Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt: Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die auf Faust-Kultur in wöchentlicher Fortsetzung erscheinen.

Fortsetzungsroman von Jamal Tuschick

Hessenmeister

18. April 2018

Hessenmeister

Puma Park und der weiße Kranich

Alles war Fluidum, Sendung, Zen – archaisch und aristokratisch. Puma Park, die sich in Japan Kanon Takeshi nannte, verwandelte ihre Unzulänglichkeit in Karate und Naturverbundenheit. Sie verlor ihr armes Ich an den Kosmos. Sie vermählte sich mit der Leere und gelangte in einen guten Rhythmus.

Rough Talk

Die Kofferkinder waren längst erwachsen, als Hüseyin G. nach Deutschland kam. Er fand Arbeit im VW-Werk Kassel-Baunatal, riss da einundzwanzig Jahre ab und ließ sich abfinden. Mit sechzig war er so fit wie eine gedopte Flunder. Zwei Freundinnen neben der Ehefrau und hessenweiter Fischhandel auf Wochenmärkten erschöpften den Frührentner nicht.

Mit einem Bruder gründete Hüseyin in Fritzlar die Detektei „Happy Birthday“. Der Firmenname kopiert einen Titel von Jakob Arjouni, der die Figur des türkischen Privatermittlers Kemal Kayankaya nach amerikanischem Vorbild geschaffen hatte. Kayankaya war ein Phil Marlowe der alten Bundesrepublik. Als Detektiv nennt sich Hüseyin Marlow. Das End-e ist in der Ungenauigkeit verloren gegangen. Marlow ist natürlich noch literarischer als Marlowe, aber das weiß Hüseyin nicht. Er wurde kaum in seiner Muttersprache alphabetisiert. Deutsch schreibt er nach Gehör. Er ist ein Mann handfester Lösungen. Die Unverwüstlichkeit hat er vom Vater. Der Alte sieht seinem hundertsten Geburtstag auf einer türkischen Alm über der Schwarzmeerküste entgegen.

Inzwischen hat Hüseyin drei Freundinnen neben der Ehefrau. Er haut gern mit der flachen Hand auf die Faust, um zu zeigen, wozu er die Freundinnen braucht. Eine ist Lehrerin, das macht ihn besonders stolz.

Als Marlow beschimpft Hüseyin seine Klienten, die er Patienten nennt, professionell. Er hält Rough Talk für einen Aspekt der Ermittlungsarbeit. Sein bester Patient ist der Anführer der Berliner Arthur Harris Bande (auch bekannt als Institut für kriminellen Humanismus) Flo Lekrem aka Fips Deppert. Er hat „einen Haufen Arschlöcher” (Ermittlungsjargon nach Kemal Kayankaya) auf Nele al Jazeera angesetzt. Sie ist Sprecherin der Patriot*innen in der Gelnhäuser CDU. Lekrem finanziert mit eigenen und öffentlichen Mitteln einen Kampf gegen Personen des öffentlichen Lebens nach einem politisch weit gemachten Kunstbegriff. Feinde werden subversiv und kreativ „sozial geächtet“. „Bis sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Friseur zu gehen.“ (Flo Lekrem in einem Bulletin vom 05.03. 2018.)

„Wissen Sie, was ein Romeo im Jargon der HVA war?“ fragt der Bandenchef den Detektiv in einem Telefongespräch am 12.03. 2018 um 11.38h. (Aus einem TRD-Abhörprotokoll.)

Die Depression von Yucatán

Vor 580 Millionen Jahren schlug ein interstellares Geschoss ein Loch in die Erde, das als Acraman-Krater in die Geschichte einging. Die Impaktstruktur ist stark erodiert und weist die gleichen magnetischen und gravitativen Anomalien wie die Depression von Yucatán auf. Sie erscheint als Senke mit einem Durchmesser von neunzig Kilometern. Das Relief ihrer Umgebung bestimmte die rasche Abkühlung einer vulkanischen Gesteinsschmelze vor Milliarden Jahren. Die Landschaft ist das Resultat einer Schock-Metamorphose. Kosmische Gewalt brachte sie hervor. Nele empfindet die australische Sternenwunde als Resonanzraum für universelle Fragen. Nach einer offiziellen Sprachregelung spannt sie unbemannt aus. In Wahrheit sucht sie Abstand zu den Aktivisten des Instituts für kriminellen Humanismus, die ihr überall in Europa intransigent an den Fersen kleben. Wieder mustert Nele die Leute in ihrer Reisegruppe. Verdächtig sind alle, abgesehen von einem ausnehmend angenehmen Fischhändler aus Kassel. Besonders verdächtig findet Nele den amerikanisch auftrumpfenden Nahost-Shorty Marlboro Resnik. Der ungehobelte Gnom ist angeblich verwandt mit der US-Sowjetrussin Judy Resnik und sogar in ihrem Todesjahr geboren nach eigener Angabe. Resnik gräbt ungeniert nach Popeln und schmiert den Rotz überall hin. Er schlüpft gern aus seinen Sandalen und setzt sich dann so, dass man seine Fußsohlen sieht. Das ist eine orientalische Beleidigung. Nele weiß das von ihrem arabischen Ehemann Hasar.

Am 28. Januar 1986 endete der NASA-Weltraumflug STS-51-L gleich nach dem Start. Die Raumfähre zerbrach in einem Bild. Ein vielfach gewundener Explosionsschweif mäanderte über den Himmel. Das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zu den Opfern des Unglücks zählte Judy Resnik, deren Eltern aus der Ukraine nach Ohio gekommen waren.

Im April Sechsundachtzig befahl Präsident Reagan die Operation El Dorado Canyon. Die amerikanische Luftwaffe bombardierte Ziele in Libyen. Eine Serie restlichtverstärkter Bilder ersetzte dem Zuschauer die Realität und schuf ein neues Design der Wüstenkriegsberichterstattung. Es folgte das nukleare Menetekel Tschernobyl.

Im September schob Neles Mutter ihre Tochter in das Sterbezimmer ihrer Mutter. Die Greisin wollte von Nele nichts wissen. Sie fertigte die zur Folgsamkeit entschlossene Enkelin wie eine Domestikin ab. So kurz vor dem Abflug war sie von jeder Rücksichtnahme befreit.

Im November nahm Nele wieder den Körperkontakt zu mir auf und reaktivierte das unterbrochene Verhältnis bis auf Weiteres.

Während Nele sich in Australien über ihre Verfolger den Kopf zerbricht und die Risiken eines Abenteuers mit Hüseyin erwägt, sitzen wir schon wieder in der alten Barockschenke, die jetzt Merkantil heißt. Hanne Mansfeld, geborene Schleim, wringt ihr trockenes Haar. Eine Geste der Verzweiflung auf dem Vorfeld von Erosion, Korrosion und Schimmel. Die übelsten Sachen sieht man erst gar nicht. Man kann sie auch nicht riechen. Aber sie sind da als Ansitzjäger in Größenordnungen der Mikroorganismen. Die chemische Zusammensetzung des Lebens schleift einen Rattenschwanz an Problemen für Eigentümer hinter sich her. Seit die Erfurterin Hanne unseren Hans Mansfeld geheiratet hat, kennt sie die Nöte der begüterten Klasse.

Jede hätte Hansi heiraten und so Frau Mansfeld werden können, angefangen bei der in Treue handfesten Zugeherin Eva Salbader bis zu der von Hanne gefeuerten guten Seele des Hauses Rosi Würm. Rosis Süßigkeiten waren Offenbarungen, die auf dem Gaumen schmolzen. Rosi hielt Hans mit Schokolade am Leben. Seine Eltern übten an ihm eine militante Verständnislosigkeit. Im Bollwerk der Zurückweisung leuchtete die einzige durchlässige Stelle in allen Signalfarben: Hans durfte sich fett fressen. Vielleicht war das eine Strategie, um im Kind erst gar kein Selbstbewusstsein aufkommen zu lassen.

Auf Hannes Speisetafel steht Zigeunerschnitzel, obwohl Lore der eingeheirateten Rassistin nahegelegt hat, Paprikaschnitzel zu schreiben. Zigeuner sei zu dicht an Neger, behauptet Lore im Einklang mit der herrschenden Meinung der Paare, die im Merkantil ihren Stammtisch haben. Ich nenne die abwesende Nele und ihr anwesender Hasar, Vera und Ayat, Gerda und Tillmann, Jesse und Sheila, Lore und mich und Lores amtlichen Liebhaber Ben. Benjamin Isaac Willard gründete 1992 Apocalypse Now TV (ANT) und übernahm zwei Jahre später Texas Ranger Television (TRTV) von Ted Turner. Lore ist seine Europachefin.

Als junger Mann war Ben im Dschungel von Laos einzelkämpferisch und lustmörderisch aktiv. Seither fehlt ihm was.

Hanne zickt. Sie besteht auf den romantischen Mehrwert einer Schimäre unter Nebensonnen der verteufelnden Herabsetzung. Ihr folgt ein vom Alter abgesprengte Provokateur, der die unkorrekte Bezeichnung Zigeuner in ihrer gleichermaßen abgemahnten und abgeschmackten Wiederholung als Widerstandsakt gegen die Einigkeit im Raum begreift. Er gibt eine Figur zwischen Wüterich und Tattergreis ab. So steht er am Tresen und spricht von oben herab zu uns, die wir vor Ort die Honoratioren sind – engagiert katholisch und in der CDU. Nur die um Längen jüngere Vera wählt noch grün.

Die Chance von Yucatán

Man kommt mit dem Zug an, eine Station zwischen Böschungen im Stil des Weltendes, tritt vor den Bahnhof und prallt gegen Weltstadtflughafenkunst. Im Wirkungsschatten des Spektakels schleusen wir uns durch ein Scherbengericht der verdämmernden Moderne mit Dalís zerlaufenen Brillen als Mosaike. Vera und ich gewinnen den Aufgang der Bahnhofsgalerie. Musterabsolventen der Schwarzenegger Academy bewachen alttestamentarisch den Eingang. Die aufwendig gedruckten Einladungen, mit denen Vera vor ihren Nasen herumwedelt, veranlassen die Muskelberge, zwischen sich ein Tal entstehen zu lassen.

Ausladende Mimik verwandelt sich in einladende.

In einer Gesellschaft, in der es auf Sekunden und Zentimeter ankommt, verpasst die gestockte Aggression der Hünen mir die Größe eines Häuflein Elends. Mich beschleunigt die Agilität eines erschlafften Windsacks. Vera, die mit einem durchsetzungsfähigen Mann verheiratet ist, leistet sich den schlappen Hausfreund wie einen alten Muff, der ihrer glänzenden Erscheinung nichts anhaben kann.

Die Guatemaltekin steht als Garderobiere herum. Sie stammt aus der Gegend des großen Einschlags, der die Menschheit als mausgroße Nager ins Rennen geschickt hat – die Chance von Yucatán. Auf ihrer Theke steht ein leerer Trinkgeldbecher. Ihr Kleid erinnert mich an die vertroddelten Hausschuhe von Erika Schimsky. Veras Mutter war meine erste Geliebte. Bis heute ist mir schleierhaft, ob mein Biologielehrer und väterlicher Freund Balthus Schimsky Kenntnis von dem Verhältnis hatte. Oft beschritt ich in seinem Schatten den Stich zum Franzosenkopf über meiner Heimatgemeinde Linsengericht (bei Gelnhausen). Die Gegend erhebt sich wie von einem gewissenhaften Notar für Rechtens befunden. Die Gegenstände auf dem Schreibtisch eines Pedanten können nicht in Reih und Glied ausgerichteter sein. Schimsky verlangte von sich jeden Nachmittag die kleine Anstrengung am Hausberg.

Er war ein rabiater Erbsenzähler; ein Liebhaber von Kleinigkeiten; ein Verehrer von Schaben und Totholzfetischist. Als ich zwölf war, mutete er mir einen Konkurrenzkampf zu. Mein Rivale war Einzelgänger. Die Divination sagte: er oder ich. Ich wehrte mich gegen seine Penetrations- und Verdrängungsversuche mit der Wut des Schwächeren. Der Stärkere übte selbstherrlich das Faustrecht aus. Ich nahm Zuflucht zu Bündnissen, die zwar meine Konfrontationsergebnisse verbesserten, mich aber nicht gut aussehen ließen. Schimsky untergrub meine Skrupel. Er begrüßte jede Infamie. Er machte mir klar, dass er von Fairness nichts hielt. Er hätte mich ausgemustert, wäre ich zu einem klaren Sieg nicht in der Lage gewesen.

Irgendwann entließ mich Erika aus der Liebeshaft. Ein zähes Verhältnis verband mich jahrelang mit Nele. Schließlich verliebte ich mich in Vera. Sie speiste mich über weite Strecken mit der Rolle eines Vertrauten ab. Ab und zu gab es körperliche Zuwendung, nicht immer nur so familiär, dass lediglich ein Erguss fällig wurde.

Lore heiratete mich praktisch vom Fleck weg.

Die Guatemaltekin hat den blanken, wie ausgetrunkenen Blick der Schiffsbrüchigen.

Line-up your limbs

Nele kreuzt auf und verlangt, dass ich mich um sie kümmere. Ihr etwas zu trinken hole. Sie zu ihrem Aufenthalt in Australien befrage.

Ich stehe zwischen zwei Frauen, die den im Ganzen kaum durchschnittlichen Lehrer (für Deutsch und Geschichte) Hilmar Morlock als Liebhaber akzeptiert haben. Nele behauptet, ich sei alt auf die Welt gekommen. Das sei ihr in Australien klargeworden. Sie selbst ist verkarstetes Gelände. Die Verbindungen zu den Freunden und Nachbarn (die Verlässlichkeit des Milieus) wirken wie Streben ihres inneren Korsetts.

Wer weiß, auf welcher Straße sie sonst kaputt gegangen wäre. Für mich ist Nele eine trockene Trebegängerin. Eine, die sich vergattern lässt. Sie hat „das Nachtasyl im Blut“ (Paul Morand). An der Schwelle zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr unterwirft sie sich jubelnd und jaulend jeder Kraft, die zu ihr vordringt, angefangen beim Yoga über die deutschen Patriot*innen mit Migrationshintergrund bis zu den Katholischen Feministinnen von Gelnhausen (KFG). Die Koreanerin Puma Park führt die KFG als Rollenspielgemeinschaft, in der Männer zugelassen sind. Ihr Credo lautet: Line-up your limbs and boogie.

Das erinnert mich an einen wöchentlichen Lauftermin, den ich mit Neles Mann im Büdinger Forst hatte. Hasar und ich schleppten uns über die alte Trimmstrecke. Sie wurde von der Bevölkerung nie angenommen. In den letzten achtunddreißig Jahre hat sie Loggia Charakter angenommen. Die antiken Komponenten sehen aus wie Artefakte einer Fantasy Epoche. Luftwurzeln arcdetriomphieren über Totholz.

Germanische Märchen

An einem Vormittag, der sich wie aufgeweichte Pappe anfühlt, referiere ich vor meinen Schülern hessische Landesgeschichte in der fränkischen Zeit. Der Mief von Generationen hängt im Klassenzimmer und kulminiert in bedrängenden Assoziationen zu einem alten Käse. Man müsste den wilhelminischen Kasten abreißen, um den Schulgestank loszuwerden.

Die Schüler ächzen unter dem Joch der Adoleszenz. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen. Das Ende der Stunde ist auch für mich eine Erlösung.

Achim bleibt zurück, er sucht meine Aufmerksamkeit. Ich zucke zurück. Ich sehe Achim nicht gern an, er ist zu schön – ein Claus Schenk Graf von Stauffenberg und genauso hochfahrend wie ich mir den Grafen als Knaben im Kreis der Stefan George Jünger vorstelle. Er trägt Kniebundhosen und spielt Ziehharmonika.

„Ich möchte anregen, dass wir über den Vorfall in Gwangju reden. Das finde ich wichtiger als Ihre germanischen Märchen.”

Die Zurechtweisung sitzt. In Gwangju wurde ein Schulleiter wegen sexueller Belästigung einer Lehrerin suspendiert.

„Das ist eine gute Idee”, sage ich.

Achim geht ab wie ein Engel in der Weihnachtsaufführung und ich weiß nicht, was er denkt und fühlt und wie gefährlich er mir werden kann.

Die Verhältnisse ordnen sich neu, denke ich im Treppenhaus, und es ist egal, wie ich dazu stehe, es geschieht einfach. Was jahrelang durchging, ist jetzt kriminell. Als ich in Achims Alter war, fand es Erika nicht anstößig, meine Lust zu wecken und für sich einzusetzen. Sie hielt mich in einem weitgehend unbesprochenen Verhältnis als Liebhaber. Das Ende der Liebschaft führte nicht zum Abbruch der Beziehungen. Ich verkehrte weiterhin im Haus Schimsky und sah zu, wie Vera immer schöner wurde. Ohne Veras (meiner Stellung im familiären Gefüge geschuldeten) Arglosigkeit wäre ich um die größten Schätze meines Lebens gebracht worden. Heute würde meine Hinterhältigkeit als Delinquenz bewertet. Damals war es noch nicht mal Devianz.

Puma Park

Sie wächst im ewigen Wind von Dangjin auf. Der Wind fegt durch die Glockentürme einer katholischen Kirche. Die Kirche von Hapdeok wurde 1929 zum Trotz der Christenverfolgung erbaut. Sie ist ein Kristallisationspunkt des koreanischen Katholizismus in der Provinz Süd-Chungcheong. Jeden Tag begleitet Puma Park ihre Eltern zum Gottesdienst. Sie sieht die Bauern auf den Feldern beten. In Hapdeok fehlt keinem Eingesessenen ein katholischer Märtyrer in der Ahnenkette.

Die katholische Mission erreichte Korea erst 1794 auf Geheiß von Papst Pius VI. als geheimes Kommandounternehmen. Der James Bond des Vatikans hieß Pierre Grammont. Der Bischof wirkte im Untergrund. Das prägte die Gemeinde. Die Gläubigen fühlen sich gleichzeitig auserwählt und stigmatisiert. Legen sie neue Gärten an, beschädigen sie manchmal mit dem ersten Spatenstich einen Knochen, der ein Killing Field verheißt.

Puma Parks Vater ist ein abergläubischer Umstandskrämer. Er gibt sich städtisch in ländlicher Umgebung. Die Mutter spielt keine Rolle als Schatten im Haus. Die Eltern sterben wie im Märchen, bevor Puma Park zwölf ist. Sie wird (von ihren Geschwistern getrennt) weitergereicht an buddhistische Verwandte, die Puma Park vor dem Waisenhaus bewahren. Das Mädchen erlebt die Veränderung als Deportation in eine ungläubige Gegend von Süd-Chungcheong. Da werden die Leute zwar steinalt, verbringen aber die Hälfte ihres Daseins in dem Zustand von Yoga Mumien. Man trifft Hundertjährige, die Räder schlagen und in den Spagat fallen, sobald das Fernsehen anrückt. Sie schämen sich nicht für ihr zahnloses Lachen.

Langlebigkeit wird als spirituelle Leistung und als Einnahmequelle begriffen. Greise Gymnastikgurus genießen Verehrung. Puma Park ahnt nicht, dass sich hinter der Esoterik oft weiter nichts verbirgt als eine Allianz autoritärer Säufer, die mit der japanischen Besatzungsmacht kollaboriert haben.

In dieser Sphäre praktiziert man eine dem Shotokan Karate nachempfundene Kampfkunst nach den Regeln von General Choi Hong Hi. Chois Taekwondo ist eine japanisierte Spätlese.

Kurze Abschweifung

Dass im 20. Jahrhundert auf der japanischen Hauptinsel popularisierte Karate entspricht nicht zuletzt einem japanisierten Naha te und Shōrei Ryū. Diese Okinawa Stile unterscheiden sich von jüngeren Ausprägungen auf der Hauptinsel. Okinawa Te war eine bäurische Reaktion auf ein Waffenverbot im Königreich Ryūkyū und das Produkt eines Kulturaustauschs mit China. Es kam aus einer Notwendigkeit und wurde als tödliche Kunst im Einsatz gegen Schwerbewaffnete gelehrt. Auf Okinawa trafen mit Schwertern, Messern, Lanzen, Bögen und Lassos bewaffnete, mitunter marodierende Vollstrecker staatlicher Interessen auf Leute, die nur ihre körpereigenen Waffen und ihre Werkzeuge besaßen. Daraus ergaben sich ganz andere Szenerien, als alles, was man heute mit Karate und Taekwondo verbindet. Man ging von unsportlichen Begegnungen aus, bei denen zum Beispiel ein Reiter mit seinem Pferd einen Fußgänger angreift oder ein Angreifer den Angegriffenen mit einer über zwei Meter langen Lanze gleichermaßen traktiert und distanziert.

Eine Armee ohne ihren Tross ist verloren; ohne Proviant ist sie verloren; ohne Versorgungslager ist sie verloren. Sunzi

Puma Parks Ziehfamilie verstärkt seit Generationen Versorgungslinien der Kkangpae. Jo-Pok oder Jojik-Poklyeokbae oder eben Kkangpae nennt man in Korea kriminelle Vereinigungen. Offiziell existieren sie nicht. Mehr als eine Regierung erklärte ihnen den Krieg, um bei Bedarf auf sie zurückzugreifen. Puma Park ist aus dem katholischen Untergrund in einen kriminellen geraten. Ihre Versorger sind de facto unfreie Parteigänger eines Kartells, das als patriotische Straßenbande während der japanischen Okkupation gegründet wurde. Ihr berühmtester Anführer, Kim Du-han (1918 – 1972), Sohn eines ultranationalistischen Politikers, war landesweit der beste Faustkämpfer. Der Schläger ging in die Politik und starb hochgeachtet. Seine Nachkommen sind Säulen der Gesellschaft.

Das Kartell diversifiziert in der Hwan Song Sung Pa, die mit Ayats GUS-Cosa Nostra weltweit paktiert. Die Hwan Song Sung Pa wurde im Kampf gegen die Chil Song Pa in Busan groß. Busan ist die zweitgrößte Stadt und das größte Aufmarschgebiet der wirtschaftlichen Streitmacht Südkorea. In ihrer Agglomeration versammeln sich fünf Millionen Menschen. Die Hwan Song Sung Pa betrachtet sich als patriotische Vereinigung. Die wichtigsten Vereinstätowierungen sind das Nationalsymbol Taegeuk und die koreanische Blume Mugunghwa.

Puma Park trägt als Leibeigene der Hwan Song Sung Pa die Hibiskusblüte an einer verborgenen Körperstelle seit ihrem siebzehnten Lebensjahr. Man hält sie fern von den Risikozonen der Organisation. Puma Park soll Anwältin werden. Es reicht nur zur Lehrerin. In Incheon erlebt sie als Studentin im Schuldienst, wie eine Kollegin von ihrem Schulleiter sexuell belästigt wird und eine Anzeige zur Degradierung des Opfers führt. Radikalisiert von der Ungerechtigkeit, entsagt Puma Park einer bürgerlichen Laufbahn und emigriert in die japanische Unterwelt. Yakuza kennen keine rassistischen Vorschriften. In ihren Reihen wirken „Russen“ (Synonym für alle GUS-Bürger), Filipinos, vor allem jedoch Koreaner. Viele Yakuza sind koreanischer Abstammung.

Wieder wird Puma Park als zu wertvoll für die verschleißenden Geschäftszweige angesehen. Sie erhält den Namen Kanon Takeshi und eine Fernsehsendung in einem Spartenkanal; eine Art Gastarbeiter-TV. Sie lernt Honoka Yukishiro Sensei kennen, die im Hida-Gebirge ein Dōjō leitet, das nur aus der Luft versorgt werden kann.

„Deine Pläne sollen dunkel und undurchdringlich sein wie die Nacht, und wenn du dich bewegst, dann stürze herab wie ein Blitzschlag.“ Sunzi

Honoka Yukishiro Sensei entstammt einem Klan, dessen größter Stolz die Verwandtschaft mit der Tokugawa Dynastie ist. Shōgun Tokugawa Iemitsu hatte nach Niederschlagungen christlicher Aufstände in den 1630er Jahren die katholischen Portugiesen des Landes verwiesen und Japan dichtgemacht. Honoka Yukishiro Sensei ist zu vornehm, um ihre Vorurteile zu veröffentlichen. Gleichwohl würde sie eine bekennende koreanische Katholikin nicht unterrichten.

Sie lehrt in einem Wolkentheater. Die Natur lässt es sich nicht nehmen, dramatisch aufzutreten. Sie überwältigt die Schülerinnen gemeinsam mit Honoka Yukishiro Senseis charismatischer Erscheinung. Alles ist Fluidum, Sendung, Zen – archaisch und aristokratisch. Kanon Takeshi verwandelt ihre Unzulänglichkeit in Karate und Naturverbundenheit. Sie verliert ihr armes Ich an den Kosmos. Sie vermählt sich mit der Leere und gelangt in einen guten Rhythmus.

Bunkai

Honoka Yukishiro Sensei zählt zu den Ultras der Kata Schulung. Ihre Leidenschaft ist Bunkai. Wikipedia sagt: Bunkai ist eine Trainingsform, um der Karateka ein besseres Verständnis der Kata nahezubringen. … Bunkai ist anwendungsbezogene Sinnermittlung einer Kata.

Zum Beispiel formt die Übende mit ihren Händen einen Ball. Jeder Laie hält das zuerst für eine kontemplative Einlassung auf der Qi Gong Schiene. Tatsächlich vergegenwärtigt sich die Übende einen Griff, mit dem ein Gegnerinnenkopf so gedreht wird, dass ihr der Körper fallend folgen muss. Die Technik vollzieht sich in einem Bewegungsrahmen, den schon viele enttäuschte Liebhaberinnen zum Beweis der Sinnlosigkeit des Kata Trainings angeführt haben. Bevor der Kopf gedreht wird, erfährt der Gegnerinnenrumpf eine Ermutigung, sich entgegenkommend zu zeigen. Der Schmerzvermeidungswunsch löst ein Zucken aus.

Die Ermutigung kann ein hochgezogenes Knie genauso wie ein zur Gegnerin locker pendelnder Arm sein. Es kommt auf die Intensität nicht an. Den Reflex löst die Schmerzerwartung aus. Schmerz ist gar nicht nötig.

Ist das nicht durchdacht?

Um sich sofort am Gegenstück weiter zu bilden. Wer auf den blöden Trick nicht reinfallen will, muss sich umbauen. Muss so lange üben, bis sie nicht mehr so blöd zuckt, bloß weil eine hinter ihr in die Hände geklatscht hat.

Zur Vollendung des Vorgangs bedarf es buchstäblich eines weiteren Schrittes. Die Übende vergrößert den Abstand zwischen ihren Füßen. Man nennt die Verfestigung landläufig Sumostand oder Reiterinnenstellung. Auf Japanisch heißt sie Kiba-oder Shiko-Dachi. Wie genau, das hängt von der Fußstellung ab.

Action beats reaction

Es gibt keine Geheimnisse. Jede wahre Budoka beginnt als Gläubige und geht durch Schluchten der Ernüchterung, bis sie wieder ergriffen wird. Sie übt unter allen Umständen. Die körperliche Praxis ist ihr unentbehrlich.

Das Training steht an erster Stelle. Du kannst es mit einem Gottesdienst vergleichen. Es klärt die Praktizierende. Es versetzt sie in einen Zustand der Übergangslosigkeit. Aus dem Schlaf, der Kontemplation oder einer nützlichen Hocke geht sie zum Angriff über. Sie kommt dem Laien zuvor. Darin liegt der Nutzen des Trainings: in der Vergrößerung des Antizipationsvermögens. Nicht die Technik bringt den Sieg, sondern die Verfassung. Die Praktizierende ist von Trägheit befreit.

Obwohl in ihr nichts Abwartendes – und ihre Entschlossenheit der größte Trotz ist, scheint sie bis zum Impakt nicht zu handeln. So zeigt sich Wu Wei.

Es ist falsch zu glauben, die Budoka würde einen Angriff abwarten. Der Sinn der Sache besteht darin, einem Angriff zuvorzukommen. Trotzdem stellt sich ihr Tun dem Publikum als Initiative in der Verteidigung dar. Ihre Aktionen sehen aus wie Reaktionen.

Jeder Block ist das Resultat eines unterbrochenen Angriffs und bleibt eine Angriffstechnik.

Lieblose Fürsorge

Die Koreanerin verbirgt ihren katholischen Glauben vor den japanischen Buddhistinnen, die sie nicht von ganzem Herzen zu ihrer Nonnengemeinschaft zählen. Die Novizinnen vergehen sich an ihr, indem sie Kanon Takeshi abergläubisch zur Fehlerquelle erklären. In einer so hierarchischen, auf die bedingungslose Hinnahme von Vorgegebenem ausgerichteten Gesellschaft wie der japanischen, fallen cum und post hoc ergo propter hoc Fehlschlüsse nicht auf. Kanon Takeshi ist die Rabin, die den Tod ankündigt. Man darf ihr auch nicht von links nach rechts über den Weg laufen, ohne ein Unglück heraufzubeschwören. Fällt eine antike Tasse der Unachtsamkeit zum Opfer oder zieht ein Ofen nicht richtig, heißt es hinter vorgehaltener Hand, Schuld daran trüge allein Kanon Takeshi. Politiker und Geschäftsmänner, die in der klosterförmigen Karateschule das Japanische in seiner ursprünglichsten Form suchen, spielen in Kanon Takeshis Gegenwart auf jugun ianfu an, auf die koreanischen Trostfrauen der kaiserlichen Militärmaschinerie. Das korrumpiert Kanon Takeshi. Sie begreift den geistigen Überbau und die Charakterschule nicht mehr als das Wesentliche des Unterrichts und nickt die oft verschnörkelten Erklärungen nur noch ab. Ein Jucken beginnt sie zu plagen. Honoka Yukishiro Sensei gibt ihr ein Pulver und das Jucken hört auf. Krankheiten versuchen sich bei Kanon Takeshi einzunisten. Als gute Äbtissin schickt Honoka Yukishiro Sensei die Krankheiten weg, in liebloser Fürsorge. Es kommt der Tag, da findet Honoka Yukishiro Sensei es nötig, der Außenseiterin den Abschied nahezulegen.

Puma Park fühlt sich verstoßen. Sie tritt eine Weltreise an, die in Gelnhausen endet. Sie ist nun zweiundvierzig und 1. Vorsitzende der KFG. Sie kollaboriert mit dem Berliner Institut für aggressiven Humanismus und dem Rotterdamer Centrum voor goode Gezondheid. Man vermutet in ihr die Autorin eines Standardwerks zum Gaslighting, das in Geheimzirkeln kursiert. Militante Frauenverbände betrachten sie als Instanz. Puma Park unterrichtet Karate, Taekwondo und Töten ohne Vorbemerkung u.a. im Kelkheimer Institut für radikalfeministisches Empowerment. Die Aktivistinnen lernen weiche Schläge, die mit offener Faust geführt werden. Solche Schläge geben keine Energie an den Rückstoß ab. Sie produzieren eine u.U. tödliche Impaktkette mit zwei Einschlägen. Die offene Faust leistet die Arbeit eines Hohlraumhammers. Die Kammer kann alles Mögliche beherbergen. Als nachstürzende Masse erzeugt zum Beispiel Öl den Schlag-auf-Schlag-Effekt. Der Materialschock entfaltet seine Wirkung wie ein Teilmantelprojektil in weichem Gelände.

Wu Wei

Als Karate und Taekwondo in Europa noch kaum bekannt waren, genossen asiatische Kampfkünste (Budo) einen sagenhaften Ruf. Man unterstellte den ersten japanischen und koreanischen Meistern übermenschliche Fähigkeiten. Budo verlor in der Alten Welt rasch seinen mythischen Nimbus. Dazu trug eine Versportlichung der Systeme bei. Der Selbstverteidigungsaspekt geriet unter den Generalverdacht der Unbrauchbarkeit. Viele fingen an, Karate und Taekwondo im Savate Format (als eine Art Boxen mit Händen und Füßen) zu trainieren. Die Siege auf der Straße wurden weiter nach alter Väter Sitte herbeigeführt und wenn doch einmal etwas technisch Anspruchsvolles stattfand, charakterisierte die Extravaganz jemanden, der zweifellos auch ohne Budo Repertoire einen sucker punch landen konnte. Die Kampfroutine und den Zug zum Tor eines neunzig Kilo schweren Handballhünen verwandelten die Chancen in einer ungeregelten Auseinandersetzung zuverlässiger als die Luftgitarrenvirtuosität der meisten Budoka.

Alle Systeme brachten Athleten hervor, die Straßen- und Kneipenkämpfe einigermaßen stilvoll bestritten, ohne dass das ihre Vereinskameraden oder Mitschüler angehoben hätte. Jeder Sieger interpretierte seinen Stil so, dass jeder Anfänger glaubte, er müsse nur lang genug diesen Stil praktizieren, um dahin zu kommen. Das war der allgemeinste Trugschluss.

Natürlich bieten die verschiedenen Karate Stile hochwirksame Selbstverteidigung; nur nicht der Masse. Wer je einen Shotokan Großmeister in Aktion erlebt hat, kommt nicht mehr auf die Idee, nur in einem Kyokushin Dōjō die wahre Schlagkraft zu vermuten.

Die Binse, dass nicht Stile, sondern Menschen sich ihre Ellenbogen ins Genick rammen, behält ihre Gültigkeit auch da, wo man sich um eine Unterscheidung zwischen Athletik und schierer Selbstverteidigung bemüht. Puma Parks Begriff vom Kampf hat sich in ca. dreitausend sportlichen Duellen entwickelt, die im Training über Jahre zusammenkamen.

Protect yourself by attack – Was es bedeutet, in einen Angriff hinein zu starten

Im Zauberland der Absichtslosigkeit ist alles einfach. Man atmet ein, man atmet aus. Der Gegner kommt wie gerufen und gibt seine Kraft ab. Die alten Meister lehrten die Nichtidentität von Erkenntnis und ihrem Realitätsgrund. Sie erklärten alles zu einer Frage der Wahrnehmung. Sie stellten fest, dass man mit einem Auge Distanzen nicht mehr richtig einschätzen kann. Deshalb entwickelten sie verdeckte Angriffe auf ein Auge. Für einen Bunkai Verächter sieht eine zum Gegnerinnengesicht geführte offene Hand mit eingedrehtem Daumen so aus, als solle der Daumen zwischen Hammer (Hand) und Amboss (Gesicht) planmäßig gequetscht werden. In Wahrheit zielt der eingedrehte Daumen auf ein Auge, ohne dass ein Außenstehender die Gemeinheit (Verschärfung) erkennen kann. Auch hier weicht jede mögliche Erkenntnis des Betrachters von der Realität ab. Das ist die Spiegelung einer philosophischen Einsicht.

Schließlich ist es wichtig zu wissen, dass Karate seinem Wesen nach modern ist und keine systematische Verankerung in den japanischen Kriegskünsten hat. Solange massiv bewaffnete und armierte Krieger sich Duelle lieferten, spielten die körpereigenen Waffen eine völlig andere Rolle als in zivilen Gesellschaften mit ihrem verkappten Faustrecht.

Die vermeintlich langen Wege und tiefen Stellungen gewinnen ihre Bedeutung, sobald man ihren Ursprung erkennt. Kein Mensch des 19. Jahrhunderts stellte sich zwei Karateka im Zenkutsu-Dachi auf einer Wettkampffläche vor. Eine realistische Szene jener Epoche zeigt einen Pilger auf dem Weg zu seines Buddhas Schrein. Er passiert einen Hohlweg und schon salbadert Schiller: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht auf Hokkaidō. Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm.

So spricht einer zu sich. Der Pilger nimmt ihn wahr, obwohl er sich verborgen hält. Das ist Zanshin – Achtsamkeit. Der Pilger gibt sich den Anschein der Ahnungslosigkeit. Er leitet ein Täuschungsmanöver ein, um den Überraschungsmoment zu gewinnen. Das ist Sen – Initiative.

Wir sind niemals passiv, erscheinen aber gern so, sagt Puma Park.

Der Pilger fängt an zu pfeifen und zu schlendern. Er pfeift am Busch des Übels vorbei, da will ihm der Spitzbube in den Rücken fallen. Der Pilger dreht sich geschwind. Aus der eiligen Drehung zieht er Energie. Er öffnet seine Hüfte maximal, fällt dynamisch in Zenkutsu-Dachi, überwindet so in einem Zug den Abstand zu dem Niederträchtigen und schenkt ihm grundschulmäßig (jawohl auf dem langen Weg von der Hüfte) eine Kelle ein, die den Bakayarō fällt.

Follow the force

Im Dschungel der Städte hat Karate seine große Zeit noch vor sich, sagt Puma Park. Im Zuge einer umfassenden Systematisierung kommt zum Training der theoretische Unterricht. Den darf man nicht schwänzen.

Die Kampfkunstschülerin durchläuft drei Phasen, erklärt Puma Park. Zuerst lernt sie auf der Grundlage von Techniken zu kämpfen (anstatt unwillkürlich vorzugehen). In diesem Stadium stehen die Studienfächer (eigene, fremde und generelle) Schwachpunkte und Balance auf dem Lehrplan. Dann lernt die Schülerin die Funktionen der Kontrolle (über ein Kampfgeschehen). Lässt sich keine Kontrolle erlangen, löst sich frau von der Gegnerin.

Bis dahin ist alles Kindergarten. Wer sich nicht weiterentwickelt, hat seine Chance vertan. Die dritte Phase erschöpft sich in der Aneignung feindlicher Kraft. Frau beraubt die Gegnerin ihrer Möglichkeiten, so dass die Gegnerin auf Bewährtes nicht zurückgreifen kann. Dies versteht nur, wer versteht, dass sich jedes gekonnte Kampfverhalten als Angriff darstellt. Es bleibt falsch zu sagen, lass die Gegnerin mit all ihren Möglichkeiten kommen. Sie muss früh eingeschränkt werden, so dass sie bereits eingeschränkt (und von dir kontrolliert) angreift. Ihr offensichtlicher Angriff folgt deinem verdeckten Angriff. Der Angriff ist ihr Verhängnis und deine Chance.

11. April 2018

Hessenmeister

Der Bettler im Porsche

Als Iwan Gontscharow 1855 Japan besuchte, traf er Aristokraten, die im Mittelalter gefertigte Schwerter für eine ausreichende Bewaffnung hielten und Männern befahlen, die im 16. Jahrhundert hergestellte, aus politischen Gründen jahrhundertelang eingemottete Arkebusen mit sich führten. Die Schießprügel waren erst zwei Jahre zuvor, nach Matthew Perrys japanischem Intermezzo, aus der Versenkung gezogen worden.

Deklassiert geboren, begann ein Vaquero des 18. Jahrhunderts im Vorschulalter das Kleinvieh zu hüten. Er beschritt die Prärie barfuß und in Lumpen. Mit sieben besorgte er sich ein Pferd, das er ohne Sattel und Zaumzeug ritt. Den Kampf ums Überleben führte er gegen Schlangen und wilde Hunde mit Steinen und bloßen Händen; schon die Bola und das Lasso stellten Verbesserungen dar, die mancher Hirtenjunge gar nicht erst kennenlernte. Im Verlauf der Jugend kam er zu einer gebrauchten Ausrüstung, so dass er sich auf den ersten Blick nicht sonderlich unterschied von den Arrivierten. Er setzte seinen Stolz in das Unternehmen einer neuen und vollständigen Ausstattung vom Sombrero über die Stiefel und Sporen bis zum Sattel. Dafür arbeitete er zwanzig Jahre.

Jeder Gebrauchsgegenstand war ein Statussymbol. Der Vaquero schaffte sich die Dinge kein zweites Mal an. Sie überlebten auch noch einen Erben. Sie waren hundert Jahre brauchbar.

Misfits

Hinter Plymouth im US-Bundesstaat Arizona beginnt Mortimers Land. Flüsse stürzen sich in den nächsten See, bevor sie es zu einem Namen gebracht haben; von ihrer Schmächtigkeit erfüllt mit Scham, wie es in einem Lied von Ron Sharp heißt. Sharp war ein Freund von Ronald Reagan und stand zu Reagan in den Jahren des Protests. Damals war Reagan Gouverneur von Kalifornien. Die Studenten nannten ihn Re-gun. Sharp trat auf Tagungen der National Rifle Association auf und beriet Bob Dylan beim Kauf von Rüstungsaktien. Als man Dylan deswegen zur Rede stellte, erklärte er: „Ihr habt mich falsch verstanden. Ich bin einfach nur ein Familienmensch in meinem Landkreis und ihr Flachwichser könnt mich kreuzweise.“

Mortimers Land erscheint fiktiv wie eine Westernkulisse, in der John Wayne an der Spitze eines Trecks reitet und die schwarzweißen TV-Fünfzigerjahre nie zu Ende gegangen sind. Die Landmarken tragen phantastische Namen. Death Canyon. Devil’s Cornfield. Zeeman’s Asswood ist ein erstarrter Lavafluss. Anakausuen‘s Lipstick bezeichnet einen Felsen mit der Gestalt einer verwachsenen Greisin. Ein Erosionsdesign. Der Wind hat in dieser Gegend die Kraft von tausend auf einen Punkt gerichteten Sandstrahlern.

Tafelberge komplettieren das Bild. John Huston wollte hier zuerst „Misfits” drehen. Es gab eine legendäre Nacht in Plymouth nach einer Safari, ohne die Stars Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift und Eli Wallach. Außer Huston war im Gefolge nur der Mann von Marilyn berühmt. Arthur Millers Ehe mit Marilyn zerbrach gerade. Der Dramatiker und Drehbuchautor von Misfits behauptete, dass seine Frau an seinem Vorgänger Joe DiMaggio seelisch hängengeblieben sei. Millers New Yorker Intellektualität schien nicht das Richtige für Marilyn zu sein. Ohne es zu wollen, vergrößerte der Schriftsteller Marilyns Selbstzweifel. In der Mortimer Bar fand Miller ein mitfühlendes Ohr und noch mehr Zuneigung bei der Tochter des örtlichen Magnaten. Als Reporterin des Apache Chronicle (das Blatt war ein Hobby ihres Vaters), beobachtete Samantha Lorene Molloy, wegen ihres burschikosen Wesens Sam genannt, im August 1960 die Entstehung des teuersten Schwarzweißkunstwerks aller Zeiten in Nevada. Die Dreharbeiten schliffen die Geduld der Gesunden. Clark Gables Herz schlug kaum noch. Gable erlebte die Premiere nicht mehr. Montgomery Clift disziplinierte sich mit Medikamenten- und Alkoholmissbrauch. Marilyn Monroe näherte sich ihren letzten Zuständen. Die Company logierte in Mapes Hotel, 30 North Virginia Street, Reno. Marilyn and Arthur hatten das Zimmer 614. Die Pferdeszenen entstanden dreißig Kilometer vor Reno in Dayton. Henri Cartier-Bresson fotografierte.

„Der Augenblick, in dem Cartier-Bresson den Auslöser betätigt, ist der Moment, da Hoffnung und Verzweiflung aufeinandertreffen.” Arthur Miller

Er flirtete mit Sam, die wegen Arthur gekommen war, dann aber vollständig eingenommen wurde von Chuck Robertson. Der Stuntman war auf einer Ranch in Shannon, Texas, geboren und auf einer Ranch in Roswell, New Mexico, groß geworden. Im Alter von dreizehn Jahren begann er als cowhand und oilfield roughneck zu arbeiten. Er ging nach Kalifornien und wurde Polizist. In Hollywood begegnete er Herbert Yates, dem Gründer und Chef von Republic Pictures. Herb gab Chuck einen Job, den ein gewerkschaftlich gebundener Kleindarsteller wegen eines Streiks nicht machen konnte. Dreißig Jahre hielt Chuck für John Wayne als stunt double die Knochen hin.

Sam fand Chuck charismatischer als alle Stars. Sie bekam von ihm eine Tochter, die sie Roberta nannte und in dem Glauben aufzog, von einem Mann namens Herm Spring gezeugt worden zu sein. So hieß Sams Verlobter in Plymouth, Arizona, in der Ära ihrer Schwangerschaft. Die Ehe mit Herm ließ sich vermeiden. Sam heiratete Dick Masure und lebte den amerikanischen Traum als Gangstergattin vor allem in Las Vegas, bis sie eine Kugel traf, die für ihren Mann bestimmt gewesen war. Dick gegenüber hatte sie angegeben, dass Roberta von Henri Cartier-Bresson sei. Nach dem Tod seiner Frau erzählte er das dem Stiefkind. Er starb verstimmt und vom „System“ enttäuscht im Ely State Prison. Roberta war ein Halm im Wind und wurde bereits 1977 zum ersten Mal Mutter. Da lebte sie unter falschem Namen mit ihrem (wegen schwerster Verbrechen gesuchten, von ihr geliebten) Entführer im Pontchartrain Landing Trailerpark New Orleans. Nach dem plötzlichen Verschwinden ihres um Jahrzehnte älteren Geliebten wandte sie sich dem Schläger Matt Arizona zu. Matt gehörte zur Aristokratie eines alten Louisiana & Mississippi Ghostdog Stammes. Seine Vorfahren waren frankophone swamp people gewesen und hatten stets außerhalb des Gesetzes gelebt. Er musste Roberta zu nichts überreden. Sie ergab sich mit einem gewissen Fleiß ihrem Verhängnis. Matt brachte sie an die Nadel und schickte sie auf den Strich. 1985 unternahm sie einen Selbstmordversuch.

Gelöste Bewegungen

Im selben Jahr war Sydne Rome Ehrengast bei der Eröffnung des Samson Sport Tempels in Gelnhausen. Der Tempel war das erste Multiplex mit Restaurant, Bar, Diskothek und Sportartikel- und Klamottenladen neben Trainingshallen auf drei Ebenen in Südhessen.

Im Tempel herrschte Weltstadtatmosphäre. Er war Ayats Werk. Der Geschäftsführer von Brilliant Optik (vormals Scheußling Brillenbedarf) pflügte den Landkreis und verbreitete seinen Samen. Er engagierte Angel Burroughs und Texas Thunderbolt. Angel lehrte Gōjū-Ryū-Karate. Die Verwandtschaft mit dem chinesischen Boxen ist im Gōjū-Ryū besonders sichtbar. Angel war der erste weibliche Boxer (im englischen Stil) ihrer Universität gewesen. Sie hatte eine klassische Ballettausbildung und konnte weltmeisterlich treten. Sie huldete der Schönheit von Bewegungen. Sie beherrschte auch das Gong-fu, in dem wir von Texas unterrichtet wurden. Er hatte in Nagakong William Lees Familienstil erlernt. Zu Bill Lees Ahnen zählte Itosu Ankō (1832 – 1916), ein Untertan im Königreich Ryūkyū auf Okinawa Hontō. Die Leute da sind naturalisierte Japaner. Sie verfolgen sich zurück bis zu einem Volk mysteriösen Ursprungs und unterliegen seit tausend Jahren chinesischen und japanischen Einflüssen. Auf Okinawa fanden im Mittelalter Transformationen des Gong fu statt. Itosu Ankō reformierte und popularisierte Okinawa-Te. Er schuf eine entschärfte Version seiner Kunst und lehrte nur im engsten Kreis jenes (auf das Primat der tödlichen Technik zugeschnittene) Original, das seit den Kodifikationen des Bushido stets in Geheimgesellschaften weitergegeben worden war. Itosu Ankō unterrichtete die Karate-Neuerer seiner Zeit. Chibana Chōshin (Shorin-Ryū), Mabuni Kenwa (Shitō-Ryū) und Funakoshi Gichin (Shōtōkan-Ryū) lernten von ihm.

Bill Lee behauptete, dass die Fischköpfe auf dem Archipel der Hundertjährigen, wie Okinawa auch genannt wird, Gong-fu (in seiner Stilvielfalt) nicht richtig verstanden hatten und Karate aus Missverständnissen und einer falschen Praxis entstanden sei.

Heute ist Wushu (Gong fu) ein akademisches Fach in China. Die Versachlichung greift um sich. Als Texas im Tempel unterrichtete, gab es sogar in Deutschland Meister, deren Schüler sich dazu verpflichtet hatten, keinem Außenstehenden ihr Techniken zu zeigen. Was für sie geheim war, betrachtete Bill Lee zeitgleich als so alltäglich wie der Umgang des Gärtners mit Blumen und Erde.

Take a walk on the wild side and fight on the blind side.

Texas animierte seine Schüler*innen, ihre Unzulänglichkeiten zu beweisen. Jemand machte eine einleitende Bewegung (er telefonierte, wie man sagte). Texas schoß vor und schloss unterweisend mit dem Fazit ab:

„Her first move is a preparation. My first move is an attack.“

Nach dem Training versammelten wir uns in der psychedelisch designten Bar, bestellten Maracuja- oder Ananassaft und theoretisierten. Die Bar hieß Wunderbar. Sie hätte genauso gut Sonderbar heißen können.

Don‘t stop the flow.

Ich beobachtete Texas bei jeder Gelegenheit. Er blieb stets im Flow. Es sah so aus, als müsse er an sich halten, um nicht loszutanzen. Wann immer sich jemand in seiner Gegenwart gelöst bewegte, stieg er darauf ein und machte mit. Er kam an wie ein junger Hund, der spielen will. Auch Angel hatte stets ein Lied auf den Lippen und pfiff hinter uns her.

Angel und Texas lehrten uns die Leere auf der Außenbahn (blind side).

„What is the benefit of fighting on the blind side?“ fragte Angel, nachdem sie meinen Angriff unterbrochen hatte. Sie gab mir die Antwort: „I got two arms and two legs and you got nothing.“

Sie hatte recht. Meine Kraft lief leer über die Innenbahn (open side) komplett an Angel vorbei, während sie mich nur noch in den Oberarm zwicken musste, um einen Kniefall herbeizuführen.

Den Hulks von Gelnhausen und den Seligenstädter Flösserenkeln hatten die Tempelschüler*innen nichts entgegen zu setzen. Ich spielte mit den Brechern Handball. Über Angel machten sie sich genauso lustig wie über Vera Schimskys Aerobicfraktion und die Gruppe, die das ganze Jahr mit einem hohen Schauwert Skigymanstik trieb; während sie Ayat und seine GUS-Cosa Nostra fürchteten. Die Ex-Föderierten hatten ihren eigenen Stil. Manchmal knüppelten sie sich gegenseitig nieder und betäubten den Schmerz mit Wodka. Sie badeten im dezemberkalten Main. Sie unterstellten sich ihren Senioren. Die schmerbäuchigen kettenrauchenden Wohlfahrtsempfänger strotzten vor Selbstbewusstsein.

This technique wasn‘t created to make a man feel good. People who practice Gong-fu should never wish to use it in case of conflict.

Viele Schüler der ersten Stunde wandten sich nach einer Orientierungsphase klassisch geordneten Angeboten zu und gaben von Shotokan Karate bis Wing Chung weltweit bekannten Systemen den Vorzug. Unser Gong-fu hatte keinen herausragenden Namen. Es war auf dem Mist einer Familientradition gewachsen und in einer Verzweigung von William Lee auf Texas Thunderbolt übergegangen.

Texas weigerte sich, dem Kind einen Namen zu geben. Er schrieb Gong-fu ins Programm und bestand darauf, dass in allen bewerbenden Maßnahmen auf Erläuterungen verzichtet wurde. Texas glaubte an Gong-fu-Magie. Jeder Schüler war ein Gesandter und stand in einer besonderen Beziehung sowohl zu der Sache, der sich Texas verschrieben hatte, als auch zu seiner Person.

Leute, die vorgaben, Straßenkampferfahrung zu haben, lachten, wenn ich erzählte, wie elegant Angel die Chancen der blind side nutzte.

„Blind side ist Quatsch. Das gibt es nicht in echt“, sagten meine Brüder, die Rocker waren.

Bei Angel klappte blind side wunderbar. Mit einer Bewegung reduzierte sie das Angriffs- und Verteidigungsvermögen des Kontrahenten auf Null. Sie drehte ihn in die Fruchtlosigkeit allen Bemühens. Ich habe Leute beobachtet, die das nach Jahren wöchentlichen Trainings nur theoretisch hinbekamen. Ich meine, alle können Autofahren, viele können etwas reparieren und bauen und manche können sogar singen, aber sinnvoll kämpfen auf der Grundlage eines auf dem Wiederholungsweg erworbenen Wissens können wenige. Angel drehte sich in der Hüfte und verlängerte einen Block in einem Angriff wie in einem Atemzug. Ich zweifelte nicht daran, dass ihr das an einer Theke genauso wie im Training gelingen würde. Sie war mein Idol. In meiner Phantasie verschwendete sie an das Überleben der anderen keinen Gedanken.

Der charismatischen Angel folgte Srilanka als Ausbilderin. Srilanka kam vom Judo und Ju-Jutsu. Sie war Polizistin und Ju-Jutsu ist die begründende Sportart des Einsatztrainings. Das Bundesinnenministerium hatte 1967 das Deutsche Dan Kollegium darum gebeten, ein stiloffen-übergreifendes System der Selbstverteidigung für die Polizei zu entwickeln. Das System war Srilanka in Fleisch und Blut übergegangen.

Für Angel war Verhältnismäßigkeit kein Thema gewesen, Srilanka war von Verhältnismäßigkeit besessen. Angel übte nicht mit kalten Waffen. Srilanka kämpfte mit Stöcken und Gummimessern und lehrte Entwaffungstechniken, die den Elchtest der Realität nie bestanden hatten und trotzdem nicht aus den Programmen geflogen waren. Der Grund dafür lag in einem Mysterium. Während die einen mit WC oder WT gut fuhren, half anderen das nicht. Das galt auch für Karate und Taekwondo. Eine Weile hielt man Boxer für die einzig wahren Kämpfer, dann wurde das hohe Lied auf Ringer angestimmt. Am vorläufigen Ende wusste man es wieder nicht mehr, ungeachtet der Binse, dass nicht Systeme, sondern Personen aufeinandertreffen.

Lange glaubte ich, dass Schläge nur in der Grundschule von der Hüfte aus geführt werden. Eines Tages sah ich Meister im Freikampf die langen Wege einer vollständigen Ausführung beschreiten. Ich bat Texas um eine Erklärung. Er bezog sich merkwürdig konkret auf das Ereignis und blieb mir doch die Erklärung schuldig: „Not many people reach that level.“

Heute verstehe ich, dass Texas nicht bereit war, einem Anfänger einen Allgemeinplatz für Fortgeschritte zu eröffnen, der sich auch wieder verrätseln konnte. Gemeinsam sahen wir Vertreter traditioneller Stilrichtungen wie Kickboxer kämpfen. Ich bekam das nicht zusammen …

Srilanka kreiste technisch und seelisch um ihr Ju-Jutsu und den Notwehrparagraphen. Ich zog aus ihrem Programm keine Stärke. Andere schon.

1991 strich das Tempel Management Gong-fu ersatzlos von der Karte. Es verschwand zeitgleich mit dem Aerobicangebot, so als habe sich auch die Kampfkunst modisch überlebt. Texas zog nach Frankfurt und baute das Hessen Chapter der Texas Ranger auf.

Der geborene Armleuchter

Balthus Schimsky hatte entdeckt, dass die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana) in Hessen heimisch geworden war und im Weiteren am Simplicissimus Gymnasium zu Gelnhausen den Marcello Malpighi unserer Tage in der Kordjeans gegeben.

Mein Biologielehrer (und väterlicher Freund) war ungemein handfest und zupackend unterwegs gewesen. Nun baute er rapide ab. Er lernte zu leiden. Seine Frau Erika, eine lange unterlegene, lange ebenbürtige und schließlich bezwingende Gegnerin im Geschlechterkampf, nutzte Schimskys nachlassende Spannkraft, so wie sie grundsätzlich auf Vorteile baute, die ihr Gelegenheiten boten. Ihre Ehe nannte sie das Gelände. Ihre Tochter Vera war die Katastrophe. Erika hatte mich initiiert. Ich war ihr Zinnsoldat der Liebe gewesen. Zweifellos hatte sie ihre Tochter gegen mich eingenommen und Veras Verbindung mit dem syrischen Porschepiloten Ayat gefördert.

Im Februar 1993 heiratete Vera als schwangere Abiturientin. Im Sommer kam Omri zur Welt. Asenath folgte so schnell wie möglich. Alle richteten sich ein …

Ich sah zu, wie Vera Rosinen aus Käsekuchen pickte und mit einem Bierfilz Bienen davon abhielt, in ihrer Cola zu ertrinken. Ich war ihr Vertrauter, ein alter Verehrer, der sich zu benehmen wusste als geborener Armleuchter.

Für eine Handvoll Meeresfrüchte

Dem Erstgeborenen beschrieb sich Roberta kurz vor ihrem Drogentod 1991 als Nachfahrin eines weltberühmten französischen Fotografen namens Henry Sowieso. (Gern hatte sie sich in die Vorstellung von einem ganz anderen Leben in Paris hineingeträumt. Obwohl ihr bis zum Schluss klar geblieben war, dass sie den Dreck der Straße im Blut hatte.) Jim Arizona hatte das Glück, dass der spiel- und alkoholsüchtige Zuhälter seiner Mutter beim Pokern ein Boot gewann und gegen eine Gewinnbeteiligung einem Cousin überließ, bevor er unter ungeklärten Umständen starb. Jim ließ sich als Handlanger von dem Nennonkel anheuern. Meuf war ein besonders halsstarrig in sich gekehrter, misanthropischer Shrimper. Eines Abends im Jahr 1992 brachte er eine verstockte Kreolin an Bord. Für eine Handvoll Meeresfrüchte und sehr viel Whisky war Loretta zu allem bereit.

Loretta wurde sofort schwanger. Vielleicht war sie schon vorher schwanger gewesen. Sie blieb bei den Shrimpsfängern, ohne dass je geklärt wurde, von wem ihre Tochter war. Letztlich entschied Jakarta sich für Jim als Vater. Auch wenn Loretta es nie zugab, fühlte sie sich wohl in der Wohngemeinschaft mit den Fischern, die zwar dumm wie Rotz waren und sich selten wuschen, aber ihr gegenüber nie ruppig wurden und für das Kind sorgten. Auch wenn sie es nie zugaben, war Jakarta der Augenstern von Meuf und Jim, bis hochkriminelle Graszüchter aus Versehen Meuf erschossen. Die Mörder wollten, dass Jim die Sache im richtigen Licht sah – nämlich als Unfall. Meuf sei einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Jim zuckte mit den Achseln. Er war bereit für Jakarta zu töten, doch war ihm die Menschheit im Übrigen egal. Die Mörder gaben ihm, was sie auf der Naht hatten: zweiundsiebzigtausend Dollar. Sie erwarben sich so den Ruf, gerechte und faire Verbrecher zu sein. Das hatte eine romantische Dimension, die Jim entging.

Bald darauf verschwand Loretta ohne Ade. Jakarta blieb bei Jim. Er heiratete eine Ausreißerin aus Utah, die dem Schicksal einer Mormonin entgangen war, und bewährte sich als Kapitän mit eigenem Kutter. Jakarta nahm Katrina als Mutter hin, bis eine andere Katrina 2005 Jim verwitwete. Katrina rutschte ihm durch die Finger und wurde zum Spielball des Hurrikans.

Jim hatte sämtliche Evakuierungsfristen verstreichen lassen. Die Frauen nach Katrina verstanden nichts von Erziehung. Sie fluchten und nahmen ihre Drogen in Angels Gegenwart. Jim schmiss sie raus. Ihm fehlte der Überblick. Was er wusste, hatte er im Hafen und an Bord aufgeschnappt. Es war ein guter Mann, aber die gute Gefährtin wollte sich nicht einstellen.

Jim fand, dass er Jakarta eine Frau als Mutterersatz schuldete. Er war bereit, Opfer zu bringen. So kam er zu Liz, einer abstinenten, dramatisch religiösen Jungfrau von siebenundzwanzig Jahren. Liz und Jim begriffen die Ehe als Prüfung vor Gott. Liz schuf einen neuen Rahmen für die Pubertierende. Sie zeigte Jakarta die bürgerliche Lebensform. Jim gab dafür das Trinken und noch einiges auf. Die nächste Heimsuchung fand 2010 statt. Ein Blowout fackelte die Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko ab. Die Ölpest vernichtete das Leben im Meer. Jim fing sofort wieder an zu trinken. Er war über dreißig, schon ziemlich verschlissen und in seine Gewohnheiten vernarrt. Er wollte sich nicht umstellen. Er beendete das Eheleben und kehrte zu den grandios in den Seilen hängenden Typen seiner Zunft zurück, während Jakarta Liz‘ pädagogischen Einflüsterungen erlag.

Die von Zypressenwäldern verdunkelte Marsch westlich des Mississippi Deltas entspricht als Landschaft einem Meskalinrausch. In den alten Tagen des französischen Südens war sie ein Rückzugsraum des Piraten Jean Lafitte. Immer noch lädt der Sumpf zu Verbrechen, maßlosen Erwartungen und Autonomiebehauptungen ein. Er war alles, was Jim geblieben war.

Das war gar nicht wenig. Aus dem Hurensohn war ein Southerner geworden – ein Mann des Südens. Es war ihm erlaubt, eine stoische Existenzform zu praktizieren. Er zog auf sein Boot, jagte Alligatoren und verstieg sich in aberwitzigen Ideen.

Meufs Mörder boten ihm eine Beteiligung an ihrer Marihuanafarm an. Jim winkte ab. Er kam trotzdem zu Geld und heiratete eine Frau, die nicht nur für Jakarta gut sein sollte. Jakarta ging den Weg von Agent Clarice Starling. Im März 2018 sehen wir sie im hessischen Gelnhausen wie du und ich im Eiscafé Lorenzo. Sie observiert Asenath, die Tochter des Paten von Gelnhausen. Asenath war gerade in Israel. Sie ist Feuer und Flamme für Israel und außerdem im Liebesrausch. Der Glückliche heißt Bruce. Er ist der Sohn von Lore, der Europachefin von Apocalypse Now TV (ANT-Hessen-Weltweit) und Benjamin Issac Willard, dem Gründer von ANT. Lore ist meine Frau. Ich bin der Hilmar aus Linsengericht, einer Gemeinde nahe Schöllkrippen im Main-Kinzig-Kreis. Ich hänge mit Vera einem hohl gewordenen Peter Handke Kult an. Vera ist die Mutter von Asenath und Ayats Frau. Ayat bietet seiner Frau ständig an, Peter Handke einzuladen, egal was der Mann kostet.

„Kein Problem. Den kauf ich dir, Baby. Den schenk ich dir zu Weihnachten.“

Später im Schlafzimmer. Vera und Ayat schlafen immer noch in einem Bett. Aus dem Abhörprotokoll vom 22.01. 2018, nach 23 Uhr:

„Was soll das eigentlich sein? Ich meine Schriftsteller? Was macht ein Schriftsteller? Schreiben kann doch jeder.“

„Bitte, lass mich schlafen.“

„Eine Frage noch. Wie findest du das mit Asenath und diesem Dings von der Lore?“

„Ich finde, das passt.“

„Ich weiß nicht. Sie ist noch so jung und wer ist er schon?

„Du warst auch niemand für meinen Vater. “

„Ich stamme von Königen ab. Mein Großvater war Aladin die Wunderlampe. Er war sagenhaft reich und potent. Sein Penis reichte bis nach Bagdad und zu den Sternen. Und jetzt kommst du mit diesem Bruce. Ich weiß wirklich nicht.“

„Ich will jetzt schlafen.“

„Eine Frage noch.“

Anamorphose

Kaum dörflich erscheint die Gemeinde im Landkreis Aschaffenburg da, wo eine Konfluenz an der Landzunge leckt und im Herbst Stimmungen wie auf einer vernebelten Nehrung selten sind. Als junger Mensch kam Ayat in den Kahlgrund am Main. Eine düstere Vergangenheit hält ihn fest und zwingt ihn, wie ein Bettler zu leben. – Wie ein Bettler mit Porsche gewiss. Ihm gehört trotzdem nichts. Will der Großneffe des Onkels eines Mannes in der siebten Reihe des Geschehens um die Global Player in Antakya, dem alten Antiochia, heiraten, schwimmen im Blutfluss zwanzigtausend Euro dahin. Und das ist unwichtig. Wichtig kostet immer hunderttausend Minimum. Die Wesire im Goldenen Familiendreieck schmeißen mit Geld um sich. Die türkische Offensive gegen kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) um Jandairis zwang Ayat zwei Millionen Dollar in die Gegend zu pumpen, um Familieninteressen zu wahren und ein paar Leute zu evakuieren. Die Transaktion vollzog sich vorbei an allen möglichen Vorkehrungen staatlicher Stellen. Ayat wird rund um die Uhr observiert. Im Ohrschmuck seiner Geliebten stecken Wanzen.

Noch kann sich der Khan mit den regionalen Bestimmern seiner Organisation verständigen. Die Türken nennen ihre Operation „Olivenzweig“. Ayat hat seinem Aktionsbündnis den Decknamen „Gegossenes Blei“ verpasst, in Anspielung auf einen israelischen Schlag gegen die Hamas im Gazastreifen 2008.

Im Haus seiner Geliebten Franka opfert er als Referent wieder ein Wochenende der Fortbildung seiner Gefolgsfrauen. Die mit einem Blutschwur an Ayat gebundenen Zuhörerinnen kennen Wohnzimmergymnasien aus ihrer alten Heimat. Sie bilden sich neurotisch fort in Renaissancemalerei, Homöopathie, Hydrologie, Sexualhygiene und einigen Künsten und Fertigkeiten. Sie leben ihre Legenden als Mütter, Hausfrauen, Ärztinnen und Verkäuferinnen. Dem alten Schlag des männlichen Berufsverbrechers sind sie haushoch überlegen. Sie tauschen Mondstein gegen Portwein und schöpfen den Rahm von der europäischen Milch.

Die Grammatik des Gehirns

Der Tipp von dem Schulungswochenende kam aus ihrer Mitte. Zum ersten Mal hat man aus Ayats Kartell die Stimme eines Singvogels vernommen.

Ayat spricht über Anamorphose. Jeder Zebrastreifen wird anamorphisch aufgetragen. Im Mittelalter frivolisierten Maler sakrale Darstellungen mit erotischen Szenen, die nur in einem bestimmten Blickwinkel sichtbar wurden und wie Trugbilder aufschienen. Das zweite Bild vermochte als Botschaft die Hauptsache aufzuheben und daraus einen Popanz zu machen.

Ayat offenbart die subversive Absicht in ihrer malerisch-mathematischen Verbergung. Man erkennt eine Systemlücke in einem flachen Winkel, der sich als perspektivische Anomalie einen Vorhof schafft, auf dem das eindringende Interesse verblutet. Ein auf dem kackenden Esel kopulierendes Paar, für das ein Totenkopf Sonne spielt, lässt sich als Erscheinung noch leugnen, wenn es schon entdeckt wurde – am Fuß eines Berges von einem bedeutenden Mann im Rang eines Kirchenfürsten.

Das Paar besteht aus dem Wasser predigenden Fürsten und einer Medici. Wer sich den Kopf des Esels genau ansieht, bemerkt eine Ähnlichkeit des Esels mit dem Fürsten. Das Gemälde sollte als Herrschaftsausweis erledigt sein und wird doch genau dafür genommen.

Das Hirn fokussiert unsere Wahrnehmung links von jedem Mittelpunkt. Die alten Meister kannten die Grammatik des Gehirns. Die Malerei war so vollständig wie eine Enzyklopädie. Sie erfüllte viel mehr Funktionen als heute. Das Dilettantische ging ihr noch ab. Sie formulierte den Herrschaftstext und blieb modern, indem sie den Text gleichzeitig in Frage stellte. Die Kunst war Herausforderung, auch da, wo man sich ihrer bediente. Sie zeichnete eine Karte des Lebens und diente wie eine Landkarte der Orientierung.

Ayat ist Syrier. Seine Vorfahren hielten an der iranisch-irakischen Grenze Jahrhunderte eine Gemeinde in Gang. Sie begriffen sich als Erben des Hauses Omri und lebten kryptisch ihren Glauben. Ihnen fehlte der Anschluss an eine überbauende Ordnung des Religiösen. Ein paar Familien versprengten sich nach Maalula, einer christlichen Hochburg in Syrien. Manche da glauben seit Alexander dem Großen Griechen zu sein und wähnen sich deshalb in einer Diaspora.

Aramäer, die vor hundert Jahren von Maalula in die Türkei auswanderten, werden von Türken als christliche Syrer wahrgenommen. Der kudische Jude Ayat kam vor dreißig Jahren nach Gelnhausen und gilt da als Araber und Muslim, der sich mit gefälschten Papieren den Beruf eines Optikers anmaßt, ohne ihn auszuüben. Angeblich hat er sich an die Spitze einer deutschrussischen Gang geboxt. Die Deutschrussen sind allerdings ohne deutsche Vorfahren eingewandert. Ayats Stellung im kriminellen Gefüge verbindet sich tatsächlich mit einem geerbten Titel.

Als Last empfindet Ayat die Patenschaft. Er hat eine Ladenkette für Billigbrillen aufgezogen und legal ein Vermögen gemacht. Sein Leben wäre weiter nichts als Erfüllung, gäbe es nicht diesen Rattenschwanz des Verbrechens im Nachschleif.

Ayat sitzt in der Lobby des Mövenpick Hotels von Tanger und fragt sich, wer ihn beschattet. Er mustert das Publikum und schlüsselt es nach Schema F auf. Zuerst nimmt er allgemeine Einteilungen vor. Status. Herkunft. Haltung. Einschränkungen, die das Bewegungsbild bestimmen. Hinweise auf verheimlichte Beschwerden, Schwangerschaften und Waffen.

Im zweiten Durchgang konzentriert sich Ayat auf Ausgeprägtes und Herausgestrichenes.

Er beachtet Lichtquellen, Zugänge, die Wege des Personals. Achtlosigkeit. Hektik. Die kleinen Verwerfungen. Erhabenheiten, die der Kehricht unter Teppichen modelliert. Die Diskretion jedweden hintergründigen Waltens. Dabei gibt sich der Beobachter den Anschein einer mit sich selbst ausreichend befassten Person. Er verhehlt seine Interessen aus Gewohnheit mehr als aus Notwendigkeit. Er trainiert.

In Tanger lebten am Tag der Unabhängigkeit Marokkos 1956 noch vierzigtausend Juden. Die Stadt hatte ihr westliches Gepräge verloren. Die Verbliebenen zerstreuten sich bald auf dem amerikanischen Kontinent. Nur arme Juden gingen nach Israel.

Der Emissär kreuzt auf und sticht einen Nasenflügel mit dem rechten Zeigefinger. Das ist eine Frage. Ayat unterstellt eine Hand dem Kinn. Das ist die Antwort. Abaddon zieht die Unterlippe ein. Der Engel des Abgrunds hat verstanden. Er kommt aus einer spanischen Familie, die unter Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien in inquisitorischer Regie zum Christentum konvertierte. Man stigmatisierte sie mit einem Gemüsenamen und glaubte ihnen die Abtrünnigkeit sowenig wie den katholischen Eifer. Vielleicht wäre die Familie mit der Zeit christlich wie Hinz y Kunz geworden und ihrer Sondermarken verlustig gegangen, hätte man sie nur in Ruhe gelassen. Die Inquistion handelte gegenwartsversessen. Sie wollte keine Konvertiten in ihrem katholischen Haus. Abaddons Vorfahren flüchteten vor den Blutgerichten nach Marokko, wo das Jüdischsein ihr Heil war. Der Sultan kümmerte sich um seine Sepharden. Für sie brachen glückliche Jahrhunderte an.

Abaddon zieht sich bis zu einer Bar zurück. Nichts Unbedachtes verbindet sich mit ihm. Jeder Schritt kalkuliert Angriff und Verteidigung auf den Stufen a) nur körpereigene Waffen, b) + kalte Waffe, c) + Schusswaffe. Als Mann vom Fach sieht Ayat die Synchronisation gern.

Niemand kann sich Abaddon unbemerkt nähern. Es wäre ein Fehler, auf den Überraschungsmoment zu spekulieren. Selbst im Schlaf bleibt Abaddon gewappnet.

Er erscheint vollkommen sorglos.

4. April 2018

Hessenmeister

Erdgeschichtlicher Rülpser

Das Haus der Richterin ist ein umgebautes Wirtschaftsgebäude auf dem Gut Heinemann. Margarete Sinclair hat es vor dreißig Jahren mit schönen Erwartungen bezogen. Die Ehe scheiterte, die Kinder brachen zu Kreuzzügen auf, die liebste Nachbarin starb. Eine Neigung zum Rückzug schlich sich ein. Für die letzten Zeugen ihres Daseins erfindet Margarete eine falsche Lebhaftigkeit. Hinter der Fassade verbirgt sich eine ratlose Zeitgenossin. Wo sind die Liebe und das Glück geblieben?

Einen Trost findet Margarete in Spaziergängen mit meinem vor Jahren verstorbenen Opa Heinemann. Margarete stellt sich die kniffelige Frage, ob das bald hundertzwanzigjährige Buckelmännchen noch sexuell aktiv sein könne, vielleicht im nächtlichen Feenverkehr. Jedenfalls hat Margarete angefangen, dieses und jenes im Geleit imaginärer Ausflüge zu erwägen. Sie will nicht zu grau oder zu sportlich oder künstlich jugendlich oder sonst wie abstoßend und erschreckend wirken, aber dem trüben Greisenauge trotzdem als Frau erscheinen. Margaretes Haus ist groß und beinah menschenleer – und im Schildhäuschen einer abgegangenen Höhenburg aus dem 11. Jahrhundert zu hausen, so wie Opa Heinemann als Postumer dem Vernehmen nach, kann kaum behaglich sein. Das Domizil soll sich nah eines verwunschenen Wachtelweilers am Oberlauf des Möhrenbachs befinden. Die letzte urkundliche Erwähnung der Burg datiert auf das Jahr Zwölfhundertschnee.

Es ergibt sich, dass Margarete und Opa Heinemann den erdgeschichtlichen Rülpser einer Basaltrippe erreichen. Opa Heinemann überlässt der Richterin seine Feldflasche. Margarete wird von Aquavit belebt. An einer Stelle, die dem Grafen Groppe nicht unbekannt geblieben ist, überkommt sie große Heiterkeit. Opa Heinemann findet für sie Keramiksplitter zum Beweis einer Töpferei, die vor langer Zeit einem Mann die Mittel gab, seine Familie zu ernähren.

Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase einigeln. Opa Heinemann führt Margarete durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Besenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf Höhen des Besenbergs. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten solange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifen ließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache lief in Wahrheit banal ab. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach der Mainzer Gefolgsmann ein Loch in seine Burg und lud den Hessen zur Verwüstung ein.

Aromatisierter Dampf

Ich erzähle Vera vom dummen Groppe beim Abendessen. Wir logieren als einzige Deutsche unter Italienern und Schweizern im Panorama Hotel von Fai della Paganella. Die meisten sind in fünfköpfigen Familienverbänden zum Skilaufen angereist. Sie schwärmen nach dem Frühstück aus und kommen nachmittags zurück. Dann schälen sie sich aus perfekten Monturen, hüllen sich in Hotelbademäntel, belegen Liegestühle an den Rändern der drei Planschbecken im Keller und fotografieren sich gegenseitig mit Tablets. Ab und zu zieht eine Mutter den Flausch vom Bein und steht dann so kurz vor dem Eintauchen erst einmal mit nacktem Arsch im Blitzlichtgewitter. Man entdeckt kaum die Kordel in der Ritze.

Vera liest lieber noch einmal Die Nacht von Lissabon als in der Sauna aromatisierten Dampf über heißen Steinen aufsteigen zu sehen. Stundenlang habe ich den Spa Bereich und seine trockenen Glieder für mich nicht ganz allein. Physiotherapeutinnen schwirren herum. Hochschwangere tasten sich durch ihre Programme. Rekonvaleszenten humpeln zu ihren Anwendungen. Eine chinesische Bodybuilderin nutzt geräuschvoll den Maschinenpark.

Fast alle jungen Frauen sind schwanger und schon Mütter. Auf dem Hotelparkplatz und in der Garage steht nichts Preiswertes. Der italienische Mittelstand wirkt proper und zufrieden. Man beachtet uns kaum. Die Schweizer im Hotel halten sich an die Italiener.

Wir sind die ältesten Gäste. In einem Skiparadies gehen wir spazieren.

Erotisches Gnadenbrot

Vera sagt Rettich zum Penis. Der fränkische Zungenschlag macht aus Rettich ein lustiges Wort. Veras spukhafte Bereitschaft im Schweißband nächtlicher Nähe, sexuell nicht nur Gebrauchsreime zum Besten zu geben und nicht nur mit dem Gemüse für den Hausgebrauch vorlieb zu nehmen, bleibt rätselhaft. Der ranzige, nie aus dem Knick gekommene Lehrer für Deutsch und Geschichte (ich über mich) kennt die Frau „des gefährlichsten Mannes auf unserem Kontinent“ (Jamal Tuschick im vertraulichen Gespräch mit der Bundeskanzlerin) seit dem Tag, als ihr Vater, ein vom akademischen Dünkel verdonnerter Biologielehrer und misogyner Totholzfanatiker, Vera und ihre Mutter in einem VW Variant mit klopfendem Motor und überfülltem Aschenbecher aus dem Krankenhaus holte. Der Entomologe Doktor Balthus Schimsky qualmte den Säugling voll. Im Gegenzug heiratete Vera fast noch als Schülerin Ayat, der mit fünfundzwanzig aussah wie James Caan als Sonny Corleone (oder wie Philip Roth ohne Portnoys Beschwerden) und einen Porsche 911 fuhr. Eine millionenschwere bürgerliche Fassade verstellt den Blick aus seine herausragende Stellung in einem global operierenden kriminellen Klan. Das ist eine im Irak, im Iran, in Syrien, Israel, Weißrussland, Georgien und Deutschland aktive Großfamilie wie aus dem arabischen Bilderbuch von Neukölln.

Ayat hat Vera und mir eine Woche Halbpension in den Dolomiten geschenkt. So fördert er die Freundschaft seiner Frau mit mir.

Im Gleisbett bürgerlichen Fortkommens

Bulldozertypen, die in Hotels Krach schlagen und Riesenschäden verursachen, spielen Hauptrollen in einem Film der Bud Spencer Ära. Sie randalieren auf Barbados. Sie jagen einem genialen Drogenkoch nach, um ihm ein Angebot zu machen, das er nicht ausschlagen kann.

Vera sieht sich den Film mit einem Auge auf ihrem Tablet an. Der Siebzigerjahretrash in Cinecittà Colour gehört zu der Welt vor ihrer Zeit, als ihr Vater seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz in Linsengericht abschwor.

Wikipedia sagt: Linsengericht ist eine Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis zwischen Schöllkrippen und Gelnhausen.

Schimsky besaß die Gabe, als Lehrer am Grimmelshausen Gymnasium zu Gelnhausen wie ein Halbgott in Kord zu erscheinen. Er bewarf Schüler mit Kreide und schmähte sie als Auswurf ihrer schwachsinnigen Eltern. Stellen Sie sich so einen Mann heute im Schuldienst vor!

Schimsky vergriff sich an Pausenbroten von Zehnjährigen. Er zog sie zum Beweis mütterlichen Versagens ein.

Er warf Perlen vor die Säue. Die Säue zahlten ihm den Hochmut heim. Sie verätzten Schimsky mit übler Nachrede und stichelten ihn nieder.

In mir fand Schimsky den treuen Zweibeiner. Ich apportierte Wissensstöckchen und schleppte die Ausrüstung. Ich strebte zur harten Hand. Ich suchte Klarheit in einer vermeintlich wissenschaftlichen Weltanschauung, die in Wahrheit eine cholerische und von Ranküne vernebelte Weltanschauung war.

Ich diente als Kescherträger und Botanisiertrommler. Ich lernte, um zu begreifen, dass in einem schwachen Menschen das beste Wissen fault. Eigensinn wirkt sich bei einer Niete wie die Grille eines Idioten aus.

Ich blieb im Gleisbett des bürgerlichen Fortkommens. Mitunter parierte ich das Leben. Ich fotografierte Veras Mutter auf einer alten Eisenbahnbrücke im Zustand vorgetäuschter Entrückung. Im Vorgriff auf den von ihm strategisch angestrebten Müßiggang verbrachte ich viele Vormittage im Bett von Erika Schimsky.

Ihr Mann hatte eine Granitnatur. Er endete trotzdem auf dem Schafott der Missachtung. Die Tagesfreizeit seiner letzten Jahre verbrachte er als Paria einer Randgruppe in einem Tabakladen mit Lottoannahmestelle; nach Jahrzehnten an der frischen Luft und im Gelände.

Vera nahm mich hin wie einen Bruder. Ich band Vera mit einem Peter Handke Kult an den Pflock eines gemeinsamen Interesses. Der Kult überlebte Ayats Einmarsch. Vera war weit und breit die jüngste Ehefrau mit einer Hochschulzugangsberechtigung. Sie bekam zwei Kinder. Spät und entspannt studierte sie auf Lehramt, während ihr Mann einen Billigbrillenladen nach dem nächsten eröffnete. Ayat beschäftigt nur Ausländerinnen und nicht autochthone Deutsche. Er zahlt über Tarif. Seine radikalfeministischen (und progressiven postmigrantischen) Standpunkte werden ignoriert. Als Araber ist man Macho und reaktionärer Dealer und behandelt Frauen schlecht. Komisch nur, dass sie ihm nachlaufen. Andererseits ist das wieder typisch.

Die Juden von Kaifeng – Aus dem Off

Noch liegen die Becken im Dunklen. Hilmar macht vorsichtig Wassergymnastik. Er nutzt den Auftrieb und genießt die Leichtigkeit.

Um sieben flammt das Betriebslicht auf.

Die Schwangere erscheint. Sie tappt in das größte Becken und bleiert los. Im Speisesaal sieht Hilmar sie nie. Nach dreißig Minuten im Wasser, wechselt er auf ein Laufband im Kraftraum. In seinem Rücken strapaziert die Chinesin Sin-Li eine Kraftstation (Multi Gym). Ständig kracht die gezogene oder gedrückte Last auf ruhende Elemente.

Sin-Li observiert Hilmar im Auftrag des Instituts für militanten Humanismus und dient auch Ayat als Kundschafterin.

Wie passt eine Chinesin in Ayats kriminelles Gesamtkunstwerk?

Man muss nur weit genug in der Geschichte zurückgehen, um zu sehen, dass Vorfahren von Sin-Li und Ayat Tür an Tür aufgewachsen sind. Ich habe schon erzählt, dass Ayat ein Erbe des Hauses Omri ist. Das Haus Omri war das Nordreich Israel. Nach seiner Zerschlagung zogen jugendliche Freischärler, die man heute zu den verlorenen Stämmen rechnet, nach Opis wegen des ungezügelten Nachtlebens. Man nahm Drogen auf offener Straße, schoss in den Saloons herum, ließ sich großflächig tätowieren und frönte einer orientalischen Spielart des Frühkommunismus.

Opis lag am Tigris nahe dem heutigen Bagdad. Von da zogen die Aktivisten nach Babylon. Nach der ersten babylonischen Eroberung Jehudas (587 Jahre vor den Ereignissen in einem Stall zu Bethlehem) verschleppte Nebukadnezar II. die Elite von Jerusalem in seine Hauptstadt am Euphrat. So begann die jüdische Diaspora. Tausend Jahre lag befruchtete sie Mesopotamien, bevor der Islam auch nur losging. Bis zu einer Massenauswanderung in der zeitlichen Umgebung der israelischen Staatsgründung bewahrten Juden im Irak die Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter.

Achthundert Jahre nach dem bekanntesten Erlass von Kaiser Augustus wurde Bagdad als Hauptstadt des Kalifats gegründet. Die irakischen Juden, die sich nach 1842 in Shanghai niederließen, nannte man Bagdad-Juden. Der Vertrag von Nanking veranlasste 1843 auch die Brüder Shafiq und Saeed Herdoon (nicht zu verwechseln mit den Hardoons) zur Gründung einer chinesischen Niederlassung. Sie revolutionierten den Opiumhandel. In diesem Business bildeten irakische Sepharden ein Bollwerk in dem maroden Weltreich. Sie blieben weitgehend unter sich und zeigten keine Neigung, sich zu assimilieren. Allerdings ergaben sich Berührungen mit Chinesen in Kaifeng, die sich für Juden hielten. In der alten Kaiserstadt am Gelben Fluss war 1136 die erste Synagoge errichtet worden. Die jüdischen Patriarchen lebten polygam. Der jüdischen Hausfrau stellten sie so lange eingeborene Konkubinen zur Seite, bis sie physiognomisch von Chinesen nicht mehr zu unterscheiden waren. Sie hatten auch schon lange keinen Rabbiner mehr und ihre bei einem Erdbeben mit anschließender Überschwemmung zerstörte Synagoge nicht wiederaufgebaut. Nun erwogen die Brüder Shafiq und Saeed an langen Abenden, mit wie viel Recht sich diese Nachkommen von nichtjüdischen Chinesinnen für Juden halten durften.

Die Mutter gibt die jüdische Identität weiter. Die meisten Mütter dieser auch irgendwie lost gegangenen Gemeinde waren keine Jüdinnen gewesen. Sie hatten zu den Unterworfenen in den Haushalten gehörte; zum Gesinde, wenn nicht zu den Sklavinnen. Viele wurden von den Hausfrauen als Bilha oder Silpa ihren Gatten ins Bett gelegt zum Ausgleich einer Unfruchtbarkeit. Die Erstrangigen nahmen die Kinder als ihre eigenen wie Rahel den Naphthali und Lea den Asser.

Waren diese Halbchinesen Juden nach der Halacha, weil eine Jüdin sie angenommen hatte?

Und wenn so ein Naphthali eine Jüdin zu heiraten die Gelegenheit bekam und die ihm nach beachtlicher Gebärleistung endlich geschwächt eine Bilha unterschob und den nächsten Naphthali an Sohnes statt nahm, war der dann wieder Jude?

Vielleicht ignorierten die Juden von Kaifeng auch das mütterliche Abstammungsprinzip im Zuge einer regionalen Verwilderung (oder Anpassung). Die Gründerväter zu König Davids Zeiten hatten alles geheiratet, was zu ihren Plänen passte, ob Dingsbums oder Philisterin. Sie nahmen ägyptische, libysche, assyrische und aramäische Frauen und zeugten mit ihnen legitimen jüdischen Nachwuchs.

Das war das Gegenteil von matrilinear. Kann sein, sagte Saeed bei einer Tasse Opiumtee, dass die Leute am Gelben Fluss in der vierten Einwanderungsgeneration von der Mischna nur noch so viel wussten, dass sich am Mutterrecht argumentativ herumschrauben ließ.

Um einen Vergleich heranzuziehen: Nach der Abschottung Japans und dem Verbot des christlichen Glaubens im 17. Jahrhundert entstanden Untergrundkirchen, die bis in die 1850er Jahren ohne äußeren Zuspruch und klerikale Autorität in animistischer Manier am Kreuz festhielten.

Reliquien verkamen in der Zwischenzeit zu Fetischen.

Warum soll so etwas nicht auch in Kaifeng geschehen sein. Es hätte für jede Variante historische Beispiele gegeben. …

Jedenfalls kann sich Sin-Li auf eine Verwandtschaft mit Ayat berufen. Sie drückt hundertdreißig Kilo auf der Bank. Sie hat aus ihrem Busen Panzerplatten gemacht. Überheblich mustert Sin-Li den alten Sack auf dem Laufband. Sie könnte ihn mit einem Hantelscheibe erschlagen und das Lied wäre zu Ende.

Unnötige Deklassierung

Gabriel beweist seine Geistesgegenwart, indem er ein jazziges Arrangement abfängt, das eine Frau, die auf der Personalebene gerade Witwe geworden ist, nur noch unglücklicher machen könnte. Der Empfangschef ahnt die Morgenluftwitterung eines Verehrers, der im Hotel nicht zum Zug kommen soll. Gabriel wedelt den Boten weg und lässt den Strauß verschwinden. Man kann leicht herzlicher und gerissener sein, aber nicht präziser.

Abends zeigt sich Gabriel in seinem zweiten Amt als Akrobat der Zurückhaltung. In Dashiell Hammetts Schwarzweißromanen serviert der Barchef die Luger zum Dessert in einem Geschirrhandtuch. In dieser Geschichte genießt Hilmar die Schnäpse des Trentino.

Der Tresen ist eine solide Schreinerarbeit. Die Flaschen stehen vor einem Spiegel auf Borden, die nach Maß ihrem Raum eingepasst wurden.

Hilmar lobt eine Empfehlung. Gabriel zeigt sich besonders zuvorkommend. Deshalb erlaubt sich der dicke Deutsche die Frage, wie Gabriel mit dem Haus zusammenhängt. Gabriel ordnet sich ein: als Großneffe des Mannes der Eigentümerin. Die unnötige Deklassierung des Verwandten, dem er wahrscheinlich sein Auskommen verdankt, fällt ihm nicht auf.

Die Information lädt zu der Vermutung ein, dass der Gatte im Verhältnis zu leiblichen Verwandten seiner Frau im Nachteil ist. Die Angestellten könnten in ihm einen Paria erkennen, den ernst zu nehmen ihre Selbstverleugnungskräfte übersteigt. Ein Keim der Insubordination …

Khan

Mit siebzehn gab Ayat den arrivierten Armenier in Paris. Er schlug die Zeit auf Partys und Empfängen tot, bis zu der Stunde des Rudels. Dann brachen die jungen Ehemänner und ihre noch jüngeren Brüder und Cousins auf. Schlägereien und Bordellbesuche wurden von ihnen erwartet. Manche Frauen schrieben Gedichte über den Geruch eines im Schlafzimmer einkehrenden Siegers – Belle-de-Jour-Pornografie.

In einem Roman der Fünfzigerjahre, der damals als ein psychologischer Gipfel gefeiert wurde, beschreibt die Heldin, in der sich die Autorin offenherzig spiegelte, ihre Ehe als vom Kurs abgekommenes Schiff, auf dem der Ehemann Kapitän – und sie „der einzige Passagier“ ist. Ausgelieferter kann man sich nicht schildern. Siebzig Jahre später erkennt sich Vera in der Anordnung wieder.

Ayat zieht sich aus Vera zurück. Der eheliche Vollzug weist auf beiden Seiten Leute in die Schranken. Das Schlafzimmer nimmt die erste Etage ein. Vera verfügt über einen begehbaren Kleiderschrank und ein eigenes Bad. Die Ebene hat den Charakter eines Ateliers. Sie verträgt große Formate an ihren Wänden. Dazwischen erzählt die epische Malerei von Zabelle Boyajian ein Märchen. In den Siebzigern sahen mondäne Schauplätze der Diaspora in Paris und Buenos Aires so aus wie dieses Schiff von einem Schlafzimmer. Jede armenische Hausfrau, die etwas auf sich hielt, war mit einer armenischen Innenarchitektin befreundet und kannte Charles Aznavour persönlich. Die Hausherren gingen mit den Innenarchitektinnen aus. Das war unvermeidlich.

Es gibt untergründige Verbindungen zwischen Armeniern, die in Syrien christliche Gemeinden belebten, Armeniern, die in der Sowjetunion ihren Glauben einbüßten und vor der letzten Jahrtausendwende als russische Juden in Deutschland aufschlugen, christlichen Arabern in der Türkei, die in Jahrhunderten weder osmanisch noch türkisch wurden, orthodoxen Syrern, die sich für Nachkommen einer griechischen Mission halten und mit merkwürdigen Reinheitsvorstellungen behaftet sind, und Ayats Kurden, die das Haus Omri vor dem Einsturz bewahrten. Ayat geht als Armenier durch, so wie Sippen seiner vielgliedrigen Verwandtschaft sich dem Armenischen anverwandelt haben. Alle wurden von den jungtürkischen Verfolgungen außer Landes gespült und sonst wohin abgetrieben.

Brahmanen des Verbrechens

In Syrien und der Türkei waren die religiösen Sondermarken verblichen. Erst in Europa und Amerika fing man wieder an zu begreifen, was Menschen dazu bewegt, über Generationen in gesellschaftlichen Korridoren an den herrschenden Verhältnissen vorbei zu leben.

Viele türkische Araber und kurdische Juden werden als Syrer wahrgenommen. Die syrische Cosa Nostra, deren Pate eben seiner Frau den Rücken zukehrt, ist seit hundert Jahren ein multiethnischer Verein. An seiner Spitze entstand eine Kaste. Die Brahmanen des Verbrechens rekrutieren sich aus drei Familien mit einem syrischen, einem iranischen und einem irakischen Zweig.

Ayat lauscht den Schlafgeräuschen seiner Frau. Er hält den Spielverlauf seiner Ehe für ausgeglichen. Er ist in dem Alter, in dem sich, um es mit Hermann Broch zu sagen, für jeden Schaffenden die Frage nach dem Verhältnis zu der Zeit (stellt), in der er lebt.

Ayat hat ein Leben als armenischer Biedermann verpasst. Als er jung war, heirateten die armenischen Ärzte, Anwälte und Architekten Malerinnen und schreibende Lehrerinnen, die Wert darauf legten, nicht erwachsen geworden zu sein. Die jugendlichen Gattinnen wirbelten schick und gebildet herum. Sie liebten überspannte Formulierungen und Romane. Sie gefielen sich als Schwärmerinnen. Sie gingen ständig ins Kino und in Ausstellungen. Alles Zusammenfassende und Übergeordnete stammte weiterhin von männlichen Autoritäten. Die jungen Ehemänner gingen in Bars auf Gewaltofferten ein, um zu beweisen, dass das Studium sie nicht zimperlich gemacht hatte.

Ayat kann nicht schlafen. Seit Jahren findet er sich in den ersten Morgenstunden oft munter im Wohnzimmer wieder.

In der Leichtigkeit frommer Erregung …

Mit geschlossenen Augen folgt Jakarta Arizona der akustischen Route eines Schlaflosen. Seit drei Jahren steckt Ayat in der Schlinge einer Totalüberwachung. Die gehobene Durchschnittsfamilie im gegenüberliegenden Haus spielt Fassade für die Sonderermittler*innen im Texas Ranger Team von Captain Jakarta Arizona. Agent Huscarl Melville sitzt vor Bildschirmen und sieht gestochen scharf und trotzdem perspektivisch irreal den Khan, auf seinem Thron sitzend, gedankenverloren vor einem ausgeschalteten Fernseher mit der Fernbedienung spielen.

Huscarl fing damit an, Ayat den Khan zu nennen. Der Titel rutscht schon durch und setzt sich langsam fest im Ermittlungsgeplänkel.

… entsteht in New Orleans ein Hurenkind

Jakarta ist ein Hurenkind aus New Orleans. Als es für ihre Mutter auf dem Strich nichts mehr zu holen gab, zog sie zu einem Shrimper in die Barrataria Bay am Golf von Mexiko, separated from the gulf by two barrier islands, Grand Isle and Grand Terre.

Loretta kam in der Nachnamenwelt nicht vor. Sie war sich nicht abhandengekommen, wie viele. Loretta war sich nie begegnet. Sie führte das Leben eines herumgereichten Körpers und wunderte sich, dass es dafür Geld und sonst was gab.

Ihr Shrimper hieß Meuf Lafitte und lebte seinen Traum. Er fischte und jagte und versprach sich die Hebung eines Schatzes in nächster Zukunft. Er existierte im Zustand der Gnade. Ihm waren die kleinen Berechnungen egal, in denen Loretta ihren Vorteil suchte. Ein störrisch-verstörtes Waisenkind ging ihm auf dem Boot zur Hand. Jim Arizona trug den Familiennamen des Zuhälters seiner verstorbenen Mutter. Er wusste und verschwieg, dass Loretta schwanger an Bord gekommen war. Meuf hielt sich für Jakartas Vater. Vor einer Aufklärung verschwand Loretta. Nach Meufs zufälliger Ermordung übernahm Jim die Verantwortung für Jakarta. Er gab ihr seinen Nachnamen. Die beiden Hurenkinder fühlten die Freiheit im südöstlichen Louisiana, bis Liz aufkreuzte und Jakarta auf das bürgerliche Gleis setzte. Liz hatte sich für Jim aufgehoben. Am Tag ihrer Hochzeit wurde sie siebenundzwanzig. Liz’ berühmtester Vorfahre war John Salmon Ford. Ford wurde 1815 in South Carolina geboren und kam 1836 als Medizinstudent gerade rechtzeitig zur Texas Revolution nach Texas. Er schloss sich der Texas Ranger Division (TRD) an und erwarb den Spitznamen Rip wie Rest in peace oder piss. Er kämpfte unter Jack Coffee Hays. Der Ranger Captain läutete 1837 die Colt Ära ein. Er erprobte in einem Gefecht, in dem Ford einer von insgesamt zwölf Rangern war, die neuen Perkussionsrevolver seines Freundes Samuel Colt. Er befand sie für vortrefflich, nachdem über achtzig Angreifer der First Nation ins Grass gebissen hatten. Ford praktizierte an ruhigen Tagen in San Augustine und studierte nebenbei Jura. 1844 wurde er Abgeordneter im Texas House. Der Arzt & Jurist berichtete als Reporter für Texas National Register von den eigenen Auftritten. Er kaufte die Zeitung und nannte sie Texas Democrat. Im Grenzkrieg gegen die Mexikaner (1846 – 1848) unterstellte sich Ford wieder Hays. Im Sezessionskrieg (1861 – 1865) war er Colonel der Second Texas Cavalry. Wie andere wohlhabende Bürger stattete er ein Regiment aus.

Terry’s Texas Rangers

Eine Freiwilligenvereinigung hieß nach ihrem Gönner Terry’s Texas Rangers (8. Texas Cavalry). Jeder Ranger erhielt ein Gewehr, einen Colt, ein Bowie Messer und einen Sattel. Terry unterstützte den Kongressabgeordneten, Publizisten, Verleger, Anwalt, Arzt und Colonel der Konföderation John S. Ford. Gemeinsam mit Ford und Gouverneur Thomas Saltus Lubbock (1817 – 1862) schiffte sich Terry im Juni 1861 im Hafen von Matamoros ein. Via Galveston segelten die Sezessionisten nach New Orleans. Da nahmen sie den Zug nach Richmond, Virgina, um sich General James Longstreet zu unterstellen. Ihren Aufrufen folgten insgesamt 1170 Texaner. Terry führte seine Ranger von Virginia nach Nashville, Tennessee, und weiter nach Bowling Green, Kentucky. Am 17. Dezember 1861 fiel Terry vor Woodsonville, Kentucky, in einer von den Konföderierten gewonnenen Schlacht. Lubbock sagte bei der Beerdigung: No braver man ever lived.

Ford übernahm Terry’s Texas Rangers. Nach dem Krieg machte er weiter als Zeitungsmann und Politiker.

29. März 2018

Hessenmeister

Sperrfrist der Scham

Opa Heinemanns ledig und kinderlos gebliebene Schwester Martha betrieb ein Zigarrengeschäft mit Lottoannahmestelle. Der Laden war ein Treffpunkt einsamer Herzen in gebügelten Trainingsanzügen. Sie kreisten um ein leeres Fass.

In seinen Fünfzigern wurde Doktor Balthus Schimsky vergesslich. Solange er glaubte, die Verluste verbergen zu können, blieb ich zugelassen. Schließlich duldete er mich nicht mehr als Begleiter, Assistenten und Zeugen. Er quittierte den Schuldienst und stellte die wissenschaftliche Arbeit ein. Eine gnädige Umgebung vermutete er in der Nähe meiner ledig und kinderlos gebliebenen Großtante Martha. Sie führte einen Zigarrenladen mit Lottoannahmestelle, der stets ein Treffpunkt gewesen war. Einsame fanden da Anschluss. Schimsky hatte sich seiner Frau und der Tochter so verhasst gemacht, dass Vergreisen in einem familiär fürsorglichen Rahmen ausgeschlossen war. In seinem Haus (auf dem Anwesen meines Großvaters) nur noch geduldet, endete er in der Annahmestelle als Zaungast. Martha bewährte sich als Platzanweiserin. Der große Schimsky verdämmerte am Katzentisch.

Weißt du, wie du Gott zum Lachen bringen kannst? – Erzähl ihm deine Pläne.

Wir sitzen in meinem Arbeitszimmer, Vera plaudert aus der Schule. Sie weiß nicht, wie sehr sie ihrem Vater gleicht. Sie ist im Verschweigen ihrer Vorurteile so großartig wie er es im Aussprechen seiner Vorurteile war. Ein Heckenschütze verbirgt sich im Liebreiz. Seit zwanzig Jahren huldigen Vera und ich Peter Handke. Wir glauben, dass sich Handke in seinem jüngsten Werk, „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”, in der Titelheldin selbst verjüngt hat, während meine Frau Lore und ihr Liebhaber Ben die Obstdiebin für eine Figur halten, die das Wesen einer Tochter des Schriftstellers transportiert.

„Warum fuhr der Zug nicht weiter? Die Dörfer Montgeroult, wo der Südlandmensch Cézanne seine nördlichen Landschaften gemalt hatte, und Us, vermeintlich umgetauft … in Wahrheit ist Us ein jahrtausendealter Name.”

Handkes Erzähler ist im Augenblick der Bemerkung Bahnfahrer. Er registriert, dass für ein „zünftiges Massenschlachten” nicht genügend Leute im Zug sind. Er bedenkt Spielarten des Aufruhrs und geht von da über zum „Bleistiftspitzen, Schuhputzen (und) Apfelschälen”.

Handkes Prosa hebt die schwarze Poesie des französischen 19. Jahrhunderts vom Grund des Vergessens. Die Blumen des Bösen wuchsen in den blauen Gärten der Schrankenwärter und Weichensteller, die oft so abgeschieden wie Leuchtturmwärter oder auf Atollen Gefangene lebten und sich in ihrer Eigentümlichkeit bis zum Lustmord steigerten. In den Kellern ihrer einsamen Häuser ließen sich Türen zu Gängen öffnen, die unter Schlössern in toten Trakten endeten. Pfeife rauchend ritten sie auf ihren Loren über vergessene Gleise. Sie verscharrten ihre Opfer in der lockeren Bahndammerde unter Brennnesselwäldern, in denen sich Schachtelhalmbäume verloren. Émile Zola beschreibt den Typus, Vera greift nach ihrer Bertelsmann Ausgabe der „Bestie Mensch”. Ihr Mann kam vor dreißig Jahren aus Aleppo nach Gelnhausen. Ayat ist Optiker, ein erfolgreicher Unternehmer, aber auch superkriminell. Seine Prinzenrolle in einer GUS-Cosa Nostra ist eine ererbte Bürde.

Dass Schönheit in einem Mann den Tötungswunsch auslösen kann, findet Vera selbstverständlich und als Vorstellung reizvoll. Zolas Lokführer Lantier fühlt sich von diesem Wunsch wie mit einer Schaufel geschlagen. Ihm graut vor dem Morgen, an dem er mit blutigen Händen aus einem Tatrausch erwacht.

Solange Ayat Vera begehrte, drohte er ihr. Das ist lange vorbei. Ayats Freundinnen sind im Schnitt fünfzehn Jahre jünger als die Hüterin seines Herdes und durch die Bank mit Männern aus ihren GUS-Herkunftsländern verheiratet. Sie bewohnen Einfamilienhäuser, führen Geschäfte, füllen Kirchen, nehmen offensiv am öffentlichen Leben teil und glühen vor Stolz in der ersten Reihe bei Schulkonzerten. Ihre Töchter haben Ballettunterricht und Klavierstunden, die Söhne trainieren Lacrosse, Eishockey und Tennis. Die deutschen Lappen kriegen von der ehrgeizigen Verachtung dieser SUV-Turbomütter nichts mit. Geht den Nataschas, Janas und Jekaterinas jemand auf die Ketten, sagen sie Ayat Bescheid.

Vera hat mit Ayat zwei vollkommene Kinder. Mit mir hat sie den Kult. Als Hausfreund gehe ich in Veras Leben ein und aus. Vera macht sich gern viel vor und benutzt mich als verklärenden Spiegel. Ich investiere kaum noch in den Selbstbetrug.

1980 wurde Gelnhausen von der Aerobicwelle getroffen. Frauen hakten mit Jane Fonda den Fitnesspunkt ab. Es folgten Footloose, Dirty Dancing und koedukatives Bodybuilding in Loftatmosphäre. Dann wollten alle richtig kraulen können. Inzwischen sind wir Experten für Krankengymnastik und empfehlen uns PhysiotherapeutInnen mit schamanischer Zusatzausbildung.

„Don’t go to the knife with your hands.“

Jesse James, der im laotischen Dschungel von den Dolchtanzséancen der Hmongkrieger verzaubert wurde, erklärt seinen Stammtischschwestern Lore, Vera und Nele auf dem Trimmpfad das kleine Einmaleins des Messerkampfs. Bruce dient ihm als Dummy. Der Sohn meiner Frau Lore studiert Psychologie in Mainz. Er kam als Spätling einer Vierzig- und eines Sechzigjährigen auf die Welt und wuchs in Frankfurt bei Freunden seines Vaters Ben Willard auf. Ich beteiligte mich an seiner Erziehung mit naturkundlichen Lehrfahrten und Schwimmbadbesuchen. In meinem Verhältnis zu ihm wiederhole ich Schimskys Lektionen. Für Bruce ist es einfacher, von mir zu lernen, als von seinem leiblichen Vater, der nach drei gescheiterten Ehen als Versorgungsmaschine auf Hochtouren läuft. (Ich bin Ben dankbar. Seine Interventionen lassen mein Ungenügen Lore gegenüber klein erscheinen.)

Bruce wirkt unnatürlich ausgeglichen. Selbst die Liebe reißt ihn nicht hin.

Bruce hält sich bei uns auf, um Asenath nah zu sein. Die Tochter von Vera und Ayat erwidert das Feuer. Asenath und Bruce geben ein schönes Paar ab.

Bruce zeigt sich im Augenblick einer seiner Mütter gefällig. Lore hat sich nicht als vermeintliche Tante an ihn herangeschlichen, sondern bereits den Siebenjährigen mit der Wahrheit herausgefordert. Bruce könnte auf dem Parcours gezeugt worden sein. Der Rundkurs beginnt und endet hinter unserem Haus. Er blieb weitgehend ungenutzt in Jahrzehnten. Gleich nach seiner Eröffnung 1980 wurde Gelnhausen von der Aerobicwelle getroffen. Frauen hakten mit Jane Fonda den Fitnesspunkt ab. Es folgten Footloose, Dirty Dancing und koedukatives Bodybuilding in Loftatmosphäre. Dann wollten alle richtig kraulen können. Inzwischen sind wir Experten für Krankengymnastik und empfehlen uns Physiotherapeut*innen mit schamanischer Zusatzausbildung.

Bruce lässt sich von einem Dreiundsiebzigjährigen manövrieren, der eine Nahkampfkompetenz an der Schwelle zur Unbezwingbarkeit beansprucht. Bruce überragt den alten Ghostdog mit einer Zehnkämpferstatur. Ich sah ihn groß und stark werden.

Die Hmong kämpfen rituell mit zwei Langdolchen. Sie erreichen in ihren Exerzitien ekstatische Zustände … Blutschmelzen … fast alle Messerabwehrtechniken wirken brillant, ohne etwas anderes zu sein als gefährlich. Jesse James hat es sich in einem Vorspann nicht nehmen lassen, mit der Eleganz von Waffenübernahmen zu glänzen. Was tatsächlich hinhaut, sieht nach nichts aus und ist in groben Zügen schnell gesagt: Bleib dem Messer so fern wie möglich. Bekämpfe den Stecher unter seinem Schwerpunkt, falls du dich nicht rechtzeitig von ihm lösen konntest.

Lore, Vera und Nele sind sich in der Nachahmung eines Ausfallschrittes peinlich. Man hat sie als Mädchen verriegelt und in die Gefallsuchtfalle tappen lassen.

Jesse James lässt wie ein Ertappter den Kopf hängen. Er hat sich von dem Vormittag gewiss mehr versprochen; vielleicht einen Widerhall der eigenen Begeisterung.

Es war Neles Idee gewesen, sich von Jesse James „ein paar Tricks zeigen zu lassen“, nachdem eine Bekannte in Seligenstadt von einem Messerstecher aus Hainstadt erschreckt worden war. Allgemein beobachten wir eine unter uns um sich greifende Unsicherheit. Das ist eine weitere Anfälligkeit.

Nach einer Sperrfrist der Scham wird nun darüber geredet. Ist man erst mal über fünfzig, muss man wieder trotzig sein wie auf dem Schulhof. Die energischen Nachfolger, denen man längst den Vortritt gelassen hat, glauben, einem den Rest im Vorübergehen geben zu können, während man selbst noch die Macht in sich spürt.

Flachgetretene Filter und aufgeweichte Verpackungsgülle weisen den Schauplatz eines kleinen Desasters als Treffpunkt für Jugendliche aus. Bruce kommt spielerisch an, ein freundlicher Titan. Er hat so viel vor sich.

Eiserne Passivität

Lore bilanziert jeden Schritt an der frischen Luft als Überwindung ihrer körperlichen Trägheit. Inzwischen können wir beide tagelang zuhause bleiben, ohne ein Bedürfnis zu vernachlässigen.

Ich sehe Lores Stolz auf das Kind, das sie mit vierzig zur Welt gebracht hat und das in allen Stadien alle Erwartungen erfüllte. Bringer Bruce. In seiner Liebe zu Asenath steckt der Keim einer Wiederholung. Ich kenne Asenaths Mutter ihr Leben lang. Ich sah Vera zum ersten Mal am Tag nach ihrer Geburt im Krankenhaus.

Ihr Vater realisierte sich als Verkannter in einer Wissenschaftswüste. Doktor Balthus Schimsky erniedrigte seine Frau Erika und nahm Veras Lebensmut in Sturzbächen der Verachtung den Atem. Ich entdeckte mich in seinem System als Ersatzsohn. Auch Erika gab mir den Vorzug. Sie erzog mich zu ihrem Liebhaber. Sie war befestigt und kaum je unglücklich. Ihren Mann bekämpfte sie mit eiserner Passivität.

Benjamin Issac Willard

hebt das Glas. An einem subtropischen Sonntagvormittag vor siebenundvierzig Jahren rettete er Colonel Joseph Conrad Kurtz im kambodschanischen Urwald das Leben. Gemeinsam mit Jesse James gehörte er zu einem irregulär operierenden Verband, der in einem unerklärten Krieg an der Seite von Anthropophagen kämpfte. Die Verbündeten feilten in ihrer Freizeit die Zähne spitz und zerlegten ihre Gefangenen nach steinzeitlichen Rezepten.

Der Stammtisch tagt im Merkantil. Lore lodert neben mir in einem neuen Kostüm. Sie nähert sich ihrem sechzigsten Geburtstag und sieht aus wie Ende Dreißig. Ben feiert seinen Fünfundsiebzigsten mit Lores Anhang nach und sieht aus wie ein Fünfzigjähriger, der seine Tage auf dem Golfplatz verbummelt. Er ist aber ein wüster Schaffer.

Ben gründete Apocalpyse Now TV (ANT) in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen. Meine Frau ist Chefin von ANT-Hessen-Weltweit. In Bens Imperium werden alle Spitzenpositionen von Frauen gehalten. In öffentlichen Gesprächsrunden bezeichnet sich Ben als Feminist. Die personellen ANT-Konstellationen vergleicht er mit einem Rhizom der wechselseitigen Befruchtungen und Förderungen.

Mimikry

Nele drückt sich zwischen Lore und mich. Seit ein paar Jahren blüht sie in der Missachtung von Regeln auf. Sie ergattert gern noch was an der Hintertür, wenn vorn der Rollladenbescheid bereits ergangen ist. Sie stößt krankgeschriebene Würdenträger aus den Refugien der Rekonvaleszenz und klingelt Parteifreunde nachts aus den Betten. Sie gibt mit Hartnäckigkeit an. Nele erzählt, wie sie in Honduras einen Kleinkrieg mit Behörden gewann, ohne der Landessprache mächtig zu sein.

Nele ist zweiundfünfzig und seit fünfzehn Jahren in zweiter Ehe mit Hasar verheiratet. Ihr Mann gehörte bei der gescheiterten Vereinigung des Tschad mit Libyen 1981 zu Gaddafis Mannschaft. Er hat nie verraten, was ihn zur Flucht zwang. Ich weiß, dass er sich bis zu Gaddafis Tod nie sicher fühlte.

Stilistisch gibt Hasar den Konfirmanden. Er trinkt Apfelsaftschorle, um den Spiegeltrinker zu verbergen, der sich zuhause aufmöbelt und mit einer parfümierten Fahne wie wattiert unter die Leute geht. Als jungen Mann verkörperte er den stillen Orientalen, für den Europa ein gemachtes Bett ist. Solche Männer legen Genspuren, ohne sich als säumige Versorger auffällig zu machen. Sie finden immer einen Dreh, das abzuwenden, was deutschen Samenspendern das soziale Genick bricht.

Und man weiß nicht, wie sie es machen. Und dann, wenn sie sich die Hörner abgestoßen haben, heiraten sie eine Nele mit Haus & Hof und gehören fortan zum Establishment. Wie große Eulen gucken sie aus großen Fenstern auf ruhige Straßen.

In ihrem früheren Leben können sie alles Mögliche gewesen sein: Diplomaten, Ärzte, Schriftgelehrte, Schausteller, Wanderarbeiter, Berufsspieler, Auftragsmörder, Trompeter, Drogenhändler …

Hasar lässt seine Frau reden. Politisch fing Nele links außen an und ist nun Sprecherin der Patriot*innen in der CDU. Eine Reihe erfolgreicher Migrant*innen fanden wegen ihr den Weg in die Partei. Sie haben auch einen Stammtisch im Merkantil, wo Ingenieur*innen, Friseurmeister*innen und andere Geschäftsinhaber*innen mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft die Todesstrafe für Kinderschänder*innen fordern.

Nele pimpt sich mit zehn Schönheitsterminen pro Woche. Ihr Totemtier ist der Apfel. Sie kann sich leicht verbinden, ohne ernsthaft berührt zu werden. Ihr erster Mann war ein geborener Chefarzt, Sohn und Enkel von Klinikführern. Nach der Scheidung pendelten die Kinder zwischen den Häusern der Geschiedenen und erlebten den Zuwachs auf beiden Seiten als Auffüllung der Reservoire.

Gemessen an seinem Vorgänger erschien Neles Neuer als Bettler. Hasar ertrug die Schmähungen. Er klapperte über die Dörfer und beging die Sportplätze. Stundenlang saß er am Main und sah den Anglern zu.

Hasar geht keiner geldwerten Beschäftigung nach. Vielmehr scheint er es erschöpfend zu finden, Leute zu belauschen und ihre Tonfälle nachzuahmen. Er ist bereit, jedem seinen Standpunkt zu erläutern.

„Der Mensch ist nicht als Arbeiter erschaffen worden. Es gab keine Herren und kein Geld in den Galeriewäldern und Savannen, die uns angenehm sind. Geh mit einem Kind in die Natur und du wirst erkennen, wie erfüllt es ist von den Erscheinungen des Ursprünglichen. Wir sind Jäger und am liebsten jagen wir mit Ausdauer und Intelligenz.”

Das hätte auch Veras verstorbener Vater sagen können. Der Insektenforscher Doktor Balthus Schimsky schwärmte von Wundern der Mimikry.

Mimikry als Jagdverhalten. Schimsky erbrachte den Nachweis, dass die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana) vermutlich im Geleit der Alliierten in Südosthessen eine Provinz etablieren konnte. Für die Schabe ist Hessen das, was für uns die Arktis ist.

Hasar wird gewiss die Route zu einer vorleistungsfreien Versorgung bis zum Tod finden, während Neles Patriot*innen kollektiv auf die Pleite zusteuern, um irgendwann an irgendeinem Ballermann selbst als Ausländer*innen zu kollabieren.

In seinen Formulierungen erlitt die Frau ihre Beschaffenheit

Gut, dass Sie mich an Schimsky erinnert haben. Jahrelang trug ich seinen Kescher. Er traktierte seine Frau und die Tochter mit einem biologistischen Herabsetzungstext. Er stellte sie als Minderleisterinnen der Natur dar. Schimsky brachte der Tochter die weiblichen Geschlechtsorgane als ein System aus Schläuchen und Höhlen bei. Stets war das Männliche die Referenz.

„Die Eierstöcke sind für die Frau das, was die Hoden für den Mann sind.”

In Schimskys Formulierungen erlitt die Frau ihre Beschaffenheit. Darin war er sich mit Opa Heinemann einig. Beide nannten die Gebärmutter Fruchthalter. Schimsky predigte ihren Sitz zwischen Blase und Mastdarm. Vera glaubte ihm, so wie sie glaubte, dass Schimsky als Lehrer sein Genie verschwendete. Das war Schimskys Story. Schimsky unterhielt sich eifrig mit meinem Großvater, der nur fünf Jahre zur Schule gegangen und als Zivilist nicht über Hessen hinausgekommen war. Opa Heinemann führte ein Trakehner Gestüt und beschäftigte ehemalige Herrenreiter als Knechte. Opa Heinemanns rechte Hand, ein einäugiger Quichotte mit weggeschossenem Fuß, war auf dem Gut Trakehnen (heute Jasnaja Poljana) zur Welt gekommen. Er gab sich und Hitler die Schuld an seinem Erwachen aus dem ostpreußischen Traum. Er war kein Revanchist und so liberal wie man nur sein konnte in Opa Heinemanns Nähe.

In dieser Leistungsgemeinschaft verriet sich Schimsky. Er vertrat gemeine Ansichten im Stil der akademischen Ernüchterung. Er war weder meinem Großvater noch dessen Vorarbeiter gewachsen. Seine Intelligenz war eine Ausflucht.

Blühte Schimsky im Gelände auf, um sich über einer Totholzinsel im geharkten Flur zu erbrechen, sah ich, was ich sehen sollte. Schimsky installierte in mir ein Programm, das ihm Anerkennung verschaffte. Das war meine Funktion.

Hasar tarnt sich in den Farben seiner Umgebung. Er hebt sich kaum von der Täfelung ab. In seinen Dunst webt der Alkohol einen markanten Geruchsfaden, den die Apfelsaftschorle dementieren soll. Überall werden falsche Spuren gelegt. Nahezu regungslos zeichnet Hasar das Muster eines fliehenden Hasen in das Unterholz sämtlicher Verbindungen.

22. März 2018

Hessenmeister

Totholzfetischismus

Doktor Balthus Schimskys Reviere waren Trockensteinmauern und Totholzarenen. Mein Biologielehrer war Totholzfetischist. Er liebte Bestandsabfall und rühmte die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben.

„Die Zähne sind nur passive Kauwerkzeuge.”

Schimsky zog Antjes Oberlippe hoch. Das mochte sie nicht. Sie schnappte spielerisch nach Schimsky, während seine Tochter ihre Angst kaum noch zu verbergen wusste. Meine Stute hatte sich aufgepumpt, als ihr der Sattel angelegt worden war, und ich hatte es versäumt, den Gurt nachzuziehen. Der locker aufliegende Sattel vergrößerte die Unsicherheit einer ungeübten Reiterin.

Schimsky hatte Vera eine Reitstunde verordnet, die Antje an der Longe absolvieren sollte. Ich spürte Veras Wunsch, die Sache rasch hinter sich zu bringen, aber Schimsky verzögerte, indem er die Aufmerksamkeit von Opa Heinemann auf Antjes Maul richtete.

„Die aktiven Kauwerkzeuge sind Muskeln, die in Härte und Form Werkzeugen gleichen. Sie erfüllen die Aufgaben von Meißeln und Keilen.”

Opa Heinemann nahm die Lektion schweigend hin. Er war nur fünf Jahre zur Schule gegangen und als Zivilist kaum über Marburg hinausgekommen. Gleichwohl war es ihm gelungen, ererbten Wohlstand zu vermehren und mit gutem Appetit hager zu bleiben. Opa Heinemann war ein großer Fleischesser gewesen. Nun zwang ihn sein marodes Gebiss dazu, sich Weichgekochtes vorsetzen zu lassen. Das fand Opa Heinemann entwürdigend.

Schimsky hatte ihm bereits einen Vortrag über den Zahn gehalten, wie er mit nackter Krone frei in die Mundhöhle ragt. Zahnfleisch schließt den Zahnhals ein. Der in die Lücken des Zahnfachfortsatzes wie ein Nagel eingetriebene Endzapfen ist seine Wurzel. Dieser Einlassung folgte das Fazit:

„Die Zähne sind nur passive Kauwerkzeuge.”

Schimsky war Totholzfetischist. Er liebte Bestandsabfall und rühmte die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben. Seine Leidenschaft richtete sich auf das Kleine. Antje betrachtete er verächtlich. Das Fluchttier Pferd schleppte bis zu tausend Kilo Fleisch zum nächsten Beutegreifer. Wo blieb da die Raffinesse und das unvergleichliche Geschick etwa der Schaben, die lautlos den Planeten kolonisiert hatten?

Opa Heinemann verweigerte Schimskys Perspektive das Verständnis. Was kreuchte und fleuchte, hieß bei ihm Ungeziefer. Antje sah die Welt wie er. Sie schlug mit dem Schweif nach Bremsen. Sie drängte auf die Bahn. Ihr Herr schnalzte und Antje trabte an. Vera flog sofort aus dem Sattel. Keiner kam ihr zur Hilfe. Sie rappelte sich auf und befreite sich fassungslos von Sandanhaftungen. Ich sah, dass sie nicht erwartete, noch mal aufs Pferd zu müssen.

Ich zog den Sattelgurt fester. Opa Heinemann fragte gelangweilt: „Was ist jetzt?”
Schimsky schenkte der Szene kaum Beachtung. Vera heulte lautlos. Antje schnaubte und schlug mit dem Schweif. In ihrem Rückenmark warteten Zellen darauf, wie Sprinter durchzustarten. Eine Verbindung zum Hirn stellten sie erst gar nicht her.
Wer nicht reiten kann, ist von der Reaktionsgeschwindigkeit eines Pferdes überfordert. Von sich aus prüft ein Pferd erst nach einer Reflexhandlung, ob sich der Aufwand gelohnt hat. Das wusste Antje nicht. Sie stieg wieder in den Sattel wie ferngesteuert von Missachtung. Ich beobachtete eine Mischung aus Angst, Scham und Ergebenheit. Vera ließ sich genauso führen wie Antje.
Antje vertraute mir. Sie hatte bis zu einem bestimmten Punkt gelernt, für harmlos zu halten, was ich nicht gefährlich fand. Ich hätte sie mit Ansprache auf einem entspannten Verhaltenskurs halten können. Ich zog es vor, zu beobachten wie Veras Angst in Antje das ursprüngliche Muster auslöste. Auch Opa Heinemann studierte grimmig erheitert das Zusammenspiel von doppelter Nervosität und Verkrampfung. Antje reagierte ungehalten auf Veras Klammerreflex. Sie war eine so schlechte Reiterin nicht gewohnt.
Schimsky zeigte kein Interesse am Geschehen. Er botanisierte an einem Hang. Vielleicht tat er auch nur so und ließ die Seele baumeln. Seine Gleichgültigkeit erschien mir ungeheuerlich.
Opa Heinemann bewegte Antje blind gegenüber der Not im Sattel. Vera flüchtete in den Galgenhumor. Auf dem Hof nahm die Betriebsamkeit zu. Lieferanten kamen, luden ab und auf und suchten das Gespräch mit der Chefin. Rossnärrische Mädchen meldeten sich im Gefolge von Maurern und Elektrikern zum Dienst. Ich erinnere kein Jahr meiner Kindheit und Jugend ohne einen Abriss oder einen Neubau.
Veras Feigheit wurde nicht gern gesehen. Bei uns waren auch die Mädchen mutig. Ihre Verachtung war größer als die Freude der Jungen an Erniedrigungen. Vera musste sich unter Aufsicht einer Turniersiegerin der Pferdepflege widmen. Vera behielt ihre Angst vor Antje sogar am Boden. Es war ihr kaum möglich, dass Tier anzufassen. Zufällig geriet sie auf ein Foto, das ein Journalist von der Erfolgreichen machte. Ich schnitt die Aufnahme aus der Zeitung und rahmte sie. Sie hängt in meinem Arbeitszimmer, Vera sieht fast glücklich aus. Das Bild zeigt nichts von der Krise eines Morgens vor einem Vierteljahrhundert. Ich weiß genau, dass sich Vera nach der Stunde Angst am Rand eines Zusammenbruchs bewegte. Sie hat das verdrängt. Den Ausschnitt betrachtet Vera als einen Beweis für ihre gute Figur und als Erinnerung an die Frisur, die damals wichtig war. Außerdem glaubt sie steif und fest, in ihrer Jugend eine passable Reiterin gewesen zu sein.

Die Intelligenz der Insekten

Schimsky schätzte den Energieverlust im Kot auf acht Prozent. Den Verlust wollte er in Abzug gebracht wissen, sobald die verwertbare wärmebildende Kraft von Nahrung zum Gegenstand von Erörterungen wurde. Es gehörte zur Tüchtigkeit, bei Tisch solche Fragen nicht auszusparen. Nur ein Plebejer ließ sich von seiner Scheiße den Rahmen einer arrondierten Gegenwärtigkeit rauben.

Schimsky wohnte mit seiner Familie auf dem Gestüt meines Opas Heinemann in Linsengericht, einer hessischen Gemeinde an der Grenze zu Unterfranken. Beizeiten machte er mich zu seinem Kescherträger sowie zum Zeugen eines naturkundlich mäandernden, das Insekt in all seinen Schattierungen feiernden Selbstgesprächs. Er hatte festgestellt, dass die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana) in Südhessen trotz der für sie ungünstigen klimatischen Verhältnisse heimisch geworden war. Das war eine wissenschaftliche Sensation gewesen.

Schimsky brachte mir die Natur als Schlachtfeld bei. Menschen betrachtete er als kompakte Wirtsmaschinen, die von Parasiten kolonisiert werden. Er zweifelte daran, dass Bewusstsein Überlegenheit schafft. Er zeigte mir Wunder der Funktionalität in einer Trockenmauer und fragte: „Worin besteht das menschliche Mehr im Vergleich mit einer Schabe?“

Schimsky setzte mir den Keim einer Abneigung gegen das Soziale ein, die es mir nicht erlaubte, einen besonderen Ehrgeiz zu entwickeln. Seit Jahrzehnten variiere ich Schimskys Ausführungen gegenüber seiner Tochter, die ihrem Vater auf den Holzwegen meiner Verdauung seines Wissens anhängt. Wir wiederholen die Spaziergänge und Wanderungen der Kindheit und Jugend. Wir unterbrechen den Fortgang an alten Stellen. Wir sagen die alten Namen, auch da, wo sie nicht mehr gebraucht werden. Wir kehren im Forsthaus Merkstein ein, mit der Erwartung, die einzigen Gäste zu sein. Wir teilen einen Ring Fleischwurst. Ich betrachte mit einem fremden Ekel die Zungentätigkeit meiner Freundin. Ich sehe die Zunge mit Schimskys Augen: einen unschön von Schleimhaut eingekleideten Lappen; bis zur Rachenenge mit Geschmackswarzen bevölkert.

Konfektionsgröße 38 als Lebensaufgabe

Erika Schimskys Kindheit hatte sich auf den Elbhöhen zwischen Dresden und Meißen abgespielt. Die Schöpfstellen trugen sorbische Namen, die sich tausend Jahre erhalten hatten. Die Eltern waren auf einem Rittergut beschäftigt, Erika lebte der Erkenntnis voraus, dass alles Gute in der Vergangenheit lag und die Zukunft ein übler Schleif werden würde. Sie erschien hefig in der Dienstbotensphäre und begehrte die Fettaugen. Die Köchin herzte sie. Sie schenkte Erika einen Füller, der nicht gut schrieb, aber ein schönes Schriftbild machte.

Herr Schimsky war mein Gott. Seine Frau bewirtete mich mit Zuneigung. Ich hatte einen festen Platz an ihrer Tafel. Arglos wurde ich Erikas Liebhaber. Jahre später dümpelte die Geschichte ihrem Ende entgegen. Ich machte Abitur, studierte auf Lehramt und verausgabte mich in der Belanglosigkeit. Ich hatte eine weitgehend auf Körperkontakt beschränkende Beziehung zu Nele, die in ihrem eigenen autistischen Winter existiert, und heute noch in meinem Freundeskreis herumschwirrt. Verheiratet ist Nele mit Hasar, der seinen ersten Dauerlauf mit fünfzig absolviert hat.

Schimskys Zustand war das Delirium der Gelehrsamkeit. Angeblich erniedrigte er sich als Lehrer in einem Ensemble schwachköpfiger Kollegen. Seine akademische Abstinenz erklärte er mit einer falsch gelaufenen Liebesgeschichte. Wobei er nicht Liebe sagte.

Schimsky genoss das Unbehagen seiner Frauen. Er war ein Tyrann nach der Devise: Entweder tyrannisieren sie dich oder du tyrannisiert sie. Er setzte Erika und Vera vorsätzlich herab und trieb sie in Zustände der vergrämten Unzufriedenheit. Seiner Tochter warf er vor, dass sie in ihrer Nahrung weniger Nährstoffe aufnahm, als sie in ihren Ausscheidungen abgab. Der Mangel zersetze Bestandteile ihres Körpers. Das entsprach einem Plan, den Vera bis heute verfolgt; Konfektionsgröße 38 als Lebensaufgabe.

Parfümierte Post

Zurzeit schreiben Vera und ich uns auf parfümiertem Papier Briefe, die auch Kassiber einer verbotenen Liebe sind. Vera ist mit Ayat verheiratet. Meine Frau Lore ist Europachefin von Apocalypse Now TV (ANT) Hessen-Weltweit und die rechte Hand des ANT-Gründers Benjamin Isaac Willard, der einst Colonel Kurtz im kambodschanischen Dschungel vor einem Killerkommando der Khmer Rouge rettete.
Ich bin mit einer Frau verheiratet, die in Leidenschaft mit einem anderen verbunden ist. Lore und Ben haben einen gemeinsamen Sohn. Bruce wächst in einer befreundeten Frankfurter Familie auf. Ich nehme Anteil in der Schimskyrolle und erkläre ihm die Bedeutung von Totholz für einen gesunden Wald.

Bruce nimmt von jedem Vater, was er kriegen kann. Erst in meinem Verhältnis zu ihm begreife ich Schimsky ganz. Dessen pädagogische Grausamkeit sonderte wie eine Maschine die Spreu vom Weizen. Sie klärte Vera über sich auf. Sie erklärte ihr die Notwendigkeit einer Vernunftehe. Sie hielt Vera davon ab, mich zu heiraten. Sie bewahrte einen Parasiten vor dem Unglück, sein Unvermögen zu verdoppeln.

Vera und ich widmen uns kultisch einem Schriftsteller. Seit zwanzig Jahren erheben wir uns mit Peter Handke, die Stefan-George-Verehrung ländlicher Zirkel ironisch imitierend. In seinem jüngsten Werk verkleidet Handke seinen Erzähler mit den eigenen Marotten, manchmal weiß man nicht, wer spricht in „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Der Autor findet sich exotisch als Empfänger persönlich gehaltener Briefe – „Briefe, die den Namen (verdienen), die Adresse nicht vorgedruckt, sondern in echter Handschrift“. Er macht sich ein Gewissen aus dem Alltag der Zustellerin, die wegen ihm so oft dann doch nicht, „von der Departementalstraße abbiegen muss … zum Tor am Ende der Allee“.

„Die Briefträgerin inzwischen mit vielen weißen Haaren und bald Großmutter.“

Die an Literatur heranreichende Briefpost hatte ihre Epochen wie Pferdefuhrwerke und abergläubische Vorstellungen von Tagen der offenen Tür zur Unterwelt ihre Zeit hatten. An manchen Tagen vermieden die Römer wichtige Entscheidungen. Im vorchristlichen Irland kamen vorzeitliche Wesen am Abend des 31. Oktobers zum Vorschein. Zu Samhain entfachte man ein großes Feuer und alle Klans einer Gegend zogen davon ihr Herdfeuer ab. In Gelnhausen und Linsengericht weiß man das, seit die Amerikaner bei uns Halloween feiern. Samhain bezeichnet aber auch einen Flecken am Franzosenkopf, jener im „Simplicissimus“ verewigten Erhebung über dem Grenzposten Linsengericht.

Rawanduz

Der Autor baut auf vielen Seiten den Vorhof einer Abfahrt aus. Am ersten Reisetag beobachtet sein Erzähler Reaktionen auf eine Deflagration. Drei Polizistinnen rücken „wie ein Mann” vor. Doch interessiert sich der Erzähler gleich wieder für Ungeheuerlichkeiten knapp über den Bodenwellen. Er klärt den Leser auf, wo das Mehl herkommt, das in den drei Bäckereien rund um den Platz am Bahnhof verarbeitet wird. Er bezeichnet eine Gegend als die Kornkammer von Paris zu Königszeiten. Wir gehen mit bis zum „seit langem geschlossenen” Hôtel des Voyageurs. Der Erzähler erinnert einen Aufenthalt an der Bar.

„Ich kenne die Bar”, sagt Vera. „Ich war da mit Ayat.”

Ich bin es leid, Ihnen den Mann zu schildern. Er ist kein arabischer Muslim, obwohl er behauptet, Syrer zu sein. Angeblich stammen seine Vorfahren aus Rawanduz. Ich kann Ihnen immerhin bestätigen, dass Ayat seit dreißig Jahren in Gelnhausen lebt und seit zwanzig Jahren mit Vera verheiratet ist. Er hat mit ihr zwei Kinder. Die Kehrseite seiner Doppelgesichtigkeit ist eine Existenz als Pate einer Cosa Nostra, die späte Einwanderer aus den GUS-Staaten zusammenschließt.

Militanter Humanismus

Ein paar Jahre sah man Ayat jeden Sonntag mit polierter Glatze, Kamera und kompletter Familie in der Eisporthalle, wo er an seinen Leuten vorbei Schlittschuhläuferinnen fotografierte. Vera behauptet, er habe das Erregungsmaterial dem „Zentrum für militanten Humanismus” in Berlin angedreht.

Vera erzählt von dem Abend an der Hotelbar. Sie sei glücklich gewesen mit ihrem Mann, der in Paris wie überall auf der Welt von Verwandten und Bekannten aufgestöbert wurde.

14. März 2018

Hessenmeister

Triumph der Unterlegenheit

„To take action in reply.”

Das sagte Lyndon B. Johnson, als er den Kongress anlog. Der Präsident hatte endlich einen Vorwand gefunden, die kommunistische Penetration von Südvietnam mit seinen Truppen rasch zu stoppen, wie er glaubte. Die ganze Welt war ein amerikanischer Hinterhof. In den Dienst seiner Absichten stellte Johnson die Lüge von nordvietnamesischen Schnellbootattacken auf den Zerstörer USS Maddox im Golf von Tongking Anfang August 1964. Als Teilnehmer der Operation Flaming Dart landete Jesse James im Februar 1965 zum ersten Mal in einer heißen Zone. Der Einsatz mündete in der Operation Rolling Thunder, die sich vierundvierzig Monate hinzog. Jesse James brauchte keinen Vorlauf traumatischer Erfahrungen, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Er zeigte Engagement, bewies Ehrgeiz und blieb unbeschwert. In der Fachliteratur spricht man von einer Steinzeitkonstitution. Ich habe in fünfzig Jahren nur zwei Männer und eine Frau kennengelernt, die so ticken wie er. Für diese Leute besteht kein Unterschied zwischen einem Schnitzel und einem Schusswechsel.

Seinen Helm trug Jesse James nur unter der Dusche. Maos Diktum, die Macht kommt aus den Gewehrläufen, verstand er wohl. Jesse James war ein Schwarzer aus Alabama, dem es egal war, dass der Vietkong ihm nie etwas getan hatte. Der Finger am Abzug erhob ihn über die Dulder und ihre Mythen. Kämpfen war wie Durchatmen. Von irgendwem oder vielleicht auch nur von einer alten Inschrift, die ihm jemand übersetzt hatte, übernahm Jesse James einen Satz der Indochinazeit:

Tu vas bien, mon enfant.

Er sagte den Satz zu jedem, dessen Tod auf sein Konto ging.

Tu vas bien, mon enfant in tadelloser Aussprache; obwohl er sonst kein Französisch konnte.

Tu vas bien, mon enfant; bevor er die ace of spades einer Leiche anheftete.

Die Demoralisierung des Gegners war amerikanisches Staatsziel. In der zweiten Verlängerung landete Jesse James in Laos, wo der Krieg entkleidet von allen Abschwächungen stattfand, ohne erklärt worden zu sein. Die Hmong, eine ethnische Minderheit mit starkem Unabhängigkeitsdrang, kämpften am Boden in der Regie von Beratern und unterstützt von Piloten, die offiziell keinen militärischen Rang in regulären Streitkräften hatten. Die Berater und Piloten traten wie Freischärler auf und lebten in einer Dschungelstadt, die auf keiner zivilen Landkarte eingezeichnet war. Sie hausten hinter dem Mond und taten da, was sie wollten. Sie griffen die Laos streifende nordvietnamesische Versorgungslinie an – den Hồ-Chí-Minh-Pfad.

Irreguläre gewinnen, indem sie nicht verlieren. Reguläre verlieren, indem sie nicht gewinnen. Alle großen Armeen wurden von Partisanen geschlagen.

Der letzten Heimkehr in den Krieg 1970 war eine Scheidung und die Beobachtung vorausgegangen, dass ein Freund, der Vietnam als Freiwilliger erlebt hatte, sich nur noch im Austausch mit einem Goldfisch verstanden fühlte. Jesse James wollte nicht als Kauz im Moonshinerausch auf einer Veranda enden. Lieber gehörte er zu den beinah fünfhunderttausend Verdammten, die im Einsatz gegen die Einsicht antraten, dass der Krieg verloren war. Drei Jahre später dienten nur noch siebenundzwanzigtausend Amerikaner in Vietnam. Das entsprach dem Stand von 1965. Jesse James führte der Abzug nach Hanau. Der Veteran fand, dass er es gut getroffen hatte. Seine Nation fing gerade an, den Krieg im Kino doch noch zu gewinnen. Jesse James hatte in den Vereinigten Staaten mehr verloren als in Vietnam. Der Krieg (das Verbrechen/der große Fehler/a chance to die for the biggest nothing in history) war gnädiger gewesen als die öffentliche Meinung in Amerika. Als ich ihn zum ersten Mal sah, robbte Jesse James über den Parkplatz einer Diskothek, die in einem Industriegebiet nachts den einzigen irdischen Lichtblick bot. Er befand sich auf einer LSD-Mission, die Lage war heikel, aber er würde es schaffen. Seiner Geliebten hatte er befohlen, sich im Auto nicht vom Fleck zu rühren. Margot, eine aus dem unterfränkischen Schöllkrippen gebürtige, in Alzenau lebende und in Hanau beschäftigte Anwaltsgehilfin, war entgegen der Anordnung umgehend in die Diskothek zurückgekehrt. Sie tanzte noch, als ich den verwirrten Liebhaber ihrer Obhut anheimstellen wollte. Margot verweigerte die Annahme eines armen Irren. Sie war selbst stoned wie eine Wand und gefangen im eigenen Film. Ich nahm Jesse James mit. Wir wurden sofort Freunde. Dreißig Jahre später sitzt er neben mir im Merkantil (vormals Barockschenke) und kämpft mit einem Schneegestöber, das er sich nach acht Uhr abends nicht mehr zumuten sollte.

Heute kann uns eine Mahlzeit umbringen.

Vera sucht die Aufmerksamkeit meiner Frau. Lore und sie stecken seit Jahrzehnten in einem komplizierten Verhältnis. Ihre größten Lebenslügen verbinden sich mit den Männern, die sie geheiratet haben. Ich bin ein Klotz an Lores Bein. Sie schleppt mich mit nach einer Devise der Marines: Niemand wird zurückgelassen. Der Mann, der ihr Kraft gibt und sie hochtourig in Gang hält, ist Benjamin Issac Willard, der Gründer von Apocalypse Now TV (ANT). Selbst Veras Gatte Ayat kann Ben nicht das Wasser reichen. Der syrische Kurde und kriminelle Großoptiker, den in Gelnhausen immer noch viele für einen arabischen Muslim halten, wirkt sich als Pate eines russischen Filzes nicht nur auf die Gegend aus. Ich bin Veras bester Freund. Gemeinsam verehren wir Handke. Zurzeit lesen wir „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Ayat, dem ich bis zum Mord alles zutraue, fördert den Kult in einer Sonderform der Verachtung, die manchmal umschlägt in Zuneigung.

Männer im Pyjama

Ich war der Meisterschüler und Ersatzsohn von Veras Vaters, einem Insektenforscher, der als Biologielehrer eine Schreckensherrschaft an meinem Gymnasium errichtet hatte. Doktor Balthus Schimsky schloss in seinem Unterricht von Insekten auf Menschen. Er hielt Menschen allgemein für dümmer als Käfer.

Mir offenbarte er sich im Erkundungsfieber. Im Gelände erläuterte er mir die Seinsformen seiner Lieblinge. Sie erklärten ihm jedes Scheitern und Gelingen auf der Welt. Schimsky schwärmte für die Unterklasse der Pterygota; ich lernte Klassifizierung. Mein Mentor rühmte auf unseren Exkursionen den Vietcong über den grünen Klee. In seinem offensiven Rassismus identifizierte Schimsky den Amerikaner mit dem Menschen (dem blöden) und die Nordvietnamesen und kommunistischen Südvietnamesen mit Insekten (den raffinierten). Der Vietcong nutzte Bombenkrater als Badewannen. Er verlegte seine Lazarette unter die Erde und regelte die Stromversorgung mit den kleinen elektrischen Generatoren, die bei uns für Licht am Fahrrad sorgten.

Schimsky behauptete, der westliche Mensch sei unter solchen Bedingungen nicht mehr lebensfähig. Im Vietnamkrieg liefe sich der Asiate (die Ameise) für seine (ihre) zukünftige Führungsrolle warm. Schimsky wollte seiner Elogen zum Trotz keiner Ordnung gehorchen, in der kleine gelbe Männer, die im Pyjama auf dem Hồ-Chí-Minh-Pfad flanierten, den weißen Mann dominierten. Amerikaner konnte Schimsky nicht ausstehen, egal ob weiß oder schwarz. Sie waren degenerierte Kulturverweigerer. Ich fand die Kraft, mich dieser Einschätzung zu versperren. Alles Gute kam aus Amerika. Ich war pro-amerikanisch, aber auch für den Vietcong. Ich trieb mich in amerikanischen Bars und Clubs herum und kopierte den Stil der Südstaatenlandjugend, in Nachahmung der Vorlieben meiner älteren Brüder, für die ich insgesamt als Weichei eine Enttäuschung war.

Meine Brüder waren bis nach Hanau berühmte Draufgänger, ich war ein unbeachteter Schleicher, dessen sozialdarwinistische Brutalität unbemerkt blieb. Unauffällig suchte ich meinen Vorteil in rationalen Lösungen. Ich platzierte mich strategisch auch soweit es Vera betraf. Sie wuchs in einem Gefängnis der Prinzipien ihres Vaters auf. Ihre Mutter hatte nichts zu melden, Doktor Schimsky bestimmte tyrannisch über jeden Dosenöffner. Ich etablierte mich als der Einfühlsame. Auch Vera wich nicht ohne Kalkül in die Farbenlehre der Empfindsamkeit aus. Ich studierte ihre Schliche (vor allem) der Vermeidung.

Bei seiner Tochter versagte Schimsky auf der ganzen Linie. Er erkannte die Raupe des Trauermantels an ihren Rückenflecken, aber Veras parasitische Struktur sah er nicht. Vera übertrieb ihre Untüchtigkeit.

Gedankenmasturbation

Sie wäre lieber glanzloser gewesen, ein Kohlweißling und kein Postillon. Diese schwer zu verstehende Verschrägung eines genetischen Vorteils enthielt die wichtigste Information meiner Jugend. Ich lernte, meine Erregung so zu kontrollieren, dass sie sich keinem anzeigte und ich lernte, mit Gedankenmasturbation Orgasmen herbeizuführen. Ich will Ihnen nicht ausmalen, wie ich diese Fähigkeiten einsetzte. Der Punkt war, ich brauchte kein Entgegenkommen.

Meine erotischen und sexuellen Ernten fielen selbstverständlich armselig aus. Ein Verlierer sah zu, wo er blieb und nahm, was er kriegte. Immerhin musste ich mich nicht als Liebeskasper entblößen. Ich liebte so lautlos wie der Vietcong tötete. Ich kam zu dem Schluss, alles Offensichtliche sei nur der Wurmfortsatz von etwas Effektiverem. Das Verhalten der Schlupfwespe erschien mir vorbildlich.

Wikipedia sagt: „Die Larven der Schlupfwespen leben durchweg als Parasitoide. Parasitiert werden holometabole Insekten, am häufigsten Schmetterlinge, Pflanzenwespen, Käfer u. a. Einige spezialisierte Formen parasitieren auch in Spinnenkokons, wo sie sich von den Spinneneiern ernähren, oder als Ektoparasiten an den Spinnen selbst. Die Gattung Polysphincta saugt an den Hinterleibern von bestimmten Radnetzspinnen und bringt diese durch biochemische Zusätze dazu, ein anderes Webmuster zu verfolgen. Sie lässt sich Kokons als Bruthöhlen bauen. Nach Fertigstellung der Höhlen werden die Spinnen getötet.”

Schimskys Belehrungen machten mich zum Antagonisten meiner Rockerbrüder und ihrer Sportsfreunde. Es dauerte lange, bis ich mir sicher war, dass sie mich nicht durchschauten. Dass mich niemand durchschaute. Ich erreichte neben Vera Höhepunkte, während sie von D-Dur zu D-Moll auf der Gitarre wechselte und von mir wissen wollte, ob das gut zusammenklang.

Schimsky, der alte Fascho als Heinz Erhardt oder Bio Wackelkopp, verstand nicht, wie sich seine Lehre auf mich auswirkte. Ich konnte jeden Verehrer abdrängen, ohne meine Position zu verraten. Ich sagte bloß, der Peter hat doch keine Ahnung von Handke oder der Rainer ist eine Umweltsau oder der Jürgen steht mindestens so weit rechts wie dein Vater. Das reichte, bis Ayat auftrat. In seinem Fall versagten meine Einflüsterungen. Vera schaltete auf Durchzug. Sie ließ sich nicht mehr von mir fesseln. Deshalb suchte ich Ayats Nähe. Er ist das Gegenteil eines Parasiten. Folglich zieht er Parasiten an. Wollte er Vera bewirten, sollte er mich in Kauf nehmen. Das war das Geschäft, das ich ihm wortlos vorschlug.

Genauso wortlos entgegnete er: Du kannst mir Vera nicht wegnehmen. Ihr Unbewusstes reagiert auf meine Pheromone autonom. Vera selbst kann mich nicht aussteuern. Ich bin der Datenträger, auf den sie gewartet hat.

Ich verbrauchte Monate mit einer Analyse der Herausforderung. Ich ging noch einmal alles durch, was den Kampfwillen der Vietcong gegen die amerikanische Feuerkraft versichert hatte, in einem Triumph der Unterlegenheit. Ich war mir damals schon sicher, dass Schwäche in der evolutionären Mechanik Stärke sein kann. Schließlich sah ich die Stelle, an der Ayats Siegesparade fadenscheinig wurde. Es gab theoretisch für Vera mehr als einen Ayat. Auf der Reptilienstufe war Ayats Exklusivität keine ausgemachte Sache. Ein einziges Wort stellte die Weichen richtig. Ayat war nicht „der Datenträger, auf den Vera gewartet hat”, sondern ein Datenträger, der in Frage kam.

Well as well him as another. Molly Bloom aka James Joyce

Leere Ärmel

Schimsky brachte mich mit Schmetterlingssammlern zusammen, die in lateinamerikanischen Dschungelsiedlungen ein Vermögen gemacht hatten. Sie schlugen die Haken zusammen, bevor der Schwenker erhoben und ein Trinkspruch ausgebracht wurde. Die letzten Monokelträger waren unter ihnen so wie Männer mit Prothesen und leeren Ärmeln.

Schimsky machte mich zum Geheimnisträger. …

Es wurde musiziert im Haus Schimsky, Geld für Segel- und Surftermine rausgetan und der Weinvorrat beim elsässischen Winzer gesichert. Aber dann gleich wieder ab in die Pilze und von den Sporen lernen, hieß siegen lernen.

Den von der Schöpfung verstoßenen Mensch hielt Schimsky für einen verkleideten Wurm. Schimsky wollte sich offenbaren, ohne das Risiko, verstanden zu werden. Vera setzte sein Vertrauen in mich einfach fort. Ferner schlief ich mit seiner Frau.

Vera heiratete Ayat als Achtzehnjährige. …

Sie berührt meine Frau zärtlich wie eine Vertraute. Sie spinnt die Feindin in einen Kokon aus harmlosen Bemerkungen. Lore ist Europachefin von ANT-Hessen-Weltweit.

„Ihr habt Uhren und wir haben Zeit.” Võ Nguyên Giáp

Ben Willard besucht uns gern in Gelnhausen. Wir sind seine Sauerkrautfreunde. Bei uns ist immer Oktoberfest. Seinen Erfolg erklärt Ben mit der Verinnerlichung feindlicher Leitlinien. Er habe die Prinzipien der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams” (National Liberation Front – NLF) zur Grundlage seines Geschäfts gemacht. Das derogative Vietcong verwendet Ben nicht. Er sagt auch nicht Charlie oder die Roten oder Gooks.

„Die amerikanische Feuerkraft geht über die Partisanen wie eine Dampfwalze über Ameisen hinweg. Die US-Streitkräfte haben keinen Zugriff auf die in die Steinzeit zurückgebombten neuen Höhlenmenschen.” Wayne „The Bear” Raymond 1969

Ben Willard:

„Als wir 1964 militärisch einen Zahn zulegten, war Hồ ein alter Mann und längst nicht mehr unangefochten. Man darf nicht vergessen, dass Hồ Chí Minh ursprünglich ein Bewunderer Amerikas gewesen war und von 1944 bis 1954 amerikanische Unterstützung erhalten hatte. Mit allem, was dazu gehört und was dann in Südvietnam bildbestimmend wurde. Die CIA und der OSS tummelten sich in Hồs Geltungsbereich wie in jeder Bananenrepublik. Auch die Chinesen, die in Vietnam so verdeckt Krieg führten wie wir in Laos und Kambodscha, trugen zu Hồs Destabilisierung bei. Unser bester Gegenspieler war der Oberbefehlshaber der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) Võ Nguyên Giáp. Giáp sagte: „Ihr habt Uhren und wir haben Zeit.”

Die von Giáp auf die Spitze getriebene Asymmetrie wurde von der amerikanischen Administration überhaupt nicht begriffen. In der NVA wusste man, dass Nordvietnam und der Việt Minh keine Schlachten gewinnen mussten, um den Krieg nicht zu verlieren. Nordvietnam und die NLF würden unterlegen siegen. Die Leute durften bis dahin nur nicht aufgeben. Um den nötigen Opfermut kümmerte sich rührend der Feind.”

Jesse James sagt immer noch Charlie

Jesse James sagt immer noch Charlie zum Vietcong. Er bestellt Bier bei Hanne Marlow, die am Tisch thront und die Bestellung launisch an ihren Mann Hans weitergibt. Die Rostockerin trägt Dirndl und verbreitet Musikantenstadl Gemütlichkeit. Sie unterscheidet nicht groß zwischen Hessen, Franken und Bayern. Wenigstens vermeidet Hanne die mundartliche Anpassung. Sie hat einen DDR-Beruf gelernt, den es nicht mehr gibt, und ist erst 1991 auf Arbeitssuche nach Gelnhausen gekommen. Da griff sie sich den Wirtshauserben Hans. Sie pflückte ihn grob aus beschaulichen Verhältnissen und übernahm die Geschäftsführung.

Hans bringt das Bier mit nassen Händen, ein tropfender Mensch mit einem Handtuch auf der Schulter. Er hat eine Rockervergangenheit, wie viele in unserer Gegend.

„Tu vas bien, mon enfant”, dankt Jesse James.

7. März 2018

Hessenmeister

Gehwegschäden in der Milchstraße

Dennis sah aus wie Wolfgang Petry, wir nannten ihn Vokuhila. Er hatte an der Humboldt Universität auf Diplom-Kriminalist studiert und war Chef einer Ostberliner Mordkommission gewesen, bis zu seiner Suspendierung im Januar Neunzig. Irgendwann kannten alle die Geschichte, in der Vokuhila eine rumänische M 74 abgeben musste, weil sein Vater, der haftverschonte Spitzenfunktionär, ihm zum Genuss Wandlitzer Gettoprivilegien verholfen hatte. Ayat hatte ihn bei einem Kumpel als Produktionshelfer untergebracht. Vokuhila wollte sich in der Sicherheitsbranche bald selbständig machen, aber für uns sah es nicht so aus, als käme er noch einmal bis zum Mittelstand.

Belastbare Eier

1970 bestimmten Woodstock und Easy Rider die ästhetischen Leitlinien. Ich ritt mein Fahrrad im Chopper Style mit flach angestellter Vorderradgabel und einem Fuchsschwanz an der Peitschenantenne, die sinnlos über dem Gepäckträger vibrierte. Ich war Low Rider und meine Vorbilder, zu denen zwei ältere Brüder, die wie Marc Bolan (T. Rex) und Alvin Lee (Ten Years After) aussahen, und ein Hulk als Cousin in der Metzgerlehre zählten, waren so große Poser, dass für sie das Aussehen ihrer Maschinen wichtiger war als das Fahrverhalten. Ihr Expertenwissen über Buckhorn und Apehanger gab mir schwer zu denken. Ich schätzte den flachgestreckten Look, der sich in vorverlegten Fußrasten vollendete. Ich teilte meine Präferenzen mit beinah allen Jungen meiner Schule, ohne mich mit den meisten verbunden zu fühlen. Mein Wir korporierte lediglich ein Dutzend Fahrschüler aus Linsengericht.

Wikipedia sagt: „Linsengericht ist eine hessische Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis zwischen Schöllkrippen und Gelnhausen.”

Für uns war Gelnhausen, was Offenbach für den Rodgau ist: die Stadt, in der die Dinge passieren. Der höchste Punkt von Linsengericht drückt auf den Franzosenkopf. Die hessisch-bayrische Grenze zieht dem Hügel einen blanken Scheitel. Der südliche Hang fällt zum Geißelbacher Forst in Unterfranken ab. Nirgendwo fallen Unterscheidungen zwischen hessisch und unterfränkisch drastischer aus. Nirgendwo lassen sich einschlägige Feststellungen schwerer begründen. Ich fand solchen folkloristischen Unsinn mit den schönsten Abneigungen und Vorurteilen auch an der nordbadischen Grenze zu Württemberg sowie an der Rheingrenze zu Frankreich.

Am Fuß des Franzosenkopfes fließen drei Bäche zusammen. Es drängt mich, ihre Namen aufzusagen: Huckelheimer Bach, Näßlich- und Eichelbach. In ihrem Revier war ich der gelehrigste Schüler meines Biologielehrers. Doktor Balthus Schimsky lebte als Zugezogener mit seiner Frau in Linsengericht und zog mich zu einem Unterricht unter freiem Himmel heran. Er lehrte mich, im Kleinen Gültiges zu erkennen. Ich hielt das als Heranwachsender für eine Perversion, da alle, die meine Bewunderung verdienten, mit Siebenmeilenellen Maß nahmen. Ich erinnere an die Dimensionen eines Vollholzernters.

In unserem Verhältnis onkelte Herr Schimsky über den großen Zeh väterlicher Umsicht. Allen anderen zeigte er sich abweisend. Sein Geschlechtsleben führte 1972 zur Geburt von Vera, mit der ich seit zwanzig Jahren einen Peter Handke Kult in Gang halte. Solange ist Vera mit dem kriminellen Optiker Ayat verheiratet. Solange hält auch ein Interesse an Schmetterlingen, das Veras Vater mir so wie seiner Tochter eingab.

Zurzeit lesen Vera und ich Handkes „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Vom alten Schimksy lernte ich, dass „Schmetterling” eine Ordnungsbezeichnung ist, die das Typische (Schuppe und Flügel in der lateinischen Registrierung) hervorhebt.

„Im Allgemeinen”, sagte Herr Schimsky, „sind die Männchen lebhafter in den Farben und kräftiger gezeichnet. Die Weibchen sind blass und einfarbig.”

Klang da Misogynie an?

Herr Schimsky erschien wie ein Förster im Loden. Er ging mit dem Flachmann in die Pilze und mit dem Kescher auf Schmetterlingsjagd. Seine evolutionsbiologische Neugier alliierte mit brachialen Auffassungen des Lebens. Die wilde Mischung verdankte er einer faschistischen Erziehung. Sein Vater war Universitätsbiologe gewesen, also Biologieprofessor. Die altvorderen Erkenntnisse mussten mit Vorsicht genossen werden, waren aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Deshalb die Liebe für den Kleinkram der Natur. Sie war eine Zuflucht. Ich war in Schlaghosen und Pullunder gern mit von der Partie. Das Unterholz unter meinem Gewicht krachen zu lassen, war mir ein unbegreifliches Vergnügen. (Obwohl ich mich anschleichen konnte wie Chingachgook, die große Schlange.)

Herr Schimsky fuhr fort in seinen Belehrungen. Gar nicht übertreiben ließ sich die Bedeutung der Duftsignale aka Lockstoffe bei Schmetterlingen. Herr Schimsky kupierte die Fühler eines Falters und sagte: „Nun ist der Geruchssinn erloschen.”

Sollten Sie das grausam finden, dann fragen sich mich nicht, was Knaben aus Linsengericht Fröschen, Ratten und fremden Kindern anzutun imstande waren. Die Mendelsche Vererbungslehre war ein Steckenpferd von Herrn Schimsky. Ein Ernährungsmangel kann zu Abweichungen in Größe und Färbung führen. Man spricht von Aberrationen. Die diagnostizierte ich bei mir selbst in den kommenden Jahren. Meine Entwicklung stockte. Sie führte eben nicht zu immer längeren Haaren, ordentlichem Bartwuchs, Deep Purple, Uriah Heep und Harley Davidson, sondern in manchen Keller der peinlichen Absonderung und, das habe ich noch nie erzählt, ins Ehebett der Schimskys.

Mein softes Wesen beschämte meine Brüder und den Metzgerhulk, an deren Sportsfreunden zwischen Offenbach und Würzburg keiner vorbei kam.

Die Eier der Schmetterlinge ertragen die Temperaturen in Hochöfen genauso wie Permafrostbedingungen, erklärte Herr Schimsky. Wegen der belastbaren Eier gibt es Schmetterlinge von Sibirien bis zur Sahara überall auf der Welt.

Schimsky führte mich in das Wunderland der Mimikry. Die Raupe des Pflaumenspanners ist u.U. von einem Ast nicht zu unterscheiden. Auch eine Ligusterschwärmerraupe vollbringt Meisterleistungen der Tarnung. Da viele Insektenjäger auf Bewegung geeicht sind, kann allein Reglosigkeit den Sieg des Überlebens bringen. Das ist kein Spaß für den Wald. „Die Raupen des Weidenbohrers minieren sogar Kastanienbäume. Noch gefährlicher sind jedoch die Raupen des Webekäfers.”

Manche Raupen wehren sich mit Gestank.

„Sie erzeugen Ekel beim Feind”, jubelte Herr Schimsky. Er nannte die Schlupfwespe den ärgsten Gegner der Raupe. Sie legt ihre Eier in der Raupe ab. Nachdem die Larven geschlüpft sind, ernährt sie der Wirt, bis nichts mehr von ihm übrig ist.

Herr Schimsky fand die Schlupfwespe genial. Er sprach von Errungenschaften, die wir allein dem Kampf ums Dasein verdanken. Vera wuchs mit diesem Text auf. Vielleicht rührt ihre Empfänglichkeit für Ayat daher. Seine räuberische Potenz wirkt wie ein Lockstoff.

Frau Schimsky glich dem einfarbig-blassen Falter, der leise durch die Blume weint. Wie sie mir erschien, so ausgeliefert, verhungert, nüchtern und pragmatisch. Solche Empfindungs- und Erfahrungsmelangen ergaben sich später nicht mehr.

Dem rhapsodischen Temperament ihres Mannes begegnete Erika taktvoll. Sie ließ Schimsky sein Bestiarium und winkte mich am Gatten vorbei auf ihre Flächen. Die Unschuld nahm sie mir ein paar Wochen vor meinem vierzehnten Geburtstag. Heute wäre das auch im öffentlichen Bewusstsein strafbar. Klar nutzte Erika „die fehlende Fähigkeit … zur sexuellen Selbstbestimmung” und sogar „das gefährdungstypische Machtgefälle”, das sich aus der Fülle ergab, mit der mich Zuchtmeister Schimsky als Ersatzsohn regierte. Damals war die Sache ein Segen und eine Form der Aufklärung. Vermutlich war ich kein schlechter Liebhaber. Ich glaube sogar, dass ich die Rolle nie besser gespielt habe als für Erika. Mit siebzehn wusste ich, dass der größte Benefit ihre dankbare Resignation war.

Erika zählte sich in ihren Dreißigern zum alten Eisen. Der zweite Frühling und die besten Jahre wurden allgemein als Scheinblüten erzwungener Bescheidenheit begriffen. Schimsky bestätigte Erika in jeder negativen Selbstwahrnehmung. Er schlug sie mit Verachtung. Als Vater verfuhr er kaum schonender. Er knickte jeden in seinem Herrschaftsbereich. Er hintertrieb alles, was Erika und Vera anheben konnte. Dies vollzog sich so sichtbar wie auf einer Bühne. Er plünderte die guten Sitten wie ein anderer Alfred Tetzlaff. – Und genau wie Else Tetzlaff kam Erika ihrem Mann in bizarren Szenen entgegen. Sie sicherte so ihre Position einschließlich der Pensionsansprüche des Gatten. Was sich in den eigenen vier Wänden abspielte, zählte nicht. Wichtig war draußen. Da trat Erika selbstverständlich im vollen Ornat der Bürgerlichkeit auf. So wie sich der hochgestochene Insektenforscher Schimsky als Lehrer hergab, so gab sich Erika in einem häuslichen Erniedrigungstheater her.

Sie erklärte sich mir gegenüber nicht. Manchmal sagte sie etwas über die Einrichtung der Welt, ohne dass sich mir dabei eine Wertung mitgeteilt hätte. Ich fürchte, Erika fand soweit alles in Ordnung.

Ich habe sie nie verzweifelt und selten unglücklich erlebt. Erika ließ nicht zu, dass ich mich riskant in sie verliebte. Das Überschäumende legte sie trocken. Sie band mich nicht so an sich, dass ich mich nicht mehr rühren konnte. Als die Gelegenheiten in meiner Generation wenigstens für andere überhandnahmen, erlaubte sie mir keine Geständnisse. Erika suggerierte mir nicht, ihr eine Empfindlichkeit schuldig zu sein, die ich für mich selbst nicht aufbringen konnte. Sie hätte als mütterliche Beraterin Karriere machen können. Stattdessen wurde sie für mich erst unberechenbar und dann unerreichbar. Ich verliebte mich in ihre Tochter.

Die Verbindung zu Erika riss wie ein Faden. Eines Tages sagte sie: „Es ist vorbei und das ist gut so. Das hat mit deiner Schwärmerei für Vera nichts zu tun. Ich bin nicht eifersüchtig auf meine Tochter.”

Das war bestimmt eine Selbsttäuschung. Natürlich spiegelte sich Erika in Vera und konkurrierte mit ihr auf dem Feld der Attraktivität. Das habe ich mit einem am Leben im Totholz geschulten Augen gesehen.

Heliophile Falter

Mit der farblosen Tochter des CDU-Landesvorsitzenden traf ich ein Arrangement, das noch abgefahrener war als die Beziehung zu der Frau meines Mentors. Nele und ich griffen lediglich aufeinander zurück. Ich fasste meine Veraliebe so auf, als wäre ich mit Vera zusammen, obwohl das definitiv nicht der Fall war. Nele tat so, als sei ich der Lückenbüßer für ihre große Liebe, die sich in ferner Anbetung erschöpfte. Eine Weile waren Nele und ich füreinander die einzigen Partner, aber kein Paar. Wir gabelten uns auf und gingen zu Nele, die Zugang zu einem Familienbunker hatte, in dem es nach Diesel und Gegorenem stank. Das war in jeder Hinsicht das Gegenteil zu Erregungen auf dem Hochsitz der Schimsky’schen Souveränität.

Man muss schon sehr schief gewickelt sein, um so seine Jugend zu verbringen. Davon weiß Vera nichts. Ihre Schönheit war vom Tag des ersten jugendlichen Aufscheins eine Kolonie. Zur Ablenkung redete ich mit ihr über Gehwegschäden in der Milchstraße. Wir folgten Millionen Jahre alten Fußspuren zum Franzosenkopf. Vera war daran gewöhnt, mich um sich zu haben. Mein besonderes Verhältnis zu ihrem Vater gab mir Prestige.

Sie litt unter den väterlichen Beleidigungen. Schimsky beschämte Vera in meiner Gegenwart, wenn er sie zur Bestimmung eines Olivgrünen Bindenspanners heranzog, der in einer Schlehenhecke saß. Seine Gedanken kreisten um die nächtliche und verborgene Lebensweise von Faltern, die man aus Gründen für bodenständig hielt, die er nicht gelten ließ.

Sozialistische Tischordnung

Vera heiratete in ihrem Abiturjahr in einem Doppelakt der Rebellion und der Flucht. 1989 kam Omri zur Welt. Für die Grenzlandbewohner des hessischen Südostens klang Omri arabisch. Die meisten hielten Ayat weiterhin für einen Muslim, der mit Russlanddeutschen kollaboriert, die ihre christliche Prägung unter Stalin verloren hatten. Ich erkannte, dass auch Ayat Mimikry trieb und seine Gangster dazu anhielt, sich zu verstellen.

1990 tauchte Dennis in Gelnhausen auf. Er sah aus wie Wolfgang Petry, wir nannten ihn Vokuhila. Er hatte an der Humboldt Universität auf Diplom-Kriminalist studiert und war Chef einer Ostberliner Mordkommission gewesen, bis zu seiner Suspendierung im Januar Neunzig. Irgendwann kannten alle die Geschichte, in der Vokuhila eine rumänische M 74 abgeben musste, weil sein Vater, der haftverschonte Spitzenfunktionär, ihm zum Genuss Wandlitzer Gettoprivilegien verholfen hatte. Ayat brachte ihn bei einem Kumpel als Produktionshelfer unter. Vokuhila wollte sich in der Sicherheitsbranche bald selbständig machen, für uns sah es aber nicht so aus, als käme er noch mal bis zum Mittelstand.

Im Sauerland gab es zwei Kinder und eine an Vokuhila nicht mehr interessierte Angela. Der Ex-Major zeigte Familienfotos. Höhepunkte der Kollektion waren bizarr überinszenierte Modellaufnahmen der Ehefrau. Sie stammten von einem Friseur, der sich auf häusliche Erotik spezialisiert hatte. Ich fahndete nach Vokuhilas verlorenem Leben. Ein Volkskammerausschuss hatte ihn wegen Amtsmissbrauchs zerlegt, es war spießig um die Finanzierung eines Fertighauses vom Typ Stralsund für 90.000 Ostmark, eines Mazda 322 GLX 1.5 (Neupreis 25.000 Ostmark) und eines Peugeot 305 (Neupreis 44.000 Ostmark) gegangen. Vokuhila und Angela hatten in Wandlitz gratis getankt, den Funktionärsservice (des VEB Spezialbau nicht zuletzt) genutzt und am korrupten Ohr von Bauminister Junker gekaut. Das Paar war auf Staatskosten in die Ferien geflogen. Deshalb hatte Vokuhila den Anschluss an die neue Zeit verpasst, während seine Kollegen Hauptstadtpolizisten geblieben waren. Er betonte, gegen keine Strafrechtsnorm verstoßen zu haben. Er erfand einen alten Satz neu. Was früher Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.

Eine Sehnsucht nach Exotik fand damals neue Ziele. Auch ich ging auf Ostsafari. Es gab noch die DDR mit Lothar de Maizière als Kohls Statthalter. Das westliche Interesse wurde schon als Heimsuchung empfunden. Die Bundesbürger versauten mit ihrer Währung die Ostpreise. Sie erschienen wie Landsknechte in Tanzlokalen, wo man Aufforderungen mit höflicher Ansprache verband und egokompakte Alleingänge unbekannt waren. Da war er plötzlich, der Malle erfahrene Manta Tiger mit seinen zwo Mille nach allen Abzügen. Daran gewöhnt, Rede und Antwort zu stehen, wo es um die Frage ging: Und was hast du so auf der Naht? Stand kein Aschenbecher parat, wurde die Kippe auf dem Flor flachgetreten. Dagegen erhobene Einwände waren unzulässige Bevormundung von viel zu lange Bevormundeten. Man musste über achtzig sein, um sich als DDR-Bürger an eine freie und geheime Parlamentswahl erinnern zu können: vor der CDU Party am 18. März. Seit der Reichstagswahl vom 6. Nov. 1932 kannte der zum Behufe der Beitrittswilligkeit hart gefreite Ossi nur den Strich der Parteilinie.

Manta Tiger durfte nicht einfach die Kerzen auf dem Tisch anzünden. Besondere Wünsche wurden als unangebrachte Extrawürste abgeschmettert.

„Bei uns bestellt man die Gerichte so, wie sie auf der Karte stehen.“

Das schrieb die sozialistische Tischordnung vor.

Manche Usurpatoren zündeten sich Zigaretten mit Ostmarkscheinen an. Kolumbianische Kartelle entdeckten die DDR als Rückzugsraum. Polizei stellte zentnerweise Verbotenes sicher, Pablo Escobars Devise plata o plomo – Silber oder Blei (entweder lässt du dich bestechen oder erschießen) galt dann auch an der Ostsee. Narco Nosotros bezogen Quartiere in Seebädern. Das waren Männer mit einem biedermeierisch-bürgermeisterlichen Habitus. Sie ließen sich und ihre Familien von israelischen, südafrikanischen und britischen Söldnern bewachen. In aller Gemütlichkeit trachteten sie der kolumbianischen Justizministerin Mónica de Greiff nach dem Leben. Ausgesetzt war ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar. Die Lebensspanne der Politikerin lieferte einen Wettgegenstand. …

Kinderspiel der Verrohung

1993 kam Vera mit Asenath nieder. Im selben Jahr erschienen Enzensbergers „Aussichten auf den Bürgerkrieg“. Der Autor reagierte auf die jugoslawischen Sezessionen und die faschistischen Morgengrüße von Mölln und Hoyerswerda. Er führte die Konflikte auf eine Umpolung der Weltgegensätze von Ostwest zu Nordsüd zurück. Er sah den Bürgerkrieg in Räumen Gestalt annehmen, in denen andere nur normale Härte bemerkten.

Enzensberger hatte Recht. Die einzige Voraussetzung für den Bürgerkrieg als akzeptablen Zustand ist die Gewöhnung an Verwerfungen. Man akzeptiert territoriale Einschränkungen (no go areas) und unterwirft sich ungesetzlichen Begriffen, die von wehrhaften Nachbarschaften und anderen Milizen diktiert werden. Man rechnet überall mit Angriffen. Hat man dieses Stadium der inneren Mobilmachung erreicht, ist der Rest ein Kinderspiel der Verrohung. Man verbessert bloß noch die Bewaffnung auf einer nach oben offenen Skala. Dabei scheint es um Nichts zu gehen. Um nichts? Doktor Schimsky sagte: „Fressen die Schlupfwespenlarven Holzbohrerraupen, dann rettet ihr Gedeihen den Wald. Das sollte jedem helfen, über die Hässlichkeit der Schlupfwespe hinwegzukommen.“

28. Februar 2018

Hessenmeister

Kaum angefasst vom Bürgerlichen

Es ist ein Privileg der Pferde, auf der Flucht verdauen zu können. Der Mensch kann das nicht. Angst stoppt seine Verdauung. Wir werden mit einem Betriebssystem ausgeliefert, das einen Notabwurf vorsieht, um Ressourcen freizusetzen. Man kann die Automatik mit Willenskraft kaum beeinflussen, wohl aber mit Drill.

Drill und Zucht sind die Hauptinstrumente bei der Verwandlung des Unwillkürlichen. Der Gedrillte spult im Ernstfall ein Programm ab. Seine Handlungen umgehen das Bewusstsein. Daran erkennt man ihn.

Maron behauptet, ein Jeside aus Syrien zu sein. Für die Leute ist er nur ein Araber, also Muslim. Was ein Jeside ist, weiß um 1990 kein Mensch in Gelnhausen. Maron ist aber auch kein Jeside und kein gestreifter Nachkomme osmanischer oder französischer Besatzungsmächtiger oder jemand, der sich darauf beruft, direkt von Alexander dem Großen abzustammen und mazedonisch geblieben zu sein in der syrischen Diaspora. Er ist kein Armenier oder Turkmene oder Tscherkesse. Oder Assyrer. Oder Aramäer.

Maron ist ein Kurde aus dem Haus Omri. Er wurde darauf gedrillt, mit biografischen Nebelbomben zu werfen. Im Landfahrerstil flieht er von Gelnhausen nach Frankfurt am Main. Einen geborstenen Betonpfosten betrachtet er als Beweis eines abgebrochenen Sperrwerks. Er sucht Deckung in einer von Brocken eingeschlossenen Senke.

Der Erzähler erscheint als zweiter Schatten des Flüchtlings und hilft mit seinem Wissen aus. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für den leeren Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war ein Kleingärtner unter den Landwirten.

Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.

Der Erzähler treibt das Spiel mit Wörtern weiter. Er unterhält sich mit seinem Kreuzworträtselwissen, während Maron vierzig Kilometer vor Frankfurt in einem Bombentrichter zum Zeugen von Geschlechtsverkehr wird. Die Sache zieht sich vor seinen Augen hin. Arglose Verkehrsteilnehmer beweisen die Harmlosigkeit ihrer Verhältnisse mit Unbefangenheit.

Maron sieht nur die Frau und den Mann. Der Erzähler lässt ihn links liegen.

Die Frau richtet sich her. Sie macht ein paar konventionelle Bewegung, um sich zu sammeln. Der Erzähler kennt Nele, die bald Hasar heiraten wird. Im Augenblick ist sie die Geliebte eines französischen Filmproduzenten. Coucher Gandolf trägt sich großartig als ein Gerard Depardieu noch ohne Übergewicht, aber schon massiv.

Er ist ein herrlicher Mann. Nele liebt im Anbetungsmodus als lohnende Partie. Ihrer Familie gehört ein Wald. Sie selbst wirkt unscheinbar und lebensstark.

Nele und Coucher erreichen eine Aue am Main. Der Erzähler verhakt sich im alten „au“. Das ausgesuchte Fremdwort „alluvial“ (angeschwemmt) entspricht dem französischen alluviale wie in forêt alluviale – Au(en)wald. Da amüsiert sich einer mit seiner Solvenz. Er zieht die Linie von noisettes zu nosotros via nous autres in einem phonetischen Rausch, der nicht endet vor dem casse-noisette als Titel eines Balletts von 1892. Dies nur wegen ein paar Haselnusssträuchern am Ufer. Weder Nele noch Coucher erlauben sich Silbenkasperei. Coucher spricht besser Deutsch als die meisten Franzosen. Nur, wenn er Nele petit cochon nennt, weiß er nicht, was kleine Sau auf Deutsch heißt. Die Tochter achtbarer Leute könnte ihn sanieren. Coucher wird sich noch als poröser Typ und Pleitemacher herausstellen, doch erst nachdem er Nele bis zum Wahnsinn entzückt und ausgewrungen hat.

An dieser Stelle möchte ich mich als Erzähler zu erkennen geben. Mein Name ist Hilmar Morlock. Guten Tag. Ich bin mit der Europachefin von ANT-Hessen-Weltweit verheiratet. Als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Grimmelshausen Gymnasium zu Gelnhausen sehe ich zum Glück dem Ende meines Arbeitslebens entgegen. Die Szene von eben ereignete sich vor siebenundzwanzig Jahren. Damals starb ein Herumtreiber zweifelhafter Herkunft unter nie geklärten Umständen mainnah in verwildertem Gelände, wo meine Stammtischschwester Nele zeitlich nah zu dem mysteriösen Tod Sex hatte, an den sie sich noch heute erinnert.

Was bedeutet es, jemanden, den man fast sein Leben lang kennt, so erlebt zu haben? Jedenfalls bedeutet es mehr, als die halben Stunden, in denen Nele und ich die Köpfe zusammensteckten. Wir standen unter dem Zwang, einander auszuprobieren. Nele war für mich dritte Wahl. Erstens fehlte ihr das allgemein überschüssig vorhandene Glänzende und Herausfordernde. Zweitens trug sie zu Unterhaltungen wenig bei. Sie kam mir vor wie ein Mensch ohne Interessen. Drittens verströmte sie eine leichte Säuerlichkeit, die ich paradox als fad registrierte. Der Geruch durchschlug jede kosmetische Abdeckung.

Einmal begegneten Nele und ich uns auf einer Party vor einem Klo und drängten wortlos ins Schlafzimmer der auswärtigen Eltern unseres Gastgebers. Ich erinnere einen Expander, der griffbereit herumlag und den ich nicht auseinanderziehen konnte.

Ich empfand Nele und mich als einer unbegabten Regie Unterworfene. Wir wiederholten uns eines Abends nach einer Theaterprobe in der Schule. Wir machten uns zu einer Einrichtung. Wir griffen aufeinander zurück. Man war anderswo nicht zum Zug gekommen oder anders frustriert worden und klapperte dann die zwei, drei Stellen ab, wo man Ersatz vermutete. Ein Blick genügte, um Nele und mich zu informieren. Ich war in Vera verliebt und sie in sonst wen, das spielte manchmal keine Rolle. Selbstverständlich habe ich sie nie so losgelöst von ihren Ankern wie der Franzose. Bei mir war Nele still.

Seit fünfundzwanzig Jahren hegen Vera und ich einen Kult um Peter Handke. Zurzeit lesen wir „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Auf dem Weg in die Picardie macht die Obstdiebin Halt an einem Kanal, der auf ein Schloss zuläuft. In dem Schloss vermutet sie einen ansehnlichen Prinzen, der als Pizzabote verkleidet, ihr Begleiter werden soll.

Vera blättert zurück und stellt fest, dass wir uns verlesen haben. Wo wir Vater lasen, weil es so naheliegt, steht Valter.

„Valter und Alexia gingen nordwärts auf das alte Chars zu.“

Valter ist Handke als junger Mann und die Obstdiebin Alexia ist Handke als junge Frau. Der Schriftsteller versorgt sich vollständig selbst. Er macht sich jung, macht sich eine junge Frau und geht mit ihr über ein Gleisfeld, wer denkt nicht an Johnsons „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“, zum Café de l’Universe.

Kaum angefasst vom Bürgerlichen

„Nichts, was stört zwischen der Obstdiebin und ihrem Begleiter, kein Wort, kein Blick.”

Alexia und Valter „schauen einhellig geradeaus”. Die „Wandersleute” lagern zu Chars in einer kurdischen Gaststube. Das Blau des Himmels leuchtet ihnen ein. Man ahnt einen halb offenen Raum, dessen Saum auch die Parade des Durchgangsverkehrs begrenzt.

Chars liegt vierzig Kilometer vor Paris. Wir sind auf Seite 337. Die in Paris aufgebrochene Obstdiebin reist im Schneckentempo. Sie verwechselt eine Bäuerin mit ihrer Mutter, „die Obere, die Bankfrau”. Endlich eine biografische Information, die über den charismatischen Landstreichervater hinausreicht. Alexia ging in Paris zur Schule, heißt es weiter, und versäumte nicht die letzten Prüfungen. Als tüchtige Absolventin kommt sie uns noch einmal anders vor. Vorher erschien Alexia kaum angefasst vom Bürgerlichen.

Handke packt die konventionelle Prägung seiner Heldin in eine Ausschweifung. Ich verliere meine Konzentration neben Vera. Ihr Arbeitszimmer gibt Miró Plakaten und Filmnachmittagen mit Chabrol und Buñuel Retrospektiven eine Umgebung.

Veras Sitzweisen sind von Yoga inspiriert.

Vera erwartet, dass ich korrekt gekleidet zu unseren Terminen erscheine. Vera und ich teilen die Angst, uns für Handke einmal nicht mehr interessieren zu können. Mit Musil, Beckett und Bernhard haben wir uns eine Reserve geschaffen. Doch verstimmt uns die Vorstellung, darauf zurückgreifen zu müssen. Wir wollen nicht, dass man uns nachsagt: Zuletzt lasen sie nur noch Bernhard.

Wir nehmen einen Abend mit aufsteigendem Rauch und durchziehenden Schwärmen zur Kenntnis. Asenath schaut nach uns. Der kurze Auftritt der Tochter liefert mir Vera als Jugendliche. Die Ähnlichkeit ist dramatisch. Ich bin trotzdem nicht scharf auf Asenath. Ich habe von Vera bekommen, was ich wollte und will es nicht noch einmal von einem Klon.

Vera ist mit einem syrischen Großoptiker verheiratet. Ayat hat in der Illegalität Filialen errichtet hat. Er ist der Pate einer russischen Bande, die sich arabischer Jugendlicher bedient. Ihn jagen die Sonderermittler*innen Jakarta Arizona, Angel Burroughs, Huscarl Melville, Tillmann „Double Trouble” Koslowski, Texas „Double Action” Thunderbolt und Grandslam Coogan. Sollte es den Agent*innen gelingen, Ayat zu überführen und festzusetzen, nehmen Lore und ich Vera zu uns. Das ist bereits besprochen.

Während ich der beste Freund seiner Frau bin, sucht Ayat die Gesellschaft des Liebhabers meiner Frau Lore – dem Gründer von Apokalypse Now TV Captain Benjamin Issac Willard. Willard liebt Gelnhausen und die Käsenudeln von Hanne Marlow im Merkantil (vormals Barockschänke). Im Merkantil haben wir unseren Stammtisch, zu dem die Wirtsleute Hanne und Hans Marlow gehören. Die Rostockerin hat sich unseren Hans gekrallt und sich Anerkennung mit ihrer gut bürgerlichen Küche verschafft. Ihren Rassismus verschweigt sie klug. An unserem Stammtisch sitzen auch die schwarzen Amerikaner Stonewall Thunderbolt und Jesse James. In dem Geheimkommando, das unter Colonel Kurtz in Laos und Kambodscha eingesetzt wurde und sich schließlich in einem Stammesgebiet der Hmong selbständig machte, zählten Stonewall und Jesse zur Führungsspitze. Willard und die Spezialisten kennen sich aus dem Dschungel. Jesse erinnert an eine Figur von Malraux.

Thunderbolt ist u.a. der Vater von Texas T. Nach seiner aktiven Zeit war er Förster in der Wetterau. Seine jüngste Tochter Loretta, verh. Fleckenstein, gesellt sich manchmal mit ihrem Mann Hannes zu uns.

Endlich verlängert das Paar (in Handkes jüngstem Epos) seine Spur im Viosnetal. Es passiert Ruinen und entziffert die Animationsprosa auf zerfetzten Filmplakaten. Alexia unterläuft den Mobilitätsstandard der westlichen Gegenwart als begleitete Fußgängerin. Am ruralen Rand des Einzugsgebiets von Paris verschrottet Alexia ihre Zeit mit dem Niemand Valter in Buchten der Migration. Handke schildert die Verschwendung als Passion. Er suggeriert, Alexia sei auf ihrem eigenen Jakobsweg. Unter der hochtrabenden Suggestion zeichnen sich die Koordinaten einer Greisenexistenz ab. Am Ende sitzt man beim Kurden um die Ecke und rührt Zucker in den Tee, weil kein Berühmtsein in einem Café am Boulevard Saint-Germain, mehr hilft. Man ruht aus in Fressnäpfen, die von ihren Gerüchen übel beleumundet werden.

Vielleicht ist das nicht mehr als eine Projektion. Manchmal fahren Vera und ich nach Frankfurt, um im Gutleutviertel eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt außerdem Tee. Vera und ich fühlen uns an diesem Ort gewissen Vorstellungen gewachsen. Wir sehen uns dann wie in einem Film als landflüchtiges Paar, unseren Empfindlichkeiten so ausgeliefert, dass Arbeit nicht in Frage kommt. Wir sind Anfang Zwanzig und werden unser Studium nicht zu Ende bringen. Wir haben eine Wohnung über dem Lokal. Der Betrieb auf der Straße ist unser nächtliches Hörspiel. Wir lieben uns ängstlich. Unsere Angst erschöpft uns. Was, wenn wir die Freude aneinander verlieren? Und uns die Liebe verlässt?

Ein Lokal wie das im Gutleutviertel könnte Marons unerreichtes Ziel gewesen sein. Ich kehre gedanklich ein und setze Nele an die Stelle von Vera. Nele, die in der von Hans Marlows Eltern geführten Barockschenke die Zeit totschlug; zu lethargisch selbst für Tischfußball und die Glücksspiele, die das Pilsstubensterben begleiteten. Sie saß nur da in ihrer grauen Parka, kaute an den Nägeln und trank viel zu viel Alsterwasser. Sie versuchte den Eindruck entstehen zu lassen, an einem Gespräch beteiligt oder an einem Zeitschriftenartikel interessiert zu sein. Stellte ich mich an den Tresen, von Hansens Mutter dirigiert, kam Nele wie zu einer Verabredung prompt an. Plötzlich hatte sie ein Ziel vor Augen.

Oder umgekehrt. Aus dem Off.

Er sitzt mit Leuten an einem Tisch, die Tür geht auf und herein kommt Nele und gibt Hilmar die Chance, sie zu übersehen. Sie geht zur Theke und begrüßt die Wirtsleute, mit denen sie weitläufig verwandt ist. Auf Nele kommen Reichtümer zu, das zählt für Frau und Herrn Marlow. Sie begegnen Nele mit einer Achtung, die nicht auf die Person zielt.

Es ist Winter. Nele geht mit ihrem Alsterwasser zum Ofen in der Mitte des Schankraums. Sie stellt sich mit dem Rücken zur Hitze und bleibt so stehen, bis Hilmar bei ihr ist. Sie umarmen und küssen sich nie zur Begrüßung. Nele sieht Hilmar so an, als sei er ihre Rettung.

Er fordert sie auf, sich zu ihm und seinen Freunden zu setzen. Sie kommt mit, ihre Aufnahme in einem größeren Kreis erfolgt unaufwändig. Niemand bricht wegen Nele in Begeisterung aus, niemand stört sich an der Nägelkauerin. Nach einem Aufbruch oder Jubel sind Nele und Hilmar plötzlich Abgesprengte des Geschehens. Sie gehen zu Nele und betreten ihr Elternhaus durch die Garage. In einem Keller ist das Jugendzimmer eines ausgezogenen Bruders als nie genutztes Gästezimmer in einem geeigneten Zustand.

Der Raum liegt einen Kilometer unter der Erde. Es gibt keine Verbindung nach oben. Ein Waschbecken ist so tief angebracht, dass Nele mühelos hineinpinkeln kann. Jede Menge Urin hat das Abflusssieb korrodieren lassen. Schon der Bruder nutzte das Becken als Klo.

Nele schält sich aus ihren Schichten. Die Beine gehen stämmig in den Beckensockel. Der Bauch steht vor wie bei einem alten Sack.

Nele findet sich (noch) hässlich und Hilmar hübsch. Sie sieht einen Engel mit flachem Bauch.

Kein Kuss. Küsse sind für die Hübschen, deren Ohren man mit Schwüren heizt.

Keine Umarmung. Wenn du hier arbeiten willst, dann nur in der Küche, wo dich keiner sieht.

Nele hat schon mit weniger vorliebgenommen. Die einzige Wahrheit, die sie kennt, ist ihre Erregung im Augenblick. Hilmar weiß nicht, wie glücklich er sie macht mit seiner Gegenwart. Nele will, dass er vergisst, wer sie im Gefüge der Welt ist und wie sie aussieht für die Blinden auf der Straße. Sie weiß, dass man sie schön finden kann.

Nele ist zufrieden, Hilmar leer und voller Reue. Er denkt an Vera. Ein irrer Schmerz reißt ihn auf.

21. Februar 2018

Hessenmeister

Die Nacht von Yucatán

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Ayat erhob schon Anspruch auf Vera, als sie noch zur Schule ging. Der Syrer war stellvertretender Geschäftsführer bei Brilliant Optik, fuhr Porsche und sah aus wie Philip Roth. Eher noch wie eine Mischung aus Roth und James Caan als hitzköpfiger Sohn von Marlon Brando. Ayat interessierte sich nicht für unsere Gepflogenheiten. Er eckte an.

Er sprach fließend Deutsch. Noch in seinen verträglichen Momenten spürte man eine Verachtung für das Deutsche. Wir verstanden die Verachtung nicht und nicht das frontal Fordernde seines Wesens. Ein paar Versuche, Ayat von den Füßen zu holen, scheiterten. Er verbündete sich mit Einwanderern aus den ehemaligen GUS-Staaten.

Was haben die Russen mit dem Araber? fragten wir uns.

Wir verweigerten die Annahme der Information, dass Ayat kein Araber und noch nicht mal Muslim war; so wie die Zuwanderer nicht unbedingt Russen waren und sie nichts deutlicher verfehlte als die Zuschreibung Russlanddeutsche. Aber so sah man sie im hessischen Grenzland kurz vor Unterfranken: als Nachkommen von Kolonisten deutscher Provenienz, die Katharina nach Russland geholt hatte. Dass sie kein Deutsch konnten und weder evangelisch noch katholisch waren, erklärten wir uns mit Stalins antideutschem Säkularitätsterror. Die neuen Nachbarn hatten ihre kulturelle Identität in einer Gulaggesellschaft verloren.

In ihrem letzten Schuljahr hielt Vera ein Referat über die Metamorphose des Kaisermantels. Kaisermantelraupen ernähren sich von Veilchen. Die Arbeit provozierte vergleichende Bemerkungen zum Balzverhalten von Schmetterlingen. Bei Wurzelbohrern locken oft Männchen die Weibchen an. Manche geben Pheromone im Flug ab. Flugunfähige Weibchen verkehren die Geschlechtsroutine. Die Verstümmelten nehmend hockend Männchen für sich ein.

Zwanzig Jahre später

Vera und ich packen Proviant in die Botanisiertrommel und traben an im Geschirr gemeinsamer Vorlieben und einer langen Geschichte der zögerlichen Liebe. Auf freiem Feld erwarten wir die Dämmerung. Uns belohnt der Durchzug eines Wurzelbohrerschwarms. In einem Traum vor zwanzig Jahren sah Vera, wie ein Weibchen des Großen Gabelschwanzes zwei Eier auf ein Pappelblatt setzte. Zwei Tage später erfuhr sie von ihrer ersten Schwangerschaft. Sie berichtete mir bald von dem Traum. Sie erzählte die Geschichte so, als sei sie im Traum schwanger geworden. Ich erinnere einen nasskalten Nachmittag im Café am Markt. Vera lebte in einem Himmelreich. Ayat war Marxist, Feminist – ein genialer Typ. Er zeigte sich Vera ritterlich, eifersüchtig und trotzdem partnerschaftlich. Er machte Gelnhausen zum Mekka und Seligenstadt zu Medina der Billigbrille. Als Verbrecher spielt er in einer Weltauswahl.

Ayat sei, so sagte es Vera nicht ganz überzeugt oder vielleicht auch überfordert von der undemokratischen Kategorie, von vornehmer Herkunft. Angeblich fand sein Stamm in der Bibel Erwähnung.

Das Gabelschwanzweibchen streift seine Eier im Juni oder Juli auf ein Weiden- oder Pappelblatt. Vera brachte Omri im Juli 1989 zur Welt.

Im Plural der Freundschaften

Vera verliert sich in Überlegungen. Sie verzweifelt an der Unhaltbarkeit von allem. Gestern noch war sie eine heißgeliebte Prinzessin und heute ist sie schon ein übertünchtes Grab. Siehe Matthäus 23,27 „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, innen aber voll von Totengebeinen und aller Unreinigkeit sind.”

Vera wird nächstes Jahr vierzig. Davor graut ihr, während wir schon lange alt sind. Wir, das bin ich. Das sind meine Frau Lore und Veras Mann Ayat. Das sind Nele und Hasar, (deren Tochter sich bis zum Selbstmord gegen das Erwachsensein wehrte. Sie strapazierte das Kindchenschema noch, als das Unglück ihr Gesicht schon in Falten gelegt hatte.) Das ist der schwarze Ranger Jesse James, der im laotischen Dschungel seine Bestimmung fand und seither wie ein Geist umhergeht.

Im Plural der Freundschaften Platz findet auf jeden Fall Captain Benjamin Issac Willard, der in einem Kanonenboot zu Colonel Kurtz fuhr und später Apokalypse Now TV gründete, dessen europäischen Abteilungen meiner Frau unterstehen. Zu uns gehören Hanne und Hans, Loretta und Hannes, Gerda und Tillmann, die in der Aufzucht der Kinder einer überforderten Tochter ihre Kräfte lassen. Im Trabantenkreis umschwirren uns die Leistungsträger*innen der Gegend.

Der Freundeskreis engagiert sich in der katholischen Kirche. Wir organisieren den Weihnachtsbasar und sorgen für ein sehenswertes Krippenspiel mit vergoldetem Stall. Wir sind die CDU vor Ort. Nur Vera wählt nachhinkend grün.

Der ältere Alexandre Dumas

Vera bleibt an dem Wort hängen, wir sitzen in ihrem Arbeitszimmer. Zwei lange Arbeitsflächen treffen sich. Auf jeder Fläche steht ein Rechner und überall stehen Lampen. Eine beige-braune Siebzigerjahre-Kordschäbigkeit stammt aus dem elterlichen Erbe. Das ist mein Sessel, kaum bequemer als ein Stuhl. Der Beistelltisch, eine marokkanische Urlaubsscheußlichkeit, stünde da nicht, hätten meine Bedürfnisse in Veras Sphäre keine bleibenden Auswirkungen.

Asenath bringt Tee. Sie ist zwanghaft besorgt um ihre Mutter und lange nicht mehr so unempfänglich für unseren Handke Kult wie früher. Ich sage das jetzt noch einmal für die, die zu spät gekommen sind. Tragen Sie sich nachher beim Rausgehen in die Liste ein. Ich kann Ihnen sonst das Armutszeugnis nicht aushändigen wegen der Vorschriften. Setzen Sie sich so, dass Sie keinen Anlass für ein Hashtag liefern. Hören Sie zu. Seit einem Vierteljahrhundert reden Vera und ich über Peter Handke. In Handkes neuem Werk „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”, das wir als Letztes Epos mit großgeschriebenem L zu begreifen haben, führt eine Reise vom Pariser Stadtrand in die Picardie, wo Emmanuel Macron und der ältere Alexandre Dumas ihr Herkommen haben. Handke hat ein Ferienhaus da und saugt an seinen Ortskenntnissen. Seine Heldin, die Obstdiebin, repräsentiert den Erzähler mit Haut und Haar. Handke imaginiert ein junges weibliches Ich an die Stelle des alten Schreibsacks. Es erzielt so neben Beobachtungsgewinnen auch Attraktivitätserfolge. Das Agens der Handke’schen Produktivität ist die verspiegelte Neuerschaffung als eine Person, auf die sich Begehren richtet.

Wer nicht begehrt wird, stirbt. Wer nicht begehrt, ist tot.

An einem anderen Tag

Vera und ich bedenken Foucault, während wir uns in einer Mainmulde unterhalten. Vera trägt sich spitzfindig in beiges Leinen gewickelt durch die Vertiefung, die mir gefallen sollen und in denen sie verjüngt zu erscheinen sich einbildet. Ihre phantastisch gesalbten Partien sollen mich noch reizen. Die Gefallsucht schafft eine Bindung. Solange ich die Kraft habe, Vera gutaussehend zu nennen, kann sie sich nicht lösen. Sie ist den Einflüsterungen ihres Milieus ausgeliefert.

Ich werde oft gefragt, wie weit Vera und ich miteinander gegangen sind. Stets sage ich, soweit es ging. Dabei haben wir uns nie etwas zugemutet und jeden Streit vermieden.

Da wir uns nichts angetan haben, hat sich auch nicht viel getan. Was geschah, diente der Vollständigkeit.

Das lodernde Ich

Wir lesen uns in meinem Zimmer vor, das zugleich Firmensitz ist. Ich habe einen kleinen Verlag, eine Adresse für Lyrik. In der „spessart presse” erschienen Veras Sachen, solange sie sich für eine Dichterin hielt. Mir gefiel meine Freundin als loderndes Ich. Ich fand ein Arrangement perfekt, in dem Ayat für Vera aufkam und ich ihr Verleger war. Ein Bord trägt die Eitelkeit in sieben Bänden. Nach den Gedichten kam die Gymnastik. Vera steigerte sich zur Pilatespersönlichkeit.

Die Obstdiebin gelangt auf Seite 220 nach Courdimanche. Ihr Schöpfer streicht ihr eine Strähne aus der Stirn. Die Züge sind angespannt. Gedankensplitter und Empfindungstropfen legen ab.

Courdimanche liegt an der Pariser Peripherie im Département Val-d’Oise. Handke übersetzt dem Leser ein im Gegenwartsgefängnis unvermeidliches Falschverstehen des Ortsnamens. Der Autor tritt vor die etymologisch indifferente Obstdiebin, stellt seinen Bauchladen ab und macht eine Bude des Begreifens auf. Er gelangt zu dem lateinischen Namensgebungsverfahren im westfränkischen Reich der Merowinger und Karolinger und entdeckt eine Koinzidenz zwischen der ursprünglichsten Bedeutung von Courdimanche und den Informationen der Patina. Dimanche – Sonntag ergibt sich in einer Mutation von dominus – dem Eigentümer und Herren. Aus dem Herrensitz wurde ein Sonntagshof. Die erste Bezeichnung bewahrt sich in der letzten.

Handke lässt es dabei bewenden. Er ignoriert zwei Konnotationen von cour – Gericht und Hof. Zweifellos wird etwas herrschaftlich Gravierendes angesprochen und sei es nur als Erinnerung an einen Rechtsprechungsbetrieb, der schon eingestellt war, als der Hof sich etablierte. Courdimanche war den Druiden heilig. Die Römer überbauten die kolonisierte Magie mit einem Tempel. Heute leben sechstausend Leute auf einem besonderen Grund und denken sich nichts dabei.

Die Obstdiebin bleibt am Sonntag hängen. Sie interpretiert das Ortsschild als Kalender. Sie strebt dem höchsten Punkt in Courdimanche zu. Das ist die Kirchturmspitze. Der Kirchturm ist ein Eulenquartier. In seinem Schatten hat die Obstdiebin ihr Tagesziel erreicht. Der Erzähler scheidet das alte Dorf Courdimanche von einer neuen Stadt. Er unterscheidet die Pittoreske von ihren Anlagerungen. Seine narrativen Moves zwischen Unkenruf, Vollmondimpressionismus, Flurnamenkunde und Stadtplanung (Zivilisationskritik) dienen zur Abkühlung der Erzähltemperatur. Die Obstdiebin lässt sich nicht besonders hoch stimmen. Sie wünscht sich einen Fuchs im Panorama und nimmt mit einer Katze vorlieb. Plötzlich wird sie mit ihrem Aliasnamen Alexia angesprochen. Das quittiert sie mit ihrem „alten Kinderlachen”.

Die Nelkenrevolution von Vierundsiebzig

Vera und ich essen bei Tiago. Nah Adornos Amorbach bewirtschaftet Tiago ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Offenbach und Würzburg an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von Vierundsiebzig linke Hoffnungen stärkte.

Vera spekuliert ungehalten: „Vielleicht verstehen wir die Obstdiebin falsch als trickreiche Erfindung eines Zusatzlebens, in dem Handke wieder so jung ist wie das Subjekt seiner Verehrung.”

Ich verweigere den Aufschwung. Mich beschäftigen die Fleischfäden zwischen den Zähnen. Eine Mahlzeit genügt, mich zu derangieren. Ich erlebe das Alter als Erniedrigung.

Unkalkulierbare Nebenerregungen

Wie viele Bücher, die Weltbilder geprägt haben, sind bedeutungslos geworden im Wandel der Anschauungen? Ich glaube, dass von Handke nichts übrigbleiben wird. Vielleicht ist Vera raffiniert genug, einer Hohlform zu huldigen, um der gemeinsamen Passion und allen möglichen unkalkulierbaren Nebenerregungen einen Rahmen zu geben.

Was empfindet sie? Ich berühre die Freundin, Vera rückt nicht ab. Ich spüre die Erwartungsspannung. Der Wunsch, verzaubert zu werden, überwindet wie im Flug alle Barrieren des gesunden Menschenverstands.

14. Februar 2018

Hessenmeister

Fledermäuse im kybernetischen All

Wir wollten bald im Balmoral Hotel einen High Tea nehmen und jeden Aspekt der Zeremonie fotografieren so wie wir es schon einmal getan hatten im Wettbewerb der Ignoranz mit einer Japanerin. Sie schlug uns, indem sie alles zurückgehen ließ, nachdem sie alles portioniert und mundgerecht fotografiert hatte. Sie lächelte mysteriös wie eine Yakuza Killerin, bevor sie ganz Dekor wurde.

Vor den schottischen Missionaren erreichten Iren die fränkischen Ausläufer sächsischer Herrschaft. Die Sachsen widersetzten sich der Christianisierung. Die zu Franken gewordenen Chatten (Katten) im sächsischen Vorland, das heute Hessen heißt, taten das nicht. Es war, schreibt ein Gewährsmann von Karl Ernst Demandt in einem Brief an den Gelehrten, als sei gar keine Kultur dagewesen, die überwunden werden musste. Germanen, die sich wenige Jahrhunderte zuvor, gegen die Römer erfolgreich zur Wehr gesetzt hatten und so dem Lauf der Welt einen Drall gaben, den kein Enzensberger der christlichen Zeitenwende auf seiner Liste hatte, wussten um das Jahr Siebenhundert nicht mehr, wer sie waren. Der irische Missionar Morphin spricht von einem Streuvolk, kaum latinisiert, auch nicht fränkisch, das in einer Diaspora auf angestammtem Siedlungsgrund existierte. Morphin zog Massentaufen in der Lahn, der Eder und der Fulda durch. Er taufte die Entwurzelten auch in einem besseren Bach, der damals Chinzicha hieß und heute davon phonetisch nicht weit weg Kinzig heißt. Seine Quelle tritt bei Sterbwitz aus. Die Kinzig fließt zwischen Rhön und Spessart an Gelnhausen vorbei durch ein Tal in den Main. Als Mönche maskierte Wissende in Morphins Gefolge lehrten kultische Reinheitsrituale zum Zweck der Selbstheilung. Sie nutzten ihre Druidenkompetenz unter christlichen Vorspiegelungen. Sie errichteten Wegmarken zur Sicherung der Seelenfahrten von Leuten, die ihre Freiheit in einem System der Unterdrückung verloren hatten und sich an Freiheit gar nicht mehr erinnern konnten. Den an die Scholle gebundene Leibeigenen brachte eine Tagesreise ans Ende der Welt. Er wusste nichts. Die ihn unterworfen hatten, wussten auch nichts. Als Überwinder Roms waren sie emporgekommene Abtrünnige. Unfähig, die Technologie des Imperiums auch nur zu bewahren. Ein paar lateinische Floskeln, ein Schwert und das Fleisch in der Schüssel machten den Unterschied. Die Verwalter auf den fränkischen Königsgütern vertrieben sich die Zeit mit Bloodsport. Sie jagten Menschen mit Hunden.

Das erzähle ich meinen Schüler*innen an einem Vormittag, der sich wie aufgeweichte Pappe anfühlt. Der Gestank von Generationen hängt im Klassenzimmer und kulminiert in Assoziationen zu einem alten Käse. Man müsste den Wilhelminischen Kasten abreißen, um den Schulgestank loszuwerden.

Die Schüler*innen ächzen unter dem Joch der Adoleszenz. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen. Das Ende der Stunde ist auch für mich eine Erlösung.

Achim bleibt zurück, er sucht meine Aufmerksamkeit. Ich zucke zurück. Ich sehe Achim nicht gern an, er ist zu schön – ein Claus Schenk Graf von Stauffenberg und genauso hochfahrend wie ich mir den Grafen als Knaben im Kreis der Stefan George Jünger vorstelle. Achim gehört zu jenen, die gegen das revoltieren, woran ihr Herz hängt.

Er trägt Kniebundhosen und spielt Ziehharmonika.

Ich habe Angst vor Achim, das wird mir gerade klar.

Er sagt: „Ich möchte anregen, dass wir über den Vorfall in Gwangju reden. Das finde ich wichtiger als ihre germanischen Märchen.”

Die Zurechtweisung sitzt. In Gwangju wurde ein Schulleiter wegen sexueller Belästigung einer Lehrerin suspendiert. Nachdem starre Hierarchien Jahrhunderten garantierten, dass in den koreanischen Unterordnungsverhältnissen als erotische Missionen euphemisierte Übergriffe zu den männlichen Vorrechten gezählt wurden, die Frauen hinzunehmen hatten, ist nun ein Hochgestellter von einer Subalternen dem totalen Gesichtsverlust ausgeliefert worden.

„Das ist eine vortreffliche Idee”, sage ich vor Angst gespreizt und angeekelt von meinem Opportunismus. Ich siede im Selbsthass.

Achim geht ab wie ein Engel in der Weihnachtsaufführung und ich weiß nicht, was er denkt und fühlt, und wie gefährlich er mir werden kann.

Narrativer Liebesdienst

Die Verhältnisse ordnen sich neu, denke ich im Treppenhaus, und es ist egal, wie ich dazu stehe, es geschieht einfach. Was jahrelang üblich war, ist jetzt kriminell. Als ich in Achims Alter war, fand es die Frau meines väterlichen Freundes (und Biologielehrers) nicht anstößig, meine Lust zu wecken und für sich einzusetzen. Jahrelang hielt mich Erna Schimsky in einem weitgehend unbesprochenen Verhältnis als Liebhaber. Ich verstand die Sache als bürgerliches Arrangement. Als ich mich dann unter tausend Vorwänden an ihre Tochter Vera heranmachte, führte das nicht zum Abbruch der Beziehungen. Ich verkehrte weiterhin im Haus Schimsky. Ohne Veras (meiner Vertrauen erheischenden Stellung im familiären Gefüge geschuldeten) Arglosigkeit wäre ich um die größten Schätze meines Lebens gebracht worden. Heute würde meine Hinterhältigkeit als Delinquenz bewertet. Damals war es noch nicht mal Devianz.

Ich rede darüber mit Vera. Sie zitiert etwas Schmeichelhaftes aus ihrem Werk Gelnhausen im Spiegel der Jahrzehnte. Ich glaube nicht, dass es für Vera je so schön und außerordentlich war wie für mich. Ich quittiere die Schilderung als narrativen Liebesdienst. Dann reden wir weiter über Handkes neues Buch „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”.

Du bist in mir eingefahren und auferstanden

Seit dreißig Jahren erhalten Vera und ich einen Peter Handke Kult. Wir gehen mit Handke durchs Leben, Hand in Hand beinah. Wir fahren beide gern mit der Fähre über den Main nach Seligenstadt. Da haben wir unser Lieblingseiscafé, das in der dritten Generation geführt wird. Im Café über Handke zu reden, erfüllt uns. Doch im Augenblick halten wir uns auf in meinem dreistufig vertieften Wohnzimmer mit Panoramafenster zum Waldrand hin.

Vera las mir Briefe vor von ewig abgemeldeten, im Polardienst verschollenen Liebhabern: Du bist so in mir eingefahren und auferstanden, dass ich immer noch jederzeit zittrig werden kann vor Aufregung. Du warst mein Fieber, ich habe Dich wunderbar gehalten, das bleibt unfassbar für mich, wie wir aneinander – mit einem minimalen Abstand. Wie Rahmen füreinander. Die Körper gingen ineinander, das war ein Rummel der Selbstverständlichkeiten. Die Körper wollten das so, man selbst konnte nur staunen. Solche Briefe erreichen Vera seit Jahren nicht mehr. Vermutlich sind die Verflossenen erfroren. Auch Vera möchte nun für alles dankbar sein. Sie ist zwar weich, aber deshalb nicht weniger beleidigt als jeder Trauerkloß oder Rinnsteinpoet in die Jahre gekommen.

Vera kennt kein Erbarmen. Die geringste Unannehmlichkeit bringt die Welt für sie zum Einsturz. Ein Fleck auf dem Rock bedeutet Abbruch eines Abends mit bitterem Nachgang.

Ich reiche Vera ein Glas. Sie gab solchen Verehrern den Vorzug, die sich nicht als Schlangenbeschwörer aufspielten. Am liebsten waren ihr geborene Anwärter, die bis zum Schluss abwartend blieben. Sie gingen, ohne gekommen zu sein, so wie wir gehen, bevor die anderen kommen.

Natürlich ist Veras Ehemann Ayat kein Anwärter. Entweder macht der Ehemann den Verehrer zur Karikatur oder das Spiel läuft anders herum. Ich habe noch keinen erlebt, der Ayat ernsthaft lächerlich machen konnte.

The back door man had to sneak in and out the back door of the house, when the husband was away – Ayat duldet keinen Back Door Man in seiner Ehe. Ich bin akkreditiert als Zweitmann. Das nennt Veras Hauptmann eine saubere Lösung.

Ausgewilderte Johannisbeeren

Handke hat sich zwei Häuser verdient mit einer Beschäftigung, die andere verarmen lässt. Armut als Ernsthaftigkeitsausweis und Alkoholismus als Geniebeweis funktionieren nicht mehr. Die letzten Gespenster erfolgloser Produktionen trifft man in Gelnhausen, Seligenstadt, Aschaffenburg, Kahl am Main und in Hanau. (So wie in Offenbach, Schlüchtern und Fulda.) Dass sich einer der Literatur wie einer Kirche zuwendet, interessiert erst, wenn er es zum Bischof gebracht hat.

Fledermäuse, die wie hängengebliebene Seelen in alten Häusern heimisch sind, schärfen den Ortssinn der halbnomadischen Obstdiebin. Von dem jede Aktualität und ihren Wahn beschämenden, in der Lektüre aufgegorenen Einfall zeigt sich Vera entzückt. Sie sitzt so da, als sei sie gar keine Leserin mit zwei Brillen in ständigen Reservefutteralen und gefärbtem Grauhaar. Sie verkörpert sich als Denkmal ihrer Jugend. Zu meinen Aufgaben gehört nun auch das Schönfinden der Freundin.

Ich prahle: „Ihr futuristisches Design macht Fledermäuse zu idealen Bewohnern des kybernetischen Alls.”

Vera nimmt den Faden an einer anderen Stelle auf. Beschwörend erinnert sie (mir den vollen Einsatz des Bescheidwissens abverlangend) an einen Handkehelden in dem Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“. Sie akzentuiert seinen Enthusiasmus in den königlichen Küchengärten, diesen Gemüseparadiesen und Obstplantagen von Aranjuez. Die Pflanzen erzählen Migrationsgeschichten. Ihre ursprünglichen Daseinsformen wurden in amerikanischen Urwäldern verändert. Früchte verloren Volumen und gewannen Geschmack. Der Held wird lebhaft in seinen abschmeckenden Schilderungen von Süße und Säure im Vergleich der ausgewilderten Johannisbeere mit ihrem royalen Stammstrauch. Geschmackseskalationen unterminieren ihn. Im Stimmenrausch landet Vera auf dem Rollfeld eines gemeinsamen Nachmittags mit einem Assistenten von Peymann oder mit Peymann oder Handke selbst. Sie erzählt von einer Sensation beim Schaukeln auf dem Spielplatz an der Kehre des 1980 eingeweihten und ab 1990 weitgehend vergessenen Trimmdichpfads im Büdinger Forst.

Vera greift nach ihren Füßen. Das Reden über ein Begehren vor langer Zeit schickt in den Wendekreisen abgebrannter Strohfeuer etwas los.

Beruflich sind wir beide unglücklich.

Zum High Tea nach Edinburgh

Wir reden viel zu wenig über meine Frau. Lore ist ein bürgerliches Erdbeben. Sie schaukelt nicht im Wald und macht eine Story mit nackten Füßen im scheuen Gras und Bienenstich aus der Schaukelei. Nach den ersten zwei Seiten hat Lore „Die Obstdiebin“ zur Seite gelegt. Sie hatte das Buch, Handke will nicht, dass man Roman dazu sagt, nach Edinburgh mitgenommen, wir ruhten nach einer Wanderung zum Hausberg der Stadt – Arthur's Seat. Wir hatten auch Castle Rock bestiegen und wollten bald im Balmoral Hotel einen High Tea nehmen und jeden Aspekt der Zeremonie fotografieren so wie wir es schon einmal getan hatten im Wettbewerb der Ignoranz und Arroganz mit einer Japanerin. Sie schlug uns, indem sie alles zurückgehen ließ, nachdem sie alles portioniert und mundgerecht fotografiert hatte. Sie lächelte mysteriös wie eine Yakuza Killerin, bevor sie ganz Dekor wurde.

7. Februar 2018

Hessenmeister

Lifestyle Hacker

Lore und Ayat spielen gegeneinander Tennis und gehen gemeinsam mit Ben ins Ballett. Ihr Radius reicht von Edinburgh bis Aarhus. Die Drei haben Lebensstile nachfolgender Generationen gekapert und so ihre Alterungsgeschwindigkeit herabgesetzt. Sie sind Lifestyle Hacker, die mit einem Algorithmus der gnadenlosen Höflichkeit Systeme aufstoßen und den Beat Jüngerer kopieren. Sie stehen auf bretthartes Technotanztheater.

„Wann war unsere beste Zeit?“

Nele stellt die Frage im Merkantil (vormals Barockschenke). Wir sehen uns an, Paare am Ende ihrer öffentlichen Strecken. Wir schätzen uns glücklich. Ich rede von Leuten ohne nennenswerte Krankengeschichten in stabilen Ehen.

Die Giganten unserer Generation sind gefällt. Was durchkommt und sich hält, ist selten das Großartige. Mit Neles Mann habe ich einen wöchentlichen Lauftermin. Hasar hat erst mit fünfzig angefangen, Sport zu treiben. Er wirkt so unverschlissen wie ein Dreißigjähriger. Dafür neigt er zu grotesken Reaktionen. Sein Programm zeigt mir, was es heißt, in den prägenden Jahren nicht im Takt der allmählich verpickelnden Horde athletisch sozialisiert worden zu sein. Nicht selten vereint sich Nele mit anderen zu einem Spottbündnis gegen den Gatten.

Gewisse Defizite reizen auf. Jedes Paar umschifft Liebeslücken und ästhetische Gefährdungen. Neben Nele breitet sich Ayat aus. Der Syrer lebt seit dreißig Jahren in Gelnhausen. Seit zwanzig Jahren ist er mit Vera verheiratet. Ayat spielt Tennis mit nie nachlassendem Ehrgeiz. In den Hochzeiten von Boris Becker kaufte er sich einen Platz an der Sonne, um hemmungslos Fan sein zu können. Er wurde auch Apple Aficionado und beteiligt sich nach wie vor am Wettlauf um jeden Akutschnick.

Neurotische Fitness

Das Gesicht seines Idols ist nur noch Fresse. Die Kortisonbeule verrät, dass es gegen Beckers Schmerzen kein Mittel gibt, das ihn nicht zum Junkie macht. Ein gestürzter Gott kann sich auf nichts berufen. Beckers Wimbledonsiege scheinen jetzt viel mehr die Siege eines Bewunderers zu sein, der immer weiterspielen konnte; unbehelligt von Verletzungen und frei von strangulierenden Verpflichtungen.

Ayats neurotische Fitness provoziert die träge Mehrheit am Tisch. Sie demütigt die Lauen. Manchmal spielt Ayat die kosmische Dimension des antiken Menschen an. Hochmut sichert ihm den Thron. Er ist der unerreichte Maßstab, vor dem ich kapituliere. Drehe ich mit Hasar eine Runde im Büdinger Forst, betrüge ich mich um die Einsicht meines Niedergangs. Ich kehre die Einsicht unter den Teppich eines billigen Erfolgserlebnisses. Freimütig bekenne ich meine Schwächen, in der Erwartung, von allen freigesprochen zu werden. Die Hälfte unserer Gemeinschaft macht es so wie ich und kritisiert sich vorauseilend.

Die Anderen halten sich bedeckt und geben nie mehr zu als nötig. Dieser Trotz imponiert mir bei meiner Frau. Lore lässt sich nur von Niederlagen überzeugen, die ihr das Kreuz brechen. Ich bin ihr gegenüber voller Vorhersagen. Das hilft Lore nicht. Ihr Widerspruch behauptet sein Recht neben meiner Anpassung.

Wäre Vera wie Lore, könnte sie mit Ayat nicht leben. Sie sucht die Deckung hinter dem männlichen Schild und versucht das mit geistreichen Bemerkungen zu verhehlen. Dann schaltet sich Gerda ein, um die Verschleierung der Schwäche aufzuheben. Gerda ist eine Berlinerin aus Charlottenburg. Ihr Vater stemmte sich aus kleinsten Anfängen zum Wurstmagnaten hoch. Er hieß Heinrich Teichmann und diente als Fluchthelfer der Sache des Westens in einem israelisch-amerikanisch-deutschen Ringverein namens Berlin Ranger. Der beste Ranger in der DDR-Spätzeit wurde sein Schwiegersohn. Tillmann Koslowski gehört zur hessischen, in Gelnhausen hart an der Grenze zu Unterfranken stationierten Sonderermittlungsabteilung der Texas Ranger Division (TRD). Er dient im Team mit Angel Burroughs unter den glorreichen Drei, namentlich Grandslam Coogan, Jakarta Arizona und Texas Double Action Thunderbolt. Es ist ein offenes Geheimnis in der Stadt, dass die TRD sich an Ayats Fersen geheftet hat. Noch hängt der Mantel des Schweigens an der Garderobe des Merkantil.

Mit Handke in den Pilzen I.

Nichts stimmt und doch ist alles wahr. Nele ist unstet von jeher, ihrem Wesen nach eine Trebegängerin – trockengelegt von Ängsten. Sie trägt sich als Expertin für die Gefahren des Gegenlichts vor. Sie weiß, wo Falken Federn lassen. Der Büdinger Forst ersetzt ihr die Welt.

Wir sitzen und sitzen im Merkantil, ein Schock bewährter Paare.

Eine Ausländerin betritt das Lokal. Der Wirt fängt sie ab. Hans Marlow kennt seine Gäste. Er ist mit ihren Verhältnissen so vertraut wie sie mit seinen. Die Frau fragt scheu, aber nicht eingeschüchert, ob sie im Lokal aufs Klo darf.

„So stelle ich mir die Obstdiebin vor”, sagt Vera glücklich. Siehe Peter Handke, „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”.

Ihr Mann findet Romane nutzlos. Feuilletonist ist für den Optiker und Obergangster ein Schimpfwort. Ich habe Zeitungsgeschichten über Handke schon gelesen, als ich noch klein genug war, um im Ehebett meiner Eltern mich auf hoher See zu fühlen. An einer Stelle, wo sich Handke darüber ärgert, dass seine Mutter auf ein Lied mit einem Anflug von Ausgelassenheit reagiert, brachte ich meine Mutter unter, die selbstverständlich Handke las. (Sie nahm ihn wie ein Gift gegen die halbbürgerliche Verlogenheit ihrer Kindheit und Jugend zu sich.) Später überließ sie mir ihre Schallplattensammlung, ein Arsenal der Wut auf ihre Eltern, die sie bis nach London getrieben hatte. Der Transfer von Gefühlswissen und innerweltlichen Gegenständen, zu denen vor allem Nachbilder und Nebengeräusche der Hauptsachen gehören, erschien mir lange dann besonders richtig, wenn er sich so vollzog, als sei ich Handke.

In seinem Universum zeigt sich Handke erst als Sohn und dann als Vater. In jedem Fall weigert er sich, der Erschöpfung nachzugeben und holt abends nach acht, wenn andere vor dem Fernseher liegen oder in der Kneipe abschalten, immer noch was aus sich heraus. Im Main-Kinzig-Kreis leben viele, die sich rühmen, nie etwas von Handke gelesen haben. Sie sehen sich als eine Elite, die eben nicht im Schuldienst oder sonst wo einen Druckposten in der Soft Skills Etappe ergattert hat. Ingenieure, die weltweit Staudämme bauen, lesen Handke nicht. Aber Vera und ich lesen ihn und sprechen darüber, um einfallsreich weit schweifend und umständlich wie bei einem erotischen Rollenspiel ein Einvernehmen herzustellen, das uns einmal exklusiv vorkam. So was hatten die anderen nicht. Wir schrieben uns Briefe à la Handke und unterschrieben beide mit Peter.

Ein Lichtfries, der den Nachthimmel begrenzte und als Scheinwerferfräse sein Geheimnis verlor …

Als ob alle Wörter neu wären und keines mit einem Grind sich schäbig fühlen muss …

Wir gingen metaphorisch mit Handke in die Pilze und fuhren mit ihm nach Seligenstadt zum Sommerfest. Lore und Ayat waren dabei, ohne zu stören. Ich erlebte mit Vera ein allmähliches Abgleiten und Wegschmelzen.

Bei Lore kalbten die Gletscher naturgewaltig. Wird das Furiose erst einmal zur Gewohnheit, ist es auch als Farce nicht mehr zu gebrauchen. Wäre ich mit Vera verheiratet, hätten wir zweifellos die Verödungsmarken erreicht, die Lore und mich zu einem zufriedenen Paar machen. Trotzdem bilde ich mir ein, dass ich für Vera frischer hätte bleiben können als ich es für Lore sein kann.

Mit Handke in den Pilzen II.

Ich war sogar körperlich mit Handke in den Pilzen. Er arrangierte das Gemüse wie eine Jagdstrecke. Das war ein Erlebnis von strotzender Dürftigkeit. Es war peinlich. Handke befriemelte die Hüte und Stiele in animatorischer Absicht. Er teilte die Trama mit einem Taschenmesser und inszenierte den Schnitt als Akt zwischen Gewalt und Hochamt. Jedes Schnitzgeräusch kam als Notiz ins Moleskine.

Er roch, schmeckte, gurgelte, proustete und murmelte. Ich war froh, als Leute in die Niemandsbucht kamen und Handke aufhörte, von der Provinzfigur zu erwarten, dass sie wie eine Kamera sich auf ihn richtete. Für ein größeres und gnädigeres Publikum säumte er einen Gartenweg mit Muscheln. Er feierte den Sand in einer Kalkschale und datierte dessen Alter nach einer Geschmacksprobe auf zwei Millionen Jahre. Die Kurzstrecke zur Gedankenverfertigung im Gehen vor einem Pariser Vorstadthaus verglich er mit den Brevierwegen der Pfarrer als einer immer noch nicht obsoleten Einübungsroutine. Er deutete Gewinne aus Litanei, Monotonie und religiöser Bindung an. Das gefiel mir wiederum. Ich schlug daraus Kapital, indem ich Vera Handke vorspielte, wie er, seinen Weg verfolgend, so tut, als käme ihm dieses und jenes gerade eben zum ersten Mal in den Sinn. Ich habe Autoren solche Spontanitäten üben sehen.

Vera zeigte die Begeisterung, mit der ich gerechnet hatte.

Die Gefahren des Gegenlichts

Die Obstdiebin heißt Alexia oder Aleksija. Sie ist sprunghaft dem Sesshaften abhold und ganz das Kind des Vaters. Der Vater pendelt zwischen Spielarten des Abgerissenen mit Einstecktuch. Er lehrt ein nomadisches Geheimwisssen. Alexia begreift ihn als Experten für die Gefahren des Gegenlichts. Er vermacht der Tochter den Satz ihres Lebens – eine Bemerkung, die mit einem Fragezeichen Isaak Babel zugeschustert wird: „Sie war nicht mutig, doch immer stärker als ihre Angst.”

Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet Alexia nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige, der es gefallen könnte, von Ludwig dem Heiligen (1214 – 1270) abzustammen. In tausend Verbeugungen zeigt er seine Faszination für die Obstdiebin.

Handke ist nun in dem Alter, in dem selbst Goethe nicht mehr zum Zug kam. Die Minne verfängt nicht mehr, das greise Genie wird zur Gefangenen von Vorstellungen. Der Eros wandert auf Umwegen und kommt nicht mehr an. Ein Tag im August 2016 schildert sich als erster Tag des Geschehens im „Letzte(n) Epos (Letzte mit großem L)” aus.

Ein Aufbruch begehrt vollzogen zu werden. Handke strapaziert Schauplätze seiner Existenz. Ausgangspunkt der Reise ist die Paris zuvorkommende „Niemandsbucht”, das Ziel die Picardie, wo der Schriftsteller seine Datsche hat. Von Paris fährt man eine Stunde mit dem Auto, dann ist man in Amiens. Die Somme, der Atlantik, Belgien und Erinnerungen an die Materialschlachten des I. Weltkriegs sind da nah.

Unser Stammtisch hat letztes Jahr in Amiens einen Übernachtungsstopp eingelegt, auf dem Weg nach Saint-Malo. Wir hatten Belgien ohne Pinkelpause durchquert, mit einem kollektiven Anflug von schlechter Laune ab Aachen. Vera fuhr den Porsche ihres Mannes, ich saß neben ihr mit dem Arsch fast auf der Straße, während Ayat mit meiner Frau in unserem „charismatischen Koloss aus England mit spannender Mittelkonsole”, so stand es in der „Welt”, einem Range Rover 4.4 TD mit 313 PS, den Lore ständig und ich so gut wie nie nutze, eine formidable Mannschaft bildete. Lore und Ayat sind Macher*innen, Kraftnaturen, mit einem unbeugsamen Willen zum Konsum von Premiumprodukten. Sie schleppen ihre Partner*innen durch, ohne groß zu klagen.

Angeblich haben Vera und ich eine „verschobene Wahrnehmung”. Unsere inneren Kinder sind spielfreudige Wesen. Würden unsere familiären Kosenamen ruchbar, hätten wir an unseren Arbeitsplätzen nichts mehr zu lachen.

Das Tanztheater als Peepshow

Es ist eine ewige Auszeichnung, mit einer Furie verheiratet zu sein, die einen verschont, und außerdem den Gatten ihrer Rivalin im direkten Umgang schätzt. Lore und Ayat spielen gegeneinander Tennis und gehen gemeinsam mit Ben ins Ballett. Ihr Radius reicht von Edinburgh bis Aarhus. Die Drei haben Lebensstile nachfolgender Generationen gekapert und so ihre Alterungsgeschwindigkeit herabgesetzt. Sie sind Lifestyle Hacker, die mit einem Algorithmus der gnadenlosen Höflichkeit Systeme aufstoßen und den Beat Jüngerer kopieren. Sie stehen auf bretthartes Technotanztheater.

Die Arrangements der Bestimmer geben Vera und mir einen Spielraum, dessen Grenzen von anderen Vergnügen festgesetzt werden. Nach einer Lesung mit Lore noch in einer Bar aufzuschlagen, ist beinah ein Wunder. Es ist so schön und unfassbar, einem Menschen zu gehören, mit dem man schon vor dreißig Jahren einen Kulturvorgang in einem Trinkopfer vollendete. Ich sehe Lore in ihrer hellen Wildlederjacke oder in dem burgunderroten Anorak neben mir auf der Waldstraße. Wir sind fünfundzwanzig und vor uns liegt unter Parterre das „Rive Gauche“, betrieben von Marlies Steuber und ihrem Franzosen. Das Paar erscheint uns uralt und bescheuert gutmütig. Wir kennen noch nicht die Schliche der Angekratzten und Halbblinden, die wissen, dass man besser nicht mit Mitleid rechnet. Für die Wirtsleute sind wir eine Partie im Wert von fünfundzwanzig Mark. Dreimal Hauswein, das letzte Glas wird geteilt, und einen Vorspeisenteller, der glücklich macht mit Salzstangen und -keksen, Gurke, eingelegter Paprika, getrockneten Tomaten und grobem, verschieden scharfem Pfeffer. Dazu der Käse, den man nicht in einem deutschen Supermarkt kriegt, wohl aber in einem französischen. Das ist ein ganz anderer Käse. Die Franzosen lassen sich nicht so einfach abspeisen wie Bundesbürger. Wir sind Marlies angenehm, weil wir uns selbst genug sind. Uns begeistert jeder Biss und jeder Schluck. Vom „Rive Gauche“ ist es nicht mehr weit, ob zu mir oder zu dir ist als Frage schon obsolet. Früher war das Kellerloch ein Amischuppen, der wie viele bewirtschafteten Souterrains Downstairs oder Speakeasy hieß und von einer Deutschen betrieben wurde, die mal mit einem Amerikaner zusammen gewesen war, von dem sie geglaubt hatte, er würde sie heiraten und mitnehmen.

Solche Erlebnisse grenzen mein Verhältnis zu Vera ein. Umgekehrt läuft es genauso. Auch Vera hütet Schätze, die sie mit Ayat gehoben hat, und ich rede nicht von den Immobilien, die in weiser Voraussicht rechtzeitig gekauft wurden.

Die Obstdiebin steht unter dem Zwang, fremde Früchte widerrechtlich an sich zu bringen. Das könnte ich schöner formulieren, aber mir gefällt die verborgene Unschärfe juristischer Formulierungen. Wer sich an den semantischen Klippen und grammatischen Hängern der Fachsprache lange genug abgearbeitet hat, weiß, warum es lohnt, Handke zu lesen.

31. Januar 2018

Hessenmeister

Unfähige Feinde

„Das soziale Leben folgt allgemein einfachen Gesetzmäßigkeiten, wobei sich ständig Variationen und Grauzonen ergeben. Intragrupal bilden sich Wertvorstellungen, die zu gesellschaftlichen Normen führen können. Solche Verschiebungen sind notwendig. Der intragrupale normative Charakter belohnt Adaption und sanktioniert Devianz. Je größer die grupale Einheit ist, desto mehr intragrupale Nischen entstehen, in denen der normative Gruppencharakter nur bedingt zählt. Der Verfestigung gesellschaftlicher Normen dienen Traditionen und Rituale. Die Zugehörigkeit zu einer Kultur und Religion wird betont.

Die Heterogenität moderner Gesellschaften fördert Devianz. Sie lässt individuelle Wertvorstellungen und Normen zu, die allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten partiell außer Kraft setzen. Intergrupale Grenzen werden innerhalb dieses Prozesses zunehmend fließend und schwammig. In diesem Sinne entstehen auch differierende Bedeutungen des Begriffs Flexibilität. So kann Flexibilität einerseits bei der Identitätsbildung als Geschmeidigkeit, die der Stärkung des eigenen Ichs dient, verstanden werden. Andererseits kann sie Kompatibilität bedeuten, welche zur Liquidität der ausdifferenzierten Identität führt.“ Aus einem Referat von T.K.

Unter der Hand weitergegebene Privatadressen sind begehrt und nur für Westgeld zu haben. Hat man einen Kontakt, bemüht man sich bis zur Bestechung, ihn zu halten. Für Hotelzimmer werden astronomische Preise verlangt. Eine Alternative dazu bieten Zimmervermittlungen. Bloß weiß man da nie, was man kriegt. Vielleicht was mit Klo auf halber Treppe und ohne Bad. Oder man muss durch den Wohnraum der Wirtin, um ins Gästezimmer zu gelangen.

In Leipzig wohnt Tillmann Koslowski bei der Buchhändlerin Hanne. Wir schreiben das Jahr 1983, der im Ostwesthandel tätige Westberliner Industriekaufmann und Profifluchthelfer darf sich Tag und Nacht überall in der DDR aufhalten. Er genießt sein Leben in vollen Zügen. In Westberlin erscheint er als Verlobter von Gerda Teichmann. In Ostdeutschland hat Tillmann Verhältnisse.

Hanne ist die taffe, mit ihrer DDR um drei Nörgelecken einverstandene, mit beiden Beinen im Leben stehende Wandelbare. Eine verschlafene Liebe zum Theater lebt sie in Kostümen und Frisuren aus. Jede Verwandlung hat einen burschikosen Akzent. In jeder Verpackung steckt eine pausbäckige Persönlichkeit, die ihren Vorteil ohne Überlegung sucht. Tillmann zahlt im Voraus dreißig D-Mark pro Tag. Er tauscht bei Hanne Geld für den persönlichen Bedarf. So umgehen alle Bundesdeutschen das 1:1 in den amtlichen Umtauschstellen, obwohl privater Umtausch ein Devisenvergehen darstellt. Tillmann verhandelt hart und erzwingt einen Wechselkurs von eins zu acht. Heute lässt er sich nicht um den Finger wickeln. Er rutscht aufs Sofa, Ostfernsehen gucken. Ein „Kessel Buntes“ zum Gähnen.

Hanne rückt nach Schema F auf. Sie zieht Zigaretten, Feuerzeug und Aschenbecher zu sich heran. Tillmann folgt den ersten Spuren der Erbitterung in dem gepolsterten Gesicht. Es ist so blank, als wäre es aus einer Form gegossen worden.

Erlauer Stierblut

Das Messepaar besucht Bekannte, Leute um die fünfundvierzig, die Kinder sind aus dem Haus. Das Haus wurde in den Dreißigerjahren gebaut, als Lebensziel des unteren Mittelstandes. Auch das Ehepaar Werner vermietet. Es nimmt zehn D-Mark pro Übernachtung und bietet für den Spottpreis sogar Frühstück. Für ihre Gäste stehen die Werners früh auf. Die Messezeit bedeutet für sie nicht nur zusätzliche Einnahmen, sondern auch Abwechslung. Sie nehmen alles gelassen lächelnd mit.

Herr Werner öffnet eine Flasche Erlauer Stierblut. Tillmann bittet um Wasser. Er bevorzugt das sächsische Margonwasser. In der DDR kennt jedes Kind die blau etikettierten Flaschen. Als Qualitätsprodukt zählt Margonwasser zur Bückware.

Die Werners rühmen das kulturelle Angebot ihrer Stadt. Sich interessiert zu zeigen, gehört einfach dazu. Der Mensch ist kein Einzelfall. Tillmann war in Leipzig noch nie im Kino. Er fragt sich, ob Frau Werner genauso flott die sexuelle Grundversorgung gewährleistet wie Hanne; als wäre das in der Schule gelehrt worden. Vielleicht kommt daher die beinah lautlose Überheblichkeit des Herrn Werner in seinen Pantoffeln.

Der Messegast taucht sehr verspätet auf und kriegt noch Abendbrot mit eingelegtem Gemüse.

Es wird alles eingemacht. Für alles braucht man eine Pappe. So fasst der Volksmund jedweden Berechtigungsnachweis zusammen. Wie man sich auch dreht und wendet: überall Gremien, Kommissionen, Ausschüsse, Abschnittsbevollmächtige und Nummern zur Kennzeichnung der Person. Jeder geht mehr oder weniger lustig seiner Wege durch die Mangelwirtschaft, aber wenn es darauf ankommt, steckt man gleich in der Konspiration.

Liquidität der ausdifferenzierten Identität

Hanne wurde von Ewald Erkel im Kellerlager der Volksbuchhandlung Heinz Priess defloriert. Ewald tat so, als defloriere er im Auftrag der Partei. Später spielte er der Debütantin Kampflieder vor.

Wenn wir träumen, woran erinnern wir uns? Wohin führt die Anthropologie, die uns im Blut liegt? Ganz bestimmt lassen wir in Hunger und Schmerz, im Vertrauen und in Verachtung die Bibel und Babylon, die Sintflut und den Anfang der Sesshaftigkeit hinter uns. Wir kehren zurück in verborgene Täler, die Gruppen Schutz boten und der Isolation Vorschub leisteten und gelangen sogar darüber hinaus noch in der Flüchtigkeit eines Gedankens, in einem schnellen Urteil, einer vortrefflichen Reaktion als Verkehrsteilnehmer, einem unvernünftig erscheinenden Unbehagen, einem Anflug von Ekel so wie in plötzlicher Zuneigung. Endlich geraten wir auf eine Kreuzung, auf der vor 30.000 Jahren Leute von robustem Wesen bald zum letzten Mal ihre Spuren hinterließen. Diese Beunruhigung träumen wir vielleicht, sie könnte überlebt haben in Angst und Verachtung als stammesgeschichtlichem Erbe. Die längste Zeit waren wir nicht unangefochten unter uns Ähnlichen. Wir sind zu unserer Stellung im Verlauf einer kulturellen Beschleunigung gekommen, die erst vor 40.000 Jahren einsetzte. Was, wenn ein alter Rivale wieder hochkäme von den Brettern seiner Niederlage? Er wäre doch nur für die Dauer eines Wimpernschlags K.o. gewesen.

In einem wiederkehrenden Traum erlebt sich Hanne als Gefangene eines Ausgestoßenen (Gebrandmarkten, abstoßend Versehrten). Sie wacht mit einem Bedauern auf, das sie nicht versteht und auch nicht verfolgt. Sie will sich nicht aufschließen und psychologisch begreifen. Sie misstraut jedem, der ihr so vorkommt, als glaube er an Erklärungen. Während ihrer Schulzeit fuhr Hanne unter der Woche jeden Morgen mit einem Zug von ihrem Kaff in die nächste Stadt und kehrte nachmittags im Zug zurück. Manchmal setzte sich ein muldensächsischer Quasimodo zu ihr und verschlang sie mit den Augen. Er war so unverschämt, dass Hannes Vorwitz versagte. Es gelang Hanne nicht, ihn lächerlich zu finden. Er verschaffte sich in ihren Träumen ein Hausrecht.

Ewald Erkel

Heute wäre Hanne eine #meetoo-Bekennerin. 1983 fällt der Übergriff und die Anzüglichkeit im männlichen Repertoire nicht aus dem Rahmen. Ewald behält seine Hanne scharf im Auge in der Volksbuchhandlung „Heinz Priess“. Sonst wo in der weiten Welt würde man ihn schmierig finden, aber in Leipziger Kulturkreisen geht die Schmiererei als Galanterie durch.

Hanne ist zu jung für eine arrangierte Perspektive und mit vierundzwanzig doch schon in der Klasse der Spätgebärenden. Sie muss sich beeilen, um in ihrem intragrupalen Mittelfeld zu bleiben. Ewald weiß das. Er schwankt noch. Sein Vater ist die „Ratte“ Willi.

Was zuvor geschah.

Ich greife zurück, um den Bogen der heutigen Lektion zu spannen. Zum Gründungsgremium der im 61er Herbst ins Leben gerufenen israelisch-amerikanisch-deutschen Fluchthilfeorganisation „Berlin Ranger“ gehören das invalide Obst- und Gemüseurgestein Achim „Acid“ Beluga, der Metzger Heinrich Teichmann, der polizeiliche Staatsschützer und israelische Agent Walter Großeisen (als Mann des Mossad le Alija Bet schleuste er Juden aus Nazieuropa nach Palästina), sowie der arbeitslose Artist und (vorgebliche) Zonenflüchtling Willi Erkel. In einem Leipziger Gefängnis hat Willi den Ehrgeiz entwickelt, auf einer negativen Folie mustergültig zu erscheinen. Fachleute behaupten, dahin käme man nur nach einem seelischen Selbstmord. Seitdem berichtet Willi interessierten Stellen. Im Kreis der Ranger erscheint der Spitzel als gerissener Grenzgänger und skrupelloser Schwerenöter.

Troubadoure der Abweichung

Zu „Petite Fleur“ saßen Cornelia und Heinrich Teichmann am 13. März 1963 in der Heaven & Hell Bar und staunten nicht schlecht.

In der Wilmersdorfer Heaven & Hell Bar stehen noch Nierentische. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den fiddler on the roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf Heinrich und verdächtig auf seine Frau. Cornelia vermisst ihre Freude an seltenen Menschen in außerordentlichen Geschlechterspannungen. Nichts geben ihr die Troubadoure der Abweichung und Meister der konkreten Poesie des Sexes. Sollte Cornelia nicht alles täuschen, dann treibt den Gatten der Wunsch, ihren erotischen Horizont zu erweitern. Sie hat Heinrich in den ersten Morgenstunden des 13. Augusts 1961 unter der S-Bahntrasse der Schönhauser Allee kennen- und bald auch in einer Hinterhofbutze des Prenzlauer Bergs liebengelernt. Plakatmalerin Cornelia ist die erste Geschleuste der Ranger und der Grund für die Vereinsgründung. Metzer Heinrich ist ein Mann des Wirtschaftswunders – aufgestiegen zum Fleischgroßhändler. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, wünscht er sich als Zugabe zum eigenen Betrieb mehr Lust von der Ehefrau.

Ist das zu viel verlangt? Heinrich malocht vierzehn Stunden am Tag. Außerdem schleust er im Akkord die Schwestern und Brüder aus der Zone in die Freiheit. Als Bauchrednerin in eigener Sache weiß Cornelia, dass Heinrich sie nicht geheiratet hätte, wäre sie im Heaven & Hell in ihrem Element. Sie zieht sich noch weiter zurück, nippt am Kelch, lächelt klösterlich und steigert ihren Wert als Inversionsfigur.

Willi und Heinrich verfehlten sich im Juni 1963 in Bulgarien

Willi ist ein Wanderer zwischen den Welten und ganz befreit von der Last einer eigenen Überzeugung. Seine Westberliner Freunde versetzt er in Erstaunen. Keiner weiß, wovon der Draufgänger offenbar nicht schlecht lebt. Willi fährt einen gazellenbeigen Karmann-Ghia. Immer wieder verschwindet er für Tage und Wochen. Er wirkt so unbekümmert, dass bei den meisten kein Misstrauen aufkommt. Nur Acid Beluga und Heinrich Teichmann wittern die Ratte. Ihr Misstrauen findet keinen Widerhall.

Willi verkörpert die ehrliche Haut wie kein zweiter. Als gelernter Zirkusarbeiter versteht er es, äußerst unterhaltsam zu sein. Er dirigiert jedes Kaffeehausorchester. Gegebenenfalls ersetzt er das Orchester mit vokalen Nachahmungen. Willi kann ein Pulverfass an seiner imaginären Schießbude aufmachen, die unsichtbare Band folgt dem Donner und dann klingelt und keckert es wie im Regenwald.

Im Juni fliegt er von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen nach Burgas in Bulgarien. Willi spannt im Gefolge einer HVA-Delegation aus. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Zur gleichen Zeit erkundet Heinrich den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilt er die Lage. Man foltert ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü – sprich Löwenmilch – auf dem Gaumen. Heinrich gerät in einen mondsüchtigen Zustand und vergisst seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sieht aus wie eine Vogelscheuche. Gefräste Furchen mustern eine Stirn über bezwingenden Brauen. Der Schrat lädt Heinrich zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutet auf einer bulgarischen Alm.

Heinrich trifft den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gibt den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao serviert er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich „Bouletten“, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erscheinen drei junge Frauen, früher hätte man Mädchen gesagt. Sie tragen Kopftücher und sind verheiratet.

In einem Trabi reist die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichnen sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollen vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars versteht die Feinheiten des Spiels nicht, er will bei seiner Favoritin im Auto zur Sache kommen. Heinrich ermahnt ihn mit der Faust.

„Die Nacht endete morgens um zehn“, erzählt Heinrich Wochen später gemütlich im Charlottenburger Haferkasten.

Im August 1963 registrierte die DDR-Regierung „fünfundzwanzigtausend Provokationen gegen unsere Staatsgrenze seit dem 13. August 1961“.

Der letzte Schrei ist ein Cottonova-Hemd, bügelfrei und atmungsaktiv, für schlappe achtzig Mark Ost. Willi fühlt sich in Hochform. Am Nordbahnhof in Ostberlin übernimmt er eine halbe Wohnung. Er teilt sie mit einem taubstummen Paar. Willi wundert sich, was Taubstumme alles mitkriegen – und mitteilen können. Sie beschimpfen Willi und manchmal sich auch gegenseitig in der Gebärdensprache.

Die Wirtin der „Wilden Eule“ in der Linienstraße (Ostberlin) hält für gute Gäste Westspirituosen im Bückwarensortiment. Ihre „Mädchen“ sind handverlesen, sie tanzen zu „Take Five“ mit westdeutschen Geschäftsmännern, während die Ostberliner Liebhaber im Hintergrund glühen.

In Kneipen offeriert Willi seine halbe Wohnung westdeutschen Geschäftsmännern als Absteige. Im Jargon des Alexanderplatzes sind Absteigen Durchreichen. Schwierigkeiten machen „Hausbuchführerinnen“, die Blockwärterinnen des real existierenden Sozialismus.

Bei einem Wechselkurs von 1:10 ist es für Bundesdeutsche fast unmöglich, mal eben den sozialistischen Gegenwert von tausend D-Mark auf den Kopf zu hauen. Solchen Freiern muss unter die Arme gegriffen werden. Die Spezialistinnen fischen die harte Währung mit Finesse ab.

Wie alle, die den Bogen raushaben, beweist Willi nur im Ernstfall Einfallsreichtum. Ein Dreh muss simpel sein. Sonst zieht er nicht. Aus Willi spricht unverhohlen der Volksmund: „Die Frau ist wie eine Krawatte, erst findet man sie schön, dann hat man sie am Hals.“

Den Trottoirschwalben ist Willi angenehm als einfacher Mensch. Seine Durchreiche nennen sie Park Hotel. Da trifft man sich an der Antik Bar. Das ist ein traurig verschrammtes Vertiko. Der Krempel im Vertiko wurde von Leuten zurückgelassen, in den Westen gemacht haben, da aber auch nicht weitergekommen sind.

Immer wieder muss Willi mit der schlimmen Krankheit zum Arzt. Am liebsten lässt er sich in Nachtdienstambulanzen behandeln. Sein persönlichster Blues besingt die Spätsprechstundenhilfe und andere Nachtschwestern.

Zehn Termine sind regelmäßig bis zum Abschluss der Behandlung vorgesehen. Es gibt immer zwei Millionen Einheiten von irgendwas. Willi freundet sich mit einem iranischen Gynäkologen an. Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass Basri seine Approbation auf einem Basar erstanden hat.

Der Bassbariton Basri verkehrt als Omar Sharif in der Rolle des Doktor Schiwago in den Kaschemmen. Er macht Willi mit Hilde bekannt. Willi und Hilde verstehen sich auf Anhieb. Die Wohnung der halbmondänen Krankenschwester, zu bestaunen gibt es Gipsbüsten von Komponisten, eine Kerzenhalterkollektion und einen Leuchter mit tausend Armen, wird zur besungenen Durchreiche. Eines Tages steht Hein Teichmann wie ein anderer Hans Albers auf der Matte, zwei Mädchen in den Armen.

25. Januar 2018

Hessenmeister

Die kubanische Antwort

Was zuvor geschah.

Der Westberliner Industriekaufmann Tillmann „Double Trouble“ Koslowski war bis zu seiner Enttarnung das Ass der israelisch-deutsch-amerikanischen Fluchthelferorganisation „Berlin Ranger“. Er stand bis eben vor einer Hochzeit mit Gerda, Tochter des Wursttaifuns Heinrich Teichmann. Ihm droht nun das Verhängnis einer erotischen Altlast. Seine Hauptstadtgeliebte Monika Kanu hat sich in die Frontstadt schleusen lassen.

Wir schreiben das Jahr 1987. Noch gibt es die Deutsche Demokratische Republik. Einer ihrer Kundschafter des Friedens, Heinz Wolf (Name von der Redaktion geändert), hat auf einer Antille sein Leben im Nahkampf mit einer amerikanischen Agentin namens Charlotte Amalie Thunderbólt verloren. Er lässt zwei Witwen zurück. In Ostberlin trauert die Mutter seiner Söhne Brigitte um ihn. Über die näheren Todesumstände in einem Hoteldoppelbett hat man sie im Unklaren gelassen. Auf der anderen Mauerseite wurde das Verschwinden des salonrassistischen Sensationsreporters Heinz Wolf (so geht Wolfs Westlegende) von seiner Frau Angel Beluga-Wolf der Polizei gemeldet. Die Ex-Verfassungsschützerin Angel erfüllt die Abwesenheit ihres Vernichters mit Freude. Heinz hat sie auf der Psychoschiene fertiggemacht, bis zur alkoholistischen Arbeitsunfähigkeit. Angel fühlt sich als Wrack in Kreuzberg wohl soweit. Sie hat ein Lieblingsspäti und zählt sich zu den Aktionistinnen des „Instituts für aggressiven Humanismus“, dessen Star der Maler Flo Lekrem ist.

So geht es weiter

Zu den zentralen Sozialisationserfahrungen in einer zivilen Gesellschaft gehören die Kollisionen von Erfahrungen im Spektrum zwischen aufgeschlossenem und abschließendem Verhalten. Beide Pole statten sich ungefragt aus. Im Gewitter der Widersprüche gewinnt eine Seite die Oberhand. Von dieser Asymmetrie hängt ab, wie wir uns Bedürftigen zeigen und was Bedürftigkeit in uns auslöst.

Tillmann, als Westberliner von Wehr- und Ersatzdienst befreit, hatte sich in seiner Lehrzeit selbst einen kleinen Zivildienst auferlegt. Zwei Jahre betreute er für die Dauer eines Sonntagnachmittags einen Schwerstbehinderten. Das kam aus einem einsamen, allgemein kritisch bewerteten Entschluss, wie ein Bettelmönch vergangener Tage etwas Mühsames zu tun. Auch Tillmann sah den Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen, gleich neben dem Fass ohne Boden. Zugleich stellten sich Abgrenzungsfragen. Wo hörte die Hilfsbereitschaft auf?

Wer darauf keine vernünftige Antwort fand, dozierte Tillmann vor sich hin, gerät unweigerlich in einen aktionistischen Zusammenhang, der apokalyptische Deutungen nahelegt und eine Bereitschaft zur Verurteilung der Zurückhaltenden fördert. Die Alarmierten können die Sirenen in ihren Köpfen nicht mehr abstellen. Jede Antwort mutiert zur Frage. Die Welt bricht durch die Ich-Schranken.

Tillmann löste den inneren Konflikt, indem er die Sozialarbeit einstellte. Fortan verwandte er keinen Gedanken mehr daran. Niemand darf behaupten, Tillmann jemals hilfsbereiter gefunden zu haben als jeden Egoisten im Bekanntenkreis. Ich will trotzdem das Verhältnis zwischen Tillmann und Wieland Malone beschreiben. Wieland stammte aus einem niedersächsischen Weserdorf an der Grenze zu Hessen. Werra und Fulda fließen da zusammen. Es gibt nicht nur eine Wetter- sondern auch eine Sprachscheide. Vereinzelt wird Niederdeutsch gesprochen. In dem Gelände zwischen Göttingen und Kassel und halb im Reinhardswald entging Wieland dem Nazi-Euthanasieprogramm, weil ein Dorf dichthielt. Wielands Mutter konnte noch nicht einmal einen Mann für das Kind aufbieten, sie war Magd aus dem Samen eines Knechts. Sie wurde bestimmt nicht gut behandelt. Aber man hat sie trotz Nazibürgermeister und Hitlerjugend nicht verpfiffen und so überlebte Wieland gegen jede Wahrscheinlichkeit. Ihm fehlte fast alles, um aus eigener Kraft zu handeln. Seine Beine waren nicht zu gebrauchen. Wieland nutzte ein Rollbrett. Er war sehnig von spasmischen Strapazen. Ein Arm musste festgeschnallt werden, sonst schlackerte er unkontrolliert. Der andere Arm zitterte heftig. Das Gesicht war eindrucksvoll wie von einem gotischen Schnitzer zur Welt gebracht. Eine Sehenswürdigkeit über einem traurigen Anblick.

Wieland rauchte und trank. Tillmann zündete für ihn Zigaretten an und schob die Filter zwischen Wielands Lippen. Ab und klopfte er mit einem Aschenbecher die Asche ab. Er nahm Wieland eine Zigarette aus dem Mund, um Wein nachzufüllen. Damit war der abstinente Lehrling stundenlang beschäftigt.

Wieland lebte bei einem Pfarrer, der einer Armee Freiwilliger und Professioneller befahl. Im Bundesgebiet hatten sich drei Zivildienstleistende im Schichtdienst den Job geteilt. Der Pfarrer hätte die Stelle wegen der Servicenachteile in Berlin ausgeschlagen, aber Wielands Überzeugungskraft war groß genug gewesen, das Abenteuer einer ungeregelten Versorgung zu wagen.

Wieland konnte nur mühsam sprechen, er suchte aber das Gespräch mit jedem. Überall baute er schamlos Kontakte auf. Seine Bedürftigkeit konnte alles gebrauchen. Jede Zuwendung half. Wieland pendelte mit Hilfe seiner Betreuer zwischen zwei spanischen Lokalen, in denen er herzliche Aufnahme fand. Er wollte reden und trinken. Er hatte seine Not mit dem von Sportplatzattitüden regierten, auf den Zustand seiner Kleidung und der Friseur eitel bedachten Tillmann, der sich zu diesem und jenen nicht bereitfinden konnte, aus welchen Gründen auch immer. Wieland trieb Tillmann wie einen Esel an. Immer wieder verlor der Betreuer seinen Schützling aus dem Blick, weil irgendwer auf Tillmanns Schatten getreten war und die Empörung sich in ihm warmlief.

Wieland hatte Freundinnen, zu denen er sich von Tillmann fahren ließ. Manchmal musste Tillmann unversorgt im Auto warten, manchmal gab es für ihn Kaffee und Kuchen in einem Wohnzimmer. Manchmal zog sich die Dame des Hauses mit Wieland zurück. Sie schob ihn dann ins Schlafzimmer, so wie sie ihn auf die Toilette schob.

Wieland war seiner Notdurft gegenüber so befreit wie ein Säugling. Er hatte aber eine erwachsene Sexualität. Abgesehen von seinem scharfgeschnittenen Profil war alles verkümmert, nur nicht der Penis. Wieland besaß ein tüchtiges Glied.

Auf Tillmann wirkte das Männchen mit dem großen Kopf auf dem Rollbrett abstoßend-bizarr. Auf Wielands Freundinnen offenbar nicht. Sie fütterten Wieland mit Zigaretten und Alkohol, Kaffee und Kuchen ließ er stehen. Sie unterhielten sich gründlich mit ihm. Wieland zog sie in seinen Bann.

Ein Berufskiffer, der aus Bielefeld nach Berlin gekommen war, ließ Wieland in der Wanne ertrinken. Zum Zeitpunkt der fahrlässigen Tötung, die als Badeunfall zu den Akten gelegt werden würde, versuchte Tillmann schon nicht mehr seine Verlobte Gerda Teichmann davon abzuhalten, die Hochzeitsvorbereitungen in einem Skandal enden zu lassen. Das Desaster hatte Stunden zuvor am Savignyplatz angefangen, wo Monika mit einem Unbekannten ausgerechnet in dem schicken Spanier unter der Trasse aufgetaucht war, in dem Gerda und Tillmann nach Einkäufen einen Happen zu sich nahmen. Zuerst hatte Monika diplomatisch über ihren Tisch hinweggesehen, aber schließlich nicht mehr an sich halten können.

Monika? Sie erinnern sich wohl. Ich erzähle es gleichwohl gern noch einmal. Tillmann war bis gestern die Nummer Eins unter uns Schleusern – der beste Ranger seit dem Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, der die „Berlin Ranger“ im 61er Herbst als Antwort auf die Mauer gegründet hatte: gemeinsam mit Gerdas Vater, dem Schlachter Teichmann und dem polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter „Skip“ Großeisen. Als Mann des Mossad le Alija Bet schleuste Skip Großeisen Juden aus Nazieuropa nach Palästina. Der Falke ist Atlantiker. Amerika versteht er als persönliche Schutzmacht. Dazu später mehr. Jetzt steht Tillmanns Ostgeliebte in Westberlin auf der Matte. Wie konnte das passieren? Wer hat Monika rausgelassen?

Schuld an der Misere ist ein MfS-Hauptmann auf Abwegen. Gemeinsam mit Kollegen hat Flo Lekrems DDR-Cousin Fart Lekrem einen Schleuserring de luxe aufgezogen. Nachdem Tillmann, der Monika in gewisser Weise die Ehe und ein Leben in Freiheit versprochen hat, den Kontakt eingestellt hatte, war Monika eines Abends im „Prater“ auffällig geworden. Fart Lekrem hatte sich ihrer angenommen und Monikas Vertrauen gewonnen. Nicht aber ihre Zuneigung. Ihre Zuneigung gehört immer noch Tillmann. Vorhin erzählte sie so engagiert von ihren Gefühlen, dass dabei allerhand zu Bruch ging und einige blessiert wurden.

Körperliche Verletzungen verbinden sich nicht selten mit guten und starken Erfahrungen.

In archaischen Gesellschaften fand man keine Aufnahme unter Erwachsenen ohne Verletzungsschmerz. Initiationskulturen überleben im Sport. Deshalb gibt es Vorgesetzte, die im klärenden Gespräch fragen: „Welchen Sport praktizieren Sie?

Die Frage zielt auf die Belastbarkeit des Kandidaten jenseits von Anpassung und sozialer Geschmeidigkeit. Wer so fragt, will wissen: Wie verhält sich einer, wenn es hart auf hart kommt. Vorbildlich erscheint in diesem Zusammenhang Herkules. Der Olympier musste zwölf Aufgaben meistern, angefangen bei der Tötung des nemeischen Löwe, dessen Fell Panzerqualitäten hatte. Herkules verstand es, das Tier an seinem Schwachpunkt zu überwinden. Stichwort Achillesferse.

Es lebt ein Geschlecht herablassender Halbgötter unter uns, dass sich nicht einfach zu erkennen gibt. Tillmann ist ein Herkules unserer Tage, wenn auch nicht mehr so muskulös wie sein Ahnherr und Stammvater. Gerda und Monika wissen ein Lied davon zu singen. Mit Superorgasmen in die Hörigkeit getrieben, bewarfen und verfluchten sie sich in der Bodega Madrid.

Die Kellner gingen aus sich heraus, die Chefin trat auf den Plan. Monikas unbekannter Begleiter tauchte ab, endlich schluchzte Monika ins Weite. Gerda schrie den Spanier, ein Rotzladen bei Licht betrachtet, zusammen. Tillmann bemühte sich nicht zu sehr um Fiktionsversteifungen mit dem Kunststoff Realität. Er findet es unter seiner Würde, maßlos zu lügen. Man soll ihm glauben oder sich zum Teufel scheren.

Die Wahrheit ist eine unaufgedeckte Lüge, sagt Bernie Osterman in „The Osterman Weekend“, Sam Peckinpahs Schwanengesang.

Tillmann fehlt ein Ohrlappen. Als junger Mann neigte er dazu, die Ansagen seiner inneren Stimme für Gerüchte zu halten, denen man nicht mehr Beachtung schenken muss, als dem Gerede von Betrunkenen. Mehr als einmal traf ihn eine Kugel, die eine Ahnung kommen sah, infolge der Intuitionsverweigerungen. Von Kopf bis Fuß ist er olympisch mit zwölf Narben skarifiziert.

Tillmann reicht es. Er verlässt die Villa der Teichmanns im Grunewald gegen neunzehn Uhr. Er hat seinen Ford Mustang in Ostberlin stehen lassen und ist noch nicht zu einem neuen Auto gekommen. Aktionistinnen des Instituts für aggressiven Humanismus heften sich an seine Fersen. Sie performen die Verfolgung und filmen die Performance. Tillmann ist Gefangener eines Stücks, auf das er keinen Einfluss hat. Gleichmütig passiert er eine historisch illustre Nachbarschaft. Hier lebten Robert und Franz von Mendelssohn, Samuel Fischer, die Brüder Franz, Hermann, Louis und Hans Ullstein, Alfred Kerr, Maximilian Harden, Walther Rathenau, Gerhart Hauptmann, Vicki Baum, Lion Feuchtwanger, Max Planck, Werner Sombart, Hans Delbrück, Karl Bonhoeffer, Ferdinand Sauerbruch, Max Reinhardt und Friedrich Murnau. Kaum ist Tillmann um die erste Ecke, da heult ihm Monika entgegen.

„Ich wusste es“, triumphiert sie.

„Was wusstest du?“

„Dass ich dich heute noch sehen würde.“

Tillmann hebt die Schultern zum Zeichen seiner Kapitulation. Er ist als Fluchthelfer verbrannt. Seine berufliche Laufbahn im Ostwesthandel ist auch zu Ende. Aus der Verlobung mit einer Millionenerbin hat er sich gerade selbst entlassen. Ihm bleibt Monika. Sie glaubt alles zu haben, was der Geliebte braucht. Eben wird sie zum Objekt einer professionellen Observation und merkt davon nichts.

Ein historischer Ausblick und eine bilanzierende Betrachtung

Tillmann war fünf, als ihn der alte Teichmann zum ersten Mal in den Charlottenburger Boxkeller mitnahm, in dem damals vor allem Amerikaner trainierten. Das geschah im letzten Jahr vor der Mauer, der kalte Krieg kriegte immer mehr heiße Bezirke. Die „Krisenherde“ erschienen als Flammeninseln auf Landkarten in schwarzweißen Tagesschauen. Peter Scholl-Latour war noch nicht zu sehen. Er berichtete als Afrikakorrespondent aus Léopold- und Brazzaville für den Hörfunk. Amerika drängte militärisch nach Vietnam, um dem Vormarsch der Kommunisten Einhalt zu gebieten. Die Sowjetunion zog ihre Grenzen mit dem Panzerlineal. Tillmann erlernte den englischen Faustkampf unter einer Glocke des Wohlwollens. Väterliche Freunde machten dem Jungen klar, worum es ging, nämlich um die Vereitelung der Weltherrschaft des Bösen. Zweimal in der Woche holte Teichmann Tillmann zuhause ab. Hatte er keine Zeit, sprangen Acid Beluga oder Walter Großeisen ein. Im Club konnte man Gewichte heben, die Sauna nutzen, Ju-Jutsu praktizieren oder bloß Maulaffen feilhalten. Im Clubbüro lief das Radio, als Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“

„Das werden wir noch sehen“, grimmte Teichmann im Kameradenkreis. Das Büro hatte Glaswände. Die Kameraden beobachteten, wie Tillmann der Luft mit Haken zusetzte. Sie fanden den Knaben begabt. Sie hätten ihn auch mitgenommen und durchgezogen, wäre er unbegabt gewesen. Nach den ungeschriebenen Gesetzen ihrer Gemeinschaft hatte Tillmann einen Anspruch darauf, unter ihre Fittiche genommen zu werden. Sie waren das Rudel, in dem er einmal eine Rolle übernehmen würde. Die Welt ragte in einen apokalyptischen Abgrund, als im Oktober Zweiundsechzig eine atomare Eskalation zwischen „uns und dem Iwan“ wegen einer kubanischen Antwort der UdSSR auf die Stationierung von Mittelstreckenraketen an einer Grenze ihres Geltungsbereichs unvermeidlich schien.

Tillmann hörte die Männer der freien Welt im Club einem neuen Weltkrieg entgegen rasseln. Er war gut auf den Beinen, federleicht und fluffig. Technisch überragte er die Kinderschar. Keiner zeigte flüssigere Bewegungen. Wasser bahnt sich seinen Weg, Hindernisse übersteigend oder untertunnelt. Wasser kommt immer an und wird unterwegs mächtiger, bis es als Meer alles überwältigt.

Tillmann war aus dem richtigen Stoff. Die Kameraden nickten anerkennend. Die Beatles kamen groß heraus. Die Kubakrise war Schnee von gestern. Der Club tarnte die Interventionen der Berlin Ranger Division. Gert Ruge und Klaus Bölling brachten mit dem Weltspiegel ein neues TV-Format. Eines Tages nahm ein allen unbekannter Hüne Tillmann zur Seite und erklärte: „Boxen ist das A und Karate das O. Wer beides kann und zudem ringen, hat das Zeug zu einem guten Mann.“

Kaum hatte der Fremde seine Botschaft überbracht, drehte er sich wie die Turboschraube im Dübel durch die Decke.

Tillmanns Gewährsmänner hatten von Karate keinen Schimmer. Die Männer der ersten Fluchthelfergeneration idealisierten den Zehnkampf und schweiften aus in Erinnerungen an leichtathletische Sozialisationen; erweitert von einem rudimentären Boxkampfwissen und von Tricks. Boxen war für sie die Sahnehaube auf dem Schokobecher, Charakterschule und Erziehung zur Härte (vor allem gegen sich selbst). Tricks nannten sie ihre Schulhofselbstverteidigung. Befreiung aus einem Schwitzkasten. Lösung aus einer Umklammerung der Arme und des Rumpfs.

Was machst du, wenn dir einer frontal an die Wäsche geht?

Wo schlägt man hin, dass es keine Sauerei gibt?

Wie kriege ich einen klein, der viel größer ist als ich?

Eine systematische Schulung fanden die Kameraden überflüssig. Sie zeigten Revierkampfverhalten, wo es darauf ankam und verloren ihre Siegesgewissheit nie.

Sie gehörten zwar zu den Kriegsverlierern (sah man von Großeisen ab, der den Krieg beinah allein gewonnen hatte), sahen aber aus wie Sieger. Sie vertrauten Tillmann Heiner Busch an, einem Großonkel von Elke Busch, der Emma Steel ihre Grundlagen verdankt.

Heiner Busch war ein Pionier des Gōjū-Ryū Karate, dessen chinesische Wurzeln gut zu sehen sind. Wie jeder Karatestil wurde Gōjū-Ryū auf Okinawa transformiert. Oder um es mit Captain Benjamin Isaac Willard zu sagen:

„Karate is a product of multi-racial culture.”

Willard ging den langen Weg von Texas (Boxen, Ringen) über Okinawa (Karate), Korea (Taekwondo) und Vietnam (Vovinam Viêt Võ Dao) nach Gelnhausen (Aqua Jogging, Spaziergänge) im Main-Kinzig-Kreis. In der Gegenwart von 2017 ist er als Gründer von Apokalypse Now TV (ANT) ein Protagonist des großen Spiels. In Tillmanns erstem Jahr als Karateka tauchte Willard manchmal im Club auf, um zu sparren und Gewichte zu heben. Er bemerkte das Potential des Jungen, der ihm als Sonderermittler im Team von Jakarta Arizona Jahrzehnte später wiederbegegnen würde. Das ist eine andere Geschichte, in der Gerda Teichmann doch noch zu Tillmanns Gattin promoviert wurde.

Heiner Busch erklärte 1964 dem Neunjährigen in einem Keller Dōjō: „Karate reflektiert ein kulturelles Erbe. Es formt dich. Denk nicht daran, dass auch du es formen könntest.”

17. Januar 2018

Hessenmeister

Himmlischer Toilettensex

Ostberlin 1987

Entmündigung gibt nur einen Vorgeschmack. Unterwerfung wird vorausgesetzt. In der DDR-Knastphilosophie überlebt der Zuchthausgedanke. Der Eingeschlossene ist ein Ausgeschlossener. Menschen- und Bürgerrechte sind ihm zu verwehren. Im Grunde kann der Delinquent nichts entbehren, da er nichts mehr darstellt. Er hat die Stufe unter dem Haustier erreicht. Seinen Status markieren Trainingsanzug und Filzlatschen. Gebeugten Hauptes nimmt Manfred Uffland die Kluft entgegen, um sich in ihr zu verwandeln. Zur Grundausstattung gehören Handtuch und Seife. Die Zelleneinrichtung beschränkt den Häftling auf eine Holzpritsche mit dünner Schaumstoffauflage plus Hängeschrank, Tisch, Hocker. Es gibt ein Handwaschbecken und eine Toilette. Über dem Becken ist ein Spiegel im Fliesendekor so eingelassen, dass keine Kanten vorstehen.

Was zuvor geschah – Im ersten Herbst der Mauer.

Manfred wurde vom Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in die Rummelsburg verlegt. Er sitzt im Gefängnis, weil er die Republikflucht seiner Frau Petra nicht vereitelt hat. Er hatte sich Heinz Wolf anvertraut, mit der Erwartung, dass der HVA-Major Petra von ihrem Vorhaben abbringen würde.

„Ich dachte, der Heinz bringt die Petra zur Vernunft.“

Stattdessen betrieb Heinz im Auftrag der Hauptabteilung Aufklärung und mit Hilfe des Berlin Ranger Tillmann „Double Trouble“ Koslowski Petras Schleusung nach Westberlin, um sie da zu bearbeiten. Der gelernte Industriekaufmann Tillmann steht kurz vor der Hochzeit mit Gerda, Tochter des Wurstmoguls Heinrich Teichmann. Gerdas Mutter ist die im ersten Herbst der Mauer geschleuste Cornelia. 1965 kam die Tochter zur Welt.

In der amtlichen Handlungsgegenwart von 1987 bleibt Tillmann viel Zeit für Geschichten aus der Ranger-Steinzeit. Erzählt werden sie von Acid Beluga, der die Schlüsselgewalt über ein Dutzend Wohnungen, Schuppen, Lauben und Garagen hat. Der „Beluga vom Kudamm“ ist Herr in einer heimlichen Welt, geboren aus dem Geist eines Häuserkampfs, der nicht stattgefunden hat. Seine Tochter Angel hat nach einem starken Anfang beim Verfassungsschutz die Segel gestrichen. Sie existiert in einer Kreuzberger Blase mit Lieblingsspäti und Kunstgenuss im „Sonnenstudio“. Ihr bigamistischer Heinz bearbeitet das linksradikale Großmilieu des freien Berlins als Messias im Auftrag der HVA. Er fuckt Angel so geschickt ab, dass Vater Beluga keinen Verdacht schöpft. Heinz ist das wahre Rumpelstilzchen. Einer seiner Vorgänger war „die Ratte“ Willi Erkel. Sie wurde 1963 aus der Panke gezogen, im Rangerjargon nach ihrer „Erlösung“.

Heinz schlägt Willi um Längen. Seine Gemeinheit grenzt an Genie. Seine Infiltrationspotenz übertrifft sämtliche Erwartungen. Er hat Manfred erst Hilfe versprochen und dann seine Verhaftung angeordnet. Manfreds Leidenstournee begann in Hohenschönhausen. Sie führte in die Rummelsburg. Nun lernt Manfred die Anstalt in der Magdalenenstraße kennen. Der Kasten war zur Kaiserzeit Gerichtsgefängnis. Der technische Standard entsprach damals der billigsten Lösung und wurde seither nicht angehoben. Alles leckt, rostet, bröckelt und schimmelt.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, Manfred regiert schon die Langeweile. Läppische Äußerungen in einer Kneipe ließen seinen Zellengenossen einfahren. Manfred sieht einen alten Mann, der die Schamlosigkeit besitzt, vor ihm zu heulen.

Massengräber der Hoffnungen

„Du schließst die Augen und denkst an Sex … der flüchtigen Art.“ Vendela Vida

Die Spanier gaben ihren neuweltlichen „Entdeckungen“ bombastische Namen. Ihnen voran segelte der Genuese Kolumbus. Den größten Landflecken einer Inselgruppe der Kleinen Antillen nannte er 1493 Santa Ursula y las Once Mil Vírgenes. Die Conquista unterbrach die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch eingewanderte Kariben. Sie vernichtete die Indigenen mit Arbeit und ersetzte die Verluste mit afrikanischen Sklaven. Ein Jahrtausendverbrechen lässt uns ruhig schlafen, es ist die Grundlage unseres Wohlstands und unseres geräumigen Seelenfriedens. Um es wieder einmal mit Heiner Müller zu sagen: „Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand.“ Die Jungferninseln boten sich im 16. Jahrhundert als Piratennester an. Sie waren Dänemarks Platz an der Sonne, wie Bismarck die überseeischen Besitzungen der alten Reiche nannte.

Während Manfred in eine Knastdepression rauscht und von Selbstmord träumt, genießt Heinz die Aufmerksamkeit der Reisebekanntschaft Amalie auf einem British Airways Flug von Frankfurt am Main via London und Miami zu der Jungferninsel Saint Thomas (dänisch Sankt Thomas). Heinz reist im Auftrag der „Firma“. Er soll einen Abtrünnigen neutralisieren, dessen Republikflucht im Politbüro als Kreditschädigung empfunden wird. Heinz hat schon lange kein Gefühl mehr für Empfindlichkeiten seiner Heimat. Er kann kaum an sich halten, so überwältigend erscheint ihm (die ihrem Ehemann entgegenfliegende) Amalie. Ihre Vorfahren setzten sich bereits 1665 auf Saint Thomas fest. Einig werden mussten sie sich mit versprengten Holländern, die bald mannschaftlich umrundet waren, aber nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit garantierende Dänenordnung hatten. Skandinavische Toleranz sorgte dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl nicht in einem Kapitel endet.

Von 1672 bis 1917 waren Saint Thomas, Saint Croix und Saint John Dänemarks westindische Inselkolonien. Nach dem Willen des Königs von Dänemark und Norwegen durften seine Untertanen ab 1803 ihre Vermögen da nicht mehr im Sklavenhandel vergrößern. Das Verbot wurde vielfach umgangen, auch von Amalies Ahnen. Obwohl „die Mokkaschönheit Amelie“ (aus dem Reisetagebuch des Heinz W., unkorrigiert) kein Hehl aus einer begrüßten Gebundenheit macht, erreicht das Gespräch mit dem Fremden im Anflug auf den Cyril E. King Flughafen einen hohen Grat der aufgekratzten Vertrautheit. Amalie und Heinz unterhalten sich über himmlischen Toilettensex so, als könnten sie ihn jederzeit (als Steigerung allen Irdischen) gemeinsam haben. In der nächsten Einstellung erreicht Heinz Wolf wie ein anderer James Bond solistisch Charlotte Amalie. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 – 1714), eine kurhessische Prinzessin, die auf dem Heiratsweg dänisch-norwegische Königin wurde.

Heinz checkt ein

im „Two Sandals by the sea Inn“, 6264 Estate Nazareth, St. Thomas, VI 00802, Vereinigte Staaten, Telefon: +1 340-998-2394, und hilft sich selbst unter der Dusche. Er ist so aufgeladen, dass er kaum noch weiß, warum er auf der Insel ist. Der Jetlag singt sein Lied. Später am Pool entdeckt Heinz, dass in Charlotte Amalie noch mehr Amalies erstaunlich zugänglich erscheinen. Die nächste, die ihm freundlich begegnet, heißt Charlotte. Wie Amalie stammt sie aus einer Familie von Kapitänen, Reedern, Plantagenbesitzern, Verwaltern und Kaufleuten.

Heinz sollte sich um den Hit kümmern und die Zielperson abkühlen, anstatt mit Charlotte im Cocktailrausch am Pool zu poussieren.

Heinz informiert sich über die dänische Sklavenhaltergesellschaft

Man müsse jedem Menschen und sei er noch so schwarz einen Funken Hoffnung lassen, um ihn am Leben zu halten. Mit dieser Philosophie sicherten auch Charlottes Altvorderen ihren Profit.

„Ich kann mir die schmerbäuchige Schläue eines Kapitäns gut vorstellen, der den Wert seiner Fracht mit einfachen Mittel zu erhalten bestrebt war“, formuliert Heinz beinah über seine Verhältnisse.

Die Afrikanerinnen überließ der Kapitän seiner Mannschaft. Wo der erzwungene Beischlaf zu Schwangerschaften führte, stieg der Gewinn. Die vergewaltigten Frauen brachten eine Zwischenklasse zur Welt, die zu den Kolonien gehörte wie der Rum.

Leider verwendet Heinz in seinem Bericht ungefiltert das abwertende Herrschaftsvokabular. Ich gebe das nicht wieder. Bis ins 20. Jahrhundert reiste man als (in der Heimat ausgebildete) dänische Reederstochter oder Erbin fabelhafter Ländereien von Kopenhagen via Calais und Christiansborg (an der Küste des Golfs von Guinea) nach Dansk Vestindien.

Charlotte schildert Heinz die Abenteuer einer Urururgroßtante, die als höhere Tochter mit der Aussicht auf ein Vermögen zwar priviliert war, aber …

„Charlotte Amalie hatte eine schwarze Mutter. Als das Schiff im Hafen von Christiansborg festmachte, riet ihr Kapitän Johann Ferkel an Bord zu bleiben. Anderenfalls liefe sie Gefahr, ein Sklavenschicksal zu erleiden. Das aber widerfuhr ihr alsbald. Ferkel selbst verkaufte sie an anderer Stelle.

Gehobene Dienstbotenexistenz

Erst fünfzig Jahre später gelang einer Urenkelin ein Nachweis der Zugehörigkeit zu einer dänischen Dynastie. Sie kehrte in den weißen Schoss der Familie zurück und vollbrachte es, mit der Kraft ihrer Persönlichkeit einer gehobenen Dienstbotenexistenz zu entgehen. Sie wollte in der Gestalt einer Urenkelin wieder so weiß sein wie ihr Großvater weiß gewesen war. Es sollte ihr nicht gelingen. Die „Antillengazelle Charlotte“ ist das, was ein Heinz oder Flo oder Fart Lekrem als „hellhäutige Negerin“ bezeichnen würde, selbstverständlich ohne rassistisch zu sein.

Die Wüsten von Europa

Afrika hat sich in Charlotte durchgesetzt. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze gegen Afrika zu halten. Die alten Sklavenhaltergesellschaften erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Verworfene die ersten Weißen, die aus dem Nirgendwo auftauchten. Sie brachten das große Projekt der Zivilisation, das nun wieder einige Autoren als positives Kolonialerbe beschwören. Ich greife durch bis in die Gegenwart. Der europäische Standpunkt formuliert sich auf einem Berg von Leichen so wie in Massengräbern der Hoffnungen. Die Überlebenden geraten in ewignächtliche Randgebiete. Sie entdecken die Wüsten von Europa. Der in Calais planierte Dschungel bricht durch den Asphalt der Pariser Boulevards.

Die Sache mit dem Eispickel

Charlotte bindet Heinz an sich, und ein Mann, der seinen Leo Trotzki kennt, flieht vor einem Mörder. Paul Gruber, Kampfname Dawidowitsch, war lange ein Gläubiger, erst als Faschist, dann als Kommunist und Nutznießer der sozialistischen Günstlingswirtschaft. Ein Missverständnis brachte ihn um Amt und Würden. Er packte in Langley aus, der Verrat ließ sich nicht vermeiden. Er folgt jetzt einem Wink der CIA, die den Killer im Griff hat.

Das Überwachungsteam der HVA meldet nach Berlin, Gruber sei abgetaucht und Heinz nur als Casanova aktiv. In den hellhörigen Nächten der Karibik sind Lustschreie an der Tagesordnung. Trotzkis Mörder erinnerte: „Der Mann schrie in einer Tonart, die ich nicht vergessen werde, solange ich lebe.”

Charlotte ist eine Großmeisterin „frauenspezifischer Methoden“ (Terminus technicus). Man hat einen Film mit ihr gedreht, um anderen Agentinnen vor Augen führen zu können, wie sich Verstellung mit Lust an der Arbeit ideal verbinden lässt.

Trotzki wurde am 20. August 1940 mit einem Eispickel ermordet. Auch Heinz will einen Eispickel einsetzen, als historisches Zitat. Er muss vorbei nur das Feuer löschen, das er in Charlotte entfacht hat.

Charlotte gibt Heinz nicht frei. Sie klemmt ihn ab, wie Ringer sagen. Wikipedia: „Abklemmen: Festhalten beider Arme des Obermanns vom Untermann im Bodenkampf, was den Obermann beider Stützen beraubt – er kann auf den Rücken gedreht werden.” Charlotte nennt Heinz einen hombre enigmático. Wieso spricht sie spanisch?

Auch Trotzkis Mörder gab vor Journalist zu sein. Wie Heinz pendelte er zwischen Namen und Nationalitäten. Als in Teheran geborener Belgier wurde er verhaftet und als tschechischer Staatsbürger kam er zwanzig Jahre später frei. Sein Biograf hielt ihn für einen Spanier namens Jaime Ramón Mercader del Rio Hernández.

In diesem Augenblick geht Charlotte über ihren Auftrag hinaus. Sie kommt einem Bedürfnis nach. Killed in action sagt man in Amerika, wenn ein Mann verdienstvoll ins Gras beißt. Heinz Wolf stirbt im Rang eines Majors mit siebenunddreißig Jahren. Er hinterlässt zwei Ehefrauen, zwei Kinder und zweitausend verwirrte Westberliner. Flo Lekrem scharrt schon mit den Hufen. Er wird Heinzens Nachfolger an der Front des Wahnsinns.

Hastema

Die Ex-Verfassungsschützerin Angel Beluga genießt den Einzug der Stille nach einem Streit unter Stadtnomaden. Dann geht es an anderer Stelle weiter. Zwei vor Erschöpfung überreizte Kinder geben ihren Backpacker Eltern den Rest. Die Mutter sieht aus wie Siri Hustvedt (1985). Eher noch besser. Angel fragt sich, warum die Frau nicht als Modell arbeitet und mit den Honoraren dem Leben ihrer Familie neue Glanzlichter aufsetzt. Der Mann spielt keine Rolle. In ein paar Jahren wird er sich in seinem Keller einmauern, die Birkenstocksandalen seiner ersten Geliebten zum Fetisch erklären, einen Schrein errichten und eine Religion erfinden.

Ein Hastema-Freund kreuzt auf, er hat Angel gesucht. Bis zu ihrem Tod wohnte Jacob bei seiner Mutter. Er hat noch einmal einen Mietverschlag gefunden, übernachtet aber schon draußen.

Über die Armseligkeit guter Vorsätze ist Jacob hinaus. Er ist der Herold einer schlimmen Botschaft. Er weiß, dass Außerirdische unter uns sind.

Bioinvasiv

Niemand sah sie kommen und niemand kann sie von Irdischen unterscheiden. Sie erscheinen invasiv wie Partisanen. Mehr noch gleicht ihr Verhalten einem Angriff gebietsfremder Arten auf ein Ökosystem. Die Außerirdischen setzen Infiltration an die Stelle exemplarischer Gewalt. Sie versprechen das Ende von Kriegen und Krankheiten. Ihre parasitische Lebensform haben sie äußerster Kultivierung zugeführt. Sie bewirtschaften die Erdlinge, ohne sich zu bekleckern. Sie denken die Erde und das Alte Testament neu als große Farm und Farmerfibel. Das Rindvieh kehrt selbst die Ställe aus.

Man möchte gar nicht aufhören, Jacobs Verirrungen nachzubeten. Seine rhapsodisch listige Erzählmanier treibt jede Floskel der Vermeidung auf eine Spitze und da verendet sie dann.

Jacobs Außerirdische sind über das galaktische Larvenstadium der Spielberg’schen Sternenfähren und Raumkreuzer hinaus. Ihre Energie fluktuiert ungebunden. Ihre Matrix verweigert sich der Materialisierung. Den Usurpierten geben sie deshalb schwere Rätsel auf.

Kein Raumschiff zerschellte bei der Landung. Keine Macht zeigt sich. Trotzdem überziehen Schneisen der Verwüstung den Planeten. Die Menschheit erleidet eine Panikattacke nach der nächsten. Hellsichtige erkennen den Befall der Gattung mit kosmischem Toxoplasma gondii.

Jacob sagt: „Viele wollen sich außerirdisch assimilieren, um auf den Trampelpfaden der Unterwerfung bei den Starken aus dem All mitmachen zu dürfen.“

Sie wollen die Expansion in den Weltraum und die Erschließung neuer Märkte hinter dem Horizont nicht verpassen.

10. Januar 2018

Hessenmeister

Kalter Sonntag

1962. Für die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik braucht man besondere Papiere, der Leipziger Schlosser und Zehnkämpfer Rüdiger Moll besitzt bloß einen PM-12. So buchstabiert sich der vorläufige DDR-Personalausweis: nicht gültig in Berlin. Ein Willi vom Rummelplatz kennt den krummen Weg in die Hauptstadt. Rüdiger folgt den Anweisungen und Ratschlägen des Gewährsmannes bis zu seiner Verhaftung.

„Staatliche Organe verhinderten Schlimmeres“, heißt es demnächst in diesem Theater.

„Sicherheitsnadeln“ nennt der Volksmund die Herrschaften von der Staatssicherheit. Man erkennt sie an ihren Nylonmänteln. In einem Eisenacher BMW schaffen sie den Delinquenten fort. Rüdiger bewundert das Auto. In Eisenach wird bald nur noch der Wartburg gebaut. Rüdiger wird zur Wächterburg gefahren. Ihr Portal bleibt vor ihm verschlossen. Man schleust ihn durch den Keller. So fängt spurloses Verschwinden an. Im Zimmer 111 residiert die Stasi hinter einer Luftschutztür. Nebenan befindet sich die Zulassungsstelle in ihrer Harmlosigkeit. Rüdiger zeigt sich ungerührt, wie viele Kriegskinder, deren verschüttete Gefühle nie ausgegraben wurden.

Der Häftlingshocker ankert am Boden

Rüdiger tritt die Untersuchungshaft im Staatssicherheitsgefängnis an. Der Trakt ist mit Glasbausteinen verbaut. Man lässt ihn zehnmal zur Vernehmung antanzen, mehr oder weniger strammstehen und dann doch Platz nehmen. Der Häftlingshocker ankert am Boden. Die Befragungen entlocken Rüdiger schließlich keinen Funken Interesse mehr. Was hat er schon zu verbergen. Man hält ihn für einen amerikanisch beeinflussten Halbstarken. Na und, das sind viele. Alles löst sich auf in Massen- und Zeitgeistphänomenen.

Rüdiger ist eine Kraftnatur. Mit seinem Zeugungswerkzeug kann er Keramik zerschlagen und ist zu diesem Zweck auch schon gebucht worden. Jederzeit könnte er bei der Stasi mitmachen und erbarmungslos wie im Kino den Greifer geben. Doch würde er nie einen Kumpel verpfeifen, glaubt Rüdiger bis zu dem Tag, an dem er Willi auspackt – eine Spukgestalt der Vornamenwelt.

„Ich weiß nicht, wie der.“

Cornelia – Eine Love Story im Kalten Krieg

Im Auftrag der Staatssicherheit erforscht IM Willi Erkel das im August 1961 von dem Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, dem Schlachter Heinrich Teichmann und dem polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen in Westberlin gegründete, als israelisch-deutsch-amerikanischer Kegelklub getarnte Fluchthilfekraftwerk „Berlin Ranger“. Ursprünglich ging es den Verschworenen nur darum, Teichmanns Bekannte Cornelia aus Pankow in den Wedding zu lotsen.

Ich schiebe die Episode kurz ein:

Der 13. August 1961 ist ein kalter Sonntag. In der ersten Morgenstunde passiert Hein Teichmann die Sektorengrenze von West nach Ost. Er weiß etwas von einer privaten Tanzerei in der Lychener Straße. Die Feier ist schon eine flaue Angelegenheit, jedenfalls für Teichmann. Die Paare, die sich im Verlauf des Abends erst gefunden haben, sehen das anders.

Teichmann steigt über Leiber, um in die Küche zu gelangen. Es muss doch noch was zu trinken im Haus sein. Jemand schraubt an einer „Möwe“ von Elmug. Die Bestände sind erschöpft, abgesehen vom „Bär, der Frohsinn bringt“, einem Kräuterlikör des VEB Bärensiegel. Teichmann tritt als Kopie von Gene Vincent auf. Er ist zweiunddreißig, Metzger nach einer Familientradition und Fleischgroßhändler infolge glücklicher Umstände und vielleicht auch unternehmerischen Geschicks. Er kennt Anflüge von Mitgefühl mit der Kreatur, die er für sich behält. Er unterhält sich gern mit Leuten und zeigt sich politisch interessiert. Die Tanzmusik im Radio wird für eine Meldung unterbrochen:

„Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR sowie an alle Werktätigen.“

Das Weitere geht in einem Streit unter. Den Streitenden ist die Regierungsverlautbarung schnuppe. Teichmann fühlt sich genauso wenig angesprochen. Er findet keinen Anschluss und kehrt an die frische Luft zurück. Es ist viel zu kalt für August. Unter den Bahnbögen bemerkt er eine Frau in Bedrängnis. Polternd nähert er sich den Wegelagerern, daran gewöhnt, bezwingend zu wirken. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, seine Kampfbereitschaft wächst mit jedem Schritt. Es gibt eine natürliche Rivalität zwischen dem männlichen Nachwuchs in Pankow und im Wedding, Kämpfe sind an der Tagesordnung, Teichmanns Gegner weichen nicht. Der Kleinste hebt einen Stein auf, um sich mutig zu machen. Der Größte schlägt ihm den Stein aus der Hand. Er hat Vorbildfunktion und weiß, was von ihm erwartet wird. Die Kontrahenten dampfen direkt in den Schlagabtausch. Das hat sich bewährt, daran hält man fest. So geht es am schnellsten.

Teichmann schlägt alle in die Flucht. Das lässt ihn kalt, er kennt sich nicht anders. Selbst wenn er den Kürzeren zieht, bleibt er obenauf, ganz einfach überlegen. Er weiß selbst nicht, wo das herkommt. Bereits eine halbe Flasche Wein später hat sich Cornelia im „Mäusekeller“ so weit aufgerappelt, dass sie Teichmann „meinen lieben Retter“ nennt. Ein halbes Jahr später wird sie ihren Retter heiraten und so eine gute Partie im goldenen Westen machen. Doch jetzt wohnt sie noch um die Ecke, da bietet es sich an.

Auch der Vormittag des 13. Augusts ist kalt. Teichmann bemerkt Plakate mit der Aufschrift „Ruhe bewahren“. Die U-Bahntrasse über der Schönhauser Allee, für den Berliner „der Magistratsschirm“, ist gesperrt. Leute gehen auf den Gleisen spazieren. Das „Neue Deutschland“ ist ausverkauft. Am Brandenburger Tor verkrampfen Kampftruppen neben Wasserwerfern. Die Helden der sozialistischen Heimwehr werden angegiftet. Zurzeit erzählt man sich diesen Witz: „Was passiert, wenn der Sozialismus in der Sahara eingeführt wird?“ – „Die ersten zehn Jahre nichts. Dann wird der Sand knapp.“

Wir müssen es einen Sieg nennen, egal wie es ausgeht. Nixon

Zwei Wochen später erklärt Teichmann in der Kreuzberger „Kaffeemühle“ den Freunden Großeisen und Beluga die Lage am Nordbahnhof und in der Leninallee. Da fahren die Kohlenzüge ganz langsam gen Westen. Da könnte einer mit Mumm aufspringen. Willi Erkel dringt in den Freundeskreis. Angeblich saß er in einem DDR-Knast und hat gleich nach seiner Entlassung im Alleingang Republikflucht begangen. Willi präsentiert sich als Kommunistenhasser mit brauchbaren Ortskenntnissen in Ostberlin. Er berichtet, dass Leute reihenweise im Schnellverfahren wegen Beihilfe zum illegalen Verlassen der DDR gemäß Paragraph 8 Absatz 1 des Passgesetzes in der Fassung der Änderungsgesetze vom 30.08. 1956 abgeurteilt werden.

„Eine falsche Bemerkung reicht.“

„Die ständig zunehmende Aggressivität der westdeutschen Militaristen und Faschisten, die alles tun, um die Entwicklung und Festigung des Friedenslagers zu hindern und durch einen Dritten Weltkrieg die großen Aufbauerfolge des sozialistischen Lagers zu beseitigen, haben unsere Regierung zu Sicherungsmaßnahmen in Berlin veranlasst.“ Aus einer Urteilsbegründung vom 18. Oktober 1961.

Teichmann will Cornelia sofort rausholen, aber nicht auf die sportliche Tour. Das teilt er der Runde mit. Willi verspricht das Blaue vom Himmel und erfragt die Kontaktdaten. Teichmann erfindet eine Conny Duleimstmichnicht, wohnhaft halbe Treppe in Pankow. Auf die Hausnummer habe er nicht geachtet.

Was macht Rüdiger?

Der Athlet verdirbt bei täglich zehn Minuten Hofgang. Gleich, wo er geht, steht oder sitzt, hat er sich mit dem Gesicht zur Wand und den Händen am Rücken aufzustellen, wenn Gefangene durch die Korridore geführt werden. Stellt sich Rüdiger in der Zelle auf Zehenspitzen, sieht er die Gerechtigkeitsstatue des ehemaligen Reichsgerichts, wo Georgi Dimitrow einst Hermann Göring zur Schnecke gemacht hat. Damals schwang sich der spätere bulgarische Ministerpräsident vom Angeklagten zum Ankläger auf. Nach Dimitrow wurde in Leipzig eine Straße benannt. Die Dimitroffstraße hieß mal Klitzschergäßgen. Das war vor so langer Zeit, dass selbst Rüdigers rote Oma den ursprünglichen Straßennamen nur noch vom Hörensagen kannte.

Die Wächterburg war in der Kaiserzeit das Leipziger Polizeigefängnis. Rüdiger findet es lustig, dass ausgerechnet Halli Hacksack das Essen bringt. Halli hat ein Glasauge seit einer Schlägerei. Mit Rüdigers Oma agitierte er für die Rote Hilfe Solidarität in der Bevölkerung – in den gefährlichen Zeiten der Straßenkämpfe zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Kein redlicher Sachse weiß, dass Halli sein Tagewerk als Stasischließer verrichtet.

Rüdiger liegt mit vier Mann auf der Zelle. Einer stammt aus Borsdorf. Da wohnten schon August Bebel und Wilhelm Liebknecht. In ihrer Nachbarschaft waren gefallene Mädchen interniert. Familiärer Angelegenheiten wegen ist der Borsdorfer sehr besorgt. Er kriegt sich kaum ein. Wie lächerlich ist das denn.

„Mensch, reiß dich zusammen.“

Die Belegschaft zieht den Borsdorfer Lappen über den Zellenboden.

Was macht Willi?

Die Ratte sitzt in der „Kaffeemühle“ und sabbert einer Doris das Dekolleté voll. Doris ist ohne Ehemann guter Hoffnung. Willi verspricht die Hochzeit in Weiß. Ihn interessieren nicht nur Doris‘ blaue Augen, sondern auch ihre Kontakte zu einer Goldgräberbande. Freunde von Doris graben sich von Westen nach Osten. Da sind welche, die kommen ihnen entgegen.

Doris redet so großartig, als grübe sie selbst. Und dann auch noch schwanger von irgendwem. Wie soll man da nicht ins Grübeln geraten.

Acid Beluga stellt sich ein. Er ist der erste Mauerfuchs. Dem Invaliden bietet sich der antiimperialistische Schutzwall als Nuss an, die geknackt werden muss. Willi betrachtet er als einen Freund in der Not, dem man besser nicht vertraut. Beluga hat den Krieg vom ersten Tag bis zu seiner Versehrung 1943 mitgemacht. Als er heimkam, lag ein anderer Mann in seinem Bett. Beluga verzog sich in den Keller und hüllte sich in Schweigen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee geriet er in ein Sumpflager an der Oder. Da traf er Walter Großeisen vom Mossad le Alija Bet, einer Abteilung der Jewish Agency. Mit einer arischen Legende organisierte Großeisen die illegale Auswanderung nach Palästina. Er gewann Beluga im Lager für Sicherheitsaufgaben. Nach seiner Entlassung diente er dem Aufbau eines jüdischamerikanischen Netzwerkes, das in den Fünfzigerjahren mit offiziellen Stellen in Israel verbunden wurde.

Das weiß Willi nicht. Er hält sich für erfolgreich: bei der Infiltration einer Privatinitiative, die von einem Polizisten, einem Gemüsekrüppel und einem Fleischer ins Leben gerufen wurde. Beluga ist ein Original auf dem Kudamm, mit Ansichten von der Stange. Ein kalter Krieger, der das finale Duell (mit Atomwaffeneinsatz) der Supermächte für unvermeidlich hält. Die Liebhaber seiner Frau hat er jahrelang im Keller ausgesessen. 1950 machte er eine Laube winterfest und zog in die Kleingärtnerkolonie „Harmonie“. Es ist verboten, fest da zu wohnen, aber Beluga behilft sich so nicht als einziger. Es gibt genug Entwurzelte und Versprengte, die nicht mehr bürgerlich existieren können. Frauen und Männer mit zugezogenen Gesichtern und strichdünnen Lippen. Belugas Bratkartoffelverhältnis stammt aus einem verlorenen Ostgebiet. In der alten Heimat hat man ihr auf die Kehle getreten, um Franz Fühmann abzuwandeln. Die Verstummte ist noch jung genug, um zu gebären.

1962 ist Acids Belugas Tochter Angel neun Jahre alt.

Vereist hört sich der Alte an, was Doris und Willi zu sagen haben.

Gemäß Paragraph 8 Absatz 1

Rüdiger wird gemäß Paragraph 8 Absatz 1 des Passgesetzes der DDR wegen Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Eine Straßenbauerin und ein Dachdeckermeister nicken das Urteil einer Strafkammer des Kreisgerichts Leipzig als Schöffen ab. Die Urteilsbegründung ist Justizkuriosa. Angeführt wird ein Mangel an Interesse in der Grundschule. Das zieht die Rechtsprechung in eine Klammer mit allen möglichen Verfehlungen, die noch nicht einmal die Leistungskraft von Jugendsünden besitzen.

„Die Handlungsweise des Angeklagten ist erheblich gesellschaftsgefährlich.“

Was hat das mit mir zu tun? fragt sich Rüdiger. Der Richter, ein umgänglicher Bürger, erteilt eine Zusatzlektion. Er rät zur zukünftig ständigen Berücksichtigung der Erkenntnis, dass unter dem Siegel der Verschwiegenheit „grundsätzlich alles weiter erzählt“ werde.

Die Untersuchungshaft rechnet man Rüdiger an. Er darf die Kosten des Verfahrens tragen und umziehen in die Justizvollzugsanstalt in der Alfred-Kästner-Straße. Die Straße in der Südvorstadt ist nach einem kommunistischen Antifaschisten benannt, der kurz vor Kriegsende bei Lindenthal noch rasch exekutiert wurde. Auch in der Alfred-Kästner-Straße wird im Auftrag des Ministeriums des Inneren vollstreckt. Man bringt die Verurteilten von sonstwo nachts durch einen Geheimzugang in das Gefängnis. Eine Guillotine trennt den Kopf vom Rumpf. Die Leichen verbrennen im Krematorium auf dem Südfriedhof zu Asche. Gebisse werden recycelt. Typen, die aussehen wie die Assistenten von Doktor Mabuse, kehren das Gelände mit Hammer und Meisel.

Jeder weiß, dass Rüdiger aus dem MfS-Knast kommt; der Drill sitzt in den Knochen. So zügig hat er vorher und nachher nie wieder Bewegungen verinnerlicht. Nun hockt er mit zwölf Mann zusammen. Rüdiger freundet sich mit Tauben-Paul ab. Die Asphaltkoryphäe nimmt Leute aus, die in Leipzig nicht Bescheid wissen, Provinzlemuren, die mit ihren Vorurteilen zum gefundenen Fressen werden.

Tauben-Paul verkörpert einen Mix aus Räudigkeit und Unverfrorenheit. Das Unglück seiner letzten Festnahme hat ihn in seinem mit vielen Schlichen gesicherten, eigenen Quartier ereilt. Darüber macht er sich lustig. Er animiert die Zellengenossen, sich auf seine Kosten zu belustigen. Das größte Kaliber in der Zelle ist der „Dichter“ Eberhard. Er wurde in der Kettenburg erzogen und trägt Tätowierungen im Gesicht wie der Harpunier Tashtego in „Moby Dick“.

Es gibt keine Raffinesse im Gefängnis, nur erprobte Einfallslosigkeit. Auch insofern erscheint Eberhard besonders. Das Letzte, was seine Opfer vor dem Aufschlag vernehmen, ist Rilke: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm/ und ich kreise jahrtausendelang/ und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm/ oder ein großer Gesang.“

Ein halbes Jahr später

ist Rüdiger ein Vorbestrafter, mit dem Privileg, nicht an seinen Arbeitsplatz in einer Schlosserei zurückkehren zu müssen. Eine Zeitlang geht er zeitig zu Bett. Er ist so früh auf den Beinen, dass er Zeitungen austragen oder einem Bäcker helfen könnte. Morgens um drei heizt er in der Küche seiner Eltern den Ofen an. Das Holz hat er im Vorjahr selbst geschlagen. Rüdiger genießt die häuslichen Abläufe. Die erste Tasse Kaffee, einen Kanten Brot, beschichtet mit Sirup und Leberwurst. Er tritt vor die Tür, Leipzig schläft noch. Liegestütze, Situps, Klimmzüge und Aufschwünge an der Teppichstange – Rüdiger kultiviert sein Athletengefühl, während ein neuer Tag anbricht mit seinen Geräuschen der Erneuerung und der Beständigkeit. Noch halten fremde Mächte die Kommandobrücke seines Lebens besetzt. Aber nicht mehr lange. Denn für Knechtschaft ist Rüdiger nicht gemacht.

Rüdiger fällt der Humor eines Schließers ein, der ihm zum Abschied nachrief: „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.“

Er kräftigt seine Hände. Zwei Kartenspiele zerreißt er auf einmal. Ihn kann keiner mehr vom Boden anheben. Das beweist Rüdiger auf der Herbstkleinmesse. Da steckt ihm jemand, dass Willi Erkel eine Ratte ist, die Leute reihenweise ins Verderben laufen lässt.

„Der produziert gescheiterte Republikflüchtlinge.“

Manchmal ist es so einfach wie im Märchen. Dann sagt einem jemand Bescheid. Beim Bier erinnert sich Rüdiger an den Tag, als er nach Berlin kam, noch in der Dämmerung eines Herbstmorgens. Willi hatte ihm geraten, sich der Grenze nicht zu nähern. Doch war die Grenze überall nah. Rüdiger ahmte das hauptstädtische Gehabe nach, den breitspurigen Auftritt. In einer Kellerkneipe schien die Nacht noch nicht zu Ende gegangen zu sein. Eine von denen, die den letzte Gong überhört hatten, sagte Rüdiger auf den Kopf zu, wo er herkam. Er durfte sich willkommen fühlen. Westmädchen stellte er sich unnahbar vor. Vielleicht war es besser, die Gunst der Stunde zu nutzen. Rüdiger hatte Zeit bis Mittag.

3. Januar 2018

Hessenmeister

Weltuntergang in Kürze

Wir schreiben das Jahr 1987. Noch gibt es die DDR. Auf der kapitalistischen Seite legt Vroni Ruch dem Teufel die Karten. Vroni ist die Mad Maxi von Kreuzberg. Sie leitet die Inkassoabteilung des „Instituts für aggressiven Humanismus“ und interpretiert ihre Tätigkeit als künstlerische Leistung. Mad Maxi zur Hand gehen Mändi und Freya. Die Ermahnung eines säumigen Zahlers ist im Hartreimjargon der Eintreiberinnen ein Stunt oder Hit. Mad Maxi, Mändi und Freya gehören auch zur Volksstasi. Ferner sind sie Kriegerinnen für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Sie verstärken die europäische Gewaltlinke und wähnen sich im Vorstand einer Art Autonomiebehörde. Sie träumen von befreiten Gebieten. Sie duschen in Terrorzellen und schwärmen in Banden aus. Sie sind die neuen Stämme. Die Kriegerinnen haben Prophetinnen, Heilerinnen, Seherinnen und Schlägerinnen. Der Reiseschriftsteller Benjamin Willard (er wird bald Apocalypse Now TV (ANT) gründen) erwähnt sie in seinem Bestseller The Ugly Packly of Berlin als autodidaktische Spinnerinnen.

Zu den Spitzenprodukten der DDR gehört die „Spee“-Waschmittelproduktion. „Spee“ ist eine Abkürzung von „Spezialentwicklung“. Die Produktionsstätte steht in Genthin, einer Stadt östlich der Elbe im Jerichower Land. Das Werk ist eine Henkel-Gründung aus dem Jahr 1921. Nach dem Krieg kam es zur Enteignung. Neunundvierzig wurde das „Waschmittelwerk Genthin“ volkseigener Betrieb. Man stellte zunächst noch ein „Ost-Persil“ her, das mit dem West-Slogan „Persil bleibt Persil“ warb. Seit den späten Sechzigerjahren heißt das sozialistische Persil „Spee“. Mad Maxis Vater war ein Persilkocher, bis er (mit Frau und Schwiegereltern) 1963 in den Westen machte. Er ließ die Familie von den „Berlin Ranger“ schleusen. Der israelisch-deutsch-amerikanische Fluchthilfeverein wurde im August 1961 von Achim „Acid“ Beluga, Heinrich „Taifun“ Teichmann, Walter „Kamikaze“ Großeisen, Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt gegründet.

Ein Treppenwitz der Lokalgeschichte. Mad Maxi, die ihre Freiheit einem Ranger verdankt, jagt nun im Auftrag einer Splittergruppe um Heinz Wolf und Flo Lekrem den arbeitslosen Industriekaufmann und aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann „Double Trouble“ Koslowski. Angeblich ist Tillmann einer Kriegerin für soziale Gerechtigkeit auf die Füße getreten. Seither hat das radikale Berlin kein anderes Thema mehr. Verlobt ist der junge Mann aus gutem Haus mit der Wurstmogultochter Gerda Teichmann. Den Pool seiner Geliebten erweiterte zuletzt die Journalistin Korea Grein. Tillmann verzehrt ein in Walddepots gebunkertes Vermögen. Er lagert überall in West- und Ostberlin konspirative Schuhkartons. Flankiert werden seine Einsätze von Texas „Double Action“ Thunderbolt, einem Sohn des legendäre Stonewall Thunderbolt.

„Schlankweg gebe ich zu, dass ich es nicht übers Herz brachte, mir zu verbieten, bis zu gewissen Grenzen zu bummeln.“ Robert Walser

Wilhelminische Überwältigungs- und Einschüchterungsarchitektur spielt Kulisse mit hohen Decken und einem mächtigen Foyer. Man erreicht die Anmeldung, sagt, wen man sprechen möchte. Die Dame vom Empfang greift zum Hörer. Bald kommt einem jemand entgegen. Die Gespräche werden in einem Salon geführt. Man genießt Hotelatmosphäre; nicht schick, aber gediegen. Aus dem Rahmen fallen die „Persil bleibt Persil“-Plakate.

Eine Hostess fragt Mad Maxi nach ihren Wünschen. Das findet die Kriegerin albern. Nie hat sie jemand nach ihren Wünschen gefragt. Sie ist doch immer nur eine unwirsche Person gewesen, die andere meiden, abgesehen von den Abgesprengten, die Mad Maxis Durchsetzungsvermögen anzieht.

Bettine Betz erscheint. Sie könnte dem Denkmal einer Pietistin Modell stehen. Alles an ihr ist streng. Da fällt kein Haar, wie es will.

„Ich sehe, man hat Ihnen noch nichts gebracht.“

„Ich brauche nichts.“

Mad Maxi will ausflippen und sich aufregen. Das ist ihr Zustand. In ihr wurden Erfahrungen und Bewertungen abgelegt wie Ermordete, die anderenorts kalt gemacht wurden. Mad Maxi beschreibt am Beispiel der eigenen Person den buchstäblich unfassbaren Schmerz aus einer Vergangenheit, die nicht ihre ist. Mitgefühl hat sie krankgemacht. Sie hat sich eine (Generationen umspannende) Opferbiografie zurechtgelegt, obwohl sie aus einer Täterfamilie stammt. Immerhin war die Oma Umsiedlerin. Die Geschichten der umgesiedelten Oma, die aus den üblichen Gründen „ihr Leben“ in der transsilvanischen Heimat zurücklassen musste, rührten die Enkelin. In der Gegenwart von Mad Maxis Kindheit war für die Ahne nichts von Belang. Dazu kommt der Weltuntergang in Kürze. Die Großeltern hoben sich in einem besonderen Verhältnis zu Gott auf. Sie wusste alles besser. So wie jede transsilvanische Leberwurst besser schmeckte als der Schmelzkäse in den Regalen des Jetzt.

Mad Maxi schaute mit Oma in den Himmel der Adventisten, dessen Attraktivität von einem furchtbaren Gegenteil abhängt: die Hölle für die Evangelischen, die Raucher, die Schweinefleischer und Beathörigen. Diese Leute erwartet schlankweg tausend Jahre Fegefeuer bis zur ersten Anhörung.

Mad Maxi wuchs mit Sabbatgeboten auf. Für die Kollegen auf dem Schulhof war das jüdisch als Synonym des Andersseins. Mad Maxi fand in der Isolation eine Quelle von Schuldgefühlen und Scham so wie eine Marke auf dem Weg in die Depression.

Bettine betrachtet die Versperrte ohne Sympathie.

Mad Maxi schildert das Scheitern des Vaters, der von seiner Frau in eine stille Katastrophe gezogen wurde. Die Übermacht des adventistischen Umsiedler-, im Westen dann Aussiedlerschicksals der an ihm hängengebliebenen Schwiegereltern treibt ihn in die psychische Migration. Seine Mittel der unzulänglichen Selbstbehandlung sind Taubenzucht und Alkohol. Manchmal sieht er seine Tochter auf der Straße. Sie hat kein Wort für ihn übrig.

Mit einem Blick auf die Uhr schickt die kalte Psychologin Mad Maxi auf die Straße. In der Entlassenen brennt die Scham. Sie rempelt zur Abwechslung einen Mann an, der es nicht wagt, ihren Blick zu erwidern. Jeden Morgen übt sie fünfzehn Minuten die Verschmelzung von Verteidigung und Angriff vor dem Spiegel im Flur. Final auf vital, heißt die Devise. Nicht, dass das je richtig hingehauen hätte.

Angewidert von sich selbst, kommt Mad Maxi bei Jacob Schirrmeister an, der sich mit Angel Beluga vor dem „Umbau“ unterhält. Acid Belugas Tochter war früher beim Verfassungsschutz und ist inzwischen total auf den Hund gekommen. Sie läuft mit in den Umzügen, die ihr Ehemann Heinz Wolf anmeldet. Heinz macht einen auf Andreas Baader als Redakteur. Das ist die Legende eines HVA-Majors auf Feindfahrt im Westen.

Mad Maxi zweifelt auch an den linken Männern, die linguistische Emanzipation betreiben, Anführungszeichen, Sternchen und Unterstriche in die Luft malen und damit ihrer Zeit als Gender Avantgardisten weit voraus sind.

Jacob malt auch Luftzeichen. Er wuchs in dem Vertrauen auf, Sohn eines jüdischen Widerstandskämpfers zu sein, den Nazis ermordet hatten. Seine Mutter schleifte ihn durch Europa und lebte auch eine Weile mit dem Knaben in Israel. In den Sechzigern schwenkte sie um auf Deutschland. Da blieb sie mit ihrem längst erwachsenen Sohn in einer Wohngemeinschaft. Irgendwann rückte sie die Wahrheit heraus. Ihre Eltern waren in den Dreißigerjahren aus dem Braunschweiger Land zu Leuten nach Kalisz gezogen, die Wert darauf legten, lange preußisch gewesen zu sein und sich seit dem Chmelnyzkyj-Aufstand auf eine bestimmte Weise gehalten zu haben. Jacobs Großeltern waren assimiliert, ihre säkularen Ansichten stießen auf Widerstände in der Gastfamilie. Sie versuchten ein anderes Leben, es gelang ihnen so wenig, dass sie die Tochter schließlich als Haushaltshilfe auf ein Gut gaben. Nach dem deutschen Angriff auf Polen zog die Wehrmacht das Gut an sich. Jacobs Mutter verdrückte sich mit der Erkenntnis, als besonders arisch aussehende polnische Arbeiterin wahrgenommen zu werden. Es fehlten nur passende Papiere. Jacobs Mutter verschaffte sie sich und fand Arbeit in einem Erholungsheim der SS. Da lernte sie Jacobs Vater kennen, der sofort begriff, dass er es nicht mit einer Polin zu tun hatte. Er hielt sich seinen Schatz warm, mit wieviel Liebe oder Erpressung auch immer. Jacobs Mutter überlebte ihn und verkaufte den SS-Erzeuger dem Sohn als jüdischen Helden.

Während Mad Maxi mit Angel Beluga und Jacob vor dem „Umbau“ abhängen, wartet Monika Kanu auf der Jannowitzbrücke nahe dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße auf einen Vertrauten ihres Geliebten Tillmann. In Erscheinung tritt Texas. Er führt Monika zu seinem 65er Ford Thunderbird. Fachmänner haben das Fahrzeug eingekreist und bewundern es bis zur hellen Aufregung. Einer ist beim VEB-Pneumant, korrekt VEB Reifenkombinat Fürstenwalde, beschäftigt. Es gibt eine Pneumant-Rallye. Die Firma hält eine Monopolstellung. Dem Stammwerk Fürstenwalde angegliedert sind Filialen in Riesa, Heidenau, Dresden und Neubrandenburg – mit insgesamt elftausend Mitarbeitern und einem Ausstoß von über 2.2 Millionen Reifen pro Jahr.

„Freunde“, sagt Texas, „kommt mal wieder zu euch. Ihr müsst doch einfach nur diese Fuckmauer sprengen und schon kann sich jeder einen T-Bird zulegen. Wo ist das Problem.“

Er wirft sich auf den Fahrersitz und stößt die Beifahrertür auf.

„Setz dich, Baby.“

Texas kennt die Ostdeutschen aus einer Broschüre der Navy. Sie strömen überall hin, wo sich etwas Westliches abstauben lässt. Mitunter wollen sie weiter nichts als eine leere Coladose, um damit ihre Wohnung aufzuwerten. Sie begehren Kugelschreiber und stellen sich Kataloge von Neckermann und C&A ins Regal. Dabei haben sie keine anderen Prestigeerwartungen als Westler, die mit Gesamtausgaben von Goethe und Schiller renommieren.

Für zehn harte Groschen gibt es an jeder Ecke fünf Ostmark. Texas führt Monika aus. Ihn stört nicht, dass sie wenig sagt. Sie hat die Klasse eines Thunderbirds. Mit Frauen ist es wie mit Autos, denkt Texas philosophisch. Sie müssen schon was Besonderes sein und nicht im Dutzend billiger und lieblos verarbeitet wie von der Stange.

27. Dezember 2017

Hessenmeister

Kreuzberger Amazonen

Wenn es Nacht wird in Berlin, kommt Vroni aus ihrem Bau.

Vroni schärft das Profil, bevor sie zur Arbeit geht. Sie rasiert den Schädel, konturiert die gestauchte Silhouette im Mad Max Kostüm. Sie legt Ketten an und rüstet sich mit Ringen.

Deutschland hat Feierabend, wenn Vroni aus ihrem Bau kommt. So wie sie aussieht, könnte sie nachts Gabelstapler fahren und eine europaweite Fernverkehrsfahrerinnenvergangenheit haben. Die abgesoffene Verfassungsschützerin Angel Beluga beobachtet sie im Kreuzfeuer kleiner Kreuzberger Gelegenheiten.

Da geht eine, die beruflich nie gesiezt wurde, direkt zu auf den Döner vor der Schicht.

Vroni fährt keinen Gabelstapler im Nirgendwo einer taghellen Lagerhalle am nächtlichen Autobahnzubringer. Sie leitet eine Inkassoabteilung. Ihr zur Hand gehen Mändi und Freya. Die Ermahnung eines säumigen Zahlers ist im Hartreimjargon der Geldeintreiberinnen ein Stunt oder Hit. Ich muss euch nicht erklären, was der final stunt ist.

Vroni, Mändi und Freya sind Kriegerinnen für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Sie verstärken die Berliner Gewaltlinke und wähnen sich im Vorstand einer Art Autonomiebehörde. Sie träumen von befreiten Gebieten. Sie ziehen in Gruppen herum, das sind die neuen Stämme. Sie haben Prophetinnen, Heilerinnen, Seherinnen und Schlägerinnen.

Es gibt die Volksstasi und das Institut für politische Klarheit im öffentlichen Raum. Viel funktioniert auf der Basis von Einschüchterung. In manchen Läden zahlen die Tribalen mit ihren Namen, anderswo müssen sie mit dem Einsatz von Schädelspaltern rechnen. Da gehen sie lieber nicht hin. Obenauf sind sie, wo andere nachlassen.

Der Reiseschriftsteller Benjamin Willard beschreibt den Typus in „Die Hässlichen von Berlin“, im Original „The Ugly Packly of Berlin“. Willard sitzt auf einer Bank vor dem alten Café Kerbel und beobachtet wie Angel Beluga Vroni beobachet.

Angel Beluga war mal wer als Tochter des Rangers Achim „Acid“ Beluga, dem „Beluga vom Kudamm“, und als Emma Latex Steel-Agentin im Schaufenster des freien Westens. Sie führte den besten „Berlin Ranger“ ihrer Generation, einen bescheiden auftretenden Industriekaufmann namens Tillmann Koslowski. Genannt „Double Trouble“. (Die Berlin Ranger sind eine als israelisch-deutsch-amerikanischer Bocciabund getarnte Fluchthilfeorganisation.) Jetzt ist Angel Beluga ausgebrannt, Sie ist „alle“ und „hat fertig“, wie man in der Szene sagt. Sie hängt mit den aggressiven Spritern ab, die sich immer an derselben Stelle des Grünstreifens treffen. Tätowierungen datieren die Stadien ihrer Milieukarrieren. Die Kammerjäger im Revier riechen am Verfall, noch mit Sicherheitsabstand.

Wo Aas ist, da sind auch Geier.

Die Spriter sind sesshafte Nomaden. Sie müssen draußen sein. Am liebsten laufen sie mit freiem Oberkörper ihr Gebiet ab. Ihre Rümpfe sind spastisch verspannt. Deutschtürken der dritten Generation ignorieren die Boten aus einer Anderswelt. Ihre Mütter stören sich nicht an Durchgeknallten. Sie bauen Binnengemeinschaftstunnel auf Bänken aus.

Der Flötenspieler mit der Jediritterausstrahlung verlässt den Kiosk des Palästinensers mit einer Tüte voller softer Supermarktprodukte. Seine Frau und das Kind warten im Schatten. Die Frau ist im Yogarausch, die ganze Familie im Flow. Angel Beluga tastet sich an den Gesunden vorbei, allmählich kehrt sie zu den Margen der Witterung zurück. Sie spürt, dass ein Pfandflaschensammler sie als Konkurrenz wahrnimmt. Sie erlebt die Ablehnung junger streng hierarchisch gerudelter Abfallmänner. Die Betatypen sondieren den Boden. Sie heben jeden Stummel auf und präsentieren den Fund ihrem Anführer. Frauen, die zum Studieren und Feiern nach Berlin gekommen sind und ganz genau wissen, dass sie niemals so aussehen werden wie Angel Beluga, irren über das Minenfeld.

Angel Beluga sieht den blanken Osten in der Schorfheide einer Fresse. Hinterhöfe, Kittelschürzen, Trainungshosen, Absturzstationen … der an Amyotropher Lateralsklerose erkrankte Rolf wackelt auf Angel Beluga zu. So sehen jetzt die Freunde aus. Sie sagen Hallo Angel, hastema.

Willard folgt ihr. Angel Beluga läuft oft selbst ein Weilchen hinter jemandem her. Heute folgt sie einer Vierschrötigen, die Willard schon mal mit blauer Perücke gesehen hat. Manchmal führt sie einen Hund aus. So buchstabiert Willard die Kreuzberger Amazone Vroni.

Jemand kommt Vroni jesusmäßig zu nahe.

„Du dämliches Stück Scheiße“, faucht Vroni. Sie schöpft aus einem riesigen Hassreservoir.

„Wer bist du?“ fragt der Heilige verstrahlt.

„Ich bin die, die dich gleich in den Arsch tritt.“

Heiner Müller verbindet den Mercedesstern über Berlin mit dem herausgeschlagenen Zahngold. Die Geschichte findet statt „zwischen Gewalt und Vergessen.“ „Heimat ist, wo die Rechnungen ankommen.“

Vroni spuckt aus. Auch in den weichen Männern steckt noch viel zu viel von dem, was sie am liebsten aus allen herausprügeln würde. Das nennt man Spaß an der Arbeit. Mit festem Schritt entert sie den „Wilden Kater“ am Mariannenplatz.

In der Feuerwaffensteinzeit setzte der Ladevorgang den Arkebusier gegenüber dem Bogenschützen in einen Nachteil. Bei Regen fiel der Einsatz von Feuerwaffen ins Wasser. Man baute schließlich Luntenkästen. Das verknatterte Gefummel belustigte den Gegner. Der Hochmut nannte das Geschäft des Büchsenschützen plebejisch. Heute zieht man seine Desert Eagle und erfreut sich am altmodischen Single Shot Betrieb. Vroni weiß nicht, dass der Mann auf dem ersten Listenplatz dieses Abends für sie unerreichbar ist. Da atmet Texas Double Action Thunderbolt. Der Schatzwächter vom Edersee (Hessen) nimmt die feindliche Energie über die Poren auf, die Lust trifft von allen Seiten im Zentrum ein. Die Türsteher müssen abdichten, Zutritt heute nur noch für Stammgäste. Texas strebt der negativen Kraft entgegen. Er penetriert sie ohne Staub aufzuwirbeln. Seine Aura leuchtet.

Vroni verbirgt ihre Augen mit den Händen.

„Bist du der, auf den alle warten?“ fragt Vroni hypnotisiert. Texas könnte sofort bei ihr einziehen. Sie würde ihm Griesbrei machen und ihre Hörigkeit genießen.

In diesem Augenblick

betritt Angel Beluga den „Wilden Kater“.

Nähert sich Willard der Kaschemme.

Besteigt Heinz Wolf die Pan Am Maschine nach Frankfurt am Main. Der HVA-Major auf Feindfahrt muss einen Stunt in der Gegend von Kaltental vollbringen. Heinz lebt mit Angel Beluga in der Kreuzberger Waldemar Straße zusammen. Er hat der Geliebte seelisch das Kreuz gebrochen und sie zur Alkoholikerin gemacht. Heinz befleißigt sich einer Tarnexistenz als Journalist. Er wirkt messianisch an der Spitze einer gewaltlinken Splittergruppe. Sein Stellvertreter ist der Maler Flo Lekrem.

Flo Lekrem gibt gerade der Journalistin Korea Grein in der Restaurantgalerie „Sonnenstudio“ ein Interview, das unter dem Titel „Kunst muss wieder politisch sein und weh tun wie die Inquisition“ erscheinen soll.

Manfred Uffland steigt in einen Barkas der Stasi. Die Stasi hat keine Verwendung für Manfred in ihrem ausgeklügelten Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Man findet es auf keiner Karte. Manfred wurde zum Gefangenen, weil er die Republikfluchtabsichten seiner Frau Petra einem Freund aus Kindertagen anvertraute – unserem HVA-Heinz, der als Weltmann mit Kapitänsmütze neben einer edel deodorierten Reisenden Platz nimmt, während Manfred wieder einmal nicht weiß, wohin die Reise geht. In seiner Angst erlebt er einen Höhepunkt des Sprachverlustes. Er verdreht Wörter in Gedanken und reagiert auf die Sinnentstellungen wie auf Einflüsterungen. Manfred ist dabei, seinen Verstand zu verlieren. Seine Frau ist bei Vroni untergekommen.

Petra Uffland lugt an einem Schrank vorbei, der beinah das ganze Fenster in ihrem Zimmer verstellt. Ihre psychologische Beurteilung im Spiegel von Manfreds Einlasssungen stellt sie als bindungsgestörte Persönlichkeit dar. In wechselnden Nebenverhältnissen versuche sie ihre Beziehungsdefizite abzustellen. In der Küche unterhalten sich Radikalfeministinnen über eine Denkschrift von Jamal Tuschick. Sie erschien erstmals 1829 im Morgenblatt für die gebildeten Stände. Tuschick war allerdings ein Pseudonym. Es verbarg einen energischen Parteigänger der Feuillants. Tuschick startete als Girondistenjäger und endete als Monarchist. Im Mai 1794 soll er an keinem Tag nüchtern geblieben sein. Er fand dann gute Gründe, einen Preußen aus sich machen. Rechtzeitig zur Hinrichtung von Couthon erschien er in Paris und etablierte sich als Korrespondent und Diplomat. Regierungen unterhielten in der Hauptstadt ständige Vertretungen, die nicht landsmannschaftlich adäquat besetzt wurden. Tuschick vertrat zwei junge Republiken ohne Glauben an eine gesegnete Volksherrschaft. Er schrieb: „Der Weltgeist spricht französisch. Nicht jeder versteht ihn.“

Die Revolution hatte aus ihm einen Aristokraten gemacht. Schließlich erschien ihm nichts abstoßender als die Forderung nach Gleichheit. Tuschick hielt Vorträge im Bordell und lobte die Zensur. Allgemein nahm man ihn als Spätaufklärer wahr. Leute, die es besser wussten, rechneten Tuschick zur Avantgarde der Reaktion. Konterrevolutionäre und was sich sonst noch royale Emigration schimpfte, zogen den Gelehrten auf Schlössern ins Vertrauen.

In diesem Augenblick

hält der Barkas und entlässt Manfred in das Allerweltsgefängnis Rummelsburg in Lichtenberg.

Unterhält sich Tillmann „Double Trouble“ Koslowski mit Achim „Acid“ Beluga auf einem Hinterhof des Kudamms. Die beiden verbindet ein unausgesprochenes Vatersohnverhältnis. Acid betrachtet Tillmann als Erben auf der ganzen Linie seiner Investitionen so wie als Flügelmann und Versorger der erkrankten Tochter Angel. Er hat sich in Tillmann einen Nachfolger herangezogen.

Tillmann erscheint nicht mehr so durchgreifend wie noch vor zwei Wochen. Er ist als Fluchthelfer verbrannt und außerdem arbeitslos. Seine „Schleusungsorganisation“, wie korporierte Fluchthilfe im Stasi-Deutsch heißt, spezialisiert sich gerade auf „Passschleusung“. Sie verspricht einen sauberen Ablauf. Der Flüchtling schließt sich einer Reisegruppe zum Beispiel nach Warschau an. Im Transitraum des Warschauer Flughafens erhält er den gefälschten Pass und ein Ticket. Damit reist er als Bundesbürger weiter. Es geht sogar ohne Pass. Zuletzt schleusten die Ranger eine DDR-Bürgerin als Stewardess verkleidet an Bord einer Chartermaschine aus Budapest nach Wien. (Ungarn ist die ideologische Schwachstelle des Ostblocks.) Man strebt weiche Lösungen an und sucht nach Möglichkeiten zur Arrondierung. Arrondierung ist das Wort der Stunde.

In diesem Augenblick

türmt sich Beiseitegeräumtes vor Angel Beluga auf. Die Beobachterin stellt fest: „Das Abgeschaffte vermehrt sich wie Geziefer unter einem Stein.“ Sie wird nicht müde, es in Gedankenkästen zu archivieren. Das ist ihre neue Arbeit. Dazu trinkt sie Bier wie ein Maurer.

20. Dezember 2017

Hessenmeister

Tobsüchtiges Schweigen

Manfred Uffland signalisiert, keiner weiteren Belastung standhalten zu können. Seine Kooperationswilligkeit bedurfte zu keinem Zeitpunkt einer Ermutigung. Nach der ersten Vernehmung hatte er bereits alles erzählt. Manfred wird trotzdem durch die Mühle gedreht von einem zivil auftretenden Offizier, der Psychologe ist.

Hohenschönhausen war ursprünglich eine Großküche. Man findet das Stasi-Untersuchungsgefängnis auf keinem Stadtplan. In seiner Umgebung experimentieren Wissenschaftler in der realsozialistischen Version von Q‘s Labor – der HVA-Computer-Abteilung. Im kriminaltechnischen Institut des Ministeriums für Staatssicherheit in der Genslerstraße 13 verbaut man für Entführungsaktionen schalldichte Zellen in Westfabrikaten.

Quartiermacher für die Staatssicherheit der DDR war das NKGB. Dieses Institut der engagierten Rechtspflege nahm Maß am ersten sowjetischen Geheimdienst. Die deutschen Verbündeten wurden mit dem „Tscheka“-Terrorstil vertraut gemacht. „Tscheka“ steht für „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Gegründet wurde der Staatssicherheitsdienst 1917. Es ging den Tschekisten in der Unmittelbarkeit der Nachkriegszeit nicht nur darum, Geständnisse zu erpressen, die Geständnisse mussten in jedem Fall unterschrieben werden. Sie produzierten Gulag-Absolventen. Die Signatur unter einer druckvoll zustande gekommenen Zugabe ist eine Manie geblieben, ob es sich nun um Mondraub handelt oder um das Versenden einer Flaschenpost.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) betrieb das NKWD zehn Speziallager, unter anderem zwei in ehemals nationalsozialistischen Konzentrationslagern, und drei „Innere“ Gefängnisse. Zum Standort Hohenschönhausen gehörte das Speziallager 3 in der Genslerstraße und ein Haftarbeitslager, das später vom MfS als Lager X deklariert und 1974 aufgelöst wurde. Bis 1948 kamen vor Ort in sowjetischer Regie tausend Häftlinge ums Leben.

Die Eingekerkerten landeten im sogenannten U-Boot in ewiger Kellernacht. Tageszeiten wurden zur Desorientierung ausgeblendet. Die „Deutsche Lubjanka“ war so feucht, dass Haare schimmelten. Die Gefangenen verbrachten ihren Arrest in den Sachen vom Tag der Verhaftung. Es gab keine Anstaltskleidung, keine medizinische Versorgung und unter verschärften Umständen nicht einmal den Fäkalienkübel. Man folterte legal nach dem Recht der Sieger. Zellen wurden unter Wasser gesetzt. Man quälte die Eingesperrten außerdem mit Überbelegung, Stehzwang, Schlafentzug, Hunger, Hitze, Kälte, Helligkeit und Dunkelheit. Mit Stalins Tod endete die Ära physischer Folter in der offiziellen Lesart.

1951 übernahm das neugegründete Ministerium für Staatssicherheit in Hohenschönhausen die Regie, wenn auch zunächst noch in einem Unterordnungsverhältnis zum großen Bruder. Ab 1959 errichteten Häftlinge einen Trakt für dreihundert Insassen gleich neben der Küchenkatakombe. Der Neubau entstand unter dem Titel „Objekterweiterung“. Er stellte 103 Zellen und 115 Vernehmungszimmer bereit. Ende 1960 war das Untersuchungsgefängnis bezugsfertig.

Was vorher geschah.

Nach Hohenschönhausen verbringt man Manfred Uffland, der eine Absicht zum illegalen Grenzübertritt seiner Frau Petra dem Freund Heinz Wolf (Name von der Redaktion geändert) gegenüber privat angezeigt hat – mit der Vorstellung, der HVA-Major Wolf könne als Freund an offiziellen Regimehärten vorbei Petra dazu bewegen, in der DDR (und in der Ehe) zu bleiben. Mit dieser Vorstellung hat sich Manfred tief geschnitten.

So geht es weiter.

Heinz verschränkt die Hände hinter dem Kopf und lehnt sich demonstrativ gelassen zurück. Er hat zugenommen, seit er in Westberlin einen linksrassistischen Journalisten verkörpert, der mit einer eigenen Miliz prahlt, die sich Volksstasi nennt.

Heinz beobachtet abgeschirmt von einer Glaswand, die nur auf der Rückseite durchsichtig ist, eine Vernehmung. Manfred Uffland signalisiert, keiner weiteren Belastung standhalten zu können. Seine Kooperationswilligkeit bedurfte zu keinem Zeitpunkt einer Ermutigung. Nach der ersten Stunde hatte er alles erzählt. Manfred wird trotzdem durch die Mühle gedreht von einem zivil auftretenden Offizier, der Psychologe ist.

Abtrünnige Stasi-Mitarbeiter büßen nach den Urteilsverkündungen weiter in Hohenschönhausen. Weibliche Häftlinge arbeiten ab Urteil in der Küche. Die Vernehmer dienen dem Außenhandel, sie sorgen für Devisen, indem sie Geständnisse produzieren, die zu langen Haftstrafen führen und von der Bundesrepublik im Freikaufmodus abgekürzt werden. Das bleibt ihr Business, bis beinah zu dem Tag, als Erich Mielke sich über die Bedingungen in seinem eigenen Gefängnis beschwert, obwohl er als erster und einziger Gefangener auf den Rosenhof darf. Der Mensch braucht Natur und sei es in einer Schrumpfform – diese Erholung für das Auge erhält der Häftling nur als Gratifikation für besonderes Entgegenkommen. Dann zupft der Vernehmer an der Gardine und der Bearbeitete erntet einen Blick auf Grünzeug.

Heinz trägt die Schuld an Manfreds Not. Er hat den Freund hinters Licht geführt. Manfred und ihn verbindet eine gravierende Trutzgemeinschaft in ihrer Kindheit. Manfred verließ sich nicht leichtgläubig auf ein Versprechen von Heinz. Manfreds Not erinnert Heinz an väterliche Strafen wie das Knien auf einem Holzscheit mit dem Gesicht zur Wand. Widerstand war undenkbar … die Maßlosigkeit der Reaktionen auf alles, was nicht totale Unterwerfung war.

Die Mutter war abgekratzt, so sagte es der Vater, sie hatte sich aus dem Staub gemacht, indem sie starb und folglich ihre Arbeitskraft der Familie vorenthielt. Sie war in den Tod desertiert und hatte den Vater mit zwei Töchtern und einem Sohn zurückgelassen. Der Vater war in ein tobsüchtiges Schweigen verfallen. Die Schwestern verbargen sich in unerschöpflicher Teilnahmebereitschaft am Gemeinschaftsleben. In der zwangskollektivierten Landwirtschaft dachten die Alten anders als die Jungen. Immer war Streit, der sich durch die Familien wälzte und in allen Generationen ausgetragen wurde.

Heinz hatte Manfred sofort verraten, schon in dem Augenblick, als Manfred sagte: Hör mal, Heinz, du weißt, ich habe noch mal geheiratet. Du kennst die Petra nicht. Sie will abhauen und mich mit der Kati (Tochter aus erster Ehe) alleinlassen.

„Ich rede mit ihr. Ich klär das für dich. Mach dir keinen Kopf.“

Das hatte Manfred im ersten Höllenkreis seinem Vernehmer mitgeteilt.

„Ich dachte, der Heinz.“ (Vermutl.: „regelt das“. Anmerkung der Redaktion.)

Wir kennen uns ewig, ich habe ihn vorher noch nie um einen Gefallen gebeten.“

Heinz bestreitet die gegenwärtige Gültigkeit der Freundschaft.

Manchmal funktioniert eine Lüge besser als die Wahrheit. Heinz hat Manfred und Petra zwar im Auftrag der Firma verladen, trotzdem kontaminiert ihn die private Nähe zu dem Mann einer Frau, die Errungenschaften des Sozialismus nicht zu schätzen weiß. Natürlich fällt das massiv auf den Mann zurück. Heinz, der im Westen als Ehemann der ausgebrannten Verfassungsschützerin und Möchtegernschriftstellerin Angel Beluga erscheint, ist in Wahrheit mit Brigitte verheiratet und hat zwei Söhne. Brigitte nimmt sich immer wieder Freiheiten heraus, die angesichts der angespannten Klassenlage in die Nähe von Insubordination gerückt werden müssen.

„Als Offizier hat man auch in der Familie Führungsaufgaben.“ (Aus einem Dossier.)

Der Vernehmer erläutert Manfred die Folgen jeder Verminderung der Vorbehaltslosigkeit auf dem weiten Feld der Unterwerfung. Sie geschieht strikt und kontrolliert auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen.

Verschulter Terror – Manfred beschwört die Rückhaltlosigkeit seiner Einlassungen. Als sein Ermittler käme Heinz zu dem Schluss: der Mann lügt nicht. Er wollte noch nicht mal in den Westen.

Zwei Tage später zur Stunde des Hofgangs

Manfred fängt an, den Vernehmungsmarathon als reguläre Beschäftigung zu begreifen. Morgens führt man ihn aus der Zelle in ein Büro. Er setzt sich an den Tisch, wechselt mit Glück ein Dutzend private Wort, das Tonband läuft. Befragung bis zum Mittagessen um zwölf. Serviert wird in der Zelle, es folgt der Freigang in einem gemauerten Rechteck unter freiem Himmel. Auf einem Wehrgang patrollieren Bewaffnete.

Sehen wir des Schicksals Webern bei der Arbeit zu. Der Untersuchungshäftling Manfred beendet seinen Hofgang. Er vermisst seine Festigkeit im Glauben an den Sozialismus. Noch hält er seine Lage für eine Folge von Missverständnissen. Während ein Schließer ihm befiehlt, sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen und ihm noch rät, bloß keinen Blick zu riskieren, besteigt Martha Wegner in Schönefeld eine Maschine der Malév Hungarian Airlines. Die DDR-Bürgerin will heute noch in einem Budapester Flughafen einen gefälschten westdeutschen Reisepass und ein Ticket in die Freiheit übernehmen. Der Pass stammt aus der Werkstatt in der Ostberliner Genslerstraße. An dem Transfer verdienen MfS-Mitarbeiter. Hauptamtliche, die wissen, dass sie einer maroden Sache dienen, haben sich zu einem Schleuserring zusammengeschlossen. Das sind durch die Bank junge Leute. Seit Jahren geht die Intelligenz zur Stasi (nicht zum Theater), man könnte das einen Trend nennen, den zu bemerken, die westlichen Dienste versäumen. Den Journalisten Jamal Tuschick, Texas Thunderbolt und Captain Ben Willard verdanken wir einen abgrundtief aufgerundeten Einblick in das von käuflicher Liebe, Barbesuchen am Alexanderplatz und literarischen Geheimtipps flankierte Treiben eines Syndikats, das Tuschick präzise den „Konnopke Kreis“ und so auch die „Currywurst Connection“ (nach dem Lieblingsgericht der Staatsgangster) nannte. Ich empfehle einen Artikel (erschienen am 07. August 1992 in der Frankfurter Rundschau). Aus technischen Gründen hier nur ein Auszug:

Die Promischleuser aus der Normannenstraße

Sie waren Psychologen, Philosophen und Philologen. Sie kamen aus guten Familien und sie glaubten an den Sozialismus. Trotzdem vergingen sie sich an ihrem Staat als Fluchthelfer.

Ein Bericht von Jamal Tuschick (Frankfurt am Main/Berlin), Texas Thunderbolt (Lubbock/Kassel/Kaltental/Berlin) Captain BL Willard (Wabern/weltweit)

Widerstand und Exil waren die Adelsattribute der DDR-Gründergeneration. Die Kinder der Überzeugten wurden zu Wachsamkeit erzogen. Der Klassenfeind stand überall. Die Geburt des Sozialismus aus allen Übeln des niedrigen Menschseins verlief kompliziert. Eine dünne Decke von höchstens zehn Prozent der Bevölkerung schützte das neue Deutschland mit der Bereitschaft zum bewaffneten Kampf. Die Besten waren musisch und militärisch begabt. Sie verstärkten mit ihren Fähigkeiten und ihrem Glauben das MfS. Auch in der Volksbühne und am BE trugen ihre Ideen Früchte. Doch fand sich da auch eine korrupte Clique um Fart Lekrem (einem Cousin des Westberliner Kotkünstlers Flo Lekrem), die eine Fluchthilfeorganisation für High Potentials der DDR aufbaute. Pro „Transport“ kassierten die Schleuser bis zu einer Million Dollar. Der harte Kern machte nach den Erschütterungen von Neunundachtzig weiter in Allianzen mit der bulgarischen und der kretinischen Mafia. Tote pflasterten den Weg der ehemaligen Idealisten, die in den Neunzigern als Drogensüchtige mit Alimenteschulden vollkommen scheiterten.

Soweit Jamal Tuschick. Wir danken ihm für seine großzügige Unterstützung unserer Arbeit. Mitte der Achtzigerjahre konkurrierte die Ostberliner „Currywurst Connection“ mit den Westberliner „Berlin Ranger“, ein als israelisch-amerikanisch-deutscher Bocciabund getarnter Fluchthilfeverein um den Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, den Fleischgroßhändler Heinrich Teichmann, den polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen, den texanischen Gitarrenbauer Grandslam Coogan, den texanischen Klavierstimmer Stonewall Thunderbolt und seinen Sohn Texas sowie den Industriekaufmann Tillmann „Trouble“ Koslowski. Tillmann ist mit Teichmanns Tochter Gerda verlobt. Obwohl er als Fluchthelfer verbrannt und außerdem arbeitslos ist, riskiert er Aufenthalte in Ostberlin, wo ihn die Geliebte Monika Kanu erwartet. Ferner bahnt sich etwas an mit der amerikanischen Germanistin Loretta Morgenstern, die freiwillig in der DDR lebt, und mit der in Westberlin stationierten Kasseler Journalistin Korea Grein. Tillmann flirtet zudem mit Acid Belugas Tochter Angel. Die ehemalige Verfassungsschützerin wurde systematisch von der HVA zersetzt. Als Alki-Ehefrau lebt Angel Beluga mit ihrem Zerstörer Heinz Wolf in der Kreuzberger Waldemar Straße. Der HVA-Major auf Feindfahrt im Westen gibt sich im demokratischen Teil Berlins salonkommunistisch. Er macht auf Frontstadtjournalist. Die Westberliner Radikallinken feiern ihn. Im Interview mit Captain Willard für Apokalypse Now TV nannte Tuschick Heinz W. „das größte Dreckschwein, das ihm je untergekommen“ sei.

Während Manfred den Kopf hängen lässt wie ein alter Esel und Martha in einer Stimmung zwischen Angst und Freude ins Flugzeug steigt, teilt Gerda ihrer Mutter den Hochzeitstermin mit. Die Frauen unterhalten sich auf dem Gelände des Teichmann’schen Fleischgroßhandels zwischen Wind und Wogen. So sagt man in der Familie. Beide sind auf dem Sprung, beide finden ihr Glück ein bisschen zu klein, ohne deshalb gleich unzufrieden sein zu wollen. Beide haben noch viel vor.

Während Gerda hochgestimmt und aufgeregt zum Kudamm strebt, um sich mit diesem und jenem gut zu versorgen, offenbart sich Monika ihrem Geliebten im Bett. Das Bett steht in einem Apartment am Kollwitzplatz, das von den „Berlin Ranger“ als Hauptstadtstützpunkt unterhalten wird. Als Wirtschafterin der konspirativen Wohnung bewährt sich Loretta Morgenstern. Die amerikanische Sozialistin nervt das realsozialistische Experiment nur noch. Trotzdem will sie in der DDR bleiben. Sie will sich und den anderen ihr politischpersönliches Scheitern nicht eingestehen.

Monika möchte in den Westen. Sie stellt Tillmann ein gemeinsames Leben in Aussicht. Er fällt aus den Wolken auf den Teppich der Tatsachen. Tillmann lebt mit einer Konstruktion, die es ihm erlaubt zu glauben, dass er Gerda eigentlich gar nicht betrügt. Das Fremdgehen gehört zu der verwegenen Parallelexistenz eines Berlin Ranger. Der Ranger kann nicht anders, als sich auch nach vier harten Getränken noch ans Steuer zu setzen. Das berührt seine Gesetzestreue so wenig wie illegaler Waffenbesitz und Schwarzgeldgeschäfte.

Monika ahnt nichts von der Krise, die ein Satz von ihr ausgelöst hat. Von der Stimme ihres Herzens wurde sie darüber informiert, dass Tillmann sie liebt und er sie auch gern um sich hat. Die Einschätzung verirrt sich nicht in der Gegenstandslosigkeit. Das ist so. Zwischen Monika und Tillmann stimmt die Chemie. Wenn sie sich berühren, brennt die Luft. Sie unterhalten sich sogar noch nach seinem Orgasmus. Trotzdem besitzt Monika kaum Realität für Tillmann. Er betrügt sie nicht im Beischlaf mit Loretta oder Korea. Es gibt all diese Personen nur zu seinem Vergnügen. Gerda ist was anderes. Von ihr will Tillmann Kinder und den Betrieb ihres Vaters.

Loretta begleitet die Vertraulichkeiten auf der Gitarre im Wohnzimmer. Ein Tonband läuft und suggeriert den Lauschern eine musikalische Unterrichtssituation. Die in der Nähe rauchende IM Florine registiert keine besonderen Vorkommnisse.

Während Manfred in seiner Zelle auf die nächste Vernehmungsrunde wartet, Martha einen Flug bei guter Sicht genießt, Gerda auf dem Kudamm bummelt, Monika unter Tillmann zum dritten Mal binnen vierzig Minuten kommt, Loretta verdrossen in die Saiten greift und IM Florine die Reife eines Pickels prüft, besucht Angel Beluga den Spirituosenhändler ihres Vertrauens. Der Palästinenser stammt aus einer Stadt im Westjordanland, die alle nur für ein Flüchtlingslager halten. Immer sitzt einer aus seiner Familie im Gefängnis. Er erträgt es nicht, wenn jemand sagt, man müsse beide Seiten verstehen. Er ist randvoll mit einem Kummer, der ihn verrückt macht. In seiner Unruhe findet Angel ihren Frieden. Er lässt sie zwischen Kisten sitzen und trinken, halb allein und oft ganz versunken. Angel ist zufrieden. Sie sieht die Asche fallen und hört den Herzschlag des Quartiers. Manchmal notiert sie eine Zeile. Ab und zu erscheint ein Flötenspieler mit Jedi Ritter Ausstrahlung. Auf seinem Nacken zackt ein Davidstern.

Kreuzberger Grasnarbe

Während Manfred dem Vernehmer seine republikflüchtige Frau Petra so schildert, als sei sie bloß eine Bekannte und die Ehe nie vollzogen worden, sitzt Petra Uffland in der Küche einer Kriegerin für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Vroni nennt sich Meisterin der Achtsamkeit und unterrichtet ihre Kunst bei angenehmen Temperaturen auf einer Kreuzberger Grasnarbe. Sie ist zahlendes Mitglied im „Institut für Kunst im politischen Raum“ und gehört zur Volksstasi. Sie kennt, verehrt und unterstützt Flo Lekrem und Heinz Wolf, vermutet aber keine Verbindung zwischen Petra und den Männern, die sie für redliche Kommunisten hält. Vroni hat Petra von der Straße gelesen.

Sie fragen sich, warum Petra nicht in ihrem Logierhaus am Tiergarten geblieben ist. Das erzähle ich nächste Woche.

Sehen wir weiter des Schicksals Webern bei der Arbeit zu. Manfred lügt im Schweiße seines Angesichts und erfüllt Erwartungen nach Schema F. Martha schläft im sozialistischen Luftraum. Gerda winkt dem „Beluga vom Kudamm“ zu. Das bundesweit bekannte Obst- und Gemüseurgestein Achim „Acid“ Beluga ist für sie ein Onkel. Beluga lässt es sich nicht nehmen, alles stehen und liegen zu lassen, um die Tochter seines Rangerfreundes Heinrich Teichmann in die Arme zu schließen. Man trifft sich beinah jeden Tag mit der gleichen Begeisterung.

In diesem Augenblick rüstet Monika zum Aufbruch. Sie hat schon die Mütze auf. Mit einem Seitenblick prüft sie die seelische Verfassung ihres Liebhabers. Loretta trennt sich von der Gitarre. Angel Beluga haut an einem Bierkasten einen Kronkorken vom Flaschenhals. Sie rülpst zufrieden. Ihr Gastgeber grinst. Der Yedi Ritter befragt sein Gedächtnis wegen etwas, dass ihm entfallen ist.

Die Kunst als 5. Gewalt

Petra wärmt ihre Hände an einer Tasse Tee. Vroni bereitet sich auf den Abend vor.

Während Vroni ihre Bewaffnung anlegt, räumt Heinz in einer geheimen Wohnung am Kottbusser Tor ein paar Sachen in einen Flugbeutel. Auf den Namen Florian Feige hat er für den nächsten Tag einen Pan Am Flug in die Bundesrepublik gebucht. Eine dienstliche Angelegenheit macht die Reise nötig. Seine Volksstasi hat er instruiert, nicht nur Tillmann und Angel Beluga, sondern auch Gerda und Korea im Auge zu behalten. Heinzens schräge Vögel geiern in der Stadt. Ihren Terror nennen sie Kunst. Kunst deklarieren sie als fünfte, selbstverständlich politisch nicht korrekte Gewalt. Ihr Motto: Gegen Nazi hilft nur Nazi. Und wer Nazi ist, das bestimmen wir.

13. Dezember 2017

Hessenmeister

Afrikanisches Blut

Die Originalbesetzung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ löste sich 2011 auf. Im Mai 2013 erhob der Generalbundesanwalt Anklage u.a. gegen Beate Zschäpe. Die Anklageschrift stützt die Vorstellung von einer Terrormonade, die sich ab 1998 isolierte und nach ihrer Selbstzerstörung nichts Anschlussfähiges zurückließ. Nun sind neun zusätzliche Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Beschuldigte und ein Verfahren gegen Unbekannt („Strukturermittlungsverfahren“) anhängig.

Im Prozess spielt die Bundesanwaltschaft eine Doppelrolle. Sie ist Verteidigerin und Staatsanwältin zugleich. Sie vertritt die Bundesrepublik als (von einer terroristischen Vereinigung) Geschädigte und sie hält die Bank der Anklage. Durch diese Konstruktion scheint das Primat der Staatsräson. Jede andere Feststellung zeigt sich in dem Verhältnis inferior, zumal die Bundesanwaltschaft den Regierungsstandpunkt zu berücksichtigen hat, ihr folglich die Unabhängigkeit einer judikativen Instanz fehlt. Amtlich hintertreibt sie die Aufklärung staatlicher Verstrickungen: zur Abwendung von Schäden am Gesellschaftskörper und so auch zum Schutz der Organe. Ich erinnere an das neblige Verständnis des Richters Manfred Götzl für Andreas Temme. Der Verfassungsschützer war zum Zeitpunkt von Halit Yozgats Ermordung 2006 in einem Kasseler Internetcafé anwesend, will vom Tatgeschehen aber nichts mitbekommen haben.

Die Perspektive der Hinterbliebenen bleibt im Vergleich mit so viel Hoheit „eine Leerstelle“ (Funda Özfırat). Es stellt sich die Frage, was gewesen wäre, hätten Mundlos und Böhnhardt autochthone Deutsche erschossen. Für einen wie Heinz Wolf (Namen von der Redaktion geändert) sind die Killer Helden aus dem Herzen Deutschlands. Heinz ist vehementer Willkommenskulturgegner. Das Bollwerk der Ablehnung kennt viele Aktivisten, die in der Manier eines Horst Mahlers den Rechtsruck an der eigenen Person vollzogen haben. Als malerischer Salonkommunist und Kunstkenner stieg Heinz im letzten Jahrtausend zu einem Messias der Westberliner Linksradikalen auf. Heute verstärkt er in der AfD die Achse Gauland-Höcke. Die Betrachtung schießt ins Groteske, weiß man denn, dass Heinz 1984 von der Hauptabteilung Aufklärung im Westen platziert und als Romeo auf die Verfassungsschützerin Angel Beluga angesetzt worden war. Kollegen im Ministerium für Staatssicherheit nannten Heinz den eiskalten Engel des Ostens. Angel Beluga erlag nicht nur seinem Charme, sondern auch dem Alkohol. Sie verkam und endete als Schriftstellerin. 1987 bewog Heinz das damals gerade aufgeflogene Fluchthelfergenie Tillmann Koslowski zu einer letzten hochriskanten Schleusung. Jetzt sitzt er mit SS-Maik in der Highend Bar und erwartet seine Entmündigung von einer sozialen Ingenieurin voller Hass auf alte, zur Gegenwehr kaum noch fähige Machos und anderen Profiteure des deutschen Gesundheitswesens. Maiks zahnloser Kennerblick identifziert die soziale Chefingenieurin als Schlampe par excellence. Doch traut selbst er sich nicht, ihre seine Verachtung zu zeigen.

„Zieht die Schuhe aus und lasst die Jacken liegen.“

ist die erste Ansage. Eine Internierung könnte so losgehen. Eben klumpten alle herum, jeder mit seinem Telefon beschäftigt, jeder im stillen Furor der Auslöschung historischer Gebärden. Kein Mensch weiß mehr, wie man in den alten Zeiten vor Smartphone die letzten Minuten vor dem Versammlungsaufruf überstand. Einschlägige Informationen wurden dem kollektiven Gedächtnis entzogen. Es gibt nur noch das neuste Jetzt und die große Erzählung von einer Vergangenheit mit Dampflokomotiven, die fliegen konnten.
„Sichert euren Scheiß. Wir haften für nix.“

Im nächsten Augenblick formieren sich im Wohlstand Versprengte zu einer Gemeinschaft interaktiv Erfahrener. Interaktive bekämpfen kein Gefühl von Verlorenheit in fremden Räumen. Vertreibung und Flucht stehen nicht auf ihrer Agenda. Sie fürchten nicht, anzuecken oder aus dem Rahmen zu fallen. Sie wissen Bescheid. Theater ist Entgrenzung und geht immer weiter. Insane ist normal. Sollte die Aufforderung erfolgen, für eine Teilnahme „am Ballett zur Wahrung des intergalaktischen Friedens“ (D. Rabinovici) Maßnahmen zu ergreifen, wüssten alle, was zu tun ist. Das Publikum verschmilzt mit den sozialen Ingenieur*innen, um „Strukturen der Integration” zu begreifen. Zurzeit startet jede willkommenskulturelle Performance mit interaktiv jogistischen Einlagen.

„Was bedeutet es, sich zu integrieren?“

Leute, die die Wahl haben, verhalten sich in dieser Regie der sozialen Ingenieur*innen so, als gäbe es keine Alternative zu ihrem Mittun.

Die Nummer heißt Abtanzen beim Feind. Die Aktivistinnen lassen Heinz und Maik in ihren Reihen stöbern und kobern. Die Musik nimmt alle mit, sie löst die letzten Sperren.

Heinz begreift die orgiastisch annehmende Dimension des Willkommens der sozialen Ingenieur*innen. Daher kommen die Alarmlinks zu den vielen jungmännlichen Flüchtlingen in den Überfremdungsbeschwörungen. Heinz steuert eine Frau „mit afrikanischem Blut” (Maik) an. Sie könnte in ihm ihren Erlöser sehen.

In der Gegenwart von 1987

Heinz trinkt einen Kaffee mit Maik. Maik schwafelt vom Glück seiner seit dreißig Jahren verheirateten Eltern. Der Vater war Radsportler in der Täwe Schur Ära gewesen. Jenseits der Agentenlegende ist Heinz mit Brigitte verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Im Sommer steht ein gemeinsamer Ungarnurlaub an. Heinz schottet sich gegen das Geschwätz ab und versucht es mit einer Erinnerung an die Zeit, als die Kinder noch nicht da waren und Brigitte und er am Plattensee zum ersten Mal gemeinsam Urlaub machten. Das Hotel stand direkt am Wasser. Plattenbau in der Paprika-Variante. Die Architektur war deutlich ansehnlicher als in der DDR. Die Liegewiese kündigte die Steppe schon einmal an. Die Sonnenschirme knallten. Die westdeutschen Urlauber regten Heinz sofort auf. DDR-Bürger sind in Ungarn Touristen zweiter Klasse. Alle lechzen nach der harten Mark. Brigitte konnte es kaum erwarten, sich zu zeigen. Sie beschwor die Notwendigkeit einer Abkühlung. Heinz wollte erst einmal ankommen und Ordnung schaffen. Ein Machtkampf entbrannte.
Heinz erzwang seine Reihenfolge. Er glaubte, das sei wichtig in einer Ehe. Wer mehr verdiente, sollte auch mehr zu sagen haben, fand er. Heinz verdiente zweitausendsechshundert Mark (als Vernehmer). Wie sollte sich seine Frau im Leben zurechtfinden, wenn er sie in dem Glauben ließ, das, was er verkörperte, ließe sich mit unerwachsenem Vorwitz toppen.
Der Raum war geschickt aufgeteilt. Er wirkte wie ein kleines Apartment mit separatem Schlafzimmer. Schließlich ließ Heinz Brigitte laufen, sie sah sich nach ihm um und winkte hemmungslos.
Ungarn gab den Vorreiter des westlichen Lebensstils im Ostblock. Das Risiko, abgehört, bespitzelt und in Schwierigkeiten gebracht zu werden, bestand trotzdem. Heinz blieb auf der Hut. Er beobachtete den Schwarztausch der Westdeutschen. Ihre Geschäftspartner waren die Kellner.
Die Erinnerung bringt Heinz seine Frau nicht näher. Er hat stets getan, was von ihm erwartet wurde und darunter gelitten, dass sich Brigitte nicht genauso einfügen konnte. Die DDR-Psychologie geht von einer im Sozialismus heraufgestimmten Persönlichkeit aus. Abweichungen sind Defizite. Heinz musste sich sagen lassen, dass Brigittes Persönlichkeit mangelhaft sei.

Tage später früh am Abend in Ostberlin

Mangelhaft ist auch die Persönlichkeit der zur Republikflucht entschlossenen Petra Uffland. Heinz überrascht Petra. Sie ist allein mit ihrer Tochter in der Wohnung und nicht bereit, Besuch zu empfangen. Heinz lässt sich nicht aufschieben. Er drängt in den Flur und weiter ins Wohnzimmer. Ohne Umschweife erklärt er Petra, dass er sie unter vier Augen sprechen müsse. Petra weigert sich zuerst, ihre Tochter wegzuschicken. Heinz droht, ihre Fluchtabsichten herumzuposaunen. Petra erbleicht, sie büßt ihr Stehvermögen ein. (Petra verliert ihre Gesichtsfarbe. Sie muss sich setzen.) Die Tochter reagiert besorgt, ohne ängstlich zu sein. Heinz gelingt es lediglich, sie mit einem Versorgungsauftrag kurz zu distanzieren. Heinz nutzt den Augenblick, um Petra zu informieren. Es läge allein bei ihr, ob sie nach Westberlin dürfe oder direkt ins Gefängnis käme. Heinz hat mit ihrem Mann verabredet, Petra einzuschüchtern und dann die Sache auf sich beruhen zu lassen. Entgegen der Verabredung ist Heinz entschlossen, Petra mit Tillmanns Hilfe in den Westen zu schaffen, um sie da zu bearbeiten. Er befiehlt ihr, die Tochter wegzuschicken.
„Die Petra Uffland wusste die Entfernung der Tochter geschickt einzurichten. Warum sie ihre Familie zurückzulassen bereit war, gab sie nicht an. Sie wirkte körperlich geschwächt, doch willensstark. Ihr Entschluss schien unumstößlich.“
Heinz zweifelt an Petras geistiger Gesundheit. Er rät ihr, sich zu beeilen. Sollte er in Schwierigkeiten geraten, würde er sie denunzieren. Das müsse ihr klar sein.
„Die Eindringlichkeit meiner Vorhaltungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung. Die Uffland schien ihre Umgebung kaum wahrzunehmen und die Konsequenzen ihres Tuns nicht zu begreifen.“
Petra begleitet Heinz wie ferngesteuert. Er übergibt sie Tillmann in einem wegen Urlaub geschlossenen Fotoatelier am Rosenower Platz. Der Berlin Ranger hält den HVA-Major für einen politischen Spinner und linksrassistischen Publizisten, der Meinungsführerschaft in Westberliner Zirkeln anstrebt. Den Mann kann man nicht für voll nehmen. Tillmann rät Heinz, ihm das Weitere zu überlassen und sich nicht einzumischen. Das widerstrebt Heinz. Er versucht Druck auszuüben und Zeit zu schinden.
„Uneinigkeit herrschte auf dem Deck des weiteren Vorgehens. Ich gab dem Koslowski seine Lage zu bedenken. Er zeigte sich so unbeeindruckt wie ein Verrückter.“
Um seine Westberliner Legende nicht zu riskieren, nimmt Heinz Abstand von der Absicht, bei Tillmann und Petra zu bleiben. Er verzieht sich, führt die Observation aber weiter. Doch verlassen weder Petra noch Tillmann für ihn sichtbar das Atelier.

Tage später

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder Mensch eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft den eigenen Verstand und seinen Instinkt. Er will ganz einfach nicht die Brustwärme des Vertrauens auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Er will nicht auskühlen. Deshalb weigert sich Tillmann das Offensichtliche anzunehmen. Er liegt zwischen Gerda und Angel Beluga im „Sonnenstudio“ auf den neuen Flachstühlen.
Das „Sonnenstudio“ ist ein Schauplatz des Kreuzberger Augenblicks – Galerie, Restaurant und Tanzcafé mit Tischtelefonen. Gesehen hat man da bereits Grace Jones und Dolf Lundgren. In der VIP Lounge konspirieren arabisch-kurdische Familienväter. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Flo Lekrem, bundesweit bekannt als „Fäkalflokati“ (stern), „Kotkünstler“ (FAZ) und Neoequilibrist (Qickborner Morgen).
Tillmann beschäftigt das Schicksal von Petra. Sie ist verschwunden. Heinz behauptet, im Westen von ihr nichts gesehen und gehört zu haben. Tillmann hatte sie zu einem Logierhaus am Tiergarten gefahren und sich damit seiner Verpflichtungen entledigt. Als er sich am nächsten Tag nach ihr erkundigte, bestimmt nicht aus Fürsorge, war sie schon weg. Gestern war er im Hotel, um sich sagen zu lassen, wer das Zimmer gebucht hatte. Halten Sie sich fest. Flo Lekrem hat das Zimmer für zwei Wochen gebucht und bezahlt. Der Maler besaß vor einem halben Jahr noch nicht mal eine Kreditkarte. Er hängt auch mit diesen Staatsfeinden ab, die Heinz zu ihrem Guru gemacht haben.

6. Dezember 2017

Hessenmeister

Das überlegene Tier

„If you don‘t cannibalize yourself, someone else will.“ Steve Jobs

Das überlegene Tier schnappt nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwingt ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.

Westberlin im Sommer 1987

Was heißt typisch Berlin? Nehmen Sie Flo Lekrem als Beispiel für eine mediokre Existenz. Kreuzberger Autoren schildern den (laut Eigenwerbung) „Scheißkünstler“ als überschäumende Persönlichkeit am Rand des Nervenzusammenbruchs. Alle Konzepte und Gerüste des Ichs haben in seinem Fall ihren provisorischen Charakter bewiesen. Lekrem hat seine Möglichkeiten überlebt. Jedenfalls behauptet das sein Schicksal, das einen eigenen Schatten wirft. Das Schicksal liegt Lekrem in den Ohren und sagt ihm das Schlimmste voraus. Es orakelt einen Orkan der Verzweiflung herbei,

„noch bevor du in einem Scheißhaus umkommst.“

Schon jetzt transzendiert alles Richtung Hoffnungslosigkeit. Doch ist das erst der Anfang. Früher glaubte Lekrem, dass die revolutionäre Unterwanderung sein Spiel sei. Heute weiß er es besser. Er taugt zu nichts.

Das hört, liest und riecht er jeden Tag, seit er sich mit Aktionisten vom „Institut für Schönheit im öffentlichen Raum“ angelegt hat. Sie nennen sich auch Volksstasi. Diese Leute stehen im Schatten ihres Führers Mark auf dem Standpunkt: Wem wir übelwollen, der ist unmoralisch. Dem bringen wir Moral bei.

Moral muss wehtun.

Ihr Credo lautet: Ethik ist die neue Ästhetik. Sie zeigen Lekrem die volle Breitseite ihrer Möglichkeiten. Geld, Zeit und Raum spielen für sie keine Rollen. Gutangezogen zünden sie Stinkbomben und zeigen dann auf den Künstlerpopel. Sie legen Lekrem lahm und nennen das Aktionskunst. Juristisch kann ihnen keiner. Die Feinde der repräsentativen Demokratie spielen mit den Formularen des Rechtsstaats. Sie lachen sich schlapp über den ratlosen Unwirsch hinter ihren tapferen Schirmen der Anonymität.

Lekrem havariert seelisch. Soll er doch, sagen Sie. Was interessiert uns ein Flo Lekrem! Der Mann bringt nicht nur die eigene Notdurft auf Leinwände. Er lässt sich die Scheiße anderer Leute widmen. Die Entstehungsprozesse seiner Bilder sind Ereignisse (mit allen Beteiligten), von denen wir nichts wissen wollen. In fünfundzwanzig Jahren wird Lekrem eine völkische Verbindung der AfD zuführen, und Eingeweihte werden sagen: Das war abzusehen.

Zur gleichen Zeit in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wir betrachten eine Szene in der Kollwitzstraße, wo die amerikanische Germanistin (und enttäuschte Kommunistin) Loretta Morgenstern für die amerikanisch-israelisch-deutsche Fluchthelfergemeinschaft „Berlin Ranger“ eine Wohnung als Stützpunkt illegaler Aktivitäten bewirtschaftet.

Loretta behauptet zu wissen, dass sich „Vorboten einer Gewitternacht“ auf Litauisch zu „Koueööaimdus“ verkürzt. Ihre Leidenschaft für die DDR ist zwar verflogen, aber ein Stück Schneewittchenkuchen isst sie doch gern. Der legendäre Berlin Ranger Tillmann „Trouble“ Koslowski hat ihn gebacken und über die Grenze geschafft. Ich erzähle gleich wie. Tillmann trägt ein John Crocket Vollzwirnhemd. Das ist eine Erklärung (Statement) und zugleich eine subtile Beleidigung der herrschenden Verhältnisse.

Der Westmann sitzt mit seiner Ostgeliebten Monika Kanu und der heftig in ihn verliebten Loretta in dem von Büchern und Wallewalle verdunkelten Wohnzimmer und fragt sich, wie lange das noch gutgeht. Zweifellos wird Monika observiert. Die Besuche bei Loretta covert die Legende vom Gitarrenunterricht. Offiziell unterrichtet Loretta Monika zur Zeit der Schäferstunde. Das limitiert die Begegnungen auf überzogene neunzig Minuten. Absolute Gleichmäßigkeit wäre verdächtig. Loretta ist aber über jeden Verdacht erhaben. Sie lebt freiwillig in der DDR und stammt aus einer Familie, die Bürgerrechtsbewegungen Repräsentanten liefert. Sie ist Spezialistin für die deutsche Literatur des Exils. Man konsultiert sie bei Fragen zu Anna Seghers. Als Gitarristin kennt man sie eher nicht, sie ist klassisch ausgebildet, was dem Vortrag einfacher Lieder der Arbeiterbewegung eine prahlende Note gibt. Während Tillmann und Monika miteinander im Bett spielen, schlägt Loretta im Wohnzimmer Saiten an. Dazu läuft ein Band, das eine Unterrichtssituation konserviert.

Es ist der Risikojunkie in Tillmann, der ihn solche Manöver fahren lässt. Die Gefahr erregt ihn stärker als Monika. Obwohl er ihre Haut liebt und nach Heiner Müller alles eine Frage der Haut ist. Er nennt den Ton skandinavisch braun. Monika hält ihren Teint für russisch. Eine Großmutter hatte was mit einem Russen, wie freiwillig, weiß man nicht. Immer wieder kehrt Monika in der Umgebung der Zeugung ihrer Mutter ein. Man riss Frauen Ringe aus den Ohren. Die Frauen bluteten aus den aufgeschlitzten Lappen. Die Sieger quartierten sich in einem Herrenhaus ein und bewohnten es gemeinsam mit ihren Pferden. Das kommt stockend aus einer, die nicht gesprächig ist. Trotzdem lässt sie manchmal ihren sächsischen Clan in einer Schote aufmarschieren, mit Vater und Mutter, Brüdern und Schwestern, Onkel und Tanten. Das ist so etwas anderes, als die bindungslose Verworfenheit, die Sabine (eine andere Geliebte des Tillmann Koslowski, Anm. der Redaktion) geprägt hat.

Festung Familie. Die Beobachtung bestärkt Tillmann in der Notwendigkeit, (seine Westverlobte) Gerda bald zu heiraten, schon um den kommenden Kindern keinen alten Vater zuzumuten.

Im Grunde taktet die Stasi Tillmanns Verhältnis zu Monika ideal. Nicht selten schlummert er postkoital entspannt, wenn Monika mit ihrer Gitarre und dem Habitus einer Kirchenkreisaktivistin aufbricht. Tillmann verlässt die Wohnung erst, nachdem Besuch am Abend die Lage unübersichtlich gestaltet. Erscheint ihm der Auflauf nicht groß genug, gibt es Auswege über das Dach in ein anderes Treppenhaus oder zu einer Remisenflucht, in der Lorettas schwarzer Tatra steht.

Tillmann legt eine Platte auf, irgendwas von Schostakowitsch, und setzt sich zu Loretta, Monika ist eben weg.

„In Kansas haben meine Freundinnen und ich die Jungen benotet auf einer Skala von eins bis zehn. Welche Note würdest du mir geben?“

„Die glatte Zehn.“

„Du lügst. Die würdest du nur dir geben. Das macht dich zu einem interessanten Fall.“

Tillmann begreift die Ansprache als Aufforderung über den Tisch nach Loretta zu greifen.

„Ich wusste, dass du es so auffassen würdest. Du bist basal.“

Basal heißt banal. Wenn schon. Sich auf die Vertracktheiten anderer Leute nicht einzulassen, gehört zur richtigen Atmung. Tillmann begreift die Spinnerei der Welt als Generaleinwand gegen die Angst vor der Leere. Tillmann liebt die Leere. Er atmet in den Unterbauch und gibt seine Energie über die Hände ab. Loretta seufzt auf. Sie ist eine direkte Schülerin von Tetsuhiro Hokama. Auch sie gibt ihre Energie über die Hände ab. Loretta und Tillmann synchronisieren ihre Atmung. Beide brauchen keinen zweiten, um das zu erreichen, was sie gemeinsam anstreben. Es ist nur eine Spielerei.

„Du lässt mich nicht allein kommen, hörst du“, sagt Loretta.

„Ich hatte das heute schon zweimal.“

„Sei nicht zu unhöflich.“

„Da du mich sehr darum bittest.“

Zur gleichen Zeit überquert ein Kundschafter des Friedens früher als geplant die Grenze auf der Heinrich-Heine-Straße Richtung Kreuzberg. An diesem Übergang wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. In jedem Fall gab es Tote. Der HVA-Hauptmann Heinz Wolf ist, wie er bald angeben wird, in ungewohnt nachdenklicher Verfassung. Ein Freund hat ihn von den Fluchtabsichten der eigenen Frau in Kenntnis gesetzt. Er wollte die Anzeige vertraulich behandelt wissen. Heinz hat ihm nicht nur versprochen, die Sache diskret zu regeln, er ist auch entschlossen, sein Wort zu halten. Er will die Abtrünnige abhauen lassen, um sie im Westen erpresserisch einzutüten. Nur wer kriegt den illegalen Grenzübertritt sauber hin? Heinz denkt an Tillmann, der ihn für einen antideutschen Salonkommunisten und Journalisten hält und außerdem für den Verlobten einer Verfassungsschützerin. So bunt ist Berlin. Wolfs Braut Angel Beluga, deren Vater Achim „Acid“ Beluga ein Gründer der „Berlin Ranger“ ist, führt den freien Verfassungsschutzmitarbeiter (und aufgeflogenen Fluchthelfer) Tillmann. Sie selbst wird von Heinz geführt. Die Doppelagentin quatscht oft eine Runde mit Tillmann in der Galerie „Sonnenstudio“, wo die „Kackbilder“ von Flo Lekrem für Ekel gesorgt haben, bis Gewöhnung eintrat. Lekrems Kunst sei „wie der Gazastreifen“, behauptete Korea Grein in der Berliner Zeitung.

Tillmann ahnt nicht, dass ihn Angel Beluga verlädt und die Hauptabteilung Aufklärung (HVA) schon lange alles und mehr über ihn weiß.

Klaffende Bauchdecke

Heinz sieht aus wie Gojko Mitić. Fast zu markig wirkt er neben den pseudolinksradikalen Milchschnitten, mit denen er außerparlamentarische Opposition spielt und deren Gedankensprünge und Gefühlsausbrüche er betreut. Heinz, ein Meister der toxischen Narrative, viril, intelligent, skrupellos, erscheint als neuer Messias der Westberliner „Politdeppen“ (Peter Hacks). Im Jetzt des Geschehens sucht er einen Parkplatz für seinen Renault. Er vermutet Angel Beluga im „Sonnenstudio“.

Heinz hat recht. Angel Beluga unterhält sich mit dem Journalisten Captain Benjamin Lincoln Willard von AN („Apokalypse Now TV). Captain Willard vermutet, dass die HVA im Auftrag des Politbüros eine Schleusergang im Rahmen eines Devisenbeschaffungsprogramms betreibt. Die Flüchtlinge müssen in Deutscher Mark oder Dollar zahlen und leben oft nicht mehr lange im Westen. Ich greife vor. Ein paar Offiziere, die wissen, dass es die DDR nicht mehr lange geben wird, haben das Geschäft aufgezogen, ohne die Greise an der Spitze zu informieren.

„Warum sagen alle Captain zu Ihnen?“ fragt Angel Beluga betrunken.

„Keine Ahnung“, antwortet Captain Willard entgegenkommend. Früher haben alle Sir zu ihm gesagt, einmal abgesehen davon, dass Willard bereits Colonel war, als er Kurtz im Dschungel traf. Er hat seine Orden nicht vor dem Capitol weggeschmissen und sich nicht langhaarig an Antikriegsdemonstrationen beteiligt. Seit den Pilgrim Vätern war jede amerikanische Einwanderergeneration in Kämpfe verwickelt. Jahrhunderte war das Verschweigen und die Leugnung des Grauens tugendhaft gewesen.

Plötzlich reden alle über ihre traumatischen Erfahrungen.

Captain Willard gefällt Angels angekratzte Grazie. Sie hat sich mit einem Cocktail aufgemöbelt, der für Laienspieler tödlich wäre. Es geht ihr also gut, Tillmann stellt ein beschlagenes Glas vor ihr ab. Angel bedankt sich für die Aufmerksamkeit beim falschen Mann. Der Spender registriert das kognitive Versagen mit einem Anflug von Bedauern. Tillmann zieht weiter, er ist erst seit einer halben Stunde wieder im Westen. Das „Sonnenstudio“ ist Galerie und Restaurant, Tillmann besetzt einen Nischenplatz und bestellt „Falscher Hase“, eine Erdbeerwurstkreation aus dem Hause Teichmann. Auf dem Top der Bedienung steht „Kunststudentin“.

Die Ironisierung der Wahrheit weist auf etwas schwer Verdauliches hin. Bevor das Essen auf den Tisch kommt, setzt sich Korea zu Tillmann. Er hatte Gerda zum Frühstück, Monika zum Kaffee und Loretta zum ersten Glas des frühen Abends, er braucht einen Moment der inneren Einkehr am Rand der allgemeinen Aufregung. Aber Korea schert sich einen Dreck um die Bedürfnisse des attraktiven Industriekaufmanns. Sie streift ihre Schlappen von den verhornten Fersen, die Zehen wackeln naturkindlich bis zum Nebentisch. Wir sind mal wieder da, wo locker großgeschrieben wird.

„Wie findest du die Sachen vom Lekrem?“

Natürlich will Korea das gar nicht wissen. Tillmann zählt zu den Banausen, die in ihrer Freizeit irgendwas mit Kultur konsumieren, so wie man nach dem Kino noch was essen geht und hinterher wieder nicht weiß, was öder war, der Fraß oder der Film. Trotzdem muss das sein.

Tillmann antwortet nicht, weil er die Frage richtig verstanden hat als Überleitung zu einer längeren Bemerkung, in der es auch nicht um Kunst geht. Korea sucht einen Begleiter, der männlich wirkt und die Platzhirsche auf Abstand hält, bei einer Recherche in der Hundekampfszene. Korea möchte sich verkleiden und als eine andere auftreten, in Begleitung eines Mannes, der ihre Möglichkeiten übersteigt. Koreas Lebensgefährte ist der Verleger Waldemar Heringsdorf. Er hat das nobilitierende von abgelegt, das Vermögen der Altvorderen passte in eine Sparbüchse. Mit ein paar populären Titeln aus der Welt des Sports und der Unterhaltung hat sich Waldemar ein Polster verschafft, das Haus in der Toskana, die Eigentumswohnung in Wilmersdorf und noch was hier und noch was da. Korea kauft sich gerade vorausschauend ein, mit Erspartem und Ererbtem. Das bildet die Basis ihrer Existenz. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2026 wird Korea von Entscheidungen profitieren, die sie mit Anfang Zwanzig traf. Bis zu Waldemars Tod bleibt sie seine Gefährtin. Das hält sie von Verhältnissen nicht ab. Ihre Lebensgleichung lautet Geld und Körper. Das findet Tillmann ehrlich. Ihm wird Korea angenehm bleiben.

Aus Koreas Hundekampfartikel:

„Zwei aufgestachelte Mischlinge mit extrascharf geschliffenen Zähnen (sechs Zentimeter lang) wurden in einem Keller einander zugeführt. Wie im Boxring war ein Gong das Kommando für die Herrchen gewesen, ihre dreißig Kilo schweren Hunde loszulassen. Die Leiber krachten aufeinander, die Zähne rissen sofort Wunden. Eine Bauchdecke klaffte auf, im ersten Anlauf. Das überlegene Tier schnappte nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwang ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.“

30. November 2017

Hessenmeister

Eins zu null für die HVA

Sie nennen ihn den Ingenieur. Markus „Mischa“ Wolf ist Behördenchef der ostdeutschen Auslandsspionage HVA. Er dient dem KGB in erster und Erich Mielke in zweiter Linie. Dem einfachen Minister fühlt er sich haushoch überlegen und zeigt das auch. Im Gegenzug missbilligt Mielke ausführlich den lockeren Lebenswandel des Intellektuellen, der aus einer kommunistischen Familie kommt, die im „richtigen Exil“ war. – Anders als der über seinen Sohn Thomas gestolperte, ehemalige stellvertretende Kulturminister Horst Brasch, der den Faschismus im kapitalistischen Ausland überlebte. Wolf kann sich auf einen bedeutenden Vater und einen berühmten Bruder berufen, das gestattet ihm manche stalinistische Scharade. Mitte der Achtzigerjahre verlässt er seine zweite Frau Christa, geb. Heinrich. Die seit 1976 mit Wolf verheiratete Schneiderin und offensive Stasi-Zuträgerin aus Lauterbach in Thüringen kommt kaum darüber hinweg, dass ihre Freundin Andrea Stingl den Scheidungsgrund liefert. Die Elektrofachkraft saß 1968 wegen versuchter Republikflucht vier Monate im Stasigefängnis von Hohenschönhausen und dient nun als Fußpflegerin in den Reihen der DEFA. Andrea ist alles andere als eine passende Partie. Mielke tobt, angefeuert von der linientreuen Christa.

Um den Kopf freizukriegen, nimmt die Betrogene eine Auszeit an der bulgarischen Schwarzmeerküste. In einem Badeort lernt sie einen Bundesdeutschen kennen. KV hält um ihre Hand an und schaltet den Bundesnachrichtendienst ein. Der Dienst aktiviert den Westberliner Industriekaufmann und professionellen Fluchthelfer Tillmann Koslowski. Koslowski kann sich nach Belieben in der DDR aufhalten. Er rät davon ab, von Pullach aus direkt in das Verhältnis hineinzuregieren. Trotzdem wendet sich der BND mit einem Schleusungsszenario und konkreten Anweisungen an Christa. Der Brief landet auf Mielkes Schreibtisch. Obwohl Christa kooperiert, wird in ihrem Fall Totalüberwachung angeordnet. Der Prozess ihrer Entmündigung läuft an. Im Herbst Sechsundachtzig erfolgt die Scheidung von dem bereits zurückgetretenen Generaloberst Wolf.

Zu diesem Zeitpunkt hält Koslowski einen konspirativen Kontakt zu Christa für ausgeschlossen. Ende November trifft er den Mann einer seiner Ostberliner Geliebten im „Metropol“. Sabine Billung kennt das Hotel von Einsätzen „mit frauenspezifischen Methoden“ wie es im HVA-Jargon heißt. Es bietet dreihundertvierzig Zimmer sowie einige Apartments und Suiten. Es gibt eine hoteleigene Yacht, einen Limousinen-Service, einen Bankett Saal – und als Höhepunkt des sozialistischen Savoir-vivre, eine „Panoramasauna“ in der zwölften Etage mit Sommerterrasse auch im Winter. In der „Jägerstube“ bringt Sabine Billung ihre aktuellen Männer an einen Tisch. Gatte Peter ist blau wie ein Russe. Aus Aufzeichnungen für den Verfassungsschutz, die nicht von Tillmann stammen: Peter Billung ist Waffenträger im Rang eines Majors. Er verfehlt auf Anhieb den passablen Eindruck. Man kriegt von so einem Schmierlappen nichts ohne üblen Beigeschmack. In seiner Gegenwart verdrehen sich die geraden Linien. Kein ehrliches Gewerbe kommt für ihn in Frage. Billung ist seiner Natur nach Schieber, Drücker, Mauschler und Eckensteher. Er behauptet, gefälschte Einreisestempel in Ungarn besorgen zu können.

„Das ist doch interessant für dich und deine Leute im Grunewald.“

Tillmann verzieht keine Miene. Sabine wringt die Hände Richtung Tillmann. Sie versucht emotional mitgenommen zu wirken. Peters Geschäftsmodell wäre unter anderen Umständen fabelhaft. Tillmann besorgt echte westdeutsche Pässe, die in Ungarn verfälscht werden. Mit den Papieren könnten DDR-Bürger in die Freiheit fliegen.

Sabine parkt ihre Hände auf Tillmanns Schenkel und setzt ihren Schlafzimmerblick ein. Tillmann bewundert die Leichtigkeit, mit der sie die Poller des gesunden Menschenverstands umrundet.

Tillmann wird von zwei Seiten bearbeitet. Das hat er noch nicht erlebt. Er entschließt sich, das NSA-Standardverfahren zu praktizieren. Überfallartig küsst er Sabine. Sie ist so überrascht, dass sie den Mund aufmacht und sich in totaler Umklammerung schon halb bewusstlos vom Tisch wegziehen lässt. Peter interveniert. Tillmann hookt ihn um. Sabine kreischt trotz Ausbildung. Vier Greifer nähern sich Tillmann. Er kann sich absetzen. Den Mustang lässt er stehen. Wind schießt wie auf einer Eisbahn zum Alexanderplatz. Tillmann verdrückt sich in eine Schwemme und nimmt sich den Novomat vor – die DDR-Variante des einarmigen Banditen. Ein Plakat erinnert an Valeska Gert. Am Tresen erklingt die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Das Wetter wird mit heidnischen Einflüsterungen besprochen. Stets mussten die Winter überlebt werden, mit der Aussicht auf einen Frühling. Älteste Befürchtungen stecken in den Wetterberichten, die man sich so zukommen lässt, als hätte jeder sein eigenes Wetter.

Die Küche empfiehlt Eisbein. Ein Fuchs schnürt über die Straße, das ist keine Sensation, manchmal kehrt der Fuchs auch ein.

Tillmann nimmt einen alten Wildwechsel nach Westberlin. Er ist aufgeflogen, verbrannt und arbeitslos. Er kann nie mehr legal in die DDR. Auch in seinem Teil der Stadt ist er nicht mehr sicher.

Am Übergang Heinrich-Heine-Straße wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. Ein paar Meter weiter sitzen die Berlin Ranger Walter Großeisen und Tillmann Koslowski mit dem amerikanischen Journalisten Ben Willard im Moritzeck an einem Ende von Kreuzberg und reden über den neusten Frontstadthype – „die Intelligence Community von Westberlin“ (Spiegel Titelgeschichte im Dezember 1986). Tillmann erhebt sich gegen die Huberei: „Die Intelligence Community besteht aus Leuten, die Zeitungen auswerten. Ich meine Zeitungen aus dem Ostblock. Die haben keinen nachrichtendienstlichen Wert.“

Captain Ben Willard von der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ (AN) widerspricht:

„Auch Desinformation ist Information.“

Die Bedienung ist schwanger. Sie knackt Kronkorken mit einem Feuerzeug vom Flaschenhals und reicht die Flaschen wie am Fließband an. Es ist halbfünf, der gemeine Berliner begeht seinen Feierabend gewohnheitsmäßig mit Bier und nur ausnahmsweise aus der Flasche, die Zapfanlage ist ausgefallen.

„Mal was anderes“, sagt Willard zu Tillmann, „du warst doch mit dieser Sabi Billung zusammen. Gib mal die Kontaktdaten. Wenn die nicht KGB ist, dann heiße ich Scheunentor.“

„Ob HVA oder KGB, welchen Unterschied macht das?“

When you’re facing a loaded gun, what’s the difference? Wie viele Wanderer zwischen den Welten, gleicht Tillmann einem Somnambulen und erscheint oft ohne jede Geistesgegenwart. Er ist über den Punkt, sein Überleben in Abhängigkeit von seinen Fähigkeiten zu sehen. Er ignoriert Regeln der Eigensicherung, setzt sich mit dem Rücken zum Geschehen und unterlässt die Erkundung von Fluchtwegen. Er glaubt nur an sein Glück und nennt es Zufall, um es nicht zu beschreien. Die Gefahr macht ihn abergläubisch. Hat er seinen Talisman im Bett vergessen, kehrt er um.

Die Bedienung kommt an den Tisch, rotzig mit haftender Kippe. Ein Gör der Gegend in blinder Bereitschaft, die nächste Generation Plagen in die Welt zu setzen. Ihr Stecher bewacht sie. Er steht an einer Thekenschmalseite und redet mit Männern, die in Lohn und Brot stehen, Gärten, Autos und Frauen haben, aber trotzdem wie Tippelbrüder aussehen, weil sie nun mal zu den Verdammten gehören und sich das auf ihr Selbstbewusstsein ungünstig auswirkt.

„Wollt ihr noch was?“ fragt die Bedienung uninteressiert.

Sie kann nichts dafür, denkt Tillmann. Es steckt alles in den Genen.

„Drei und drei, aber nicht erst morgen früh um vier“, ordert Willard. Er liebt fremdsprachliche Eigentümlichkeiten und umgangssprachliche Wendungen. Er ist froh, nicht von Deutschen abzustammen. Seine Vorfahren waren Schotten.

Was zuvor geschah.

Captain Benjamin Isaac Willard recherchiert im Auftrag der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ das Geschäftsmodell einer Schleuserbande, die hochrangige DDR-Bürger in den Westen bringt. Jeder „Transport“ bringt eine Dollarmillion.

Verdient die HVA mit? Ist das auch nur ein Devisending für die ewig klamme DDR?

Der Clou bei der Geschichte: die Hälfte der Geschleusten überlebt das erste Jahr in Freiheit nicht. Ganze Familien erloschen an Kinkerlitzchen wie Lebensmittelvergiftungen und Sonnenbränden. Willard nahm Kontakt zu dem aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann Koslowski auf, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr in den konspirativen Betrieb eines deutsch-amerikanisch-israelischen Freundschaftsbundes verstrickt ist. Die Berlin Ranger wurden im Jahr der Mauer von dem Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, dem Fleischermeister Heinrich Teichmann, dem Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen sowie den texanischen Pfadfindern Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt gegründet. Sie haben zuletzt die Ostberliner Diplomatentochter Alberta Brasch in den Westen gebracht.

Acid Belugas Tochter Angel bewirbt sich gerade um die Spitzenposition einer Frührentnerin. Die kalt gestellte Verfassungsschützerin agierte als Doppelagentin auf Tuchfühlung mit Markus Wolf, wurde fallengelassen und in Hohenschönhausen so bearbeitet, dass sie nur noch auf dem Zahnfleisch kriecht. Sie raucht Kette, trinkt, kokst und vertrödelt ihr Leben in der Galerie „Sonnenstudio“, die mit den „Kackbildern“ von Flo Lekrem Schlagzeilen gemacht hat. Beluga steht unter Aufsicht des HVA-Majors Heinz Wolf, der sich in Westberlin als antideutscher Salonkommunist, Journalist und Kunstkenner ausgibt. Seine Eltern waren auch im „falschen Exil“. Sie überwinterten in London, anstatt sich in Moskau säubern zu lassen. Angel und Heinz stellen sich als Paar mit gemeinsamer Wohnung (in der Kreuzberger Waldemarstraße) dar. Angel liebt heimlich Tillmann, der einmal ihr Informant war und den sie verraten hat. Tillmann ist in den festen Händen der Fleischermeistertochter Gerda Teichmann. Seine beiden Ostberliner Geliebten, Sabine Billung und Monika Kanu, sind für ihn nicht mehr erreichbar – könnte man meinen. Der Grenzwolf kennt Wege in den Osten, er verkehrt weiter mit Monika. Er trifft sie nun nicht mehr in ihrer Platte am Hauptbahnhof, sondern in einem Apartment der Berlin Ranger im Kollwitzkiez, das von der enttäuschten Kommunistin und nun wieder dem Westen zugewandten amerikanischen Germanistin Loretta Morgenstern konspirativ bewirtschaftet wird. Als sich Loretta von Amerika nach Ostberlin begab, ging das durch die Weltpresse. Auch sie ist hoffnungslos in Tillmann verliebt und deshalb eifersüchtig auf Monika.

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erstellt am 23.11.2017