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Am 9. November 2017 erhielt Christoph Hein den im Zweijahresrhythmus vergebenen Grimmelshausen-Literaturpreis. In seiner Laudatio führt Martin Lüdke in Leben und Werk des 1944 geborenen Preisträgers ein und würdigt dessen Roman „Glückskind mit Vater“.

Christoph Hein

Chronist unserer Zeit

„Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“ So heißt es, mit Anspruch auf allgemeine Geltung, in Williams Faulkners Bühnenstück „Requiem für eine Nonne“.

Der amerikanische Philosoph Arthur C. Danto hat, passend zu dieser Feststellung, bemerkt:

Wenn die Zukunft offen ist, dann könne die Vergangenheit nicht verschlossen sein. Danto will damit sagen: erst das kopernikanische Weltbild habe das ptolomäische an seine richtige Stelle gerückt. Oder etwas platter: erst durch den Zweiten Weltkrieg hat der Erste seinen Namen und eine neue Be-Deutung bekommen. Vorher hieß er nämlich der Große Krieg und war weder Vorläufer noch Ursache.

In dem Raum, der sich hier öffnet, bewegt sich das Denken und auch das Schreiben von Christoph Hein. „Glückskind mit Vater“, der große Roman aus dem Jahr 2016 ist ein weiterer Beleg dafür.

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Vor ziemlich genau dreißig Jahren, nämlich vom 24. bis 26. November 1987, fand in Berlin, der damaligen Hauptstadt des so genannten „Arbeiter- und Bauernstaates“ , der X. Schriftstellerkongress der DDR statt. Anwesend waren auch Erich Honecker und sechs weitere Mitglieder des Politbüros der SED, also die halbe Staatsspitze. Die Führung der DDR nahm, daran gut ablesbar, ihre Dichter ernst. Das Grummeln, das unter den versammelten Autoren zu hören war, das hörten auch die Parteifunktionäre. Die Gängelung der Gesellschaft durch die Staatspartei ging langsam zu Ende.

Die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT vom 4. Dezember 1987 brachte unter der vom Autor stammenden kraftvollen Überschrift „Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar“ die couragierte und klare Rede des Ostberliner Schriftstellers Christoph Hein. „Literatur und Wirkung, ich denke, wir haben einiges bewirkt, und wir haben noch viel zu bewirken. Ich wünsche uns allen dazu Kraft und Mut und Rückgrat“. Hein sagte weiter: „Bücher haben ihre Schicksale, und diese beruhen allein auf ihrer Wirkung.“ Seine Bücher hatten Wirkung, damals in der DDR. Sie haben Wirkung, heute in Deutschland. Damals politisch. Heute, sagen wir, moralisch.

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Die neu gewählten Mitglieder der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache in Darmstadt, alle bekannte, wenn nicht berühmte Zeitgenossen, werden paradoxerweise gebeten, über sich Auskunft zu geben. Auch Christoph Hein unterzog sich dieser Pflichtübung. In „Über mich“ sagt er im Oktober 1992 unter anderem:

„Geboren wurde ich 1944 in einem schlesischen Dorf und musste es verlassen, bevor es mir eindrücklich wurde. Ich wuchs auf in einer sächsischen Kleinstadt als Sohn eines Pfarrers, was der Staat als ein strafwürdiges Vergehen ansah und dazu führte, dass ich, um weiter eine Schule besuchen zu können, die DDR 1958 verlassen musste. Nun in Westberlin lebend besuchte ich mit anderen ehemals ostdeutschen Schülern, vor allem Kinder von Pfarrern und Ärzten, ein Gymnasium, altsprachlich natürlich, das hatte der Vater durchgesetzt (…) Wenige Jahre später, 1961, gab es eine spektakuläre Aktion der Regierung der DDR , da sie uns offenbar nicht missen wollte, was dazu führte, dass einige meiner Mitschüler zu Westdeutschen und die anderen repatriiert wurden, letztere freilich mit dem Makel einer zweiten zu bestrafenden Untat gezeichnet: illegales Verlassen des Staates“.

Soweit Christoph Hein in seiner Selbstauskunft. In seinem Buch „Von allem Anfang an“, 1997, beschreibt Hein, der Pfarrerssohn, seine Kindheit auf dem Land, Radtouren und Badeausflüge , seine ersten sinnlichen Erfahrungen, „weder unschuldig noch obszön“, wie Peter von Matt das so schön genannt hatte, seinen Weg in das Westberliner Gymnasium und schließlich den Sommer 1961, den Bau der Berliner Mauer, die auch ihm den Weg in seine Westberliner Schule verstellt hatte.

In dem Roman „Glückskind mit Vater“ taucht in der Abendschule, die der Held des Buches Konstantin Boggosch besucht, ebenfalls im August 1961, nach dem Bau der Berliner Mauer, ein Pfarrerskind auf, von dem es heißt:

„Ein neuer Schüler kam in unsere Klasse, ein Junge, der in Westberlin auf ein Gymnasium gegangen war. Martin war der Sohn eines Pfarrers in Magdeburg, war zwei Jahre zuvor seines Vaters wegen nicht zur Erweiterten Oberschule zugelassen worden und nach Westberlin geflüchtet, wo er in einem Schülerheim gewohnt und ein altsprachliches Gymnasium in der Nähe des Hohenzollerndamms in Schmargendorf besucht hatte. Als die Mauer gebaut wurde, war er zu Besuch bei seinen Eltern und konnte nicht mehr an seine Schule zurück.“ Hier hört die Parallele auf. An solchen Beispielen zeigt sich, wie stark Christoph Hein – immer wieder – auf eigene Erfahrungen baut. So wird Authentizität erarbeitet. Mit seinen Worten: „Die Frage nach dem Material und der Wirklichkeit, die einem Schriftsteller zur Verfügung stehen, ist die Frage nach dem Material und der Wirklichkeit, die der Schriftsteller selbst ist.“ Material und Wirklichkeit – nicht zu verwechseln.

Hein hat 1964 sein Abitur an einer Ostberliner Abendschule nachgeholt. Und sich 1967, wie in der DDR üblich, bereits verheiratet und Vater geworden, an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg beworben – vergeblich. Eine weitere Parallele zu Konstantin Boggosch.

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Die Anzeichen waren, im Nachhinein, deutlich zu sehen. Die Vorboten waren überlaut zu hören. Doch die Erkenntnis blieben einer späteren Zeit vorbehalten.

Christoph Hein hatte am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Fall der Mauer, bei der, wie sich bald herausstellen sollte, gigantischen Trauerfeier zur Grablegung des Arbeiter- und Bauernstaates, als einer der Hauptredner, eine kurze, aber große Rede gehalten. Eine legendäre Veranstaltung. Ganz Ostberlin war auf den Beinen. Das DDR-Fernsehen übertrug die Kundgebung. Unübersehbare Menschenmassen. Hein benannte den Machtmissbrauch der Staatsführung und er benannte ihre Verbrechen. Er forderte Aufklärung, forderte die Verwirklichung von Demokratie. Er erinnerte aber auch an den Traum vom Sozialismus, mit dem einige der Genossen einst einmal angetreten waren. Er erinnerte sogar an den alten Mann, Erich Honecker, der für diesen Traum bei den Nazis im Gefängnis gesessen hatte und ihn, an die Macht gekommen, verraten hatte.

Zur Verleihung des Erich-Fried-Preises, nur ein halbes Jahr später, erinnerte Hans Mayer, einst einer der legendären Professoren der Leipziger Universität, an Heins Rede auf dem Alexanderplatz. Und an die Tatsache, das gerade die Schriftsteller – im Sinne der Hegelschen Negation – zusammengebrochene Systeme überleben lassen. Er nannte Joseph Roth mit seinem „Radetzkymarsch“, Christoph Hein mit „Horns Ende“ (1985) und mit dem „Tangospieler“ (1989). Die Reihe lässt sich fortsetzen. „Willenbrock“ (2000), „Landnahme“ (2004), der wunderbare Roman „Frau Paula Trousseau“ (2007), die Geschichte einer Malerin, die in der DDR an ihrer Kunst, nach der Wende am Leben scheitert.

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Die Rolle, die Schriftsteller wie Christoph Hein in der damaligen DDR einmal gespielt haben, lässt sich heute kaum mehr begreifen und einem jüngeren Publikum schon gar nicht mehr vermitteln. Schriftsteller waren keine Idole, keine Stars, Fernsehstars, obwohl sie Zugang zu den Medien hatten. Sie waren auch keine Vorbilder. Sie waren, ich bitte um Nachsicht für diesen pathetischen Ausdruck, sie waren Repräsentanten der – Wahrheit.

In Büchern wie Heins Novelle „Der fremde Freund“, im Westen unter dem Titel „Drachenblut“, im gleichen Jahr, 1982, erschienen, ebenso wie in Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“ oder Volker Brauns „Unvollendeter Geschichte“, Günther de Bruyns „Neuer Herrlichkeit“, da wurde, und zwar ungeschminkt, ein Amalgam aus subjektiver Resignation, objektiver Aussichtslosigkeit und eine trostlose Gefühlskälte dieser zerbröckelnden Gesellschaft sichtbar gemacht. Die Autoren hatten es gelernt, mit Andeutungen umzugehen. Die Leser hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Literatur übernahm Funktionen, die in den westlichen Gesellschaften der (kritischen) Öffentlichkeit zukamen. Bücher, wie sicher auch die eben genannten, galten als sogenannte „Bückware“. Sie wurden oft unter dem Ladentisch gehandelt. Die Bücher wurden gelesen – und weitergegeben.

Für mich zählt es zu den großen Wunderlichkeiten der Geschichte, wie schnell, wie abrupt es damit zu Ende ging. Im Grunde war bereits am Tag nach der Maueröffnung das alles vorbei. Die Leser waren plötzlich verschwunden. Die Bücher blieben auf dem Ladentisch liegen und verschwanden dann im Ramsch.

Auch die Stellung der ostdeutschen Schriftsteller in den westdeutschen Medien veränderte sich. Die Schriftsteller der ehemaligen DDR mussten sich jetzt eine neue Rolle suchen – in einer Gesellschaft, in der die Literatur Jahr für Jahr weiter an Bedeutung verliert. Viele taten sich schwer damit. Auch Christoph Hein hatte sicherlich einige Anpassungsprobleme. Im SPIEGEL attestierte ihm Volker Hage „verdienstvolle Absichten“, leider: „keine Literatur“. Reich-Ranicki sah in Heins „Napoleonspiel“ zwar „keinen Sinn“, immerhin sei es „nicht schlecht erzählt.“ Der einstige Bonus galt fortan eher als Makel.

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Rolf Bossert, ein rumäniendeutscher Schriftsteller, etwa zeitgleich mit Herta Müller in den Westen gekommen, erzählte mir einmal, dass er im Goethe-Institut von Bukarest alle wichtigen (west)deutschen Zeitungen und Zeitschriften lesen konnte und deshalb über die bundesrepublikanischen Verhältnisse sicher besser informiert war als die meisten Deutschen selbst. Nur, sagte er dann (Raucher entwickeln hier besonderes Verständnis), dass man Zigaretten am Automaten holen kann, das wusste ich nicht. Geschichtsschreibung des Alltags nannte Martin Walser dieses Phänomen. Wer darin eine Flucht vor der Politik erkennen will, liegt falsch, völlig falsch. Das zeigt, von seinen ersten Anfängen an bis heute, das Werk von Christoph Hein. Dazu bedarf es keiner Haupt- und Staatsaktionen. Es genügt der Hinweis, fast hingenuschelt und für westliche Leser (damals) kaum zu erkennen, das es schwierig sei, die Oma im Altersheim unterzubringen. Dieser Tatsache verdankt Günter de Bruyns Roman „Neue Herrlichkeit“ sein zeitweiliges Verbot. Dieser Tatsache verdankt Christoph Hein, Pfarrerssohn, aufrecht, mit stabilem Rückgrat ausgestattet, seine enorme Popularität unter den Lesern der ehemaligen DDR. Und, durchaus paradox, auch heute noch unter seinen Lesern überhaupt. Er erzählt nämlich nach wie vor, um Hans Mayer zu zitieren, wie man in Deutschland „gelebt, gelitten und gelogen hat.“ Den Alltag.

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„Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde, die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden.“ Dieser Hinweis ist dem Text vorangestellt.

Es geht dabei vor allem um Gerhard Müller, Brigadeführer der SS, Besitzer der Vulcano Werke, Buna 3, und Herrscher über ein kleines Städtchen in Mitteldeutschland. Müller ist verheiratet mit einer jungen Frau, Erika. Zwei Kinder. Wovon einer der beiden Jungens erst nach Kriegsende und auch erst nach der Hinrichtung von Müller in Polen geboren wurde: Konstantin, das „Glückskind mit Vater“, neben seiner Mutter, der Held dieses wunderbaren Buches.

Der Roman beginnt mit einem Bild. Vielleicht einem Fiebertraum. Es liegt eine Art Schleier darüber. Etwas Nebelhaftes. „Die jungen Birken schienen miteinander zu flüstern, ihre Blätter bewegten sich lebhaft, obwohl kein Wind zu spüren war.“ Ein Mann in weißer Uniform, der Sommeruniform der SS, bewegt sich tänzelnd zwischen den jungen Birken. „Jeder Schritt verriet Macht“. Mit einer schwarzen Lederpeitsche schlägt er sich den Weg frei. Und dann „verschwand (er) so plötzlich wie er erschienen war.“ Diese tänzelnde Gestalt, wie ein Spuk-Bild erschienen, verfolgt die wahren Helden dieses Buches ihr ganzes Leben lang.

Gleich nach diesem Bild folgt das Ende der Geschichte. Konstantin Boggosch, fast siebzig, pensionierter Schuldirektor, soll in dem Lokalblatt von seinen Erinnerungen berichten. Er versucht die junge Redakteurin abzuwimmeln. „Mit unseren Erinnerungen versuchen wir, ein missglücktes Leben zu korrigieren.“ Die junge Frau lässt aber nicht locker. Sie möchte die Wahrheit hören und darüber berichten. „Die Wahrheit? Nun, die werden Sie auch von mir nicht bekommen. Lediglich meine Wahrheit.“ Der alte Lehrer verspricht, sich die Sache zu überlegen. So beginnt seine Geschichte. Und so erzählt er sie uns, seine Wahrheit.

Die Mutter hat gleich nach dem Krieg ihren Mädchennamen wieder angenommen, ja regelrecht erkämpft, und auch ihre beiden Kinder umbenannt. Sie heißen wieder Boggosch, alle drei, Gunthard, der eher stolz auf den Vater ist, Konstantin und die Mutter. Aber der Schatten des Vaters verfolgt sie, ihr Leben lang. Und wo der Schatten nicht hinfällt, da ist die Akte noch da: Müller, SS, Kriegsverbrecher. Die Mutter, Fremdsprachenlehrerin, geht putzen. Konstantin, talentierter Sportler, darf weder auf eine Sportschule, noch auf die erweiterte Oberschule, das Abitur, hoffen.

Sippenhaft, die sich in der DDR, mit anderen Vorzeichen, so fortsetzt, wie sie von Nazis eingeführt worden war. Immerhin können die Kinder von ihrer Mutter Sprachen lernen. Jeden Abend sprechen sie zu Hause eine andere Sprache. Italienisch, Englisch, Französisch. Russisch haben sie ohnehin, in der Schule. Das wird sich, vor allem für Konstantin, auszahlen. Denn der flieht, bisschen über vierzehn Jahre alt, aus der Enge dieser Verhältnisse in den Westen, nach Frankreich, will nach Marseille zur Fremdenlegion. Dort wird er nur ausgelacht und auf die Straße gesetzt. Er landet in einem Antiquariat, geführt von einem ehemaligen Mitglied der Résistance. Dank seiner Sprachkenntnisse kann man ihn brauchen. Soweit, so gut. Ich wollte schon, aber kann nicht die ganze, durchaus ergreifende Geschichte hier nacherzählen. Nur soviel: der Schatten des Vaters verfolgt ihn, wo immer er auch hinkommt, was immer er macht. Inzwischen hat er auf einer Abendschule die Mittlere Reife erworben. Damit will er zurück in die DDR, zurück zu seiner Mutter. Und zwar ausgerechnet im August 1961, pünktlich zum Bau der Berliner Mauer.

Mit einer bestechenden Genauigkeit beschreibt Christoph Hein die vielen einzelnen Hürden, die dem jungen Konstantin im Wege stehen, die er zum Teil überwinden, die er manchmal umgehen kann, an denen er aber immer wieder auch hängenbleibt, sein ganzes Leben lang. Er wird, unfreiwillig, aber später ist er glücklich darüber, Lehrer, ein guter, beliebter Lehrer. Sogar Schulleiter. Doch immer wieder holt ihn der Schatten seines Vaters ein. Er hat ihn nicht gekannt. Er war tot, als er geboren wurde. Aber er steht ihm immer wieder im Weg.

Was da beschrieben wird, das ganze Leben des Konstantin Boggosch, von seiner Kindheit an, die deutschen Nachkriegsjahre, bis hin zu seiner Pensionierung, über die verschiedenen Phasen der DDR-Geschichte, der Wende, hinweg, packend, bewegend, das bleibt immer gebunden, eng angebunden an das Leben dieses Mannes, an den Alltag in der DDR. Was immer auch passiert, und es ist einiges, an historischen Ereignissen, an persönlichen Schicksalsschlägen, an erfreulichen und weniger erfreulichen Entwicklungen in der Familie, in der Schule, in der Politik, alles ist eng angebunden und gefiltert durch die Erinnerung des Erzählers. Es ist, wie er eingangs sagte: „meine Wahrheit“.

Eine bedrückende, eine ergreifende Wahrheit.

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Für dieses Buch, „Glückskind mit Vater“, ordentliche 527 Seiten umfangreich, hat Christoph Hein den Grimmelshausen-Preis 2017 zugesprochen bekommen. Mir liegt es wirklich fern, die Jury zu kritisieren. Wenn man fragt, warum nicht schon früher, da lassen sich nämlich einige seiner Romane benennen, muss man allerdings auch fragen: warum nicht später. Für, beispielsweise, „Trutz“, dieses Jahr erschienen, allerdings nur 477 Seiten lang. Das heißt, weniger umständlich gesagt, Hein hat ein großartiges Werk vorzuweisen. Er hat Gestalten geschaffen, die uns, seine Leser, im Leben begleiten. Hinzu kommt, Heins Romane, das ist mir jetzt erst aufgefallen, sind fast alle miteinander verknüpft. sind. Durch die Biographie des Autors, seinen Erfahrungshorizont , klar, aber auch durch Motive und Motivketten, die immer wieder auftauchen. In einem Aufsatz über, ausgerechnet, Kleist, ausgehend vom „Prinz von Homburg“, kommt Hein auf die Klage der Eltern eines Wolfgang Grams zu sprechen, einem RAF-Terroristen, der auf eine sehr dubiose Weise in Bad Kleinen, auf den Bahngleisen, ums Leben kam. „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, so heißt Heins Roman, der sich genau damit befasst. In „Trutz“, dem neuesten Buch, versucht der Erzähler gesperrte Akten einzusehen, aus denen sich die Lösung des Rätsels um diesen Tod in Bad Kleinen ergeben könnte – und stößt so auf seine neue Geschichte, die von „Trutz“.

Das allein scheint mir schon bemerkenswert genug. Noch bemerkenswerter scheint mir allerdings das verbindende Element in all diesen Geschichten. “Horns Ende“, „Der Tangospieler“, „In seiner Kindheit ein Garten“, „Glückskind mit Vater“, bis hin zu „Trutz“, immer steht im Zentrum die Frage von Recht und Gerechtigkeit. Im Osten. Im Westen.

Diese Laudatio hielt Martin Lüdke anlässlich der Verleihung des Grimmelshausen-Literaturpreises an Christoph Hein am 9. November 2017 in Renchen.

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erstellt am 24.11.2017

oto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-051 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0
Christoph Hein spricht bei der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-051 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0
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