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Kunst und Geld ist kein schönes Thema, weil dabei entweder die Kunst bedroht oder verdinglicht wird. Dass nun am Ende der wichtigsten internationalen Kunstschau, der documenta, wieder die Finanzierungsdiskussion steht, ist nicht nur dem Kurator anzulasten. Was war denn das für eine Kunst? Vom Parthenon bis in die Katakomben hat Harry Oberländer die documenta abgeschritten und hier kommentiert.

Documenta 14

Ende einer Ausstellung

Üble Überraschung: Am 12. September meldete die Hessische Niedersächsische Allgemeine, dass die documenta 14 mit einem sieben Millionen starken Defizit im Grunde genommen schon pleite gewesen sei und nur durch Bürgschaften des Landes Hessen und der Stadt Kassel von jeweils 3,5 Millionen einstweilen habe gerettet werden können. Dem Aufsichtsrat war das Fiasko offenbar seit dem 28. August bekannt und unter dem Deckel gehalten worden. In einer Stellungnahme zwei Tage später sahen der künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk, und sein Kuratorenteam den Grund dafür im unzureichenden Budget, das gegenüber 2012 nicht wesentlich erhöht worden sei. Weiter hieß es: „Im Geiste einer gemeinsamen Auseinandersetzung glauben wir, dass es an der Zeit ist, das System der Wertschöpfung solcher Megaausstellungen wie der documenta auf den Prüfstand zu stellen. Wir möchten das ausbeuterische Modell, unter dem die rechtlichen Gesellschafter der documenta die wichtigste Ausstellung der Welt produzieren möchten, anprangern.“

Das kann man Vorwärtsverteidigung nennen, aber es lenkt nur von der Tatsache ab, dass der künstlerischen Leitung und der Geschäftsführung der documenta 14 das Budget der Ausstellung seit 2014 bekannt war. Das Defizit, das da auf sie zukam, kann ihnen nicht entgangen sein. So muss man wohl eher von Freibeuterei seitens der Ausstellungsmacher als von Ausbeutung seitens der Geldgeber ausgehen. Die documenta 14 wird angesichts des finanziellen Desasters Politik und Öffentlichkeit noch eine Weile beschäftigen.

Natürlich auch die Künstler: angeführt vom Künstlerduo Prinz Gholam fordern sie am 18. September: „Wir bitten den Aufsichtsrat und das zukünftige Kuratorenteam, die Vision des kuratorischen Teams der documenta 14 zu verteidigen und darauf aufzubauen, indem sie auch weiterhin Ausstellungen machen, die allen zugänglich sind und die Kunstgeschichte dezentrieren, Krieg und Nationalismus herausfordern und gegen die Zerstörung des Planeten kämpfen.“

17. September 2017, Kassel: Abbau des Parthenons der Bücher. Foto: Harry Oberländer

Der letzte Tag der 14. documenta war ein Sonntag mit schönem Herbstwetter, der 17. September, die Stimmung war erstaunlich gut und entspannt, denn die Zerstörung des Planeten war ihm wie immer nicht anzusehen. Der Parthenon der Bücher der argentinischen Künstlerin Marta Minujín war schon bis auf das Gerippe abgemagert. Es bildete sich eine lange Schlange von Besuchern, die noch ein Buch ergattern wollten, aber die guten Sachen waren längst weg, der Abbau hatte schon am Vortag begonnen. Ein großes Kontingent wurde der Stadtbücherei Kassel übergeben.

Die Liste der Titel, die irgendwann und irgendwo auf der Welt schon verboten waren oder noch sind, reichte von A wie Aristophanes bis Z wie Zola. Der dynamische Charakter dieses Kunstwerks, an dem mit gespendeten Büchern seit der Eröffnung der documenta 14 immer noch gebaut wurde, trug zu seinem Erfolg, seiner Beliebtheit beim Publikum bei. Dem Standort, an dem die Nazis im Mai 1933 Bücher verbrannt hatten, entsprach es, verbotene Bücher für den Bau zu verwenden und großartig war der optische Eindruck mit Nähe und Kontrast zum klassizistischen Portikus des Fridericianums.

Der nordhessische Künstler und Anagrammatiker Retlaw Seppak, Foto: Harry Oberländer

Ein nordhessischer Künstler und Anagrammatiker, der sich Retlaw Seppak nannte, saß an 33 von 100 Tagen im Gewand eines griechischen Philosophen am Rand des Geschehens und lud zu einem Gespräch über das Thema „Eulen nach Athen tragen“ ein. Er konnte sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Die Entscheidung, die Ausstellung zum ersten Mal an einem weiteren Ort stattfinden zu lassen, war von Anfang an äußerst umstritten. Griechenland und Athen hatten als Opfer des Finanzkapitalismus Unterstützung verdient und die griechischen Künstler mehr Aufmerksamkeit, befanden die Kuratoren; und der Aufsichtsrat stimmte dem Projekt zu. So startete die Doppel-Documenta schon am 8. April in Athen und dann am 10. Juni in Kassel.

Das Fridericianum, seit Arnold Bodes erster documenta, die noch in der Ruine stattfand, das Herzstück der Ausstellung, präsentierte unter dem Titel ANTIDORON die Sammlung des Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst in Athen, das eine zentrale Spielstätte der Athener documenta war. Vielleicht war es des Beweises wert, dass die moderne griechische Kunst den Anschluss an die Moderne, die Postmoderne und die Gegenwart gefunden hat. Es gab viel Schönes und Gelungenes dort zu sehen, nur nicht unbedingt Neues. Am besten hat mir dort Bill Violas (kein Grieche) Videoinstallation The Raft, aus dem Jahr 2004 gefallen. Ganz neu (2017) war dagegen „Polemos“, ein Panzer von Andreas Angelidakis, der im Parterre des Fridericianums die Mitte besetzt hielt. Mein erster Gedanke war, die Athener Obristen sind wieder da und ich empfand das Objekt aus Sitzmodulen etwas deplatziert. Dass der Panzer aus Modulen (Schaumstoff und Vinyl) bestand und dem „Parlament der Körper“, der Basisgruppe und Schwarmintelligenz der documenta, als Sitzgelegenheit dienen konnte, beruhigte mich dann wieder.

Gemälde von Miriam Cahn in der documenta-Halle, Foto: Harry Oberländer

Meine persönlichen Highlights waren andere. Die besten Orte waren für mich die Documenta-Halle mit den Gemälden von Miriam Cahn, die zugleich anziehend und verstörend sind, eine Bildsprache von großer Intensität sprechen, die Kasseler Hauptpost, mit dem etwas albernen Namen „Neue Neue Galerie“ und die Katakomben vor dem Kulturbahnhof.

Am Westflügel der Orangerie, am Eingang zur Karlsaue, die diesmal bis auf zwei Holzskulpturen leider völlig ungenutzt blieb, hatte der Filmemacher Romuald Karmarkar eine LED-Installation angebracht, die in einzelnen durchlaufenden Sätzen die Entstehung des Westens erzählte. 75 Minuten von den Anfängen in der Antike bis zum Fall von Konstantinopel. Dazu gehörte im Innenraum des Westflügels das komplementäre Video „Byzantion“ als Triptychon auf drei Monitoren mit den wohlklingenden Stimmen eines griechischen und eines slawischen Mönchschores. Gesungen wurde bei offenem Fenster, das „Agni Parthene“, ein in der ganzen orthodoxen Welt verbreiteter Marienhymnus. So handeln LED- und Video-Installation von der kulturellen Spaltung Europas seit dem Ende der beiden römischen Reiche: meditativ und geschichtsbewusst.

Im Gegensatz dazu lief ein satirisches Video, sehr pointiert und witzig, im Palais Bellevue (ehemals Brüder Grimm Museum). Es hieß The Dust Channel und brachte so unterschiedliche Themen wie Staub und Sexualität, Wüstensand und Internierungslager, Kammermusik und einen Dyson-Superstaubsauger erfolgreich in einem Video zusammen, das sein Autor Roee Rosen einem fiktiven russisch-jüdischen Emigranten, Efim Poplavsky alias Maxim Komar Myshkin gewidmet hat.

„XAIPETE“ („WILLKOMMEN“): Installation von Zafos Zagoraris, Foto: Harry Oberländer

Vor dem Kulturbahnhof, dem alten Kasseler Hauptbahnhof, gab es von 1968 bis 2005 einen unterirdischen Straßenbahnhof, der stillgelegt und versiegelt wurde, weil er an ein neues Konzept des Regionalverkehrs nicht anzubinden war. In dieser Unterwelt befindet sich ein anspruchvolles Kunst am Bau-Mosaik von Dieter von Andrian. Vandalen haben es verwüstet, aber um so beeindruckter geht man durch dieses Zeugnis eines städtebaulichen Fiaskos, durch den Underground und die Ruinen der stolzen sechziger Jahre, vorbei an einer Installation mit Schulbänken und einem Video mit einem schwarzen Lehrer irgendwo in Südafrika, geht hinunter zu den Gleisen, wo noch ein Plakat eines Lyrikwettbewerbs von 2005 hängt und ein Zelt neben den Gleisen aufgebaut wurde. Vorbei an einem Bahnhofsschild mit der Aufschrift „XAIPETE“, also „WILLKOMMEN“, verlässt man den unterirdischen Bahnhof ins Freie. Damit erinnerte Zafos Zagoraris an 7000 Soldaten des neutralen Griechenland, die 1916 aus der nordgriechischen Stadt Kavala vor bulgarischen Truppen nach Görlitz in Sicherheit gebracht wurden, an ein vergessenes Kapitel griechisch- deutscher Geschichte.

Zum Schluss sah ich noch das Marmorzelt der Kanadierin Rebecca Belmore. Das Flüchtlingszelt mit einem feinen marmornen Faltenwurf, hat einen schönen Platz am Weinberg gefunden. Es ist drei Tonnen schwer. Wie auch mit Olu Oguibes sympathischer Stele „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ auf dem Königsplatz scheint damit auch ein Weg zurück in die Denkmalkultur des 19. Jahrhunderts eröffnet zu sein. Man meißelt und gießt wieder für die Ewigkeit, und das ist doch möglicherweise, bei aller Kritik an der Gegenwart, ein Zeichen für Optimismus.

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erstellt am 27.9.2017

Being safe is scary: Installation von Banu Cennetoğlu am Fridericianum, Foto: Harry Oberländer