BUCHKRITIK

Paul Léautaud: »Kriegstagebuch 1939 – 1945«

Kein angenehmer Mensch

Von Martin Lüdke

Ein richtig schräger Vogel, schmales Gesicht, große, spitze Nase, dünne, meist zusammengekniffene Lippen, ein strenger Blick durch die schmucklose Nickelbrille.

Dieser Schriftsteller Paul Léautaud (1872 – 1956) hat viel geschrieben. Das Meiste über sich. Gegen Ende seines Lebens wurde der sonderbare Miesepeter sogar noch berühmt – durch Rundfunkgespräche. Dort, bei einem großen Publikum, kamen seine Schrullen gut an, die ätzende Schärfe seines kompromisslosen Urteils, sein Witz, seine Spontaneität, und nicht zuletzt eine Fähigkeit, seine Beobachtungen, Eindrücke und Erfahrungen in einem fast klassischen Französisch beißend zu formulieren. Er stilisierte sich zum Stilisten. Ernst Jünger schätzte und übersetzte ihn. Er war einer der Letzten von den großen Alten, Zeitgenosse von Proust und Claudel, Gide und Valéry. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitete er, keineswegs als Lektor oder Redakteur, sondern als „Angestellter“ beim „Mercure de France“. Gleichwohl schrieb er dort auch, u.a. seine (später gesammelten) Theaterkritiken. Sein Büro, es muss tatsächlich sehr klein gewesen sein, nannte er „Wandschrank“. Immerhin war es groß genug, um dort gelegentlich auch seine sexuellen Bedürfnisse auszuleben. Er hatte einige Liebschaften und blieb doch gleichbleibend ein überzeugter Frauenfeind. Sein Kollege Yves Florenne schrieb ihm in einen neuen Roman die „verblüffend zutreffende Widmung“: „Paul Léautaud widme ich diese leere Seite, /die einzige, die er lesen wird, /in Freundschaft“. Aus dieser Widmung samt ihrer Bestätigung lässt sich zweifelsfrei ablesen: ein Menschenfreund war er nicht. Ein Tierfreund schon. Sein Haus, etwas außerhalb von Paris, war ganz auf die Bedürfnisse seiner „Lebensgefährten“ ausgerichtet. Zu seinen besten Zeiten, während der Mobilmachung von 1914, beherbergte er 38 Katzen, 22 Hunde, 1 Ziege und 1 Gans. Der völlig verwilderte Garten diente als Auslauf für die Tiere und, wenn es so weit war, auch als Friedhof für diese Mitbewohner. Davon waren ihm am Ende des zweiten Weltkriegs, unter anderem dem gravierenden Nahrungsmangel geschuldet, gerade noch „Minette“, ihr Sohn „Le Chinoise“ und eine Meerkatze geblieben.

Dieser schrullige Misanthrop wurde bereits 1927, aus Anlass einer Sammlung von Theaterkritiken, von Walter Benjamin in den höchsten Tönen gepriesen. Nie habe es „einen Kritiker gegeben, der den Vorgang des Kritisierens selbst so erstaunlich und wahr zu gestalten gewusst hat.“ Um dieses Ziel zu erreichen, habe sich Léautaud „schrankenlos exponieren“ müssen, also schonungslos offen von Feinden und Freunden, Nachbarn und Verwandten, seine politischen Überzeugungen, seinen Leidenschaften, seinen Rankünen, seinen Tieren und seinen Schriften sprechen müssen. Nur ein solcher „enragierter Menschenfeind und Sonderling“, könne sein „Ich“ so „unverbraucht und unbestechlich mitten ins sachliche Bereich hineinstellen“. Das Bild, das Benjamin anhand der Theaterkritiken Léautauds von diesem Autor zeichnet, lässt – naturgemäß – auch den Tagebuchschreiber bestens erkennen. Von 1893 bis zu seinem Tod hat Léautaud ein „Journal littéraire“ geschrieben, das in sage und schreibe 19 Bänden bei seinem Verlag, dem Mercure de France erschienen ist. 1966 brachte Hanns Grössel bei Rowohlt schon einmal eine kleine Auswahl heraus. Grössel verantwortet jetzt auch die Ausgabe des „Kriegstagebuchs“. Er hat ein informatives Nachwort beigesteuert und dazu ein kleines Dossier über das Verhältnis Ernst Jüngers zu Paul Léautaud. Man sollte schon den Kontext kennen, in dem viele der provozierenden und oft erstaunlichen Äußerungen des Chronisten zu sehen sind. „Ich schreibe als Beobachter, aus dem Geist der Kritik.“ Bereits mit zwanzig Jahren, bekennt er im Alter von siebzig Jahren, sei er „etwas xenophob“ gewesen, „leicht antisemitisch (in literarischer Hinsicht)“ und „stark antidemokratisch, zugleich antisozial und antipatriotisch“. Und so ist er geblieben. Anders gesagt: unkonventionell und unbestechlich. Als ihm Georges Duhamel, der Sekretär der Akademie, einen Preis überreichen will und die Begründung anfügt, „für das originellste Werk“, lehnt Léautaud ab. Als Duhamel hinzufügt, den Zeitungen könne man die Ablehnung nicht „durchgeben“, erwidert Léautaud trocken, er wünsche ohnehin: das „bleibt unter uns“.

Sein „Kriegstagebuch“ bietet einen Grundkurs für politisch unkorrektes Verhalten. Das heißt Aufklärung in dem Sinne, sich seines Verstandes zu bedienen.
Das Buch bietet also die einmalige Möglichkeit eine der originellsten Figuren der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts (wieder) zu entdecken. Léautaud war sicher kein angenehmer Mensch. Aber ein großer Schriftsteller.

Martin Lüdke

erstellt am 14.6.2011

Paul Léautaud
Paul Léautaud

Paul Léautaud
Kriegstagebuch 1939–1945
Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Hanns Grössel
192 Seiten · Halbleinen · fadengeheftet · 164 × 228 mm
Berenberg Verlag, Berlin Frühjahr 2011
ISBN 978-3-937834-42-9

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