Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt: Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die auf Faust-Kultur in wöchentlicher Fortsetzung erscheinen.

Fortsetzungsroman von Jamal Tuschick

Hessenmeister

21. Februar 2018

Hessenmeister

Die Nacht von Yucatán

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Ayat erhob schon Anspruch auf Vera, als sie noch zur Schule ging. Der Syrer war stellvertretender Geschäftsführer bei Brilliant Optik, fuhr Porsche und sah aus wie Philip Roth. Eher noch wie eine Mischung aus Roth und James Caan als hitzköpfiger Sohn von Marlon Brando. Ayat interessierte sich nicht für unsere Gepflogenheiten. Er eckte an.

Er sprach fließend Deutsch. Noch in seinen verträglichen Momenten spürte man eine Verachtung für das Deutsche. Wir verstanden die Verachtung nicht und nicht das frontal Fordernde seines Wesens. Ein paar Versuche, Ayat von den Füßen zu holen, scheiterten. Er verbündete sich mit Einwanderern aus den ehemaligen GUS-Staaten.

Was haben die Russen mit dem Araber? fragten wir uns.

Wir verweigerten die Annahme der Information, dass Ayat kein Araber und noch nicht mal Muslim war; so wie die Zuwanderer nicht unbedingt Russen waren und sie nichts deutlicher verfehlte als die Zuschreibung Russlanddeutsche. Aber so sah man sie im hessischen Grenzland kurz vor Unterfranken: als Nachkommen von Kolonisten deutscher Provenienz, die Katharina nach Russland geholt hatte. Dass sie kein Deutsch konnten und weder evangelisch noch katholisch waren, erklärten wir uns mit Stalins antideutschem Säkularitätsterror. Die neuen Nachbarn hatten ihre kulturelle Identität in einer Gulaggesellschaft verloren.

In ihrem letzten Schuljahr hielt Vera ein Referat über die Metamorphose des Kaisermantels. Kaisermantelraupen ernähren sich von Veilchen. Die Arbeit provozierte vergleichende Bemerkungen zum Balzverhalten von Schmetterlingen. Bei Wurzelbohrern locken oft Männchen die Weibchen an. Manche geben Pheromone im Flug ab. Flugunfähige Weibchen verkehren die Geschlechtsroutine. Die Verstümmelten nehmend hockend Männchen für sich ein.

Zwanzig Jahre später

Vera und ich packen Proviant in die Botanisiertrommel und traben an im Geschirr gemeinsamer Vorlieben und einer langen Geschichte der zögerlichen Liebe. Auf freiem Feld erwarten wir die Dämmerung. Uns belohnt der Durchzug eines Wurzelbohrerschwarms. In einem Traum vor zwanzig Jahren sah Vera, wie ein Weibchen des Großen Gabelschwanzes zwei Eier auf ein Pappelblatt setzte. Zwei Tage später erfuhr sie von ihrer ersten Schwangerschaft. Sie berichtete mir bald von dem Traum. Sie erzählte die Geschichte so, als sei sie im Traum schwanger geworden. Ich erinnere einen nasskalten Nachmittag im Café am Markt. Vera lebte in einem Himmelreich. Ayat war Marxist, Feminist – ein genialer Typ. Er zeigte sich Vera ritterlich, eifersüchtig und trotzdem partnerschaftlich. Er machte Gelnhausen zum Mekka und Seligenstadt zu Medina der Billigbrille. Als Verbrecher spielt er in einer Weltauswahl.

Ayat sei, so sagte es Vera nicht ganz überzeugt oder vielleicht auch überfordert von der undemokratischen Kategorie, von vornehmer Herkunft. Angeblich fand sein Stamm in der Bibel Erwähnung.

Das Gabelschwanzweibchen streift seine Eier im Juni oder Juli auf ein Weiden- oder Pappelblatt. Vera brachte Omri im Juli 1989 zur Welt.

Im Plural der Freundschaften

Vera verliert sich in Überlegungen. Sie verzweifelt an der Unhaltbarkeit von allem. Gestern noch war sie eine heißgeliebte Prinzessin und heute ist sie schon ein übertünchtes Grab. Siehe Matthäus 23,27 „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, innen aber voll von Totengebeinen und aller Unreinigkeit sind.”

Vera wird nächstes Jahr vierzig. Davor graut ihr, während wir schon lange alt sind. Wir, das bin ich. Das sind meine Frau Lore und Veras Mann Ayat. Das sind Nele und Hasar, (deren Tochter sich bis zum Selbstmord gegen das Erwachsensein wehrte. Sie strapazierte das Kindchenschema noch, als das Unglück ihr Gesicht schon in Falten gelegt hatte.) Das ist der schwarze Ranger Jesse James, der im laotischen Dschungel seine Bestimmung fand und seither wie ein Geist umhergeht.

Im Plural der Freundschaften Platz findet auf jeden Fall Captain Benjamin Issac Willard, der in einem Kanonenboot zu Colonel Kurtz fuhr und später Apokalypse Now TV gründete, dessen europäischen Abteilungen meiner Frau unterstehen. Zu uns gehören Hanne und Hans, Loretta und Hannes, Gerda und Tillmann, die in der Aufzucht der Kinder einer überforderten Tochter ihre Kräfte lassen. Im Trabantenkreis umschwirren uns die Leistungsträger*innen der Gegend.

Der Freundeskreis engagiert sich in der katholischen Kirche. Wir organisieren den Weihnachtsbasar und sorgen für ein sehenswertes Krippenspiel mit vergoldetem Stall. Wir sind die CDU vor Ort. Nur Vera wählt nachhinkend grün.

Der ältere Alexandre Dumas

Vera bleibt an dem Wort hängen, wir sitzen in ihrem Arbeitszimmer. Zwei lange Arbeitsflächen treffen sich. Auf jeder Fläche steht ein Rechner und überall stehen Lampen. Eine beige-braune Siebzigerjahre-Kordschäbigkeit stammt aus dem elterlichen Erbe. Das ist mein Sessel, kaum bequemer als ein Stuhl. Der Beistelltisch, eine marokkanische Urlaubsscheußlichkeit, stünde da nicht, hätten meine Bedürfnisse in Veras Sphäre keine bleibenden Auswirkungen.

Asenath bringt Tee. Sie ist zwanghaft besorgt um ihre Mutter und lange nicht mehr so unempfänglich für unseren Handke Kult wie früher. Ich sage das jetzt noch einmal für die, die zu spät gekommen sind. Tragen Sie sich nachher beim Rausgehen in die Liste ein. Ich kann Ihnen sonst das Armutszeugnis nicht aushändigen wegen der Vorschriften. Setzen Sie sich so, dass Sie keinen Anlass für ein Hashtag liefern. Hören Sie zu. Seit einem Vierteljahrhundert reden Vera und ich über Peter Handke. In Handkes neuem Werk „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”, das wir als Letztes Epos mit großgeschriebenem L zu begreifen haben, führt eine Reise vom Pariser Stadtrand in die Picardie, wo Emmanuel Macron und der ältere Alexandre Dumas ihr Herkommen haben. Handke hat ein Ferienhaus da und saugt an seinen Ortskenntnissen. Seine Heldin, die Obstdiebin, repräsentiert den Erzähler mit Haut und Haar. Handke imaginiert ein junges weibliches Ich an die Stelle des alten Schreibsacks. Es erzielt so neben Beobachtungsgewinnen auch Attraktivitätserfolge. Das Agens der Handke’schen Produktivität ist die verspiegelte Neuerschaffung als eine Person, auf die sich Begehren richtet.

Wer nicht begehrt wird, stirbt. Wer nicht begehrt, ist tot.

An einem anderen Tag

Vera und ich bedenken Foucault, während wir uns in einer Mainmulde unterhalten. Vera trägt sich spitzfindig in beiges Leinen gewickelt durch die Vertiefung, die mir gefallen sollen und in denen sie verjüngt zu erscheinen sich einbildet. Ihre phantastisch gesalbten Partien sollen mich noch reizen. Die Gefallsucht schafft eine Bindung. Solange ich die Kraft habe, Vera gutaussehend zu nennen, kann sie sich nicht lösen. Sie ist den Einflüsterungen ihres Milieus ausgeliefert.

Ich werde oft gefragt, wie weit Vera und ich miteinander gegangen sind. Stets sage ich, soweit es ging. Dabei haben wir uns nie etwas zugemutet und jeden Streit vermieden.

Da wir uns nichts angetan haben, hat sich auch nicht viel getan. Was geschah, diente der Vollständigkeit.

Das lodernde Ich

Wir lesen uns in meinem Zimmer vor, das zugleich Firmensitz ist. Ich habe einen kleinen Verlag, eine Adresse für Lyrik. In der „spessart presse” erschienen Veras Sachen, solange sie sich für eine Dichterin hielt. Mir gefiel meine Freundin als loderndes Ich. Ich fand ein Arrangement perfekt, in dem Ayat für Vera aufkam und ich ihr Verleger war. Ein Bord trägt die Eitelkeit in sieben Bänden. Nach den Gedichten kam die Gymnastik. Vera steigerte sich zur Pilatespersönlichkeit.

Die Obstdiebin gelangt auf Seite 220 nach Courdimanche. Ihr Schöpfer streicht ihr eine Strähne aus der Stirn. Die Züge sind angespannt. Gedankensplitter und Empfindungstropfen legen ab.

Courdimanche liegt an der Pariser Peripherie im Département Val-d’Oise. Handke übersetzt dem Leser ein im Gegenwartsgefängnis unvermeidliches Falschverstehen des Ortsnamens. Der Autor tritt vor die etymologisch indifferente Obstdiebin, stellt seinen Bauchladen ab und macht eine Bude des Begreifens auf. Er gelangt zu dem lateinischen Namensgebungsverfahren im westfränkischen Reich der Merowinger und Karolinger und entdeckt eine Koinzidenz zwischen der ursprünglichsten Bedeutung von Courdimanche und den Informationen der Patina. Dimanche – Sonntag ergibt sich in einer Mutation von dominus – dem Eigentümer und Herren. Aus dem Herrensitz wurde ein Sonntagshof. Die erste Bezeichnung bewahrt sich in der letzten.

Handke lässt es dabei bewenden. Er ignoriert zwei Konnotationen von cour – Gericht und Hof. Zweifellos wird etwas herrschaftlich Gravierendes angesprochen und sei es nur als Erinnerung an einen Rechtsprechungsbetrieb, der schon eingestellt war, als der Hof sich etablierte. Courdimanche war den Druiden heilig. Die Römer überbauten die kolonisierte Magie mit einem Tempel. Heute leben sechstausend Leute auf einem besonderen Grund und denken sich nichts dabei.

Die Obstdiebin bleibt am Sonntag hängen. Sie interpretiert das Ortsschild als Kalender. Sie strebt dem höchsten Punkt in Courdimanche zu. Das ist die Kirchturmspitze. Der Kirchturm ist ein Eulenquartier. In seinem Schatten hat die Obstdiebin ihr Tagesziel erreicht. Der Erzähler scheidet das alte Dorf Courdimanche von einer neuen Stadt. Er unterscheidet die Pittoreske von ihren Anlagerungen. Seine narrativen Moves zwischen Unkenruf, Vollmondimpressionismus, Flurnamenkunde und Stadtplanung (Zivilisationskritik) dienen zur Abkühlung der Erzähltemperatur. Die Obstdiebin lässt sich nicht besonders hoch stimmen. Sie wünscht sich einen Fuchs im Panorama und nimmt mit einer Katze vorlieb. Plötzlich wird sie mit ihrem Aliasnamen Alexia angesprochen. Das quittiert sie mit ihrem „alten Kinderlachen”.

Die Nelkenrevolution von Vierundsiebzig

Vera und ich essen bei Tiago. Nah Adornos Amorbach bewirtschaftet Tiago ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Offenbach und Würzburg an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von Vierundsiebzig linke Hoffnungen stärkte.

Vera spekuliert ungehalten: „Vielleicht verstehen wir die Obstdiebin falsch als trickreiche Erfindung eines Zusatzlebens, in dem Handke wieder so jung ist wie das Subjekt seiner Verehrung.”

Ich verweigere den Aufschwung. Mich beschäftigen die Fleischfäden zwischen den Zähnen. Eine Mahlzeit genügt, mich zu derangieren. Ich erlebe das Alter als Erniedrigung.

Unkalkulierbare Nebenerregungen

Wie viele Bücher, die Weltbilder geprägt haben, sind bedeutungslos geworden im Wandel der Anschauungen? Ich glaube, dass von Handke nichts übrigbleiben wird. Vielleicht ist Vera raffiniert genug, einer Hohlform zu huldigen, um der gemeinsamen Passion und allen möglichen unkalkulierbaren Nebenerregungen einen Rahmen zu geben.

Was empfindet sie? Ich berühre die Freundin, Vera rückt nicht ab. Ich spüre die Erwartungsspannung. Der Wunsch, verzaubert zu werden, überwindet wie im Flug alle Barrieren des gesunden Menschenverstands.

14. Februar 2018

Hessenmeister

Fledermäuse im kybernetischen All

Wir wollten bald im Balmoral Hotel einen High Tea nehmen und jeden Aspekt der Zeremonie fotografieren so wie wir es schon einmal getan hatten im Wettbewerb der Ignoranz mit einer Japanerin. Sie schlug uns, indem sie alles zurückgehen ließ, nachdem sie alles portioniert und mundgerecht fotografiert hatte. Sie lächelte mysteriös wie eine Yakuza Killerin, bevor sie ganz Dekor wurde.

Vor den schottischen Missionaren erreichten Iren die fränkischen Ausläufer sächsischer Herrschaft. Die Sachsen widersetzten sich der Christianisierung. Die zu Franken gewordenen Chatten (Katten) im sächsischen Vorland, das heute Hessen heißt, taten das nicht. Es war, schreibt ein Gewährsmann von Karl Ernst Demandt in einem Brief an den Gelehrten, als sei gar keine Kultur dagewesen, die überwunden werden musste. Germanen, die sich wenige Jahrhunderte zuvor, gegen die Römer erfolgreich zur Wehr gesetzt hatten und so dem Lauf der Welt einen Drall gaben, den kein Enzensberger der christlichen Zeitenwende auf seiner Liste hatte, wussten um das Jahr Siebenhundert nicht mehr, wer sie waren. Der irische Missionar Morphin spricht von einem Streuvolk, kaum latinisiert, auch nicht fränkisch, das in einer Diaspora auf angestammtem Siedlungsgrund existierte. Morphin zog Massentaufen in der Lahn, der Eder und der Fulda durch. Er taufte die Entwurzelten auch in einem besseren Bach, der damals Chinzicha hieß und heute davon phonetisch nicht weit weg Kinzig heißt. Seine Quelle tritt bei Sterbwitz aus. Die Kinzig fließt zwischen Rhön und Spessart an Gelnhausen vorbei durch ein Tal in den Main. Als Mönche maskierte Wissende in Morphins Gefolge lehrten kultische Reinheitsrituale zum Zweck der Selbstheilung. Sie nutzten ihre Druidenkompetenz unter christlichen Vorspiegelungen. Sie errichteten Wegmarken zur Sicherung der Seelenfahrten von Leuten, die ihre Freiheit in einem System der Unterdrückung verloren hatten und sich an Freiheit gar nicht mehr erinnern konnten. Den an die Scholle gebundene Leibeigenen brachte eine Tagesreise ans Ende der Welt. Er wusste nichts. Die ihn unterworfen hatten, wussten auch nichts. Als Überwinder Roms waren sie emporgekommene Abtrünnige. Unfähig, die Technologie des Imperiums auch nur zu bewahren. Ein paar lateinische Floskeln, ein Schwert und das Fleisch in der Schüssel machten den Unterschied. Die Verwalter auf den fränkischen Königsgütern vertrieben sich die Zeit mit Bloodsport. Sie jagten Menschen mit Hunden.

Das erzähle ich meinen Schüler*innen an einem Vormittag, der sich wie aufgeweichte Pappe anfühlt. Der Gestank von Generationen hängt im Klassenzimmer und kulminiert in Assoziationen zu einem alten Käse. Man müsste den Wilhelminischen Kasten abreißen, um den Schulgestank loszuwerden.

Die Schüler*innen ächzen unter dem Joch der Adoleszenz. Ich möchte mit ihnen nicht tauschen. Das Ende der Stunde ist auch für mich eine Erlösung.

Achim bleibt zurück, er sucht meine Aufmerksamkeit. Ich zucke zurück. Ich sehe Achim nicht gern an, er ist zu schön – ein Claus Schenk Graf von Stauffenberg und genauso hochfahrend wie ich mir den Grafen als Knaben im Kreis der Stefan George Jünger vorstelle. Achim gehört zu jenen, die gegen das revoltieren, woran ihr Herz hängt.

Er trägt Kniebundhosen und spielt Ziehharmonika.

Ich habe Angst vor Achim, das wird mir gerade klar.

Er sagt: „Ich möchte anregen, dass wir über den Vorfall in Gwangju reden. Das finde ich wichtiger als ihre germanischen Märchen.”

Die Zurechtweisung sitzt. In Gwangju wurde ein Schulleiter wegen sexueller Belästigung einer Lehrerin suspendiert. Nachdem starre Hierarchien Jahrhunderten garantierten, dass in den koreanischen Unterordnungsverhältnissen als erotische Missionen euphemisierte Übergriffe zu den männlichen Vorrechten gezählt wurden, die Frauen hinzunehmen hatten, ist nun ein Hochgestellter von einer Subalternen dem totalen Gesichtsverlust ausgeliefert worden.

„Das ist eine vortreffliche Idee”, sage ich vor Angst gespreizt und angeekelt von meinem Opportunismus. Ich siede im Selbsthass.

Achim geht ab wie ein Engel in der Weihnachtsaufführung und ich weiß nicht, was er denkt und fühlt, und wie gefährlich er mir werden kann.

Narrativer Liebesdienst

Die Verhältnisse ordnen sich neu, denke ich im Treppenhaus, und es ist egal, wie ich dazu stehe, es geschieht einfach. Was jahrelang üblich war, ist jetzt kriminell. Als ich in Achims Alter war, fand es die Frau meines väterlichen Freundes (und Biologielehrers) nicht anstößig, meine Lust zu wecken und für sich einzusetzen. Jahrelang hielt mich Erna Schimsky in einem weitgehend unbesprochenen Verhältnis als Liebhaber. Ich verstand die Sache als bürgerliches Arrangement. Als ich mich dann unter tausend Vorwänden an ihre Tochter Vera heranmachte, führte das nicht zum Abbruch der Beziehungen. Ich verkehrte weiterhin im Haus Schimsky. Ohne Veras (meiner Vertrauen erheischenden Stellung im familiären Gefüge geschuldeten) Arglosigkeit wäre ich um die größten Schätze meines Lebens gebracht worden. Heute würde meine Hinterhältigkeit als Delinquenz bewertet. Damals war es noch nicht mal Devianz.

Ich rede darüber mit Vera. Sie zitiert etwas Schmeichelhaftes aus ihrem Werk Gelnhausen im Spiegel der Jahrzehnte. Ich glaube nicht, dass es für Vera je so schön und außerordentlich war wie für mich. Ich quittiere die Schilderung als narrativen Liebesdienst. Dann reden wir weiter über Handkes neues Buch „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”.

Du bist in mir eingefahren und auferstanden

Seit dreißig Jahren erhalten Vera und ich einen Peter Handke Kult. Wir gehen mit Handke durchs Leben, Hand in Hand beinah. Wir fahren beide gern mit der Fähre über den Main nach Seligenstadt. Da haben wir unser Lieblingseiscafé, das in der dritten Generation geführt wird. Im Café über Handke zu reden, erfüllt uns. Doch im Augenblick halten wir uns auf in meinem dreistufig vertieften Wohnzimmer mit Panoramafenster zum Waldrand hin.

Vera las mir Briefe vor von ewig abgemeldeten, im Polardienst verschollenen Liebhabern: Du bist so in mir eingefahren und auferstanden, dass ich immer noch jederzeit zittrig werden kann vor Aufregung. Du warst mein Fieber, ich habe Dich wunderbar gehalten, das bleibt unfassbar für mich, wie wir aneinander – mit einem minimalen Abstand. Wie Rahmen füreinander. Die Körper gingen ineinander, das war ein Rummel der Selbstverständlichkeiten. Die Körper wollten das so, man selbst konnte nur staunen. Solche Briefe erreichen Vera seit Jahren nicht mehr. Vermutlich sind die Verflossenen erfroren. Auch Vera möchte nun für alles dankbar sein. Sie ist zwar weich, aber deshalb nicht weniger beleidigt als jeder Trauerkloß oder Rinnsteinpoet in die Jahre gekommen.

Vera kennt kein Erbarmen. Die geringste Unannehmlichkeit bringt die Welt für sie zum Einsturz. Ein Fleck auf dem Rock bedeutet Abbruch eines Abends mit bitterem Nachgang.

Ich reiche Vera ein Glas. Sie gab solchen Verehrern den Vorzug, die sich nicht als Schlangenbeschwörer aufspielten. Am liebsten waren ihr geborene Anwärter, die bis zum Schluss abwartend blieben. Sie gingen, ohne gekommen zu sein, so wie wir gehen, bevor die anderen kommen.

Natürlich ist Veras Ehemann Ayat kein Anwärter. Entweder macht der Ehemann den Verehrer zur Karikatur oder das Spiel läuft anders herum. Ich habe noch keinen erlebt, der Ayat ernsthaft lächerlich machen konnte.

The back door man had to sneak in and out the back door of the house, when the husband was away – Ayat duldet keinen Back Door Man in seiner Ehe. Ich bin akkreditiert als Zweitmann. Das nennt Veras Hauptmann eine saubere Lösung.

Ausgewilderte Johannisbeeren

Handke hat sich zwei Häuser verdient mit einer Beschäftigung, die andere verarmen lässt. Armut als Ernsthaftigkeitsausweis und Alkoholismus als Geniebeweis funktionieren nicht mehr. Die letzten Gespenster erfolgloser Produktionen trifft man in Gelnhausen, Seligenstadt, Aschaffenburg, Kahl am Main und in Hanau. (So wie in Offenbach, Schlüchtern und Fulda.) Dass sich einer der Literatur wie einer Kirche zuwendet, interessiert erst, wenn er es zum Bischof gebracht hat.

Fledermäuse, die wie hängengebliebene Seelen in alten Häusern heimisch sind, schärfen den Ortssinn der halbnomadischen Obstdiebin. Von dem jede Aktualität und ihren Wahn beschämenden, in der Lektüre aufgegorenen Einfall zeigt sich Vera entzückt. Sie sitzt so da, als sei sie gar keine Leserin mit zwei Brillen in ständigen Reservefutteralen und gefärbtem Grauhaar. Sie verkörpert sich als Denkmal ihrer Jugend. Zu meinen Aufgaben gehört nun auch das Schönfinden der Freundin.

Ich prahle: „Ihr futuristisches Design macht Fledermäuse zu idealen Bewohnern des kybernetischen Alls.”

Vera nimmt den Faden an einer anderen Stelle auf. Beschwörend erinnert sie (mir den vollen Einsatz des Bescheidwissens abverlangend) an einen Handkehelden in dem Stück „Die schönen Tage von Aranjuez“. Sie akzentuiert seinen Enthusiasmus in den königlichen Küchengärten, diesen Gemüseparadiesen und Obstplantagen von Aranjuez. Die Pflanzen erzählen Migrationsgeschichten. Ihre ursprünglichen Daseinsformen wurden in amerikanischen Urwäldern verändert. Früchte verloren Volumen und gewannen Geschmack. Der Held wird lebhaft in seinen abschmeckenden Schilderungen von Süße und Säure im Vergleich der ausgewilderten Johannisbeere mit ihrem royalen Stammstrauch. Geschmackseskalationen unterminieren ihn. Im Stimmenrausch landet Vera auf dem Rollfeld eines gemeinsamen Nachmittags mit einem Assistenten von Peymann oder mit Peymann oder Handke selbst. Sie erzählt von einer Sensation beim Schaukeln auf dem Spielplatz an der Kehre des 1980 eingeweihten und ab 1990 weitgehend vergessenen Trimmdichpfads im Büdinger Forst.

Vera greift nach ihren Füßen. Das Reden über ein Begehren vor langer Zeit schickt in den Wendekreisen abgebrannter Strohfeuer etwas los.

Beruflich sind wir beide unglücklich.

Zum High Tea nach Edinburgh

Wir reden viel zu wenig über meine Frau. Lore ist ein bürgerliches Erdbeben. Sie schaukelt nicht im Wald und macht eine Story mit nackten Füßen im scheuen Gras und Bienenstich aus der Schaukelei. Nach den ersten zwei Seiten hat Lore „Die Obstdiebin“ zur Seite gelegt. Sie hatte das Buch, Handke will nicht, dass man Roman dazu sagt, nach Edinburgh mitgenommen, wir ruhten nach einer Wanderung zum Hausberg der Stadt – Arthur's Seat. Wir hatten auch Castle Rock bestiegen und wollten bald im Balmoral Hotel einen High Tea nehmen und jeden Aspekt der Zeremonie fotografieren so wie wir es schon einmal getan hatten im Wettbewerb der Ignoranz und Arroganz mit einer Japanerin. Sie schlug uns, indem sie alles zurückgehen ließ, nachdem sie alles portioniert und mundgerecht fotografiert hatte. Sie lächelte mysteriös wie eine Yakuza Killerin, bevor sie ganz Dekor wurde.

7. Februar 2018

Hessenmeister

Lifestyle Hacker

Lore und Ayat spielen gegeneinander Tennis und gehen gemeinsam mit Ben ins Ballett. Ihr Radius reicht von Edinburgh bis Aarhus. Die Drei haben Lebensstile nachfolgender Generationen gekapert und so ihre Alterungsgeschwindigkeit herabgesetzt. Sie sind Lifestyle Hacker, die mit einem Algorithmus der gnadenlosen Höflichkeit Systeme aufstoßen und den Beat Jüngerer kopieren. Sie stehen auf bretthartes Technotanztheater.

„Wann war unsere beste Zeit?“

Nele stellt die Frage im Merkantil (vormals Barockschenke). Wir sehen uns an, Paare am Ende ihrer öffentlichen Strecken. Wir schätzen uns glücklich. Ich rede von Leuten ohne nennenswerte Krankengeschichten in stabilen Ehen.

Die Giganten unserer Generation sind gefällt. Was durchkommt und sich hält, ist selten das Großartige. Mit Neles Mann habe ich einen wöchentlichen Lauftermin. Hasar hat erst mit fünfzig angefangen, Sport zu treiben. Er wirkt so unverschlissen wie ein Dreißigjähriger. Dafür neigt er zu grotesken Reaktionen. Sein Programm zeigt mir, was es heißt, in den prägenden Jahren nicht im Takt der allmählich verpickelnden Horde athletisch sozialisiert worden zu sein. Nicht selten vereint sich Nele mit anderen zu einem Spottbündnis gegen den Gatten.

Gewisse Defizite reizen auf. Jedes Paar umschifft Liebeslücken und ästhetische Gefährdungen. Neben Nele breitet sich Ayat aus. Der Syrer lebt seit dreißig Jahren in Gelnhausen. Seit zwanzig Jahren ist er mit Vera verheiratet. Ayat spielt Tennis mit nie nachlassendem Ehrgeiz. In den Hochzeiten von Boris Becker kaufte er sich einen Platz an der Sonne, um hemmungslos Fan sein zu können. Er wurde auch Apple Aficionado und beteiligt sich nach wie vor am Wettlauf um jeden Akutschnick.

Neurotische Fitness

Das Gesicht seines Idols ist nur noch Fresse. Die Kortisonbeule verrät, dass es gegen Beckers Schmerzen kein Mittel gibt, das ihn nicht zum Junkie macht. Ein gestürzter Gott kann sich auf nichts berufen. Beckers Wimbledonsiege scheinen jetzt viel mehr die Siege eines Bewunderers zu sein, der immer weiterspielen konnte; unbehelligt von Verletzungen und frei von strangulierenden Verpflichtungen.

Ayats neurotische Fitness provoziert die träge Mehrheit am Tisch. Sie demütigt die Lauen. Manchmal spielt Ayat die kosmische Dimension des antiken Menschen an. Hochmut sichert ihm den Thron. Er ist der unerreichte Maßstab, vor dem ich kapituliere. Drehe ich mit Hasar eine Runde im Büdinger Forst, betrüge ich mich um die Einsicht meines Niedergangs. Ich kehre die Einsicht unter den Teppich eines billigen Erfolgserlebnisses. Freimütig bekenne ich meine Schwächen, in der Erwartung, von allen freigesprochen zu werden. Die Hälfte unserer Gemeinschaft macht es so wie ich und kritisiert sich vorauseilend.

Die Anderen halten sich bedeckt und geben nie mehr zu als nötig. Dieser Trotz imponiert mir bei meiner Frau. Lore lässt sich nur von Niederlagen überzeugen, die ihr das Kreuz brechen. Ich bin ihr gegenüber voller Vorhersagen. Das hilft Lore nicht. Ihr Widerspruch behauptet sein Recht neben meiner Anpassung.

Wäre Vera wie Lore, könnte sie mit Ayat nicht leben. Sie sucht die Deckung hinter dem männlichen Schild und versucht das mit geistreichen Bemerkungen zu verhehlen. Dann schaltet sich Gerda ein, um die Verschleierung der Schwäche aufzuheben. Gerda ist eine Berlinerin aus Charlottenburg. Ihr Vater stemmte sich aus kleinsten Anfängen zum Wurstmagnaten hoch. Er hieß Heinrich Teichmann und diente als Fluchthelfer der Sache des Westens in einem israelisch-amerikanisch-deutschen Ringverein namens Berlin Ranger. Der beste Ranger in der DDR-Spätzeit wurde sein Schwiegersohn. Tillmann Koslowski gehört zur hessischen, in Gelnhausen hart an der Grenze zu Unterfranken stationierten Sonderermittlungsabteilung der Texas Ranger Division (TRD). Er dient im Team mit Angel Burroughs unter den glorreichen Drei, namentlich Grandslam Coogan, Jakarta Arizona und Texas Double Action Thunderbolt. Es ist ein offenes Geheimnis in der Stadt, dass die TRD sich an Ayats Fersen geheftet hat. Noch hängt der Mantel des Schweigens an der Garderobe des Merkantil.

Mit Handke in den Pilzen I.

Nichts stimmt und doch ist alles wahr. Nele ist unstet von jeher, ihrem Wesen nach eine Trebegängerin – trockengelegt von Ängsten. Sie trägt sich als Expertin für die Gefahren des Gegenlichts vor. Sie weiß, wo Falken Federn lassen. Der Büdinger Forst ersetzt ihr die Welt.

Wir sitzen und sitzen im Merkantil, ein Schock bewährter Paare.

Eine Ausländerin betritt das Lokal. Der Wirt fängt sie ab. Hans Marlow kennt seine Gäste. Er ist mit ihren Verhältnissen so vertraut wie sie mit seinen. Die Frau fragt scheu, aber nicht eingeschüchert, ob sie im Lokal aufs Klo darf.

„So stelle ich mir die Obstdiebin vor”, sagt Vera glücklich. Siehe Peter Handke, „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”.

Ihr Mann findet Romane nutzlos. Feuilletonist ist für den Optiker und Obergangster ein Schimpfwort. Ich habe Zeitungsgeschichten über Handke schon gelesen, als ich noch klein genug war, um im Ehebett meiner Eltern mich auf hoher See zu fühlen. An einer Stelle, wo sich Handke darüber ärgert, dass seine Mutter auf ein Lied mit einem Anflug von Ausgelassenheit reagiert, brachte ich meine Mutter unter, die selbstverständlich Handke las. (Sie nahm ihn wie ein Gift gegen die halbbürgerliche Verlogenheit ihrer Kindheit und Jugend zu sich.) Später überließ sie mir ihre Schallplattensammlung, ein Arsenal der Wut auf ihre Eltern, die sie bis nach London getrieben hatte. Der Transfer von Gefühlswissen und innerweltlichen Gegenständen, zu denen vor allem Nachbilder und Nebengeräusche der Hauptsachen gehören, erschien mir lange dann besonders richtig, wenn er sich so vollzog, als sei ich Handke.

In seinem Universum zeigt sich Handke erst als Sohn und dann als Vater. In jedem Fall weigert er sich, der Erschöpfung nachzugeben und holt abends nach acht, wenn andere vor dem Fernseher liegen oder in der Kneipe abschalten, immer noch was aus sich heraus. Im Main-Kinzig-Kreis leben viele, die sich rühmen, nie etwas von Handke gelesen haben. Sie sehen sich als eine Elite, die eben nicht im Schuldienst oder sonst wo einen Druckposten in der Soft Skills Etappe ergattert hat. Ingenieure, die weltweit Staudämme bauen, lesen Handke nicht. Aber Vera und ich lesen ihn und sprechen darüber, um einfallsreich weit schweifend und umständlich wie bei einem erotischen Rollenspiel ein Einvernehmen herzustellen, das uns einmal exklusiv vorkam. So was hatten die anderen nicht. Wir schrieben uns Briefe à la Handke und unterschrieben beide mit Peter.

Ein Lichtfries, der den Nachthimmel begrenzte und als Scheinwerferfräse sein Geheimnis verlor …

Als ob alle Wörter neu wären und keines mit einem Grind sich schäbig fühlen muss …

Wir gingen metaphorisch mit Handke in die Pilze und fuhren mit ihm nach Seligenstadt zum Sommerfest. Lore und Ayat waren dabei, ohne zu stören. Ich erlebte mit Vera ein allmähliches Abgleiten und Wegschmelzen.

Bei Lore kalbten die Gletscher naturgewaltig. Wird das Furiose erst einmal zur Gewohnheit, ist es auch als Farce nicht mehr zu gebrauchen. Wäre ich mit Vera verheiratet, hätten wir zweifellos die Verödungsmarken erreicht, die Lore und mich zu einem zufriedenen Paar machen. Trotzdem bilde ich mir ein, dass ich für Vera frischer hätte bleiben können als ich es für Lore sein kann.

Mit Handke in den Pilzen II.

Ich war sogar körperlich mit Handke in den Pilzen. Er arrangierte das Gemüse wie eine Jagdstrecke. Das war ein Erlebnis von strotzender Dürftigkeit. Es war peinlich. Handke befriemelte die Hüte und Stiele in animatorischer Absicht. Er teilte die Trama mit einem Taschenmesser und inszenierte den Schnitt als Akt zwischen Gewalt und Hochamt. Jedes Schnitzgeräusch kam als Notiz ins Moleskine.

Er roch, schmeckte, gurgelte, proustete und murmelte. Ich war froh, als Leute in die Niemandsbucht kamen und Handke aufhörte, von der Provinzfigur zu erwarten, dass sie wie eine Kamera sich auf ihn richtete. Für ein größeres und gnädigeres Publikum säumte er einen Gartenweg mit Muscheln. Er feierte den Sand in einer Kalkschale und datierte dessen Alter nach einer Geschmacksprobe auf zwei Millionen Jahre. Die Kurzstrecke zur Gedankenverfertigung im Gehen vor einem Pariser Vorstadthaus verglich er mit den Brevierwegen der Pfarrer als einer immer noch nicht obsoleten Einübungsroutine. Er deutete Gewinne aus Litanei, Monotonie und religiöser Bindung an. Das gefiel mir wiederum. Ich schlug daraus Kapital, indem ich Vera Handke vorspielte, wie er, seinen Weg verfolgend, so tut, als käme ihm dieses und jenes gerade eben zum ersten Mal in den Sinn. Ich habe Autoren solche Spontanitäten üben sehen.

Vera zeigte die Begeisterung, mit der ich gerechnet hatte.

Die Gefahren des Gegenlichts

Die Obstdiebin heißt Alexia oder Aleksija. Sie ist sprunghaft dem Sesshaften abhold und ganz das Kind des Vaters. Der Vater pendelt zwischen Spielarten des Abgerissenen mit Einstecktuch. Er lehrt ein nomadisches Geheimwisssen. Alexia begreift ihn als Experten für die Gefahren des Gegenlichts. Er vermacht der Tochter den Satz ihres Lebens – eine Bemerkung, die mit einem Fragezeichen Isaak Babel zugeschustert wird: „Sie war nicht mutig, doch immer stärker als ihre Angst.”

Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet Alexia nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige, der es gefallen könnte, von Ludwig dem Heiligen (1214 – 1270) abzustammen. In tausend Verbeugungen zeigt er seine Faszination für die Obstdiebin.

Handke ist nun in dem Alter, in dem selbst Goethe nicht mehr zum Zug kam. Die Minne verfängt nicht mehr, das greise Genie wird zur Gefangenen von Vorstellungen. Der Eros wandert auf Umwegen und kommt nicht mehr an. Ein Tag im August 2016 schildert sich als erster Tag des Geschehens im „Letzte(n) Epos (Letzte mit großem L)” aus.

Ein Aufbruch begehrt vollzogen zu werden. Handke strapaziert Schauplätze seiner Existenz. Ausgangspunkt der Reise ist die Paris zuvorkommende „Niemandsbucht”, das Ziel die Picardie, wo der Schriftsteller seine Datsche hat. Von Paris fährt man eine Stunde mit dem Auto, dann ist man in Amiens. Die Somme, der Atlantik, Belgien und Erinnerungen an die Materialschlachten des I. Weltkriegs sind da nah.

Unser Stammtisch hat letztes Jahr in Amiens einen Übernachtungsstopp eingelegt, auf dem Weg nach Saint-Malo. Wir hatten Belgien ohne Pinkelpause durchquert, mit einem kollektiven Anflug von schlechter Laune ab Aachen. Vera fuhr den Porsche ihres Mannes, ich saß neben ihr mit dem Arsch fast auf der Straße, während Ayat mit meiner Frau in unserem „charismatischen Koloss aus England mit spannender Mittelkonsole”, so stand es in der „Welt”, einem Range Rover 4.4 TD mit 313 PS, den Lore ständig und ich so gut wie nie nutze, eine formidable Mannschaft bildete. Lore und Ayat sind Macher*innen, Kraftnaturen, mit einem unbeugsamen Willen zum Konsum von Premiumprodukten. Sie schleppen ihre Partner*innen durch, ohne groß zu klagen.

Angeblich haben Vera und ich eine „verschobene Wahrnehmung”. Unsere inneren Kinder sind spielfreudige Wesen. Würden unsere familiären Kosenamen ruchbar, hätten wir an unseren Arbeitsplätzen nichts mehr zu lachen.

Das Tanztheater als Peepshow

Es ist eine ewige Auszeichnung, mit einer Furie verheiratet zu sein, die einen verschont, und außerdem den Gatten ihrer Rivalin im direkten Umgang schätzt. Lore und Ayat spielen gegeneinander Tennis und gehen gemeinsam mit Ben ins Ballett. Ihr Radius reicht von Edinburgh bis Aarhus. Die Drei haben Lebensstile nachfolgender Generationen gekapert und so ihre Alterungsgeschwindigkeit herabgesetzt. Sie sind Lifestyle Hacker, die mit einem Algorithmus der gnadenlosen Höflichkeit Systeme aufstoßen und den Beat Jüngerer kopieren. Sie stehen auf bretthartes Technotanztheater.

Die Arrangements der Bestimmer geben Vera und mir einen Spielraum, dessen Grenzen von anderen Vergnügen festgesetzt werden. Nach einer Lesung mit Lore noch in einer Bar aufzuschlagen, ist beinah ein Wunder. Es ist so schön und unfassbar, einem Menschen zu gehören, mit dem man schon vor dreißig Jahren einen Kulturvorgang in einem Trinkopfer vollendete. Ich sehe Lore in ihrer hellen Wildlederjacke oder in dem burgunderroten Anorak neben mir auf der Waldstraße. Wir sind fünfundzwanzig und vor uns liegt unter Parterre das „Rive Gauche“, betrieben von Marlies Steuber und ihrem Franzosen. Das Paar erscheint uns uralt und bescheuert gutmütig. Wir kennen noch nicht die Schliche der Angekratzten und Halbblinden, die wissen, dass man besser nicht mit Mitleid rechnet. Für die Wirtsleute sind wir eine Partie im Wert von fünfundzwanzig Mark. Dreimal Hauswein, das letzte Glas wird geteilt, und einen Vorspeisenteller, der glücklich macht mit Salzstangen und -keksen, Gurke, eingelegter Paprika, getrockneten Tomaten und grobem, verschieden scharfem Pfeffer. Dazu der Käse, den man nicht in einem deutschen Supermarkt kriegt, wohl aber in einem französischen. Das ist ein ganz anderer Käse. Die Franzosen lassen sich nicht so einfach abspeisen wie Bundesbürger. Wir sind Marlies angenehm, weil wir uns selbst genug sind. Uns begeistert jeder Biss und jeder Schluck. Vom „Rive Gauche“ ist es nicht mehr weit, ob zu mir oder zu dir ist als Frage schon obsolet. Früher war das Kellerloch ein Amischuppen, der wie viele bewirtschafteten Souterrains Downstairs oder Speakeasy hieß und von einer Deutschen betrieben wurde, die mal mit einem Amerikaner zusammen gewesen war, von dem sie geglaubt hatte, er würde sie heiraten und mitnehmen.

Solche Erlebnisse grenzen mein Verhältnis zu Vera ein. Umgekehrt läuft es genauso. Auch Vera hütet Schätze, die sie mit Ayat gehoben hat, und ich rede nicht von den Immobilien, die in weiser Voraussicht rechtzeitig gekauft wurden.

Die Obstdiebin steht unter dem Zwang, fremde Früchte widerrechtlich an sich zu bringen. Das könnte ich schöner formulieren, aber mir gefällt die verborgene Unschärfe juristischer Formulierungen. Wer sich an den semantischen Klippen und grammatischen Hängern der Fachsprache lange genug abgearbeitet hat, weiß, warum es lohnt, Handke zu lesen.

31. Januar 2018

Hessenmeister

Unfähige Feinde

„Das soziale Leben folgt allgemein einfachen Gesetzmäßigkeiten, wobei sich ständig Variationen und Grauzonen ergeben. Intragrupal bilden sich Wertvorstellungen, die zu gesellschaftlichen Normen führen können. Solche Verschiebungen sind notwendig. Der intragrupale normative Charakter belohnt Adaption und sanktioniert Devianz. Je größer die grupale Einheit ist, desto mehr intragrupale Nischen entstehen, in denen der normative Gruppencharakter nur bedingt zählt. Der Verfestigung gesellschaftlicher Normen dienen Traditionen und Rituale. Die Zugehörigkeit zu einer Kultur und Religion wird betont.

Die Heterogenität moderner Gesellschaften fördert Devianz. Sie lässt individuelle Wertvorstellungen und Normen zu, die allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten partiell außer Kraft setzen. Intergrupale Grenzen werden innerhalb dieses Prozesses zunehmend fließend und schwammig. In diesem Sinne entstehen auch differierende Bedeutungen des Begriffs Flexibilität. So kann Flexibilität einerseits bei der Identitätsbildung als Geschmeidigkeit, die der Stärkung des eigenen Ichs dient, verstanden werden. Andererseits kann sie Kompatibilität bedeuten, welche zur Liquidität der ausdifferenzierten Identität führt.“ Aus einem Referat von T.K.

Unter der Hand weitergegebene Privatadressen sind begehrt und nur für Westgeld zu haben. Hat man einen Kontakt, bemüht man sich bis zur Bestechung, ihn zu halten. Für Hotelzimmer werden astronomische Preise verlangt. Eine Alternative dazu bieten Zimmervermittlungen. Bloß weiß man da nie, was man kriegt. Vielleicht was mit Klo auf halber Treppe und ohne Bad. Oder man muss durch den Wohnraum der Wirtin, um ins Gästezimmer zu gelangen.

In Leipzig wohnt Tillmann Koslowski bei der Buchhändlerin Hanne. Wir schreiben das Jahr 1983, der im Ostwesthandel tätige Westberliner Industriekaufmann und Profifluchthelfer darf sich Tag und Nacht überall in der DDR aufhalten. Er genießt sein Leben in vollen Zügen. In Westberlin erscheint er als Verlobter von Gerda Teichmann. In Ostdeutschland hat Tillmann Verhältnisse.

Hanne ist die taffe, mit ihrer DDR um drei Nörgelecken einverstandene, mit beiden Beinen im Leben stehende Wandelbare. Eine verschlafene Liebe zum Theater lebt sie in Kostümen und Frisuren aus. Jede Verwandlung hat einen burschikosen Akzent. In jeder Verpackung steckt eine pausbäckige Persönlichkeit, die ihren Vorteil ohne Überlegung sucht. Tillmann zahlt im Voraus dreißig D-Mark pro Tag. Er tauscht bei Hanne Geld für den persönlichen Bedarf. So umgehen alle Bundesdeutschen das 1:1 in den amtlichen Umtauschstellen, obwohl privater Umtausch ein Devisenvergehen darstellt. Tillmann verhandelt hart und erzwingt einen Wechselkurs von eins zu acht. Heute lässt er sich nicht um den Finger wickeln. Er rutscht aufs Sofa, Ostfernsehen gucken. Ein „Kessel Buntes“ zum Gähnen.

Hanne rückt nach Schema F auf. Sie zieht Zigaretten, Feuerzeug und Aschenbecher zu sich heran. Tillmann folgt den ersten Spuren der Erbitterung in dem gepolsterten Gesicht. Es ist so blank, als wäre es aus einer Form gegossen worden.

Erlauer Stierblut

Das Messepaar besucht Bekannte, Leute um die fünfundvierzig, die Kinder sind aus dem Haus. Das Haus wurde in den Dreißigerjahren gebaut, als Lebensziel des unteren Mittelstandes. Auch das Ehepaar Werner vermietet. Es nimmt zehn D-Mark pro Übernachtung und bietet für den Spottpreis sogar Frühstück. Für ihre Gäste stehen die Werners früh auf. Die Messezeit bedeutet für sie nicht nur zusätzliche Einnahmen, sondern auch Abwechslung. Sie nehmen alles gelassen lächelnd mit.

Herr Werner öffnet eine Flasche Erlauer Stierblut. Tillmann bittet um Wasser. Er bevorzugt das sächsische Margonwasser. In der DDR kennt jedes Kind die blau etikettierten Flaschen. Als Qualitätsprodukt zählt Margonwasser zur Bückware.

Die Werners rühmen das kulturelle Angebot ihrer Stadt. Sich interessiert zu zeigen, gehört einfach dazu. Der Mensch ist kein Einzelfall. Tillmann war in Leipzig noch nie im Kino. Er fragt sich, ob Frau Werner genauso flott die sexuelle Grundversorgung gewährleistet wie Hanne; als wäre das in der Schule gelehrt worden. Vielleicht kommt daher die beinah lautlose Überheblichkeit des Herrn Werner in seinen Pantoffeln.

Der Messegast taucht sehr verspätet auf und kriegt noch Abendbrot mit eingelegtem Gemüse.

Es wird alles eingemacht. Für alles braucht man eine Pappe. So fasst der Volksmund jedweden Berechtigungsnachweis zusammen. Wie man sich auch dreht und wendet: überall Gremien, Kommissionen, Ausschüsse, Abschnittsbevollmächtige und Nummern zur Kennzeichnung der Person. Jeder geht mehr oder weniger lustig seiner Wege durch die Mangelwirtschaft, aber wenn es darauf ankommt, steckt man gleich in der Konspiration.

Liquidität der ausdifferenzierten Identität

Hanne wurde von Ewald Erkel im Kellerlager der Volksbuchhandlung Heinz Priess defloriert. Ewald tat so, als defloriere er im Auftrag der Partei. Später spielte er der Debütantin Kampflieder vor.

Wenn wir träumen, woran erinnern wir uns? Wohin führt die Anthropologie, die uns im Blut liegt? Ganz bestimmt lassen wir in Hunger und Schmerz, im Vertrauen und in Verachtung die Bibel und Babylon, die Sintflut und den Anfang der Sesshaftigkeit hinter uns. Wir kehren zurück in verborgene Täler, die Gruppen Schutz boten und der Isolation Vorschub leisteten und gelangen sogar darüber hinaus noch in der Flüchtigkeit eines Gedankens, in einem schnellen Urteil, einer vortrefflichen Reaktion als Verkehrsteilnehmer, einem unvernünftig erscheinenden Unbehagen, einem Anflug von Ekel so wie in plötzlicher Zuneigung. Endlich geraten wir auf eine Kreuzung, auf der vor 30.000 Jahren Leute von robustem Wesen bald zum letzten Mal ihre Spuren hinterließen. Diese Beunruhigung träumen wir vielleicht, sie könnte überlebt haben in Angst und Verachtung als stammesgeschichtlichem Erbe. Die längste Zeit waren wir nicht unangefochten unter uns Ähnlichen. Wir sind zu unserer Stellung im Verlauf einer kulturellen Beschleunigung gekommen, die erst vor 40.000 Jahren einsetzte. Was, wenn ein alter Rivale wieder hochkäme von den Brettern seiner Niederlage? Er wäre doch nur für die Dauer eines Wimpernschlags K.o. gewesen.

In einem wiederkehrenden Traum erlebt sich Hanne als Gefangene eines Ausgestoßenen (Gebrandmarkten, abstoßend Versehrten). Sie wacht mit einem Bedauern auf, das sie nicht versteht und auch nicht verfolgt. Sie will sich nicht aufschließen und psychologisch begreifen. Sie misstraut jedem, der ihr so vorkommt, als glaube er an Erklärungen. Während ihrer Schulzeit fuhr Hanne unter der Woche jeden Morgen mit einem Zug von ihrem Kaff in die nächste Stadt und kehrte nachmittags im Zug zurück. Manchmal setzte sich ein muldensächsischer Quasimodo zu ihr und verschlang sie mit den Augen. Er war so unverschämt, dass Hannes Vorwitz versagte. Es gelang Hanne nicht, ihn lächerlich zu finden. Er verschaffte sich in ihren Träumen ein Hausrecht.

Ewald Erkel

Heute wäre Hanne eine #meetoo-Bekennerin. 1983 fällt der Übergriff und die Anzüglichkeit im männlichen Repertoire nicht aus dem Rahmen. Ewald behält seine Hanne scharf im Auge in der Volksbuchhandlung „Heinz Priess“. Sonst wo in der weiten Welt würde man ihn schmierig finden, aber in Leipziger Kulturkreisen geht die Schmiererei als Galanterie durch.

Hanne ist zu jung für eine arrangierte Perspektive und mit vierundzwanzig doch schon in der Klasse der Spätgebärenden. Sie muss sich beeilen, um in ihrem intragrupalen Mittelfeld zu bleiben. Ewald weiß das. Er schwankt noch. Sein Vater ist die „Ratte“ Willi.

Was zuvor geschah.

Ich greife zurück, um den Bogen der heutigen Lektion zu spannen. Zum Gründungsgremium der im 61er Herbst ins Leben gerufenen israelisch-amerikanisch-deutschen Fluchthilfeorganisation „Berlin Ranger“ gehören das invalide Obst- und Gemüseurgestein Achim „Acid“ Beluga, der Metzger Heinrich Teichmann, der polizeiliche Staatsschützer und israelische Agent Walter Großeisen (als Mann des Mossad le Alija Bet schleuste er Juden aus Nazieuropa nach Palästina), sowie der arbeitslose Artist und (vorgebliche) Zonenflüchtling Willi Erkel. In einem Leipziger Gefängnis hat Willi den Ehrgeiz entwickelt, auf einer negativen Folie mustergültig zu erscheinen. Fachleute behaupten, dahin käme man nur nach einem seelischen Selbstmord. Seitdem berichtet Willi interessierten Stellen. Im Kreis der Ranger erscheint der Spitzel als gerissener Grenzgänger und skrupelloser Schwerenöter.

Troubadoure der Abweichung

Zu „Petite Fleur“ saßen Cornelia und Heinrich Teichmann am 13. März 1963 in der Heaven & Hell Bar und staunten nicht schlecht.

In der Wilmersdorfer Heaven & Hell Bar stehen noch Nierentische. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den fiddler on the roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf Heinrich und verdächtig auf seine Frau. Cornelia vermisst ihre Freude an seltenen Menschen in außerordentlichen Geschlechterspannungen. Nichts geben ihr die Troubadoure der Abweichung und Meister der konkreten Poesie des Sexes. Sollte Cornelia nicht alles täuschen, dann treibt den Gatten der Wunsch, ihren erotischen Horizont zu erweitern. Sie hat Heinrich in den ersten Morgenstunden des 13. Augusts 1961 unter der S-Bahntrasse der Schönhauser Allee kennen- und bald auch in einer Hinterhofbutze des Prenzlauer Bergs liebengelernt. Plakatmalerin Cornelia ist die erste Geschleuste der Ranger und der Grund für die Vereinsgründung. Metzer Heinrich ist ein Mann des Wirtschaftswunders – aufgestiegen zum Fleischgroßhändler. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, wünscht er sich als Zugabe zum eigenen Betrieb mehr Lust von der Ehefrau.

Ist das zu viel verlangt? Heinrich malocht vierzehn Stunden am Tag. Außerdem schleust er im Akkord die Schwestern und Brüder aus der Zone in die Freiheit. Als Bauchrednerin in eigener Sache weiß Cornelia, dass Heinrich sie nicht geheiratet hätte, wäre sie im Heaven & Hell in ihrem Element. Sie zieht sich noch weiter zurück, nippt am Kelch, lächelt klösterlich und steigert ihren Wert als Inversionsfigur.

Willi und Heinrich verfehlten sich im Juni 1963 in Bulgarien

Willi ist ein Wanderer zwischen den Welten und ganz befreit von der Last einer eigenen Überzeugung. Seine Westberliner Freunde versetzt er in Erstaunen. Keiner weiß, wovon der Draufgänger offenbar nicht schlecht lebt. Willi fährt einen gazellenbeigen Karmann-Ghia. Immer wieder verschwindet er für Tage und Wochen. Er wirkt so unbekümmert, dass bei den meisten kein Misstrauen aufkommt. Nur Acid Beluga und Heinrich Teichmann wittern die Ratte. Ihr Misstrauen findet keinen Widerhall.

Willi verkörpert die ehrliche Haut wie kein zweiter. Als gelernter Zirkusarbeiter versteht er es, äußerst unterhaltsam zu sein. Er dirigiert jedes Kaffeehausorchester. Gegebenenfalls ersetzt er das Orchester mit vokalen Nachahmungen. Willi kann ein Pulverfass an seiner imaginären Schießbude aufmachen, die unsichtbare Band folgt dem Donner und dann klingelt und keckert es wie im Regenwald.

Im Juni fliegt er von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen nach Burgas in Bulgarien. Willi spannt im Gefolge einer HVA-Delegation aus. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Zur gleichen Zeit erkundet Heinrich den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilt er die Lage. Man foltert ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü – sprich Löwenmilch – auf dem Gaumen. Heinrich gerät in einen mondsüchtigen Zustand und vergisst seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sieht aus wie eine Vogelscheuche. Gefräste Furchen mustern eine Stirn über bezwingenden Brauen. Der Schrat lädt Heinrich zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutet auf einer bulgarischen Alm.

Heinrich trifft den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gibt den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao serviert er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich „Bouletten“, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erscheinen drei junge Frauen, früher hätte man Mädchen gesagt. Sie tragen Kopftücher und sind verheiratet.

In einem Trabi reist die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichnen sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollen vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars versteht die Feinheiten des Spiels nicht, er will bei seiner Favoritin im Auto zur Sache kommen. Heinrich ermahnt ihn mit der Faust.

„Die Nacht endete morgens um zehn“, erzählt Heinrich Wochen später gemütlich im Charlottenburger Haferkasten.

Im August 1963 registrierte die DDR-Regierung „fünfundzwanzigtausend Provokationen gegen unsere Staatsgrenze seit dem 13. August 1961“.

Der letzte Schrei ist ein Cottonova-Hemd, bügelfrei und atmungsaktiv, für schlappe achtzig Mark Ost. Willi fühlt sich in Hochform. Am Nordbahnhof in Ostberlin übernimmt er eine halbe Wohnung. Er teilt sie mit einem taubstummen Paar. Willi wundert sich, was Taubstumme alles mitkriegen – und mitteilen können. Sie beschimpfen Willi und manchmal sich auch gegenseitig in der Gebärdensprache.

Die Wirtin der „Wilden Eule“ in der Linienstraße (Ostberlin) hält für gute Gäste Westspirituosen im Bückwarensortiment. Ihre „Mädchen“ sind handverlesen, sie tanzen zu „Take Five“ mit westdeutschen Geschäftsmännern, während die Ostberliner Liebhaber im Hintergrund glühen.

In Kneipen offeriert Willi seine halbe Wohnung westdeutschen Geschäftsmännern als Absteige. Im Jargon des Alexanderplatzes sind Absteigen Durchreichen. Schwierigkeiten machen „Hausbuchführerinnen“, die Blockwärterinnen des real existierenden Sozialismus.

Bei einem Wechselkurs von 1:10 ist es für Bundesdeutsche fast unmöglich, mal eben den sozialistischen Gegenwert von tausend D-Mark auf den Kopf zu hauen. Solchen Freiern muss unter die Arme gegriffen werden. Die Spezialistinnen fischen die harte Währung mit Finesse ab.

Wie alle, die den Bogen raushaben, beweist Willi nur im Ernstfall Einfallsreichtum. Ein Dreh muss simpel sein. Sonst zieht er nicht. Aus Willi spricht unverhohlen der Volksmund: „Die Frau ist wie eine Krawatte, erst findet man sie schön, dann hat man sie am Hals.“

Den Trottoirschwalben ist Willi angenehm als einfacher Mensch. Seine Durchreiche nennen sie Park Hotel. Da trifft man sich an der Antik Bar. Das ist ein traurig verschrammtes Vertiko. Der Krempel im Vertiko wurde von Leuten zurückgelassen, in den Westen gemacht haben, da aber auch nicht weitergekommen sind.

Immer wieder muss Willi mit der schlimmen Krankheit zum Arzt. Am liebsten lässt er sich in Nachtdienstambulanzen behandeln. Sein persönlichster Blues besingt die Spätsprechstundenhilfe und andere Nachtschwestern.

Zehn Termine sind regelmäßig bis zum Abschluss der Behandlung vorgesehen. Es gibt immer zwei Millionen Einheiten von irgendwas. Willi freundet sich mit einem iranischen Gynäkologen an. Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass Basri seine Approbation auf einem Basar erstanden hat.

Der Bassbariton Basri verkehrt als Omar Sharif in der Rolle des Doktor Schiwago in den Kaschemmen. Er macht Willi mit Hilde bekannt. Willi und Hilde verstehen sich auf Anhieb. Die Wohnung der halbmondänen Krankenschwester, zu bestaunen gibt es Gipsbüsten von Komponisten, eine Kerzenhalterkollektion und einen Leuchter mit tausend Armen, wird zur besungenen Durchreiche. Eines Tages steht Hein Teichmann wie ein anderer Hans Albers auf der Matte, zwei Mädchen in den Armen.

25. Januar 2018

Hessenmeister

Die kubanische Antwort

Was zuvor geschah.

Der Westberliner Industriekaufmann Tillmann „Double Trouble“ Koslowski war bis zu seiner Enttarnung das Ass der israelisch-deutsch-amerikanischen Fluchthelferorganisation „Berlin Ranger“. Er stand bis eben vor einer Hochzeit mit Gerda, Tochter des Wursttaifuns Heinrich Teichmann. Ihm droht nun das Verhängnis einer erotischen Altlast. Seine Hauptstadtgeliebte Monika Kanu hat sich in die Frontstadt schleusen lassen.

Wir schreiben das Jahr 1987. Noch gibt es die Deutsche Demokratische Republik. Einer ihrer Kundschafter des Friedens, Heinz Wolf (Name von der Redaktion geändert), hat auf einer Antille sein Leben im Nahkampf mit einer amerikanischen Agentin namens Charlotte Amalie Thunderbólt verloren. Er lässt zwei Witwen zurück. In Ostberlin trauert die Mutter seiner Söhne Brigitte um ihn. Über die näheren Todesumstände in einem Hoteldoppelbett hat man sie im Unklaren gelassen. Auf der anderen Mauerseite wurde das Verschwinden des salonrassistischen Sensationsreporters Heinz Wolf (so geht Wolfs Westlegende) von seiner Frau Angel Beluga-Wolf der Polizei gemeldet. Die Ex-Verfassungsschützerin Angel erfüllt die Abwesenheit ihres Vernichters mit Freude. Heinz hat sie auf der Psychoschiene fertiggemacht, bis zur alkoholistischen Arbeitsunfähigkeit. Angel fühlt sich als Wrack in Kreuzberg wohl soweit. Sie hat ein Lieblingsspäti und zählt sich zu den Aktionistinnen des „Instituts für aggressiven Humanismus“, dessen Star der Maler Flo Lekrem ist.

So geht es weiter

Zu den zentralen Sozialisationserfahrungen in einer zivilen Gesellschaft gehören die Kollisionen von Erfahrungen im Spektrum zwischen aufgeschlossenem und abschließendem Verhalten. Beide Pole statten sich ungefragt aus. Im Gewitter der Widersprüche gewinnt eine Seite die Oberhand. Von dieser Asymmetrie hängt ab, wie wir uns Bedürftigen zeigen und was Bedürftigkeit in uns auslöst.

Tillmann, als Westberliner von Wehr- und Ersatzdienst befreit, hatte sich in seiner Lehrzeit selbst einen kleinen Zivildienst auferlegt. Zwei Jahre betreute er für die Dauer eines Sonntagnachmittags einen Schwerstbehinderten. Das kam aus einem einsamen, allgemein kritisch bewerteten Entschluss, wie ein Bettelmönch vergangener Tage etwas Mühsames zu tun. Auch Tillmann sah den Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen, gleich neben dem Fass ohne Boden. Zugleich stellten sich Abgrenzungsfragen. Wo hörte die Hilfsbereitschaft auf?

Wer darauf keine vernünftige Antwort fand, dozierte Tillmann vor sich hin, gerät unweigerlich in einen aktionistischen Zusammenhang, der apokalyptische Deutungen nahelegt und eine Bereitschaft zur Verurteilung der Zurückhaltenden fördert. Die Alarmierten können die Sirenen in ihren Köpfen nicht mehr abstellen. Jede Antwort mutiert zur Frage. Die Welt bricht durch die Ich-Schranken.

Tillmann löste den inneren Konflikt, indem er die Sozialarbeit einstellte. Fortan verwandte er keinen Gedanken mehr daran. Niemand darf behaupten, Tillmann jemals hilfsbereiter gefunden zu haben als jeden Egoisten im Bekanntenkreis. Ich will trotzdem das Verhältnis zwischen Tillmann und Wieland Malone beschreiben. Wieland stammte aus einem niedersächsischen Weserdorf an der Grenze zu Hessen. Werra und Fulda fließen da zusammen. Es gibt nicht nur eine Wetter- sondern auch eine Sprachscheide. Vereinzelt wird Niederdeutsch gesprochen. In dem Gelände zwischen Göttingen und Kassel und halb im Reinhardswald entging Wieland dem Nazi-Euthanasieprogramm, weil ein Dorf dichthielt. Wielands Mutter konnte noch nicht einmal einen Mann für das Kind aufbieten, sie war Magd aus dem Samen eines Knechts. Sie wurde bestimmt nicht gut behandelt. Aber man hat sie trotz Nazibürgermeister und Hitlerjugend nicht verpfiffen und so überlebte Wieland gegen jede Wahrscheinlichkeit. Ihm fehlte fast alles, um aus eigener Kraft zu handeln. Seine Beine waren nicht zu gebrauchen. Wieland nutzte ein Rollbrett. Er war sehnig von spasmischen Strapazen. Ein Arm musste festgeschnallt werden, sonst schlackerte er unkontrolliert. Der andere Arm zitterte heftig. Das Gesicht war eindrucksvoll wie von einem gotischen Schnitzer zur Welt gebracht. Eine Sehenswürdigkeit über einem traurigen Anblick.

Wieland rauchte und trank. Tillmann zündete für ihn Zigaretten an und schob die Filter zwischen Wielands Lippen. Ab und klopfte er mit einem Aschenbecher die Asche ab. Er nahm Wieland eine Zigarette aus dem Mund, um Wein nachzufüllen. Damit war der abstinente Lehrling stundenlang beschäftigt.

Wieland lebte bei einem Pfarrer, der einer Armee Freiwilliger und Professioneller befahl. Im Bundesgebiet hatten sich drei Zivildienstleistende im Schichtdienst den Job geteilt. Der Pfarrer hätte die Stelle wegen der Servicenachteile in Berlin ausgeschlagen, aber Wielands Überzeugungskraft war groß genug gewesen, das Abenteuer einer ungeregelten Versorgung zu wagen.

Wieland konnte nur mühsam sprechen, er suchte aber das Gespräch mit jedem. Überall baute er schamlos Kontakte auf. Seine Bedürftigkeit konnte alles gebrauchen. Jede Zuwendung half. Wieland pendelte mit Hilfe seiner Betreuer zwischen zwei spanischen Lokalen, in denen er herzliche Aufnahme fand. Er wollte reden und trinken. Er hatte seine Not mit dem von Sportplatzattitüden regierten, auf den Zustand seiner Kleidung und der Friseur eitel bedachten Tillmann, der sich zu diesem und jenen nicht bereitfinden konnte, aus welchen Gründen auch immer. Wieland trieb Tillmann wie einen Esel an. Immer wieder verlor der Betreuer seinen Schützling aus dem Blick, weil irgendwer auf Tillmanns Schatten getreten war und die Empörung sich in ihm warmlief.

Wieland hatte Freundinnen, zu denen er sich von Tillmann fahren ließ. Manchmal musste Tillmann unversorgt im Auto warten, manchmal gab es für ihn Kaffee und Kuchen in einem Wohnzimmer. Manchmal zog sich die Dame des Hauses mit Wieland zurück. Sie schob ihn dann ins Schlafzimmer, so wie sie ihn auf die Toilette schob.

Wieland war seiner Notdurft gegenüber so befreit wie ein Säugling. Er hatte aber eine erwachsene Sexualität. Abgesehen von seinem scharfgeschnittenen Profil war alles verkümmert, nur nicht der Penis. Wieland besaß ein tüchtiges Glied.

Auf Tillmann wirkte das Männchen mit dem großen Kopf auf dem Rollbrett abstoßend-bizarr. Auf Wielands Freundinnen offenbar nicht. Sie fütterten Wieland mit Zigaretten und Alkohol, Kaffee und Kuchen ließ er stehen. Sie unterhielten sich gründlich mit ihm. Wieland zog sie in seinen Bann.

Ein Berufskiffer, der aus Bielefeld nach Berlin gekommen war, ließ Wieland in der Wanne ertrinken. Zum Zeitpunkt der fahrlässigen Tötung, die als Badeunfall zu den Akten gelegt werden würde, versuchte Tillmann schon nicht mehr seine Verlobte Gerda Teichmann davon abzuhalten, die Hochzeitsvorbereitungen in einem Skandal enden zu lassen. Das Desaster hatte Stunden zuvor am Savignyplatz angefangen, wo Monika mit einem Unbekannten ausgerechnet in dem schicken Spanier unter der Trasse aufgetaucht war, in dem Gerda und Tillmann nach Einkäufen einen Happen zu sich nahmen. Zuerst hatte Monika diplomatisch über ihren Tisch hinweggesehen, aber schließlich nicht mehr an sich halten können.

Monika? Sie erinnern sich wohl. Ich erzähle es gleichwohl gern noch einmal. Tillmann war bis gestern die Nummer Eins unter uns Schleusern – der beste Ranger seit dem Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, der die „Berlin Ranger“ im 61er Herbst als Antwort auf die Mauer gegründet hatte: gemeinsam mit Gerdas Vater, dem Schlachter Teichmann und dem polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter „Skip“ Großeisen. Als Mann des Mossad le Alija Bet schleuste Skip Großeisen Juden aus Nazieuropa nach Palästina. Der Falke ist Atlantiker. Amerika versteht er als persönliche Schutzmacht. Dazu später mehr. Jetzt steht Tillmanns Ostgeliebte in Westberlin auf der Matte. Wie konnte das passieren? Wer hat Monika rausgelassen?

Schuld an der Misere ist ein MfS-Hauptmann auf Abwegen. Gemeinsam mit Kollegen hat Flo Lekrems DDR-Cousin Fart Lekrem einen Schleuserring de luxe aufgezogen. Nachdem Tillmann, der Monika in gewisser Weise die Ehe und ein Leben in Freiheit versprochen hat, den Kontakt eingestellt hatte, war Monika eines Abends im „Prater“ auffällig geworden. Fart Lekrem hatte sich ihrer angenommen und Monikas Vertrauen gewonnen. Nicht aber ihre Zuneigung. Ihre Zuneigung gehört immer noch Tillmann. Vorhin erzählte sie so engagiert von ihren Gefühlen, dass dabei allerhand zu Bruch ging und einige blessiert wurden.

Körperliche Verletzungen verbinden sich nicht selten mit guten und starken Erfahrungen.

In archaischen Gesellschaften fand man keine Aufnahme unter Erwachsenen ohne Verletzungsschmerz. Initiationskulturen überleben im Sport. Deshalb gibt es Vorgesetzte, die im klärenden Gespräch fragen: „Welchen Sport praktizieren Sie?

Die Frage zielt auf die Belastbarkeit des Kandidaten jenseits von Anpassung und sozialer Geschmeidigkeit. Wer so fragt, will wissen: Wie verhält sich einer, wenn es hart auf hart kommt. Vorbildlich erscheint in diesem Zusammenhang Herkules. Der Olympier musste zwölf Aufgaben meistern, angefangen bei der Tötung des nemeischen Löwe, dessen Fell Panzerqualitäten hatte. Herkules verstand es, das Tier an seinem Schwachpunkt zu überwinden. Stichwort Achillesferse.

Es lebt ein Geschlecht herablassender Halbgötter unter uns, dass sich nicht einfach zu erkennen gibt. Tillmann ist ein Herkules unserer Tage, wenn auch nicht mehr so muskulös wie sein Ahnherr und Stammvater. Gerda und Monika wissen ein Lied davon zu singen. Mit Superorgasmen in die Hörigkeit getrieben, bewarfen und verfluchten sie sich in der Bodega Madrid.

Die Kellner gingen aus sich heraus, die Chefin trat auf den Plan. Monikas unbekannter Begleiter tauchte ab, endlich schluchzte Monika ins Weite. Gerda schrie den Spanier, ein Rotzladen bei Licht betrachtet, zusammen. Tillmann bemühte sich nicht zu sehr um Fiktionsversteifungen mit dem Kunststoff Realität. Er findet es unter seiner Würde, maßlos zu lügen. Man soll ihm glauben oder sich zum Teufel scheren.

Die Wahrheit ist eine unaufgedeckte Lüge, sagt Bernie Osterman in „The Osterman Weekend“, Sam Peckinpahs Schwanengesang.

Tillmann fehlt ein Ohrlappen. Als junger Mann neigte er dazu, die Ansagen seiner inneren Stimme für Gerüchte zu halten, denen man nicht mehr Beachtung schenken muss, als dem Gerede von Betrunkenen. Mehr als einmal traf ihn eine Kugel, die eine Ahnung kommen sah, infolge der Intuitionsverweigerungen. Von Kopf bis Fuß ist er olympisch mit zwölf Narben skarifiziert.

Tillmann reicht es. Er verlässt die Villa der Teichmanns im Grunewald gegen neunzehn Uhr. Er hat seinen Ford Mustang in Ostberlin stehen lassen und ist noch nicht zu einem neuen Auto gekommen. Aktionistinnen des Instituts für aggressiven Humanismus heften sich an seine Fersen. Sie performen die Verfolgung und filmen die Performance. Tillmann ist Gefangener eines Stücks, auf das er keinen Einfluss hat. Gleichmütig passiert er eine historisch illustre Nachbarschaft. Hier lebten Robert und Franz von Mendelssohn, Samuel Fischer, die Brüder Franz, Hermann, Louis und Hans Ullstein, Alfred Kerr, Maximilian Harden, Walther Rathenau, Gerhart Hauptmann, Vicki Baum, Lion Feuchtwanger, Max Planck, Werner Sombart, Hans Delbrück, Karl Bonhoeffer, Ferdinand Sauerbruch, Max Reinhardt und Friedrich Murnau. Kaum ist Tillmann um die erste Ecke, da heult ihm Monika entgegen.

„Ich wusste es“, triumphiert sie.

„Was wusstest du?“

„Dass ich dich heute noch sehen würde.“

Tillmann hebt die Schultern zum Zeichen seiner Kapitulation. Er ist als Fluchthelfer verbrannt. Seine berufliche Laufbahn im Ostwesthandel ist auch zu Ende. Aus der Verlobung mit einer Millionenerbin hat er sich gerade selbst entlassen. Ihm bleibt Monika. Sie glaubt alles zu haben, was der Geliebte braucht. Eben wird sie zum Objekt einer professionellen Observation und merkt davon nichts.

Ein historischer Ausblick und eine bilanzierende Betrachtung

Tillmann war fünf, als ihn der alte Teichmann zum ersten Mal in den Charlottenburger Boxkeller mitnahm, in dem damals vor allem Amerikaner trainierten. Das geschah im letzten Jahr vor der Mauer, der kalte Krieg kriegte immer mehr heiße Bezirke. Die „Krisenherde“ erschienen als Flammeninseln auf Landkarten in schwarzweißen Tagesschauen. Peter Scholl-Latour war noch nicht zu sehen. Er berichtete als Afrikakorrespondent aus Léopold- und Brazzaville für den Hörfunk. Amerika drängte militärisch nach Vietnam, um dem Vormarsch der Kommunisten Einhalt zu gebieten. Die Sowjetunion zog ihre Grenzen mit dem Panzerlineal. Tillmann erlernte den englischen Faustkampf unter einer Glocke des Wohlwollens. Väterliche Freunde machten dem Jungen klar, worum es ging, nämlich um die Vereitelung der Weltherrschaft des Bösen. Zweimal in der Woche holte Teichmann Tillmann zuhause ab. Hatte er keine Zeit, sprangen Acid Beluga oder Walter Großeisen ein. Im Club konnte man Gewichte heben, die Sauna nutzen, Ju-Jutsu praktizieren oder bloß Maulaffen feilhalten. Im Clubbüro lief das Radio, als Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“

„Das werden wir noch sehen“, grimmte Teichmann im Kameradenkreis. Das Büro hatte Glaswände. Die Kameraden beobachteten, wie Tillmann der Luft mit Haken zusetzte. Sie fanden den Knaben begabt. Sie hätten ihn auch mitgenommen und durchgezogen, wäre er unbegabt gewesen. Nach den ungeschriebenen Gesetzen ihrer Gemeinschaft hatte Tillmann einen Anspruch darauf, unter ihre Fittiche genommen zu werden. Sie waren das Rudel, in dem er einmal eine Rolle übernehmen würde. Die Welt ragte in einen apokalyptischen Abgrund, als im Oktober Zweiundsechzig eine atomare Eskalation zwischen „uns und dem Iwan“ wegen einer kubanischen Antwort der UdSSR auf die Stationierung von Mittelstreckenraketen an einer Grenze ihres Geltungsbereichs unvermeidlich schien.

Tillmann hörte die Männer der freien Welt im Club einem neuen Weltkrieg entgegen rasseln. Er war gut auf den Beinen, federleicht und fluffig. Technisch überragte er die Kinderschar. Keiner zeigte flüssigere Bewegungen. Wasser bahnt sich seinen Weg, Hindernisse übersteigend oder untertunnelt. Wasser kommt immer an und wird unterwegs mächtiger, bis es als Meer alles überwältigt.

Tillmann war aus dem richtigen Stoff. Die Kameraden nickten anerkennend. Die Beatles kamen groß heraus. Die Kubakrise war Schnee von gestern. Der Club tarnte die Interventionen der Berlin Ranger Division. Gert Ruge und Klaus Bölling brachten mit dem Weltspiegel ein neues TV-Format. Eines Tages nahm ein allen unbekannter Hüne Tillmann zur Seite und erklärte: „Boxen ist das A und Karate das O. Wer beides kann und zudem ringen, hat das Zeug zu einem guten Mann.“

Kaum hatte der Fremde seine Botschaft überbracht, drehte er sich wie die Turboschraube im Dübel durch die Decke.

Tillmanns Gewährsmänner hatten von Karate keinen Schimmer. Die Männer der ersten Fluchthelfergeneration idealisierten den Zehnkampf und schweiften aus in Erinnerungen an leichtathletische Sozialisationen; erweitert von einem rudimentären Boxkampfwissen und von Tricks. Boxen war für sie die Sahnehaube auf dem Schokobecher, Charakterschule und Erziehung zur Härte (vor allem gegen sich selbst). Tricks nannten sie ihre Schulhofselbstverteidigung. Befreiung aus einem Schwitzkasten. Lösung aus einer Umklammerung der Arme und des Rumpfs.

Was machst du, wenn dir einer frontal an die Wäsche geht?

Wo schlägt man hin, dass es keine Sauerei gibt?

Wie kriege ich einen klein, der viel größer ist als ich?

Eine systematische Schulung fanden die Kameraden überflüssig. Sie zeigten Revierkampfverhalten, wo es darauf ankam und verloren ihre Siegesgewissheit nie.

Sie gehörten zwar zu den Kriegsverlierern (sah man von Großeisen ab, der den Krieg beinah allein gewonnen hatte), sahen aber aus wie Sieger. Sie vertrauten Tillmann Heiner Busch an, einem Großonkel von Elke Busch, der Emma Steel ihre Grundlagen verdankt.

Heiner Busch war ein Pionier des Gōjū-Ryū Karate, dessen chinesische Wurzeln gut zu sehen sind. Wie jeder Karatestil wurde Gōjū-Ryū auf Okinawa transformiert. Oder um es mit Captain Benjamin Isaac Willard zu sagen:

„Karate is a product of multi-racial culture.”

Willard ging den langen Weg von Texas (Boxen, Ringen) über Okinawa (Karate), Korea (Taekwondo) und Vietnam (Vovinam Viêt Võ Dao) nach Gelnhausen (Aqua Jogging, Spaziergänge) im Main-Kinzig-Kreis. In der Gegenwart von 2017 ist er als Gründer von Apokalypse Now TV (ANT) ein Protagonist des großen Spiels. In Tillmanns erstem Jahr als Karateka tauchte Willard manchmal im Club auf, um zu sparren und Gewichte zu heben. Er bemerkte das Potential des Jungen, der ihm als Sonderermittler im Team von Jakarta Arizona Jahrzehnte später wiederbegegnen würde. Das ist eine andere Geschichte, in der Gerda Teichmann doch noch zu Tillmanns Gattin promoviert wurde.

Heiner Busch erklärte 1964 dem Neunjährigen in einem Keller Dōjō: „Karate reflektiert ein kulturelles Erbe. Es formt dich. Denk nicht daran, dass auch du es formen könntest.”

17. Januar 2018

Hessenmeister

Himmlischer Toilettensex

Ostberlin 1987

Entmündigung gibt nur einen Vorgeschmack. Unterwerfung wird vorausgesetzt. In der DDR-Knastphilosophie überlebt der Zuchthausgedanke. Der Eingeschlossene ist ein Ausgeschlossener. Menschen- und Bürgerrechte sind ihm zu verwehren. Im Grunde kann der Delinquent nichts entbehren, da er nichts mehr darstellt. Er hat die Stufe unter dem Haustier erreicht. Seinen Status markieren Trainingsanzug und Filzlatschen. Gebeugten Hauptes nimmt Manfred Uffland die Kluft entgegen, um sich in ihr zu verwandeln. Zur Grundausstattung gehören Handtuch und Seife. Die Zelleneinrichtung beschränkt den Häftling auf eine Holzpritsche mit dünner Schaumstoffauflage plus Hängeschrank, Tisch, Hocker. Es gibt ein Handwaschbecken und eine Toilette. Über dem Becken ist ein Spiegel im Fliesendekor so eingelassen, dass keine Kanten vorstehen.

Was zuvor geschah – Im ersten Herbst der Mauer.

Manfred wurde vom Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in die Rummelsburg verlegt. Er sitzt im Gefängnis, weil er die Republikflucht seiner Frau Petra nicht vereitelt hat. Er hatte sich Heinz Wolf anvertraut, mit der Erwartung, dass der HVA-Major Petra von ihrem Vorhaben abbringen würde.

„Ich dachte, der Heinz bringt die Petra zur Vernunft.“

Stattdessen betrieb Heinz im Auftrag der Hauptabteilung Aufklärung und mit Hilfe des Berlin Ranger Tillmann „Double Trouble“ Koslowski Petras Schleusung nach Westberlin, um sie da zu bearbeiten. Der gelernte Industriekaufmann Tillmann steht kurz vor der Hochzeit mit Gerda, Tochter des Wurstmoguls Heinrich Teichmann. Gerdas Mutter ist die im ersten Herbst der Mauer geschleuste Cornelia. 1965 kam die Tochter zur Welt.

In der amtlichen Handlungsgegenwart von 1987 bleibt Tillmann viel Zeit für Geschichten aus der Ranger-Steinzeit. Erzählt werden sie von Acid Beluga, der die Schlüsselgewalt über ein Dutzend Wohnungen, Schuppen, Lauben und Garagen hat. Der „Beluga vom Kudamm“ ist Herr in einer heimlichen Welt, geboren aus dem Geist eines Häuserkampfs, der nicht stattgefunden hat. Seine Tochter Angel hat nach einem starken Anfang beim Verfassungsschutz die Segel gestrichen. Sie existiert in einer Kreuzberger Blase mit Lieblingsspäti und Kunstgenuss im „Sonnenstudio“. Ihr bigamistischer Heinz bearbeitet das linksradikale Großmilieu des freien Berlins als Messias im Auftrag der HVA. Er fuckt Angel so geschickt ab, dass Vater Beluga keinen Verdacht schöpft. Heinz ist das wahre Rumpelstilzchen. Einer seiner Vorgänger war „die Ratte“ Willi Erkel. Sie wurde 1963 aus der Panke gezogen, im Rangerjargon nach ihrer „Erlösung“.

Heinz schlägt Willi um Längen. Seine Gemeinheit grenzt an Genie. Seine Infiltrationspotenz übertrifft sämtliche Erwartungen. Er hat Manfred erst Hilfe versprochen und dann seine Verhaftung angeordnet. Manfreds Leidenstournee begann in Hohenschönhausen. Sie führte in die Rummelsburg. Nun lernt Manfred die Anstalt in der Magdalenenstraße kennen. Der Kasten war zur Kaiserzeit Gerichtsgefängnis. Der technische Standard entsprach damals der billigsten Lösung und wurde seither nicht angehoben. Alles leckt, rostet, bröckelt und schimmelt.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, Manfred regiert schon die Langeweile. Läppische Äußerungen in einer Kneipe ließen seinen Zellengenossen einfahren. Manfred sieht einen alten Mann, der die Schamlosigkeit besitzt, vor ihm zu heulen.

Massengräber der Hoffnungen

„Du schließst die Augen und denkst an Sex … der flüchtigen Art.“ Vendela Vida

Die Spanier gaben ihren neuweltlichen „Entdeckungen“ bombastische Namen. Ihnen voran segelte der Genuese Kolumbus. Den größten Landflecken einer Inselgruppe der Kleinen Antillen nannte er 1493 Santa Ursula y las Once Mil Vírgenes. Die Conquista unterbrach die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung durch eingewanderte Kariben. Sie vernichtete die Indigenen mit Arbeit und ersetzte die Verluste mit afrikanischen Sklaven. Ein Jahrtausendverbrechen lässt uns ruhig schlafen, es ist die Grundlage unseres Wohlstands und unseres geräumigen Seelenfriedens. Um es wieder einmal mit Heiner Müller zu sagen: „Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand.“ Die Jungferninseln boten sich im 16. Jahrhundert als Piratennester an. Sie waren Dänemarks Platz an der Sonne, wie Bismarck die überseeischen Besitzungen der alten Reiche nannte.

Während Manfred in eine Knastdepression rauscht und von Selbstmord träumt, genießt Heinz die Aufmerksamkeit der Reisebekanntschaft Amalie auf einem British Airways Flug von Frankfurt am Main via London und Miami zu der Jungferninsel Saint Thomas (dänisch Sankt Thomas). Heinz reist im Auftrag der „Firma“. Er soll einen Abtrünnigen neutralisieren, dessen Republikflucht im Politbüro als Kreditschädigung empfunden wird. Heinz hat schon lange kein Gefühl mehr für Empfindlichkeiten seiner Heimat. Er kann kaum an sich halten, so überwältigend erscheint ihm (die ihrem Ehemann entgegenfliegende) Amalie. Ihre Vorfahren setzten sich bereits 1665 auf Saint Thomas fest. Einig werden mussten sie sich mit versprengten Holländern, die bald mannschaftlich umrundet waren, aber nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit garantierende Dänenordnung hatten. Skandinavische Toleranz sorgte dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl nicht in einem Kapitel endet.

Von 1672 bis 1917 waren Saint Thomas, Saint Croix und Saint John Dänemarks westindische Inselkolonien. Nach dem Willen des Königs von Dänemark und Norwegen durften seine Untertanen ab 1803 ihre Vermögen da nicht mehr im Sklavenhandel vergrößern. Das Verbot wurde vielfach umgangen, auch von Amalies Ahnen. Obwohl „die Mokkaschönheit Amelie“ (aus dem Reisetagebuch des Heinz W., unkorrigiert) kein Hehl aus einer begrüßten Gebundenheit macht, erreicht das Gespräch mit dem Fremden im Anflug auf den Cyril E. King Flughafen einen hohen Grat der aufgekratzten Vertrautheit. Amalie und Heinz unterhalten sich über himmlischen Toilettensex so, als könnten sie ihn jederzeit (als Steigerung allen Irdischen) gemeinsam haben. In der nächsten Einstellung erreicht Heinz Wolf wie ein anderer James Bond solistisch Charlotte Amalie. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 – 1714), eine kurhessische Prinzessin, die auf dem Heiratsweg dänisch-norwegische Königin wurde.

Heinz checkt ein

im „Two Sandals by the sea Inn“, 6264 Estate Nazareth, St. Thomas, VI 00802, Vereinigte Staaten, Telefon: +1 340-998-2394, und hilft sich selbst unter der Dusche. Er ist so aufgeladen, dass er kaum noch weiß, warum er auf der Insel ist. Der Jetlag singt sein Lied. Später am Pool entdeckt Heinz, dass in Charlotte Amalie noch mehr Amalies erstaunlich zugänglich erscheinen. Die nächste, die ihm freundlich begegnet, heißt Charlotte. Wie Amalie stammt sie aus einer Familie von Kapitänen, Reedern, Plantagenbesitzern, Verwaltern und Kaufleuten.

Heinz sollte sich um den Hit kümmern und die Zielperson abkühlen, anstatt mit Charlotte im Cocktailrausch am Pool zu poussieren.

Heinz informiert sich über die dänische Sklavenhaltergesellschaft

Man müsse jedem Menschen und sei er noch so schwarz einen Funken Hoffnung lassen, um ihn am Leben zu halten. Mit dieser Philosophie sicherten auch Charlottes Altvorderen ihren Profit.

„Ich kann mir die schmerbäuchige Schläue eines Kapitäns gut vorstellen, der den Wert seiner Fracht mit einfachen Mittel zu erhalten bestrebt war“, formuliert Heinz beinah über seine Verhältnisse.

Die Afrikanerinnen überließ der Kapitän seiner Mannschaft. Wo der erzwungene Beischlaf zu Schwangerschaften führte, stieg der Gewinn. Die vergewaltigten Frauen brachten eine Zwischenklasse zur Welt, die zu den Kolonien gehörte wie der Rum.

Leider verwendet Heinz in seinem Bericht ungefiltert das abwertende Herrschaftsvokabular. Ich gebe das nicht wieder. Bis ins 20. Jahrhundert reiste man als (in der Heimat ausgebildete) dänische Reederstochter oder Erbin fabelhafter Ländereien von Kopenhagen via Calais und Christiansborg (an der Küste des Golfs von Guinea) nach Dansk Vestindien.

Charlotte schildert Heinz die Abenteuer einer Urururgroßtante, die als höhere Tochter mit der Aussicht auf ein Vermögen zwar priviliert war, aber …

„Charlotte Amalie hatte eine schwarze Mutter. Als das Schiff im Hafen von Christiansborg festmachte, riet ihr Kapitän Johann Ferkel an Bord zu bleiben. Anderenfalls liefe sie Gefahr, ein Sklavenschicksal zu erleiden. Das aber widerfuhr ihr alsbald. Ferkel selbst verkaufte sie an anderer Stelle.

Gehobene Dienstbotenexistenz

Erst fünfzig Jahre später gelang einer Urenkelin ein Nachweis der Zugehörigkeit zu einer dänischen Dynastie. Sie kehrte in den weißen Schoss der Familie zurück und vollbrachte es, mit der Kraft ihrer Persönlichkeit einer gehobenen Dienstbotenexistenz zu entgehen. Sie wollte in der Gestalt einer Urenkelin wieder so weiß sein wie ihr Großvater weiß gewesen war. Es sollte ihr nicht gelingen. Die „Antillengazelle Charlotte“ ist das, was ein Heinz oder Flo oder Fart Lekrem als „hellhäutige Negerin“ bezeichnen würde, selbstverständlich ohne rassistisch zu sein.

Die Wüsten von Europa

Afrika hat sich in Charlotte durchgesetzt. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze gegen Afrika zu halten. Die alten Sklavenhaltergesellschaften erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Verworfene die ersten Weißen, die aus dem Nirgendwo auftauchten. Sie brachten das große Projekt der Zivilisation, das nun wieder einige Autoren als positives Kolonialerbe beschwören. Ich greife durch bis in die Gegenwart. Der europäische Standpunkt formuliert sich auf einem Berg von Leichen so wie in Massengräbern der Hoffnungen. Die Überlebenden geraten in ewignächtliche Randgebiete. Sie entdecken die Wüsten von Europa. Der in Calais planierte Dschungel bricht durch den Asphalt der Pariser Boulevards.

Die Sache mit dem Eispickel

Charlotte bindet Heinz an sich, und ein Mann, der seinen Leo Trotzki kennt, flieht vor einem Mörder. Paul Gruber, Kampfname Dawidowitsch, war lange ein Gläubiger, erst als Faschist, dann als Kommunist und Nutznießer der sozialistischen Günstlingswirtschaft. Ein Missverständnis brachte ihn um Amt und Würden. Er packte in Langley aus, der Verrat ließ sich nicht vermeiden. Er folgt jetzt einem Wink der CIA, die den Killer im Griff hat.

Das Überwachungsteam der HVA meldet nach Berlin, Gruber sei abgetaucht und Heinz nur als Casanova aktiv. In den hellhörigen Nächten der Karibik sind Lustschreie an der Tagesordnung. Trotzkis Mörder erinnerte: „Der Mann schrie in einer Tonart, die ich nicht vergessen werde, solange ich lebe.”

Charlotte ist eine Großmeisterin „frauenspezifischer Methoden“ (Terminus technicus). Man hat einen Film mit ihr gedreht, um anderen Agentinnen vor Augen führen zu können, wie sich Verstellung mit Lust an der Arbeit ideal verbinden lässt.

Trotzki wurde am 20. August 1940 mit einem Eispickel ermordet. Auch Heinz will einen Eispickel einsetzen, als historisches Zitat. Er muss vorbei nur das Feuer löschen, das er in Charlotte entfacht hat.

Charlotte gibt Heinz nicht frei. Sie klemmt ihn ab, wie Ringer sagen. Wikipedia: „Abklemmen: Festhalten beider Arme des Obermanns vom Untermann im Bodenkampf, was den Obermann beider Stützen beraubt – er kann auf den Rücken gedreht werden.” Charlotte nennt Heinz einen hombre enigmático. Wieso spricht sie spanisch?

Auch Trotzkis Mörder gab vor Journalist zu sein. Wie Heinz pendelte er zwischen Namen und Nationalitäten. Als in Teheran geborener Belgier wurde er verhaftet und als tschechischer Staatsbürger kam er zwanzig Jahre später frei. Sein Biograf hielt ihn für einen Spanier namens Jaime Ramón Mercader del Rio Hernández.

In diesem Augenblick geht Charlotte über ihren Auftrag hinaus. Sie kommt einem Bedürfnis nach. Killed in action sagt man in Amerika, wenn ein Mann verdienstvoll ins Gras beißt. Heinz Wolf stirbt im Rang eines Majors mit siebenunddreißig Jahren. Er hinterlässt zwei Ehefrauen, zwei Kinder und zweitausend verwirrte Westberliner. Flo Lekrem scharrt schon mit den Hufen. Er wird Heinzens Nachfolger an der Front des Wahnsinns.

Hastema

Die Ex-Verfassungsschützerin Angel Beluga genießt den Einzug der Stille nach einem Streit unter Stadtnomaden. Dann geht es an anderer Stelle weiter. Zwei vor Erschöpfung überreizte Kinder geben ihren Backpacker Eltern den Rest. Die Mutter sieht aus wie Siri Hustvedt (1985). Eher noch besser. Angel fragt sich, warum die Frau nicht als Modell arbeitet und mit den Honoraren dem Leben ihrer Familie neue Glanzlichter aufsetzt. Der Mann spielt keine Rolle. In ein paar Jahren wird er sich in seinem Keller einmauern, die Birkenstocksandalen seiner ersten Geliebten zum Fetisch erklären, einen Schrein errichten und eine Religion erfinden.

Ein Hastema-Freund kreuzt auf, er hat Angel gesucht. Bis zu ihrem Tod wohnte Jacob bei seiner Mutter. Er hat noch einmal einen Mietverschlag gefunden, übernachtet aber schon draußen.

Über die Armseligkeit guter Vorsätze ist Jacob hinaus. Er ist der Herold einer schlimmen Botschaft. Er weiß, dass Außerirdische unter uns sind.

Bioinvasiv

Niemand sah sie kommen und niemand kann sie von Irdischen unterscheiden. Sie erscheinen invasiv wie Partisanen. Mehr noch gleicht ihr Verhalten einem Angriff gebietsfremder Arten auf ein Ökosystem. Die Außerirdischen setzen Infiltration an die Stelle exemplarischer Gewalt. Sie versprechen das Ende von Kriegen und Krankheiten. Ihre parasitische Lebensform haben sie äußerster Kultivierung zugeführt. Sie bewirtschaften die Erdlinge, ohne sich zu bekleckern. Sie denken die Erde und das Alte Testament neu als große Farm und Farmerfibel. Das Rindvieh kehrt selbst die Ställe aus.

Man möchte gar nicht aufhören, Jacobs Verirrungen nachzubeten. Seine rhapsodisch listige Erzählmanier treibt jede Floskel der Vermeidung auf eine Spitze und da verendet sie dann.

Jacobs Außerirdische sind über das galaktische Larvenstadium der Spielberg’schen Sternenfähren und Raumkreuzer hinaus. Ihre Energie fluktuiert ungebunden. Ihre Matrix verweigert sich der Materialisierung. Den Usurpierten geben sie deshalb schwere Rätsel auf.

Kein Raumschiff zerschellte bei der Landung. Keine Macht zeigt sich. Trotzdem überziehen Schneisen der Verwüstung den Planeten. Die Menschheit erleidet eine Panikattacke nach der nächsten. Hellsichtige erkennen den Befall der Gattung mit kosmischem Toxoplasma gondii.

Jacob sagt: „Viele wollen sich außerirdisch assimilieren, um auf den Trampelpfaden der Unterwerfung bei den Starken aus dem All mitmachen zu dürfen.“

Sie wollen die Expansion in den Weltraum und die Erschließung neuer Märkte hinter dem Horizont nicht verpassen.

10. Januar 2018

Hessenmeister

Kalter Sonntag

1962. Für die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik braucht man besondere Papiere, der Leipziger Schlosser und Zehnkämpfer Rüdiger Moll besitzt bloß einen PM-12. So buchstabiert sich der vorläufige DDR-Personalausweis: nicht gültig in Berlin. Ein Willi vom Rummelplatz kennt den krummen Weg in die Hauptstadt. Rüdiger folgt den Anweisungen und Ratschlägen des Gewährsmannes bis zu seiner Verhaftung.

„Staatliche Organe verhinderten Schlimmeres“, heißt es demnächst in diesem Theater.

„Sicherheitsnadeln“ nennt der Volksmund die Herrschaften von der Staatssicherheit. Man erkennt sie an ihren Nylonmänteln. In einem Eisenacher BMW schaffen sie den Delinquenten fort. Rüdiger bewundert das Auto. In Eisenach wird bald nur noch der Wartburg gebaut. Rüdiger wird zur Wächterburg gefahren. Ihr Portal bleibt vor ihm verschlossen. Man schleust ihn durch den Keller. So fängt spurloses Verschwinden an. Im Zimmer 111 residiert die Stasi hinter einer Luftschutztür. Nebenan befindet sich die Zulassungsstelle in ihrer Harmlosigkeit. Rüdiger zeigt sich ungerührt, wie viele Kriegskinder, deren verschüttete Gefühle nie ausgegraben wurden.

Der Häftlingshocker ankert am Boden

Rüdiger tritt die Untersuchungshaft im Staatssicherheitsgefängnis an. Der Trakt ist mit Glasbausteinen verbaut. Man lässt ihn zehnmal zur Vernehmung antanzen, mehr oder weniger strammstehen und dann doch Platz nehmen. Der Häftlingshocker ankert am Boden. Die Befragungen entlocken Rüdiger schließlich keinen Funken Interesse mehr. Was hat er schon zu verbergen. Man hält ihn für einen amerikanisch beeinflussten Halbstarken. Na und, das sind viele. Alles löst sich auf in Massen- und Zeitgeistphänomenen.

Rüdiger ist eine Kraftnatur. Mit seinem Zeugungswerkzeug kann er Keramik zerschlagen und ist zu diesem Zweck auch schon gebucht worden. Jederzeit könnte er bei der Stasi mitmachen und erbarmungslos wie im Kino den Greifer geben. Doch würde er nie einen Kumpel verpfeifen, glaubt Rüdiger bis zu dem Tag, an dem er Willi auspackt – eine Spukgestalt der Vornamenwelt.

„Ich weiß nicht, wie der.“

Cornelia – Eine Love Story im Kalten Krieg

Im Auftrag der Staatssicherheit erforscht IM Willi Erkel das im August 1961 von dem Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, dem Schlachter Heinrich Teichmann und dem polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen in Westberlin gegründete, als israelisch-deutsch-amerikanischer Kegelklub getarnte Fluchthilfekraftwerk „Berlin Ranger“. Ursprünglich ging es den Verschworenen nur darum, Teichmanns Bekannte Cornelia aus Pankow in den Wedding zu lotsen.

Ich schiebe die Episode kurz ein:

Der 13. August 1961 ist ein kalter Sonntag. In der ersten Morgenstunde passiert Hein Teichmann die Sektorengrenze von West nach Ost. Er weiß etwas von einer privaten Tanzerei in der Lychener Straße. Die Feier ist schon eine flaue Angelegenheit, jedenfalls für Teichmann. Die Paare, die sich im Verlauf des Abends erst gefunden haben, sehen das anders.

Teichmann steigt über Leiber, um in die Küche zu gelangen. Es muss doch noch was zu trinken im Haus sein. Jemand schraubt an einer „Möwe“ von Elmug. Die Bestände sind erschöpft, abgesehen vom „Bär, der Frohsinn bringt“, einem Kräuterlikör des VEB Bärensiegel. Teichmann tritt als Kopie von Gene Vincent auf. Er ist zweiunddreißig, Metzger nach einer Familientradition und Fleischgroßhändler infolge glücklicher Umstände und vielleicht auch unternehmerischen Geschicks. Er kennt Anflüge von Mitgefühl mit der Kreatur, die er für sich behält. Er unterhält sich gern mit Leuten und zeigt sich politisch interessiert. Die Tanzmusik im Radio wird für eine Meldung unterbrochen:

„Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR sowie an alle Werktätigen.“

Das Weitere geht in einem Streit unter. Den Streitenden ist die Regierungsverlautbarung schnuppe. Teichmann fühlt sich genauso wenig angesprochen. Er findet keinen Anschluss und kehrt an die frische Luft zurück. Es ist viel zu kalt für August. Unter den Bahnbögen bemerkt er eine Frau in Bedrängnis. Polternd nähert er sich den Wegelagerern, daran gewöhnt, bezwingend zu wirken. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, seine Kampfbereitschaft wächst mit jedem Schritt. Es gibt eine natürliche Rivalität zwischen dem männlichen Nachwuchs in Pankow und im Wedding, Kämpfe sind an der Tagesordnung, Teichmanns Gegner weichen nicht. Der Kleinste hebt einen Stein auf, um sich mutig zu machen. Der Größte schlägt ihm den Stein aus der Hand. Er hat Vorbildfunktion und weiß, was von ihm erwartet wird. Die Kontrahenten dampfen direkt in den Schlagabtausch. Das hat sich bewährt, daran hält man fest. So geht es am schnellsten.

Teichmann schlägt alle in die Flucht. Das lässt ihn kalt, er kennt sich nicht anders. Selbst wenn er den Kürzeren zieht, bleibt er obenauf, ganz einfach überlegen. Er weiß selbst nicht, wo das herkommt. Bereits eine halbe Flasche Wein später hat sich Cornelia im „Mäusekeller“ so weit aufgerappelt, dass sie Teichmann „meinen lieben Retter“ nennt. Ein halbes Jahr später wird sie ihren Retter heiraten und so eine gute Partie im goldenen Westen machen. Doch jetzt wohnt sie noch um die Ecke, da bietet es sich an.

Auch der Vormittag des 13. Augusts ist kalt. Teichmann bemerkt Plakate mit der Aufschrift „Ruhe bewahren“. Die U-Bahntrasse über der Schönhauser Allee, für den Berliner „der Magistratsschirm“, ist gesperrt. Leute gehen auf den Gleisen spazieren. Das „Neue Deutschland“ ist ausverkauft. Am Brandenburger Tor verkrampfen Kampftruppen neben Wasserwerfern. Die Helden der sozialistischen Heimwehr werden angegiftet. Zurzeit erzählt man sich diesen Witz: „Was passiert, wenn der Sozialismus in der Sahara eingeführt wird?“ – „Die ersten zehn Jahre nichts. Dann wird der Sand knapp.“

Wir müssen es einen Sieg nennen, egal wie es ausgeht. Nixon

Zwei Wochen später erklärt Teichmann in der Kreuzberger „Kaffeemühle“ den Freunden Großeisen und Beluga die Lage am Nordbahnhof und in der Leninallee. Da fahren die Kohlenzüge ganz langsam gen Westen. Da könnte einer mit Mumm aufspringen. Willi Erkel dringt in den Freundeskreis. Angeblich saß er in einem DDR-Knast und hat gleich nach seiner Entlassung im Alleingang Republikflucht begangen. Willi präsentiert sich als Kommunistenhasser mit brauchbaren Ortskenntnissen in Ostberlin. Er berichtet, dass Leute reihenweise im Schnellverfahren wegen Beihilfe zum illegalen Verlassen der DDR gemäß Paragraph 8 Absatz 1 des Passgesetzes in der Fassung der Änderungsgesetze vom 30.08. 1956 abgeurteilt werden.

„Eine falsche Bemerkung reicht.“

„Die ständig zunehmende Aggressivität der westdeutschen Militaristen und Faschisten, die alles tun, um die Entwicklung und Festigung des Friedenslagers zu hindern und durch einen Dritten Weltkrieg die großen Aufbauerfolge des sozialistischen Lagers zu beseitigen, haben unsere Regierung zu Sicherungsmaßnahmen in Berlin veranlasst.“ Aus einer Urteilsbegründung vom 18. Oktober 1961.

Teichmann will Cornelia sofort rausholen, aber nicht auf die sportliche Tour. Das teilt er der Runde mit. Willi verspricht das Blaue vom Himmel und erfragt die Kontaktdaten. Teichmann erfindet eine Conny Duleimstmichnicht, wohnhaft halbe Treppe in Pankow. Auf die Hausnummer habe er nicht geachtet.

Was macht Rüdiger?

Der Athlet verdirbt bei täglich zehn Minuten Hofgang. Gleich, wo er geht, steht oder sitzt, hat er sich mit dem Gesicht zur Wand und den Händen am Rücken aufzustellen, wenn Gefangene durch die Korridore geführt werden. Stellt sich Rüdiger in der Zelle auf Zehenspitzen, sieht er die Gerechtigkeitsstatue des ehemaligen Reichsgerichts, wo Georgi Dimitrow einst Hermann Göring zur Schnecke gemacht hat. Damals schwang sich der spätere bulgarische Ministerpräsident vom Angeklagten zum Ankläger auf. Nach Dimitrow wurde in Leipzig eine Straße benannt. Die Dimitroffstraße hieß mal Klitzschergäßgen. Das war vor so langer Zeit, dass selbst Rüdigers rote Oma den ursprünglichen Straßennamen nur noch vom Hörensagen kannte.

Die Wächterburg war in der Kaiserzeit das Leipziger Polizeigefängnis. Rüdiger findet es lustig, dass ausgerechnet Halli Hacksack das Essen bringt. Halli hat ein Glasauge seit einer Schlägerei. Mit Rüdigers Oma agitierte er für die Rote Hilfe Solidarität in der Bevölkerung – in den gefährlichen Zeiten der Straßenkämpfe zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Kein redlicher Sachse weiß, dass Halli sein Tagewerk als Stasischließer verrichtet.

Rüdiger liegt mit vier Mann auf der Zelle. Einer stammt aus Borsdorf. Da wohnten schon August Bebel und Wilhelm Liebknecht. In ihrer Nachbarschaft waren gefallene Mädchen interniert. Familiärer Angelegenheiten wegen ist der Borsdorfer sehr besorgt. Er kriegt sich kaum ein. Wie lächerlich ist das denn.

„Mensch, reiß dich zusammen.“

Die Belegschaft zieht den Borsdorfer Lappen über den Zellenboden.

Was macht Willi?

Die Ratte sitzt in der „Kaffeemühle“ und sabbert einer Doris das Dekolleté voll. Doris ist ohne Ehemann guter Hoffnung. Willi verspricht die Hochzeit in Weiß. Ihn interessieren nicht nur Doris‘ blaue Augen, sondern auch ihre Kontakte zu einer Goldgräberbande. Freunde von Doris graben sich von Westen nach Osten. Da sind welche, die kommen ihnen entgegen.

Doris redet so großartig, als grübe sie selbst. Und dann auch noch schwanger von irgendwem. Wie soll man da nicht ins Grübeln geraten.

Acid Beluga stellt sich ein. Er ist der erste Mauerfuchs. Dem Invaliden bietet sich der antiimperialistische Schutzwall als Nuss an, die geknackt werden muss. Willi betrachtet er als einen Freund in der Not, dem man besser nicht vertraut. Beluga hat den Krieg vom ersten Tag bis zu seiner Versehrung 1943 mitgemacht. Als er heimkam, lag ein anderer Mann in seinem Bett. Beluga verzog sich in den Keller und hüllte sich in Schweigen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee geriet er in ein Sumpflager an der Oder. Da traf er Walter Großeisen vom Mossad le Alija Bet, einer Abteilung der Jewish Agency. Mit einer arischen Legende organisierte Großeisen die illegale Auswanderung nach Palästina. Er gewann Beluga im Lager für Sicherheitsaufgaben. Nach seiner Entlassung diente er dem Aufbau eines jüdischamerikanischen Netzwerkes, das in den Fünfzigerjahren mit offiziellen Stellen in Israel verbunden wurde.

Das weiß Willi nicht. Er hält sich für erfolgreich: bei der Infiltration einer Privatinitiative, die von einem Polizisten, einem Gemüsekrüppel und einem Fleischer ins Leben gerufen wurde. Beluga ist ein Original auf dem Kudamm, mit Ansichten von der Stange. Ein kalter Krieger, der das finale Duell (mit Atomwaffeneinsatz) der Supermächte für unvermeidlich hält. Die Liebhaber seiner Frau hat er jahrelang im Keller ausgesessen. 1950 machte er eine Laube winterfest und zog in die Kleingärtnerkolonie „Harmonie“. Es ist verboten, fest da zu wohnen, aber Beluga behilft sich so nicht als einziger. Es gibt genug Entwurzelte und Versprengte, die nicht mehr bürgerlich existieren können. Frauen und Männer mit zugezogenen Gesichtern und strichdünnen Lippen. Belugas Bratkartoffelverhältnis stammt aus einem verlorenen Ostgebiet. In der alten Heimat hat man ihr auf die Kehle getreten, um Franz Fühmann abzuwandeln. Die Verstummte ist noch jung genug, um zu gebären.

1962 ist Acids Belugas Tochter Angel neun Jahre alt.

Vereist hört sich der Alte an, was Doris und Willi zu sagen haben.

Gemäß Paragraph 8 Absatz 1

Rüdiger wird gemäß Paragraph 8 Absatz 1 des Passgesetzes der DDR wegen Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Eine Straßenbauerin und ein Dachdeckermeister nicken das Urteil einer Strafkammer des Kreisgerichts Leipzig als Schöffen ab. Die Urteilsbegründung ist Justizkuriosa. Angeführt wird ein Mangel an Interesse in der Grundschule. Das zieht die Rechtsprechung in eine Klammer mit allen möglichen Verfehlungen, die noch nicht einmal die Leistungskraft von Jugendsünden besitzen.

„Die Handlungsweise des Angeklagten ist erheblich gesellschaftsgefährlich.“

Was hat das mit mir zu tun? fragt sich Rüdiger. Der Richter, ein umgänglicher Bürger, erteilt eine Zusatzlektion. Er rät zur zukünftig ständigen Berücksichtigung der Erkenntnis, dass unter dem Siegel der Verschwiegenheit „grundsätzlich alles weiter erzählt“ werde.

Die Untersuchungshaft rechnet man Rüdiger an. Er darf die Kosten des Verfahrens tragen und umziehen in die Justizvollzugsanstalt in der Alfred-Kästner-Straße. Die Straße in der Südvorstadt ist nach einem kommunistischen Antifaschisten benannt, der kurz vor Kriegsende bei Lindenthal noch rasch exekutiert wurde. Auch in der Alfred-Kästner-Straße wird im Auftrag des Ministeriums des Inneren vollstreckt. Man bringt die Verurteilten von sonstwo nachts durch einen Geheimzugang in das Gefängnis. Eine Guillotine trennt den Kopf vom Rumpf. Die Leichen verbrennen im Krematorium auf dem Südfriedhof zu Asche. Gebisse werden recycelt. Typen, die aussehen wie die Assistenten von Doktor Mabuse, kehren das Gelände mit Hammer und Meisel.

Jeder weiß, dass Rüdiger aus dem MfS-Knast kommt; der Drill sitzt in den Knochen. So zügig hat er vorher und nachher nie wieder Bewegungen verinnerlicht. Nun hockt er mit zwölf Mann zusammen. Rüdiger freundet sich mit Tauben-Paul ab. Die Asphaltkoryphäe nimmt Leute aus, die in Leipzig nicht Bescheid wissen, Provinzlemuren, die mit ihren Vorurteilen zum gefundenen Fressen werden.

Tauben-Paul verkörpert einen Mix aus Räudigkeit und Unverfrorenheit. Das Unglück seiner letzten Festnahme hat ihn in seinem mit vielen Schlichen gesicherten, eigenen Quartier ereilt. Darüber macht er sich lustig. Er animiert die Zellengenossen, sich auf seine Kosten zu belustigen. Das größte Kaliber in der Zelle ist der „Dichter“ Eberhard. Er wurde in der Kettenburg erzogen und trägt Tätowierungen im Gesicht wie der Harpunier Tashtego in „Moby Dick“.

Es gibt keine Raffinesse im Gefängnis, nur erprobte Einfallslosigkeit. Auch insofern erscheint Eberhard besonders. Das Letzte, was seine Opfer vor dem Aufschlag vernehmen, ist Rilke: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm/ und ich kreise jahrtausendelang/ und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm/ oder ein großer Gesang.“

Ein halbes Jahr später

ist Rüdiger ein Vorbestrafter, mit dem Privileg, nicht an seinen Arbeitsplatz in einer Schlosserei zurückkehren zu müssen. Eine Zeitlang geht er zeitig zu Bett. Er ist so früh auf den Beinen, dass er Zeitungen austragen oder einem Bäcker helfen könnte. Morgens um drei heizt er in der Küche seiner Eltern den Ofen an. Das Holz hat er im Vorjahr selbst geschlagen. Rüdiger genießt die häuslichen Abläufe. Die erste Tasse Kaffee, einen Kanten Brot, beschichtet mit Sirup und Leberwurst. Er tritt vor die Tür, Leipzig schläft noch. Liegestütze, Situps, Klimmzüge und Aufschwünge an der Teppichstange – Rüdiger kultiviert sein Athletengefühl, während ein neuer Tag anbricht mit seinen Geräuschen der Erneuerung und der Beständigkeit. Noch halten fremde Mächte die Kommandobrücke seines Lebens besetzt. Aber nicht mehr lange. Denn für Knechtschaft ist Rüdiger nicht gemacht.

Rüdiger fällt der Humor eines Schließers ein, der ihm zum Abschied nachrief: „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.“

Er kräftigt seine Hände. Zwei Kartenspiele zerreißt er auf einmal. Ihn kann keiner mehr vom Boden anheben. Das beweist Rüdiger auf der Herbstkleinmesse. Da steckt ihm jemand, dass Willi Erkel eine Ratte ist, die Leute reihenweise ins Verderben laufen lässt.

„Der produziert gescheiterte Republikflüchtlinge.“

Manchmal ist es so einfach wie im Märchen. Dann sagt einem jemand Bescheid. Beim Bier erinnert sich Rüdiger an den Tag, als er nach Berlin kam, noch in der Dämmerung eines Herbstmorgens. Willi hatte ihm geraten, sich der Grenze nicht zu nähern. Doch war die Grenze überall nah. Rüdiger ahmte das hauptstädtische Gehabe nach, den breitspurigen Auftritt. In einer Kellerkneipe schien die Nacht noch nicht zu Ende gegangen zu sein. Eine von denen, die den letzte Gong überhört hatten, sagte Rüdiger auf den Kopf zu, wo er herkam. Er durfte sich willkommen fühlen. Westmädchen stellte er sich unnahbar vor. Vielleicht war es besser, die Gunst der Stunde zu nutzen. Rüdiger hatte Zeit bis Mittag.

3. Januar 2018

Hessenmeister

Weltuntergang in Kürze

Wir schreiben das Jahr 1987. Noch gibt es die DDR. Auf der kapitalistischen Seite legt Vroni Ruch dem Teufel die Karten. Vroni ist die Mad Maxi von Kreuzberg. Sie leitet die Inkassoabteilung des „Instituts für aggressiven Humanismus“ und interpretiert ihre Tätigkeit als künstlerische Leistung. Mad Maxi zur Hand gehen Mändi und Freya. Die Ermahnung eines säumigen Zahlers ist im Hartreimjargon der Eintreiberinnen ein Stunt oder Hit. Mad Maxi, Mändi und Freya gehören auch zur Volksstasi. Ferner sind sie Kriegerinnen für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Sie verstärken die europäische Gewaltlinke und wähnen sich im Vorstand einer Art Autonomiebehörde. Sie träumen von befreiten Gebieten. Sie duschen in Terrorzellen und schwärmen in Banden aus. Sie sind die neuen Stämme. Die Kriegerinnen haben Prophetinnen, Heilerinnen, Seherinnen und Schlägerinnen. Der Reiseschriftsteller Benjamin Willard (er wird bald Apocalypse Now TV (ANT) gründen) erwähnt sie in seinem Bestseller The Ugly Packly of Berlin als autodidaktische Spinnerinnen.

Zu den Spitzenprodukten der DDR gehört die „Spee“-Waschmittelproduktion. „Spee“ ist eine Abkürzung von „Spezialentwicklung“. Die Produktionsstätte steht in Genthin, einer Stadt östlich der Elbe im Jerichower Land. Das Werk ist eine Henkel-Gründung aus dem Jahr 1921. Nach dem Krieg kam es zur Enteignung. Neunundvierzig wurde das „Waschmittelwerk Genthin“ volkseigener Betrieb. Man stellte zunächst noch ein „Ost-Persil“ her, das mit dem West-Slogan „Persil bleibt Persil“ warb. Seit den späten Sechzigerjahren heißt das sozialistische Persil „Spee“. Mad Maxis Vater war ein Persilkocher, bis er (mit Frau und Schwiegereltern) 1963 in den Westen machte. Er ließ die Familie von den „Berlin Ranger“ schleusen. Der israelisch-deutsch-amerikanische Fluchthilfeverein wurde im August 1961 von Achim „Acid“ Beluga, Heinrich „Taifun“ Teichmann, Walter „Kamikaze“ Großeisen, Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt gegründet.

Ein Treppenwitz der Lokalgeschichte. Mad Maxi, die ihre Freiheit einem Ranger verdankt, jagt nun im Auftrag einer Splittergruppe um Heinz Wolf und Flo Lekrem den arbeitslosen Industriekaufmann und aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann „Double Trouble“ Koslowski. Angeblich ist Tillmann einer Kriegerin für soziale Gerechtigkeit auf die Füße getreten. Seither hat das radikale Berlin kein anderes Thema mehr. Verlobt ist der junge Mann aus gutem Haus mit der Wurstmogultochter Gerda Teichmann. Den Pool seiner Geliebten erweiterte zuletzt die Journalistin Korea Grein. Tillmann verzehrt ein in Walddepots gebunkertes Vermögen. Er lagert überall in West- und Ostberlin konspirative Schuhkartons. Flankiert werden seine Einsätze von Texas „Double Action“ Thunderbolt, einem Sohn des legendäre Stonewall Thunderbolt.

„Schlankweg gebe ich zu, dass ich es nicht übers Herz brachte, mir zu verbieten, bis zu gewissen Grenzen zu bummeln.“ Robert Walser

Wilhelminische Überwältigungs- und Einschüchterungsarchitektur spielt Kulisse mit hohen Decken und einem mächtigen Foyer. Man erreicht die Anmeldung, sagt, wen man sprechen möchte. Die Dame vom Empfang greift zum Hörer. Bald kommt einem jemand entgegen. Die Gespräche werden in einem Salon geführt. Man genießt Hotelatmosphäre; nicht schick, aber gediegen. Aus dem Rahmen fallen die „Persil bleibt Persil“-Plakate.

Eine Hostess fragt Mad Maxi nach ihren Wünschen. Das findet die Kriegerin albern. Nie hat sie jemand nach ihren Wünschen gefragt. Sie ist doch immer nur eine unwirsche Person gewesen, die andere meiden, abgesehen von den Abgesprengten, die Mad Maxis Durchsetzungsvermögen anzieht.

Bettine Betz erscheint. Sie könnte dem Denkmal einer Pietistin Modell stehen. Alles an ihr ist streng. Da fällt kein Haar, wie es will.

„Ich sehe, man hat Ihnen noch nichts gebracht.“

„Ich brauche nichts.“

Mad Maxi will ausflippen und sich aufregen. Das ist ihr Zustand. In ihr wurden Erfahrungen und Bewertungen abgelegt wie Ermordete, die anderenorts kalt gemacht wurden. Mad Maxi beschreibt am Beispiel der eigenen Person den buchstäblich unfassbaren Schmerz aus einer Vergangenheit, die nicht ihre ist. Mitgefühl hat sie krankgemacht. Sie hat sich eine (Generationen umspannende) Opferbiografie zurechtgelegt, obwohl sie aus einer Täterfamilie stammt. Immerhin war die Oma Umsiedlerin. Die Geschichten der umgesiedelten Oma, die aus den üblichen Gründen „ihr Leben“ in der transsilvanischen Heimat zurücklassen musste, rührten die Enkelin. In der Gegenwart von Mad Maxis Kindheit war für die Ahne nichts von Belang. Dazu kommt der Weltuntergang in Kürze. Die Großeltern hoben sich in einem besonderen Verhältnis zu Gott auf. Sie wusste alles besser. So wie jede transsilvanische Leberwurst besser schmeckte als der Schmelzkäse in den Regalen des Jetzt.

Mad Maxi schaute mit Oma in den Himmel der Adventisten, dessen Attraktivität von einem furchtbaren Gegenteil abhängt: die Hölle für die Evangelischen, die Raucher, die Schweinefleischer und Beathörigen. Diese Leute erwartet schlankweg tausend Jahre Fegefeuer bis zur ersten Anhörung.

Mad Maxi wuchs mit Sabbatgeboten auf. Für die Kollegen auf dem Schulhof war das jüdisch als Synonym des Andersseins. Mad Maxi fand in der Isolation eine Quelle von Schuldgefühlen und Scham so wie eine Marke auf dem Weg in die Depression.

Bettine betrachtet die Versperrte ohne Sympathie.

Mad Maxi schildert das Scheitern des Vaters, der von seiner Frau in eine stille Katastrophe gezogen wurde. Die Übermacht des adventistischen Umsiedler-, im Westen dann Aussiedlerschicksals der an ihm hängengebliebenen Schwiegereltern treibt ihn in die psychische Migration. Seine Mittel der unzulänglichen Selbstbehandlung sind Taubenzucht und Alkohol. Manchmal sieht er seine Tochter auf der Straße. Sie hat kein Wort für ihn übrig.

Mit einem Blick auf die Uhr schickt die kalte Psychologin Mad Maxi auf die Straße. In der Entlassenen brennt die Scham. Sie rempelt zur Abwechslung einen Mann an, der es nicht wagt, ihren Blick zu erwidern. Jeden Morgen übt sie fünfzehn Minuten die Verschmelzung von Verteidigung und Angriff vor dem Spiegel im Flur. Final auf vital, heißt die Devise. Nicht, dass das je richtig hingehauen hätte.

Angewidert von sich selbst, kommt Mad Maxi bei Jacob Schirrmeister an, der sich mit Angel Beluga vor dem „Umbau“ unterhält. Acid Belugas Tochter war früher beim Verfassungsschutz und ist inzwischen total auf den Hund gekommen. Sie läuft mit in den Umzügen, die ihr Ehemann Heinz Wolf anmeldet. Heinz macht einen auf Andreas Baader als Redakteur. Das ist die Legende eines HVA-Majors auf Feindfahrt im Westen.

Mad Maxi zweifelt auch an den linken Männern, die linguistische Emanzipation betreiben, Anführungszeichen, Sternchen und Unterstriche in die Luft malen und damit ihrer Zeit als Gender Avantgardisten weit voraus sind.

Jacob malt auch Luftzeichen. Er wuchs in dem Vertrauen auf, Sohn eines jüdischen Widerstandskämpfers zu sein, den Nazis ermordet hatten. Seine Mutter schleifte ihn durch Europa und lebte auch eine Weile mit dem Knaben in Israel. In den Sechzigern schwenkte sie um auf Deutschland. Da blieb sie mit ihrem längst erwachsenen Sohn in einer Wohngemeinschaft. Irgendwann rückte sie die Wahrheit heraus. Ihre Eltern waren in den Dreißigerjahren aus dem Braunschweiger Land zu Leuten nach Kalisz gezogen, die Wert darauf legten, lange preußisch gewesen zu sein und sich seit dem Chmelnyzkyj-Aufstand auf eine bestimmte Weise gehalten zu haben. Jacobs Großeltern waren assimiliert, ihre säkularen Ansichten stießen auf Widerstände in der Gastfamilie. Sie versuchten ein anderes Leben, es gelang ihnen so wenig, dass sie die Tochter schließlich als Haushaltshilfe auf ein Gut gaben. Nach dem deutschen Angriff auf Polen zog die Wehrmacht das Gut an sich. Jacobs Mutter verdrückte sich mit der Erkenntnis, als besonders arisch aussehende polnische Arbeiterin wahrgenommen zu werden. Es fehlten nur passende Papiere. Jacobs Mutter verschaffte sie sich und fand Arbeit in einem Erholungsheim der SS. Da lernte sie Jacobs Vater kennen, der sofort begriff, dass er es nicht mit einer Polin zu tun hatte. Er hielt sich seinen Schatz warm, mit wieviel Liebe oder Erpressung auch immer. Jacobs Mutter überlebte ihn und verkaufte den SS-Erzeuger dem Sohn als jüdischen Helden.

Während Mad Maxi mit Angel Beluga und Jacob vor dem „Umbau“ abhängen, wartet Monika Kanu auf der Jannowitzbrücke nahe dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße auf einen Vertrauten ihres Geliebten Tillmann. In Erscheinung tritt Texas. Er führt Monika zu seinem 65er Ford Thunderbird. Fachmänner haben das Fahrzeug eingekreist und bewundern es bis zur hellen Aufregung. Einer ist beim VEB-Pneumant, korrekt VEB Reifenkombinat Fürstenwalde, beschäftigt. Es gibt eine Pneumant-Rallye. Die Firma hält eine Monopolstellung. Dem Stammwerk Fürstenwalde angegliedert sind Filialen in Riesa, Heidenau, Dresden und Neubrandenburg – mit insgesamt elftausend Mitarbeitern und einem Ausstoß von über 2.2 Millionen Reifen pro Jahr.

„Freunde“, sagt Texas, „kommt mal wieder zu euch. Ihr müsst doch einfach nur diese Fuckmauer sprengen und schon kann sich jeder einen T-Bird zulegen. Wo ist das Problem.“

Er wirft sich auf den Fahrersitz und stößt die Beifahrertür auf.

„Setz dich, Baby.“

Texas kennt die Ostdeutschen aus einer Broschüre der Navy. Sie strömen überall hin, wo sich etwas Westliches abstauben lässt. Mitunter wollen sie weiter nichts als eine leere Coladose, um damit ihre Wohnung aufzuwerten. Sie begehren Kugelschreiber und stellen sich Kataloge von Neckermann und C&A ins Regal. Dabei haben sie keine anderen Prestigeerwartungen als Westler, die mit Gesamtausgaben von Goethe und Schiller renommieren.

Für zehn harte Groschen gibt es an jeder Ecke fünf Ostmark. Texas führt Monika aus. Ihn stört nicht, dass sie wenig sagt. Sie hat die Klasse eines Thunderbirds. Mit Frauen ist es wie mit Autos, denkt Texas philosophisch. Sie müssen schon was Besonderes sein und nicht im Dutzend billiger und lieblos verarbeitet wie von der Stange.

27. Dezember 2017

Hessenmeister

Kreuzberger Amazonen

Wenn es Nacht wird in Berlin, kommt Vroni aus ihrem Bau.

Vroni schärft das Profil, bevor sie zur Arbeit geht. Sie rasiert den Schädel, konturiert die gestauchte Silhouette im Mad Max Kostüm. Sie legt Ketten an und rüstet sich mit Ringen.

Deutschland hat Feierabend, wenn Vroni aus ihrem Bau kommt. So wie sie aussieht, könnte sie nachts Gabelstapler fahren und eine europaweite Fernverkehrsfahrerinnenvergangenheit haben. Die abgesoffene Verfassungsschützerin Angel Beluga beobachtet sie im Kreuzfeuer kleiner Kreuzberger Gelegenheiten.

Da geht eine, die beruflich nie gesiezt wurde, direkt zu auf den Döner vor der Schicht.

Vroni fährt keinen Gabelstapler im Nirgendwo einer taghellen Lagerhalle am nächtlichen Autobahnzubringer. Sie leitet eine Inkassoabteilung. Ihr zur Hand gehen Mändi und Freya. Die Ermahnung eines säumigen Zahlers ist im Hartreimjargon der Geldeintreiberinnen ein Stunt oder Hit. Ich muss euch nicht erklären, was der final stunt ist.

Vroni, Mändi und Freya sind Kriegerinnen für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Sie verstärken die Berliner Gewaltlinke und wähnen sich im Vorstand einer Art Autonomiebehörde. Sie träumen von befreiten Gebieten. Sie ziehen in Gruppen herum, das sind die neuen Stämme. Sie haben Prophetinnen, Heilerinnen, Seherinnen und Schlägerinnen.

Es gibt die Volksstasi und das Institut für politische Klarheit im öffentlichen Raum. Viel funktioniert auf der Basis von Einschüchterung. In manchen Läden zahlen die Tribalen mit ihren Namen, anderswo müssen sie mit dem Einsatz von Schädelspaltern rechnen. Da gehen sie lieber nicht hin. Obenauf sind sie, wo andere nachlassen.

Der Reiseschriftsteller Benjamin Willard beschreibt den Typus in „Die Hässlichen von Berlin“, im Original „The Ugly Packly of Berlin“. Willard sitzt auf einer Bank vor dem alten Café Kerbel und beobachtet wie Angel Beluga Vroni beobachet.

Angel Beluga war mal wer als Tochter des Rangers Achim „Acid“ Beluga, dem „Beluga vom Kudamm“, und als Emma Latex Steel-Agentin im Schaufenster des freien Westens. Sie führte den besten „Berlin Ranger“ ihrer Generation, einen bescheiden auftretenden Industriekaufmann namens Tillmann Koslowski. Genannt „Double Trouble“. (Die Berlin Ranger sind eine als israelisch-deutsch-amerikanischer Bocciabund getarnte Fluchthilfeorganisation.) Jetzt ist Angel Beluga ausgebrannt, Sie ist „alle“ und „hat fertig“, wie man in der Szene sagt. Sie hängt mit den aggressiven Spritern ab, die sich immer an derselben Stelle des Grünstreifens treffen. Tätowierungen datieren die Stadien ihrer Milieukarrieren. Die Kammerjäger im Revier riechen am Verfall, noch mit Sicherheitsabstand.

Wo Aas ist, da sind auch Geier.

Die Spriter sind sesshafte Nomaden. Sie müssen draußen sein. Am liebsten laufen sie mit freiem Oberkörper ihr Gebiet ab. Ihre Rümpfe sind spastisch verspannt. Deutschtürken der dritten Generation ignorieren die Boten aus einer Anderswelt. Ihre Mütter stören sich nicht an Durchgeknallten. Sie bauen Binnengemeinschaftstunnel auf Bänken aus.

Der Flötenspieler mit der Jediritterausstrahlung verlässt den Kiosk des Palästinensers mit einer Tüte voller softer Supermarktprodukte. Seine Frau und das Kind warten im Schatten. Die Frau ist im Yogarausch, die ganze Familie im Flow. Angel Beluga tastet sich an den Gesunden vorbei, allmählich kehrt sie zu den Margen der Witterung zurück. Sie spürt, dass ein Pfandflaschensammler sie als Konkurrenz wahrnimmt. Sie erlebt die Ablehnung junger streng hierarchisch gerudelter Abfallmänner. Die Betatypen sondieren den Boden. Sie heben jeden Stummel auf und präsentieren den Fund ihrem Anführer. Frauen, die zum Studieren und Feiern nach Berlin gekommen sind und ganz genau wissen, dass sie niemals so aussehen werden wie Angel Beluga, irren über das Minenfeld.

Angel Beluga sieht den blanken Osten in der Schorfheide einer Fresse. Hinterhöfe, Kittelschürzen, Trainungshosen, Absturzstationen … der an Amyotropher Lateralsklerose erkrankte Rolf wackelt auf Angel Beluga zu. So sehen jetzt die Freunde aus. Sie sagen Hallo Angel, hastema.

Willard folgt ihr. Angel Beluga läuft oft selbst ein Weilchen hinter jemandem her. Heute folgt sie einer Vierschrötigen, die Willard schon mal mit blauer Perücke gesehen hat. Manchmal führt sie einen Hund aus. So buchstabiert Willard die Kreuzberger Amazone Vroni.

Jemand kommt Vroni jesusmäßig zu nahe.

„Du dämliches Stück Scheiße“, faucht Vroni. Sie schöpft aus einem riesigen Hassreservoir.

„Wer bist du?“ fragt der Heilige verstrahlt.

„Ich bin die, die dich gleich in den Arsch tritt.“

Heiner Müller verbindet den Mercedesstern über Berlin mit dem herausgeschlagenen Zahngold. Die Geschichte findet statt „zwischen Gewalt und Vergessen.“ „Heimat ist, wo die Rechnungen ankommen.“

Vroni spuckt aus. Auch in den weichen Männern steckt noch viel zu viel von dem, was sie am liebsten aus allen herausprügeln würde. Das nennt man Spaß an der Arbeit. Mit festem Schritt entert sie den „Wilden Kater“ am Mariannenplatz.

In der Feuerwaffensteinzeit setzte der Ladevorgang den Arkebusier gegenüber dem Bogenschützen in einen Nachteil. Bei Regen fiel der Einsatz von Feuerwaffen ins Wasser. Man baute schließlich Luntenkästen. Das verknatterte Gefummel belustigte den Gegner. Der Hochmut nannte das Geschäft des Büchsenschützen plebejisch. Heute zieht man seine Desert Eagle und erfreut sich am altmodischen Single Shot Betrieb. Vroni weiß nicht, dass der Mann auf dem ersten Listenplatz dieses Abends für sie unerreichbar ist. Da atmet Texas Double Action Thunderbolt. Der Schatzwächter vom Edersee (Hessen) nimmt die feindliche Energie über die Poren auf, die Lust trifft von allen Seiten im Zentrum ein. Die Türsteher müssen abdichten, Zutritt heute nur noch für Stammgäste. Texas strebt der negativen Kraft entgegen. Er penetriert sie ohne Staub aufzuwirbeln. Seine Aura leuchtet.

Vroni verbirgt ihre Augen mit den Händen.

„Bist du der, auf den alle warten?“ fragt Vroni hypnotisiert. Texas könnte sofort bei ihr einziehen. Sie würde ihm Griesbrei machen und ihre Hörigkeit genießen.

In diesem Augenblick

betritt Angel Beluga den „Wilden Kater“.

Nähert sich Willard der Kaschemme.

Besteigt Heinz Wolf die Pan Am Maschine nach Frankfurt am Main. Der HVA-Major auf Feindfahrt muss einen Stunt in der Gegend von Kaltental vollbringen. Heinz lebt mit Angel Beluga in der Kreuzberger Waldemar Straße zusammen. Er hat der Geliebte seelisch das Kreuz gebrochen und sie zur Alkoholikerin gemacht. Heinz befleißigt sich einer Tarnexistenz als Journalist. Er wirkt messianisch an der Spitze einer gewaltlinken Splittergruppe. Sein Stellvertreter ist der Maler Flo Lekrem.

Flo Lekrem gibt gerade der Journalistin Korea Grein in der Restaurantgalerie „Sonnenstudio“ ein Interview, das unter dem Titel „Kunst muss wieder politisch sein und weh tun wie die Inquisition“ erscheinen soll.

Manfred Uffland steigt in einen Barkas der Stasi. Die Stasi hat keine Verwendung für Manfred in ihrem ausgeklügelten Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Man findet es auf keiner Karte. Manfred wurde zum Gefangenen, weil er die Republikfluchtabsichten seiner Frau Petra einem Freund aus Kindertagen anvertraute – unserem HVA-Heinz, der als Weltmann mit Kapitänsmütze neben einer edel deodorierten Reisenden Platz nimmt, während Manfred wieder einmal nicht weiß, wohin die Reise geht. In seiner Angst erlebt er einen Höhepunkt des Sprachverlustes. Er verdreht Wörter in Gedanken und reagiert auf die Sinnentstellungen wie auf Einflüsterungen. Manfred ist dabei, seinen Verstand zu verlieren. Seine Frau ist bei Vroni untergekommen.

Petra Uffland lugt an einem Schrank vorbei, der beinah das ganze Fenster in ihrem Zimmer verstellt. Ihre psychologische Beurteilung im Spiegel von Manfreds Einlasssungen stellt sie als bindungsgestörte Persönlichkeit dar. In wechselnden Nebenverhältnissen versuche sie ihre Beziehungsdefizite abzustellen. In der Küche unterhalten sich Radikalfeministinnen über eine Denkschrift von Jamal Tuschick. Sie erschien erstmals 1829 im Morgenblatt für die gebildeten Stände. Tuschick war allerdings ein Pseudonym. Es verbarg einen energischen Parteigänger der Feuillants. Tuschick startete als Girondistenjäger und endete als Monarchist. Im Mai 1794 soll er an keinem Tag nüchtern geblieben sein. Er fand dann gute Gründe, einen Preußen aus sich machen. Rechtzeitig zur Hinrichtung von Couthon erschien er in Paris und etablierte sich als Korrespondent und Diplomat. Regierungen unterhielten in der Hauptstadt ständige Vertretungen, die nicht landsmannschaftlich adäquat besetzt wurden. Tuschick vertrat zwei junge Republiken ohne Glauben an eine gesegnete Volksherrschaft. Er schrieb: „Der Weltgeist spricht französisch. Nicht jeder versteht ihn.“

Die Revolution hatte aus ihm einen Aristokraten gemacht. Schließlich erschien ihm nichts abstoßender als die Forderung nach Gleichheit. Tuschick hielt Vorträge im Bordell und lobte die Zensur. Allgemein nahm man ihn als Spätaufklärer wahr. Leute, die es besser wussten, rechneten Tuschick zur Avantgarde der Reaktion. Konterrevolutionäre und was sich sonst noch royale Emigration schimpfte, zogen den Gelehrten auf Schlössern ins Vertrauen.

In diesem Augenblick

hält der Barkas und entlässt Manfred in das Allerweltsgefängnis Rummelsburg in Lichtenberg.

Unterhält sich Tillmann „Double Trouble“ Koslowski mit Achim „Acid“ Beluga auf einem Hinterhof des Kudamms. Die beiden verbindet ein unausgesprochenes Vatersohnverhältnis. Acid betrachtet Tillmann als Erben auf der ganzen Linie seiner Investitionen so wie als Flügelmann und Versorger der erkrankten Tochter Angel. Er hat sich in Tillmann einen Nachfolger herangezogen.

Tillmann erscheint nicht mehr so durchgreifend wie noch vor zwei Wochen. Er ist als Fluchthelfer verbrannt und außerdem arbeitslos. Seine „Schleusungsorganisation“, wie korporierte Fluchthilfe im Stasi-Deutsch heißt, spezialisiert sich gerade auf „Passschleusung“. Sie verspricht einen sauberen Ablauf. Der Flüchtling schließt sich einer Reisegruppe zum Beispiel nach Warschau an. Im Transitraum des Warschauer Flughafens erhält er den gefälschten Pass und ein Ticket. Damit reist er als Bundesbürger weiter. Es geht sogar ohne Pass. Zuletzt schleusten die Ranger eine DDR-Bürgerin als Stewardess verkleidet an Bord einer Chartermaschine aus Budapest nach Wien. (Ungarn ist die ideologische Schwachstelle des Ostblocks.) Man strebt weiche Lösungen an und sucht nach Möglichkeiten zur Arrondierung. Arrondierung ist das Wort der Stunde.

In diesem Augenblick

türmt sich Beiseitegeräumtes vor Angel Beluga auf. Die Beobachterin stellt fest: „Das Abgeschaffte vermehrt sich wie Geziefer unter einem Stein.“ Sie wird nicht müde, es in Gedankenkästen zu archivieren. Das ist ihre neue Arbeit. Dazu trinkt sie Bier wie ein Maurer.

20. Dezember 2017

Hessenmeister

Tobsüchtiges Schweigen

Manfred Uffland signalisiert, keiner weiteren Belastung standhalten zu können. Seine Kooperationswilligkeit bedurfte zu keinem Zeitpunkt einer Ermutigung. Nach der ersten Vernehmung hatte er bereits alles erzählt. Manfred wird trotzdem durch die Mühle gedreht von einem zivil auftretenden Offizier, der Psychologe ist.

Hohenschönhausen war ursprünglich eine Großküche. Man findet das Stasi-Untersuchungsgefängnis auf keinem Stadtplan. In seiner Umgebung experimentieren Wissenschaftler in der realsozialistischen Version von Q‘s Labor – der HVA-Computer-Abteilung. Im kriminaltechnischen Institut des Ministeriums für Staatssicherheit in der Genslerstraße 13 verbaut man für Entführungsaktionen schalldichte Zellen in Westfabrikaten.

Quartiermacher für die Staatssicherheit der DDR war das NKGB. Dieses Institut der engagierten Rechtspflege nahm Maß am ersten sowjetischen Geheimdienst. Die deutschen Verbündeten wurden mit dem „Tscheka“-Terrorstil vertraut gemacht. „Tscheka“ steht für „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Gegründet wurde der Staatssicherheitsdienst 1917. Es ging den Tschekisten in der Unmittelbarkeit der Nachkriegszeit nicht nur darum, Geständnisse zu erpressen, die Geständnisse mussten in jedem Fall unterschrieben werden. Sie produzierten Gulag-Absolventen. Die Signatur unter einer druckvoll zustande gekommenen Zugabe ist eine Manie geblieben, ob es sich nun um Mondraub handelt oder um das Versenden einer Flaschenpost.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) betrieb das NKWD zehn Speziallager, unter anderem zwei in ehemals nationalsozialistischen Konzentrationslagern, und drei „Innere“ Gefängnisse. Zum Standort Hohenschönhausen gehörte das Speziallager 3 in der Genslerstraße und ein Haftarbeitslager, das später vom MfS als Lager X deklariert und 1974 aufgelöst wurde. Bis 1948 kamen vor Ort in sowjetischer Regie tausend Häftlinge ums Leben.

Die Eingekerkerten landeten im sogenannten U-Boot in ewiger Kellernacht. Tageszeiten wurden zur Desorientierung ausgeblendet. Die „Deutsche Lubjanka“ war so feucht, dass Haare schimmelten. Die Gefangenen verbrachten ihren Arrest in den Sachen vom Tag der Verhaftung. Es gab keine Anstaltskleidung, keine medizinische Versorgung und unter verschärften Umständen nicht einmal den Fäkalienkübel. Man folterte legal nach dem Recht der Sieger. Zellen wurden unter Wasser gesetzt. Man quälte die Eingesperrten außerdem mit Überbelegung, Stehzwang, Schlafentzug, Hunger, Hitze, Kälte, Helligkeit und Dunkelheit. Mit Stalins Tod endete die Ära physischer Folter in der offiziellen Lesart.

1951 übernahm das neugegründete Ministerium für Staatssicherheit in Hohenschönhausen die Regie, wenn auch zunächst noch in einem Unterordnungsverhältnis zum großen Bruder. Ab 1959 errichteten Häftlinge einen Trakt für dreihundert Insassen gleich neben der Küchenkatakombe. Der Neubau entstand unter dem Titel „Objekterweiterung“. Er stellte 103 Zellen und 115 Vernehmungszimmer bereit. Ende 1960 war das Untersuchungsgefängnis bezugsfertig.

Was vorher geschah.

Nach Hohenschönhausen verbringt man Manfred Uffland, der eine Absicht zum illegalen Grenzübertritt seiner Frau Petra dem Freund Heinz Wolf (Name von der Redaktion geändert) gegenüber privat angezeigt hat – mit der Vorstellung, der HVA-Major Wolf könne als Freund an offiziellen Regimehärten vorbei Petra dazu bewegen, in der DDR (und in der Ehe) zu bleiben. Mit dieser Vorstellung hat sich Manfred tief geschnitten.

So geht es weiter.

Heinz verschränkt die Hände hinter dem Kopf und lehnt sich demonstrativ gelassen zurück. Er hat zugenommen, seit er in Westberlin einen linksrassistischen Journalisten verkörpert, der mit einer eigenen Miliz prahlt, die sich Volksstasi nennt.

Heinz beobachtet abgeschirmt von einer Glaswand, die nur auf der Rückseite durchsichtig ist, eine Vernehmung. Manfred Uffland signalisiert, keiner weiteren Belastung standhalten zu können. Seine Kooperationswilligkeit bedurfte zu keinem Zeitpunkt einer Ermutigung. Nach der ersten Stunde hatte er alles erzählt. Manfred wird trotzdem durch die Mühle gedreht von einem zivil auftretenden Offizier, der Psychologe ist.

Abtrünnige Stasi-Mitarbeiter büßen nach den Urteilsverkündungen weiter in Hohenschönhausen. Weibliche Häftlinge arbeiten ab Urteil in der Küche. Die Vernehmer dienen dem Außenhandel, sie sorgen für Devisen, indem sie Geständnisse produzieren, die zu langen Haftstrafen führen und von der Bundesrepublik im Freikaufmodus abgekürzt werden. Das bleibt ihr Business, bis beinah zu dem Tag, als Erich Mielke sich über die Bedingungen in seinem eigenen Gefängnis beschwert, obwohl er als erster und einziger Gefangener auf den Rosenhof darf. Der Mensch braucht Natur und sei es in einer Schrumpfform – diese Erholung für das Auge erhält der Häftling nur als Gratifikation für besonderes Entgegenkommen. Dann zupft der Vernehmer an der Gardine und der Bearbeitete erntet einen Blick auf Grünzeug.

Heinz trägt die Schuld an Manfreds Not. Er hat den Freund hinters Licht geführt. Manfred und ihn verbindet eine gravierende Trutzgemeinschaft in ihrer Kindheit. Manfred verließ sich nicht leichtgläubig auf ein Versprechen von Heinz. Manfreds Not erinnert Heinz an väterliche Strafen wie das Knien auf einem Holzscheit mit dem Gesicht zur Wand. Widerstand war undenkbar … die Maßlosigkeit der Reaktionen auf alles, was nicht totale Unterwerfung war.

Die Mutter war abgekratzt, so sagte es der Vater, sie hatte sich aus dem Staub gemacht, indem sie starb und folglich ihre Arbeitskraft der Familie vorenthielt. Sie war in den Tod desertiert und hatte den Vater mit zwei Töchtern und einem Sohn zurückgelassen. Der Vater war in ein tobsüchtiges Schweigen verfallen. Die Schwestern verbargen sich in unerschöpflicher Teilnahmebereitschaft am Gemeinschaftsleben. In der zwangskollektivierten Landwirtschaft dachten die Alten anders als die Jungen. Immer war Streit, der sich durch die Familien wälzte und in allen Generationen ausgetragen wurde.

Heinz hatte Manfred sofort verraten, schon in dem Augenblick, als Manfred sagte: Hör mal, Heinz, du weißt, ich habe noch mal geheiratet. Du kennst die Petra nicht. Sie will abhauen und mich mit der Kati (Tochter aus erster Ehe) alleinlassen.

„Ich rede mit ihr. Ich klär das für dich. Mach dir keinen Kopf.“

Das hatte Manfred im ersten Höllenkreis seinem Vernehmer mitgeteilt.

„Ich dachte, der Heinz.“ (Vermutl.: „regelt das“. Anmerkung der Redaktion.)

Wir kennen uns ewig, ich habe ihn vorher noch nie um einen Gefallen gebeten.“

Heinz bestreitet die gegenwärtige Gültigkeit der Freundschaft.

Manchmal funktioniert eine Lüge besser als die Wahrheit. Heinz hat Manfred und Petra zwar im Auftrag der Firma verladen, trotzdem kontaminiert ihn die private Nähe zu dem Mann einer Frau, die Errungenschaften des Sozialismus nicht zu schätzen weiß. Natürlich fällt das massiv auf den Mann zurück. Heinz, der im Westen als Ehemann der ausgebrannten Verfassungsschützerin und Möchtegernschriftstellerin Angel Beluga erscheint, ist in Wahrheit mit Brigitte verheiratet und hat zwei Söhne. Brigitte nimmt sich immer wieder Freiheiten heraus, die angesichts der angespannten Klassenlage in die Nähe von Insubordination gerückt werden müssen.

„Als Offizier hat man auch in der Familie Führungsaufgaben.“ (Aus einem Dossier.)

Der Vernehmer erläutert Manfred die Folgen jeder Verminderung der Vorbehaltslosigkeit auf dem weiten Feld der Unterwerfung. Sie geschieht strikt und kontrolliert auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen.

Verschulter Terror – Manfred beschwört die Rückhaltlosigkeit seiner Einlassungen. Als sein Ermittler käme Heinz zu dem Schluss: der Mann lügt nicht. Er wollte noch nicht mal in den Westen.

Zwei Tage später zur Stunde des Hofgangs

Manfred fängt an, den Vernehmungsmarathon als reguläre Beschäftigung zu begreifen. Morgens führt man ihn aus der Zelle in ein Büro. Er setzt sich an den Tisch, wechselt mit Glück ein Dutzend private Wort, das Tonband läuft. Befragung bis zum Mittagessen um zwölf. Serviert wird in der Zelle, es folgt der Freigang in einem gemauerten Rechteck unter freiem Himmel. Auf einem Wehrgang patrollieren Bewaffnete.

Sehen wir des Schicksals Webern bei der Arbeit zu. Der Untersuchungshäftling Manfred beendet seinen Hofgang. Er vermisst seine Festigkeit im Glauben an den Sozialismus. Noch hält er seine Lage für eine Folge von Missverständnissen. Während ein Schließer ihm befiehlt, sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen und ihm noch rät, bloß keinen Blick zu riskieren, besteigt Martha Wegner in Schönefeld eine Maschine der Malév Hungarian Airlines. Die DDR-Bürgerin will heute noch in einem Budapester Flughafen einen gefälschten westdeutschen Reisepass und ein Ticket in die Freiheit übernehmen. Der Pass stammt aus der Werkstatt in der Ostberliner Genslerstraße. An dem Transfer verdienen MfS-Mitarbeiter. Hauptamtliche, die wissen, dass sie einer maroden Sache dienen, haben sich zu einem Schleuserring zusammengeschlossen. Das sind durch die Bank junge Leute. Seit Jahren geht die Intelligenz zur Stasi (nicht zum Theater), man könnte das einen Trend nennen, den zu bemerken, die westlichen Dienste versäumen. Den Journalisten Jamal Tuschick, Texas Thunderbolt und Captain Ben Willard verdanken wir einen abgrundtief aufgerundeten Einblick in das von käuflicher Liebe, Barbesuchen am Alexanderplatz und literarischen Geheimtipps flankierte Treiben eines Syndikats, das Tuschick präzise den „Konnopke Kreis“ und so auch die „Currywurst Connection“ (nach dem Lieblingsgericht der Staatsgangster) nannte. Ich empfehle einen Artikel (erschienen am 07. August 1992 in der Frankfurter Rundschau). Aus technischen Gründen hier nur ein Auszug:

Die Promischleuser aus der Normannenstraße

Sie waren Psychologen, Philosophen und Philologen. Sie kamen aus guten Familien und sie glaubten an den Sozialismus. Trotzdem vergingen sie sich an ihrem Staat als Fluchthelfer.

Ein Bericht von Jamal Tuschick (Frankfurt am Main/Berlin), Texas Thunderbolt (Lubbock/Kassel/Kaltental/Berlin) Captain BL Willard (Wabern/weltweit)

Widerstand und Exil waren die Adelsattribute der DDR-Gründergeneration. Die Kinder der Überzeugten wurden zu Wachsamkeit erzogen. Der Klassenfeind stand überall. Die Geburt des Sozialismus aus allen Übeln des niedrigen Menschseins verlief kompliziert. Eine dünne Decke von höchstens zehn Prozent der Bevölkerung schützte das neue Deutschland mit der Bereitschaft zum bewaffneten Kampf. Die Besten waren musisch und militärisch begabt. Sie verstärkten mit ihren Fähigkeiten und ihrem Glauben das MfS. Auch in der Volksbühne und am BE trugen ihre Ideen Früchte. Doch fand sich da auch eine korrupte Clique um Fart Lekrem (einem Cousin des Westberliner Kotkünstlers Flo Lekrem), die eine Fluchthilfeorganisation für High Potentials der DDR aufbaute. Pro „Transport“ kassierten die Schleuser bis zu einer Million Dollar. Der harte Kern machte nach den Erschütterungen von Neunundachtzig weiter in Allianzen mit der bulgarischen und der kretinischen Mafia. Tote pflasterten den Weg der ehemaligen Idealisten, die in den Neunzigern als Drogensüchtige mit Alimenteschulden vollkommen scheiterten.

Soweit Jamal Tuschick. Wir danken ihm für seine großzügige Unterstützung unserer Arbeit. Mitte der Achtzigerjahre konkurrierte die Ostberliner „Currywurst Connection“ mit den Westberliner „Berlin Ranger“, ein als israelisch-amerikanisch-deutscher Bocciabund getarnter Fluchthilfeverein um den Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, den Fleischgroßhändler Heinrich Teichmann, den polizeilichen Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen, den texanischen Gitarrenbauer Grandslam Coogan, den texanischen Klavierstimmer Stonewall Thunderbolt und seinen Sohn Texas sowie den Industriekaufmann Tillmann „Trouble“ Koslowski. Tillmann ist mit Teichmanns Tochter Gerda verlobt. Obwohl er als Fluchthelfer verbrannt und außerdem arbeitslos ist, riskiert er Aufenthalte in Ostberlin, wo ihn die Geliebte Monika Kanu erwartet. Ferner bahnt sich etwas an mit der amerikanischen Germanistin Loretta Morgenstern, die freiwillig in der DDR lebt, und mit der in Westberlin stationierten Kasseler Journalistin Korea Grein. Tillmann flirtet zudem mit Acid Belugas Tochter Angel. Die ehemalige Verfassungsschützerin wurde systematisch von der HVA zersetzt. Als Alki-Ehefrau lebt Angel Beluga mit ihrem Zerstörer Heinz Wolf in der Kreuzberger Waldemar Straße. Der HVA-Major auf Feindfahrt im Westen gibt sich im demokratischen Teil Berlins salonkommunistisch. Er macht auf Frontstadtjournalist. Die Westberliner Radikallinken feiern ihn. Im Interview mit Captain Willard für Apokalypse Now TV nannte Tuschick Heinz W. „das größte Dreckschwein, das ihm je untergekommen“ sei.

Während Manfred den Kopf hängen lässt wie ein alter Esel und Martha in einer Stimmung zwischen Angst und Freude ins Flugzeug steigt, teilt Gerda ihrer Mutter den Hochzeitstermin mit. Die Frauen unterhalten sich auf dem Gelände des Teichmann’schen Fleischgroßhandels zwischen Wind und Wogen. So sagt man in der Familie. Beide sind auf dem Sprung, beide finden ihr Glück ein bisschen zu klein, ohne deshalb gleich unzufrieden sein zu wollen. Beide haben noch viel vor.

Während Gerda hochgestimmt und aufgeregt zum Kudamm strebt, um sich mit diesem und jenem gut zu versorgen, offenbart sich Monika ihrem Geliebten im Bett. Das Bett steht in einem Apartment am Kollwitzplatz, das von den „Berlin Ranger“ als Hauptstadtstützpunkt unterhalten wird. Als Wirtschafterin der konspirativen Wohnung bewährt sich Loretta Morgenstern. Die amerikanische Sozialistin nervt das realsozialistische Experiment nur noch. Trotzdem will sie in der DDR bleiben. Sie will sich und den anderen ihr politischpersönliches Scheitern nicht eingestehen.

Monika möchte in den Westen. Sie stellt Tillmann ein gemeinsames Leben in Aussicht. Er fällt aus den Wolken auf den Teppich der Tatsachen. Tillmann lebt mit einer Konstruktion, die es ihm erlaubt zu glauben, dass er Gerda eigentlich gar nicht betrügt. Das Fremdgehen gehört zu der verwegenen Parallelexistenz eines Berlin Ranger. Der Ranger kann nicht anders, als sich auch nach vier harten Getränken noch ans Steuer zu setzen. Das berührt seine Gesetzestreue so wenig wie illegaler Waffenbesitz und Schwarzgeldgeschäfte.

Monika ahnt nichts von der Krise, die ein Satz von ihr ausgelöst hat. Von der Stimme ihres Herzens wurde sie darüber informiert, dass Tillmann sie liebt und er sie auch gern um sich hat. Die Einschätzung verirrt sich nicht in der Gegenstandslosigkeit. Das ist so. Zwischen Monika und Tillmann stimmt die Chemie. Wenn sie sich berühren, brennt die Luft. Sie unterhalten sich sogar noch nach seinem Orgasmus. Trotzdem besitzt Monika kaum Realität für Tillmann. Er betrügt sie nicht im Beischlaf mit Loretta oder Korea. Es gibt all diese Personen nur zu seinem Vergnügen. Gerda ist was anderes. Von ihr will Tillmann Kinder und den Betrieb ihres Vaters.

Loretta begleitet die Vertraulichkeiten auf der Gitarre im Wohnzimmer. Ein Tonband läuft und suggeriert den Lauschern eine musikalische Unterrichtssituation. Die in der Nähe rauchende IM Florine registiert keine besonderen Vorkommnisse.

Während Manfred in seiner Zelle auf die nächste Vernehmungsrunde wartet, Martha einen Flug bei guter Sicht genießt, Gerda auf dem Kudamm bummelt, Monika unter Tillmann zum dritten Mal binnen vierzig Minuten kommt, Loretta verdrossen in die Saiten greift und IM Florine die Reife eines Pickels prüft, besucht Angel Beluga den Spirituosenhändler ihres Vertrauens. Der Palästinenser stammt aus einer Stadt im Westjordanland, die alle nur für ein Flüchtlingslager halten. Immer sitzt einer aus seiner Familie im Gefängnis. Er erträgt es nicht, wenn jemand sagt, man müsse beide Seiten verstehen. Er ist randvoll mit einem Kummer, der ihn verrückt macht. In seiner Unruhe findet Angel ihren Frieden. Er lässt sie zwischen Kisten sitzen und trinken, halb allein und oft ganz versunken. Angel ist zufrieden. Sie sieht die Asche fallen und hört den Herzschlag des Quartiers. Manchmal notiert sie eine Zeile. Ab und zu erscheint ein Flötenspieler mit Jedi Ritter Ausstrahlung. Auf seinem Nacken zackt ein Davidstern.

Kreuzberger Grasnarbe

Während Manfred dem Vernehmer seine republikflüchtige Frau Petra so schildert, als sei sie bloß eine Bekannte und die Ehe nie vollzogen worden, sitzt Petra Uffland in der Küche einer Kriegerin für soziale Gerechtigkeit (social justice warrior). Vroni nennt sich Meisterin der Achtsamkeit und unterrichtet ihre Kunst bei angenehmen Temperaturen auf einer Kreuzberger Grasnarbe. Sie ist zahlendes Mitglied im „Institut für Kunst im politischen Raum“ und gehört zur Volksstasi. Sie kennt, verehrt und unterstützt Flo Lekrem und Heinz Wolf, vermutet aber keine Verbindung zwischen Petra und den Männern, die sie für redliche Kommunisten hält. Vroni hat Petra von der Straße gelesen.

Sie fragen sich, warum Petra nicht in ihrem Logierhaus am Tiergarten geblieben ist. Das erzähle ich nächste Woche.

Sehen wir weiter des Schicksals Webern bei der Arbeit zu. Manfred lügt im Schweiße seines Angesichts und erfüllt Erwartungen nach Schema F. Martha schläft im sozialistischen Luftraum. Gerda winkt dem „Beluga vom Kudamm“ zu. Das bundesweit bekannte Obst- und Gemüseurgestein Achim „Acid“ Beluga ist für sie ein Onkel. Beluga lässt es sich nicht nehmen, alles stehen und liegen zu lassen, um die Tochter seines Rangerfreundes Heinrich Teichmann in die Arme zu schließen. Man trifft sich beinah jeden Tag mit der gleichen Begeisterung.

In diesem Augenblick rüstet Monika zum Aufbruch. Sie hat schon die Mütze auf. Mit einem Seitenblick prüft sie die seelische Verfassung ihres Liebhabers. Loretta trennt sich von der Gitarre. Angel Beluga haut an einem Bierkasten einen Kronkorken vom Flaschenhals. Sie rülpst zufrieden. Ihr Gastgeber grinst. Der Yedi Ritter befragt sein Gedächtnis wegen etwas, dass ihm entfallen ist.

Die Kunst als 5. Gewalt

Petra wärmt ihre Hände an einer Tasse Tee. Vroni bereitet sich auf den Abend vor.

Während Vroni ihre Bewaffnung anlegt, räumt Heinz in einer geheimen Wohnung am Kottbusser Tor ein paar Sachen in einen Flugbeutel. Auf den Namen Florian Feige hat er für den nächsten Tag einen Pan Am Flug in die Bundesrepublik gebucht. Eine dienstliche Angelegenheit macht die Reise nötig. Seine Volksstasi hat er instruiert, nicht nur Tillmann und Angel Beluga, sondern auch Gerda und Korea im Auge zu behalten. Heinzens schräge Vögel geiern in der Stadt. Ihren Terror nennen sie Kunst. Kunst deklarieren sie als fünfte, selbstverständlich politisch nicht korrekte Gewalt. Ihr Motto: Gegen Nazi hilft nur Nazi. Und wer Nazi ist, das bestimmen wir.

13. Dezember 2017

Hessenmeister

Afrikanisches Blut

Die Originalbesetzung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ löste sich 2011 auf. Im Mai 2013 erhob der Generalbundesanwalt Anklage u.a. gegen Beate Zschäpe. Die Anklageschrift stützt die Vorstellung von einer Terrormonade, die sich ab 1998 isolierte und nach ihrer Selbstzerstörung nichts Anschlussfähiges zurückließ. Nun sind neun zusätzliche Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Beschuldigte und ein Verfahren gegen Unbekannt („Strukturermittlungsverfahren“) anhängig.

Im Prozess spielt die Bundesanwaltschaft eine Doppelrolle. Sie ist Verteidigerin und Staatsanwältin zugleich. Sie vertritt die Bundesrepublik als (von einer terroristischen Vereinigung) Geschädigte und sie hält die Bank der Anklage. Durch diese Konstruktion scheint das Primat der Staatsräson. Jede andere Feststellung zeigt sich in dem Verhältnis inferior, zumal die Bundesanwaltschaft den Regierungsstandpunkt zu berücksichtigen hat, ihr folglich die Unabhängigkeit einer judikativen Instanz fehlt. Amtlich hintertreibt sie die Aufklärung staatlicher Verstrickungen: zur Abwendung von Schäden am Gesellschaftskörper und so auch zum Schutz der Organe. Ich erinnere an das neblige Verständnis des Richters Manfred Götzl für Andreas Temme. Der Verfassungsschützer war zum Zeitpunkt von Halit Yozgats Ermordung 2006 in einem Kasseler Internetcafé anwesend, will vom Tatgeschehen aber nichts mitbekommen haben.

Die Perspektive der Hinterbliebenen bleibt im Vergleich mit so viel Hoheit „eine Leerstelle“ (Funda Özfırat). Es stellt sich die Frage, was gewesen wäre, hätten Mundlos und Böhnhardt autochthone Deutsche erschossen. Für einen wie Heinz Wolf (Namen von der Redaktion geändert) sind die Killer Helden aus dem Herzen Deutschlands. Heinz ist vehementer Willkommenskulturgegner. Das Bollwerk der Ablehnung kennt viele Aktivisten, die in der Manier eines Horst Mahlers den Rechtsruck an der eigenen Person vollzogen haben. Als malerischer Salonkommunist und Kunstkenner stieg Heinz im letzten Jahrtausend zu einem Messias der Westberliner Linksradikalen auf. Heute verstärkt er in der AfD die Achse Gauland-Höcke. Die Betrachtung schießt ins Groteske, weiß man denn, dass Heinz 1984 von der Hauptabteilung Aufklärung im Westen platziert und als Romeo auf die Verfassungsschützerin Angel Beluga angesetzt worden war. Kollegen im Ministerium für Staatssicherheit nannten Heinz den eiskalten Engel des Ostens. Angel Beluga erlag nicht nur seinem Charme, sondern auch dem Alkohol. Sie verkam und endete als Schriftstellerin. 1987 bewog Heinz das damals gerade aufgeflogene Fluchthelfergenie Tillmann Koslowski zu einer letzten hochriskanten Schleusung. Jetzt sitzt er mit SS-Maik in der Highend Bar und erwartet seine Entmündigung von einer sozialen Ingenieurin voller Hass auf alte, zur Gegenwehr kaum noch fähige Machos und anderen Profiteure des deutschen Gesundheitswesens. Maiks zahnloser Kennerblick identifziert die soziale Chefingenieurin als Schlampe par excellence. Doch traut selbst er sich nicht, ihre seine Verachtung zu zeigen.

„Zieht die Schuhe aus und lasst die Jacken liegen.“

ist die erste Ansage. Eine Internierung könnte so losgehen. Eben klumpten alle herum, jeder mit seinem Telefon beschäftigt, jeder im stillen Furor der Auslöschung historischer Gebärden. Kein Mensch weiß mehr, wie man in den alten Zeiten vor Smartphone die letzten Minuten vor dem Versammlungsaufruf überstand. Einschlägige Informationen wurden dem kollektiven Gedächtnis entzogen. Es gibt nur noch das neuste Jetzt und die große Erzählung von einer Vergangenheit mit Dampflokomotiven, die fliegen konnten.
„Sichert euren Scheiß. Wir haften für nix.“

Im nächsten Augenblick formieren sich im Wohlstand Versprengte zu einer Gemeinschaft interaktiv Erfahrener. Interaktive bekämpfen kein Gefühl von Verlorenheit in fremden Räumen. Vertreibung und Flucht stehen nicht auf ihrer Agenda. Sie fürchten nicht, anzuecken oder aus dem Rahmen zu fallen. Sie wissen Bescheid. Theater ist Entgrenzung und geht immer weiter. Insane ist normal. Sollte die Aufforderung erfolgen, für eine Teilnahme „am Ballett zur Wahrung des intergalaktischen Friedens“ (D. Rabinovici) Maßnahmen zu ergreifen, wüssten alle, was zu tun ist. Das Publikum verschmilzt mit den sozialen Ingenieur*innen, um „Strukturen der Integration” zu begreifen. Zurzeit startet jede willkommenskulturelle Performance mit interaktiv jogistischen Einlagen.

„Was bedeutet es, sich zu integrieren?“

Leute, die die Wahl haben, verhalten sich in dieser Regie der sozialen Ingenieur*innen so, als gäbe es keine Alternative zu ihrem Mittun.

Die Nummer heißt Abtanzen beim Feind. Die Aktivistinnen lassen Heinz und Maik in ihren Reihen stöbern und kobern. Die Musik nimmt alle mit, sie löst die letzten Sperren.

Heinz begreift die orgiastisch annehmende Dimension des Willkommens der sozialen Ingenieur*innen. Daher kommen die Alarmlinks zu den vielen jungmännlichen Flüchtlingen in den Überfremdungsbeschwörungen. Heinz steuert eine Frau „mit afrikanischem Blut” (Maik) an. Sie könnte in ihm ihren Erlöser sehen.

In der Gegenwart von 1987

Heinz trinkt einen Kaffee mit Maik. Maik schwafelt vom Glück seiner seit dreißig Jahren verheirateten Eltern. Der Vater war Radsportler in der Täwe Schur Ära gewesen. Jenseits der Agentenlegende ist Heinz mit Brigitte verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Im Sommer steht ein gemeinsamer Ungarnurlaub an. Heinz schottet sich gegen das Geschwätz ab und versucht es mit einer Erinnerung an die Zeit, als die Kinder noch nicht da waren und Brigitte und er am Plattensee zum ersten Mal gemeinsam Urlaub machten. Das Hotel stand direkt am Wasser. Plattenbau in der Paprika-Variante. Die Architektur war deutlich ansehnlicher als in der DDR. Die Liegewiese kündigte die Steppe schon einmal an. Die Sonnenschirme knallten. Die westdeutschen Urlauber regten Heinz sofort auf. DDR-Bürger sind in Ungarn Touristen zweiter Klasse. Alle lechzen nach der harten Mark. Brigitte konnte es kaum erwarten, sich zu zeigen. Sie beschwor die Notwendigkeit einer Abkühlung. Heinz wollte erst einmal ankommen und Ordnung schaffen. Ein Machtkampf entbrannte.
Heinz erzwang seine Reihenfolge. Er glaubte, das sei wichtig in einer Ehe. Wer mehr verdiente, sollte auch mehr zu sagen haben, fand er. Heinz verdiente zweitausendsechshundert Mark (als Vernehmer). Wie sollte sich seine Frau im Leben zurechtfinden, wenn er sie in dem Glauben ließ, das, was er verkörperte, ließe sich mit unerwachsenem Vorwitz toppen.
Der Raum war geschickt aufgeteilt. Er wirkte wie ein kleines Apartment mit separatem Schlafzimmer. Schließlich ließ Heinz Brigitte laufen, sie sah sich nach ihm um und winkte hemmungslos.
Ungarn gab den Vorreiter des westlichen Lebensstils im Ostblock. Das Risiko, abgehört, bespitzelt und in Schwierigkeiten gebracht zu werden, bestand trotzdem. Heinz blieb auf der Hut. Er beobachtete den Schwarztausch der Westdeutschen. Ihre Geschäftspartner waren die Kellner.
Die Erinnerung bringt Heinz seine Frau nicht näher. Er hat stets getan, was von ihm erwartet wurde und darunter gelitten, dass sich Brigitte nicht genauso einfügen konnte. Die DDR-Psychologie geht von einer im Sozialismus heraufgestimmten Persönlichkeit aus. Abweichungen sind Defizite. Heinz musste sich sagen lassen, dass Brigittes Persönlichkeit mangelhaft sei.

Tage später früh am Abend in Ostberlin

Mangelhaft ist auch die Persönlichkeit der zur Republikflucht entschlossenen Petra Uffland. Heinz überrascht Petra. Sie ist allein mit ihrer Tochter in der Wohnung und nicht bereit, Besuch zu empfangen. Heinz lässt sich nicht aufschieben. Er drängt in den Flur und weiter ins Wohnzimmer. Ohne Umschweife erklärt er Petra, dass er sie unter vier Augen sprechen müsse. Petra weigert sich zuerst, ihre Tochter wegzuschicken. Heinz droht, ihre Fluchtabsichten herumzuposaunen. Petra erbleicht, sie büßt ihr Stehvermögen ein. (Petra verliert ihre Gesichtsfarbe. Sie muss sich setzen.) Die Tochter reagiert besorgt, ohne ängstlich zu sein. Heinz gelingt es lediglich, sie mit einem Versorgungsauftrag kurz zu distanzieren. Heinz nutzt den Augenblick, um Petra zu informieren. Es läge allein bei ihr, ob sie nach Westberlin dürfe oder direkt ins Gefängnis käme. Heinz hat mit ihrem Mann verabredet, Petra einzuschüchtern und dann die Sache auf sich beruhen zu lassen. Entgegen der Verabredung ist Heinz entschlossen, Petra mit Tillmanns Hilfe in den Westen zu schaffen, um sie da zu bearbeiten. Er befiehlt ihr, die Tochter wegzuschicken.
„Die Petra Uffland wusste die Entfernung der Tochter geschickt einzurichten. Warum sie ihre Familie zurückzulassen bereit war, gab sie nicht an. Sie wirkte körperlich geschwächt, doch willensstark. Ihr Entschluss schien unumstößlich.“
Heinz zweifelt an Petras geistiger Gesundheit. Er rät ihr, sich zu beeilen. Sollte er in Schwierigkeiten geraten, würde er sie denunzieren. Das müsse ihr klar sein.
„Die Eindringlichkeit meiner Vorhaltungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung. Die Uffland schien ihre Umgebung kaum wahrzunehmen und die Konsequenzen ihres Tuns nicht zu begreifen.“
Petra begleitet Heinz wie ferngesteuert. Er übergibt sie Tillmann in einem wegen Urlaub geschlossenen Fotoatelier am Rosenower Platz. Der Berlin Ranger hält den HVA-Major für einen politischen Spinner und linksrassistischen Publizisten, der Meinungsführerschaft in Westberliner Zirkeln anstrebt. Den Mann kann man nicht für voll nehmen. Tillmann rät Heinz, ihm das Weitere zu überlassen und sich nicht einzumischen. Das widerstrebt Heinz. Er versucht Druck auszuüben und Zeit zu schinden.
„Uneinigkeit herrschte auf dem Deck des weiteren Vorgehens. Ich gab dem Koslowski seine Lage zu bedenken. Er zeigte sich so unbeeindruckt wie ein Verrückter.“
Um seine Westberliner Legende nicht zu riskieren, nimmt Heinz Abstand von der Absicht, bei Tillmann und Petra zu bleiben. Er verzieht sich, führt die Observation aber weiter. Doch verlassen weder Petra noch Tillmann für ihn sichtbar das Atelier.

Tage später

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder Mensch eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft den eigenen Verstand und seinen Instinkt. Er will ganz einfach nicht die Brustwärme des Vertrauens auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Er will nicht auskühlen. Deshalb weigert sich Tillmann das Offensichtliche anzunehmen. Er liegt zwischen Gerda und Angel Beluga im „Sonnenstudio“ auf den neuen Flachstühlen.
Das „Sonnenstudio“ ist ein Schauplatz des Kreuzberger Augenblicks – Galerie, Restaurant und Tanzcafé mit Tischtelefonen. Gesehen hat man da bereits Grace Jones und Dolf Lundgren. In der VIP Lounge konspirieren arabisch-kurdische Familienväter. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Flo Lekrem, bundesweit bekannt als „Fäkalflokati“ (stern), „Kotkünstler“ (FAZ) und Neoequilibrist (Qickborner Morgen).
Tillmann beschäftigt das Schicksal von Petra. Sie ist verschwunden. Heinz behauptet, im Westen von ihr nichts gesehen und gehört zu haben. Tillmann hatte sie zu einem Logierhaus am Tiergarten gefahren und sich damit seiner Verpflichtungen entledigt. Als er sich am nächsten Tag nach ihr erkundigte, bestimmt nicht aus Fürsorge, war sie schon weg. Gestern war er im Hotel, um sich sagen zu lassen, wer das Zimmer gebucht hatte. Halten Sie sich fest. Flo Lekrem hat das Zimmer für zwei Wochen gebucht und bezahlt. Der Maler besaß vor einem halben Jahr noch nicht mal eine Kreditkarte. Er hängt auch mit diesen Staatsfeinden ab, die Heinz zu ihrem Guru gemacht haben.

6. Dezember 2017

Hessenmeister

Das überlegene Tier

„If you don‘t cannibalize yourself, someone else will.“ Steve Jobs

Das überlegene Tier schnappt nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwingt ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.

Westberlin im Sommer 1987

Was heißt typisch Berlin? Nehmen Sie Flo Lekrem als Beispiel für eine mediokre Existenz. Kreuzberger Autoren schildern den (laut Eigenwerbung) „Scheißkünstler“ als überschäumende Persönlichkeit am Rand des Nervenzusammenbruchs. Alle Konzepte und Gerüste des Ichs haben in seinem Fall ihren provisorischen Charakter bewiesen. Lekrem hat seine Möglichkeiten überlebt. Jedenfalls behauptet das sein Schicksal, das einen eigenen Schatten wirft. Das Schicksal liegt Lekrem in den Ohren und sagt ihm das Schlimmste voraus. Es orakelt einen Orkan der Verzweiflung herbei,

„noch bevor du in einem Scheißhaus umkommst.“

Schon jetzt transzendiert alles Richtung Hoffnungslosigkeit. Doch ist das erst der Anfang. Früher glaubte Lekrem, dass die revolutionäre Unterwanderung sein Spiel sei. Heute weiß er es besser. Er taugt zu nichts.

Das hört, liest und riecht er jeden Tag, seit er sich mit Aktionisten vom „Institut für Schönheit im öffentlichen Raum“ angelegt hat. Sie nennen sich auch Volksstasi. Diese Leute stehen im Schatten ihres Führers Mark auf dem Standpunkt: Wem wir übelwollen, der ist unmoralisch. Dem bringen wir Moral bei.

Moral muss wehtun.

Ihr Credo lautet: Ethik ist die neue Ästhetik. Sie zeigen Lekrem die volle Breitseite ihrer Möglichkeiten. Geld, Zeit und Raum spielen für sie keine Rollen. Gutangezogen zünden sie Stinkbomben und zeigen dann auf den Künstlerpopel. Sie legen Lekrem lahm und nennen das Aktionskunst. Juristisch kann ihnen keiner. Die Feinde der repräsentativen Demokratie spielen mit den Formularen des Rechtsstaats. Sie lachen sich schlapp über den ratlosen Unwirsch hinter ihren tapferen Schirmen der Anonymität.

Lekrem havariert seelisch. Soll er doch, sagen Sie. Was interessiert uns ein Flo Lekrem! Der Mann bringt nicht nur die eigene Notdurft auf Leinwände. Er lässt sich die Scheiße anderer Leute widmen. Die Entstehungsprozesse seiner Bilder sind Ereignisse (mit allen Beteiligten), von denen wir nichts wissen wollen. In fünfundzwanzig Jahren wird Lekrem eine völkische Verbindung der AfD zuführen, und Eingeweihte werden sagen: Das war abzusehen.

Zur gleichen Zeit in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wir betrachten eine Szene in der Kollwitzstraße, wo die amerikanische Germanistin (und enttäuschte Kommunistin) Loretta Morgenstern für die amerikanisch-israelisch-deutsche Fluchthelfergemeinschaft „Berlin Ranger“ eine Wohnung als Stützpunkt illegaler Aktivitäten bewirtschaftet.

Loretta behauptet zu wissen, dass sich „Vorboten einer Gewitternacht“ auf Litauisch zu „Koueööaimdus“ verkürzt. Ihre Leidenschaft für die DDR ist zwar verflogen, aber ein Stück Schneewittchenkuchen isst sie doch gern. Der legendäre Berlin Ranger Tillmann „Trouble“ Koslowski hat ihn gebacken und über die Grenze geschafft. Ich erzähle gleich wie. Tillmann trägt ein John Crocket Vollzwirnhemd. Das ist eine Erklärung (Statement) und zugleich eine subtile Beleidigung der herrschenden Verhältnisse.

Der Westmann sitzt mit seiner Ostgeliebten Monika Kanu und der heftig in ihn verliebten Loretta in dem von Büchern und Wallewalle verdunkelten Wohnzimmer und fragt sich, wie lange das noch gutgeht. Zweifellos wird Monika observiert. Die Besuche bei Loretta covert die Legende vom Gitarrenunterricht. Offiziell unterrichtet Loretta Monika zur Zeit der Schäferstunde. Das limitiert die Begegnungen auf überzogene neunzig Minuten. Absolute Gleichmäßigkeit wäre verdächtig. Loretta ist aber über jeden Verdacht erhaben. Sie lebt freiwillig in der DDR und stammt aus einer Familie, die Bürgerrechtsbewegungen Repräsentanten liefert. Sie ist Spezialistin für die deutsche Literatur des Exils. Man konsultiert sie bei Fragen zu Anna Seghers. Als Gitarristin kennt man sie eher nicht, sie ist klassisch ausgebildet, was dem Vortrag einfacher Lieder der Arbeiterbewegung eine prahlende Note gibt. Während Tillmann und Monika miteinander im Bett spielen, schlägt Loretta im Wohnzimmer Saiten an. Dazu läuft ein Band, das eine Unterrichtssituation konserviert.

Es ist der Risikojunkie in Tillmann, der ihn solche Manöver fahren lässt. Die Gefahr erregt ihn stärker als Monika. Obwohl er ihre Haut liebt und nach Heiner Müller alles eine Frage der Haut ist. Er nennt den Ton skandinavisch braun. Monika hält ihren Teint für russisch. Eine Großmutter hatte was mit einem Russen, wie freiwillig, weiß man nicht. Immer wieder kehrt Monika in der Umgebung der Zeugung ihrer Mutter ein. Man riss Frauen Ringe aus den Ohren. Die Frauen bluteten aus den aufgeschlitzten Lappen. Die Sieger quartierten sich in einem Herrenhaus ein und bewohnten es gemeinsam mit ihren Pferden. Das kommt stockend aus einer, die nicht gesprächig ist. Trotzdem lässt sie manchmal ihren sächsischen Clan in einer Schote aufmarschieren, mit Vater und Mutter, Brüdern und Schwestern, Onkel und Tanten. Das ist so etwas anderes, als die bindungslose Verworfenheit, die Sabine (eine andere Geliebte des Tillmann Koslowski, Anm. der Redaktion) geprägt hat.

Festung Familie. Die Beobachtung bestärkt Tillmann in der Notwendigkeit, (seine Westverlobte) Gerda bald zu heiraten, schon um den kommenden Kindern keinen alten Vater zuzumuten.

Im Grunde taktet die Stasi Tillmanns Verhältnis zu Monika ideal. Nicht selten schlummert er postkoital entspannt, wenn Monika mit ihrer Gitarre und dem Habitus einer Kirchenkreisaktivistin aufbricht. Tillmann verlässt die Wohnung erst, nachdem Besuch am Abend die Lage unübersichtlich gestaltet. Erscheint ihm der Auflauf nicht groß genug, gibt es Auswege über das Dach in ein anderes Treppenhaus oder zu einer Remisenflucht, in der Lorettas schwarzer Tatra steht.

Tillmann legt eine Platte auf, irgendwas von Schostakowitsch, und setzt sich zu Loretta, Monika ist eben weg.

„In Kansas haben meine Freundinnen und ich die Jungen benotet auf einer Skala von eins bis zehn. Welche Note würdest du mir geben?“

„Die glatte Zehn.“

„Du lügst. Die würdest du nur dir geben. Das macht dich zu einem interessanten Fall.“

Tillmann begreift die Ansprache als Aufforderung über den Tisch nach Loretta zu greifen.

„Ich wusste, dass du es so auffassen würdest. Du bist basal.“

Basal heißt banal. Wenn schon. Sich auf die Vertracktheiten anderer Leute nicht einzulassen, gehört zur richtigen Atmung. Tillmann begreift die Spinnerei der Welt als Generaleinwand gegen die Angst vor der Leere. Tillmann liebt die Leere. Er atmet in den Unterbauch und gibt seine Energie über die Hände ab. Loretta seufzt auf. Sie ist eine direkte Schülerin von Tetsuhiro Hokama. Auch sie gibt ihre Energie über die Hände ab. Loretta und Tillmann synchronisieren ihre Atmung. Beide brauchen keinen zweiten, um das zu erreichen, was sie gemeinsam anstreben. Es ist nur eine Spielerei.

„Du lässt mich nicht allein kommen, hörst du“, sagt Loretta.

„Ich hatte das heute schon zweimal.“

„Sei nicht zu unhöflich.“

„Da du mich sehr darum bittest.“

Zur gleichen Zeit überquert ein Kundschafter des Friedens früher als geplant die Grenze auf der Heinrich-Heine-Straße Richtung Kreuzberg. An diesem Übergang wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. In jedem Fall gab es Tote. Der HVA-Hauptmann Heinz Wolf ist, wie er bald angeben wird, in ungewohnt nachdenklicher Verfassung. Ein Freund hat ihn von den Fluchtabsichten der eigenen Frau in Kenntnis gesetzt. Er wollte die Anzeige vertraulich behandelt wissen. Heinz hat ihm nicht nur versprochen, die Sache diskret zu regeln, er ist auch entschlossen, sein Wort zu halten. Er will die Abtrünnige abhauen lassen, um sie im Westen erpresserisch einzutüten. Nur wer kriegt den illegalen Grenzübertritt sauber hin? Heinz denkt an Tillmann, der ihn für einen antideutschen Salonkommunisten und Journalisten hält und außerdem für den Verlobten einer Verfassungsschützerin. So bunt ist Berlin. Wolfs Braut Angel Beluga, deren Vater Achim „Acid“ Beluga ein Gründer der „Berlin Ranger“ ist, führt den freien Verfassungsschutzmitarbeiter (und aufgeflogenen Fluchthelfer) Tillmann. Sie selbst wird von Heinz geführt. Die Doppelagentin quatscht oft eine Runde mit Tillmann in der Galerie „Sonnenstudio“, wo die „Kackbilder“ von Flo Lekrem für Ekel gesorgt haben, bis Gewöhnung eintrat. Lekrems Kunst sei „wie der Gazastreifen“, behauptete Korea Grein in der Berliner Zeitung.

Tillmann ahnt nicht, dass ihn Angel Beluga verlädt und die Hauptabteilung Aufklärung (HVA) schon lange alles und mehr über ihn weiß.

Klaffende Bauchdecke

Heinz sieht aus wie Gojko Mitić. Fast zu markig wirkt er neben den pseudolinksradikalen Milchschnitten, mit denen er außerparlamentarische Opposition spielt und deren Gedankensprünge und Gefühlsausbrüche er betreut. Heinz, ein Meister der toxischen Narrative, viril, intelligent, skrupellos, erscheint als neuer Messias der Westberliner „Politdeppen“ (Peter Hacks). Im Jetzt des Geschehens sucht er einen Parkplatz für seinen Renault. Er vermutet Angel Beluga im „Sonnenstudio“.

Heinz hat recht. Angel Beluga unterhält sich mit dem Journalisten Captain Benjamin Lincoln Willard von AN („Apokalypse Now TV). Captain Willard vermutet, dass die HVA im Auftrag des Politbüros eine Schleusergang im Rahmen eines Devisenbeschaffungsprogramms betreibt. Die Flüchtlinge müssen in Deutscher Mark oder Dollar zahlen und leben oft nicht mehr lange im Westen. Ich greife vor. Ein paar Offiziere, die wissen, dass es die DDR nicht mehr lange geben wird, haben das Geschäft aufgezogen, ohne die Greise an der Spitze zu informieren.

„Warum sagen alle Captain zu Ihnen?“ fragt Angel Beluga betrunken.

„Keine Ahnung“, antwortet Captain Willard entgegenkommend. Früher haben alle Sir zu ihm gesagt, einmal abgesehen davon, dass Willard bereits Colonel war, als er Kurtz im Dschungel traf. Er hat seine Orden nicht vor dem Capitol weggeschmissen und sich nicht langhaarig an Antikriegsdemonstrationen beteiligt. Seit den Pilgrim Vätern war jede amerikanische Einwanderergeneration in Kämpfe verwickelt. Jahrhunderte war das Verschweigen und die Leugnung des Grauens tugendhaft gewesen.

Plötzlich reden alle über ihre traumatischen Erfahrungen.

Captain Willard gefällt Angels angekratzte Grazie. Sie hat sich mit einem Cocktail aufgemöbelt, der für Laienspieler tödlich wäre. Es geht ihr also gut, Tillmann stellt ein beschlagenes Glas vor ihr ab. Angel bedankt sich für die Aufmerksamkeit beim falschen Mann. Der Spender registriert das kognitive Versagen mit einem Anflug von Bedauern. Tillmann zieht weiter, er ist erst seit einer halben Stunde wieder im Westen. Das „Sonnenstudio“ ist Galerie und Restaurant, Tillmann besetzt einen Nischenplatz und bestellt „Falscher Hase“, eine Erdbeerwurstkreation aus dem Hause Teichmann. Auf dem Top der Bedienung steht „Kunststudentin“.

Die Ironisierung der Wahrheit weist auf etwas schwer Verdauliches hin. Bevor das Essen auf den Tisch kommt, setzt sich Korea zu Tillmann. Er hatte Gerda zum Frühstück, Monika zum Kaffee und Loretta zum ersten Glas des frühen Abends, er braucht einen Moment der inneren Einkehr am Rand der allgemeinen Aufregung. Aber Korea schert sich einen Dreck um die Bedürfnisse des attraktiven Industriekaufmanns. Sie streift ihre Schlappen von den verhornten Fersen, die Zehen wackeln naturkindlich bis zum Nebentisch. Wir sind mal wieder da, wo locker großgeschrieben wird.

„Wie findest du die Sachen vom Lekrem?“

Natürlich will Korea das gar nicht wissen. Tillmann zählt zu den Banausen, die in ihrer Freizeit irgendwas mit Kultur konsumieren, so wie man nach dem Kino noch was essen geht und hinterher wieder nicht weiß, was öder war, der Fraß oder der Film. Trotzdem muss das sein.

Tillmann antwortet nicht, weil er die Frage richtig verstanden hat als Überleitung zu einer längeren Bemerkung, in der es auch nicht um Kunst geht. Korea sucht einen Begleiter, der männlich wirkt und die Platzhirsche auf Abstand hält, bei einer Recherche in der Hundekampfszene. Korea möchte sich verkleiden und als eine andere auftreten, in Begleitung eines Mannes, der ihre Möglichkeiten übersteigt. Koreas Lebensgefährte ist der Verleger Waldemar Heringsdorf. Er hat das nobilitierende von abgelegt, das Vermögen der Altvorderen passte in eine Sparbüchse. Mit ein paar populären Titeln aus der Welt des Sports und der Unterhaltung hat sich Waldemar ein Polster verschafft, das Haus in der Toskana, die Eigentumswohnung in Wilmersdorf und noch was hier und noch was da. Korea kauft sich gerade vorausschauend ein, mit Erspartem und Ererbtem. Das bildet die Basis ihrer Existenz. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2026 wird Korea von Entscheidungen profitieren, die sie mit Anfang Zwanzig traf. Bis zu Waldemars Tod bleibt sie seine Gefährtin. Das hält sie von Verhältnissen nicht ab. Ihre Lebensgleichung lautet Geld und Körper. Das findet Tillmann ehrlich. Ihm wird Korea angenehm bleiben.

Aus Koreas Hundekampfartikel:

„Zwei aufgestachelte Mischlinge mit extrascharf geschliffenen Zähnen (sechs Zentimeter lang) wurden in einem Keller einander zugeführt. Wie im Boxring war ein Gong das Kommando für die Herrchen gewesen, ihre dreißig Kilo schweren Hunde loszulassen. Die Leiber krachten aufeinander, die Zähne rissen sofort Wunden. Eine Bauchdecke klaffte auf, im ersten Anlauf. Das überlegene Tier schnappte nach der Kehle des Unterlegenen, sein Besitzer zwang ein Stück Holz ins Siegermaul. Die Kreuzungen zwischen englischen Bullterriern und Staffordshire-Terriern kosten dreitausend Mark. Ihr Preis hält sie am Leben.“

30. November 2017

Hessenmeister

Eins zu null für die HVA

Sie nennen ihn den Ingenieur. Markus „Mischa“ Wolf ist Behördenchef der ostdeutschen Auslandsspionage HVA. Er dient dem KGB in erster und Erich Mielke in zweiter Linie. Dem einfachen Minister fühlt er sich haushoch überlegen und zeigt das auch. Im Gegenzug missbilligt Mielke ausführlich den lockeren Lebenswandel des Intellektuellen, der aus einer kommunistischen Familie kommt, die im „richtigen Exil“ war. – Anders als der über seinen Sohn Thomas gestolperte, ehemalige stellvertretende Kulturminister Horst Brasch, der den Faschismus im kapitalistischen Ausland überlebte. Wolf kann sich auf einen bedeutenden Vater und einen berühmten Bruder berufen, das gestattet ihm manche stalinistische Scharade. Mitte der Achtzigerjahre verlässt er seine zweite Frau Christa, geb. Heinrich. Die seit 1976 mit Wolf verheiratete Schneiderin und offensive Stasi-Zuträgerin aus Lauterbach in Thüringen kommt kaum darüber hinweg, dass ihre Freundin Andrea Stingl den Scheidungsgrund liefert. Die Elektrofachkraft saß 1968 wegen versuchter Republikflucht vier Monate im Stasigefängnis von Hohenschönhausen und dient nun als Fußpflegerin in den Reihen der DEFA. Andrea ist alles andere als eine passende Partie. Mielke tobt, angefeuert von der linientreuen Christa.

Um den Kopf freizukriegen, nimmt die Betrogene eine Auszeit an der bulgarischen Schwarzmeerküste. In einem Badeort lernt sie einen Bundesdeutschen kennen. KV hält um ihre Hand an und schaltet den Bundesnachrichtendienst ein. Der Dienst aktiviert den Westberliner Industriekaufmann und professionellen Fluchthelfer Tillmann Koslowski. Koslowski kann sich nach Belieben in der DDR aufhalten. Er rät davon ab, von Pullach aus direkt in das Verhältnis hineinzuregieren. Trotzdem wendet sich der BND mit einem Schleusungsszenario und konkreten Anweisungen an Christa. Der Brief landet auf Mielkes Schreibtisch. Obwohl Christa kooperiert, wird in ihrem Fall Totalüberwachung angeordnet. Der Prozess ihrer Entmündigung läuft an. Im Herbst Sechsundachtzig erfolgt die Scheidung von dem bereits zurückgetretenen Generaloberst Wolf.

Zu diesem Zeitpunkt hält Koslowski einen konspirativen Kontakt zu Christa für ausgeschlossen. Ende November trifft er den Mann einer seiner Ostberliner Geliebten im „Metropol“. Sabine Billung kennt das Hotel von Einsätzen „mit frauenspezifischen Methoden“ wie es im HVA-Jargon heißt. Es bietet dreihundertvierzig Zimmer sowie einige Apartments und Suiten. Es gibt eine hoteleigene Yacht, einen Limousinen-Service, einen Bankett Saal – und als Höhepunkt des sozialistischen Savoir-vivre, eine „Panoramasauna“ in der zwölften Etage mit Sommerterrasse auch im Winter. In der „Jägerstube“ bringt Sabine Billung ihre aktuellen Männer an einen Tisch. Gatte Peter ist blau wie ein Russe. Aus Aufzeichnungen für den Verfassungsschutz, die nicht von Tillmann stammen: Peter Billung ist Waffenträger im Rang eines Majors. Er verfehlt auf Anhieb den passablen Eindruck. Man kriegt von so einem Schmierlappen nichts ohne üblen Beigeschmack. In seiner Gegenwart verdrehen sich die geraden Linien. Kein ehrliches Gewerbe kommt für ihn in Frage. Billung ist seiner Natur nach Schieber, Drücker, Mauschler und Eckensteher. Er behauptet, gefälschte Einreisestempel in Ungarn besorgen zu können.

„Das ist doch interessant für dich und deine Leute im Grunewald.“

Tillmann verzieht keine Miene. Sabine wringt die Hände Richtung Tillmann. Sie versucht emotional mitgenommen zu wirken. Peters Geschäftsmodell wäre unter anderen Umständen fabelhaft. Tillmann besorgt echte westdeutsche Pässe, die in Ungarn verfälscht werden. Mit den Papieren könnten DDR-Bürger in die Freiheit fliegen.

Sabine parkt ihre Hände auf Tillmanns Schenkel und setzt ihren Schlafzimmerblick ein. Tillmann bewundert die Leichtigkeit, mit der sie die Poller des gesunden Menschenverstands umrundet.

Tillmann wird von zwei Seiten bearbeitet. Das hat er noch nicht erlebt. Er entschließt sich, das NSA-Standardverfahren zu praktizieren. Überfallartig küsst er Sabine. Sie ist so überrascht, dass sie den Mund aufmacht und sich in totaler Umklammerung schon halb bewusstlos vom Tisch wegziehen lässt. Peter interveniert. Tillmann hookt ihn um. Sabine kreischt trotz Ausbildung. Vier Greifer nähern sich Tillmann. Er kann sich absetzen. Den Mustang lässt er stehen. Wind schießt wie auf einer Eisbahn zum Alexanderplatz. Tillmann verdrückt sich in eine Schwemme und nimmt sich den Novomat vor – die DDR-Variante des einarmigen Banditen. Ein Plakat erinnert an Valeska Gert. Am Tresen erklingt die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Das Wetter wird mit heidnischen Einflüsterungen besprochen. Stets mussten die Winter überlebt werden, mit der Aussicht auf einen Frühling. Älteste Befürchtungen stecken in den Wetterberichten, die man sich so zukommen lässt, als hätte jeder sein eigenes Wetter.

Die Küche empfiehlt Eisbein. Ein Fuchs schnürt über die Straße, das ist keine Sensation, manchmal kehrt der Fuchs auch ein.

Tillmann nimmt einen alten Wildwechsel nach Westberlin. Er ist aufgeflogen, verbrannt und arbeitslos. Er kann nie mehr legal in die DDR. Auch in seinem Teil der Stadt ist er nicht mehr sicher.

Am Übergang Heinrich-Heine-Straße wurde nach einem Durchbruchsversuch im Jahr 1962 eine Slalomsperre errichtet. Drei Jahre später scheiterten an der Sperre zwei Paare in einem Auto. Ein paar Meter weiter sitzen die Berlin Ranger Walter Großeisen und Tillmann Koslowski mit dem amerikanischen Journalisten Ben Willard im Moritzeck an einem Ende von Kreuzberg und reden über den neusten Frontstadthype – „die Intelligence Community von Westberlin“ (Spiegel Titelgeschichte im Dezember 1986). Tillmann erhebt sich gegen die Huberei: „Die Intelligence Community besteht aus Leuten, die Zeitungen auswerten. Ich meine Zeitungen aus dem Ostblock. Die haben keinen nachrichtendienstlichen Wert.“

Captain Ben Willard von der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ (AN) widerspricht:

„Auch Desinformation ist Information.“

Die Bedienung ist schwanger. Sie knackt Kronkorken mit einem Feuerzeug vom Flaschenhals und reicht die Flaschen wie am Fließband an. Es ist halbfünf, der gemeine Berliner begeht seinen Feierabend gewohnheitsmäßig mit Bier und nur ausnahmsweise aus der Flasche, die Zapfanlage ist ausgefallen.

„Mal was anderes“, sagt Willard zu Tillmann, „du warst doch mit dieser Sabi Billung zusammen. Gib mal die Kontaktdaten. Wenn die nicht KGB ist, dann heiße ich Scheunentor.“

„Ob HVA oder KGB, welchen Unterschied macht das?“

When you’re facing a loaded gun, what’s the difference? Wie viele Wanderer zwischen den Welten, gleicht Tillmann einem Somnambulen und erscheint oft ohne jede Geistesgegenwart. Er ist über den Punkt, sein Überleben in Abhängigkeit von seinen Fähigkeiten zu sehen. Er ignoriert Regeln der Eigensicherung, setzt sich mit dem Rücken zum Geschehen und unterlässt die Erkundung von Fluchtwegen. Er glaubt nur an sein Glück und nennt es Zufall, um es nicht zu beschreien. Die Gefahr macht ihn abergläubisch. Hat er seinen Talisman im Bett vergessen, kehrt er um.

Die Bedienung kommt an den Tisch, rotzig mit haftender Kippe. Ein Gör der Gegend in blinder Bereitschaft, die nächste Generation Plagen in die Welt zu setzen. Ihr Stecher bewacht sie. Er steht an einer Thekenschmalseite und redet mit Männern, die in Lohn und Brot stehen, Gärten, Autos und Frauen haben, aber trotzdem wie Tippelbrüder aussehen, weil sie nun mal zu den Verdammten gehören und sich das auf ihr Selbstbewusstsein ungünstig auswirkt.

„Wollt ihr noch was?“ fragt die Bedienung uninteressiert.

Sie kann nichts dafür, denkt Tillmann. Es steckt alles in den Genen.

„Drei und drei, aber nicht erst morgen früh um vier“, ordert Willard. Er liebt fremdsprachliche Eigentümlichkeiten und umgangssprachliche Wendungen. Er ist froh, nicht von Deutschen abzustammen. Seine Vorfahren waren Schotten.

Was zuvor geschah.

Captain Benjamin Isaac Willard recherchiert im Auftrag der Nachrichtenagentur „Apocalypse Now“ das Geschäftsmodell einer Schleuserbande, die hochrangige DDR-Bürger in den Westen bringt. Jeder „Transport“ bringt eine Dollarmillion.

Verdient die HVA mit? Ist das auch nur ein Devisending für die ewig klamme DDR?

Der Clou bei der Geschichte: die Hälfte der Geschleusten überlebt das erste Jahr in Freiheit nicht. Ganze Familien erloschen an Kinkerlitzchen wie Lebensmittelvergiftungen und Sonnenbränden. Willard nahm Kontakt zu dem aufgeflogenen Fluchthelfer Tillmann Koslowski auf, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr in den konspirativen Betrieb eines deutsch-amerikanisch-israelischen Freundschaftsbundes verstrickt ist. Die Berlin Ranger wurden im Jahr der Mauer von dem Obst- und Gemüsehändler Achim „Acid“ Beluga, dem Fleischermeister Heinrich Teichmann, dem Staatsschützer und israelischen Agenten Walter Großeisen sowie den texanischen Pfadfindern Grandslam Coogan und Stonewall Thunderbolt gegründet. Sie haben zuletzt die Ostberliner Diplomatentochter Alberta Brasch in den Westen gebracht.

Acid Belugas Tochter Angel bewirbt sich gerade um die Spitzenposition einer Frührentnerin. Die kalt gestellte Verfassungsschützerin agierte als Doppelagentin auf Tuchfühlung mit Markus Wolf, wurde fallengelassen und in Hohenschönhausen so bearbeitet, dass sie nur noch auf dem Zahnfleisch kriecht. Sie raucht Kette, trinkt, kokst und vertrödelt ihr Leben in der Galerie „Sonnenstudio“, die mit den „Kackbildern“ von Flo Lekrem Schlagzeilen gemacht hat. Beluga steht unter Aufsicht des HVA-Majors Heinz Wolf, der sich in Westberlin als antideutscher Salonkommunist, Journalist und Kunstkenner ausgibt. Seine Eltern waren auch im „falschen Exil“. Sie überwinterten in London, anstatt sich in Moskau säubern zu lassen. Angel und Heinz stellen sich als Paar mit gemeinsamer Wohnung (in der Kreuzberger Waldemarstraße) dar. Angel liebt heimlich Tillmann, der einmal ihr Informant war und den sie verraten hat. Tillmann ist in den festen Händen der Fleischermeistertochter Gerda Teichmann. Seine beiden Ostberliner Geliebten, Sabine Billung und Monika Kanu, sind für ihn nicht mehr erreichbar – könnte man meinen. Der Grenzwolf kennt Wege in den Osten, er verkehrt weiter mit Monika. Er trifft sie nun nicht mehr in ihrer Platte am Hauptbahnhof, sondern in einem Apartment der Berlin Ranger im Kollwitzkiez, das von der enttäuschten Kommunistin und nun wieder dem Westen zugewandten amerikanischen Germanistin Loretta Morgenstern konspirativ bewirtschaftet wird. Als sich Loretta von Amerika nach Ostberlin begab, ging das durch die Weltpresse. Auch sie ist hoffnungslos in Tillmann verliebt und deshalb eifersüchtig auf Monika.

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erstellt am 23.11.2017