Die zweite Geschichte aus »Leichtes Beben«

Der kleine Unfall

Von Peter Henning

Der Junge war ihm vors Auto gelaufen. Anfangs war er nicht mehr als ein Schatten gewesen, der zwischen den engstehenden Bäumen hervorgekommen war. Dann aber hatte er blitzschnell Gestalt angenommen und war in die Lichter seiner Scheinwerfer geraten. Nun lag er verletzt auf der Rückbank und stöhnte, und Raik Maas registrierte, wie ihm der Schweiß in die Augenbrauen lief. Mit aller Kraft hatte er auf die Bremse getreten und anschließend hilflos mit angesehen, wie der Motorgrill gegen den Körper gekracht und der Junge zu Boden gegangen war. Mit beiden Händen hatte er das Lenkrad umklammert und gefleht: Lass es nicht wahr sein, bitte, lass es nicht wahr sein!

Ohne sich umzusehen, hatte er den Jungen eilig in den Wagen geschafft und war davongefahren. Doch weil ihm die Gegend fremd war, irrte er nun schon eine ganze Weile orientierungslos durch die Nacht.

„Aaahhh!”, stöhnte der Junge. Und Raik Maas rief: “Ich hab' keinen Führerschein, verstehst du! Darum können wir unmöglich ins Krankenhaus.” Er schlug ein paar Mal gegen das Lenkrad, ein junger Mann, der ohne Fahrerlaubnis am Steuer eines geliehenen Wagens saß und einen Jungen angefahren hatte.

„Ich hab' Schmerzen in den Beinen!” rief der Junge. “Außerdem hab' ich Hunger.”

„Ist ja gut, halt aus!” Raik Maas lenkte den Wagen durch schlecht beleuchtete Straßen. Bis die Scheinwerfer die Umrisse eines Schnellimbisses aus der Dunkelheit rissen und Raik Maas rechts ran fuhr. Als sie aus dem Wagen stiegen und den Imbiss betraten, stützte sich der Junge auf Raik Maas und hielt sich halbwegs gerade.
„Zwei Kaffee”, sagte Raik Maas zu dem Mann hinter der Theke. „Und für meinen Freund hier ein ordentliches Sandwich.” Der Mann blickte sie an. „Schwarz? Oder mit Milch und Zucker?”, fragte er.

„Schwarz”, antwortete Raik Maas. Mit Blick auf den Jungen sagte der Mann: „Und für den Jungen ein Schinken-Käse-Sandwich mit Roggenbrot, Mayonnaise, Senf, Tomate, einer Gurkenscheibe und einem Sträußchen Petersilie obendrauf?”

„Klingt gut!”, sagte Raik Maas.

Der Junge hatte inzwischen auf einem der blauen Plastikstühle Platz genommen und betrachtete sein blutendes Knie, das aus dem zerrissenen Hosenbein hervorschaute. Das kurzgeschnittene Haar stand ihm in alle Richtungen vom Kopf ab, und wenn er die Lippen öffnete, blitzten dazwischen zwei Reihen makelloser Zähne.

„Wir hatten 'nen kleinen Unfall, aber nichts Gravierendes”, sagte Raik Maas, der sah, dass der Mann den Jungen fixierte. „Er ist mir einfach so vors Auto gelaufen. Aber alles halb so wild.”

„Na, ich weiß nicht”, sagte der Mann und wandte sich ab. Nachdem er eine Weile hantiert hatte, sagte er, an den Jungen gerichtet: „Möchtest du dein Sandwich nicht lieber im Krankenhaus essen?” Er hielt ihm den Teller demonstrativ hin.

„Ich will nichts essen, bloß was trinken”, antwortete der Junge schwach.

„Und was wird aus dem Sandwich? Soll ich das vielleicht wegwerfen?”

Raik Maas sah zu dem Jungen hinüber, der den Kopf über sein verletztes Knie gebeugt hielt. Dann wandte er sich wieder dem Mann hinter der Theke zu und sagte: „Na, nun geben Sie schon her. Und für den Jungen was zu trinken.”

Der Mann hatte das Sandwich in zwei gleich große Dreiecke zerteilt, und Raik Maas, dem weiß Gott nicht nach einem Schinken-Käse-Sandwich zumute war, griff sich eines und biss lustlos hinein. Anschließend nippte er an seinem Kaffee.

„Hier, das Wasser für den Jungen”, sagte der Mann und stellte den Becher auf den verschrammten Holztisch. “Macht zusammen 9,50.”

Raik Maas legte dem Mann einen Zehner auf die Theke und sagte: „Stimmt so!” Aus dem Stöhnen des Jungen war inzwischen ein anhaltendes Wimmern geworden.

„Der Junge braucht Hilfe, und zwar schleunigst”, sagte der Mann. Dabei wischte er seine Hände an einem Tuch ab.

„Nein, nein, der ist schon in Ordnung”, antwortete Raik Maas und stopfte die zu einer Kugel zerdrückte Papierserviette in seinen leeren Kaffeebecher.

„So ein zermatschtes Knie finden Sie in Ordnung?”

Raik Maas stieß den Jungen an und sagte: „Du bist doch okay, nicht wahr? Los, sag dem Mann, dass du okay bist!”

„Mein Knie, mein Knie”, jammerte der Junge, ohne Raik Maas anzusehen. Der klatschte die angebissene Sandwich-Hälfte auf den Teller.

„Also, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich den Jungen schleunigst zum Arzt bringen”, sagte der Wirt und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sind Sie aber nicht”, antwortete Raik Maas. Dann stieß er den Jungen an und sagte: „Los, wir gehen!”

„Ich kann nicht”, erwiderte der Junge und begann von neuem zu wimmern.

„Nur bis zum Wagen, na, komm schon”, sagte Raik Maas sanft.

„Also, ich ruf' jetzt einen Krankenwagen”, sagte der Imbissbesitzer und hielt bereits den Hörer des Wandtelefons in der Hand.

„Das werden Sie nicht tun!”, rief Raik Maas. „Die Sache hier geht Sie überhaupt nichts an.”

„He, he”, sagte der Andere. „Das ist immer noch mein Laden, klar! Oder ist dir lieber, wenn ich die Polizei rufe?” Im selben Moment machte der Junge Anstalten, sich zu erheben.

„Na, sehen Sie”, sagte Raik Maas. „Wir kommen gut ohne Arzt zurecht, nicht wahr?” Dabei griff er dem Jungen unter die Arme und half ihm aufzustehen. Dann schob er den Jungen nach draußen und murmelte kurz und trocken: „Idiot!”

„Ich glaube, mir wird schlecht”, hauchte der Junge, während Raik Maas ihm half, in den Wagen einzusteigen.

Raik Maas ließ den Motor an. „Kotz mir bloß nicht in den Wagen.” Er schaltete die Wischer ein, denn es hatte angefangen zu regnen. „Ich bring' dich zu einem Arzt, wir fahren jetzt ins Krankenhaus.”

„Aber haben Sie nicht gesagt, dass das nicht geht? Ich meine, wegen Ihres Führerscheins oder halt, nein, weil Sie keinen haben, ja, so rum”, sagte der Junge.

„Egal. Wir fahren jetzt ins Krankenhaus” sagte Raik Maas wieder.

„Ja, wir fahren jetzt ins Krankenhaus”, wiederholte der Junge und sank auf seinem Sitz zusammen.
 
Nach kurzer Fahrt sah Raik Maas eine Frau am Straßenrand stehen.

Raik Maas hielt an. Die Frau ging auf den Wagen zu, machte die Tür auf und sagte: „Können Sie mich mitnehmen?”

„Wo soll's denn hingehen?”, fragte Raik Maas. Die feuchte Nachtluft strömte in den Wagen.

„Ganz egal”, sagte die Frau.

Raik Maas blickte an ihr vorbei in den strömenden Regen. „Also von mir aus, dann steigen Sie ein.” Aus der Handtasche der Frau schauten Kleidungsstücke hervor. Der Zipfel eines Pullovers, die Träger eines Büstenhalters oder eines Unterhemds. Ihr langes nasses Haar kringelte sich auf ihren Schultern.

„Ich hatte schon Angst, Sie würden nicht anhalten”, sagte die Frau.
„Ich lass' Sie doch bei dem Wetter nicht da draußen stehen”, sagte Raik Maas.

Etwas später sagte die Frau: „Ich sollte eigentlich bei meinem Mann und meinen Kindern sein.”

Raik Maas versuchte, sich auf die Straßenbegrenzungen zu konzentrieren. Nach einer Weile sagte er: „Und wieso sind Sie das nicht? Ich meine, bei Ihrer Familie?”

„Weil es nicht mehr geht. Es passt einfach nicht mehr zwischen uns. Es war die Hölle.” Auf einmal fing sie an zu lachen, leise und zögernd. Bis aus dem Lachen ein Schluchzen wurde, laut und ungehemmt. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich es getan habe”, schluchzte sie.

„Was meinen Sie?” Wegen des Windes, der von der Seite gegen den Wagen drückte, musste Raik Maas das Lenkrad fest umklammern.
Als die Frau antworten wollte, war von der Rückbank ein Röcheln zu hören.

„Was war das?” fragte die Frau und wandte sich um.

„Ach, nichts, das ist bloß mein Bruder”, antwortete Raik Maas.

„Was ist mit ihm?”, fragte die Frau, die wieder nach vorne sah.

„Der hat ein bisschen zu viel getrunken, wir haben nämlich seinen Geburtstag gefeiert.”

„Wie alt ist er denn geworden?”

„Siebzehn”, sagte Raik Maas. „Und wie alt sind Ihre Kinder?”

„Sieben und fünf”, sagte die Frau und begann von neuem zu schluchzen.

„So weinen Sie doch nicht, bitte!”, sagte Raik Maas, lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Ihm gefiel die Vorstellung, mit dieser Frau im Wagen zu sitzen und über ihre Probleme zu sprechen. „Sie dürfen kein schlechtes Gewissen haben”, sagte er. „Denn besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.”

„Wie können Sie so etwas sagen? Sie kennen meinen Mann doch gar nicht?”

„Das stimmt. Aber ich weiß, was es heißt, als Kind die ewigen Streitereien der Eltern ertragen zu müssen.”

„Wirklich?” Die Frau wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.

„Ja”, sagte Raik Maas, während das Regenwasser in Schüben über die Windschutzscheibe lief.

„Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist”, sagte die Frau. „Aber ich konnte nicht länger mit ansehen, wie er auf uns allen herumgetrampelt ist.”

„Sie haben richtig gehandelt. Vielleicht kommt Ihr Mann ja dadurch zur Vernunft.”
„Meinen Sie?“ 
„Ganz bestimmt”, sagte Raik Maas, und wischte mit den Fingern ein kreisrundes Guckloch in die von innen beschlagene Windschutzscheibe.

„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragte die Frau. Raik Maas sah, dass sie auf einem Parkplatz standen, an dessen Ende als verschwommener, vom Regen verschleierter Farbfleck eine Gaststätte oder so etwas Ähnliches zu erkennen war.

„Da drüben können wir was trinken”, sagte er und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss.

„Und was wird aus Ihrem Bruder?”, fragte die Frau.

„Der soll seinen Rausch ausschlafen”, sagte Raik Maas und erkannte, dass es sich tatsächlich um ein Gasthaus handelte. „Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben.” Raik Maas lächelte die Frau an.

„Eins zu null für Sie”, sagte die Frau und stieg aus. Dabei fiel etwas zu Boden. „Auch das noch”, rief sie und bückte sich.

„Lassen Sie nur, ich mach das schon”, sagte Raik Maas. Als er sich wieder aufrichtete, sah er, dass es vom Regen im Nu aufgeweichte Fotos waren. Als er begann, die Bilder zu betrachten, entriss sie sie ihm und stopfte sie in ihre Manteltasche. Mit schnellen Schritten liefen sie über den Parkplatz durch den Regen.

[…]

Der neue Roman von Peter Henning: „Leichtes Beben” erscheint Ende August 2011 im Aufbau Verlag, Berlin

erstellt am 14.6.2011

Peter Henning
Leichtes Beben
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Aufbau Verlag Berlin
Erscheint Ende August 2011