Gespräch mit Asghar Farhadi

Traum vom Kino ohne Kopftuch

Asghar Farhadi hat auf der Berlinale für Nader und Simin – Eine Trennung den Goldenen Bären erhalten. Seine Schauspieler erhielten kollektiv die Silbernen Bären für die besten schauspielerischen Leistungen. Der Film erzählt einerseits eindrucksvolle Familiengeschichten, etwa die der Trennung der wohlhabenden urbanen Nader und Simin, die vom Alzheimerkranken Vater oder die von der armen religiösen Familie, aus welcher die Pflegerin des Vaters kommt. Und er erzählt zugleich von den Trennlinien der heutigen islamisch-modernen iranischen Gesellschaft. Jenen Linien, zwischen denen auch die Filmemacher arbeiten müssen. Mit Farhadi sprach Hans-Joachim Neubauer.

Ihr Film war der große Sieger in Berlin. Er hatte aber auch auf dem Fajr-Filmfestival, dem größten im Iran, sieben Preise erhalten. Wie hat das Publikum im Iran auf diesen Film reagiert?

Farhadi: Schon die Reaktionen auf dem Fajr-Festival waren beeindruckend. Es war so voll, dass die Leute schon am Vorabend kamen; sie schliefen vor dem Kino, um eine Karte zu bekommen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es waren so viele Leute da! Um reinzukommen, haben sie die Scheiben eingedrückt. Erstaunlich.

Vor zwei Jahren lief Ihr „Alles über Elly“ mit großem Erfolg bei der Berlinale. Wie wurde dieser Film vom iranischen Publikum aufgenommen?

Farhadi: Die Regierung war nicht sehr angetan davon, den Film zu zeigen. Er wurde trotzdem gezeigt, eben auch in Zusammenhang mit den Aufständen der „grünen Bewegung“ (den Protesten der bürgerlich-urbanen Opposition gegen das Regime, d. Red.). Der Film handelt von der Mittelklasse – und von ihrer Krise. Es war tatsächlich so, dass die Leute tagsüber auf die Straße gingen und abends ins Kino, um den Film zu sehen. „Alles über Elly“ ist sehr beliebt, er hatte landesweit die zweitmeisten Besucher im vergangenen Jahr.

Ihr Kollege Jafar Panahi sollte in der Berlinale-Jury sitzen. Stattdessen wurde er zu Gefängnishaft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Wie kommt es, dass im Iran Ihre Filme gezeigt werden, seine aber nicht?

Farhadi: Ich möchte nicht über die Filme urteilen, und ich würde nie behaupten, meine Filme seien besser als seine. Es gibt zwei Aspekte, unter denen man die Lage betrachten kann. Erstens: Ich bin ein ruhiger Mensch; als Regisseur möchte ich meine Gefühle und Ansichten in meinen Filmen ausdrücken, nicht außerhalb von ihnen. Und zweitens: Was Panahi und mich unterscheidet, ist wohl unsere Art, Filme zu machen. Man kann direkt oder indirekt Stellung beziehen; ich ziehe es vor, meine Aussagen eher auf die indirekte Art zu machen.

Dennoch haben Sie bei der Berlinale öffentlich Ihre Solidarität mit Panahi ausgedrückt, auch im Iran haben Sie sich für ihn und andere inhaftierte Filmemacher eingesetzt. Danach mussten Sie die Arbeit an „Nader und Simin“ einstellen. Wieso durften Sie nach ein, zwei Wochen weiterarbeiten?

Farhadi: Die Medien haben starken Druck gemacht, und auch sonst haben sich viele für mich ausgesprochen, sodass man mich meine Arbeit einfach fortführen lassen musste.

In Ihren Filmen treten immer wieder sehr moderne Frauenfiguren auf. Warum?

Farhadi: Ich habe versucht, ein getreues, ein realistisches Bild der Lebenswelt iranischer Frauen zu zeichnen. Sie stehen in vorderster Linie des Fortschritts, auch der grünen Bewegung. Sozial und politisch sind sie außerordentlich aktiv; auch das wollte ich in meinem Film zeigen.

Die weiblichen Figuren in Ihrem Film tragen durchweg Tschador oder Kopftuch. Glauben Sie, dass Sie einmal einen Film ohne diese Attribute drehen können?

Farhadi: Ja. Der Zeitpunkt dafür wird kommen. Es gibt einen Umstand in meinem Film, der nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt: Im Iran tragen die Frauen den Tschador oder das Kopftuch nicht innerhalb ihrer Häuser und Wohnungen, im Film aber schon. Das ist nicht wirklich realistisch. Ich habe die Wahl: Entweder mache ich Filme, die einen Fehler in sich tragen, oder ich mache keine Filme. Übrigens hat mich schon einmal ein Journalist darauf angesprochen. Ich habe ihn gefragt: Was ziehen Sie vor – wollen Sie die Filme sehen oder nicht?

Sie haben gesagt, Ihr Film könnte überall spielen – und überall gezeigt werden. Doch erst die Religion erzeugt den Druck, in dem sich der Konflikt zu dieser Schärfe intensivieren kann. Am Ende wird der Koran zum Prüfstein der Wahrheit. Geht es in Ihrem Film um Religion?

Farhadi: Sagen wir lieber Tradition statt Religion! Der wirkliche Konflikt verläuft zwischen den traditionelleren und den moderneren Teilen der Gesellschaft. Damit sind wir in der Wirklichkeit konfrontiert. Und wenn es die Tradition nicht mehr gibt, wenn sie nicht mehr wirksam ist, gibt es kein Drama zu erzählen.

Sie betonen die Ungleichzeitigkeiten innerhalb der iranischen Gesellschaft. Ist der Konflikt zwischen den tief religiösen und den aufgeklärten Schichten der entscheidende?

Farhadi: Ja. Aber Sie müssen bedenken, dass wir über ein riesiges Land sprechen, ein Land mit verschiedenen Kulturen und Subkulturen. Man kann nicht alles in einen Film geben, man kann nicht alle darstellen, die zu einem Land gehören, sondern immer nur einen Teil von ihnen. Ernsthafte Filmemacher, die ihr Geschäft nicht nur betreiben, um irgendwelche Preise zu bekommen, zeigen immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit.

Ihr Ausschnitt aus der Realität konzentriert sich auf zwei Familien. Beide beziehen sich, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, auf die Religion und auf den Staat. Was meinen Sie: Wäre es vorstellbar, dass diese beiden Familien in der grünen Bewegung mitmachen würden?

Farhadi: Die grüne Bewegung basiert auf der Mittelklasse. Die Mittelklasse- Familien sind Teil der grünen Bewegung. Die unteren Klassen, glaube ich, nicht.

Die Grundfrage Ihres Films ist doch: Gibt es für die junge Generation im Iran eine Zukunft? Ihr Film beantwortet diese Frage nicht.

Farhadi: Ich kann darüber nur spekulieren. Aber das mache ich nicht gerne. Meine Art, Filme zu drehen, kommt ohne klare Antworten aus. Es ist am Publikum, sich ein Bild zu machen, die Fragen selber zu beantworten. Der Film muss sich selber erklären. Ich persönlich habe schon, nur für mich, einige Antworten, aber ich wollte sie nicht in den Film hineinnehmen.

Hans-Joachim Neubauer, Jahrgang 1960, lebt und arbeitet als Privatdozent für Neue Deutsche Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft (FU Berlin), als Buchautor und als Redakteur für »Die Zeit / Christ & Welt« in Berlin. Er ist zudem Honorarprofessor an der HFF Konrad Wolf.

Das Gespräch ist erstmals in „Christ & Welt” erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion nachgedruckt.

erstellt am 14.6.2011

Die Schauspielerin Leila Hatami verkörpert mit Simin eine der Hauptrollen im preisgekrönten Film Nader und Simin – Eine Trennung von Asghar Farhadi. Foto: Jens Kröhnke

3sat widmet dem neuen iranischen Film in dieser Woche den Schwerpunkt Inside Iran mit zahlreichen Spiel- und Dokumentarproduktionen jüngerer iranischer Regisseure:

3sat-Filmreihe