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Markus Orths hat einen Roman über das Leben von Max Ernst (1891-1976) geschrieben. Darin verfolgt Orths nicht nur die Lebensstationen des Künstlers zwischen Deutschland, Frankreich und den USA. Er folgt auch allen Verästelungen, die sich durch die Begegnungen mit dessen Lebens- und Liebesbegleiterinnen ergeben. Gudrun Braunsperger hat den Roman gelesen.

Buchkritik

Rebell und Provokateur

Max Ernst, 1976, Foto: Dutch National Archives, The Hague
Max Ernst, 1976

Die Biographie von Max Ernst lässt sich erzählen, als ob dieser sein eigenes Leben als Gesamtkunstwerk entworfen habe. In seinem Schicksalsweg scheint sich der Geist seiner künstlerischen Überzeugung zu manifestieren. Und dieser ist wild, rebellisch, aufbegehrend, grenzüberschreitend. Mit dem feinen Gespür für dramaturgisch lohnendes Material hat Markus Orths den Lebensstoff dieses Rebellen und Provokateurs zum fesselnden Lesestoff umgestaltet: Orths verfolgt in seinem Roman nicht nur die Lebensstationen von Max Ernst zwischen Deutschland, Frankreich und den USA, er folgt auch allen Verästelungen, die sich durch die Begegnungen mit dessen Lebens- und Liebesbegleiterinnen ergeben.

Vom Vater, einem Taubstummenlehrer und Hobbymaler, hat Max Ernst die künstlerische Begabung geerbt. Gegen die bürgerlichen Werte des Wilhelminischen Deutschland, die dieser vertritt, grenzt er sich jedoch früh schon entschieden ab. Als Kind hat er dem Vater als Jesusknabe Modell gestanden, später wird er für ein Bild mit dem Titel „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ exkommuniziert. Bereits als Halbwüchsiger hat er bei der Lektüre von Max Stirners Schrift „Der Einzige und sein Eigentum“ den Glauben an Gott verloren und die Geste des Protests entdeckt. In Köln studiert Max Ernst Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie. Das Studium der seelischen Abgründe bringt ihn mit der Dimension des Wahnsinns in Berührung, zu der er schon bald mit den Mitteln des Künstlers eine Brücke schlagen wird. Nach dem traumatischen Erleben vom Krieg in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erprobt er das bürgerliche Leben in einer Ehe mit der Kunsthistorikerin Luise Straus, zugleich begründet er mit seinem Freund Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe. Der einzige Sohn Jimmy stammt aus der Verbindung mit Luise Straus-Ernst. Aber die künstlerische Aufbruchsstimmung des Dada-Milieus in Köln vermag ihn dennoch nicht in Deutschland zu halten. Max Ernst verlässt Frau und Kind für eine Ménage-à-trois mit dem französischen Dichter Paul Eluard und dessen Frau Gala in Paris. Kennengelernt hatte man einander, als die französischen Dadaisten um Louis Aragon und André Breton wenige Jahre zuvor Collagen von Max Ernst nach Paris geholt und in einer Ausstellung gezeigt hatten.

„Bei der Eröffnung maunzte Louis Aragon jedem der Ankommenden ein „Miau“ entgegen. Ein anderer brüllte ohne Pause: „Es regnet auf einen Schädel!“ Einige Dadaisten spielten Verstecken, andere rempelten die Besucher an oder spielten schattenboxend um sie herum. (…) Über die Albernheiten der Dada-Clowns konnten die Besucher noch schmunzeln, als sie aber Max Ernsts sogenannte Bilder sahen, mussten sie regelrecht lachen vor Entsetzen, nein, sie schüttelten die Köpfe, wandten sich verärgert ab. Man reichte den Gästen trockenes Gebäck, damit die durstigen Besucher ihren Orangensaft brav tranken. Und am Schluss wurde verkündet, dass man in eins der Orangensaftgläser ein starkes Abführmittel gekippt habe. Der Spuk endete in größter Empörung. (…) Von den Bildern hatte sich keines verkauft. Max Ernsts Ruf war ruiniert, noch ehe er selber einen Fuß auf den Boden von Paris gesetzt hatte, so ein Hochstapler, hieß es, so ein Nichtmaler, man wolle ja auch keine stotternden Schauspieler, keine analphabetischen Schriftsteller, keine Pianisten ohne Hände. Nein, Max war in Paris schon jetzt mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Aber genau das hieß für einen wahren Dadaisten: der höchstmögliche Erfolg.“

Hier wird das Entsetzen nachvollziehbar, das dieser revolutionäre und anarchische Kunstbegriff ausgelöst hat. Markus Orths gelingt, was herkömmliche historische Romane im Stil von Lion Feuchtwanger oder Stefan Zweig ausgezeichnet hat: In den Geist einer vergangenen Epoche hineinzuschlüpfen, ohne Fußnoten und Belege zu bemühen, was eine unverstellte Rezeption atmosphärisch möglich macht. Zum Preis der subjektiven Einschätzung: Das betrifft etwa Max Ernsts Angebot, Luise Straus-Ernst im französischen Exil erneut zu heiraten und der Jüdin damit die Ausreise in die USA zu ermöglichen. Sie habe das Angebot abgelehnt, behauptete später der Sohn Jimmy Ernst in der Kontroverse, die Jahrzehnte später darum entbrannt war, ob Max Ernst sich zu wenig für die Rettung seiner geschiedenen Frau eingesetzt habe.

Markus Orths hat das Genre des historischen Romans jedoch auch auf eine neue Stufe gehoben. Denn das biographische Material bietet reichlich Stoff, der sich phantasiereich weiterspinnen lässt, und zwar in einer künstlerischen Form, die dem Gegenstand des Romans gerecht wird, indem nämlich der Rahmen des konventionellen Erzählens in Anlehnung an die Intention des Dadaismus gesprengt wird. In Wortspielen, in denen sich mitten im Strom des biographischen Berichts die Sprache auflöst, oder in Episoden, die unter das Brennglas gehalten werden. Zum Beispiel die vom Apfel, den Leonora Carrington als Kunststudentin täglich zeichnen muss, bis er endlich verfault.

„Aber der Apfel. Der Apfel wich nicht aus der Scheune. Der Apfel lag dort. Jeden, jeden, jeden verdammten Tag. Jeden Tag aufs Neue. Immer derselbe Apfel. Zwei Stunden Apfelzeichnerei. Wenn nicht drei. Der Apfel. Der Apfel blieb. In der Mitte des Raums. Der Apfel.“

Die surrealistische Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington lernte den um 26 Jahre älteren Max Ernst als 20-ährige in Paris kennen. Sie wurde die vierte der sechs Lebensbegleiterinnen von Max Ernst, der sich ihretwegen von der überspannten Marie-Berthe Aurenche scheiden ließ. In den Kriegswirren verlor sich die Beziehung zu Leonora Carrington dann unter hochdramatischen Umständen. Max Ernst wurde während des Zweiten Weltkriegs mehrfach in Südfrankreich interniert, schließlich gelang ihm die Ausreise mithilfe von Peggy Guggenheim, seiner dritten Ehefrau. Aus den Machtverstrickungen mit der besitzergreifenden Millionärin, die sich einen Künstler an ihrer Seite zu kaufen versuchte, rettete sich Max Ernst in eine letzte Lebenspartnerschaft mit der Malerin Dorothea Tanning, die bis zu seinem Tod 1976 währt. Er fand in ihr die Frau, die ihm Leonora Carrington bei ihrem Abschied gewünscht hatte: eine Frau die ihm den Raum öffnen würde, in dem er sich nicht verliere, sondern geborgen fühlen könne. Max Ernst hatte Leonora Carrington auf dem Weg ins Exil zwar wiedergetroffen, aber bereits an den Mexikaner Renato Leduc verloren, nachdem sie auf ihrem Fluchtweg ins Exil eine Zwischenstation im „Herzen des Irrsinns“ verbracht hatte, in einer Irrenanstalt in Santander. Sie war die einzige Partnerin, die Max Ernst nur mit beträchtlichem inneren Widerstand gehen ließ, mit ihr hatte ihn eine künstlerische Lebens- und Liebesgemeinschaft auf Augenhöhe verbunden, deren Intensität Orths überzeugend darzustellen vermag. Mit Leonora Carrington teilte Max Ernst die „ungeheuerliche Einbildungskraft“, das Archaische, die transzendente Reise in den Spurrillen des Spirituellen. Menschen mit großer Einbildungskraft bleiben immer allein, sagt Leonora zu Max. Er habe die ungeheuerlichste Einbildungskraft, die für sie vorstellbar sei.

Die phantastische Bilderwelt des Künstlers Max Ernst provozierte seine Zeitgenossen, aber sie überwältigte sie auch. Zum Beispiel jener Leutnant, der Max Ernst an der Grenze zu Spanien von Rechts wegen hätte zurückschicken müssen, da sein Visum nicht standhielt. Und der es dann doch nicht tat, nachdem der Künstler seine Bilder aufgerollt hatte. Die Worte, die Markus Orths findet, um Max Ernsts Bild „Europa nach dem Regen zwei“ zu beschreiben, bringen die Intensität dieser Bildsprache vor Augen, ohne dass man sie gesehen haben muss.

Die Worte des Grenzpolizisten fassen zusammen, was die Kunst von Max Ernst ausmacht:

„Die meisten malen entweder das, was sie hier sehen (er legte die freie Hand auf sein Herz), oder sie malen das, was sie dort sehen (er wies mit der Hand in die Weite eines unbestimmten Draußen der ganzen Welt). In Ihrem Bild hier, Monsieur Ernst, da steckt beides drin. Zugleich.“

Markus Orths liest aus „Max“

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erstellt am 02.10.2017

Markus Orths
Max
Sechs Frauen, sechs Lieben, ein Jahrhundert
Roman
Gebunden, 572 Seiten
ISBN: 9783446256491
Hanser Verlag, München 2017

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