit und die Institutionalisierung der demokratischen Aufstände. Diese revolutionären Aufstände sind meiner Ansicht nach ergebnisoffen, und es ist gut, dass sie ergebnisoffen sind. Sie hören nicht damit auf, dass eine Statue fällt und eine andere Flagge hochgezogen wird. In ihrer ergebnisoffenen Art fordern und produzieren sie basisdemokratische Institutionen, die für mich, wie ich immer wieder betone, durch basisdemokratische Bewegungen definiert werden, hierzu zählen beispielsweise die Arbeiterbewegungen, die den einzelnen Arbeiter im Sinne ihrer Rechte auf Rente, soziale Dienste, Bildung, Gesundheit usw. schützen, indem sie Solidarität zwischen den Arbeitern begründen. Das gleiche gilt für die Rechte von Frauen und Studenten. Die Arbeiter- und Frauenrechte sollten nicht der Frage überlassen werden, ob sich eine islamistische oder anti-islamistische Ideologie etabliert und nach ihrem Gutdünken Arbeitern, Frauen und Studenten erlaubt, freiwillige Vereine zu gründen. Diese freiwilligen Vereinigungen müssen sich selbst bilden und schützen.

Welche Bedeutung hatten etablierte und neue Medien für die Aufstände und wie haben sich die Aufstände umgekehrt auf die Medien ausgewirkt?

Dabashi: Zum Glück sind die etablierten Massenmedien – Presse, TV usw. – nicht länger alleinverantwortlich für die Schilderung der Ereignisse. Sie stecken in großen Problemen. Der Bedeutungsgewinn neuer Medien ging Hand in Hand mit diesen demokratischen Aufständen, und in der Folge haben teilnehmende Beobachter – Studenten, Frauen und Arbeiter in Massendemonstrationen – die eigene Darstellung selbst übernommen. Bahman Jalali, ein sehr prominenter iranischer Fotograf, der letztes Jahr verstorben ist und fast alle bekannten Fotos von der Revolution 1979 und dem Iran-Irak-Krieg gemacht hatte (3), sagte kurz vor seinem Tod, dass er nicht länger wüsste, wie er die Revolten fotografieren solle, da das Volk sich nun selbst repräsentiere. Die Kamera selbst, die zitternde Hand des Demonstrierenden, während er oder sie wegrennt, ist zu einem Teil der Aufstände geworden. Sie ist eine materielle Kraft, die nicht nur Selbstdarstellung ermöglicht sondern auch Verewigung.

Welche Folgen haben diese neuen Formen der medialen Darstellung für die Demokratie?

Dabashi: Wir sind nicht mehr der Großzügigkeit der New York Times, BBC usw. ausgeliefert. Dies ist das Zeitalter von WikiLeaks. In demokratischen Gesellschaften müsste die Funktionsweise des Staatsapparats eigentlich transparent und das Leben des Bürgers privat sein. Daraus ist aber das genaue Gegenteil geworden: das Leben des Bürgers ist Gegenstand von allen möglichen Formen Foucaultscher und nicht-Foucaultscher Überwachungen und der Staat handelt verdeckt. Die Macht von WikiLeaks ist, dass es die Umkehrung bewirkt hat. Jetzt können wir tatsächlich belauschen, wie die US-amerikanische Außenministerin und andere privat darüber sprechen, wie sie in andere Länder einmarschieren könnten. Für mich stellt dies eine fantastische Entwicklung hin zum Guten dar, zur Macht der einfachen Leute. Es zeigt, dass selbst in demokratischen Gesellschaften wie hier, Demokratie zu einem einfachen Lippenbekenntnis verkommen ist.

Wie haben diese Entwicklungen das Bild des „Arabers”, „Moslems” oder „Iraners” verändert?

Dabashi: Meiner Ansicht nach haben die demokratischen Aufstände in der arabischen und muslimischen Welt aufgrund ihrer tatsächlichen demokratischen Natur gezeigt, dass die Bezeichnungen „arabische“ und „islamische Welt“ obsolet sind. Wir benutzen diese Begriffe irrtümlicherweise. Jetzt erleben wir die Bedeutung der Demokratie neu, wir definieren ihre Idee neu und zeigen dies der Welt. Europäer und Nordamerikaner, die sich einmischen und versuchen, dies zu interpretieren, zu überinterpretieren oder zu manipulieren, sollten besser innehalten und erkennen, dass ein anderes Volk nun die Idee der Demokratie neu definiert und neu beginnt.

Miriam Shabafrouz, geboren 1980 in Heidelberg, schreibt ihre Dissertation über die Politik und Wirtschaft Irans. Sie hat in Bordeaux und Stuttgart Sozialwissenschaften studiert und danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin am German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg über Algerien und Iran gearbeitet. Als Mitarbeiterin in dem Austauschprogramm “Go Africa… Go Germany…” der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ist sie bereits in einige afrikanische Länder gereist.

erstellt am 18.6.2011

Hamid Dabashi
Hamid Dabashi