60 Jahre Kirchenmusikverein Frankfurt

Robin Hood der Kirchenmusik

Wer sich unter der Woche vor die Heiliggeistkirche setzt, wird leises Orgelspiel vernehmen. Das stammt von Herbert Manfred Hoffmann, der hier täglich vier Stunden am Instrument verbringt – allerdings hinter verschlossener Tür. Der virtuose Musiker hat es nicht gern, wenn man ihn bei dem belauscht, was er „üben“ nennt. Dass es ihn seit über drei Jahrzehnten ins Dominikanerkloster treibt, hängt freilich weniger mit Fingertraining denn mit der Liebe zu seiner „Kiste“ zusammen. Mit der 42 Register umfassenden Walcker-Orgel hat Hoffmann das Gotteshaus zu einer geschätzten Musikkirche und zur Heimstatt des Kirchenmusikvereins Frankfurt am Main gemacht.

Wenn der Verein in diesem Jahr sein 60jähriges Bestehen feiert, wird auch viel vom Vorsitzenden die Rede sein. Seit Hoffmann 1979 das Zepter übernahm, liegen die Spielorte auch außerhalb von Kirchenmauern, erweiterte sich das Repertoire, wurde die Kooperation mit anderen Institutionen intensiviert und mit der Alten Oper ein einzigartiges Abkommen ausgehandelt. Vereinsmitglieder können gegen ein geringes Entgelt dort jährlich sieben Mal symphonische oder kammermusikalische Aufführungen besuchen. Sieht der 80jährige mit dem silbernen Haarschopf in den vorderen Reihen dann etwa eine Krankenschwester sitzen, die sich die Eintrittskarte sonst niemals leisten könnte, kann er sich freuen wie der Lausbub über einen geglückten Streich. Man könnte Hoffmann auch als Robin Hood des Kirchenmusikbetriebs bezeichnen. Schließlich steckt er einen Großteil seiner Zeit und Energie in jenen Verein, dessen erklärtes Ziel es ist, „allen Schichten der Gesellschaft den Zugang zu großen Werken der Musikliteratur anzubieten“.

Für Verteilungsgerechtigkeit im Reich der Klänge sorgte Hoffmann schon während seiner Berufstätigkeit. Seit der Pensionierung 1995 stehen bei ihm die Vereinsbelange an erster Stelle. Als musikalischer Leiter organisiert er Konzerte und sucht Interpreten, als Vorsitzender erledigt er die Bürokratie. Es ist eine Aufgabe, die ihn „voll und ganz in Anspruch“ nimmt. Vom Regionalverband erhält er dafür den Schlüssel der Heiliggeistkirche, einen Büroraum im Spenerhaus sowie eine Aufwandsentschädigung. In Sachen Musik seit rund sechzig Jahren offiziell für die hessen-nassauische Kirche aktiv, geht Hoffmann davon aus, hier der „Dienstälteste“ zu sein. Dabei hat man den gebürtigen Schlesier nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Wegen seiner Vorliebe für den damals in Frankfurt verpönten Max Reger focht er „mit dem Leiter der Kirchenmusikabteilung heftige Kämpfe“ aus und wurde „von Kollegen geschnitten“.

Allein der Regionalverband stand hinter dem gerade mal 20 Jahre alten Künstler. Zunächst tingelte Hoffmann als Vertretung durch die Gemeinden, bis er in Emmaus auf einen „verständnisvollen Kirchenvorstand“ traf. Er dankte es trotz wachsender Bekanntheit mit 46jähriger Treue als Kantor und Organist. In dieser Zeit hat der Musiker nicht nur Manuale und Pedale bewegt. Bereits 1952 gründete Hoffmann den bis heute erfolgreichen Frankfurter Kantatenkreis, initiierte in der Mainmetropole die Max-Reger- wie die Orgeltage, gab Konzerte auf internationalem Parkett und spielte ungezählte Tonträger ein. Kein Wunder, dass ihn „Orchester, Chöre und Solisten mit Anfragen überhäufen“ und er „unter den Besten wählen“ kann. Nur eine Arbeit hat Hoffmann schon frühzeitig eingestellt: sich vorsingen zu lassen. Das empfindet er als „Qual“ – vor allem wenn er hinterher die Absagen begründen muss. Bei ihm unbekannten Künstlern verlässt er sich lieber auf Empfehlungen.

Doris Stickler

erstellt am 08.8.2010

Um das Frankfurter Musikleben zu bereichern, rief der Textilkaufmann Arnold Thrun 1950 den Verein „Freunde der Kirchenmusik“ ins Leben. Was mit 26 Menschen klein begonnen hat, ist heute eine weit über die Stadtgrenzen hinaus geachtete Institution und als Kirchenmusikverein Frankfurt am Main e.V. bekannt. Gefördert wird der Verein vor allem von der nach dem Gründer benannten Gesellschaft. Für kleine Zuschüsse sorgen zudem die Stadt, der Regionalverband sowie private Spender. Die Mitglieder der Arnold-Thrun-Gesellschaft erhalten gegen einen jährlichen, steuerlich absetzbaren Obolus von mindestens 50 Euro, kostenlose Eintrittskarten für 20 bis 25 Konzerte sowie ermäßigten Zutritt für sieben Besuche in der Alten Oper.

Kirchenmusikverein

Herbert Manfred Hoffmann
Herbert Manfred Hoffmann, fotografiert von Doris Stickler