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Das Essener Museum Folkwang widmet dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge eine üppige Ausstellung, die um sein multimediales Schaffen kreist. Es treffen aufeinander: das Museum mit seinen Jahrhundertschätzen und Kluge mit seinen Montagen aus Film, Literatur und Philosophie. Harry Oberländer hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung in Essen

Denken mit allen Sinnen

Lassen Sie mich, bevor ich weiter muss, noch eine Empfehlung aussprechen und Ihnen erzählen, warum ich im Oktober überraschend in Düsseldorf und Essen auftauchte. Ich war nämlich auf dem Konzert der Rolling Stones in der Esprit-Arena, was nicht gut für meine Ohren war, und auch nicht gut für meine Beine, die ich mir stundenlang in den Bauch stehen musste, bevor auf der Bühne wirklich und wahrhaftig Mick Jagger und Keith Richards auftauchten und mir klar wurde, dass manche Helden meine Jugend unsterblich sind und immer beweglich bleiben werden und meine Sympathie für den Teufel wieder zum Leben erweckten – man muss es nur richtig verstehen, wie man auch die Sympathie für Gott richtig verstehen muss: beide sind nur wirksam und verträglich, wenn man zuvor mit Hilfe von Pfarrer Fritz Nietzsche den Geist der Schwere getötet hat, und also spricht der Zarathustra in mir: Gehet hin nach Essen und betretet das Folkwang Museum, der Eintritt ist frei und ihr findet dort den Sternenhimmel des Pluriversums, wie Alexander Kluge ihn für Euch eingerichtet hat.

Sternenhimmel der Begriffe, Museum Folkwang Essen, Foto: Harry Oberländer

Der Sternenhimmel der Begriffe ist der Eingangsraum der üppigen multimedialen Ausstellung im Folkwang Museum. Er führt über charakteristische Begriffe und Konkretionen in Kluges Arbeit, in sein Lebenswerk ein. Lebenszeit ist ein solcher Begriff, Mnemosyne, der Name der Göttin der Erinnerung, ist dabei, und die Flüsse des Hades strömen irgendwo zwischen Vergessen und Allwissenheit dahin, Sirenen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit geben zu denken. Denken mit allen Mitteln und Denken mit allen Sinnen, ein poetisches Denken, ein Denken auch in Metaphern. Als Doppelbegabung wäre Alexander Kluge vielleicht Jurist geworden, der formidabel Geige spielen kann, aber diese Ausstellung zeigt einmal mehr seine geniale Universalwahrnehmung, Gelehrsamkeit wäre ein Understatement. In der Mitte des Raums liegt eine mit schwarzem Tuch gefüllte Glasflasche auf einem Podest. „In Seenot werfen Seeleute eine Flaschenpost ins Wasser: solche Hoffnung zeigt Mut. Oft schon haben Delfine solche Flaschen zur Oberfläche gestupst bis sie eine Hafenstadt erreichen.“

Im Video sieht man eine Spinne bei ihrer Arbeit des Netzespannens. Laut einer Erzählung Ovids wurde die Weberin Arachne, die den Kleidern, die sie produzierte, Bilder der Weltgeschichte einwebte, von der eifersüchtigen Athene in eine Spinne verwandelt. Als Wappentier passt die Spinne zu Alexander Kluge, dem Netzwerker und Meister überraschender Verknüpfungen („Wandern durch den Harz mit der Landkarte von Groß-London“) wie auch die Flaschenpost ein Zeichen der Hoffnung ist, dass die menschliche Geschichte mehr sein wird, als ein Anhäufung von Trümmern und Zerstörung. Und also dürfen auch zwei Engel die Ausstellungsbesucher begleiten. Dem Angelus Novus von Paul Klee, in dem Walter Benjamin den machtlosen Engel der Geschichte sah, ist der um einiges praktischer gesinnte Clown Stachel zu Seite gestellt, beide sollen als gute Archäologen gelten. Das Graben nach Überresten deutscher Geschichte war Sache der Patriotin Gabi Teichert, in dem Film „Die Patriotin“ (1979), gespielt von Hannelore Hoger. Ihr begegnet man in der Ausstellung ebenso häufig wieder wie Helge Schneider oder der unvergessenen Plaudertasche, dem Kommunikationsgenie Alfred Edel.

Verlässt man das Portal des Sternenhimmels durch einen großen Vorhang, findet man sich gleich mit einer hölzernen Bienenwabe konfrontiert, in der Teile der ständigen Ausstellung des Folkwang Museums zu bewundern sind: kleine, sehr feine altägyptische Figuren und Statuetten. Sie sind nur ein kleiner Teil der umfangreichen Sammlung des Gründervaters und Mäzens Karl Ernst Osthaus. Die elegante Bienenwabe bildet so ein Zentrum, um das herum die Räume der Kluge-Ausstellung gruppiert sind. Sehenswert ist das Folkwang Museum mit seinen exquisiten Sammlungen allemal, und sehenswert ist allein schon das 2010 eröffnete neue Gebäude, mit dem David Chipperfield im Wechselspiel von innen und außen fernöstlich inspirierte Spaziergänge und Wanderungen ermöglicht. So treffen zwei Schwergewichte in Essen aufeinander: Das Museum mit seinen Jahrhundertschätzen und Kluge mit seinen Montagen aus Film, Literatur und Philosophie.

Es geht dabei um alle Themen Kluges, die in den Videoinstallationen collagiert und kombiniert werden, und es lohnt sich, möglichst viel davon zu sehen. Wer sich dabei keine Mühe gibt, alles zu erfassen, sondern sich dem Strom der Bilder, den gesprochenen und geschriebenen Worten entspannt überlässt, kommt am weitesten.

Ausstellungsansicht Pluriversum, Museum Folkwang Essen, Foto: Harry Oberländer

Ein Objekt liegt im zweiten Raum, eine rostige Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Der „Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945“ nimmt Fühlung auf mit den Flugangriffen auf Aleppo. „Geld gilt als Währung“, sagt Kluge, „aber auch Lebenszeit ist eine. Zu solchem Leben gehören die Sterne ebenso wie die Arbeit, aber auch die Anti-Arbeit, also zum Beispiel der Schlaf. Auch die Welt 4.0, in der wir heute leben. Im selben Raum laufen Filme über den Ernstfall: die Liebe, den Krieg. In einer Vitrine liegen eine Lupe und ein Fernrohr. Das sind Instrumente, die im Alltagsblick nicht vorkommen. Wer will in die Sterne sehen, dem Muss das Aug’ stets übergehen, heißt es bei Beethoven.

Nicht realisierte Projekte sind unter anderem im dritten Saal zu sehen. Während Kluge die bloße Absicht Sergej Eisensteins erfolgreich aufnahm und das Kapital von Karl Marx verfilmte (2008, 10 Stunden Film mit Helge Schneider, Dietmar Dath, Sophie Rois und Werner Schroeter), blieben andere Projekte Fragment. Dazu gehört Kluges Arbeit über Stanley Kubricks ebenfalls nie realisierten Napoleon-Film oder der Film „Blitzmädel“, über den Kluge sich mit Edgar Reitz verzankte. Zudem sind in Essen erstmals auch Teile von Kluges „Atlas“ zu sehen. Die Sammlung von Materialien und Versuchen entstand zwischen 1985 und 2007, also in einer Periode, als der chemische Film und die aufkommende Digitalität sich aneinander abarbeiteten.

Interviews und Gespräche? Ja, auch dies in Hülle und Fülle. Mit Oskar Negt natürlich, ein Gespräch zum Beispiel aus „Früchte des Vertrauens“ (2009) über die deutsche Rentenmark von 1923, mit Hans Magnus Enzensberger, mit Michael Haneke, mit Gerhard Richter, mit Heiner Müller oder mit dem Kulturwissenschaftler Hans Belting, der herausfand, dass das Gesicht von Bildern nicht einzufangen ist. Vielleicht hilft als eine der möglichen Orientierung in Kluges Pluriversum, das uns vor allem als eine ungeheure Bilderflut entgegenströmt, auch Beltings Satz: „Bilder sind Nomaden der Medien. Sie schlagen in jedem neuen Medium ihre Zelte auf, bevor sie in das nächste Medium weiterziehen.“ (Hans Belting, Bild-Anthropologie, Wilhelm Fink München 2001)

Abschied von gestern? Ja, aber das Statement der Ausstellung lautet eher: „Uns trennt kein Abgrund von gestern, sondern nur die veränderte Lage. Neben einer Hütte, einem Knusperhäuschen, in der Grimms Märchen hausen, hängt ein großformatiges Schwarzweißfoto. Alexander und seine Schwester Alexandra Kluge, die in drei seiner Filme die Titelrolle spielte und im Juli 2017 in Berlin verstarb. Das ist das Bild, das ich von dieser Ausstellung am stärksten im Gedächtnis habe, das in mich eingewandert ist.

Pluriversum, Videotrailer zur Ausstellung

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erstellt am 27.11.2017

Ausstellungsansicht Pluriversum, Museum Folkwang Essen, Foto: Harry Oberländer

Ausstellung

Alexander Kluge: Pluriversum

Die Ausstellung im Essener Museum Folkwang noch bis zum 7. Januar 2018 zu sehen. Der Eintritt ist frei. Danach wandert sie in dem Jahr, in dem das jubilierende 1968 50 Jahre und Karl Marx 200 Jahre alt wird, nach Wien und wird vom 6. Juni bis 30. September 2018 im 21er Haus zu sehen sein.