Elias Khoury zählt zu den herausragenden Intellektuellen der arabischen Welt. 1948 in Beirut geboren, erlebte er den Sechstagekrieg und die sich anschließende pälastinensische Flüchtlingswelle aus nächster Nähe. Khoury war Aktivist der palästinensischen Befreiungsorganisation Fatah und Professor für Arabische und Vergleichende Literatur an der Columbia University in New York und lebt heute in Beirut. Die Weltempfänger-Jury hat sein aktuelles Buch »Yalo«, das den Ursachen von Verrohung am Beispiel eines der Vergewaltigung Angklagten nachspürt, auf den zweiten Platz ihrer Sommerliste gestellt.
»Khourys ›Yalo‹ wird Anerkennung finden als der grundlegende arabische Roman des 21. Jahrhunderts… Auch wenn der libanesische Bürgerkrieg literarisch bereits erkundet worden ist – keiner hat sich mit soviel Mut in die Untiefen des Krieges versenkt, so klar und gründlich, wie Khoury in Yalo.« Abdelrahman Munif, Al Rai (Amman)

Romananfang

Yalo

Von Elias Khoury

Yalo verstand nicht, was vor sich ging.
Er stand vor dem Ermittler und schloss die Augen. Das tat er immer. Er schloss die Augen, wenn er in Gefahr war. Schloss sie,wenn er sich einsam fühlte.Geschlossen hat er sie auch, als seine Mutter … Und an jenem Donnerstag, dem 22.Dezember 1993, hat er sie ebenfalls unwillkürlich geschlossen.
Yalo verstand nicht, weshalb alles so weiß war. Weiß der Lichtkranz um den Ermittler. Weiß der Tisch, hinter dem dieser thronte. Weiß die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster schienen und das Gesicht seines Gegenübers verschluckten.
Yalo sah nichts. Nur ein gleißendes Flirren rund um einen blinden, konturlosen Fleck und eine Frau, die über den eigenen Schatten stolpernd einsam durch die Stadt irrt.
Yalo schloss die Augen – nur kurz. So jedenfalls kam es ihm vor. Schlank und hoch aufgeschossen, das dunkle Gesicht lang und schmal mit dichten, zusammengewachsenen Brauen, stand er da und schloss die Augen. Nur kurz, um sie gleich wieder zu öffnen und dann klar zu sehen. Hier auf der Polizeiwache von Dschunie aber sah er nichts. Nur Linien. Linien, die kreuz und quer durch den Raum verliefen. Yalo schaute auf seine Hände.
Sie waren gefesselt. Die Sonne blendete ihn. Er konnte das Gesicht des weiß umkränzten Mannes vor sich nicht erkennen.
Also schloss er die Augen.
Es war zehn Uhr am Vormittag und eisig kalt. Der weiß Umkränzte vor ihm war der Ermittler. Die Sonnenstrahlen blendeten ihn. Er konnte das Gesicht des weiß Umkränzten, der ihn mit seiner endlosen Fragerei quälte, nicht erkennen. Also schloss er die Augen.
»Augen auf, Mann!«, gellte ihm plötzlich eine Stimme in die Ohren.
Yalo verstand nicht, weshalb der Ermittler ihn anschrie. Er öffnete die Augen. Die Sonnenstrahlen stachen ihm wie Feuerspieße in die Pupillen. Da wurde ihm bewusst, dass er die Augen wohl länger als nur einen kurzen Moment geschlossen haben musste. Vielleicht sogar schon das halbe Leben. Wie blind fühlte er sich, sah sich von Nacht umhüllt.
Aber was hatte sie hier zu suchen? Fassungslos sank Yalo bei ihrem Anblick auf den Stuhl. Sie, die Namenlose, saß plötzlich vor ihm. Aufgetaucht war sie erst, nachdem er in den Raum gekommen, nein vielmehr gestolpert war. Das grelle Sonnenlicht hatte ihn geblendet und taumeln lassen. Unvermittelt war er in dem gleißenden Weiß stehen geblieben, die Hände gefesselt, der Körper zitternd. Angst hatte Yalo nicht. Auch wenn der Ermittler in seinem Bericht später behaupten sollte, dass der Verdächtige vor Angst schlotterte, so entsprach das nicht den Tatsachen. Yalo schwitzte entsetzlich. Nur deshalb zitterte er.
Aus sämtlichen Poren quoll ihm ein seltsam riechender Schweiß. Hemd und Hose mit Nässeflecken übersät, fühlte er sich elend entblößt. Er roch einen Anderen an sich selbst, und ihm wurde schlagartig bewusst, dass ihm jener Daniel alias Yalo völlig fremd war.
Dann plötzlich war die Namenlose da. Vielleicht hatte sie ja bereits im Verhörraum gesessen und er sie beim Hereinkommen
nur nicht bemerkt. Kaum aber sah er sie, wurden ihm die Knie weich, und er musste sich setzen. Von einem leichten Schwindel erfasst, konnte er nicht einmal mehr die Augen offen halten.
Also hat er sie geschlossen.
»Augen auf, Mann!«, brüllte ihn der Ermittler an.
Yalo gehorchte und sah die Umrisse einer Gestalt, die der Namenlosen aufs Haar glich. Dass sie ohne Namen war, hatte sie
selbst gesagt. Yalo aber hatte ihre Identität trotzdem in Erfahrung gebracht. Er wartete ab, bis die zierliche Nackte an seiner Seite eingeschlafen war, ging an ihre schwarze Lederhandtasche und notierte sich alles: Namen, Adresse und Telefonnummer.
Yalo konnte nicht begreifen, weshalb sie ihren Namen verleugnet hatte.
Als ersticke sie gerade an der Luft, hatte sie verzweifelt gejapst.
»Ich habe keinen Namen«, war alles, was sie mit Müh undNot herausgebracht hatte.
Yalo hatte darauf den Kopf gesenkt und sie wortlos genommen.
Dort, in der Hütte unterhalb der Villa Gardenia, die Herrn Michel Sallum gehört, hatte er sie nach ihrem Namen gefragt.
»Ich habe keinen Namen«, hatte sie gestammelt. »Ohne Namen, bitte!«
»In Ordnung. Ich heiße Yalo. Vergiss das nicht!«
Und nun war sie hier, ihrenNamen unverhohlen offenbarend.
»Schirin Raad«, verriet sie dem Ermittler auf seine Frage wie aus der Pistole geschossen. Ihn flehte sie nicht an, dieNamen aus dem Spiel zu lassen.
Nein, hier legte sie ein völlig anderes Verhalten an den Tag. Hier streckte sie nicht wie in der Hütte damals die Arme vor, sodass ein überwältigender Weihrauchduft von ihnen aufstieg, der Yalo keine andere Wahl gelassen hatte. Keine andere Wahl, als mit ihr zu schlafen. Nicht mehr Herr seiner Sinne, hatte er ihre Hände ergriffen, sie sich auf die Augen gelegt und dann ihre weißen, nach Weihrauch und Moschus duftenden Arme geküsst.
Den betörenden Geruch tief einatmend und das Gesicht in ihrem schwarzen Haar vergraben, hatte er ihr benommen ins Ohr geflüstert. Er sei von dem Weihrauch ganz und gar berauscht, hatte er geflüstert und ihr damit ein Lächeln entlockt. Und ab dem Moment war die Maske von ihrem Gesicht wie weggewischt. Im Kerzenschein, vor einer Wand mit dunklen Schatten, hatte ihm das Lächeln entgegengestrahlt. Ihr erstes Lächeln in jener Angstnacht.
Aber was hatte Schirin jetzt hier zu suchen?
Als er, von dem Ermittler angebrüllt, die Augen öffnete, sah er die Szene von damals in Balluna deutlich vor sich. Er sah, wie sie ihm auf seine Anweisung widerstandslos folgte. Sah, wie sie zusammen durch den Pinienwald unterhalb der Sankt-Nikola-Kirche gingen und dann den Hügel zur Villa hinaufstiegen. Unterwegs fiel sie hin, so jedenfalls glaubte Yalo. Er beugte sich zu ihr hinab, half ihr auf und führte sie den Rest des Weges an der Hand. Wieder fiel sie hin. Wieder beugte er sich hinab, diesmal aber, um sie vom Boden aufzuheben und sie auf den Armen heimzutragen. Sie aber entwand sich seinemGriff und klammerte sich, kaum dass sie auf den Beinen stand, schwer atmend an eine Pinie und wollte sich nicht von der Stelle rühren. Schließlich nahm sie doch seine Hand, die er ihr beharrlich hinhielt, und setzte den Gang an seiner Seite fort. Sie keuchte vor Angst.
An der Hütte angelangt, ließ er sie draußen stehen. Er ging hinein, zündete eine Kerze an und wollte noch schnell die verstreut herumliegenden Sachen und Kleider wegräumen, stellte aber fest, dass es zu lange dauern würde. Also ging er wieder hinaus und fand sie in einem seltsamen Zustand vor. Den Kopf an den Türrahmen lehnend, gab sie eigenartige Laute, eine Art
Schluchzen, von sich.
»Hab keine Angst«, beruhigte er sie. »Komm herein. Du kannst hier schlafen. Ich breite dir eine Matratze auf dem Boden
aus. Hab keine Angst.«
Zögernd trat sie ein und hielt nach wenigen Schritten inne. Sie sah sich im Zimmer um, schien sich setzen zu wollen und nach einer Sitzgelegenheit zu suchen. Hastig riss Yalo seine Hose vom Stuhl, warf sie auf die Bettkante und bot Schirin Platz an. Sie aber setzte sich nicht, blieb einfach nur unschlüssig im Raum stehen.
»Wie wär’s mit einem Tee?«

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

erstellt am 16.6.2011

Elias Khoury
Elias Khoury

So, wie der Messias auf dem Wasser ging,
wandelte ich in meiner Vision.
Ich aber stieg vom Kreuz hinab,
denn ich habe Höhenangst.
Und ich verkündige nicht die Auferstehung.
Mahmud Darwisch

Elias Khoury
Yalo
Aus dem Arabischen
von Leila Chammaa
Roman
Suhrkamp Verlag 2011