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In Braunau am Inn wurde genau fünf Monate nach dem Tod Adolf Hitlers der Autor und Regisseur Henning Burk geboren, dessen Urgroßmutter bei den Hitlers Haushälterin und möglicherweise des Diktators Hebamme war. Burk fragt: Kann man eigene Schuldlosigkeit ertragen? – Boris von Brauchitsch, Kunsthistoriker, Fotograf und Schriftsteller, bespricht Burks Buch „Hitler, Braunau und ich“.

Buchkritik

Ein Buch der Aufklärung

„Wir müssen überall mit Hitler rechnen. Sein paranoides Wahnsystem – sein Größenwahn, Rassenwahn, Verfolgungswahn – ist ein unverwüstliches paralleles Universum. Steht eine Reinkarnation bevor?“ Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Henning Burks Buch „Hitler, Braunau und ich“. Man sollte wachsam bleiben, um potentielle Wiedergänger rechtzeitig zu erkennen.

Henning Burk ist wie Hitler in Braunau geboren. Seine Urgroßmutter war dort jahrelang Haushälterin bei den Eltern Adolf Hitlers und sei auch seine Hebamme, so heißt es. Ein Grund, die Seele dieser Stadt kennenzulernen, sagte sich der Autor, dessen Mutter ihn zu ihren Lebzeiten immer vom näheren Kennenlernen seiner Geburtsstadt abhalten wollte.

„Es muss endlich mal Schluss sein“, erklärt eine Passantin dem Autor, als er mit der Recherche auf den Straßen Braunaus beginnt. Zugleich weist die Dame darauf hin, dass ihr Großvater im KZ Mauthausen „gearbeitet“ habe. Sie zeigt sich hin- und hergerissen zwischen Neugier und Geschichtsverweigerung, und eine Rechtfertigung hat sie auch schon parat: „Für die Kinder macht man halt alles!“ In einer Trafik die nächste Überraschung: „Braunau? Das ist das antifaschistische Zentrum Europas!“, sagt der Besitzer. Gleich im ersten Kapitel macht Henning Burk klar, dass er es in seiner Heimatstadt nicht mit einer musealen Gedenkstätte zu tun hat, sondern mit lebendiger Geschichte.

Großschriftsteller und Nazi-Schergen

In einer literarischen Collage von dreißig Kapiteln erzählt er von Hitlers Vater Alois, einem stadtbekannter „Weiberer“, der auch seiner Urgroßmutter Rosalia nachstellte, berichtet über seine medial veranlagte Verwandtschaft, die halb Europa mit Stimmen und Körpern aus dem Jenseits in Atem hielt, über die Sozialdemokratie, einst stolze Partei, die vor den sogenannten Freiheitlichen kapitulierte, als es darum ging, ein Denkmal für einen Kriegsdienstverweigerer der NS-Zeit zu setzen, der dafür mit seinem Leben bezahlte. Das Personal, das die Szenerie belebt, reicht von Thomas Mann, der den okkulten Séancen beiwohnte bis zu sinistren Nazi-Schergen wie Oskar Dirlewanger, mit dem seine Mutter während ihres Osteinsatzes als Reichsangestellte in Berührung kam.

Wie scharf Burk zu beobachten versteht, wie lustvoll und zugleich schmerzhaft er den Finger in Wunden legt, wie präzise und ohne jede Polemik er absurde Szenarien der Politik offenbart, das wird zum Beispiel anhand der Schilderung von zwei Braunauer „Märtyrern“ deutlich, die dort gern ins Rampenlicht gestellt werden, um zu zeigen, dass das Städtchen am Inn mehr zu bieten hat als den Führer. Hier Johann Philipp Palm, den Napoleon als vermeintlichen Verfasser einer oppositionellen Flugschrift hinrichten ließ, dort Franz Jägerstätter, der sich weigerte in Hitlers Krieg zu ziehen und deshalb enthauptet wurde. Während nach Palm ein Platz, eine Straße und ein Weg benannt sind und im Palm-Park ein Palm-Denkmal steht, obwohl er nachweislich nicht der Autor des Pamphlets war und selbst stets beteuert hat, nichts damit zu tun zu haben, wurde dem tatsächlichen Oppositionellen Jägerstätter ein Erinnerungs-Brunnen verweigert, da er eine Beleidigung für all diejenigen darstelle, die in den Krieg gezogen sind.

Burks Skizze, wie hier die Wahrheit dem Willen zum Wohlgefühl geopfert wird, ist ebenso treffend, wie seine atmosphärischen Schilderungen der Séancen seiner Großonkel Willi und Rudi Schneider, die unter anderem der lang verblichenen Lola Montez eine Stimme gaben. Burk lässt offen, ob er die okkulten Phänomene, die sowohl im Schneider Haus wie in Laboratorien in Wien, Paris oder London produziert wurden, für echt hält, legt aber eine kryptische Verbindung nahe zwischen der boomenden Faszination für Parapsychologie und einem wachsenden Wunderglauben an Hitler, der aus der Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg führen könne. Dies ist ein weiteres Leitmotiv, das zwischen Henning Burks verzahnten Schlaglichtern und Anekdoten, historischen Pressestimmen und persönlichen Beobachtungen immer wieder aufblitzt.

Assoziativ und visuell

Selten habe ich ein Buch so rasch gelesen. Seine vibrierende, schillernde Komposition hat mich angetrieben. Anfangs galt es noch, sich mit dem filmischen Stil anzufreunden, doch dann schnurrte der Motor und trieb die verschachtelten Geschichten voran. Assoziativ, sehr visuell, mit eigenwilligen Wendungen.

Es ist das Buch eines Filmemachers, keine Frage. Die Schnitte und Tempi sind gelegentlich rasant und gewagt, aber es „funktioniert“, wie man im Fernsehen wohl schlicht sagen würde. Da, wo Burk beim Film auf die Bilderfolge gesetzt und darauf vertraut hat, dass sich der Text dann schon durch die Bilder seinen sinnvollen Weg sucht wie ein Gebirgsbach durch eine Schlucht, so ist es ihm nun gelungen, diese Methode ins Buch zu transferieren. Die heiteren, skurrilen, beklemmenden und grausamen Bilder tragen auch hier das fragile Kartenhaus, das von Kapitel zu Kapitel mit neuen Erkern und extravaganten Anbauten wächst, und doch bis zum Schluss nicht in sich zusammenfällt, auch wenn sich manchmal die Karten kaum noch zu berühren scheinen oder fast unsichtbar durch den Stoff von Träumen verbunden werden.  

Das Buch ist kein Krimi. Denn am Ende steht kein Puzzle, das sich nach unübersichtlichen Phasen und vielen Einzelteilen, die alle nicht zusammenzupassen scheinen, dann doch zu einem schlüssigen Motiv fügt, sondern ein dreidimensionales Gebilde, das nicht gerade elegant und gefällig, sondern vielmehr sperrig und verstörend in der Oberösterreichischen Landschaft steht.  Mir hat es mit seinen kleinen und großen Geschichten, die sich gegenseitig tragen, viel zu denken gegeben, gerade weil es so vieles offen lässt: Von der Ungewissheit, ob die Urgroßmutter nun wirklich die Hebamme Hitlers war, wie sie behauptet, bis zur Frage, wie man den Überblick behält und dem Größenwahn entkommt und wie einem Sigmund Freud bei diesem Unterfangen als Schutzpatron beistehen kann.

„Hitler, Braunau und ich“ ist ein Buch der Aufklärung ohne den Hauch von Didaktik, es belehrt nicht, sondern berichtet, und am Ende stehen mehr Zweifel als Gewissheiten. Das ist sicher ein gutes Zeichen. Eines sollte das Buch aber auf jeden Fall werden: Pflichtlektüre für alle Braunauer.

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erstellt am 03.11.2017

Henning Burk
Hitler, Braunau und ich
Wie meine Urgroßmutter den Krieg hätte verhindern können
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 9783864891793
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017

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