Der kleine Häwelmann, die Regentrude, Immensee, Pole Poppenspäler und selbstverständlich der Schimmelreiter: Theodor Storm begleitete uns von der Kinderstube bis in die Schullektüre. Vor 200 Jahren ist er geboren und fasziniert bis heute. Otto A. Böhmer skizziert sein Leben.

200. Geburtstag von Theodor Storm

Du graue Stadt am Meer

Schon immer war es eine liebevoll gehegte Illusion der Poeten, dass der Dichtkunst am besten zu dienen sei, wenn man sich ihr ganz und gar verschriebe, also die ganze Arbeitszeit seines Lebens an sie verschwende; das Wunschbild, das dieser Illusion zugrunde liegt, ist der berufene Dichter, der seine Existenz unerschrocken poetisiert, um sich nur noch dem Schreiben widmen zu können. Nun ist das Gewerbe des Schriftstellers in der Regel nicht sonderlich lukrativ; kaum einer kann es sich leisten, vom Erlös seiner Schriften zu leben, und die Dichter sind fast immer darauf angewiesen, ihr Auskommen in einem sogenannten Brotberuf oder mit Hilfe von Auftragsarbeiten zu sichern. Dieser Sachverhalt hat eine lange Tradition; der Graben zwischen dem ästhetischen Ideal und den Anforderungen der Realität ist breit und nur schwer zu überwinden. Wer sich als Schriftsteller darauf einzustellen vermag, sieht sich imstande, berufliche Fremdbestimmung auszuhalten, ohne das eigene Selbstverständnis in Frage zu stellen; er wird weniger Schwierigkeiten haben, Sachzwänge hinzunehmen und zugleich mit literarischer List zu konterkarieren. Aus der Spannung von Wirklichkeitsverpflichtung und poetischer Überzeugung nämlich, die an das Diktat knapper Zeit gebunden bleibt, kann ein geschärfter Blick auf das Wesentliche, eine künstlerische Radikalisierung resultieren, der es gelingt, einen eigenen Zugang zur Realität zu finden und in Sprache umzusetzen. Es waren daher oft gerade die nebenberuflich tätigen Autoren, die den großen poetischen Entwurf überlebensfest machten, indem sie ihn realistisch besetzten; ihre Erfahrungen im bürgerlichen Geschäftsbetrieb, der den Traum vom Schreiben für ein versponnenes Freizeitvergnügen halten muss, erwiesen sich als nützlich, wenn es galt, das literarische Gegenbild zur bekannten Welt auszumalen und beglaubigen zu lassen. Nur wenige Schriftsteller allerdings, die sich in einem anderen Beruf durchschlagen mussten, haben dies in der Retrospektive als eine Art Tugend würdigen können, die sich aus der Not ergab; zu ihnen gehörte Theodor Storm, der sein Geld als Advokat in Husum verdiente.

Im September 1887 notiert er in einem Rede-Entwurf, den er für die Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag konzipiert: „In der Landschaft, wo ich geboren wurde, liegt, freilich nur für den, der die Wünschelrute zu handhaben weiß, die Poesie auf Heiden und Mooren, an der Meeresküste und auf den feierlich schweigenden Weideflächen hinter den Deichen; die Menschen selber dort brauchen die Poesie nicht und suchen nicht danach. (…) Ich hatte, als mein Vater mich aus der Prima der alten Husumer Gelehrtenschule auf das Lübecker Gymnasium schickte, keine Ahnung, dass gleichzeitig mit mir Dichter wie Uhland oder Eichendorff auf der Welt seien. In Lübeck aber, wo eine höhere Luft wehte, traten zwei für mich bedeutende Ereignisse in mein Leben: Ich lernte Goethes Faust, und ich lernte Heines Buch der Lieder kennen (…) Mir war – ein Jüngerer wird sich von diesem Eindruck keine Vorstellung machen können – als sei plötzlich ein Vorhang und noch einer fortgerissen und ich sähe zum ersten Mal in eine Welt, aus der die Poesie mit ihren Sternenaugen auf mich blickte. Dann kam noch Eichendorff und später (…) Mörike hinzu; und so war ich mit denen bekannt, die bestimmend auf meine eigene Kunst einwirkten (…) Schon auf der Husumer Schule hatte ich mich in Versen versucht, aber es war eine inhaltslose Spielerei; (…) auch aus der Universitätszeit ist nur weniges stehen geblieben. – Erst als ich in meiner Vaterstadt Advokat geworden, als ich absolut für mich selbst verantwortlich geworden war und mein Leben einen festen Inhalt gewonnen hatte, wurde meine Lyrik fertig.“

Der Advokat Storm

Theodor Storm besteht im Oktober des Jahres 1842, nach fünfeinhalbjährigem Studium, sein juristisches Abschlussexamen am Königlich-Schleswig-Holsteinisch-Lauenburgischen Oberappellationsgericht in Kiel und kehrt in seine Heimatstadt Husum zurück. Der Neubeginn in altvertrauter Umgebung fällt ihm zunächst nicht leicht; ein wenig wehmütig denkt er an seine Studententage, die er nunmehr bereitwillig verklärt: Ist er nicht glücklich gewesen in Kiel und Berlin, ein freier Mensch unter Brüdern, der den ihm aufgedrängten Wissensstoff leidenschaftslos zur Kenntnis nahm, um sich gleich darauf mit den angenehmeren Dingen des Lebens zu beschäftigen? Der Jurisprudenz war er immerhin so nahegetreten, dass er alle erforderlichen Prüfungen bestand, ohne sich dabei überanstrengen zu müssen; es blieb ihm Zeit genug für Freunde und Feste, für gewagte Entwürfe und feuchtfröhliche Exkursionen, für die eine oder andere Liebelei und lyrische Versuche, aus denen schon bald das Bemühen sprach, dem Gewohnten mit einer neu erschriebenen, am Schönen orientierten Auffassung vom Leben entgegenzutreten. Andererseits hatte die studentische Existenz aber auch etwas Ungenügendes an sich: Man war frei auf Zeit, durfte sich laut und umtriebig geben, ohne beim Wort genommen zu werden; die eigene Identität, so sie denn errichtet werden konnte, setzte sich aus Versatzstücken zusammen, die das Signum des Unverbindlichen trugen, denn die eigentliche Erprobung am Ernst des Lebens fand immer erst später statt. Ein Unbehagen blieb, eine stille Sehnsucht, die nicht zufriedenzustellen war, wie Storm sich, mit Blick auf die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, zu erinnern meinte: „Wo trifft man die schöne, jugendliche Poesie des Lebens, die noch unverkümmert ist von den beengenden Verhältnissen der spätern Jahre (…)? Ich möchte sagen, (…) der deutsche Student ist entweder ein Mensch, der viel kneipt und trinkt, alle Naslang auf der Mensur liegt, sich in Gemeinheiten gefällt, sich irgendein schmuckes Dienstmädchen an der Hand hält, (…) oder er ist arbeitsam, eingezogen, einseitig oder einfältig. So sind, nach meiner Ansicht, die meisten der Studenten. Ich mag die rechten vielleicht noch nicht habe finden können. – Wie schmerzlich entbehr ich einen Gleichgestimmten, der den Klang und die Dichtung meiner Seele verstehen und erwidern mag. (…) Ein ungestilltes, ein nie zu stillendes Sehnen nach einem unbekannten Etwas, dies unglückliche Sehnen hält mich gefesselt. – Was will ich? wohin will ich? – Ich trage in mir ein Streben, aber kein Ziel. Oder ist mir das Ziel wohl bekannt, aber nicht, was hinter dem Ziel liegt, das große, schreckliche Ende.“

Die Reminiszenzen an ein unwiderruflich abgehandeltes Studentenglück lässt Storm gelten, wenn es darum geht, sein nostalgisches Mütchen zu kühlen; ansonsten aber konzentriert er sich auf die Anforderungen der Gegenwart, die in Husum liegen und denen er sich durchaus gewachsen glaubt. Er ist entschlossen, seine Rückkehr in die Heimat als Vertrauensvorschuss zu sehen, den man nur einlösen darf mit den besten Absichten; in Husum kann Storm an das sattsam Bekannte anschließen, das über Zeit und Jahre hinweg seine Eigenständigkeit bewahrt hat und nun noch einmal neu zu entdecken ist. Dabei setzt es Überraschungen, die sich aus Mutmaßungen ergeben oder, mehr noch, vom scheinbar Vergessenen ausgehen, das wieder zum Vorschein kommt und an dem man noch immer hängt: Erinnerungen an Kinderglück und versunkene schöne Tage, Stimmungen, die wie eh und je mit dem Wind vom Meer herüberwehen: „Am grauen Strand, am grauen Meer/ Und seitab liegt die Stadt;/ Der Nebel drückt die Dächer schwer,/ Und durch die Stille braust das Meer/ Eintönig um die Stadt./ – Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai/ Kein Vogel ohne Unterlaß;/ Die Wandergans mit hartem Schrei/ Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,/ Am Strande weht das Gras./ – Doch hängt mein ganzes Herz an dir,/ Du graue Stadt am Meer;/ Der Jugend Zauber für und für/ Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,/ Du graue Stadt am Meer.“

Storm, der angehende Dichter, hat gute Vorsätze: Natürlich weiß er, dass Husum alles andere als eine Weltstadt ist; wer hier lebt, hat es mit beengten Verhältnissen zu tun, die zudem von politischen Spannungen bestimmt werden. Weite ging nur vom Meer aus, das sich unter einem farblosen Horizont erstreckte und die Gedanken auf sich zieht. Storm versteht seine Heimkehr als einen Karrierestart, der sich am Vergangenen orientiert; große Pläne können verwirklicht werden, wenn man sich seiner Herkunft bewusst bleibt, die nicht nur Rückhalt gibt, sondern auch praktische Vorteile zu bieten hat. Für Storm heißt dies, dass er sich als Rechtsanwaltssohn und Enkel eines Senators in Husum kaum Sorgen um sein berufliches Fortkommen machen muss; er kann als Advokat in der Kanzlei seines Vaters beginnen und alle Vorteile wahrnehmen, die sich aus dem gemachten Nest ergaben. Im Februar 1843 eröffnet er seine eigene Advokatur. Den ersten Fällen widmet er sich sich betont eifrig; er hat das Gefühl, auch als Jurist Bedeutendes leisten zu können. Als Dichter dagegen kommt er nicht recht voran; seine lyrischen Produktionen stagnieren, was er vergleichsweise gelassen zur Kenntnis nimmt und nicht mit der beruflichen Beanspruchung, der er sich ausgesetzt sieht, entschuldigen möchte. Storm ist zufrieden; er glaubt eine gute Zeit vor sich zu haben, die, auch was seine Poesie angeht, letztendlich zu bemerkenswerten Ergebnissen führen wird. Über Unzulänglichkeiten sieht er hinweg; er deutet sie an, beschränkt sich aber ansonsten auf die individuelle Großwetterlage, die, seinen Mutmaßungen zufolge, ein lange anhaltendes Hoch für ihn bereithält. Am 6. März 1843 schreibt er in einem Brief an seinen Studienfreund Mommsen: „Mir selbst geht es in vieler Hinsicht gut, ich lebe in angenehmen Verhältnissen zu meiner Familie, bekomme nach und nach Praxis, mehrere meiner öffentlichen Plädoyers sind von urteilsfähigen Praktikern sehr belobt, meine schriftlichen Arbeiten findet mein Papa nicht selten ganz vortrefflich, kurz, in dieser Beziehung fehlt mir nichts; aber mir fehlen Freunde; ich habe hier keinen, der mir einigermaßen näherstände; die jüngeren Leute sind zu verschieden von mir (…)“

Der gestrenge Dirigent

Storm ist kämpferisch genug, gegen die beklagte Einsamkeit anzugehen. Er nimmt sich des nicht gerade regen Husumer Kulturlebens an, dem er im Stile eines wendigen Impresarios multifunktionelle Züge verleiht: Er organisiert Lesungen und Theateraufführungen, arrangiert Tanzvergnügen und Maskeraden, und er gründet, auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner kulturellen Umtriebigkeit, den Husumer Singverein, dem er als Tenor, Direktor und Dirigent vorsteht. Storm ist, bei allem, was er tut, nicht ohne Ehrgeiz; ja, eine gewisse Verbissenheit zeichnet ihn aus, die ihm auch im späteren Leben, besonders dann, wenn er sich als Lyriker schlecht behandelt glaubt, zu schaffen macht. Er schätzt die Anstrengung im Dienste der Sache und duldet keine Halbherzigkeiten, die seinen ästhetischen Idealen zuwiderlaufen; das gilt auch für die Musik, der er, obwohl selber nur als gehobener Dilettant tätig, eine besondere Expressivität zugesteht. Der Singverein, das ist Storms Credo, soll keinen Frohsinn verbreiten, sondern durch Leistungen überzeugen; so wirkt er denn als gestrenger Leiter, dem eine gewisse Humorlosigkeit eignet, wie sich ein ehemaliges Mitglied erinnert: „Er dirigierte mit Feuer und Flamme. Bei den Übungen konnte er sehr heftig werden. Hauptsächlich seine Schwester Helene, die ihn in der Leitung unterstützte, wurde oft vor den Damen und Herren gescholten. Wenn nicht zu seiner Zufriedenheit gesungen wurde, so zog er die Stirn in düstere Falten, und dann zitterten wir. War der letzte Ton verhallt, so schloss Storm stumm das Klavier, fuhr eilig in seinen Mantel und stürmte hinaus. Die verblüfften Sänger, die noch Tee trinken und Konfekt essen, vielleicht auch noch tanzen wollten, verschworen sich, nicht wiederzukommen. Zur nächsten Singübung jedoch fanden sich alle wieder zusammen (…)“

Das angestrengte Bemühen, in der Husumer Gesellschaft Fuß zu fassen, bleibt nicht ohne Erfolg: Storm gibt sich, wenn er nicht gerade dem Singverein musikalische Manieren beibringt, durchaus leutselig. Er glaubt mit der Damenwelt auf gutem Fuße zu stehen, und bei manchen Gelegenheiten, so seine briefliche Mitteilung, „mußte ich mir sogar wie der hiesige Hahn im Korbe vorkommen“. Die Husumer Advokaten-Existenz lässt sich gut an; es ist ein behagliches Leben, das Storm, fast gänzlich befreit von lästigen Sorgen, führen darf. Da er die Amtsgeschäfte nach einer gewissen Zeit routiniert und mit gebremsten Engagement erledigt, kann er sich wieder mehr seinen literarischen Versuchen zuwenden; sein Schlüsselwort wird nun „das poetische Erlebnis“, dem er erkenntnisleitende Funktion für die Lyrik zuspricht. Der poetologische Ansatz, den Storm entwickelt, setzt hoch an; er zielt auf einen verdichteten Wahrheitsbegriff, der vom Besonderen ausgeht, um zum Allgemeinen aufzusteigen. Zugleich soll der individuelle Ereignischarakter des Erlebens erhalten bleiben; ihm nähert sich der Zuhörer und Leser sozusagen auf Zehenspitzen: Eine unachtsame Bewegung der Sprache, ein falsches Wort, und das Gedicht fällt auseinander und wird zur profanen, gelegentlich auch unfreiwillig komischen Mitteilung. Storm selbst entspricht dem lyrischen Anspruch, den er in Husum zu begründen sucht, eher selten, was an den programmatischen Vorgaben jedoch nichts ändert: „Jedes lyrische Gedicht soll Gelegenheitsgedicht im höheren Sinne sein; aber die Kunst des Poeten muß es zum Allgemeingültigen erheben. (…) Bei einem lyrischen Gedicht muß nicht allein, wie im Übrigen in der Poesie, das Leben, nein, es muß geradezu das Erlebnis das Fundament desselben bilden (…), welches bei dem empfänglichen Leser reproduziert wird. (…) Die besten lyrischen Gedichte sind (…) immer unmittelbar aus der vom Leben gegebenen Situation heraus geschrieben worden. (…) Meine Ansicht vom Lyrischen (…), daß eine Menschenseele ihr Innerstes rein und voll ausspricht, das verlange auch ich nur (…): die Menschenseele soll, wenn sie das tut, nicht sein, wie sie heut oder morgen, sondern wie sie in den höchsten oder tiefsten Momenten des Menschenlebens ist. (…) In der Formgebung besteht die Kunst; aber die Form muß sehr tief gefaßt werden. (…) Für schöne lyrische Form ist das Koinzidieren von Inhalt und Wortklang absolut notwendig; der geistige Inhalt, und nur dieser muß in den Worten klingen (…)“

In seinem Bemühen, der poetischen Erlebnisstruktur des Daseins durch eine feinziselierte Synthese von Form und Inhalt zu entsprechen, ist Storm, der von seiner Lyrik nur die beste Meinung hegt, nicht immer Glück beschieden; gelegentlich rutschen ihm die Verse ins Gravitätische ab oder tragen gar zur unerwarteten Erheiterung bei. Als im Spätsommer 1845 der dänische König, dem seit 1773 auch die Regentschaft über Schleswig-Holstein obliegt, in Husum Station macht, wird ihm eine Auftragsarbeit Storms, ein Lied für zwölf Sängerinnen, die Nordseenixen darstellen sollen, zu Gehör gebracht: Der Auftritt misslingt völlig, was wohl am Chor liegt, der nicht in Bestform agiert, aber auch mit dem Lied selbst zu tun hat, das einsetzt mit den Zeilen: „Heil dir, heil dir, hoher König! / Nimm den Gruß der Meereswogen!/ Dir entgegen silbertönig/ Sind wir rauschend hergezogen. (…)“ Das Ende der Aufführung erlebt Storm, der Direktor des Singvereins, nur noch aus sicherer Entfernung; er hat bereits nach der zweiten Strophe die Flucht ergriffen. Abgesehen von diesem im Grunde vorhersehbaren Fehlschlag, der im Grunde vorauszusehen war – der Dichter hat die „Lobpreisung“ des Königs zuvor schon als „peinlich“ bezeichnet – verlaufen Storms Husumer Jahre in ruhigen und mäßig erfolgreichen Bahnen. Er wird zu einer festen Größe; man kennt ihn, findet ihn zuweilen ein wenig wunderlich, hält aber auch große Stücke auf seine Verlässlichkeit. Storm absolviert lange Spaziergänge am Meer; er inspiziert das Husumer Hinterland mit den Augen eines Poeten, der auf sein tägliches Erlebnis wartet, das zum Gedicht werden sollt Dabei wird ihm mehr und mehr klar, dass auch die Stille ihren lyrischen Reiz hat: in ihr ist aufgehoben, was sich dem vordergründigen Bedenken entzieht, natürliche Gewissheiten etwa, das Gleichmaß der Dinge, Wehmut und Einsamkeit oder ein Sterbenswörtchen, das die Geheimnisse des Lebens mit jener Friedhofsruhe zusammendenkt, die alle Kreaturen mit ihrem Schatten belegt. Der wahre Dichter, das wird Storms Überzeugung, darf auch im Verborgenen wirken; es muss ihm gestattet sein, sich am Idyll zu bewähren und den „Klang der aufgeregten Zeit“ großzügig zu überhören: „Es ist so still; die Heide liegt/ Im warmen Mittagssonnenstrahle,/ Ein rosenroter Schimmer fliegt/ Um ihre alten Gräbermale;/ die Kräuter blühn; der Heideduft/ Steigt in die blaue Sommerluft./ – Laufkäfer hasten durchs Gesträuch/ In ihren goldnen Panzerröckchen,/ Die Bienen hängen Zweig um Zweig/ Sich an der Edelheide Glöckchen,/ Die Vögel schwirren aus dem Kraut – / Die Luft ist voller Lerchenlaut. /– Ein halbverfallen niedrig Haus/ Steht einsam hier und sonnbeschienen;/ Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,/ Behaglich blinzelnd nach den Bienen;/ Sein Junge auf dem Stein davor/ Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr./ – Kaum zittert durch die Mittagsruh/ Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;/ Dem Alten fällt die Wimper zu,/ Er träumt von seinen Honigernten./ – Kein Klang der aufgeregten Zeit/ Drang noch in diese Einsamkeit.“

Um die heimatliche Behaglichkeit auszuhalten, muss ihr Storms Eigenes entgegensetzen. Es genügt ihm nicht, den ambitionierten Hansdampf im Husumer Kulturleben zu spielen, er hat Höheres im Sinn. Zwar bekennt er sich zu seinem „Winkeldasein“ als „Dichter in der Provinz“, wie er in einem der für ihn seltenen Anflüge von Selbstironie einmal bemerkte, aber er ist mittlerweile doch so von seinen literarischen Möglichkeiten überzeugt, dass er auf Zuspruch von außen hofft. Storm führt eine umfangreiche Korrespondenz, die ihm das Tor zur Welt offenhält, von der er ansonsten behauptet, dass sie ihn nicht mehr angehen könne als jeden anderen ehrlichen Bürger auch; briefliches Lob, das ihn erreicht, nimmt er in der Regel hocherfreut zur Kenntnis. Ein Tag, an dem ihm der Werdegang zum großen Dichter vorausgesagt wird, ist ein guter Tag. Doch plagen ihn auch wiederkehrende Einsamkeitsmomente, in denen seine Umtriebigkeit gänzlich ins Leere läuft und die Beschaulichkeit des Nordseepanoramas fast wie eine Drohung auf ihn wirkt. In einem Brief an Mommsen beklagt er sich: „Ich entbehre hier alles, den Freund und die Geliebte; ich verfalle noch gegen meine Natur in Langeweile. (…) Ach, es ist mir hier so wunderlich öde unter meinem Fenster, wie vermiß ich da das leichtsinnige Kieler Straßengewimmel, es ist hier so still, und ich versichre Sie, obgleich mein Fenster nicht hoch genug liegt, um sie zu sehen, man fühlt sie ordentlich, die große, wüste, menschenfeindliche Nordsee; ich bin’s gar nicht mehr gewohnt; es wird mir ganz unheimlich, wenn mir jeden Abend und jede Nacht die Fenster Stoß auf Stoß im harten Nordwest klirren. Könnten Sie an solchem Abend doch den gegenüberstehenden Lehnstuhl einnehmen (…) kommen Sie, Sie müssen mich auch in meiner Familie kennenlernen. – Schreiben Sie mir doch (…) Sie wissen gar nicht, was einem in Husum die Briefe wert sind.“

Verlobung, zwei Ehen, Melancholie

Im Januar 1844 verlegt sich Storm von der Einsamkeit auf die Zweisamkeit: Zur Überraschung aller Anverwandten verlobt er sich mit seiner Cousine Constanze Esmarch, die aus Segeberg stammt und zu einem längeren Besuch in Husum weilt. Storms Vater, der seinen ältesten Sohn für launisch hält und Eheschließungen im Dunstkreis des Familienverbundes ohnehin nicht gutheißt, opponiert gegen die Beziehung; er legt den Verlobten eine vorübergehende Trennung nahe und erklärt, dass er der Heirat erst nach Ablauf einer zweijährigen Wartefrist zustimmen könne. Storm zeigt sich über die väterliche Hinhaltetaktik nicht übertrieben betrübt; es scheint ihm fast recht zu sein, dass er die Freundin aus der Distanz mit seiner geballten Zuneigung traktieren darf. Constanze dient ihm als Verehrungsobjekt, dem er huldigen kann, ohne um die Einlösung seiner Gefühle Sorge tragen zu müssen. Die Liebe, die bislang gefehlt hat, ist nun dingfest gemacht und bedarf der besitzerhaltenden Pflege, was für den Dichter Storm bedeutet, dass er ihr geradezu unerbittlich mit den Mitteln der Poesie zu Leibe rückt. Er schreibt Liebesbriefe, die emotionsüberladen sind und zugleich seltsam zwiespältig bleiben; den Minnedienst, den er betreibt, würzt er mit nörgelnden Randbemerkungen, aus denen eher der Jurist spricht, dem es um Glücksabsicherung geht, als ein sehnsüchtiger Bräutigam im Wartestand. Storm lobt die Liebe, aber er ist nicht bereit, ihr bedingungslos entgegenzukommen. Constanze, von der er gern im großangelegten Bekennerschreiben schwärmt, rundet das Stilleben ab, dem er sich eingehaust hat; in der Aufzählung stimmungsvoller Annehmlichkeiten rangiert die Verlobte allerdings an letzter oder vorletzter Stelle: „Der Abend war so schön, o so schön, wie ich diesen Sommer noch keinen erlebt; es rührte sich kein Grashalm. Die Marsch hat dann so etwas Feierliches (…) Am Außendeich blitzten die Wasserpfützen wie Silber in dem dunklen Vorlande. Ich ging ziemlich sprachlos neben meinem Begleiter, ich war wohl stumm wie die Natur um mich her, aber nicht ruhig (…) Auf dem Rückwege von Simonsberg sehnte ich mich heute so sehr nach Dir, da ging’s mir reimweise von den Ohren: 'Wär mir das Leben leicht und schön und säh mich an mit Liebesaugen so – '; ja, mein süßes liebes Kind, die Nachsätze waren so überschwänglich reich und vielfach lieblich, daß ich sie nicht in Verse fassen konnte; aber die Gegensätze drängten sich mir desto lebhafter auf, als ich so ohne Dich durch den schönen Abend ging (…) Ich habe ja außerdem gar keine Ursache zu verzagen, die Trennung von Dir macht mich nur mitunter etwas mehr als billig trostlos. – Ich konnte auch gleich darauf hingehn und in der Hohlen Gasse kalten Reis mit Himbeeressig essen (…) Und jetzt ist mein Fußbad bereit, was ich mit Muße benutzen werde (…)“

Storm heiratet Constanze Esmarch am 15. September 1846. Sein behagliches Leben setzt er nun mit weiblichem Beistand fort, dem er einiges zumutet; er leistet sich eine Geliebte – nicht irgendeine Frau, sondern die Tochter des Husumer Senators Jensen -, was für willkommenen Gesprächsstoff bei den Klatschbasen der Stadt sorgt. Während Constanze für Storm als „das liebe Kind“ figuriert, dem eine fast väterliche Zuneigung glt, erklärt er Dorothea Jensen zur „erschütternsten Leidenschaft“ seines Lebens. Ihr widmet er eine Vielzahl von Liebesgedichten, in denen existentielle Gemütlichkeit von rauschhaften Emotionen in Frage gestellt wird, was indes, zumindest nach außen hin, poetische Theorie bleibt: Storm ist nicht bereit, den gerade bezogenen Ehehort wieder aufzugeben. Dorothea Jensen verlässt Husum; pikanterweise jedoch wird sie achtzehn Jahre später, nach dem Tode Constanzes, die zweite Frau Storm.

Storm hat die Husumer Idylle nicht zum Modellfall erhoben, aus dem etwa ein Korrektiv zur Hektik urbaner Regellosigkeit zu beziehen wäre. Moderne Nöte, die ja nicht nur wirtschaftlicher Natur sind, sondern den Seelenschmerz des Individuums kennen, gibt es schließlich auch in der Provinz, wo man ihnen allerdings nicht allzuviel Bedeutung zumessen will; hier setzt man noch auf das verschwiegene Ausharren, auf eine bewährte, in Jahrhunderten genügsam gemachte Gelassenheit. – Als sich sein Leben, das, alles in allem, nicht sehr aufregend war, dem Ende zuneigt, ist Storm ein populärer Dichter. Seine Werke werden in bekannten Zeitschriften vorabgedruckt, man liest ihn im Familienkreis und schätzt ihn als einen Mann, der die gute alte Zeit so zu schildern weiß, dass sie auch zu einer guten neuen Zeit taugen könnte. Storm selbst, das ist ein wenig alterstypisch, wird melancholisch: Zwar war er längst wieder daheim, aber das Bild von der Heimkehr mit all ihrer Wehmut lässt ihn nicht los; mag es im Leben, wie schon der Dichterkollege Novalis befand, auch „immer nach Hause“ gehen, so bleibt es doch zweifelhaft, ob wir jemals dort ankommen: „In allen Jahren, die ich in der Fremde lebte, war immer wieder das Brausen des heimatlichen Meeres an mein inneres Ohr gedrungen, und oft war ich von Sehnsucht ergriffen worden, wie nach dem Wiegenliede, womit einst die Mutter das Tosen der Welt von ihrem Kinde fern gehalten hatte. – Nun hörte ich es wieder, das Wiegenlied des Meeres; am Tage wanderte ich hinaus an seine Küste und ließ die Wellen zu meinen Füßen rauschen, des Nachts klang es hinüber in die schlafende Stadt, nur unterbrochen von dem tönenden Flug der Wandervögel, die in großen Zügen unsichtbar unter den Sternen dahinrauschten. Wie oft stand ich jetzt im Dunkel meines Gartens, blickte hinauf zu der lichten Sternenhöhe und ließ mein Ohr von diesen Akkorden des Schöpfungsliedes erfüllen … Es ist ein melancholisches Lied, das Lied von der Heimkehr.“

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erstellt am 12.9.2017

Theodor Storm
Theodor Storm (1817-1888)