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Klaus Huber, eine Institution der Neuen Musik, ist am 2. Oktober 2017 92-jährig in Perugia gestorben. Als engagierter Künstler, Hochschullehrer und spiritus rector einiger Musikergenerationen gehörte er zu den großen Persönlichkeiten einer zu Ende gehenden Epoche. Bernd Leukert erinnert an den Komponisten.

Zum Tod des Komponisten Klaus Huber

Polyphoner Feuerkopf

Der Komponist Klaus Huber war ein Schweizer Protestant; und das heißt in seinem Fall, er lebte als ein gesellschaftspolitisch engagierter Protestant, der die vielen Preise, mit denen er bedacht wurde, als Spenden betrachtete, als Hilfe gegen Welthunger und Verarmung. 1990, im Golfkrieg, konnte er die antiarabische Propaganda nicht ertragen, studierte im Pariser „Maison de la Culture Arabe“ arabische Musiktheorie und Tonsysteme, Literatur und Philosophie. Die Stellungnahme zu politischen Fragen waren ihm nichts Außerkünstlerisches, sondern selbstverständlich Thema seiner Kompositionen, – nie mit erhobener Faust, sondern stets als elaborierte, kunstvoll gestaltete Positionierung.

Geboren wurde Klaus Huber 1924 in Bern. Der Vater war Musiklehrer, und der Sohn folgte ihm in diesen Beruf, aber nur kurz. Dann studierte er in Zürich bei Willy Burkhard, von dem er noch in hohem Alter mit großer Dankbarkeit sprach, Komposition. Mit Boris Blacher setzte er in Berlin das Studium fort. 1959 wurde er während der Weltmusiktage der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Rom mit seiner Kammerkantate „Des Engels Anredung an die Seele“ bekannt. Die unorthodoxe Verwendung avancierter Kompositionstechniken in Verbindung mit Stoffen, in denen seine humanistische Religiosität und sein gesellschaftliches Engagement eins wurden, zeichnete sein gesamtes Schaffen aus. Titel wie „JOT, oder Wann kommt der Herr zurück“, „Sonne der Gerechtigkeit“, „Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet …“, „Spes contra spem“, „Die Erde bewegt sich auf den Hörnern eines Ochsen“, „Umkehr – im Licht sein“, „Ecce Homines“, „Die Seele muß vom Reittier steigen …“ signalisierten jedem, dass es hier um ernsthafte Kunst ging. Sie spannte sich auch über Jahrhunderte aus, wenn er Texte von Jesaja und Ernesto Cardenal, von Teresa von Avila und Pablo Neruda, von Heinrich Böll und Hildegard von Bingen zusammenführte.

Weit über die Grenzen Europas hinaus war Klaus Huber als Kompositionslehrer berühmt. Schon an der Musikakademie Basel, wo er in den 60er Jahren unterrichtete, und erst recht an der Musikhochschule Freiburg ab 1973, bildete er heute bekannte Komponisten wie Brian Ferneyhough oder Wolfgang Rihm aus, gründete dort Ensembles für Neue Musik, lud Gastdozenten aus aller Welt ein, setzte sich für interdisziplinäre Kooperationen ein, kurz: Er machte diese Freiburger Hochschule für Studenten und Dozenten zur attraktivsten Ausbildungsstätte anspruchsvoller Musiker und Komponisten.

Ich habe Klaus Huber als einen enorm gebildeten und zugewandten Künstler kennengelernt. Wir haben über Polyphonie gesprochen – er selbst verstand sich als Polyphoniker, der die heterogensten Texte, Geräusche, elektronische, vokale und instrumentale Elemente als gewaltige Mehrstimmigkeit auffasste; über den Lago Trasimeno, auf den er aus seinem Komponierstübchen im umbrischen Panicale herabsehen konnte, und über Perugino, dessen von exaltierten Bogenschützen umgebener Heiliger Sebastian dort in einer kleinen Kapelle zu sehen ist; über das kleine Barocktheater, für das er über Jahre das musikalische Programm gestaltete. Aber wir haben auch gestritten. Der Feuerkopf Huber konnte in den Gnadenstand Heiligen Zorns geraten, wie ich ihn bei niemandem sonst erlebt habe.

Zuletzt traf ich ihn 2016 im Haus der Bruderschaft S. Maria dei Bianchi in Città della Pieve, wo er vor Peruginos grandiosem Wandgemälde „Die Anbetung der Hl. Drei Könige“ saß – mit großen Augen und einem beseligten Lächeln.

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erstellt am 03.10.2017

Klaus Huber (1981), Foto: Hans van Dijk / Anefo, Nationaal Archief
Klaus Huber (1924-2017)