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Von einer Prüfung, die über Verlust und Trauer in ein neues Leben führt, berichtet der Debütroman des 1978 geborenen schwedischen Autors Tom Malmquist. Erzählt wird die Geschichte von Karin und Tom, die als Liebesgeschichte nicht ins Glück, sondern in den Tod führt. „In jedem Augenblick unseres Lebens“ ist ein bewegender Roman, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Das Leid annehmen

Das Leben, von dem wir annehmen müssen, dass es ein Geschenk ist, hat wahrhaft schöne Momente zu bieten; nicht in der Überzahl, aber eben doch in vereinzelter Wucht, die uns so zu treffen vermag, dass wir vor Glück kaum weiter wissen. Allerdings kommt auch das Gegenteil über uns: Wir erfahren Schmerz und Leid, geliebte Menschen werden von uns genommen, was uns nicht nur traurig, sondern auch wütend macht. Leben wird gegeben und genommen, ohne Bedacht, wie’s scheint, so dass der Verdacht aufkommt, dass der Urheber des Ganzen gut daran tut, sich bis auf den heutigen Tag bedeckt zu halten. Auch im Schmerz wissen wir nicht weiter; das Unglück ist indes einschneidender als das Glück – es mutet uns herzzerreissende Momente zu, die nicht auszuhalten sind und doch, irgendwie, durchstanden werden wollen.

Von einer Prüfung, die über Verlust und Trauer in ein neues Leben führt, berichtet der Roman „In jedem Augenblick unseres Lebens“ des schwedischen Autors und Musikers Tom Malmquist (Jg. 1978). Erzählt wird die Geschichte von Karin und Tom, die als Liebesgeschichte nicht ins Glück, sondern in den Tod führt. Karin, die mit ihrem ersten Kind schwanger ist, erkrankt schwer; die Aussichten, sie retten zu können, schwinden von Stunde zu Stunde. Tom, seinem Autor nicht nur über den Vornamen eng verbunden, gibt sich Mühe, seiner Frau beizustehen; dabei ist er zunächst überfordert. Karin stirbt; das Kind, ein Mädchen, das den schönen Namen Livia erhält, kommt mit Kaiserschnitt zur Welt und überlebt als Frühchen, dem in der Folge beträchtliches Durchhaltevermögen zuwächst. Als Schriftsteller, der sich über knapp bemessene Stipendien finanzierte, ist Tom nicht nun mehr zu gebrauchen; macht aber nichts, denn Livia ist ja da und fordert seine ganze Aufmerksamkeit. Allmählich wird er routinierter, und wenn man ihn in seiner neuen kleinen Welt aufstört, kann das auch komisch sein: „Livias Kopf ist rosig und voller Flaum. Ihre Trinkgeräusche lassen mich dösig werden. Sie schläft mit offenem Mund ein. Das Klingeln des Telefons weckt mich … Hallo, ich möchte Karin sprechen. Ich kann die Stimme nicht zuordnen. Sie gehört einer jungen Frau, die dermaßen fröhlich klingt, dass ich unsicher werde. Ich habe nicht mitbekommen, wer da spricht, sage ich. Ist Karin zu Hause? erwidert sie. (…) Worum geht es denn? Das möchte ich Karin gern selber sagen. Karin ist tot, antworte ich. Okay, dann wünsche ich noch einen schönen Tag.“

Eigentlich ist Tom unendlich nervös; seine Unruhe führt jedoch nicht zu vermehrtem Bewegungsdrang, sondern beschert ihm wiederkehrende Kopfschmerzen, die, wie er meint, nur noch im Liegen zu ertragen sind. Im Kreisverkehr seiner Gedanken taucht Karin auf, manchmal auch in bislang unbekannten Konstellationen, aus denen man schließen könnte, dass die Geschichte einer Liebe nie so ganz zu enträtseln ist. Toms Beschwernisse erweisen sich allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt als unergiebig; aus Selbstmitleid wird Selbsterkenntnis, die bekanntlich der erste Weg zur Besserung ist: „Sie ergänzte mich, glich meine Mängel aus, mein hitziges Temperament, meine Kleinlichkeit, mein nachtragendes Wesen …, sie hat mich von dem Dreck befreit, brachte mich dazu, Verantwortung zu übernehmen, sie war die Einzige, auf die ich hörte …, gutherzig war eines der schönsten Wörter, das sie kannte …, jeder andere hätte sterben können, aber nicht Karin, mich hätte es treffen sollen.“ Hat es aber nicht. Tom ist übern Berg, das Schlimmste scheint überwunden. Auch als sein Vater, ein bekannter Sportjournalist, der in Schweden bereits zu Lebzeiten zur Legende wurde, stirbt, trifft ihn das nicht mehr so hart wie befürchtet, was damit zusammenhängen könnte, dass sich Vater und Sohn, die ein nicht ganz unproblematisches Verhältnis pflegten, zuvor noch ausgesprochen haben.

„In jedem Augenblick unseres Lebens“ ist ein bewegender Roman, der seine Stärken mit einiger Verzögerung entfaltet. Leben und Tod gehören zusammen, das wissen wir, ohne den wahren Grund dafür zu kennen. Es ist an uns, Leid anzunehmen und Stärke zu zeigen, wobei man ruhig auch ein wenig tricksen darf. Kinder, die den Ursprüngen der Wahrheit näher sind als wir meinen, können dabei helfen; wer sie genauer anschaut, wird mit wunderbaren Momenten bedacht, in der sogar die alles vereinnahmende Zeit, vor der die Erwachsenen sich fürchten, zum Stillstand kommt: „Ich nehme die Sonnenbrille ab, blicke mit zusammengekniffenen Augen zum Hof, Sandkästen, Karren, Eimer, Spielzeugautos, Federwippen, Erzieher mit Springseilen, Klettergerüste, Kegel, eine Rutschbahn, Dreiräder, überall Kinder, da aber ist sie“, Livia „in ihrem Sommerhut mit der weichen Krempe und ihrer Jacke mit dem Blümchenmuster. Sie steht unterm Kirschbaum und winkt.“

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erstellt am 06.10.2017

Tom Malmquist © picture alliance / TT NYHETSBYRAN (Foto: Vilhelm Stokstadt/TT)
Tom Malmquist, Foto: Vilhelm Stokstadt/TT

Tom Malmquist
In jedem Augenblick unseres Lebens
Roman
Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek
Gebunden, 301 Seiten
ISBN: 978-3-608-98312-8
Klett-Cotta, Stuttgart 2017

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